Sonntag, 17. Mai 2026

Der Kapitalist - die produktive Klasse par excellence.

  cheng                                                             aus Marxiana

Der Capitalist als Repräsentant des in seinem Verwerthungsproceß begriffnen – des productiven Capitals – verrichtet eine productive Function, die grade darin besteht, productive Arbeit zu dirigiren und zu exploitiren. Im Gegensatz gegen Mitzehrer der Surplusvalue, die in keinem solchen unmittelbaren und thätigen Verhältniß zu ihrer Production stehn, ist seine Klasse die productive Klasse par excellence. 

(Als Lenker des Arbeitsprocesses kann der Capitalist productive Arbeit verrichten im Sinne, daß seine Arbeit in den Gesammtarbeitsproceß einbegriffen, der sich im Product / verkör-pert.) Wir kennen hier nur noch
[=erst] das Capital innerhalb des unmittelbaren Productions-processes. 

Wie es sich mit andren Functionen des Capitals verhält – und den Agenten, deren es sich innerhalb dieser Functionen bedient – kann erst später entwickelt werden. Die Bestim-mung der productiven Arbeit (und daher auch der unproductiven, als ihres Gegentheils) beruht also darauf, daß die Production des Capitals Production von Mehrwerth und die von ihr angewandte Arbeit Mehrwerth producirende Arbeit ist.
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K. Marx, Ökonomisches Manuskript 1863-1865,  MEGA II/4.1, S. 116f.



Nota I. -  Der Kapitalist ist ein produktiver Arbeiter, sofern er arbeitet. Der Rentier oder Aktionär, der seine Dividende verzehrt, arbeitet nicht. In der modernen Industrie tun die Arbeit des Kapitalisten die Manager, und die tun sie produktiv, wenn's auch oft nicht so aussieht
.
23. 9. 18

Nota II. - Der Kapitalist arbeitet nicht, indem er seine individuelle Arbeitskraft in Waren vergegenständlicht. Er arbeitet, indem er Geld gegen Arbeitskraft austauscht. Durch den Austausch wird im Produktionsprozess Arbeitsskraft zu realer Arbeit. So macht er sein Geld zu Kapital: Wert, der Mehrwert erzeugt. Seine Arbeit ist der Austausch; sie aktuali-siert virtuelle Arbeit zu leibhaftiger. Wieviel Kalorien er dabei verbraucht, oder einer seiner Agenten, spielt für den Wert der Waren keine Rolle.

Nota III. - Zur Vervollständigung noch dies: Der Kapitalist ist produktiv als Angehöriger einer Gesellschaftsklasse - als Repräsentant eines Quantums von Kapital. Der individuelle Arbeiter ist produktiv nur in dem Maß, wie ein Quantum von Kapital bereit ist, sich gegen sein persönliches Arbeitsvermögen auszutauschen; anders nicht. Dass er zu denen gehört, die außer ihrer Arbeitskraft nichts auszutauschen haben, spielt dabei keine Rolle.
JE,  28. 11. 23

Samstag, 16. Mai 2026

Das Vermögen und seine Aktualisierung.

                                                        zu Marxiana 

Wir stehn hier auf der Grundlage der Warenzirkulation, wonach durchaus keine Abhän-gigkeitsverhältnisse, außer den durch den Zirkulationsprozeß selbst gegebenen, voraus-gesetzt sind unter den Austauschenden, sie sich nur als Käufer und Verkäufer unterschei-den. Geld kann hiernach nur Arbeitsvermögen kaufen, soweit letztres als Ware selbst feilgeboten wird, verkauft wird von seinem Inhaber, dem lebendigen Besitzer des Arbeits-vermögens. Die Bedingung ist, daß der Besitzer des Arbeitsvermögens erstens über sein eignes Arbeitsvermögen disponiert, als Ware darüber verfügen kann. Dazu muß er ferner Eigentümer desselben sein. Sonst könnte er es nicht als Ware verkaufen.

