planet-wissen zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete VernunftkritikFrage an ChatGTP:
Ja. Für eine Kenntnis Adam Smiths durch Fichte gibt es deutlich bessere Belege, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Man sollte allerdings zwischen zwei Fragen unterscheiden:
- Hat Fichte den Smith tatsächlich gelesen? – Dafür gibt es starke Indizien, insbe-sondere um 1800.
- Ist die Wirtschaftstheorie der Rechtslehre von 1812 unmittelbar aus Smith her-vorgegangen? – Das ist wesentlich schwieriger und meines Erachtens eher zu vernei-nen.
Gerade Ihre Beobachtung zur Wertlehre macht die Sache interessant.
1. Der stärkste Beleg: Fichtes Brief an Friedrich Schlegel von 1800
Am 16. August 1800 schrieb Fichte an Friedrich Schlegel, er habe soeben eine Schrift über „Handel, und Wandel, Geld, Nationalreichthum, u. dergl.“ an die Presse gegeben. Der un-mittelbare Anlass sei die Lektüre eines liberalen Werkes der politischen Ökonomie gewe- sen, dessen Inhalt ihn so empört habe, dass diese „Indignation“ ihn geradezu zur Abfas-sung angeregt habe. Die Forschung identifiziert dieses Werk mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Smiths Wealth of Nations.
Das ist deshalb wichtig, weil Fichtes Geschlossener Handelsstaat tatsächlich 1800 erscheint und sich ausdrücklich gegen die liberale Ökonomie wendet. In der Forschung wird Smith hier nicht bloß als allgemeiner Zeitgenosse genannt: Fichte setzt sich mit der von Smith re-präsentierten Konzeption des selbstregulierenden Handels auseinander.
Es gibt sogar eine bemerkenswerte inhaltliche Spur: In Smiths Wealth of Nations ist der „real price“ eines Gutes durch die Arbeit bzw. Anstrengung bestimmt, die sein Erwerb kostet. Eine Untersuchung zu Fichtes Handelsstaat stellt diese Smithsche Bestimmung unmittelbar neben Fichtes These vom „wahren inneren Werth jeder freien Thätigkeit“ und seinem Versuch, den Wert über die für den Lebensunterhalt erforderliche Zeit zu bestim-men.
Das ist schon ziemlich nah an Ihrer Beobachtung.
2. Aber: Fichte liest Smith offenbar als Gegner
Man muss dabei eine methodische Falle vermeiden. Fichte übernimmt Smith nicht einfach.
Smiths Theorie enthält ja mindestens zwei verschiedene Wertbestimmungen:
- den real price als Menge von Arbeit, die ein Gut „kostet“ bzw. über die es verfügt,
- daneben den Tauschwert, dessen Erklärung bei Smith wesentlich komplizierter wird und bei dem Arbeit, Lohn, Profit und Grundrente auseinanderzutreten beginnen.
Fichte radikalisiert demgegenüber die Arbeits-/Zeitdimension. In der Rechtslehre von 1812 lautet seine Rekapitulation:
„der Wert eines jeden Arbeitsproduktes sei = dem Lebensunterhalt auf so lange Zeit, als die Zeit der Arbeit, die auf dieses Produkt verwandt wurde, in diesem bestimmten Staate abgibt.“
Und unmittelbar danach identifiziert er Wert/Preis mit dem Verhältnis des Produkts zum Nationalreichtum bzw. zur durch Arbeit gewonnenen Muße.
Das ist bemerkenswert, weil Fichte damit etwas tut, was Smith gerade nicht tut: Er versucht, einen objektiven Wertmaßstab aus dem Verhältnis von Arbeitszeit → Lebensunterhalt → freie Zeit zu gewinnen.
3. Und hier kommt Ihre Beobachtung zur „klassischen Wertlehre“ ins Spiel
Ich würde Ihre Vermutung sogar noch etwas stärker formulieren:
Die Ähnlichkeit zwischen Fichte 1812 und der klassischen politischen Ökonomie ist wahrscheinlich keine bloße Zufallsähnlichkeit, aber sie lässt sich auch nicht einfach als „Fichte übernimmt Smith“ beschreiben.
Dierksmeier zeigt, dass Fichte 1812 ausdrücklich auf inzwischen betriebene Studien nationalökonomischer Literatur zurückgreift. Als unmittelbaren Anstoß nennt er unter anderem Fichtes Auseinandersetzung mit Schmalz' Handbuch der Staatswissenschaft (1808).
