Das neokritische System.
Sonntag, 3. Mai 2026
Widerstand.
Samstag, 2. Mai 2026
Sehhilfe; oder Die Krise.
birgitH / pixelio.de zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Ausdrücklich und ganz bestimmt durch das Nichtphilosophieren, d. h.
dadurch, daß man zur philosophischen Abstraktion sich nie erhoben oder
von der Höhe derselben sich wieder in den Mechanismus des Lebens [und]
gemeinen Denkens hineinversetzt, entsteht uns alle Realität; und
umgekehrt, sowie man sich zur Spekulation erhebt, verschwindet diese
Realität gänzlich. Nun ist das Leben Zweck, keinesfalls das Spekulieren;
das letztere ist nur Mittel. Und es ist nicht einmal Mittel, das Leben
zu bilden; es liegt in einer ganz anderen Welt. Was auf das Leben
Einfluß haben soll, muß selbst aus dem Leben hervorgegangen sein. Es ist
lediglich Mittel, das Leben zu erkennen.
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 118]
Nota. - Wenn immer - wann immer - 'das Leben' in eine Krise gerät, wird es nötig, es "zu erkennen". Nämlich wenn die Selbstverständlichkeiten fraglich werden. Das, was sich von selbst versteht, ist der Grund des ganzen Gebäudes. Wird er wacklig, wird eine Neube-gründung nötig, und die kann nicht sein ohne Kritik.
JE
Freitag, 1. Mai 2026
Nur eine Gehhilfe.
Foto: christoph wesemann Unser
System ... läßt sich ebensowenig
einfallen, das gemeine und allein reelle Denken selbst zu erweitern, / sondern will dasselbe lediglich darstellen und erschöpfend
umfassen. Wir denken im philosophischen, das objektive Denken. Unser
philosophisches Denken bedeutet nichts und hat nicht den mindesten
Gehalt; nur das in diesem Denken gedachte Denken bedeutet und hat
Gehalt. Unser philosophisches Denken ist lediglich ein Instru-ment, durch
welches wir unser Werk zusammensetzen. Ist das Werk fertig, so wird das
Instrument als unnütz weggeworfen.
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 114f.]
Nota. - Das "Werk" ist Kritik: die Überprüfung der Gründe. Sind sie geprüft - bestätigt oder verworfen -, so ist ihr Werk getan. Das Wissen hat eine höhere Stufe erreicht. Und so fort.
JE
Donnerstag, 30. April 2026
Zwei Arten zu denken.
daniel stricker zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Es gibt zwei sehr verschiedene Standpunkte des Denkens; den des
natürlichen und ge-meinen, da man unmittelbar Objekte denkt, und den des
vorzugsweise so zu nennenden künstlichen, da man, mit Absicht und
Bewußtsein, sein Denken selbst denkt. Auf dem ersten steht das gemeine
Leben, und die Wissenschaft; auf dem zweiten die
Transzenden-talphilosophie, die ich eben deshalb Wissenschaftslehre
genannt habe, Theorie und Wis-senschaft alles Wissens, keineswegs aber
selber ein reelles und objektives Wissen.
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 111]
Nota. - Vernünftigsein heißt Reflektieren dort, wo es angebracht ist. Das ist der gemeine oder auch gesunde Menschenverstand. Den bürgerlichen Alltag bewältigen kann man nicht ohne, und mehr ist dazu auch nicht vonnöten. Transzendentalphilosopie tut mehr, sie re-flektiert auf die Reflexion. Sie gehört nicht selbst zum positiven Wissen, sondern ist, wenn sie den kritischen Punkt trifft, deren Korrektiv: Dem bürgerlichen Alltag sind seine Zwecke gegeben. Die Transzendentalphilosophie will sie fraglich machen.
JE
Mittwoch, 29. April 2026
So als ob Vernunft in der Natur wäre.
Michael Rittmeier, pixelio.de zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
... das Prinzip der reflektierenden
Urteilskraft kann also kein andres sein, als dieses: das Mannigfaltige der
empirischen Wahrnehmung so zu beurteilen, als ob es unter gewissen Sätzen der
Einheit stehe, die ihm ein anderer Verstand in der Absicht gegeben habe, um
eine zusammenhängende Erfahrung aus denselben für uns möglich zu machen.
J. G. Fichte, Versuch eines erklärenden Auszugs [aus der 'Kritik der Urteilskraft'] GA II/1, S. 333f.
JE
Dienstag, 28. April 2026
Das Eine Prinzip.
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Montag, 27. April 2026
Einen Akt der Freiheit begreifen wollen.