Die zweite, in der ersten schon enthaltne Bedingung aber ist, daß er sein Arbeitsvermögen selbst als Ware auf den Markt bringen, verkaufen muß, weil er seine Arbeit nicht mehr in der Form einer andren Ware, in einem sonstigen Gebrauchswert, vergegenständlichter (außer seiner Subjektivität existierender) Arbeit auszutauschen hat, sondern die einzige Ware, die er anzubieten hat, zu verkaufen hat, eben sein lebendiges, in seiner lebendigen Leiblichkeit vorhandnes Arbeitsvermögen ist. (Vermögen ist hier durchaus nicht als for-tuna, fortune, sondern als Potenz, dynamis, aufzufassen.) Damit er gezwungen ist sein Arbeitsvermögen statt einer Ware, worin sich seine Arbeit vergegen/ständlicht, zu ver-kaufen - diese von allen andren Waren, ob sie in der Form der Ware oder des Gelds exi-stieren - spezifisch verschiedne Ware, dazu ist vorausgesetzt, daß die gegenständlichen Bedingungen zur Verwirklichung seines Arbeitsvermögens, die Bedingungen zur Verge-genständlichung seiner Arbeit fehlen, abhanden gekommen sind, und vielmehr als Welt des Reichtums, des gegenständlichen Reichtums, einem fremden Willen untertan, ihm als Eigentum Warenbesitzer in der Zirkulation fremd gegenüberstehn, als fremdes Eigentum. Welches die Bedingungen zur Verwirklichung seines Arbeitsvermögens, oder welches die gegenständlichen Bedingungen der Arbeit, der Arbeit in processu, als sich in einem Ge-brauchswert verwirklichender Tätigkeit sind, wird sich später näher ergeben.
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K.  Marx, Ökonomisches Manuskript 1861-63, MEW 43, S. 33f. 



Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Freitag, 15. Mai 2026

Ein Ansich ist eine logische Hybride.

                                                                     zu Philosophierungen

Es setzt voraus ein anderes Sein, für das es nicht ist - und ein Sein, das für es nicht ist.

Ohne es sich einzugestehen, setzt es ein schlechthin agiles Sein voraus, für das es in einer Hinsicht ist, aber in anderer Hinsicht nicht.

Etwas, das nicht wirkt, ist nicht. Etwas, auf das nichts und niemand wirkt, ist genausowenig. Nicht für sich noch für ein Anderes. Die Redewendung 'an und für sich' ist ein Widersinn.

Ein Satz hat Subjekt, Prädikat und Objekt. Entweder prädiziert er ein ( Akk.) Objekt für ein (Akk.) Subjekt, oder er prädiziert in der Umkehrung ein (Akk.) Subjekt für ein (Akk.) Ob-jekt. 

Was in einem Satz nicht vorkommen kann, über das (Akk.) ist nichts aussagbar. Wäre es eventuell an sich? Dann wäre es kein Objekt für ein Subjekt und kein Subjekt für ein Ob-jekt. Worüber ich nichts sagen kann, davon muss ich schweigen - oder dichten und schwär-men. 

Doch letzteres gehört nicht in einen logischen Diskurs - das mindestens gilt definitiv. Ihm mag das gleichgültig sein. Aber mir nicht; jedenfalls nicht, solange ich mit vernünftigen Menschen zu tun habe (und das habe ich nicht zu aller Zeit; aber das gehört nicht zur Phi-losophie, sondern zu andern Redeweisen).

 

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Donnerstag, 14. Mai 2026

Modell und Wirklichkeit, oder Vom I. zum III. Band.

my-baltic                                                aus Marxiana 

Im ersten Buch wurden die Erscheinungen untersucht, die der kapitalistische Produkti-onsproceß, für sich genommen, darbietet, als unmittelbarer Produktionsproceß, bei dem noch von allen sekundären Einwirkungen ihm fremder Umstände abgesehn wurde. Aber dieser unmittelbare Produktionsproceß erschöpft nicht den Lebenslauf des Kapitals. Er wird in der wirklichen Welt ergänzt durch den Cirkulationsproceß, und dieser bildete den Gegenstand der Untersuchungen des zweiten Buchs. 

Hier zeigte sich, namentlich im dritten Abschnitt, bei Betrachtung des Cirkulationsprocesses als der Vermittlung des gesellschaftlichen Reproduktionsprocesses, daß der kapitalistische Produktionsproceß, im Ganzen betrachtet, Einheit von Produktions- und Cirkulationspro-ceß ist. Worum es sich in diesem dritten Buch handelt, kann nicht sein, allge/meine Refle-xionen über diese Einheit anzustellen. Es gilt vielmehr, die konkreten Formen aufzufinden und darzustellen, welche aus dem Bewegungsproceß des Kapitals, als Ganzes betrachtet, hervorwachsen. 

