Donnerstag, 13. August 2026

Arbeit und Arbeitskraft; Tausch- und Gebrauchswert.

                                            zu Marxiana

Das Arbeitsvermögen unterscheidet sich als Gebrauchswert spezifisch von den Gebrauchs-werten aller andren Waren. Erstens dadurch, daß es als bloße Anlage in der lebendigen Leiblichkeit des Verkäufers, des Arbeiters, existiert; zweitens, was ihm einen von allen and-ren Gebrauchswerten durchaus charakteristischen Unterschied aufprägt, daß sein Ge-brauchswert — seine wirkliche Verwertung als Gebrauchswert, d. h. seine Konsumtion — die Arbeit selbst ist, also die Substanz des Tauschwerts, daß es die schöpferische Substanz des Tauschwertes selbst ist. Seine wirkliche Vernutzung, Konsumtion, ist Setzen des Tauschwerts. Tauschwert zu schaffen ist sein spezifischer Gebrauchswert. /

Als Ware jedoch hat das Arbeitsvermögen selbst einen Tauschwert. Es fragt sich, wie diesen Wert bestimmen? Soweit eine Ware unter dem Gesichtspunkt des Tauschwerts betrachtet wird, wird sie immer betrachtet als Resultat der produktiven Tätigkeit, die zur Erzeugung ihres Gebrauchswertes erheischt ist. Ihr Tauschwert ist gleich dem Quantum in ihr aufgear-beiteter, vergegenständlichter Arbeit, deren Maß die Arbeitszeit selbst ist. Als Tauschwert ist jede Ware von der andren nur quantitativ unterschieden, der Substanz nach aber ein gewisses Quantum der gesellschaftlichen Durchschnittsarbeit; der notwendigen Arbeitszeit, die erheischt ist, um diesen bestimmten Gebrauchswert unter gegebnen Produktionsbe-dingungen zu produzieren, also auch zu reproduzieren. 

Der Wert des Arbeitsvermögens wie der jedes andren Gebrauchswerts ist also gleich dem Quantum in ihm aufgearbeiteter Arbeit, der Arbeitszeit, die erheischt ist, um das Arbeits-vermögen zu produzieren. (Unter gegebnen allgemeinen Produktionsbedingungen.) Das Arbeitsvermögen existiert nur als Anlage in der lebendigen Leiblichkeit des Arbeiters. Die Produktion des Arbeitsvermögens, sobald es einmal als gegeben vorausgesetzt ist, löst sich wie die Produktion alles Lebendigen in Reproduktion auf, in Erhaltung. Der Wert des Arbeitsvermögens löst sich also zunächst auf in den Wert der Lebensmittel, die nötig sind, um es zu erhalten, d. h., um den Arbeiter als Arbeiter am Leben zu erhalten, so daß, wenn er heute gearbeitet hat, er fähig ist, denselben Prozeß unter denselben Bedingungen am andren Morgen zu wiederholen.

Zweitens: Eh' der Arbeiter sein Arbeitsvermögen entwickelt hat, ehe er fähig ist zu arbeiten, muß er leben. Soll also, wie vorausgesetzt ist, damit sich das Geld zum Kapital entwickle, damit das Kapitalverhältnis stattfinde — soll also das Kapital beständig auf dem Markt, innerhalb der Zirkulation, Verkäufer ihres eignen Arbeitsvermögens vorfinden, so ist es nötig — da der Arbeiter sterblich ist —, daß er außer seinen eignen Lebensmitteln genug Lebensmittel erhält, um die Arbeiterrace fortzupflanzen, zu vermehren oder allermin-destens auf ihrer gegebnen Höhe zu erhalten, so daß die dem Markt durch Untauglichkeit oder Tod entzogenen Arbeitsvermögen durch frische ersetzt werden. Mit andren Worten: Er muß hinlänglich Lebensmittel erhalten, um Kinder solange zu ernähren, bis sie selbst als Arbeiter leben können. Der Arbeiter — um ein bestimmtes Arbeitsvermögen zu entwi-ckeln, um seine allgemeine Natur so zu modifizieren, daß sie zur Ausübung einer bestimm-ten Arbeit fähig wird — bedarf einer Übung oder eines Unterrichts — einer Erziehung, die je nach der besondren Art produktiver Arbeit, die er erlernt, mehr oder minder selbst be-zahlt werden muß, also auch in die Produktionskosten des Arbeitsvermögens eingeht. 
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K. Marx, Ökonomisches Manuskript von 1861-63, in Marx-Engels-Werke Band 43, Berlin 1990
, S. 38f

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Mittwoch, 12. August 2026

Lebendige und vergegenständlichte Arbeit.

 Magnum                                                                                            zu Marxiana

Bei der Entwicklung des Kapitals ist es wichtig festzuhalten, daß die einzige Voraussetzung — das einzige Material, von dem wir ausgehn, Warenzirkulation und Geldzirkulation sind, Ware und Geld sind, und die Individue nur als Warenbesitzer einander gegenüberstehn. Die zweite Voraussetzung ist, daß der Formwechsel, den die Ware in der Zirkulation durchläuft, nur formell ist, d. h., der Wert in jeder Form unverändert bleibt, die Ware, die einmal als Gebrauchswert, das andre Mal als Geld existiert, aber ohne ihre Wertgröße zu ändern, die Waren also zu ihrem Wert, im Verhältnis zu der in ihnen enthaltnen Arbeitszeit, gekauft und verkauft werden, in andren Worten, nur Äquivalente sich austauschen. ... / 

... Den einzigen Gegensatz gegen die vergegenständlichte Arbeit bildet die nicht vergegen-ständlichte, die lebendige Arbeit. Die eine ist im Raum , die andre in der Zeit vorhandne Arbeit, die eine vergangen, die andre gegenwärtig, die eine in einem Gebrauchswert verkör-pert, die andre als menschliche Tätigkeit prozessierend und erst im Prozeß begriffen, sich zu vergegenständlichen, die eine ist Wert, die andre ist wertschaffend. Wird ein vorhandner Wert mit der wertschaffenden Tätigkeit, vergegenständlichte Arbeit mit lebendiger, kurz, Geld mit Arbeit ausgetauscht, so scheint die Möglichkeit vorhanden, daß ver/mittelst dieses Austauschprozesses der vorhandne Wert erhalten oder vergrößert wird. 

Nehmen wir also an, daß der Geldbesitzer Arbeit kauft, also der Verkäufer keine Ware, son-dern Arbeit verkauft. ...

In dem Prozeß G - W - G soll sich der Wert (eine gegebne Wertsumme) erhalten und ver-mehren, während er in die Zirkulation eingeht, d. h., abwechselnd die Formen der Ware und des Geldes annimmt. Die Zirkulation soll nicht bloßer Formwechsel sein, sondern die Wert-größe erhöhn, zu dem vorhandnen Wert einen Neuwert oder Mehrwert hinzusetzen. Der Wert als Kapital soll gleichsam Wert auf der zweiten Potenz sein, potenzierter Wert.

