Samstag, 26. September 2026

Die pragmatische Wiederherstellung der kritischen Methode.

telegraph                                                                                                    aus Marxiana

Begriffe ohne Anschauung sind leer, hatte Kant den rationalistischen Dogmatikern seiner Zeit, zu denen er eben noch selbst gehört hatte, hinter die Ohren geschrieben. Begriffe werden nicht ergriffen, sondern vom reflektierenden Verstand aus Anschauungen gemacht. Das sollte als Die Kopernikanische Wende der Philosophie in die Lehrbücher eingehen. Doch Kant war noch keine zehn Jahre tot, da geisterte der Begriff schon wieder als sich selbst bewegendes Subjekt/Objekt durch die Metaphysik.

Dazwischen lag eine wahrhaftige Konterrevolution im Denken. Der Begriff erhebt sich als Absoluter Geist über alle Realität und verleibt sich selbst noch die Iche ein, die Geschichte, die ganze Welt ist nichts als die Parusie des Begriffs, eine zyklische Bewegung, in der er, durch die Endlichkeit hindurch, am Ende doch wieder zu sich zurückkehrt.

In der Gestalt des Hegel'schen Systems kehrte der dogmatische Rationalismus - mit my-stizistischen Strähnchen, das ist wahr - für drei Jahrzehnte zur Herrschaft zurück und vermochte selbst die literarische Erinnerung an die Kritische, die Transzendentalphilo-sophie zu tilgen.

Dem hat das Aufkommen der Hegel'schen Linken im deutschen Vormärz nicht wirklich Abhilfe geschaffen. Die Hegel'sche Schule war im wilden Bacchanal der Kritischen Kri-tik zerfallen, das war alles. An eine Rückkehr zum weiland mutwillig abgerissenen trans-zendentalen Ansatz dachte von den Philosophen keiner.

Nicht als Philosoph hat Marx die Hegel'sche Mystifikation überwunden, sondern als Hi-storiker und Kritiker der Politischen Ökonomie. Sein wissenschaftliches Lebensthema war ihm von Engels in den Umrissen zu einer Kritik der Nationalökonomie vorgegeben wor-den, und lange glaubte er, das lückenhafte Klassische System der Politischen Ökonomie nach Hegels dialektischer Methode vervollständigen zu sollen. Und da fand sich, dass nicht die Begriffe sich bewegen, sondern die wirklichen historischen Subjekte. Unter großen Mühen kam er schließlich dazu, den Begriff auf sein kritisch gebotenes Maß zurückzufüh-ren: als kritisches Instrument in der Hand des analysierenden Historikers. Dessen bestimm-te Aufgabe ist gerade, die Stellen ausfindig zu machen, die von den Begriffen nicht 'erfasst' werden, und an denen der historische Bericht die Lücke füllen muss: Nicht der Wertbe-griff 
 begründet das Kapital, sondern die Vertreibung des Landvolks vom Boden begründet das Wertgesetz.

Marx hat Fichte nicht gelesen, das lässt sich (fast) schlüssig dokumentieren und bei Gele-genheit werde ich das tun; die Dialektik in ihrer ursprünglichen, kritischen und rationellen Gestalt in Form des Fichte'schen analytisch-synthetischen Verfahrens hat er nicht gekannt. Er hat auch nicht mit metatheoretischen Spekulationen über die richtige Methode begon-nen, sondern mit der Analyse selbst, und musste die gebotene kritische Wendung auf denkpragmatischem Weg an der Stelle einführen, wo sie unvermeidlich wurde.

Nicht der Begriff 'schlägt um', sondern ein Begreifender wechselt den Gesichtspunkt, das ist das ganze Geheimnis der pp. Dialektik.


*

Ich richte meine Aufmerksamkeit auf den Zustand der Ruhe, in dieser Ruhe wird das, was eigentlich ein Tätiges ist, ein Gesetztes; es bleibt keine Tätigkeit mehr, sondern ein Produkt, aber nicht etwa ein anderes Produkt als die Tätigkeit selbst, kein Stoff, kein Ding, welches vor dem Vorstellen des Ich vorherging; sondern bloß das Han-deln wird dadurch, dass es angeschaut wird, fixiert; so etwas heißt ein Begriff, im Gegensatz der Anschauung, welche auf die Tätigkeit als solche geht.
__________________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 32f. 