In ihrer wirklichen Bewegung treten sich die Kapitale in solchen konkreten Formen ge-genüber, für die die Gestalt des Kapitals im unmittelbaren Productionsproceß, wie seine Gestalt im Cirkulationsproceß, nur als besondere Momente erscheinen. Die Gestaltungen des Kapitals, wie wir sie in diesem Buch entwickeln, nähern sich also schrittweis der Form, worin sie auf der Oberfläche der Gesellschaft, in der Aktion der verschiedenen Kapitale auf einander, der Konkurrenz, und im gewöhnlichen Bewußtsein der Produktionsagenten selbst auftreten.
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K. Marx, Das Kapital III, MEGA II/15,  S. 29f. [MEW 25, S. 33]   


Nota. - Große Verwirrung hat nicht nur zu Zeiten der Zweiten Internationale, sondern auch wieder (von der Tragödie zur Farce) in den studentischen PollÖck-Schulungen der siebziger Jahre die Auffassung angerichtet, im 1. Band des Kapital stünde alles Wesentliche, in den beiden andern Bänden würden nur mehr oder weniger zufällige Oberflächener-scheinungen beschrieben, die für das theoretische Verständnis nebensächlich sind. Man meinte, der individuelle Kapitalist beute die von ihm beschäftigten Arbeiter individuell aus, einem jeden presse er ein Stück Mehrwert ab, das er als Profit in die eigene Tasche stecke. Man glaubte, die kapitalistische Ausbeutung sei erfahrbar, man müsse nur "in die Betriebe gehen" und sie den Arbeitern dort recht anschaulich vor Augen führen. 

Im großen weltmarktlichen Ganzen ist der Profit 'nichts anderes' als der Mehrwert, aber was der Kapitalist wirklich einsteckt, ist der Profit, den Mehrwert kriegt weder er noch irgendwer sonst je zu Gesicht. Es 'gibt ihn' gar nicht so, wie es etwa den Vogel auf dem Zweig gibt. Im theoretischen Modell, nämlich so, wie es im 1. Band entworfen wird, erscheint er als das, was dem Profit, der die einzige Realität ist, "in Wahrheit zu Grunde liegt". Der Mehrwert ist eine Abstraktion so, wie das ganze Modell eine Abstraktion ist - und "der Wert" schon mal erst recht. Eine Abstraktion nämlich von der Konkurrenz der vielen Kapitale untereinander, und die ist keine Oberflächenerscheinung, sondern der Motor der bürgerlichen Gesellschaft; aber eben Konkurrenz der Kapitale, und deren Begriff musste erst einmal bestimmt werden.

Wer sich vom Konkreten zum Abstrakten, von der Anschauung zum Begriff durcharbeiten wollte, müsste sein Studium eigentlich beim 3. Band beginnen, nur würde er leider nichts verstehen, denn eingeführt werden die Begriffe am theoretischen Modell und nicht in der Anschauung - die bliebe blind, wenn die Begriffe ihr nicht die Augen öffneten. 
JE
9. 1. 17

Mittwoch, 13. Mai 2026

Konkurrenz ist reale Entwicklung des Reichtums.

Sta. Maria in Trastevere                                            aus Marxiana 

Aber die Concurrenz ist weit entfernt blos diese historische Bedeutung zu haben oder blos dieß Negative zu sein. Die freie Concurrenz ist die Beziehung des Capitals auf sich selbst als ein andres Capital, d. h. das reelle Verhalten des Capitals als Capitals. 

Die innern Gesetze des Capitals – die nur als Tendenzen in den historischen Vorstufen sei-ner Entwicklung erscheinen – werden erst als Gesetze gesezt; die auf das Capital gegründe-te Production sezt sich nur in ihren adaequaten Formen, sofern und so weit sich die freie Concurrenz entwickelt, denn sie ist die freie Entwicklung der auf das Capital gegründeten Productionsweise; die freie Entwicklung seiner Bedingungen und seines als diese Bedingun-gen beständig reproducirenden Processes. 

Nicht die Individuen sind frei gesezt in der freien Concurrenz; sondern das Capital ist frei gesezt. So lange die auf dem Capital ruhnde Production die nothwendige, daher die ange-messenste Form für die Entwicklung der gesellschaftlichen Productivkraft, / wird durch beständige Reflection auf die von der freien Concurrenz niedergerißnen Schranken.
[sic]

Die freie Concurrenz ist die reelle Entwicklung des Capitals. Durch sie wird als äusserliche Nothwendigkeit für das einzelne Capital gesezt, was der Natur des Capitals entspricht
[, der] auf das Capital gegründeten Productionsweise, was dem Begriff des Capitals entspricht. Der wechselseitige Zwang, den in ihr die Capitalien auf einander, auf die Arbeit etc ausüben (die Concurrenz der Arbeiter unter sich ist nur eine andre Form der Concurrenz der Capitalien) ist die freie, zugleich reale Entwicklung des Reichthums als Capital. 
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 533f. [MEW 42, S. 550]  



