Dienstag, 10. September 2024

Den gesunden Menschenverstand befreien.

Marathon boy                                                 aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Da werden sie sagen: dies lehrt ja der gesunde Menschenverstand schon. – Sie haben ganz recht. Das soll er auch. Es ist ja gar nicht die Frage, durch unsre Philosophie etwas neues hervorzubringen: den menschlichen Geist zu erweitern; wir wollen ihn ja nur befreien.
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen. [S. 184]


Nota. - Der gesunder Menschenverstand, common sense, ist die Vernunft auf ihrer ersten semantischen Ebene: in der Realität und auf die Realität tätige Vernunft. Wissenschaft ist nichts anderes. Doch während sich der Alltagsmensch darauf beschränkt und bei all seinen anderen Geschäften beschränken muss, die Reflexion jenen Dingen vorzubehalten, die den Rahmen des Alltäglichen überschreiten, macht es der Wissenschaftler zu seinem Beruf, ge-rade das vertraut Selbstverständliche seiner Prüfung zu unterziehen. 

"Es gibt zwei sehr verschiedene Standpunkte des Denkens; den des natürlichen und gemei-nen, da man unmittel- bar Objekte denkt, und den des vorzugsweise so zu nennenden künstlichen, da man, mit Absicht und Bewußt- sein, sein Denken selbst denkt. Auf dem ersten steht das gemeine Leben und die Wissenschaft; auf dem zweiten die Transzendental-philosophie", sagt Fichte

Alltagswisssen und Wissenschaft sind keine Gegensätze, die sich nach ihrer Substanz un-terscheiden, sondern dieselbe Tätigkeit, auf verschiedene Erfahrungsbereiche angewandt. Der Substanz nach ist auch die Transzendentalphilosophie nichts anderes als gesunder Menschenverstand. Nur ist sein Gegenstand hier ein radikal anderer: nicht dieser oder jener Erfahrungsbereich, sondern er selbst; Erfahrungen, die er von sich haben könnte, findet er nicht vor, sondern muss er selbst veranstalten, im Experiment.

Wozu mag das aber gut sein? Ob die kritische alias Transzendentalphilosophie einen prakti-schen Nutzen hat, ist diskutabel. Unmittelbar, fürs täglich Leben, hat sie gar keinen; es ist ja nicht ihr Gegenstand. 

"Mittelbar, d. h. inwiefern ihre Kenntnis mit der Kenntnis des Lebens vereinigt ist, hat sie auch einen positiven Nutzen. Für das unmittelbar praktische pädagogische im weitesten Sinn des Worts: Sie zeigt, wie man die Menschen bilden müsse... Für die theoretische Philosophie, Erkenntnis der Sinnenwelt, Naturwissenschaft ist sie re-gulativ. Sie zeigt, was man von der Natur fragen müsse. – 

Ihr Einfluß auf die Gesinnung des Menschengeschlechts überhaupt ist, daß sie ihnen Kraft, Mut und Selbstver- trauen beibringt, indem sie zeigt, daß sie und ihr ganzes Schicksal ledig-lich von sich selbst abhängen; indem sie den Menschen auf seine eignen Füße stellt." ebd., S. 123

Den gesunden Menschverstand befreien bedeutet das.
JE, 17. 8. 18

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Bestimmt, unbestimmt, bestimmbar; setzen, abstrahieren.

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