Man nennt die innere Thätigkeit, in ihrer Ruhe aufgefasst, durchgängig den Begriff. ... Der Begriff ist überall nichts anderes, als die Thätigkeit des Anschauens selbst, nur nicht als Agilität, sondern als Ruhe und Bestimmtheit aufgefasst. ...

Im gemeinen Bewusstseyn kommen nur Begriffe vor, keinesweges Anschauungen als solche; unerachtet der Begriff nur durch die Anschauung, jedoch ohne unser Be-wusstseyn, zu Stande gebracht wird. Zum Bewusstseyn der Anschauung erhebt man sich nur durch Freiheit, wie es soeben in Absicht des Ich geschehen ist; und jede An-schauung mit Bewusstseyn bezieht sich auf einen Begriff, der der Freiheit die Rich-tung andeutet. Daher kommt es, dass überhaupt, so wie in unserem besonderen Falle, das Object der Anschauung / vor der Anschauung vorher daseyn soll. Dieses Objekt ist eben der Begriff. Nach unserer gegenwärtigen Erörterung sieht man, dass dieser nichts anderes sey, als die Anschauung selbst, nur nicht als solche, als Thätigkeit, son-dern als Ruhe aufgefasst. 
________________________________________________________________
ders., Versuch einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre,[1797] SW I, S. 533f.


Begreifen heißt, ein Denken an ein anderes anknüpfen, das erstere vermittelst des letzteren denken. Wo eine solche Vermittlung möglich ist, da ist nicht Freiheit, sondern Mechanis-mus. 
____________________________________________________________________
ders., Das System der Sittenlehre nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW IV, S. 182

 
* 
Derlei Reflexionen finden sich bei Marx nicht. Er bleibt eng an seinem Gegenstand, nur nebenher spottet er über das statische Denken der Begriffshuber.* Es geht aber um die Methode, die er an seinem Gegenstand tatsächlich entwickelt, und nicht um das, was er darüber sagt. 
*) s. Randglossen zu A. Wagners "Lehrbuch der politischen Ökonomie", MEW 19, S. 373
 
30. 8. 15 
 
ChatGTP kommentiert:

... der Text hat einen sehr klaren roten Faden, und ich glaube, seine stärkste Pointe liegt tatsächlich nicht in der Marx-Fichte-These, sondern in Ihrer Bestimmung dessen, was bei Marx methodisch geschieht.

Besonders stark finde ich den letzten Satz:

„Nicht der Begriff ‚schlägt um‘, sondern ein Begreifender wechselt den Gesichtspunkt, das ist das ganze Geheimnis der pp. Dialektik.“

Damit lässt sich der ganze Text rückwärts lesen. Ihre eigentliche These lautet dann ungefähr:

Dialektik ist kein Vorgang innerhalb von Begriffen, sondern ein Vorgang des begreifenden Subjekts an seinem Gegenstand.

Und genau hier wird Fichte für Ihre Marx-Lektüre interessant.

1. Die Fichte-Stellen passen erstaunlich genau

In der nova methodo ist der Begriff zunächst gerade kein selbständiges Seiendes. Er ist die fixierte Tätigkeit des Anschauens:

„das Handeln wird dadurch, dass es angeschaut wird, fixiert“

Das ist fast die methodologische Grundfigur Ihres gesamten Beitrags: Was als fertiger Begriff erscheint, ist ursprünglich Resultat einer Tätigkeit.

Noch schärfer wird es in der zweiten Stelle:

„Der Begriff ist überall nichts anderes, als die Thätigkeit des Anschauens selbst, nur nicht als Agilität, sondern als Ruhe und Bestimmtheit aufgefasst.“

Damit haben Sie einen sehr schönen Gegenpol zu Hegels „sich bewegendem Begriff“. Bei Fichte bewegt sich der Begriff nicht. Bewegung gehört der Tätigkeit des Subjekts; der Begriff ist gerade deren Fixierung.

