Mittwoch, 24. Juni 2026

Rein objektiv.

                           zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Dann - der Begriff von der Wirksamkeit, der mit absoluter Freiheit entworfen und unter den gleichen Umständen ins Unendliche verschieden sein könnte, geht auf eine Wirksam-keit im Objekte. Mithin muss das Objekt ins Unendliche verändert werden können infolge eines ins unendliche veränderlichen Begriffs, man muss alles daraus machen können, was man daraus machen wollen kann. Es ist festgesetzt und könnte daher wohl durch seine Beharrlichkeit der Einwirkung widerstehen; aber es ist keiner Veränderung durch sich selbst fähig (es kann keine Wirkung anfangen); es kann mithin dieser Einwirkung nicht zuwider handeln.
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J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 28 



Nota. - 'Der Begriff seiner Wirksamkeit, der vom Ich mit absoluter Freiheit entworfen...'. 

Die Zwecke mögen unendlich viele sein, aber das Objekt, das noch in keiner Weise be-stimmt ist, weil es sich nicht bestimmen kann, ist als totes Sein immer nur leidend, und so ist es "unabänderlich bestimmt": als Objekt und sonst nichts. Es kann den möglichen Be-stimmungen durch das Ich passiv widerstehen, aber sich ihrer nicht aktiv erwehren.

Was immer einem realen Objekt für Bestimmungen zukommen mögen - sie wurden ihm von einem Ich an
getan.
JE,
20. 12. 18





Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Dienstag, 23. Juni 2026

Wissenschaftslehre und reale Wissenschaften.

                                    zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Deduktion der Einteilung der Wissenschaftslehre 

1) Alles, was wir finden als gegebenes Objekt, indem wir uns selbst finden, [alles,] was an die objektive Ansicht unsrer selbst geknüpft wird, haben wir aufgezeigt. Dieses gefundene Ob-jektive ist unsere Welt. Eine vollständige Erörterung dieser Welt und Beschreibung, die Be-stimmung durch alle Genkgesetze hindurch, ist die Wissenschaftslehre der Theorie oder der Erkenntnis im kantischen Sinn. Es kommt immer nur auf das Gefundene an. Diese Wissen-schaftslehre der Erkenntnis muss auch in unserer Grundlage enthalten sein, sie ists auch ihren Grundzügen nach. 

Die besondere Wissenschaft geht bis zur vollständigen Bestimmung der einzelnen Begriffe, da die Grundlage uns die Hauptbegriffe erläutert. Dieser Hauptbegriff wird durch die be-sondere Wissenschaft weiter analysiert, und dann ist die besondere Wissenschaft vollstän-dig. Das Objekt derselben ist durch alle Denkgesetze durchgegangen. Es muss durch bloße Analyse fortgegangen werden können zum Besonderen jeder Wissenschaft aus der Grund-lage. (Theoretische Philosophie: ihr Objekt ist die Natur; dieser kann betrachtet werden //241// entweder unter bloß mechanischen Gesetzen der Anziehung und Abstoßung (Beispiel Kant, Metaphysik der Natur) oder unter organischen Gesetzen. z. B. Lehre von dem Grun-de des Daseins des Menschen, der Tiere, der Pflanzen etc.  

Beide Untersuchungen erschöpfen die theoretische Philosophie oder die Weltlehre. Kurz, die theoretische Philosophie lehrt, wie die Welt ist und sein muss, wie sie uns gegeben wird. Ihr Resultat ist reine Empirie, hiermit endigt sie sich. Im gemeinen Leben wird das Wort Erfahrung von dem gedankenlosesten Menschen gebraucht, er rechnet seine Träumereien zur Erfahrung. Zuerst muss ausgemacht werden, was Erfahrung sein kann. Dies zu bestim-men hat ein großes Verdienst, dies tut die theoretische Philosophie, sie stellt auf, was not-wendig Erfahrung ist und sein kann.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 240f.   



Nota. - Kein anderer Autor hat wie Fichte so regelmäßig während der Darstellung seines Systems auf die Darstellung reflektiert. Auf das Verfahren nicht nur, sondern auch auf das, was dargestellt wird, denn um dessen Bestimmung geht es ja; so dass nie vom Verfahren des Bestimmens allein, sondern immer auch von dem je Bestimmten die Rede ist. 