Erhard Ruhland zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Es
würde
aber unrichtig sein, wenn man hierbei mit seinem Urteile stehen bleiben
und be-haupten wollte, er könne auch keinen anderen Charakter haben, als
er
habe. Er soll schlecht-hin sich einen anderen bilden, wenn sein
gegenwärtiger
nichts taugt, und er kann es; denn dies hängt schlechthin ab von seiner
Freiheit. Hier ist etwas Unbegreifliches; und es kann nicht
anders sein, weil wir an der Grenze aller Begreiflichkeit, bei der Lehre
von der Freiheit in Anwendung auf das empirische Subjekt, stehen. ...
Begreifen heißt, ein Denken an ein an-deres anknüpfen, das erstere
vermittelst des
letzteren denken. Wo eine solche Vermittlung möglich ist, da ist nicht
Freiheit, sondern Mechanismus. Einen Akt der Freiheit
begreifen wollen, ist absolut widersprechend. Eben wenn sie es begreifen
könnten,
wäre es nicht Freiheit.
J. G. Fichte, Das System der Sittenlehre nach den Principien der Wissenschaftslehre, SW Bd. IV, S. 181f.
Sonntag, 26. April 2026
Jacobi, Fichte und die Vernunft.
Fr. H. Jacobi, 1801
zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Von Vernunft ist die Wurzel, Vernehmen.
S. 14
Vernehmen setzt ein Vernehmbares; Vernunft das Wahre zum voraus: Sie ist das Vermögen zum Voraussetzen des Wahren. Eine das Wahre nicht voraussetzende Vernunft ist ein Un-ding.
S. 27
Wo die Weisung auf das
Wahre fehlt, da ist keine Vernunft. Diese Weisung; die Nötigung, das
ihr nur in Ahndung vorschwebende Wahre als ihren Gegenstand, als die
letzte Begierde aller Erkenntnis zu betrachten, macht das Wesen der
Vernunft aus.
S. 28
Weil die Vernunft im Auge die Gottheit, Gott notwendig im Auge hat: deswegen allein hal-ten wir sie für höher als das Selbst im gemein sinnlichen Verstande; und insofern mag es denn auch Sinn haben und für Wahrheit gelten: "dass Vernunft Zweck; Persönlichkeit nur Mittel sei."
S. 31
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Johann Heinrich Jacobi, Jacobi an Fichte, Hamburg, 1799
Nota. I - Jacobi hat den springenden Punkt bloßgelegt.
Fichte hatte ein real
Absolutes allezeit vorausgesetzt, und nicht einmal stillschweigend,
son-dern ausdrücklich; und doch, ohne es zu bemerken. Die Vernunft
behandelt er als etwas reell Wirkendes; nicht etwa ein Regulativ,
sondern ein Konstituens. Sie fällt nicht unter die Gegenstände der
Wissenschaftslehre, sondern geht ihr voraus. Fichtes phänomenologisch-kritisches Verfahren war nicht radikal, vor der selbstverständlichsten der Selbstverständlich-keiten hat er Halt gemacht. Vernunft besteht nur darin, dass Menschen meinen, es gäbe für ihr
Urteilen ein Maß. Sie ist das allgemeinst-mögliche Vor-Urteil.
Für ihr Urteilen - auf diesen Beisatz kommt es an -, sofern es allgemeines Gelten
bean-sprucht; denn unter andern Umständen ist Vernunft gar nicht am
Platz. Ich meine, vernünf-tig zu denken, wenn ein Anderer, dem ich
vor-denke, gar nicht anders kann, als mir nach-zu-denken und mir
beizustimmen. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder, ich lasse es
drauf ankommen; das wäre die pragmatische, die "findende", die problematische
Version. Oder ich nehme eine prä-etablierte Übereinstimmung an, die
eine andere Möglichkeit gar nicht offen lässt und einen wirklichen
Andern gar nicht braucht; das ist die dogmatische Version, es ist die theologische Version, denn irgendwer, irgendwas müsste die Übereinstim-mung ja prä-etabliert haben.
Hier hat Jacobi Fichte am Haken. Wenn er sich nicht ermannen kann, Vernunft pragma-tisch, problematisch als ein Projekt aufzufassen, dessen glücklicher Ausgang durch nichts und niemand garantiert ist, dann muss er theoretisch, muss als einen Begriff
'Gott' zu Grunde legen. Mit andern Worten, er muss als Ergebnis der
Transzendentalphilosophie die Transzendentalphilosophie leugnen.