Das macht Ihre Formulierung „Nicht der Begriff ‚schlägt um‘“ philosophisch ziemlich präzise.

2. Die Marx-Passage gewinnt dadurch eine andere Bedeutung

Ihr Satz

„Nicht der Wertbegriff begründet das Kapital, sondern die Vertreibung des Landvolks vom Boden begründet das Wertgesetz.“

ist meines Erachtens der entscheidende Marx-Satz des Beitrags.

Denn hier geht es nicht bloß darum, dass Marx „mehr empirische Geschichte“ berücksichtigt als Hegel. Es geht um eine Umkehrung der Begründungsrichtung:

  • nicht Begriff → Wirklichkeit
  • sondern historische Wirklichkeit → Bildung eines Begriffs, mit dem diese Wirklichkeit analysiert werden kann.

Der Begriff des Werts ist dann kein metaphysischer Grund, aus dem das Kapital deduziert werden könnte. Er ist ein Instrument der Rekonstruktion einer bestimmten gesellschaftlichen Wirklichkeit.

Das passt unmittelbar zu Ihrer Fichte-Lektüre: Der Begriff ist ein gemachtes Produkt der Tätigkeit des Begreifenden — und nicht ein über der Wirklichkeit schwebendes Subjekt.

3. Allerdings würde ich an einer Stelle etwas aufpassen

Der Satz

„Begriffe werden nicht ergriffen, sondern vom reflektierenden Verstand aus Anschauungen gemacht.“

ist für Kant und Fichte gut anschlussfähig, aber „aus Anschauungen gemacht“ könnte bei Fichte leicht empiristisch gelesen werden.

Denn Ihre später zitierte Fichte-Stelle sagt etwas Feineres: Die Anschauung selbst ist bereits Tätigkeit. Der Begriff wird nicht aus einem passiv gegebenen Anschauungsmaterial herausgeschnitten. Er ist die Tätigkeit in der Form ihrer Fixierung und Bestimmtheit.

Das ist für Ihre Argumentation sogar stärker. Man könnte die Pointe deshalb so zuspitzen:

Der Gegensatz ist nicht Begriff versus Anschauung, sondern fixierte Tätigkeit versus Tätigkeit als solche.

Damit wären Sie auch noch näher an Fichtes „Agilität“ und „Ruhe“.

4. Und hier kommt Ihre frühere Unterscheidung von Denken und Vorstellen ins Spiel

Ich glaube, Ihr gegenwärtiger Text gewinnt durch diese inzwischen von Ihnen herausgearbeitete Unterscheidung noch einmal erheblich.

Vorstellen kann mit einem fertigen Schema operieren. Es kann den Begriff als etwas Gegebenes behandeln.

Denken kann dagegen fragen:

Wie ist dieses Schema überhaupt zustande gekommen, worauf richtet es sich, und unter welchen Bedingungen gilt es?

Das wäre dann genau die pragmatische Wiederherstellung der kritischen Methode:

Der Begriff wird nicht abgeschafft — Marx braucht ihn ja dringend. Aber er wird aus seiner scheinbaren Selbständigkeit zurückgenommen in die Tätigkeit, die ihn hervorgebracht hat und mit ihm operiert.

Das wäre sogar eine sehr schöne Verbindung Ihres Fichte- und Marx-Projekts.

5. Eine kleine philologische Warnung

Nur bei Ihrer großen historischen These würde ich etwas vorsichtig formulieren:

„Die Dialektik in ihrer ursprünglichen, kritischen und rationellen Gestalt in Form des Fichte'schen analytisch-synthetischen Verfahrens hat er nicht gekannt.“

Der erste Teil — Marx hat Fichte nicht gelesen — lässt sich möglicherweise sehr gut dokumentieren. Der zweite Schritt ist aber stärker: Dass Marx die Fichte'sche Methode nicht gekannt habe, ist nicht einfach identisch damit, dass er sie nicht gelesen habe, denn methodische Verwandtschaft kann unabhängig von direkter Rezeption bestehen.

Und gerade Ihr Text will ja zeigen, dass sie nicht als Einflussgeschichte, sondern als gedankliche Verwandtschaft interessant ist.