Dies kam mit § 19 zu einem Schluss: Was heißt Wissen und was ist das, was wir wissen können?

Idealerweise müssten von da aus alle reellen Wissenschaften neu aufgebaut werden: "Welt-lehre", nämlich Physik und Biologie (wobei Chemie noch keine eigenes Fach ist). Das nennt Fichte 'Theoretische Philosophie', er rechnet sie offenbar zur Besonderen Wissenschaftsleh-re hinzu. Warum? Weil sie 'aufstellt, was notwendig Erfahrung ist und sein kann'.

Die wirklichen Wissenschaften können nicht von vorn anfangen. Die Wissenschaftslehre wird sie bestenfalls auf Schritt und Tritt kritisch begleiten: dass sie ihre Begriffe nicht aus der Luft greifen und nicht für Erfahrung ausgeben, was als Prämisse unterstellt wurde.

Dann freilich hieße es die kritische Philosophie überdehnen, wollte man sie in die Real-wissenschaften hineintreiben und selber positiv werden lassen. Sie kann nicht selber Realwissenschaft werden und muss deren Propädeutik und kritische Instanz bleiben.

Der ganze Schluss der Nova methodo wirkt etwas hastig und übers Knie gebrochen: Das Semester ging zu Ende und die Zeit wurde knapp.
JE, 18. 5. 17

Montag, 22. Juni 2026

Gefühl, Materie, Mannigfaltigkeit.

 ichkoche                             zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das Gefühl ist eins, es ist Bestimmtheit, Beschränktheit des ganzen Ich, über die es nicht hinausgehen kann. Es ist die letzte Grenze, es kann sonach nicht weiter zergliedert und zusammengesetzt werden, das Gefühl ist schlechthin, was es ist. Das durch das Gefühl Gegebene ist die Bedingung alles Handelns der Ich, die Sphäre, aber nicht das Objekt.

Die Darstellung des Gefühls in der Sinnenwelt ist das Fühlbare und wird gesetzt als Materie. Ich kann keine Materie hervorbringen oder vernichten, ich kann nicht machen, dass sie mich anders affiziere, als sie es ihrer Natur nach tut. Entfernen oder annähern kann ich sie wohl. Das Positive soll Mannigfaltigkeit sein, weil es Gegenstand der Wahl für die Freiheit sein soll. 

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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo,
 S. 69

 

Nota I. - Übrigens: Wie bei John Locke ist das Ich bei Fichte zuerst eine tabula rasa. Aber mit diesem feinen und wesentlichen Unterschied: Es will schlechterdings tätig werden. Es ist da-her die Möglichkeit von Allem. Diese allweilige Möglichkeit zu bestimmen ist seine charak-terisierende Aufgabe und macht schließlich seine Individualität aus. Es ist bestimmt als un-bestimmt und (sich-)bestimmend zugleich.

Ebenfalls wie bei Locke bedeutet Gefühl bei Fichte nichts anderes als die Sinnesdaten, die die Nervenenden dem Zentralorgan melden. Doch anders als bei Locke ist es das Ich, das ihre Qualität ihr So- oder Anderssein bestimmt; genauer gesagt: Indem ein Naturwesen sein Gefühl als so oder anders bestimmt, wird es macht es sich zu einem Ich.

Wie es dazu kommt? Es tut es aus Freiheit. Das macht den ganzen Unterschied zum Sensu-alisten aus.
23. 6. 16

Nota II. -  Die Wissenschaftslehre ist keine Metaphysik; sie beschreibt den Weg vom Vor-stellen zur Vernunft. Sie sagt nicht: Das Erste war die Materie - und sophistisiert aus der Materie das Gefühl, und destilliert da einen Geist heraus. Das ist das dogmatische Verfah-ren.