Der Tauschwert der Ware ist das in ihrem Gebrauchswert vergegenständlichte Quantum gleicher gesellschaftlicher Arbeit, oder das Quantum Arbeit, das in ihm verkörpert, aufge-arbeitet ist. Die Größe dieses Quantums mißt sich an der Zeit, der Arbeitszeit, die erheischt ist, um den Gebrauchswert zu produzieren, daher in ihm vergegenständlicht ist. ... 

Geld und Ware unterscheiden sich nur durch die Form, worin diese vergegenständlichte Arbeit ausgedrückt ist. Im Geld ist die vergegenständlichte Arbeit ausgedrückt als gesell-schaftliche Arbeit (allgemein), die daher unmittelbar austauschbar ist mit allen andren Waren in dem Maß , worin sie gleich viel Arbeit enthalten. In der Ware ist der in ihr ent-haltne Tauschwert oder die in ihr vergegenständlichte Arbeit nur ausgedrückt in ihrem Preis, d. h. in einer Gleichung mit Geld; nur ideell in Gold (dem Material des Gelds und dem Maß der Werte). Beide Formen aber sind Formen derselben Wertgröße und, ihrer Substanz nach betrachtet, Formen desselben Quantums vergegenständlichter Arbeit, also überhaupt vergegenständlichte Arbeit. (Das Geld, kann, wie wir gesehn haben, sowohl als Kaufmittel wie als Zahlungsmittel in der innren Zirkulation durch Wertzeichen, Zeichen seiner selbst, ersetzt werden. Dies ändert nichts an der Sache, da das Zeichen denselben Wert vorstellt, dieselbe Arbeitszeit, die im Geld enthalten ist. 
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K. Marx, Ökonomisches Manuskript 1861-63, in MEW 43, S. 29; 30f.  

 

Nota. - Es wird sich finden: Die lebendige Arbeit ist Tätigkeit, man kann sie anschauen und gebrauchen, aber nicht gegen eine andere Arbeit tauschen. Produkt ist die geronnene, die vergegenständlichte Arbeit, auch sie lässt sich anschauen und gebrauchen, doch nur sie lässt sich tauschen. 

Das wird sich im Lauf der Untersuchung als der alles entscheidende Unterschied erweisen. Denn gegen die im Geld vergegeständlichte Arbeit lässt sich zwar nicht die lebendige Arbeit, wohl aber die lebendige Arbeitskraft austauschen: Denn sie kann ihrerseits als Produkt aufgefasst werden. 

Dieses Thema wird Marx auf dutzenden Seiten so erschöpfend akribisch ausführen wie im chemischen Labor: Es soll in der Darstellung nicht die kleinste Lücke bleiben. Offenbar schreibt Marx auch hier noch mehr zum Zwecke der Selbstvergewisserung als für die Leser, denen er die vielen Wiederholung kaum zumuten durfte - und in der Endfassung des I. Bandes auch drastisch gekürzt hat.
JE 

 

Dienstag, 11. August 2026

Warum die Begriffsbestimmung des Kapitals beim Wert beginnen muss.

 alicdn                                                                  zu Marxiana
Zusätze zu α    
 

Um den Begriff des Kapitals zu entwickeln, ist es nötig nicht von der Arbeit, sondern vom Wert auszugehn, und zwar von dem schon in der Bewegung der Zirkulation entwickelten Tauschwert. Es ist ebenso unmöglich, direkt von der Arbeit zum Kapital überzugehn als von den verschiednen Menschenracen direkt zum Bankier oder von der Natur zur Dampf-maschine. /

Sobald das Geld als Tauschwert gesetzt wird, der sich verselbständigt, nicht nur gegen die Zirkulation (wie bei der Schatzbildung), sondern sich in ihr erhält, ist es nicht mehr Geld, denn dies kommt als solches nicht über die negative Bestimmung hinaus, sondern ist Ka-pital. Daher ist auch das Geld die erste Form, worin der Tauschwert zur Bestimmung des Kapitals fortgeht, und historisch die erste Erscheinungsform des Kapitals und wird daher auch historisch mit dem Kapital selbst verwechselt. Für das Kapital erscheint die Zirkula-tion nicht nur, wie beim Geld, als Bewegung, worin der Tauschwert verschwindet, sondern worin er sich erhält und selbst der Wechsel der beiden Bestimmungen von Geld und Ware ist. In der einfachen Zirkulation dagegen wird der Tauschwert nicht als solcher realisiert. Er wird immer nur realisiert im Moment seines Verschwindens. 

Wird Ware zu Geld und das Geld wieder zur Ware, so verschwindet die Tauschwertbestim-mung der Ware, die nur dazu gedient hat, für die erste Ware entsprechendes Maß der zwei-ten Ware (die zweite Ware im entsprechenden Maß) zu erhalten, womit letztre dann als Ge-brauchswert der Konsumtion anheimfällt. Die Ware wird indifferent gegen diese Form und ist nur noch direktes Objekt des Bedürfnisses. Wird Ware gegen Geld ausgetauscht, so ver-harrt die Form des Tauschwerts, das
Geld, nur so lange, als es sich außerhalb des Austauschs negativ gegen die Zirkulation verhält. Die Unvergänglichkeit, die das Geld anstrebte, indem es sich negativ gegen die Zirkulation verhielt, erreicht das Kapital, indem es sich grade da-durch erhält, daß es sich der Zirkulation preisgibt. 
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K. Marx, Ökonomisches Manuskript von 1861-63, in Marx-Engels-Werke Band 43, Berlin 1990, S. 29f.
                                     

Nota. - Band 43 war das letzte Stück, das von der Marx-Engels-Werke-Ausgabe erschienen, schon in der Bundesrepublik, aber noch herausgegeben vom SED-Institut.

Die MEGA hat mit der Edition des Ms. 61-63 noch nicht begonnen und ich weiß nicht, für wann sie geplant ist. Es ist Marxens erster Versuch, aus der Materialsammlung der soge-nannten Grundrisse ein lesbares Buch zu machen; aber auch der erste Versuch, die Kritik der Politischen Ökonomie systematisch darzustellen: Das Buch Zur Kritik... von 1859 sollte erst der Einstimmung des fachlichen Publikums dienen, hat aber die Wirkung, die Marx unter den Gelehrten erwartet hatte, nicht erzielt. Marx hat sich 1861 also an die Ausarbei-tung eines völlig neuen Werks gemacht.


Noch das Manuskript von 1863-1865 trägt viel mehr den Charakter eines 'Rohentwurfs', als die ebenfalls so untertitelten Grundrisse. Mit dem Band MEW 43 beginne ich eben erst. Er hat fast 500 Seiten. Ich mache mich auf einiges Durcheinander gefasst. Umso genauer müß-te man zusehen können, wie Marx in diesem Teil mit den Begriffen gerungen hat. Ich bin gespannt.
JE,
11. 12. 18

Montag, 10. August 2026

Real ist das Übergehen; Stationen gibt es nur für die Reflexion.