Nota. - Erst mit der Entfaltung der Konkurrenz entwickelt sich der Tauschwert. Vorher gab es kein Wertgesetz: Es ist nur als Vektorensumme der allgemeinen Konkurrenz, und erst als Anhäufung von Werten hat der Reichtum sein Maß gefunden.
JE

Dienstag, 12. Mai 2026

Konkurrenz ist die innere Tendenz des Kapitals.

 runnersworld                                                 aus Marxiana 

In der Concurrenz erscheint diese innre Tendenz des Capitals als ein Zwang der ihm von fremdem Capital angethan wird und der es vorantreibt über die richtige Proportion mit beständigem Marche, marche! Die freie Concurrenz, wie Herr Wakefield in seinem Com-mentar zu Smith richtig herauswittert, ist noch nie entwickelt worden von den Oekono-men, so viel von ihr geschwazt wird und so sehr sie die Grundlage der ganzen bürgerlichen, auf dem Capital beruhenden Produc-tion.

Sie ist nur negativ verstanden worden: d. h. als Negation von Monopolen, Corporation, gesezlichen Regulationen etc. Als Negation der feudalen Production. Sie muß aber doch auch etwas für sich sein, da blos 0 leere Negation ist, Abstrahiren von einer Schranke, die z. B. in der Form von Monopol, natürlichen Monopolen etc sofort wieder aufersteht.

Begrifflich ist die Concurrenz nichts als die innre Natur des Capitals, seine wesentliche Be-stimmung, erscheinend und realisirt als Wechselwirkung der vielen Capitalien auf einander, die innre Tendenz als äusserliche Nothwendigkeit.) (Capital existirt und kann nur existiren als viele Capitalien und seine Selbstbestimmung erscheint daher als Wechselwirkung dersel-ben auf einander.)
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 325f. [MEW 42, S. 327]
 


Nota I. - Staats kapitalismus kann allenfalls heißen, dass sich der Staat auf dem Markt selber als Kapitalist unter Kapitalisten betätigt - und sich dabei womöglich aller gesetzlichen Zwangsmittel bedient, um sich die Konkurrenten weit vom Halse zu halten. Wenn aber der Staat als einziger Unternehmer auftritt, gibt es weder einen Markt noch Konkurrenz. Unter diesen Voraussetzungen ist Kapital nicht möglich.
3. 11. 15

Nota II. - Einziger Kapitalist könnte ein Staat ja nur in seinem Land sein. Aber auf dem Weltmarkt kann er dann nicht Kapitalist sein - nämlich sich nach dem Wertgesetz, der international sich ausgleichenden Profitrate richten. Denn täte er es, könnte er einen Teil seines Angebots nur unter seinem Wert verkaufen, und den größeren Teil gar nicht. So hat die DDR nur ihre Unterhaltungs- und Haushaltselektronik über den Versandhändler Quelle nach Westen verkauft, der nicht der DIN entsprach und auf dem freien Markt chancenlos war. So musste sie Preise akzeptieren, die unter den (spekulativen) Herstellungskosten lagen. Musste - denn frei konvertierbare Währung brauchte sie lebensnotwendig, um an westliche Qualitätserzeugnisse zu kommen. Radeberger und Wernersgrüner wurden bei Aldi ver-ramscht - weil bei mindestens jeder vierten Flasche der Kronenkorken schadhaft war. Hätte sie sich nicht darauf eingelassen, wäre sie... wirtschaftlich zusammengebrochen.

- Merken Sie was? Der Stalinismus begann, als in Sowjetrussland das Projekt der Weltre-volution - erst schleichend de facto, aber dann urplötzlich auch offiziell - durch den "Sozia-lismus in einem Land " ersetzt wurde. Aber dann haben sie nicht einmal den Staatkapita-lismus in einem Land vorm Untergang bewahren können. Schließlich musste alles, was ir-gend brauchbar war, auf dem Schwarzmarkt gegen phantastische DM-Beträge getauscht werden. 

Ob Franz Josef Strauß' vier-Milliarden-Kredit den Untergang nur verzögert oder sogar noch beschleunigt hat, wird wohl nie mehr zu klären sein.
JE  

 

Montag, 11. Mai 2026

Vorstellung, Begriff und Bestimmtheit.

  vorstellung                                                   zu Philosophierungen  

aus Das Bestimmen hat eine vordere und eine hintere Grenze.