Für das kritische Verfahren ist das Erste ist vielmehr das Fühlen, es ist ohne alle Vorausset-zung, und man fühlt nicht überhaupt, sondern immer nur dieses und/oder jenes - für mich lauter Mannigfaltige, aber darüberhinaus Unbestimmte, die ich erst noch zu bestimmen ha-be: 'Materie', die als Gegenstand des Gefühls wahrgenommen wird und nicht als Ursache-ihrer-selbst.
JE 

Sonntag, 21. Juni 2026

Sein wunder Punkt.

nach stylen                zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

So ist die Vernunft selbst bestimmend ihre Tätigkeit; aber eine Tätigkeit bestimmen, oder praktisch sein, ist ganz dasselbe. - In einem gewissen Sinne ist es von jeher der Vernunft zugestanden worden, dass sie praktisch sei; in dem Sinne, dass sie die Mittel für irgend einen außer ihr, etwa durch unser Naturbedürfnis oder unsere freie Willkür, gegebenen Zweck finden müsse. In dieser Bedeutung heißt sie technisch-praktisch. Von uns wird behauptet, dass die Vernunft schlechthin aus sich selbst und durch sich selbst einen Zweck aufstelle; und insofern ist sie schlechthin praktisch. Die praktische Dignität der Vernunft ist ihre Ab-solutheit selbst; / ihre Unbestimmtheit durch irgend etwas außer ihr und vollkommene Be-stimmung durch sich selbst. 

Wer diese Absolutheit nicht anerkennt - man kann sie nur in sich selbst durch Anschauung finden -, sondern die Vernunft für ein bloßes Räsonnier-Verfahren hält, welchem erst Ob-jekte von außen gegeben werden müssten, ehe es sich in Tätigkeit versetzen könne, dem wird es immer unbegreiflich bleiben, wie sie schlechthin praktisch sein könnte, und er wird nie ablassen zu glauben, dass die Bedingungen der Ausführbarkeit des Gesetzes vorher er-kannt sein müssten, ehe das Gesetz angenommen werden könne.
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J. G. Fichte, System der Sittenlehre..., SW Bd. IV, S. 57f.


Nota. - Fichtes dogmatische Wendung beruhte nicht auf einem (theoretischen) Grund, son-dern auf einem (praktischen) Motiv. Daran hatte Jacobi appelliert, nachdem er ihm seine philosophischen Gründe konzediert hatte. Den fruchtbaren Boden fand er in Fichtes ambi-valenter Vorstellung von der Vernunft - in der ihrerseits zwei widerstreitende praktische Motive wirksam waren: hier das ewig nur sich selbst verantwortliche Ich, da die Unbedingt-heit der sittlichen Pflicht.  

Und es war anzunehmen, dass sich die Schwierigkeit, diese beiden miteinander zu vereinen, in der Sittenlehre spezifizieren müsste. Das Sittengesetz selber gebietet immer nur konkret: hic et nunc und unmittelbar. Allgemeinplätze alias Gesetze sind ihm völlig fremd, woher hätten sie ihm kommen sollen? - Aber ein Maß soll es ja wohl haben. Hinter ihm kann es keines geben. Also muss es vor ihm liegen. Ein Begriff kann es nicht sein, denn das wäre ein Abstraktum. Es soll aber anschaulich sein, anders wäre es nicht unmittelbar. 

Die Lösung liegt "anschaulich"auf der Hand: Das Maß ist nicht logisch, sondern ästhetisch. Wenn das, was ich hier und jetzt tun soll, schlechterdings geschehen soll, dann unterliegt es keinem Anderen, Höheren. Es hat keinen Zweck, es ist sich selber Zweck genug; und so ist nur das Ästhetische.

Das aber war Fichte (noch) nicht genug, als er eine Sittenlehre schrieb (denn dann hätte er sie abgebrochen). Ich meine, früher oder später wäre ihm nichts anderes übriggeblieben - wäre nicht der Atheismusstreit dazwischengekommen. Da er einen Schöpfergott verwor-fen hatte, konnte er sich der Versuchung des Atheismus nur erwehren, wenn er wenigstens eine göttliche Weltregierung oder doch immerhein den vernünftigen Glauben daran postulierte.