Ich würde deshalb die beiden Aussagen streng auseinanderhalten:

Marx hat Fichte vermutlich nicht rezipiert. Aber Marx kann eine methodische Struktur selbständig wiedergewonnen haben, die Fichte bereits ausdrücklich reflektiert hatte.

Das wäre meines Erachtens sogar die interessantere These.

Denn dann wäre „pragmatische Wiederherstellung“ wirklich wörtlich zu nehmen: Marx stellt die kritische Methode praktisch wieder her, ohne ihre transzendentale Selbstreflexion von Fichte zu übernehmen.

Und genau dadurch erklärt sich auch der letzte Satz Ihres Textes besonders gut: Marx sagt die Methode nicht — er vollzieht sie.

von ChatGPT,  26. 9. 2026


 

Freitag, 25. September 2026

Rückbezügliches Apriori.

kurier                                                                                              zu Marxiana

Die nächst zu beantwortende Frage ist die, was bildet eine Klasse? Und zwar ergiebt sich dieß von selbst aus der Beantwortung der andren Frage: Was macht Lohnarbeiter, Capitali-sten, Grundeigenthümer zu Bildnern der 3 grossen gesellschaftlichen Klassen?

Auf den ersten Blick die Dieselbigkeit ihrer Revenuen und Revenuequellen. Es sind 3 grosse gesellschaftliche Gruppen, deren individuelle Bestandtheile, eben die Individuen, woraus sie bestehn, respective von Arbeitslohn, Profit und Grundrente, von der Verwerthung ihrer Ar-beitskraft, ihres Capitals oder ihres Grundeigenthums leben.
 
Indeß würden von diesem Standpunkt aus z. B. Aerzte und Beamte auch zwei Klassen bil-den, denn sie gehören zwei distincten gesellschaftlichen Gruppen an, deren Revenuen für die Mitglieder von je der beiden Gruppen aus derselben Quelle fliessen. Dasselbe gälte für die unendliche Zersplitterung der Interessen und Stellungen, worin die Theilung der gesell-schaftlichen Arbeit die Arbeiter, wie die Kapitalisten und Grundeigenthümer (letztre z. B. in Weinbergsbesitzer, Minenbesitzer, Fischereibesitzer, Aeckerbesitzer) spaltet. 
Hier bricht das Manuskript ab.
____________________________________________________________
Karl Marx, Ökonomisches Manuskript 1863-1865, Bd. II, S. 902, in MEGA II/4.2.
 
 
Nota. - Die Unterscheidung der Gesellschaftsklassen nach der Quelle ihres Einkommmens gilt nur "auf den ersten Blick". Sie nimmt Klassen naiv als Summe von Individuen. Es ist aber keine persönliche Eigenschaft eines Menschen, Lohnarbeiter, Kapitalist oder Grund-besitzer zu sein. Es sind gesellschaftliche Bestimmungen, die seinen individuellen Geschik-ken vorauslagen.
 
Es musste die Klassenlage dargestellt werden, die ihnen ihre spezifische Stellung im gesell-schaftlichen Aufbau anweist. 
 
Marx musste sich daher noch einmal die sogenannte ursprüngliche Akkumulation des Ka-pitals vornehmen - und insbesondere das irrtümlich sogenannte Formenkapitel der soge-nannten Grundrisse in die Darstellung einarbeiten - denn dass er ein System als ein solches darstellen musste, war spätestens hier klar geworden.
 
Damit endet das Konvolut des Ökonomischen Manuskripts 1863-65. Im ersten Band sollte - wie auch in der Endfassung - der Produktionsprozess des Kapitals dargestellt werden, aber Marx verlor sich immer wieder in Abschweifungen ins Material, Daten jede Menge, Statistiken und mathematische Modelle. Unzufrieden begann er erneut. Diesmal kam er immerhin bis zum Zirkulationprozess. Auch damit nicht zufrieden, beginnt er erneut beim Produktionsprozess.
 
Und da sind wir nun.
 