... Zu welchen Operationen eine Vorstellung taugt, kann ich nur prüfen, wenn ich sie be-stimme, nämlich zum Begriff vereindeutige. Ich stelle mir die Figur eines Quadrats vor. Um sie zu begreifen, nämlich so, dass ich sie in meiner Vorstellung willkürlich wieder hervorru-fen und sie womöglich einem Andern erklären kann, müsste ich sagen: eine geschlossene Figur aus vier gleichlangen Schenkeln. Dass sie [...] zwei Dimensionen [und] vier rechte Win-kel hat, muss ich nicht hinzufügen, es folgt aus der Prämisse. Mit dem so gefassten Begriff kann ich gedanklich operieren, dafür ist er hinreichend bestimmt. 

Um praktisch zu konstruieren - ein Haus etwa -, muss ich im Fortbestimmen den Begriff überschreiten und eine wirkliche Figur zeichnen, indem ich nämlich eine bestimmte Länge angebe, 23 mm zum Beispiel. Das ist nun kein Begriff mehr, sondern ein wirkliches Qua-drat; ein Bild. Als ein solches kann ich es mir aber nicht vorstellen; 23 mm, 53 mm, 87 mm? Das geht nur noch ungefähr, und auch nicht absolut, indem ich die Augen schließe, sondern nur relativ, indem ich auf ein vorhandenes Ding schaue und es zum Maßstab nehme. In der Wirklichkeit, als Bild, kann ich mir ein Quadrat nicht vorstellen, sondern muss es anschau-en. .
..
8. 7. 17

Sonntag, 10. Mai 2026

Vorstellungen sind zuerst nur Rätsel.

 H. Wienecke, Gottheit                                                   zu Philosophierungen                 

Die Einbildungkraft schafft - beruhend auf Erlebtem -  gewagte Bilder auf gut Glück, als Rätsel, die sie zwischen das Erfahrene stellt: Halten sie einander stand oder erdrückt das eine das andre? 

Und das muss man, weil man nicht alles selber ausprobieren kann, erraten.

So ergeht es den Vorstellungen, sobald sie sich unter die Begriffe wagen.

 

 

Samstag, 9. Mai 2026

Stoff und ökonomische Formbestimmung.

thehollyjollycupcake            zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Soweit die reine Form, die ökonomische Seite des Verhältnisses betrachtet wird – der Inhalt ausserhalb dieser Form fällt hier eigentlich noch ganz ausserhalb der Oekonomie, oder ist als von dem ökonomischen unterschiedner natürlicher Inhalt gesezt, von dem gesagt wer-den kann, daß er noch ganz von dem ökonomischen Verhältniß getrennt ist, weil er noch unmittelbar mit ihm zusammenfällt – so treten nur 3 Momente hervor, die formell unter-schieden sind: Die Subjekte des Verhältnisses, die Austauschenden; in derselben Bestim-mung gesezt; die Gegenstände ihres Austauschs, Tauschwerthe, Equivalente, die nicht nur gleich sind, sondern ausdrücklich gleich sein sollen und als gleich gesezt sind; endlich der Akt des Austauschs selbst, die Vermittlung, wodurch die Subjekte eben als Austauschende, Gleiche, und ihre Objekte als Equivalente, gleiche gesezt werden. 

Die Equivalente sind die Vergegenständlichung des einen Subjekts für andre; d. h. sie selbst sind gleich viel werth und bewähren sich im Akt des Austauschs als Gleichgeltende und zu-gleich als Gleichgültige gegen / einander. Die Subjekte sind im Austausch nur für einander durch die Equivalente, als gleichgeltende und be-währen sich als solche durch den Wechsel der Gegenständlichkeit, worin das eine für andre ist. Da sie nur so als Gleichgeltende, als Besitzer von Equivalenten, und Bewährer dieser Equivalenz im Austausche für einander sind, sind sie als Gleichgeltende zugleich Gleichgültige gegen einander; ihr sonstiger indi-vidueller Unterschied geht sie nichts an; sie sind gleichgültig gegen alle ihre sonstigen in-dividuellen Eigenheiten. 

Was nun den Inhalt angeht ausserhalb dem Akt des Austauschs, der sowohl Setzen als Be-währen der Tauschwerthe, wie der Subjekte als Austauschender ist, so kann dieser Inhalt der ausserhalb der ökonomischen Formbestimmung fällt, nur sein: 1) Die natürliche Beson-derheit der Waare, die ausgetauscht wird. 2) Das besondre natürliche Bedürfniß der Austau-schenden, oder beides zusammengefaßt, der verschiedene Gebrauchswerth der auszutau-schenden Waaren. 