Und da zeitigte nun die Sittenlehre einen bizarren Einfall. Das Gewissen allein hat ihm als Garant eines sittlichen Lebens dann doch nicht gereicht, er muss ein schwereres Kaliber auffahren. Erst werden die gedachten - nicht die realisierten - Folgen der unendlichen Reihe aller je einzeln gebotenen pflichtgemäßen Taten hochgerechnet zu einem idealen Zustand vollendeter Sittlichkeit. Dann wird die kontingente Summe gesetzt als einiger realer Zweck aller wirklichen sittlichen Handlungen, und schließlich wieder heruntergerechnet auf die einzelnen Handlungen als deren keinem Ich je bekannte Einzelzwecke. Aus einer idealen Reihe wird ein reale, und die Vernunft, die real nur bestand als die vereinigte Vernünftigkeit einer Reihe vernünftiger Wesen, wird plötzlich, indem sie einen identischen Zweck erhält, zu einem eigenen Subjekt, die ihren Zweck so verfolgt, als habe sie ihn immer verfolgt - be-vor es die Reihe vernünftiger Wesen überhaupt gab. 'Aus unbewusst wird bewusst', könnte ein Spötter sagen; Hokuspokus, sagt der gesunde Menschenverstand.

Es ist nicht anzunehmen, dass ein scharfer Denker wie F. sich einen solchen Taschenspie-lertrick hätte durchgehen lassen, wenn die Motive nicht so unvergleichlich stärker gewesen wären als die Gründe. Die Sittenlehre war schon im Handel, als Friedrich Carl Forberg ihm seinen berüchtigten Aufsatz für das Philosophische Journal zukommen ließ, in dem er, von Hans Vaihinger später hochgelobt, die Religion als eine nützliche Veranstaltung zwecks Moralisierung der ungebildeten Masse darstellte. Als eine Art Disclaimer stellte ihm Fichte seinen Aufsatz Über den Grund unseres Glaubens an eine göttliche Weltregierung zur Seite, wo er die Notwendigkeit nicht eines Glaubens an einen persönlichen Gott, sondern eben: des Glaubens an eine göttliche Weltregierung darlegt; aber wohlbemerkt nicht: deren Reali-tät. 

War das atheistisch? Ein frommer Mann würde sagen, ja. Ein Atheist würde sagen, nicht wirklich. Auf jeden Fall zwang der Atheismusstreit Fichte, sich endlich für eine seiner bei-den Lesarten der Vernunft zu entscheiden. Er wählte, um nicht als Atheist dazustehen, die dogmatische. 
JE,
20. 2. 15

Samstag, 20. Juni 2026

Das Ich ist nichts als seine Tätigkeit - Sein ist Charakter des NichtIch.

                                      zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Man darf nicht denken, dass das Ich durch etwas Anderes bewusst werde. Das Ich ist nichts als seine Tätigkeit. Das vorstellende Selbst ist seine Selbsttätigkeit, diese ist sein Wesen, und eine gewisse bestimmte Selbsttätigkeit ist in der und der Lage sein Wesen.  Das Ich setzt sich selbst heißt: Es ist eine in sich selbst zurückgehende Tätigkeit. Wer nicht von allem Objekte abstrahieren kann, der ist zum gründlichen Philosophieren unfähig. Weiter unten wird sichs finden, dass man ein Substrat hinzudenken müsse, aber bis dahin muss man davon abstrahieren.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, II. Einleitung, Hamburg 1982, S. 17f. 

Sein ist Charakter des NichtIch, der Charakter des Ich ist Tätigkeit, der Dogmatismus geht vom Sein aus und erklärt dies fürs Erste, Unmittelbare.
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ebd., S. 41 

 

Nota. - Dem Denken bleibt nichts übrig, wenn es das Ich als 'nichts als seine Tätigkeit' in der regressiven Analyse einmal aufgefunden hat, als einen Jemand oder ein Etwas vor-auszusetzen, der oder das tätig ist

Im Denken ist das so. Beim Vorstellen muss man sich schon arg in Acht nehmen. Man könnte meinen: Solange es sich bewusst bleibt, dass es sich ja nur um das Vorstellen einer Vorstellung handelt, wäre nichts daran zu tadeln. Doch eben das wäre ein Reflexions akt - und kommt in der Vorstellung gar nicht vor. 