                                            zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Die Zirkulation, worin die Ware bald als Ware, bald als Geld dargestellt ist, zeigt einen Formwechsel derselben; die Art und Weise, wie ihr Tauschwert sich darstellt, wechselt, aber dieser Tauschwert selbst bleibt unverändert. Seine Wertgröße wechselt nicht, wird nicht affiziert durch diesen Formwechsel. 

In der Ware, der Tonne Eisen z. B., ist ihr Tauschwert, die in ihr enthaltne Arbeitszeit ausgedrückt (dargestellt) in ihrem Preise, sage von 3 lib St. Wird sie nun verkauft, so verwandelt sie sich in 3 lib St., in das durch ihren Preis angezeigte Geldquantum, das gleichviel Arbeitszeit enthält. Sie existiert jetzt nicht mehr als Ware, sondern als Geld, als selbständiger Tauschwert. In der einen Form wie in der andren bleibt die Wertgröße un-verändert. Nur die Form , worin derselbe Tauschwert existiert, hat sich verändert. Der Formwechsel der Ware, der die Zirkulation bildet, kaufen und verkaufen, haben an und für sich nichts mit der Wertgröße der Ware zu tun, die vielmehr als gegeben der Zirkulation vorausgesetzt ist. 

Die Geldform ist nur eine andre Form der Ware selbst, worin nichts an ihrem Tauschwert verändert wird, als daß er nun in seiner selbständigen Form erscheint.

In der Zirkulation W-G-W (verkaufen, um zu kaufen) stehn sich aber nur Warenbesitzer gegenüber, von denen der eine die Ware in ihrer ursprünglichen Gestalt, der andre sie in ihrer verwandelten Gestalt als Geld besitzt. Wie die Zirkulation W - G - W , so enthält die Zirkulation G - W - G nur die beiden Akte des Verkaufs und des Kaufs. In der einen wird mit dem Verkauf begonnen und mit dem Kauf geendet; in der andren wird mit dem Kauf begonnen und mit dem Verkauf geendet. 

Man braucht nur jeden der beiden Austauschakte für sich zu betrachten, um zu sehn, daß die Reihenfolge nichts an der Natur desselben ändern kann. In dem ersten Akt G - W exi-stiert das, was wir Kapital genannt haben, nur als Geld , in dem zweiten — W - G — nur als Ware, kann also in beiden Akten nur die Wirkung von Geld und Ware haben. In dem einen steht es dem andren Warenbesitzer als Käufer , Geldbesitzer, in dem andren als Verkäufer, Warenbesitzer, gegenüber. Nimmt man an, daß durch  irgendeinen unerklär-lichen Umstand es den Käufern gegeben sei, wohlfeiler zu kaufen, d. h., die Ware unter ihrem Wert zu kaufen und zu ihrem Wert oder über ihren  Wert zu verkaufen, so ist zwar in dem ersten Akt unser Mann  Käufer (in G - W ) und würde daher die Ware unter ihrem Wert kaufen, aber im zweiten Akt ist er Verkäufer ( W - G ) und ein andrer Warenbesitzer steht ihm als Käufer gegenüber; hätte also wieder das Privilegium, die Ware von ihm unter ihrem Wert zu erstehn. Was er auf der einen Hand gewonnen hätte, würde er mit der and-ren verlieren. Andrerseits nimmt man an, daß er die Ware über ihren Wert verkauft, indem dies das Privilegium des Verkaufens sei, so war in dem ersten Akt, bevor er selbst die Ware erstand, um sie wieder zu verkaufen, ein andrer ihm gegenüber Verkäufer, der ihm die Ware zu teuer verkauft hat. 

Verkaufen alle die Ware z.B. 10 % zu teuer — d . h . 10 % über ihrem Wert —, und wir haben hier nur Warenbesitzer einander gegenüberstehn, sei es, daß sie ihre Waren in der Form der Ware oder des Geldes besitzen, sie werden sie vielmehr jeder abwechselnd in der einen oder der andren Form besitzen — so ist es ganz dasselbe, als ob sie dieselben einan-der zu ihrem wirklichen Wert verkauften. Ebenso, wenn alle die Waren etwa 10 % unter ihrem Wert kaufen.

Die Zirkulation, worin die Ware bald als Ware, bald als Geld dargestellt ist, zeigt einen Formwechsel derselben; die Art und Weise, wie ihr Tauschwert sich darstellt, wechselt, aber dieser Tauschwert selbst bleibt unverändert. Seine Wertgröße wechselt nicht, wird nicht af-fiziert durch diesen Formwechsel. In der Ware, der Tonne Eisen z. B., ist ihr Tauschwert, die in ihr enthaltne Arbeitszeit ausgedrückt (dargestellt) in ihrem Preise, sage von 3 lib St. Wird sie nun verkauft, so verwandelt sie sich in 3 lib St., in das durch ihren Preis angezeigte Geldquantum, das gleichviel Arbeitszeit enthält. Sie existiert jetzt nicht mehr als Ware, son-dern als Geld, als selbständiger Tauschwert. In der einen Form wie in der andren bleibt die Wertgröße unverändert. 

Nur die Form, worin derselbe Tauschwert existiert, hat sich verändert. Der Formwechsel der Ware, der die Zirkulation bildet, kaufen und verkaufen, haben an und für sich nichts mit der Wertgröße der Ware zu tun, die vielmehr als gegeben der Zirkulation vorausgesetzt ist. Die Geldform ist nur eine andre Form der Ware selbst, worin nichts an ihrem Tauschwert verändert wird, als daß er nun in seiner selbständigen Form erscheint.

Soweit der bloße Gebrauchswert der Waren betrachtet wird, ist es klar, daß beide Teile durch den Austausch gewinnen können.  In diesem Sinn kann gesagt werden, daß „der Austausch eine Transaktion ist, worin beide Seiten nur gewinnen", (p. 68, Destutt de Tracy, „Élemens d'Idéo-logie. Traité de la volonté et de ses effets" (bildet IV et V parties), Paris 1826, wo es heißt: „Der Austausch ist eine bewundernswürdige Transaktion, in der die beiden Vertragspartner immer beide gewinnen.")

Soweit die ganze Zirkulation nur eine vermittelnde Bewegung ist, um Ware gegen Ware auszutauschen, veräußert jeder die Ware, die er nicht als Gebrauchswert bedarf und eignet sich die Ware an, die er als Gebrauchswert bedarf. Beide gewinnen also in diesem Prozesse und gehn ihn nur ein, weil sie beide in ihm gewinnen. Noch anders: A, der Eisen verkauft und Getreide kauft, produziert vielleicht in einer gegebnen Arbeitszeit mehr Eisen, als der Getreidebauer B in derselben Zeit produzieren könnte, und dieser seinerseits produziert in derselben Arbeitszeit mehr Getreide, als A produzieren könnte.