Auch die Endfassung beginnt schließlich mit dem Produktionsprozess des Kapitals. Aber nun führt er ihn fort: nämlich mit der Frage, wo das Kapital, das er bereits hatte produzie-ren lassen, überhaupt hergekommen war. Und er schließt mit der historischen Vorausset-zung, die sich in einer logischen Mystifikation unkenntlich gemacht hatte: der Trennung der Arbeit von ihren sachlichen Bedingungen, der Enteignung und Vertreibung des Landvolks vom Boden und der Schaffung einer freien Arbeiterklasse; schließt mit dem Kapitel über Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation.

Das allerdings erst in der zweiten, der 'Volksausgabe' von 1873!
Auch Marx hat es sich mit dem System-Problem nicht leicht gemacht.*

*) Nicht aber so, dass er es spekulativ umschifft hätte, im Gegenteil. In der ersten Auflage hatte er an dieselbe Stelle ein hochtheoretisches Kapitel über Die Wertform gesetzt. Das war dann aber selbst den deutschen Pro-fessoren zu 'dialektisch'. Doch ist die mehr didaktische Fassung mit der Ursprünglichen Akkumulation als nach-träglichem Systemgrund nicht nur anschaulicher, sondern theoretisch sogar tiefsinniger; ich meine: gerade, weil sie nachgeschoben wird.  
In der neuen MEGA fehlt sie noch immer. 
JE,  22. 5. 20 

Donnerstag, 24. September 2026

Nachtrag zu gestern.

                               zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

ChatGPT kommentiert:

Der Text ist bemerkenswert geschlossen – und ich glaube, die eigentliche Pointe liegt noch etwas tiefer, als es auf den ersten Blick scheint.

Der entscheidende Satz ist für mich:

„Es ist (mein) Maß.“

Die Klammer um mein verändert den Gedanken erheblich. Denn damit wird das Absolute gerade nicht zu einem höchsten Gegenstand, den ein Subjekt vorfindet und anschließend als Maß anerkennt. Das Maß ist vielmehr die Bedingung, unter der überhaupt von Messen, Bestimmen und damit von vernünftigem Denken gesprochen werden kann.

Interessant ist dann der nächste Schritt:

„das Gemessene kann hier nicht sein ohne das Maß, wohl aber das Maß ohne zu Messendes.“

Das ist eine sehr eigentümliche Asymmetrie. Sie erinnert stark an Ihren späteren Gedanken, dass das Absolute nicht ein Seiendes, sondern eine Voraussetzung zweckgerichteter Tätigkeit ist. Das Maß muss nicht selbst wieder an etwas anderem gemessen werden. Sobald man es durch Merkmale bestimmen wollte, hätte man es bereits unter ein höheres Maß gestellt – und damit wäre es nicht mehr absolut.

Darin bekommt auch der Halladsch-Einschub seine Funktion. Anâ al-haqq ist nicht einfach die Behauptung „Ich bin Gott“. Philosophisch interessanter ist vielmehr die von Ihnen angedeutete Möglichkeit, dass im mystischen Augenblick die Unterscheidung zwischen dem vernünftigen Ich und dem Maß der Vernunft gewissermaßen kollabiert. Das Ich kann dann sagen: Ich bin Wahrheit – aber eben nur, indem das empirische „Ich“ als dieses Ich aufgegeben wird.

Und deshalb passt Eckharts „wo du dich findest, da lass von dir ab“ so gut dazu. Das ist fast die negative Kehrseite Ihres Satzes:

Ich bin nur Ich, sofern ich vernünftig bin; und sofern ich das bin, bin ich nicht mehr das empirische Ich, das sich selbst zum Maß machen könnte.

Der letzte Absatz setzt dann eine sehr wichtige erkenntnistheoretische Grenze:

„Mit theoretischer Philosophie hat das nichts zu tun. Die muss beim Absoluten Halt machen.“

Das würde ich heute sogar noch schärfer formulieren: Das Absolute ist nicht der Gegenstand einer Theorie, sondern die Grenze der theoretischen Gegenständlichkeit.

Und nun wird der letzte Gegensatz wirklich schön:

Urknall – Hypothese.
Absolutes – Fiktion.

