ichkoche zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete VernunftkritikDas
Gefühl ist eins, es ist Bestimmtheit, Beschränktheit des ganzen Ich,
über die es nicht hinausgehen kann. Es ist die letzte Grenze, es kann
sonach nicht weiter zergliedert und zusammengesetzt werden, das Gefühl
ist schlechthin, was es ist. Das durch das Gefühl Gegebene ist die
Bedingung alles Handelns der Ich, die Sphäre, aber nicht das Objekt.
Die Darstellung des
Gefühls in der Sinnenwelt ist das Fühlbare und wird gesetzt als Materie.
Ich kann keine Materie hervorbringen oder vernichten, ich kann nicht
machen, dass sie mich anders affiziere, als sie es ihrer Natur nach tut.
Entfernen oder annähern kann ich sie wohl. Das Positive soll
Mannigfaltigkeit sein, weil es Gegenstand der Wahl für die Freiheit sein
soll.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 69
Nota I. - Übrigens: Wie bei John Locke ist das Ich bei Fichte zuerst eine tabula rasa. Aber mit diesem feinen und wesentlichen Unterschied: Es will schlechterdings tätig werden. Es ist da-her die Möglichkeit von Allem. Diese allweilige Möglichkeit zu bestimmen ist seine charak-terisierende Aufgabe und macht schließlich seine Individualität aus. Es ist bestimmt als un-bestimmt und (sich-)bestimmend zugleich.
Ebenfalls wie bei Locke bedeutet Gefühl bei Fichte nichts anderes als die Sinnesdaten, die die Nervenenden dem Zentralorgan melden. Doch anders als bei Locke ist es das Ich, das ihre Qualität – ihr So- oder Anderssein – bestimmt; genauer gesagt: Indem ein Naturwesen sein Gefühl als so oder anders bestimmt, wird es – macht es sich zu einem – Ich.
Wie es dazu kommt? Es tut es aus Freiheit. Das macht den ganzen Unterschied zum Sensu-alisten aus.
23. 6. 16
Nota II. - Die Wissenschaftslehre ist keine Metaphysik; sie beschreibt den Weg vom Vor-stellen zur Vernunft. Sie sagt nicht: Das Erste war die Materie - und sophistisiert aus der Materie das Gefühl, und destilliert da einen Geist heraus. Das ist das dogmatische Verfah-ren.
Für das kritische Verfahren ist das Erste ist vielmehr das Fühlen, es ist ohne alle Vorausset-zung, und man fühlt nicht überhaupt, sondern immer nur dieses und/oder jenes - für mich lauter Mannigfaltige, aber darüberhinaus Unbestimmte, die ich erst noch zu bestimmen ha-be: 'Materie', die als Gegenstand des Gefühls wahrgenommen wird und nicht als Ursache-ihrer-selbst.
JE