Durch den Austausch also, sei dieser durch Geld vermittelt oder nicht, erhält A für densel-ben Tauschwert mehr Getreide und B für denselben Tauschwert mehr Eisen, als wenn der Austausch nicht stattfände. Soweit also die Gebrauchswerte Eisen und Getreide in Betracht kommen , gewinnen beide durch den Austausch. Auch jeden der beiden Zirkulationsakte, Kauf und Verkauf, für sich betrachtet, gewinnen beide Seiten, soweit der Gebrauchswert betrachtet wird. Der Verkäufer, der seine Ware in Geld verwandelt, gewinnt dadurch, daß er sie jetzt erst in allgemein austauschbarer Form besitzt und sie so erst allgemeines Tausch-mittel für ihn wird. Der Käufer , der sein Geld in Ware rückverwandelt, gewinnt dadurch, daß er es aus dieser nur für die Zirkulation erheischten und sonst nutzlosen Form in einen Gebrauchswert für sich umgesetzt hat. Es macht also nicht die geringste Schwierigkeit ein-zusehn, daß beim Austausch jede der beiden Seiten gewinnt, soweit es sich um den Ge-brauchswert handelt.

Ganz anders jedoch mit dem Tauschwert. Hier heißt es umgekehrt: „Wo Gleichheit ist, ist kein Gewinn." ([p.] 244, Galiani, „Della Moneta", t. IV, Custodi, Autore etc., Parte Moderna ... „Dove è eguaglità non è lucro.")
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K. Marx, Ökonomisches Manuskript 1861-1863,  MEW 43, S. 17ff.  

 

Nota. - Fichtes Wissenschaftslehre fasst die Vernunft als einen unendlichen Progress auf. Er unterscheidet darin ein 'reale' und eine 'ideale' Ebene. Real ist das lebendige Vorstellen selbst, es geschieht ununterbrochen. Interpunktiert wird es von der idealen Tätigkeit: der Reflexion, des Rückblicks der Vorstellung auf sich selbst - der Moment des Reflektierens ist ein Stehenbleiben, die vorangegangene Vorstellungstätigkeit erscheint als ein Tat bestand, die lebendige Tätigkeit gerinnt zum Begriff. Der aber erscheint nur dem außenstehenden Zuschauer und ist dem wirklichen Fortschreiten äußerlich. Er braucht ihn aber, um am Gesamtprozess sinnhafte Abschnitte - Progresse - erkennen zu können. Real ist immer nur das Übergehen von einer Vorstellung zur nächsten: nämlich für den Vorstellenden selbst; erst wenn er sich oder einem andern Rechenschaft ablegt über das, was er getan hat, braucht er die Begriffe als Anhaltspunkte.  

Marx hat zum Gegenstand nicht das Vorstellen, sondern die materielle Produktion. Als Gesamtprozess erscheint auch sie als unendlicher Progress, doch der erscheint dem Be-obachter nicht nur als Nacheinander, sondern als ein Nebeneinander von Produktion und Zirkulation, von denen eine immer die andere voraussetzt und zugleich bezweckt. 

Den Standpunkt des außenstehenden Zuschauers verlässt Marx zu keinem Moment, denn er betrachtet den Gesamtprozess jederzeit im Vergleich mit dem Begriffssystem der Poli-tischen Ökonomie. Er ist kein theoretischer Systematiker, sondern Systemkritiker. 

Es liegt nahe, den beständigen Wechsel von W-G zu G-W mit dem Wechsel von real zu ide-al gleichzusetzen und als Übergehen zu benennen, aber das wäre zunächst nur eine Analo-gie, die im besten Fall eine Spur weist. 

Wenn das Wertgesetz gilt,* werden alle Waren gegeneinander je zu ihrem Wert getauscht. Durch den Tausch kann ein Mehr wert also nicht entstehen. Er muss in der Produktion entstehen. In die Produktion gehen allerdings alle Waren zu ihrem vollen Wert ein und verändern sich nicht - höchstens eine Minderung durch Verschleiß kommt vor. Auch da kann ein Mehrwert nicht entstehen. Und doch muss er irgendwo entstehen.

Der springende Punkt ist die Einheit von Produktion und Zirkulation, und in dieser Einheit muss der Mehrwert virtuell impliziert sein. Er muss in der Voraussetzung liegen, unter de-nen der Prozess überhaupt erst stattfindet: Es muss getauscht werden, damit produziert werden kann. Wenn jeder außer seinem Arbeitsvermögen auch über die nötigen Arbeits-mittel verfügt, kann ein jeder produzieren. Wenn genügend produziert wurde, um alle Be-dürfnisse zu befriedigen, mögen sie ihre Produkten gegeneinander tauschen. 

Wie ist es möglich, dass die Produktion überhaupt erst beginnen kann, nachdem ein primä-rer Austausch stattgefunden hat? 

Wenn das Arbeitsvermögen und die Arbeitsmittel von einander getrennt sind und durch einen Akt erst miteinander vermittelt werden müssen. 

Und in diesem Akt soll der Mehrwert zugrunde gelegt werden? 

Wenn der Wert des einen und des anderen nicht gleich ist - anders kann es nicht sein. 

Der Wert des Arbeitsmittels ist durch seine Erstellungskosten = die in ihm vergenständ-lichte Arbeit gesetzt; desgleichen wird der Wert der Arbeitskraft durch seine Erstellungs-kosten gesetzt, nämlich die Arbeit, die für Produktion und Reproduktion des Arbeitsver-mögens aufzuwenden war: den Arbeitslohn

Und welches ist das Mehr, das durch ihre Vermittlung hinzugesetzt wurde? Es ist die Arbeit selbst. Der Arbeiter erhält im Tausch den Gegenwert seines Arbeitsvermögens, der Kapital-besitzer erhält das Produkt der Arbeit. Es war ein ungleicher Tausch, denn der eine be-kommt den Tauschwert seines Arbeitsvermögen und der andere erhält den Gebrauchswert des fremden Arbeitsvermögens.

In der klassischen Politischen Ökonomie kommt, wie zu Recht gesagt wurde, der Ge-brauchswert gar nicht vor. Der geht es allein um die Formbestimmung: den Tausch wert. Nicht so die Kritik: Der geht es vielmehr um den Unterschied zwischen Form und Stoff - und das ist der Mehrwert.