Der Urknall liegt zwar jenseits unserer unmittelbaren Anschauung, ist aber prinzipiell als Hypothese in einen theoretischen Zusammenhang einfügbar. Das Absolute dagegen kann gerade nicht Gegenstand einer solchen Hypothese werden. Eine Hypothese behauptet etwas über einen möglichen Sachverhalt; eine Fiktion kann dagegen eine notwendige Vorstellung sein, ohne dass ihr ein entsprechender Gegenstand zukommen muss.

Das scheint mir sehr nahe an Ihrem heutigen Gedanken vom Absolute als Endzweck zu liegen: Es ist nicht wirklich im Sinne eines vorhandenen Gegenstandes, aber es ist auch nicht beliebig erfunden. Es erhält seinen Sinn aus der Tätigkeit, die sich auf es hin orientiert.

Vielleicht könnte man deshalb Ihren letzten Satz heute sogar so lesen:

Das Absolute ist Fiktion – aber keine beliebige. Es ist die Fiktion, die eine zweckgerichtete Vernunft notwendig bildet, sobald sie über ihre eigene Tätigkeit nachdenkt.

Und damit wäre auch erklärt, weshalb die theoretische Philosophie dort „Halt machen“ muss: Sobald sie über diese Grenze hinausgeht und aus der notwendigen Fiktion einen Gegenstand macht, beginnt die Metaphysik.

von ChatGPT, 24. 9. 26 

Mittwoch, 23. September 2026

Hypothese und Fiktion.

                                                                                      aus Philosophierungen

Was ist denn nun das Absolute? – Es ist mein Maß, mehr ist darüber nicht zu sagen; denn wäre es durch Merkmale zu beschreiben, wäre es nicht absolut, sondern bedingt.

Schon 'mein' Maß ist zuviel gesagt, ich müsste mein in Klammern setzen: Es ist (mein) Maß. Da ist ein Ungleichgewicht, das Gemessene kann hier nicht sein ohne das Maß, wohl aber das Maß ohne zu Messendes. Ich bin ich nur, sofern ich vernünftig bin. Wir gehören enger zusammen als Schuh und Absatz.

Der persische Sufi Mansur al-Halladsch wurde 922 in Bagdad wegen seiner Ketzereien ge-kreuzigt; darunter die berühmteste, der Satz: Anâ l-haqq, 'Ich bin Wahrheit.' Das war anma-ßend, doch skandalös wurde es, weil al-haqq einer der Namen – der einundfünfzigste – Got-tes ist; seinen wahren Namen, den sozusagen absoluten, dürfen Muslime wie Juden nicht aussprechen.

Sagbar ist so etwas nur im Moment mystischer Entrückung; die aber steht unter Meister Eckharts Anweisung: Halt nach dir selber Ausschau, und wo du dich findest, da lass von dir ab. 

Mit theoretischer Philosophie hat das nichts zu tun. Die muss beim Absoluten Halt ma-chen. Bis hinein kommt sie ebensowenig wie die Kosmologie in den Urknall. Doch währ-end jener eine Hypothese ist und noch nicht alle Hoffnung vergebens, ist dieses eine Fik-tion.
27. 11. 15 

Dienstag, 22. September 2026

Der Schein und die Oberfläche.

wallpaperscraft                                                                                                         zu Marxiana
 
... Aller Unterschied zwischen ihnen ist ausgelöscht. Der Verkäufer qua solcher erscheint nur als Besitzer einer Waare zum Preiß von 3 sh., so daß beide vollkommen gleich sind; nur daß die 3 sh. einmal in Silber, das andre Mal in Zucker etc existiren. 

In der 3ten Form des Geldes könnte eine verschiedne Bestimmung zwischen den Subjekten des Prozesses hereinzukommen scheinen. Aber so weit das Geld hier als Material, allgemei-ne Waare der Contracte erscheint, ist vielmehr aller Unterschied zwischen Contrahenten und Contrahenten ausgelöscht. So weit es Gegenstand der Accumulation wird, scheint das Subject hier nur Geld, die allgemeine Form des Reichthums der Circulation zu entziehn, insofern es ihr nicht Waaren zum gleichen Preiß entziehe. 