Er gehört zur 'idealen' Tätigkeit, die auf die 'reale' Tätigkeit des Vorstellens zurück geht - und eben daraus entsteht das Ich. Das ist die Tathandlung alias intellektuelle Anschauung, hinter die das Denken nur spekulativ und eben nicht anschauend zurückgreifen kann: Aus eben diesem Grund hat F. seinen paradoxalen Ausdruck gewählt.
JE 

 

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Freitag, 19. Juni 2026

Das Eine und Ganze.

                                                 zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Man muss die Vernunft als Ganzes auffassen, dann findet kein Widerstreit statt, dann ist die Natur ganz absolut durch sich selbst gesetzt als absolutes Sein, entgegengesetzt nur dem ab-soluten Ich. Diese Ansicht muss eine Naturwissenschaft nehmen.
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J. G. Fichte,Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 240 



Nota. -  Mit der Natur - nämlich allem, was in ihr wirklich vorkommt - beschäftigen sich die Wissenschaften. Sie ist, wie sie ist, und ohne Apriori, das ihr zugrunde läge. Die Vernunft nimmt sie so, wie sie ist, und das heißt: nicht anders, als sie erscheint. Die Vernunft ist reali-stisch. Auch gegenüber der selbstgemachten Geschichte der Menschen, die in ihr vorkom-men.

Ansonsten gibt es überhaupt nur die Sphäre des absoluten Ich, und das ist nichts anderes der Gang, den die Vorstellung genommen hat und nehmen musste, um Vernunft allererst hervorzubringen. Der Natur ist sie natürlich, als ihrem Gegenstand, entgegengesetzt und kommt in ihr nicht vor. Sie ist die Sphäre absoluter Tätigkeit.
14. 6. 19

 
 
Nota II. - Wie soll ich das anstellen: 'die Vernunft als Ganzes auffassen'? Vernunft ist überhaupt nur Tätigkeit. Als ein Ganzes kann ich sie mir nur als einen Ganzen vorstellen - nicht eine Tätigkeit, sondern einen Tätigen. Und der wäre, wie schon das Ich, ein Noume-non. Es mir real vorzustellen ist mir unbenommen. Aber es lässt sich daraus nichts folgern als... dass es eine Abstraktion ist, die keine Wirklicheit hat. 
 
Wie ist es aber mit 'der Natur'? Ist sie Eine, ist sie Ganz? Beides nur in der Vorstellung. Denn alle Natur kann ich nicht anschauen, will sagen: Wenn es auch Eins wäre, könnte ich es doch nicht anschauen - teils läge es an ihr, teils an mir. Ist sie durch sich selbst gesetzt? 'Gesetzt' ist sie für mich - aber durch wen oder was? 'Durch sich selbst' wäre ja wohl ein Willensakt, und den kann man ihr nicht zuschreiben. - Nein, mit der Natur ist es wie mit der Welt: Als Eine Ganze ist sie lediglich gesetzt in der und durch die Vorstellung.
 
Mit andern Worten, 'die Natur' alias die Materie ist schlechthin mannigfaltig, was immer ich mir auch vorstelle, denn sie ist unendlich und unbegrenzt, was philosophisch dasselbe ist, und das ist auch die Vernunft: Da sie von nichts umfangen wird, kann sie nichts Ganzes werden und zerfällt in Vielfalt - von Teilen oder von Akten
JE
 
 
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Donnerstag, 18. Juni 2026

In der Erfahrung findet Denkzwang statt.

                             zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

In der Erfahrung findet Denkzwang statt, die Dinge so aufzufassen.  
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehe nova methodo. Hamburg 1982, S. 244


Nota. - Erfahrung ist eine Sache der Sinnlichkeit. Ein Teil der Einbildungskraft bleibt - an einem Punkt A - gewissermaßen am Gegenstand hängen, der sie "beschränkt" durch ein Gefühl, und wird dadurch zu realer Tätigkeit. Ein weiterer Anteil der verbliebenen freien Einbildungskraft wendet sich aus eignem Entschluss auf das Gefühl der eben in A gesche-henen Beschränkung - und beschränkt sich selbst: Dies ist die ideale Tätigkeit der Reflexion. So ist der Weg der Erfahrung. In A findet Denkzwang statt und hat die Freiheit der Einbil-dungskraft ein Ende. Der verbliebene freie Anteil der Einbildungskraft geht fort ins Un-endliche.