*) Daß die Waren ihrem Wert gemäß ausgetauscht oder mit Rücksicht auf die besondre Form des Austauschs, die im Zirkulationsprozeß stattfindet, verkauft und gekauft werden, heißt überhaupt nur, daß Äquivalente, gleiche Wertgrößen, ausgetauscht werden, sich einander ersetzen, i.e. die Waren ausgetauscht werden im Verhältnis, worin ihre Gebrauchswerte gleich große Arbeitszeit aufgearbeitet enthalten, das Dasein gleich großer Quanta Arbeit sind.
aaO, S. 20 br

JE 

Sonntag, 9. August 2026

Ästhetik, Vernunft und Natur. (Nachtrag zu gestern)

  zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Fichte hat das Ästhetische nicht von ungefähr der "Natur" zugerechnet - nämlich in Ana-logie zum sinnlichen Gefühl; denn hätte er es irgendwo anders verortet, hätte er wohl oder übel die Vernunft selbst dort her erklären müssen. 

Fichte kommt, wie er sattsam betont, von Kant her. Wie wir wissen, weniger von der Kritik der reinen Vernunft als von der Kritik der Urteilskraft. Kant selbst stellt die Urteilskraft als ein Verbindungsstück zwischen reiner und praktischer Vernunft dar. In seiner Ausführung erscheint sie dann aber als die Grundlage aller Vernunftanwendung - nicht als Mittelglied einer Dreiheit, sondern als eine alle Einzelstücke durchziehende Adäquanz: Es macht sie zu Einer. 

Er unterscheidet zunächst zwischen ästhetischer und teleologischer Urteilskraft - um dann die ästhetische als die zugrundeliegende Substanz der teleologischen herauszuarbeiten: Das vorausgesetzte Telos erscheint ihm immer als das Als-ob eines an sich Zuwünschenden

Andererseits unterscheidet Kant nicht zwischen Gefühl und Anschauung. So aber Fichte: Gefühl ist der Anteil der Natur an der Vernunfttätigkeit. Alles, was darüber hinausgeht, ist nicht mehr nur Leiden an der Natur, sondern Bestimmen über sie, und das erste ist die Bestimmung des an sich unbestimmten Gefühls zu diesem Bild. 

Und so beginnt die Vernunft: als Tätigkeit des Bestimmens von einem Vorgefundenen, so dass vorgefunden wird nicht erst eine Menge von Gefühlsdaten, sondern ein Bild, das etwas bedeutet.

Das gilt für das ästhetisch Angeschaute wie für den in den teleologischen Zusammenhang der Zwecke entworfenen Begriff  - und damit die Vernunfttätigkeit strictu sensu. Ästheti-sches Anschauen und sinnhaftes Begreifen sind gleich originär. Der Unterschied ist allein der, dass das ästhetische Anschauen es bei sich selbst bewenden lässt, während der Begriff zum Wollen fortgeht. Man könnte sagen: Das Fortschreiten zu den realen Zwecken ist dem Vernunfttrieb natürlicher als das zweckfreie Geschmacksurteil; letzteres ist ein Luxus, den sich nur leisten kann, wessen blanken Bedürfnisse erstmal gedeckt sind. 

Eher hätte Fichte also die Vernunft der Natur zurechnen dürfen als das ästhetische Emp-finden, doch dazwischen liegt der Akt der Freiheit par excellence: das Setzen von Zwecken. Dem liegt das Ästhetische nicht voraus, sondern folgt ihm nach: nämlich als frei gewählter Verzicht auf den Zweck. 
JE 

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Samstag, 8. August 2026

Philosophie der Ästhetik.

Spitzweg                                aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

4) Nach dieser Einteilung bleibt daher eine Wissenschaft übrig, welche jedem bekannt ist, die man auch immer zur Philosophie gerechnet hat und mit Recht. (Ich meine nicht die Logik, welche für jede Wissenschaft gilt und für jedes Handwerk, und Instrument des Ver-nunftverfahrens ist). Die Ästhetik, wo liegt diese? Die soeben beschriebene und eingeteilte in ihrer Grundlage aufgestellte Philosophie steht auf dem transzendentalen Standpunkte und sieht von diesem auf den gemeinen Gesichtspunkt herab. Das ist das Wesen der trans-zendentalen Philosophie, dass sie nicht will Denkart im Leben werden, sondern zusieht einem Ich, welches im Leben sein Denksystem zu Stande bringt, sie schafft selbst nichts. Dieses untersuchte Ich steht auf dem gemeinen Standpunkt.

In der Theorie hat die Philosophie alle Menschen als besondere zum Objekt, und sie ist geschlossen, so wie der Mensch in concreto dasteht, ihre Ansicht gilt für jedes Individuum. In der Ethik und Rechtslehre wird der Mensch im realen Gesichtspunkte gedacht. Dabei entsteht der deutliche Widerspruch: Der ideale Philosoph betrachtet den realen Menschen? Er ist doch aber auch ein Mensch. Der Mensch kann sich auf den transzendentalen Ge-sichtspunkt erheben nicht als Mensch, sondern als transzendentaler spekulativer Wissen-schaftler. Es entseht in der Philosophie ein Anstoß, in ihr ihre eigene Möglichkeit zu er-klären. 

Was gibts für einen Übergang zwischen beiden Gesichtspunkten. - Frage über die Mög-lichkeit der Philosophie. Beide Gesichtspunkte sind sich ja gerade entgegengesetzt. Gibts nicht ein Mittleres, so ist nach unseren eigenen Grundsätzen kein Mittel, zu ihm über-/zugehen.


Es ist faktisch erwiesen, dass es so ein Mittleres gibt zwischen der transzendentalen und gemeinen Ansicht; dieser Mittelpunkt ist die Ästhetik. Auf dem gemeinen Gesichtspunkte erscheint die Welt als gegeben, auf dem transzendentalen als gemacht ('Alles in mir'); auf dem ästhetischen erscheint sie als gegeben, so als ob wir sie gemacht hätten und wie wir selbst es machen würden (vide Sittenlehre von den Pflichten des ästhetischen Künstlers).

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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 243f.  


Nota I. - Das ästhetische Wahrnehmen - der ästhetische Sinn oder auch Trieb, wie F. an-dernorts wiederholt sagt - gehört zum wirklichen sinnlichen Leben, es kommt ungeniert - aber nicht ganz ungebrochen - vom 'gemeinen Gesichtspunkt' her. Soll es den Übergang von dort zum transzendentalen Gesichtspunkt realiter möglich machen, dann ist es dessen reale Bedingung; ihr Grund.
 

Das ergab schon die Wissenschaftslehre selbst: Sie beruht auf einem Grund, der außerhalb ihrer liegt und von ihr nicht analytisch aufgefunden, sondern spekulativ erschlossen wurde: Wollen, das einzige An-sich, von dem die Wissenschaftslehre allenfalls reden könnte, und das als 'Trieb' und 'Streben' im System wieder vorkommt als reales Substrat des transzen-dentalen Ich; 'Einbildungskraft' als der unendliche Fortschritt vom Bestimmbaren zum Be- stimmt(er)en.