Eine proiectio per hiatum irrationalem sei
es, die Jacobi ihm hier zumute, meint Fichte, und sollte den Rest
seines Lebens an den Versuch setzen, aus den Prämissen der
Transzenden-talphilosophie ein seiendes Absolutes herauszukonstruieren. Mit der Bestimmung des Men-schen hat es, wie wir sehen werden, angefangen.
1. 5. 14*
Samstag, 25. April 2026
Man kann leben, ohne zu spekulieren.
Bild aus hauntedgallery zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete VernunftkritikWorin man befangen ist, was man selbst ist, kann man nicht erkennen; man müßte aus dem-selben herausgehen, aufhören, es zu sein, sich auf einen Standpunkt außerhalb desselben stellen. Dieses ist die Spekulation; dieser Standpunkt außer dem wirklichen Leben ist sie. Nur inwiefern es diesen höhern Standpunkt und diese beiden entgegengesetzten Stand-punkte gab, ist es dem Menschen möglich, sich selbst zu erkennen. Man kann leben und vielleicht der Vernunft ganz gemäß leben, ohne zu spekulieren; man kann leben, ohne das Leben zu er/kennen. Aber man kann das Leben nicht erkennen, ohne zu spekulieren.
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Freitag, 24. April 2026
Selbstvergessen ist der Charakter der Wirklichkeit.
Chardin, Der Junge mit dem Kreisel; zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete...
...Sonach wäre der gesuchte Grund deiner Urteile über Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit gefunden. Das Selbstvergessen wäre Charakter der Wirklichkeit; und in jedem Zustande des Lebens wäre der Focus, in welchen du dich hineinwirfst und vergissest, und der Focus der Wirklichkeit Eins und dasselbe. Das sich dir selbst Entreißende wäre das wirklich sich begebende und deinen Lebensmoment füllende.
J. G. Fichte, Sonnenklarer Bericht an das größere Publikum über da eigentliche Wesen der neuesten Philosophie [1801] SW. Bd. II, S 337f.
Nota. - Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich von Jacobi schon dazu verleiten lassen, aus der Transzendental- in die Lebensphilosophie hinüber zu gleiten. Das Falsche daran ist nicht die Lebensphilosophie selber, sondern das Hinübergleiten; zumal er ja den Schlussgang um-kehrt und seine Lebensphilosophie zur Prämisse der Transzendendalphilosophie machen will. Wenn die Transzendentalphilosophie - echter durchgeführter Kritizismus - zu einem Abschluss gekommen ist, mag oder muss man sich Gedanken über den Sinn des Lebens machen: unter den Vorbehalten, die jene gebietet. Aber das ist freie Schöpfung, Kunst, Poe-sie, und kann und will auf Wissenschaftlichkeit keinen Anspruch erheben.
Was gar keine Minderung ist, denn das Leben ist keine wissenschaftliche Forschung.
JE, 9. 12. 13
Donnerstag, 23. April 2026
Der größte Teil des Bankkapitals ist rein fiktiv.
businessinsider zu MarxianaDie Reservefonds der Banken, in Ländern entwickelter kapitalistischer Produktion, drücken immer im Durchschnitt die Größe des als Schatz vorhandnen Geldes aus, und ein Theil die-ses Schatzes besteht selbst wieder aus Papier, bloßen Anweisungen auf Gold, die aber keine Selbstwerthe sind. Der größte Theil des Bankierkapitals ist daher rein fiktiv und besteht aus Schuldforderungen (Wechseln), Staatspapieren (die vergangnes Kapital repräsentiren) und Aktien (Anweisungen auf künftigen Ertrag).
Wobei nicht vergessen werden muß, daß der Geldwerth des Kapitals, den diese Papiere in den Panzerschränken des Bankiers vorstellen, selbst soweit sie Anweisungen auf sichre Er-träge (wie bei den Staatspapieren) oder soweit sie Eigenthumstitel auf wirkliches Kapital (wie bei den Aktien), durchaus fiktiv ist und von dem Werth des wirklichen Kapitals, das sie wenigstens theilweise vorstellen, abweichend regulirt wird; oder wo sie bloße Forderung auf Erträge vorstellen und kein Kapital, die Forderung auf denselben Ertrag in beständig wech-selndem fiktivem Geldkapital sich ausdrückt. Außerdem kommt noch hinzu, daß dies fiktive Bankierkapital großentheils nicht sein Kapital, sondern das des Publikums vorstellt, das bei ihm deponirt, sei es mit, sei es ohne Zinsen.
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K. Marx, Das Kapital III; MEGA II. 15, S. 467. [MEW 25, S. 487]
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