13. 4. 15

Nota II. - Was frei von Erfahrung ist, kann sich einbilden, was immer ihm einfällt. Wer es der Reihe der vernünftigen Wesen mitteilen will, wird darauf - reflektieren müssen. Hat es einen Widerstand des Gegenstands nicht überwinden müssen, kann es auf Phänomenalität keinen Anspruch erheben und muss bloßes Noumenon bleiben. Begegnet es einem Denk-zwang eigener Art?
JE ,
29. 6. 20

 

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Mittwoch, 17. Juni 2026

Das Gegebene bindet meine Freiheit.

                              zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

In wiefern das Ich in dieser Funktion des Begriffs ideal ist, ist es doch gebunden. Die Entwerfung des Begriffs x lässt sich nur so begreifen: Es ist der idealen Tätigkeit ein Man-nigfaltiges gegeben, aus diesem setzt sie einen Begriff zusammen, sie lässt liegen, was sie will, und fasst auf, was sie will, darin besteht ihre Freiheit. Aber das Gegebene muss sie als gegeben anschauen, und darin liegt ihre Gebundenheit. 

Kurz, es ist hier ein Übergehen von Bestimmtheit zum sich Bestimmen oder zur Bestimm-barkeit. Die ideale Tätigkeit ist teils gebunden (bestimmt), teils frei. Die Freiheit ist das Be-dingte und die Gebundenheit das Bedingende; ist nichts gegeben, so kann nicht gewählt werden. So allein kann die Entwerfung des Begriffs vom Zweck gedacht werden. 

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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo,
 S. 64 

 

Nota. - Was dem Ich durch seine reale Tätigkeit gegeben erscheint, ist mannigfaltig. Aus dem Mannigfaltigen greift es Merkmale ('Definitionen') heraus, aus denen es sich einen Be-griff  bildet. Welche das sind, steht ihm frei, doch den Begriff bestimmt es ipso facto als diesen. Insofern ist es frei. Aber aus dem mannigfaltig Gegebenen muss es wählen - inso-fern ist es gebunden. Sofern der Begriff 'gegeben'  wird, muss es so wählen: Das ist der Denkzwang.

Merke: Die 'Merkmale' werden qualitativ, d. h. als irreduzibel, gefühlt. Dass sie zu Ein-em synthetisiert werden, ist der bestimmende Akt eines Urteils, und Sache der Einbildungs-kraft. Das ist das Freie an der idealen Tätigkeit, die auf die Anschauung des Gefühlten zu-rück geht. Das Gefühlte ist das Gesetzte und Zubestimmende, der Begriff ist das Bestimm-te.
JE 

 

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Dienstag, 16. Juni 2026

Das Ästhetische hat keinen Zweck, sondern gefällt oder nicht.

                                                    aus Philosophierungen  

Die ästhetische Philosophie ist ein Hauptteil der Wissenschaft und ist der ganzen anderen Philosophie, die man die reelle nennen könnte, entgegengesetzt. ... In materialer Ansicht liegt sie zwischen theoretischer und praktischer Philosophie in der Mitte. Sie fällt nicht mit der Ethik zusammen, denn unserer Pflichten sollen wir uns bewusst werden; allein die ästhetische Ansicht ist natürlich und instinktmäßig und dependiert nicht von der Freiheit.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehe nova methodo. Hamburg 1982, S. 244


Nota I. - Das steht doch noch unterm Einfluss von Baumgartens Aesthetica. Zwar rechnet er das Ästhetische nicht mehr dem "unteren Erkenntnisvermögen", nämlich der bloßen Sinnlichkeit zu. Aber er fasst es als unsere Naturbestimmtheit auf und eben nicht als Me-dium von Selbst
bestimmung: "dependiert nicht von der Freiheit".