Dieser der Inhalt des Austauschs, der ganz ausserhalb seiner ökonomischen Bestimmung liegt, so weit entfernt die sociale Gleichheit der Individuen zu gefährden, macht vielmehr ihre natürliche Verschiedenheit zum Grund ihrer socialen Gleichheit. Wenn das Individuum A dasselbe Bedürfniß hätte wie das Individuum B und in demselben Gegenstand seine Arbeit realisirt hätte, wie das Individuum B, so wäre gar keine Beziehung zwischen ihnen vorhanden; sie wären gar nicht verschiedne Individuen, nach der Seite ihrer Production hin betrachtet. 

Beide haben das Bedürfniß zu athmen; für beide existirt die Luft als Atmosphäre; dieß bringt sie in keinen socialen Contact; als athmende Individuen stehn sie nur als Naturkörper zu einander in Beziehung, nicht als Personen. Die Verschiedenheit ihres Bedürfnisses und ihrer Production giebt nur den Anlaß zum Austausch und zu ihrer socialen Gleichsetzung in ihm; diese natürliche Verschiedenheit ist daher die Voraussetzung ihrer socialen Gleich-heit im Akt des Austauschs und dieser Beziehung überhaupt, worin sie zu einander als pro-ductiv treten. 

Nach dieser natürlichen Verschiedenheit betrachtet ist das Individuum [A] als Besitzer eines Gebrauchswerths für B, und B als Besitzer eines Gebrauchswerths für A. Nach dieser Seite sezt die natürliche Verschiedenheit sie wieder wechselseitig in das Verhältniß der Gleichheit. Demnach sind sie aber nicht gleichgültig gegen einander, sondern integriren sich, bedürfen einander, so daß das Individuum B als objectivirt in der Waare ein Bedürfniß für das Indivi-duum A ist und vice versa; so daß sie nicht nur in gleicher, sondern auch in gesellschaftli-cher Beziehung zu einander stehn. Dieß ist nicht alles. Daß das Bedürfniß des einen durch das Product des andren und vice versa befriedigt werden kann, und der eine fähig ist den Gegenstand dem Bedürfniß des andren zu produciren und jeder dem andren als Eigenthü-mer des Objekts des Bedürfnisses des andren gegenübersteht, zeigt, daß jeder als Mensch über sein eignes besondres Bedürfniß / etc übergreift, und daß sie sich als Menschen zu einander verhalten; daß ihr gemeinschaftliches Gattungswesen von allen gewußt ist. 
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K. Marx, Grundrisse, 
MEGA II/1.1165ff.   [MEW 42, S. 167f.]    

Nota. - Allah hat seinem Propheten die Verse des Korans durch den Erzengel Gabriel di-rekt auf die Zunge legen lassen. Marx war kein Prophet, sondern Wissenschaftler, in den Grundrissen sehen wir zu, wie er progressiv seine Gedanken klärt und um die darauf pas-senden Wörter ringt. Er 'kokettiert' dabei nicht nur mit Hegels 'eigentümlicher Ausdrucks-weise', sondern bedient sich einstweilen seiner Begriffe, um seine Gedanken überhaupt auf dem Papier festhalten zu können. 

Der Inhalt falle 'noch ganz außerhalb der Ökonomie', heißt es hier; deren Gegenstand sei lediglich die Form. Natürlich meint er die Politische Ökonomie, in der er noch ganz befan-gen ist, noch weiß er nicht, was am Ende seiner Untersuchung stehen wird: Eben dies war ja die Mystifikation der Politischen Ökonomie, dass sie vorgab, das reale Geschehen der ge-sellschaftlichen Reproduktion als bloße Form darstellen und den historischen 'Stoff' links liegen lassen zu können. Diese Erkenntnis reift erst langsam ab Heft IV der Grundrisse, und schließlich wird Marx die Kritik der Politischen Ökonomie in dem Satz zusammenfas-sen, dass bei ihm der Gebrauchswert 'eine ganz anders wichtige Rolle spielt als in der bis-herigen Ökonomie'. 

Und auch der Hegeljargon wird übrigens ab Heft IV immer seltener, jedenfalls braucht er ihn nicht mehr zur Selbstverständigung. Dies hatte die Politische Ökonomie nämlich mit dem Hegel'schen System gemein: dass sie den Begriffen, die doch nichts als mehr oder weniger passende Namen für mehr oder minder bestimmte Vorstellungsakte sind, eine eigene Wirklichkeit und Wirksamkeit zuschreibt. In den Grundrissen erleben wir mit, wie Marx sich nach und nach von diesem metaphysischen Sparren freimacht. Das fängt damit an, dass er, wie an obiger Stelle, die Hegel'schen Begriffe kritisch, nämlich gegen die Be-griffe der Politischen Ökonomie ausspielt. Sie gehen schließlich beide daran zu Bruch.
JE, 29. 2. 16

Freitag, 8. Mai 2026

Kritik kommt vor dem Standpunkt, den sie begründet.

                   zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Zunächst fasse ich die herkömmliche Unterteilung des Marxschen Gesamtwerks in ‘Früh-schriften’ und  Spätwerk’ als eine Scheidung in einen ‘kritischen’ und einen vorkritischen’ Teil auf.