"Ganz anders verhält es sich mit dem Triebe, den wir eben den ästhetischen nannten. Er zielt auf Vorstellungen, und auf bestimmte Vorstellungen lediglich um ihrer Bestimmung und um ihrer Bestimmung als bloßer Vorstellung willen. Auf dem Gebiete dieses Triebes ist die Vorstellung ihr eigner Zweck."*

Da hat Fichte dem Ästhetischen eine gewaltige Bürde aufgepackt, und geahnt hat er es. Leider hat ihn der Atheismusstreit davon abgebracht, seine Bahn weiter zu verfolgen.


*) 
Über Geist und Buchstab in der Philosophie. in: SW VII, S. 279
23. 5. 16

Nota II. - Nein, das ist ein Fehler, den man als solchen benennen muss: Dass das ästhe-tische Erleben aus dem wirklichen sinnlichen Leben stamme, ist zur Hälfte falsch. Die physiologischen Reize, die als ästhetisch - gefallend oder nicht gefallend - erlebt werden, kommen gewiss nirgend anders her als etwa das Gefühl von Hunger und Durst; wie könn-ten sie auch? Wie jene gehen sie ein in ein System der Sinnlichkeit, das sie ipso facto 'ver-ändern'. Es ist die jeweilige 'Veränderung', die im System so oder anders 'bestimmt' wird. Dass das eine als grob-sinnlich, das andere als fein-ästhetisch beurteilt wird, liegt am je erreichten Zustand des Gesamtsystems.

Dieser Zustand ist tatsächlich ein historisch gewordener.

Das kann F. nicht in den Sinn kommen, denn dasjenige, auf das Bewusstsein immer hinaus-laufen soll, Vernunft, ist für ihn nicht historisch geworden, sondern 'schon immer da' gewe-sen. (Ausdrücklich ausgesprochen hat er es erst nach dem Atheismusstreit, aber gestreift hat er diese Vorstellung schon vorher immer wieder.) In dieser Optik müsste ein Übergehen vom 'gemeinen' durch den ästhetischen bis zum 'transzendentalen' Standpunkt immer mög-lich gewesen sein; wäre das Ästhetische Kriterium für das 'Wesen des Menschen'. (So fassen es Paläologen auf, die aus dem Fund als ästhetisch gewerteter Artefakte auf die Zugehörig-keit der Verfertiger zu Homo sapiens schließen.) 

Nun ist dasjenige, was an einem Artefakt als seine ästhetische Qualität erscheint, nur demje-nigen erkenntlich, der bereits nach dem Ästhetischen 'Ausschau hält': der es in seinem eige-nen Leben bereits von den anderen Merkmalen der Dinge - welche sämtlich durch ihre Nützklichkeit bestimmt sind - unterschieden hat. Ob die Hersteller das auch schon getan haben, steht in den Sternen, es ist sogar unwahrscheinlich. Für sie mögen Nützliches und seine Verzierungen sich ununterschieden miteinander vermengt haben, nämlich so lang sie noch nicht unter die Botmäßigkeiten der Arbeitsgesellschaft gezwungen waren und noch die nötige Muße fanden, das Nützliche auch gefällig zu machen.

Danach fing die Geschichte der Vernunft faktisch aber erst an: "Selbst die Erkenntnis wird zunächst nicht um ihrer selbst willen, sondern für einen Zweck außer ihr gesucht. Auf der ersten Stufe der Bildung, des Individuums sowohl, als der Gattung, überschreit der prakti-sche Trieb, und zwar in seiner niederen, auf die Erhaltung und das äußere Wohlsein des animalischen Lebens gehenden Äußerung, alle übrigen Triebe; und so fängt denn auch der Erkenntnistrieb damit an, bei jenem zu dienen, um in diesem Dienst sich zu einer selbstän-digen Subsistenz auszubilden. 

Das Menschengeschlecht muss erst zu einem gewissen äußeren Wohlstande und zur Ruhe gekommen, die Stimme des Bedürfnisses von innen, und der Krieg von außen muss erst be-schwichtigt und beigelegt sein, ehe dasselbe auch nur mit Kaltblütigkeit, ohne Absicht auf das gegenwärtige Bedürfnis und selbst mit der Gefahr sich zu irren, beobachten, bei seinen Betrachtungen verweilen, und unter dieser mäßigen und liberalen Betrachtung den ästhe-tischen Eindrücken sich hingeben kann." (Fichte, Über Geist und Buchstab...

Das geschieht faktisch aber nicht als gleitender Übergang, sondern als Sprung: Tatsächlich ist es eine bestimmte kleine Gruppe von Menschen, die sich als Priester und Kriegsfürsten aus der - inzwischen werktätigen - Menge absondern, von produktiver Arbet freihalten und sich an den nützlich Dingen dem bloßen Schein widmen können - und magische und Ho-heitszeichen in die Welt setzen. 

Erst auf diesem Umweg ist das Wahrnehmen des schönen Scheins als einem solchen mög-lich geworden, und nur als Privileg der herrschenden Klassen konnte Vernunft geschichts-mächtig - und folglich wirklich werden.
JE,
23. 5. 16

Freitag, 7. August 2026

Das Ästhetische stammt nicht aus der Natur.

                                               aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Die ästhetische Philosophie ist ein Hauptteil der Wissenschaft und ist der ganzen anderen Philosophie, die man die reelle nennen könnte, entgegengesetzt. ... In materialer Ansicht liegt sie zwischen theoretischer und praktischer Philosophie in der Mitte. Sie fällt nicht mit der Ethik zusammen, denn unserer Pflichten sollen wir uns bewusst werden; allein die ästhetische Ansicht ist natürlich und instinktmäßig und dependiert nicht von der Freiheit.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehe nova methodo. Hamburg 1982, S. 244


Das steht doch noch unterm Einfluss von Baumgartens Aesthetica. Zwar rechnet er das Ästhetische nicht mehr dem "unteren Erkenntnisvermögen", nämlich der bloßen Sinnlich-keit zu. Aber er fasst es als unsere Naturbestimmtheit auf und eben nicht als Medium von Selbst
 bestimmung: "dependiert nicht von der Freiheit".

Das ist sachlich nicht der Fall. Freiheit in specie ist bei Fichte nur möglich durch Reflexion. Ästhetische Betrachtung geschieht aber ohne Reflexion. Bestimmter gesagt: durch Absehen von der Reflexion - und das ist eine Reflexion zweiter Potenz, sie ist erst einem möglich, dem das freie Reflektieren habituell geworden ist - und dem es schon gelingt, es gegen es selbst zu wenden:
 

Wie das Ästhetische in die Welt gekommen ist.
 