Accumulirt also das Eine Individuum, das andre nicht, so thut dieß keins auf Unkosten des andren. Das eine genießt den realen Reichthum, das andre sezt sich in Besitz der allgemei-nen Form des Reichthums. Wenn das eine verarmt, das andre sich bereichert, so ist das ihr freier Wille und geht keineswegs aus dem ökonomischen Verhältnisse, aus der ökonomi-schen Beziehung selbst, in die sie zu einander gesezt sind, hervor. Selbst die Erbschaft und dergleichen juristische Verhältnisse, die so entstehende Ungleichheiten verewigen, thun die-ser natürlichen Freiheit und Gleichheit keinen Eintrag. Wenn das ursprüngliche Verhältniß des Individuums A nicht im Widerspruch steht zu diesem System, so kann dieser Wider-spruch sicher nicht dadurch hervorgebracht werden, daß das Individuum B an die Stelle des Individuums A tritt, es verewigt. Es ist dieß vielmehr ein Geltendmachen der socialen Bestimmung über die natürliche Lebensgrenze hinaus: eine Befestigung derselben gegen die zufällige Wirkung der Natur, deren Einwirkung als solche vielmehr Aufhebung der Freiheit des Individuums wäre. 

Zudem, da das Individuum in diesem Verhältniß nur die Individuation von Geld ist, so ist es als solches ebenso unsterblich als das Geld und seine Repräsentation durch Erben ist vielmehr die Durchführung dieser Bestimmung. Wenn diese Auffassungsweise nicht in ihrer historischen Bedeutung hervorgehoben wird, sondern als Widerlegung entgegengehalten wird den entwickeltren ökonomischen Verhältnissen, in denen die Individuen nicht mehr blos als Austauschende oder Käufer und Verkäufer, sondern in bestimmten Verhältnissen zu einander hervortreten, nicht mehr alle in derselben Bestimmtheit gesezt sind; so ist das dasselbe, als wollte behauptet werden, daß kein Unterschied, noch weniger Gegensatz und Widerspruch zwischen den Naturkörpern existirt, weil sie, z. B. in der Bestimmung der Schwere gefaßt, alle schwer und demnach gleich sind; oder gleich sind, weil sie alle 3 Raumdimensionen einnehmen. Der Tauschwerth selbst wird hier ebenfalls in seiner ein-fachen Bestimmtheit festgehalten gegen seine ent/wickeltren gegensätzlichen Formen. 

Im Gang der Wissenschaft betrachtet erscheinen diese abstracten Bestimmungen grade als die ersten, und dürftigsten; wie sie zum Theil auch historisch vorkommen; das Entwickeltre als das Spätre. Im Ganzen der vorhandnen bürgerlichen Gesellschaft erscheint dieses Setzen als Preisse und ihre Circulation etc als der oberflächliche Process, unter dem aber in der Tiefe ganz andre Processe vorgehn, in denen diese scheinbare Gleichheit und Freiheit der Individuen verschwindet. 

Einerseits wird vergessen, daß von vornherein die Voraussetzung des Tauschwerths, als der objectiven Grundlage des Ganzen des Productionssystems schon in sich schließt den Zwang für das Individuum, daß sein unmittelbares Product kein Product für es ist, sondern ein solches erst wird im gesellschaftlichen Process und diese allgemeine und doch äusser-liche Form annehmen muß; daß das Individuum nur noch als Tauschwerth Producirendes Existenz hat, also schon die ganze Negation seiner natürlichen Existenz eingeschlossen ist; es also ganz durch die Gesellschaft bestimmt ist; daß dieß ferner Theilung der Arbeit etc voraussezt, worin das Individuum schon in andren Verhältnissen als denen der blos Austau-schenden gesezt ist etc. 

Daß also nicht nur die Voraussetzung keineswegs weder eine aus dem Willen, noch der un-mittelbaren Natur des Individuums hervorgehende, sondern eine geschichtliche ist und das Individuum schon als durch die Gesellschaft bestimmt sezt. Andrerseits wird vergessen, daß die höhren Formen in denen nun der Austausch [erscheint], oder die Productionsbeziehun-gen, die sich in ihm realisiren, keineswegs stehn bleiben bei dieser einfachen Bestimmtheit, wo der höchste Unterschied, zu dem es kömmt, ein formeller und darum gleichgültiger ist. 