Im  e r s t e n  Teil geht es um die Gewinnung des (‘metaphysischen’)  S t a n d p u n k t s,  der der reellen Wissenschaft zugrunde zu legen sei; es wird sich finden, daß dieser ‘Stand-punkt’ — vulgo materialistische Geschichtsauffassung” — der des ‘sich selbst setzenden Subjekts ist; eine aktualistische Fundamentalontologie als transzendentale Voraussetzung  positiver (historischer) Wissenschaft.

Im  z w e i t e n  Teil — der gesamten ‘Kritik der politischen Ökonomie’ — geht es,  a l s  Kritik, um die Durchführung der (onto)logischen Voraussetzung — nach der die (ökono-mischen) Kategorien nichts seien als Handlungsweisen des Subjekts — am empirischen Material. Diese Durchführung ist 1) Kritik einer vorliegenden historischen Wissenschaft, der klassischen Nationalökonomie;  2) positive Darstellung des empirischen Stoffs selbst: des Gesamtprozesses der kapitalistischen Form der gesellschaftlichen Reproduktion nach dem Prinzip des vorangestellten Standpunkts;  3) durch die Darstellung des Stoffs,  Dar-stellung des ‘Standpunkts’ selbst: Reflexion über den ‘Standpunkt’ als Reflexion auf das tatsächlich angewendete/anzuwendende Verfahren, und insofern auf dessen Vorausset-zungen: genauere Bestimmung derselben — des sich selbst setzenden Subjekts — nicht als “seiend, sondern als  g e l t e n d.

I. ‘Stellungnahme‘: der transzendentale Standpunkt

Der Inhalt des ‘Frühwerks’ ist also die Überwindung der Hegelschen “absoluten Methode”, aber nicht nach deren  F o r m - Seite hin — Logik der ‘Selbstbewegung des Begriffs— , sondern nach deren  I n h a l t:  Bestimmung des ‘Absoluten’ als  I d e e .

Zunächst (in der Doktor-Diss.) nimmt M. ohne weiteres den Standpunkt der Junghegelianer ein; eine pseudofichtisierende Hegel-Auffassung,  die in Wahrheit eine Umdeutung Hegels auf den Standpunkt des jungen  S c h e l l i n g  ist: Nicht  d i e  Su b s t a n z   wird ‘als Sub-jekt gesetzt, sondern   d a s    S u b j e k t   wird ‘als Substanz’  gefaßt (was immer auch dabei zu denken sei).

Im Ms. Kritik des hegelschen Staatsrechts stößt M. dann allerdings schon auf Hegels Me-thode   a l s   s o l c h e r: die Ahnung, daß die affirmative, anti-kritische Tendenz von Hegels politischer Philosophie vorgegeben sei in dem affirmativen Prinzip der “Logik” — bzw. daß der affirmativen Methode die restaurative politische Tendenz zugrunde liegt; aber er verfolgt diesen Faden zunächst nicht weiter.

S o n d e r n :

Unterm Einfluß von  F e u e r b a c h  (und von Moses H e s s)  Hinwendung zum “wahren Sozialismus; Bestimmung des substanten Subjekts als “Gattungswesen” und Fassung der bürgerlichen Gesellschaft unter die Alles bestimmende Kategorie “Entfremdung”: Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung und die Pariser Manuskripte… 

‘Dialektik kommt in diesen beiden Texten lediglich als rhetorische Figur vor, es werden keineswegs ‘Begriffe’ durch einander bestimmt”, sondern: “ein Wort gibt das andre…” Die hegelsche Triade tritt nur auf als geschichtsmetaphysische Schablone: die “Entfrem-dung” (Antithesis) des bürgerlichen Menschen von seinem “Gattungswesen” (Thesis) — ‘Entfremdung’ heißt hier:  K o n k u r r e n z  —  m u ß  “umschlagen” in den Kommunis-mus: Versöhnung,  Heimkehr, Synthesis…  —  die alte Geschichte von Sündenfall und Erlösung.

