Sonntag, 2. August 2026

Anschauen ist Nachbilden.

 G. Lange Giotto lernt zeichnen                     zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Alles Anschauen ist ein Nachbilden.
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 40 

Das Anschauen [ist,] im Gegensatz mit dem Gefühle, Tätigkeit
ebd., S. 81 

Im Gefühle ist Tätigkeit und Leiden vereinigt; in wiefern das erste vorkommt, hat es Bezie-hung auf das Ich; in wiefern aber das zweite vorkommt, auf ein NichtIch, aber im Ich wird es gefunden, das Gefühl ist faktisch das erste Ursprüngliche
ebd., S. 68  

 

Für Kant ist Anschauung nur ein anderes Wort für Sinnlichkeit: reine Rezeptivität. Nicht so für Fichte. Bloß rezeptiv ist für ihn nicht einmal das Gefühl, denn wenn das Ich sich selbst fühlt, fühlt es seine Tätigkeit. Bloß leidend ist das er Fühlen eines NichtIch. Doch dabei kann es nicht bleiben: Der Schluss vom Gefühl auf einen Gegenstand, der es verursacht, ist eine Anschauung - ein erster Akt von Reflexion: eine Art von Nachbilden in der Vorstel-lung.

Es ist dies keine Folge in der Zeit, sondern geschieht uno actu: Es wird nicht gefühlt ohne anzuschauen. Die Unterscheidung geschieht erst durch Reflexion.
JE


Samstag, 1. August 2026

Meine Pflicht ist nie abstrakt.

                                                aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Dem wirklichen Menschen im Leben (und wie sich versteht, auch dem, der selbst Philoso-phie treibt, inwiefern er wirklich handelt) kommt das Pflichtgebot nie überhaupt, sondern immer nur eine bestimmte Willensbestimmung in concreto als Pflicht vor. Inwiefern er nun wirklich seinen Willen so bestimmt, wie sein Gewissen es in diesem Falle fordert, so handelt er moralisch.
_____________________________________________

J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen. [S. 157] 


Nota. - Die Moralität meiner Handlung entscheidet sich nicht daran, ob mein Gewissen mir dieses oder jenes gebot, sondern daran, dass es mein Gewissen war, das mir geboten hat. Nicht ob das, was ich getan habe, moralisch war, ist die Frage, sondern ob ich in meinem Handeln moralisch war. Pflicht ist allein, was mein Gewissen mir gebietet - und nichts an-deres. Moralische Gesetze gibt es nicht. Das Gewissen gebietet immer hier und jetzt.
JE, 22. 11. 18

 

Freitag, 31. Juli 2026

Wie der Gebrauchswert in die Formbestimmung eingreift.

                                                                aus Marxiana

     ... der je besondre Gebrauchswert der Arbeitskraft, die dieses je besondre Kapital ver-braucht, d. h. zu effektiver Arbeit (energeia) aktualisiert, bestimmt nicht über den Wert der Ware - denn dieser drückt nur das Prorata des einzelnen Produkts an dem gesellschaftlichen Gesamtarbeitstag aus -, sondern bestimmt die Höhe des Profits, den das Kapital an der ein-zelnen Ware macht; bestimmt die individuelle Profitrate dieses besondern Kapitals - näm-lich indem sie den spezifischen Unterschied der individuellen zur allgemeinen, durchschnitt-lichen Profirate ausmacht, und darauf, allein darauf kommt es dem Kapital an: allein auf seinen (Extra-) Profit, nicht auf die Wertproduktion an sich.

Also im Allgemeinen, d. h. für die reflektierende Abstraktion, ist es so, dass "der Wert" - nämlich der je geschaffene Neuwert, und um den allein geht es hier - "geschöpft" wird aus dem Unterschied zwischen Gebrauchs- und Tauschwert der Arbeitskraft, weil ihr Ge-brauchswert eben die Arbeit selbst ist.

Der Wert drückt aus den Anteil, den das individuelle Produkt an der gesellschaftlichen Ge-samtarbeitszeit "hat"; oder richtiger: den Anteil, auf den er "zu Recht" Anspruch erheben kann: nicht der Anteil an der Gesamtarbeitszeit, der in ihm tatsächlich verausgabt, sondern derjenige Anteil, der in ihm "vergegenständlicht" ist: nämlich als in ihm vergegenständ-licht gilt; und ob er "gilt", ist immer eine Frage der 'Anerkennung': allgemeiner Anerken-nung...