Fichte entwickelt 1812 also gegenüber dem Geschlossenen Handelsstaat tatsächlich eine weitergebildete ökonomische Theorie. Dierksmeier spricht ausdrücklich von einer Theorie des Warenwerts und rekonstruiert Fichtes Unterscheidung zwischen einem „inneren Wert“ und dem äußeren Markt-/Tauschwert.
Das könnte erklären, weshalb Ihnen der Text wie ein Abriss der klassischen Werttheorie vorkommt.
4. Allerdings gibt es einen noch interessanteren Kandidaten als Smith: Malthus
Hier würde ich Ihre Frage etwas korrigieren bzw. erweitern.
Dierksmeier schreibt ausdrücklich, Fichtes Werttheorie von 1812 stehe „im Einklang mit der Malthusischen Arbeitskostentheorie“.
Das ist historisch ausgesprochen interessant, denn Fichte muss für die 1812er Theorie keineswegs unmittelbar bei Smith stehen. Es könnte eine Vermittlungskette
Smith → Malthus → deutsche Nationalökonomie → Fichte
geben.
Und die zeitliche Situation passt dazu. Fichte hatte zwischen 1800 und 1812 Gelegenheit, eine ganze Reihe nationalökonomischer Schriften kennenzulernen; die Forschung betont ausdrücklich, dass sich seine ökonomischen Studien in dieser Zeit intensivierten.
5. Was ich deshalb für die wahrscheinlichste Rekonstruktion halte
Ich würde momentan folgende These vertreten:
Fichte kannte Smith spätestens um 1800 sehr wahrscheinlich aus eigener Lektüre. Der Brief an Schlegel ist dafür der wichtigste biographische Anhaltspunkt. Es wäre allerdings zu stark, daraus zu schließen, dass die gesamte Wirtschaftstheorie von 1812 eine direkte Smith-Rezeption sei.
Vielmehr scheint mir die Entwicklung etwa so auszusehen:
Smith (1776)
→ Problem des „realen“ Wertes und der Arbeit als Wertmaß
→ Fichte 1800: radikale Kritik der liberalen Handelsökonomie
→ Rezeption weiterer Nationalökonomen, insbesondere Malthus und deutscher Autoren
→ Fichte 1812: Transformation der Arbeitswertidee in eine rechtsphilosophische Theorie von Wert, Preis, Arbeit, Muße und Nationalreichtum.
Das Entscheidende wäre dabei, Fichtes Begriffe nicht vorschnell mit Smiths Begriffen gleichzusetzen. Fichte macht aus der ökonomischen Werttheorie eine Theorie der Freiheit: Der eigentliche Wert der Arbeit besteht letztlich in der durch sie gewonnenen Muße. Dierksmeier hebt genau diesen eigenständigen Zug der 1812er Theorie hervor.
Und das könnte tatsächlich der Punkt sein, an dem Fichte erstaunlich nahe an spätere klassische Werttheorien herankommt, während sein Begründungszusammenhang völlig anders ist.
Wenn Sie möchten, können wir das sehr genau überprüfen: Ich könnte Fichtes Werttheorie von 1812 Satz für Satz mit Smith, Wealth of Nations I.5–I.7, und Malthus, Principles of Political Economy, Kap. 2, parallelisieren. Dann ließe sich ziemlich genau feststellen, welche Formulierungen bei Fichte tatsächlich Smithsche Herkunft verraten und wo Fichte einen eigenen, geradezu proto-klassischen Wertbegriff entwickelt.
Ich bin von Marx zu Fichte gekommen. Allerdings aus wissenslogischen Gründen, und da hat mir die frühe Wissenschaftslehre von 1794-99 die Augen für eine philosophische Verwandtschaft geöffnet. Mit dem Fichte nach 1800 habe ich mich kaum beschäftigt, doch dass er in der Rechtslehre von 1812 den Zweck wirtschaftlichen Fortschritts ausdrücklich als Gewinn von Muße be-stimmt hat, hat mich immerhin irritiert: 'Hat Marx bei Fichte abgeschrieben?' .
Sicher nicht, in seiner nachgelassenen Bibliothek finden sich kein Text von Fichte. Allerdings schrieb Marx in dem sog. Bekenntnisbrief an den Vater, er habe Hegel "mit Fichteschem verglichen", und das könnte - da er ja zunächst Jura studiert hat - sich (u. a. auch) auf die Rechtslehre von 1812 beziehen (Ob sie da allerdings in den Sämmtlichen Werken schon wieder erschienen war, kann ich im Moment nicht überprüfen.) Es kommt mir aber wie eine Schnaps-idee vor. Ich könnte nämlich mit fast hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit nachweisen, dass Marx die ungleich wichtigere Wissenschaftslehre nicht einmal dem Namen nach gekannt hat.
JE