In der Heiligen Familie schließlich — immernoch auf dem Standpunkt von Feuerbachs “Gattungswesen” — Bruch mit den “Ideologen”(die durch das Verknüpfen bloßer Begriffe zu faktischen Einsichten kommen wollen) und resolute Wendung zu Empirie und Nomina-limus (=Materialismus”).

Schließlich – in der Auseinandersetzung mit  S t i r n e r s  Einzigem” – nach dem prakti-schen Anschluß an die revolutionäre Arbeiterbewegung und (darum) erneutem Studium der klassischen Nationalökonomie — wird in den Feuerbachthesen und der Deutschen Ideolo-gie das ‘Gattungswesen’ als bloß säkularisierte Version des lieben Gottes abgeschafft; an die Stelle des  s u b s t a n t e n   Subjekts tritt ein... nun ja, ein transzendentales: ein aus dem Begründeten als dessen Grund logisch erschlossenes, das sich — in einer selber nicht abzu-leitenden ‘Tathandlung’ (bei Marx “generatio aequivoca”) ‘als Subjektgesetzt haben  ‘m u ß’:  der “ersten geschichtlichen Tat”…

Mit der Ersetzung des ‘ideologischen’ Standpunkts durch den transzendentalen wird nun aber die “absolute Methode” auch ihrer Form nach unhaltbar (vgl. Elend der Philosophie). Entsprechend verzichtet schließlich das Kommunistische Manifest konsequent auf alle be-grifflichen Verallgemeinerungen und begnügt sich damit, ‘Tatsachen’ aussprechen zu wollen (z.B. daß “die herrschenden Gedanken stets die Gedanken der herrschenden Klasse” gewe-sen seien, wird nicht als materialistisches ‘Gesetz’ formuliert, sondern als empirische Fest-stellung).

— Die nunmehr, nach der Bestimmung des kritischen ‘Standpunkts’,  möglich gewordene umfassende, d.h. systematisch  v o n   e i n e m  P r i n z i p   a u s gehende Kritik der poli-tischen Ökonomie erfordert nicht allein eine erneute Sichtung des gesamten wissenschaft-lichen Schrifttums, sondern ermöglicht (erstmals!) auch die Sammlung und Ordnung des gegebenen ökonomischen Materials: der “realen Bewegung” der kapitalistischen Produk-tion.

aus Marx und Fichte 

 

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE 

 

Donnerstag, 7. Mai 2026

Das absolute Postulat.

                                           zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Was tu ich, indem ich philosophiere? Ich denke über einen Grund nach, dem Philosophie-ren liegt also ein Streben nach dem Denken eines Grundes zu Grunde. Grund ist aber nicht Ursache im eigentlichen Sinne, sondern innere Beschaffenheit – Zusammenhang mit dem Ganzen. Alles Philosophieren muss also bei einem absoluten Grunde endigen. Wenn dieser nun nicht gegeben wäre, wenn dieser Begriff eine Unmöglichkeit enthielte, so wäre der Trieb zu philosophieren eine unendliche Tätigkeit und darum ohne Ende, weil ein ewiges Bedürfnis nach einem absoluten Grunde vorhanden wäre, was doch nur relativ gestillt wer-den könnte – und darum nie aufhören würde. Durch das freiwillige Entsagen des Absoluten entsteht die unendliche freie Tätigkeit in uns – das einzig mögliche Absolute, was uns gege-ben werden kann und das wir durch unsre Unvermögenheit, ein Absolutes zu erreichen und zu erkennen, finden. Dies uns gegebene Absolute lässt sich nur negativ erkennen, indem wir handeln und finden, dass durch kein Handeln das erreicht wird, was wir suchen.

Das ließe sich ein absolutes Postulat nennen.
________________________________________________________    Novalis, "Fichte-Studien", in Gesammelte Werke, Herrliberg-Zürich 1945, Bd. 2, S. 172
 
 
Nota. - Ein "absoluter Grund" wovon? Nicht sowohl meiner und der Dinge, unter denen ich mich befinde, sondern der Meinungen, die ich von mir und von ihnen habe -? 
 
'Romantisch' ist daran, dass beides voneinander nicht unterschieden wird und willentlich in der Schwebe bleibt: dass er einer Klärung absichtsvoll aus dem Wege geht. Das ist eher poe-tisch als philosophisch. Vielleicht hat er gar nicht bemerkt, dass da was zu unterscheiden war. Aber vielleicht hat es ihm so nur besser gefallen - weil es so lediglich eine Geschmacks-frage bleibt und nichts, das kritisch zu klären wäre.
JE 

Der Kapitalist - die produktive Klasse par excellence.

    cheng                                                              aus Marxiana Der Capitalist als Repräsentant des in seinem Verwer...