Wissen kommt nicht zustande ohne Absicht. Erst wenn ich an die Dinge meine Absicht* herantrage, bekunden sie ihre Eigenschaften - nämlich wie sie zu dem, worauf ich es abge-sehen habe, 'Stellung nehmen'; alias was sie bedeuten. Von einem Ding "an sich" gibt es schon darum nichts zu wissen, weil es in dem Moment aufhört, "an sich" zu sein, als es meiner Absicht begegnet. Ohne meine Absicht bedeutet es nichts. Doch ihm ohne Absicht begegnen kann ich nicht.
 
Richtiger gesagt: kann ich nicht natürlich, sondern nur künstlich. Kann ich erst durch Re-flexion. Nämlich wenn ich absichtlich von den Absichten - allen möglichen Absichten - durch freien Entschluss, nicht natürlich, sondern künstlich, absehe und das Ding betrachte, wie es 'sich zeigen' würde, wenn ich es ohne Absicht betrachten könnte. Wenn ich also von mir absehen würde. So entsteht kein Wissen von Etwas, sondern lediglich Anschauung von Erscheinung.
 
Wenn ich mich absichtlich in den ästhetischen Zustand versetze: "In dem ästhetischen Zu-stand  ist der Mensch Null", sagt Schiller. "An sich" sind die Dinge, wie sie ästhetisch (er)-scheinen. Sie sind das Kunstprodukt der Reflexion, die ihrer selbst entsagt. 
 
Mit andern Worten, ästhetisches Erleben ist nicht möglich ohne vorheriges Wissen und nicht ohne Hintergedanken. Es ist ein modernes Phänomen. Und dass uns die Bilder, die wir in diesem Zustand sehen, hinterher immer so vorkommen, als ob sie 'etwas zu bedeu-ten' hätten, ist kein Wunder.
 
*) Auf ein Bewusstsein, das erst durch Reflexion entsteht, kommt es hier noch gar nicht an.

4. 9. 2013 





Nota - Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE

Donnerstag, 6. August 2026

Der ästhetische Gesichtspunkt ist es, durch den man sich zum transzendentalen erhebt.

Daumier, Parade de saltimbanques             aus Wissenschftslehre - die fast vollendete... 

Der Wille erscheint dem ästhetischen Sinne frei; dem gemeinen als Produkt des Zwangs, z. B. jede Begrenzung im Raume ist Resultat der Begrenztheit des Dinges durch andere, denn sie werden dabei gepresst; jede Ausbreitung ist auch Resultat des inneren Aufstrebens der Körper, allenthalben Fülle, Freiheit, ersterer ist unästhetisch, letzter ist der ästhetische.

Das ist der ästhetische Sinn, aber die Wissenschaft ist etwas anderes. Die Wissenschaft ist der Form nach transzendental, sie ist Philosophie, sie beschreibt die ästhetische Ansicht, in solcher Ästhetik muss nicht ein schöner Geist sein; die ästhetische Philosophie ist ein Hauptteil der Wissenschaft und ist der ganzen anderen Philosophie, die man die reelle nennen könnte, entgegengesetzt. 

Der Einteilungsgrund ist der Gesichtspunkt, welcher entgegengesetzt ist. In materialer Ansicht liegt sie zwischen theoretischer und praktischer Philosophie in der Mitte. Sie fällt nicht mit der Ethik zusammen, denn unserer Pflichten sollen wir uns bewusst werden; allein die ästhetische Ansicht ist natürlich und instinktmäßig und dependiert nicht von der Frei-heit.
[siehe jedoch: Wie das Ästhetische in die Welt gekommen ist.]

Dieser Gesichtspunkt ist es, durch den man sich zum transzendentalen erhebt; so folgt, dass der Philosoph ästhetischen Sinn, d. h. Geist haben müsse; er ist deshalb nicht notwendig ein Dichter, Schönschreiber, Schönredner; aber derselbe Geist, durch dessen Ausbildung man ästhetisch wird, derselbe Geist muss den Philosophen beleben, und ohne diesen Geist wird man es in der Philosophie nie zu etwas bringen; sonst plagt man sich mit dem Buchstaben und dringt nicht in des Innere.

Finitum d. 14. März 1799 _________________________________________________________ 
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 244


Nota. - Der Übertritt aus dem 'gemeinen' in den 'transzendentalen' Gesichtspunkt ist ein Hiatus, gar eine Katharsis: Das Individuum löst sich gedanklich nicht nur aus seinen Ver-strickungen mit der Welt, sondern aus seiner Identität mit sich, mindestens "zum Teil": Es tritt neben sich und sieht sich dabei zu, wie es sich in der Welt zurechtfindet. "Im ästheti-schen Zustand ist der Mensch gleich Null", hieß es bei Schiller. Das ist es, was ihn zum Vorraum des transendentalen Standpunkts werden lässt.

 

Nota II. - Dieser zweite Vortrag der Wissenschaftslehre "nach neuer Methode" endete Mitte März 1799. Da war der Atheismusstreit längst in vollem Gange. Noch zu diesem fortgeschrittenen Zeitpunkt schließt Fichte die Darstellung seiner prima philosophia so, dass kein Zweifel bleibt: als nächstes ist die Ausarbeitung der "ästhetischen Philosophie" als ein "Hauptteil" seines spekulativen Geschäfts vorgesehen. Die von Giorgia Cecchinato* dazu zusammengetragenen philologischen Daten lassen wenig Raum für andere Deutun-gen. 

Wenige Tage nach Abschluss der Vorlesung reichten Fichte und Niethammer ihre jeweiligen "Verantwortungsschriften" gegen den Atheismus-Vorwurf beim weimarischen Ministerium ein. Dass die Angelegenheit bis zur Entfernung Fichtes von seinem Lehrstuhl führen wür-de, war noch nicht abzusehen. Die aber hat dann alle andern Pläne umgestoßen. 

Ob Fichte bei der Ausarbeitung seiner Ästhetik zu dem Schluss gelangt wäre, die Ethik der Ästhetik als einen Spezialfall unterzuordnen, wie Herbart es später tat, steht in den Sternen. Es hätte seine Logik, und Herbart dürfte seine eigenen Ergebnisse aus der Auseinanderset-zung mit Fichtes Sittenlehre gewonnen haben. 

Der entscheidende Punkt ist: Auch die Ethik gebietet, wie die Ästhetik, immer "einzeln und unmittelbar", und diesen Punkt hat nicht nur Herbart, sondern vor ihm schon Novalis aus Fichtes Vortrag herausgehört. Allgemeine Gesetze sind der Moralität sowohl für Herbart als für Novalis direkt entgegengesetzt. Was anders als diese kann Fichte aber gemeint haben, wenn er oben sagt: "unserer Pflichten sollen wir uns bewusst werden"? Denn dass ich mir im gegebenen Moment dessen, was ich unmittelbar soll, 'bewusst' werde und mir 'einen Be-griff davon' mache, liegt ja auf der Hand, aber das ist beim Ästhetischen auch nicht anders.