Es wird endlich nicht gesehn, daß schon in der einfachen Bestimmung des Tauschwerths und des Geldes der Gegensatz von Arbeitslohn und Capital etc latent enthalten ist. Diese ganze Weisheit kömmt also darauf heraus bei den einfachsten ökonomischen Verhältnissen stehn zu bleiben, die selbstständig gefaßt reine Abstractionen sind; die aber in der Wirklich-keit vielmehr durch die tiefsten Gegensätze vermittelt sind und nur eine Seite darstellen, worin deren Ausdruck verwischt ist. 

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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.1, S. 170f. [MEW 42, S. 172f.]  


Nota. -  Passagen wie diese haben mehreren Generationen von Adepten in PollÖck-Schu-lungen die Köpfe verkleistert. Wenn Marx von der Wissenschaft redet, dann werde er ja wohl sich selbst gemeint haben... 

Nein, er redet von der naiven Wissenschaft der Politischen Ökonomen, die auf den Schein der Wissenschaft her-einfallen: Sie erscheinen als völlig Freie, der eine kauft, der andere verkauft, der eine akkumuliert seine Werte, der andere verzehrt sie je nach seinem privaten Willen. So an der Oberfläche. In einer vermeintlichen 'Tiefe' dagegen scheinen sich wesent-lich andere Prozesse abzuspielen, die im Untergrund ein wirtschaftliches Gesamtgeschehen hervorbringen - nicht mehr "unsichtbare Hand" wie bei Smith, sondern Tiefenströmung: Alles ist fein, die privaten Laster der Individuen führen die Wohlfahrt des Ganzen herbei.

So im "Gang der Wissenschaft", der dogmatisch naiven nämlich. Dort stehen die Dinge auf dem Kopf: Die abstraktesten, reinsten Bestimmungen der bürgerlichen Produktionsweise, die erst auf ihrer höchstentfalteten Entwicklungsstufe 'in Erscheinung' treten, halten sie für die ersten, primitivsten, die kompliziertesten, undurchsichtigsen dagegen für die höstent-wickelten. (Na ja, "zum Teil" kommen sie doch "auch historisch" so vor, räumt der Kritiker ein.)

Was der mystifizierenden Betrachtungsweise "der Ökonomen" als ein unterirdisch-unmerk-licher Prozess 'erscheint', sind in Wahrheit längst geschehene historische Ereignisse, die im reellen, "oberflächlichen" Prozess von Kaufen und Verkaufen als dessen sachliche Bedin-gungen fortwirken. Wir sehen also zu, wie Marx sich nicht allein auf empirisch-stoffliche Weise seiner kritisch-historischen Verfahrensweise nähert, sondern - unmittelbar darein ver-woben - den dialektischen Schein zerstreut. - Anders hätte er das faktische Mysterium der "ursprünglichen Akkumulation" nie enthüllt.
JE, 21. 10. 20

Montag, 21. September 2026

Das Vexierstück vom Denkzwang, kurz und bündig.

M. C. Escher                         zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Ich denke reell, wenn ich mich gezwungen fühle. Dies kommt daher, weil ich mich be-stimmte.
_______________________________________________________________________ J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 217 

 

Nota. - Beim Fortschreiten im Bestimmen der Welt und dessen, was in ihr vorkommt, und aller Gedanken, die in mir vorkamen, habe ich eo ipso mich bestimmt. Fortfahren im Be-stimmen kann ich immer nur von dem Standpunkt, auf dem ich angelangt war. Was mein Denken zwingt, ist nichts als die Bestimmungen, die ich an mir schon vorgenommen habe.

Kann ich dem Zwang nicht entkommen, kann ich die Bestimmungen nicht rückgängig ma-chen? 

Aber sicher; ich kann den Verstand verlieren. Ob ich danach nochmal von vorn anfangen kann, ist eine andere Frage; zumal das Ich in diesem Fall kein einzelnes mehr ist, sondern das Genus der vernünftigen Wesen: Die müssten schon mitmachen.
JE, 1. 12. 21

Die pragmatische Wiederherstellung der kritischen Methode.

telegraph                                                                                                       aus   Marxiana Begriffe ohn...