Das ist sachlich nicht der Fall. Freiheit in specie ist bei Fichte nur möglich durch Reflexion. Ästhetische Betrachtung geschieht aber ohne Reflexion. Bestimmter gesagt: durch Absehen von der Reflexion - und das ist eine Reflexion zweiter Potenz, sie ist erst einem möglich, dem das freie Reflektieren habituell geworden ist; und dem es schon gelingt, es gegen es selbst zu wenden         

 aus Anthropologie statt Metaphysik

Wissen kommt nicht zustande ohne Absicht. Erst wenn ich an die Dinge meine Absicht* herantrage, bekunden sie ihre Eigenschaften - nämlich wie sie zu dem, worauf ich es ab-gesehen habe, 'Stellung nehmen'; alias was sie bedeuten. Von einem Ding "an sich" gibt es schon darum nichts zu wissen, weil es in dem Moment aufhört, "an sich" zu sein, als es meiner Absicht begegnet. Ohne meine Absicht bedeutet es nichts. Doch ihm ohne Absicht begegnen kann ich nicht.

Richtiger gesagt: kann ich nicht natürlich, sondern nur künstlich. Kann ich erst durch Re-flexion. Nämlich wenn ich absichtlich von den Absichten - allen möglichen Absichten - durch freien Entschluss, nicht natürlich, sondern künstlich, absehe und das Ding betrachte, wie es 'sich zeigen' würde, wenn ich es ohne Absicht betrachten könnte. Wenn ich also von mir absehen würde. So entsteht kein Wissen von Etwas, sondern lediglich Anschauung von Erscheinung.


Wenn ich mich absichtlich in den ästhetischen Zustand versetze: "In dem ästhetischen Zu-stand ist der Mensch Null", sagt Schiller. "An sich" sind die Dinge, wie sie ästhetisch er-scheinen. Sie sind das Kunstprodukt der Reflexion, die ihrer selbst entsagt. 

Mit andern Worten, ästhetisches Erleben ist nicht möglich ohne vorheriges Wissen und nicht ohne Hintergedanken. Es ist ein modernes Phänomen. Und dass uns die Bilder, die wir in diesem Zustand sehen, hinterher immer so vorkommen, als ob sie 'etwas zu bedeu-ten' hätten, ist kein Wunder.-
 

*) Auf ein Bewusstsein, das erst durch Reflexion entsteht, kommt es hier noch gar nicht an.

4. 9. 2013


Nota II. - Das knüpft unmittelbar an den gestrigen Eintrag. Der Ursprung der Vernunft ist - woher und wozu auch immer - ein originär poietisches Vermögen, eine prädikative Qua-lität, wie Fichte sagt: produktive Einbildungskraft. Es ist das Vermögen des Bestimmens: das Vermögen, einem an sich Unbestimmten eine qualitas zuzuschreiben.

Daraus ist das System der Vernunft entstanden, auf dessen Boden wir uns, und sei es im Streit, alle zusammenfinden. Doch erfasst es nicht die ganze Welt - denn nicht überall fin-den wir zusammen, nicht überall können oder gar müssen wir es. Zusamennfinden müssen - und können - wir, wo wir in der sinnlichen Welt Zwecke setzen, die, weil sie dort realisiert werden sollen, einander berühren, verbinden oder durchkreuzen können.

Das ist gottlob nicht überall so, und wenn ich an mein ureigenstes anschauendes Erleben denke, eigentlich gar nicht. Ich habe keinen Grund, mit dem Bestimmen überhaupt erst anzufangen,* wenn ich nicht Zwecke in der sinnlichen Welt daraus herzuleiten vorab beab-sichtige. Und sollte ein bedingter Reflex mich dennoch versuchen, kann ich ihn willentlich unterdrücken. Denn bevor es eine liebe lästige Gewohnheit wurde - in der bürgerlichen Geschäftswelt -, war die Reflexion nur aus Freiheit möglich. 

Nicht nur muss ich in der sinnlichen Welt nicht allen Erscheinungen 'mit Interesse' begeg-nen; ich kann sogar dort, wo ich eins habe, aus Freiheit von ihm absehen. So begegnen mir Dinge, die mir ohne Interesse gefallen - und denen ich ohne Weiteres zustimme; die mir missfallen, die lehne ich ab.

*) Ich schaue das X so an, als ob es schon bestimmt sei.
JE, 13. 6. 19

 

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