telegraph aus MarxianaBegriffe ohne Anschauung sind leer, hatte Kant den rationalistischen Dogmatikern seiner Zeit, zu denen er eben noch selbst gehört hatte, hinter die Ohren geschrieben. Begriffe werden nicht ergriffen, sondern vom reflektierenden Verstand aus Anschauungen gemacht. Das sollte als Die Kopernikanische Wende der Philosophie in die Lehrbücher eingehen. Doch Kant war noch keine zehn Jahre tot, da geisterte der Begriff schon wieder als sich selbst bewegendes Subjekt/Objekt durch die Metaphysik.
Dazwischen lag eine wahrhaftige Konterrevolution im Denken. Der Begriff erhebt sich als Absoluter Geist über alle Realität und verleibt sich selbst noch die Iche ein, die Geschichte, die ganze Welt ist nichts als die Parusie des Begriffs, eine zyklische Bewegung, in der er, durch die Endlichkeit hindurch, am Ende doch wieder zu sich zurückkehrt.
In der Gestalt des Hegel'schen Systems kehrte der dogmatische Rationalismus - mit my-stizistischen Strähnchen, das ist wahr - für drei Jahrzehnte zur Herrschaft zurück und vermochte selbst die literarische Erinnerung an die Kritische, die Transzendentalphilo-sophie zu tilgen.
Dem hat das Aufkommen der Hegel'schen Linken im deutschen Vormärz nicht wirklich Abhilfe geschaffen. Die Hegel'sche Schule war im wilden Bacchanal der Kritischen Kri-tik zerfallen, das war alles. An eine Rückkehr zum weiland mutwillig abgerissenen trans-zendentalen Ansatz dachte von den Philosophen keiner.
Nicht als Philosoph hat Marx die Hegel'sche Mystifikation überwunden, sondern als Hi-storiker und Kritiker der Politischen Ökonomie. Sein wissenschaftliches Lebensthema war ihm von Engels in den Umrissen zu einer Kritik der Nationalökonomie vorgegeben wor-den, und lange glaubte er, das lückenhafte Klassische System der Politischen Ökonomie nach Hegels dialektischer Methode vervollständigen zu sollen. Und da fand sich, dass nicht die Begriffe sich bewegen, sondern die wirklichen historischen Subjekte. Unter großen Mühen kam er schließlich dazu, den Begriff auf sein kritisch gebotenes Maß zurückzufüh-ren: als kritisches Instrument in der Hand des analysierenden Historikers. Dessen bestimm-te Aufgabe ist gerade, die Stellen ausfindig zu machen, die von den Begriffen nicht 'erfasst' werden, und an denen der historische Bericht die Lücke füllen muss: Nicht der Wertbe-griff begründet das Kapital, sondern die Vertreibung des Landvolks vom Boden begründet das Wertgesetz.
Marx hat Fichte nicht gelesen, das lässt sich (fast) schlüssig dokumentieren und bei Gele-genheit werde ich das tun; die Dialektik in ihrer ursprünglichen, kritischen und rationellen Gestalt in Form des Fichte'schen analytisch-synthetischen Verfahrens hat er nicht gekannt. Er hat auch nicht mit metatheoretischen Spekulationen über die richtige Methode begon-nen, sondern mit der Analyse selbst, und musste die gebotene kritische Wendung auf denkpragmatischem Weg an der Stelle einführen, wo sie unvermeidlich wurde.
Nicht der Begriff 'schlägt um', sondern ein Begreifender wechselt den Gesichtspunkt, das ist das ganze Geheimnis der pp. Dialektik.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 32f.
Man nennt die innere Thätigkeit, in ihrer Ruhe aufgefasst, durchgängig den Begriff. ... Der Begriff ist überall nichts anderes, als die Thätigkeit des Anschauens selbst, nur nicht als Agilität, sondern als Ruhe und Bestimmtheit aufgefasst. ...
Im gemeinen Bewusstseyn kommen nur Begriffe vor, keinesweges Anschauungen als solche; unerachtet der Begriff nur durch die Anschauung, jedoch ohne unser Be-wusstseyn, zu Stande gebracht wird. Zum Bewusstseyn der Anschauung erhebt man sich nur durch Freiheit, wie es soeben in Absicht des Ich geschehen ist; und jede An-schauung mit Bewusstseyn bezieht sich auf einen Begriff, der der Freiheit die Rich-tung andeutet. Daher kommt es, dass überhaupt, so wie in unserem besonderen Falle, das Object der Anschauung / vor der Anschauung vorher daseyn soll. Dieses Objekt ist eben der Begriff. Nach unserer gegenwärtigen Erörterung sieht man, dass dieser nichts anderes sey, als die Anschauung selbst, nur nicht als solche, als Thätigkeit, son-dern als Ruhe aufgefasst.
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Begreifen heißt, ein Denken an ein anderes anknüpfen, das erstere vermittelst des letzteren denken. Wo eine solche Vermittlung möglich ist, da ist nicht Freiheit, sondern Mechanis-mus.
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ders., Das System der Sittenlehre nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW IV, S. 182