Und ob sich Fichte zu dem Entschluss hätte durchringen mögen, das Wahre-Absolute-Unbedingte als eine ästhetische Idee aufzufassen, ist noch weniger gewiss. Logisch gibt es eigentlich keinen andern Weg, aber das Herz kennt manchmal Gründe, von denen der Verstand nichts ahnt.
JE


*) Giorgia Cecchinato, Fichte und das Problem einer Ästhetik, Würzburg 2009

Mittwoch, 5. August 2026

Die ästhetische Ansicht ist der Angelpunkt.

jpletarte                        aus Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Ich mache mich deutlicher. Auf dem transzendentalen / Gesichtspunkt wird die Welt ge-macht, auf dem gemeinen ist sie gegeben: auf dem ästhetischen ist sie gegeben, aber nur nach der Ansicht, wie sie gemacht ist. Die Welt, die wirkliche Welt, die Natur, denn nur von ihr rede ich, - hat zwei Seiten: sie ist [1.] Produkt unserer Beschränkung; sie ist [2.] Produkt unseres freien, es versteht sich, idealen Handelns (nicht etwa unserer reellen Wirksamkeit). In der ersten Ansicht ist sie selbst allenthalben beschränkt, in der letzten selbst allenthalben frei. Die erste Ansicht ist gemein, die zweite ästhetisch. ... 

Wer der ersten Ansicht nachgeht, der sieht nur verzerrte, gepreßte, ängstliche Formen; er sieht die Häßlichkeit; wer der letzten nachgeht, der sieht kräftige Fülle der Natur, er sieht Leben und Aufstreben; er sieht die Schönheit. So bei dem Höchsten. Das Sittengesetz ge-bietet absolut, und drückt alle Naturneigung nieder. Wer es so sieht, verhält sich zu ihm als Sklav. Aber es ist zugleich das Ich selbst; es kommt aus der inneren Tiefe unseres eigenen Wesens, und wenn wir ihm gehorchen, gehorchen wir nur uns selbst. Wer es so ansieht, sieht es ästhetisch an. 

Der schöne Geist sieht alles von der schönen Seite; er sieht alles frei und lebendig. ... Wo ist die Welt des schönen Geistes? Innerlich in der Menschheit, und sonst nirgends. Also: die schöne Kunst führt den Menschen in sich selbst hinein, und macht ihn da einheimisch. Sie reißt ihn los von der gegebenen Natur, und stellt ihn selbständig und für sich allein hin. ... 

Ästhetischer Sinn ist nicht Tugend: denn das Sittengesetz fordert Selbständigkeit nach Be-griffen, der erstere aber kommt ohne alle Begriffe von selbst. Aber er ist Vorbereitung zur Tugend, er bereitet ihr den Boden, und wenn die Moralität / eintritt, so findet sie die halbe Arbeit, die Befreiung aus den Banden der Sinnlichkeit, schon vollendet. Ästhetische Bildung hat sonach eine höchst wirksame Beziehung auf die Beförderung des Vernunftzwecks. 

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J. G. Fichte, Das System der Sittenlehre nach den Principien der Wissenschaftslehre, SW Bd. IV, S. 353ff.


Nota. - Wir haben eine Welt nur als Vorstellung; aber die haben wir gemacht: Das ist der Standpunkt der philosophischen Reflexion. Fürs bürgerliche Leben dagegen sind Welt und Vorstellung gleichermaßen gegeben. Das ist eine geschäftige, prosaische und enge Welt. Sie ist hässlich. 

Das Sittengesetz gebietet absolut. Aber es lautet in seiner schlichtesten Form: Handle nach eigenem Urteil. Formal drückt es nieder, material lehrt es uns, auf eigenen Füßen zu stehen. "Wenn wir ihm gehorchen, gehorchen wir nur uns selbst." 

Wer vom Standpunkt der philosophischen Reflexion ins wirkliche Leben zurückkehrt, mag die transzendentale Ansicht beibehalten: Sie wird ihm zur ästhetischen. Auf der andern Sei-te bildet die ästhetische Ansicht den Übergang vom gewöhnlichen Standpunkt zum trans-zendentalen, und ohne ihn wäre die kritische und Transzendentalphilosophie gar nicht möglich geworden.

Ästhetischer Sinn sei nicht Tugend, sagt er des öftern: Das Sittengesetz fordere Selbststän-digkeit nach Begriffen. Nach Zweck
begriffen, setze man erläuternd hinzu: Nach einem Urteil um/zu, und da das Sittengesetz immer momentan und unmittelbar gebietet, nach einem Urteil ad hoc. Urteile ad hoc sind die ästhetischen Urteile auch. Nach Begriffen werden sie nicht gefällt, sondern aus bloßer Anschauung. Doch auch so, als wären sie mir absolut geboten, einen Raum zum Deliberieren habe ich nicht.

Er hätte gut daran getan, das Sittengesetz und den ästhetischen Sinn phänomenal in einem Komplex zusammenzufassen. Sein abtrünniger Schüler Herbart hat diesen Schritt konse-quenter Weise getan und das Ethische als Schönheit im Reich der Willensakte dem Ästhe-tischen als dessen Teilbereich untergeordnet. Ethische Urteile haben streng genommen ebenso wie ästhetische Urteile keinen Gegenstand; ihr Zweck ist nämlich nicht, dieses oder jenes so oder anders zu bestimmen. Sondern eine eingetretene Bestimmung meines Zu-stands zu bestätigen oder zu verwerfen.

Und dies nun macht die gemeinsame Besonderheit des ethischen und ästhetichen Urteils aus: Es geschieht nicht stückweise, 'quantifizierend', synthetisch a posteriori, sondern ganz und auf einmal: synthetisch a priori.  


"Erfassen" ließe sich mein ganzer Zustand nur, soweit er von einem Teilstück zum andern übergehe und sie nach einander verknüpft. "Wenn unser Zustand auf einmal aufgefasst würde, so würde nicht übergegangen, und so würde nichts Ganzes aufgefasst. Was ist nun das Ganze dieses Zustandes? Nach dem soeben Gesagten ist es Synthesis des Wollens und des Seins, Beziehung beider auf einander, welches beide nicht zu trennen ist." Nova metho-do, S. 155

Der springende Punkt: Ästhetische wie ethische Urteile werden nicht gefasst, aufgefasst wie das Vernunfturteil nach Deliberation, nicht bestimmt durch 'mein Ich', sondern angeschaut als ein Zustand, in dem ich bin. Es tritt zwischen Wollen und Sein eine Scheidung gar nicht erst ein. Und wenn ich zu einem Verstandesurteil komme, dann immer erst hinterher.

27. 8. 18 

Nota II. - Lies weiter >hier.
JE

 

 

Arbeit und Arbeitskraft; Tausch- und Gebrauchswert.

                                             zu   Marxiana Das Arbeitsvermögen unterscheidet sich als Gebrauchswert spezifisch von den Gebr...