Zuerst einmal: ob er überhaupt "gilt": nämlich ob die in ihm 'dargestellte', her gestellte Nützlichkeit in der Gesellschaft ein ihm geltendes Bedürfnis vorfindet, und das wird unter kapitalistischen Bedingungen immer erst ex post entschieden: Um sich als Gebrauchs wert bewähren zu können, muss das Produkt zuerst seinen Tausch wert "realisieren".

Und dann: welcher Anteil ihm "zugerechnet" wird: als welcher Anteil er "gilt"; und es gilt nicht diejenige Zeit, die tatsächlich auf seine Herstellung verwendet wurde, sondern es "gilt" jene Zeit, die irgend ein anderer im Durchschnitt aufwenden müsste, um denselben Gegen-stand hic et nunc zu re
produzieren. Vorausgesetzt ist also immer die durchschnittliche Pro-duktivität der Arbeit zur gegebnen Zeit, am gegebnen Ort des (beabsichtigten) Austausch-akts. Also das, was hier aktual gilt als "allgemeiner" Parameter, ist de facto lediglich ein em-pirisch festgestellter, "geschätzter" Durchschnitt: Der durchschnittliche Gebrauchs wert der Arbeitskraft ist der Maßstab, nach dem der Anteil des Produkts an der gesellschaftlichen Gesamtarbeitszeit bewertet wird; ist also das Maß ihrer "Wertigkeit", aber nicht diese selbst: Diese Wertigkeit selbst, also die Substanz des Werts, ist das Verhältnis der Gebrauchswerte - besondre Nützlichkeiten alias das Bedürfnis danach - zur gesellschaftliche verfügbaren Ge-samt(arbeits)zeit: das Verhältnis - pro rata -, in dem die Gesamtzeit auf die Bedürfnisse verteilt wird...

Es soll also "Zeit" auf "Nützlichkeit" verteilt werden: Das ist so, als sollten Kartoffeln nach ihrer Seelengröße unterschieden werden. "Zeit" und "Nützlichkeit" sind an sich selber in-kommensurabel. Es ist schlechterdings unmöglich, das eine durch - theoretische - Analyse aus dem andern herauszulesen: das eine immanent im andern darzustellen. Aber wenn es keine Analyse sein kann, dann muss es ein Akt des Setzens, eine Thesis sein, und muss insofern das Eine zu dem Andern ins Verhältnis gesetzt werden, muss es eine Synthesis sein, eine "ursprüngliche", die 'nur aus Freiheit möglich' ist; ein Ur
 teil, praktisches Urteil: Wieviel Zeit will - 'soll' - ich auf dieses Bedürfnis, wieviel auf jenes verwenden? (Es ist augenfällig, dass die Frage sinnlos wäre, wenn die verfügbare Zeit nicht knapp ist.) Also ich soll abwägen, welches Bedürfnis mir wichtiger ist als das andre, ich soll eine Rangfolge, Hie-rarchie der Bedürfnisse etablieren. 'Ich': das ist die gegebne gesellschaftliche (All)gemeine.

Unter Bedingungen unmittelbarer Herrschaft von Menschen über andre Menschen - über ihren Willen, über das, was sie in ihrer (Lebens-) Zeit tun - ist das Problem einfach, oder es ist keins: Die Bestimmung der Prioritäten (das Urteil über die Geltung der Besdürfnisse geht der Produktion der Gebrauchsgegenstände voraus, "ex ante")  ist immer "konkret", d. h. individuell, und darum an keine (immanente) Regel gebunden, die eine Analyse der For-men erst ans Licht bringen müsste: Hier findet keine "Strukturanalyse" statt, sondern empi-rische Beschreibung. 

[NB. Es ist nicht die Frage der Rituale, der konventionellen oder sakralen Formen, in denen die Befehle ausgesprochen werden; sondern der Maximen, nach denen ihre Inhalte be-stimmt sind: Was da an "Regeln", "ökonomischen Gesetzen" herauszulesen ist, ist nichts anderes als eine empirisch, nämlich beschreibend nachgewiesene Häufigkeit, die Urteilsakte sind einander heteronom, der (beschreibende) Historiker kann die ihnen zugrundeliegenden Motive "verstehend deuten", sodann typologisch klassifizieren und die (ihm bekannten) Phänomene, "Fakten", danach mengenmäßig ordnen; aber immer bleibt er hier Idiograph.]

Bei der Hervorbringung der den - um ihre verhältnismäßige Geltung konkurrierenden - Be-dürfnissen entsprechenden nützlichen Gegenstände geht, mit der Zunahme individuellen Geschicks bei den Produzenten - "Qualität", Produktivität der Arbeit - immer mehr Ge-schick in das Produkt selbst ein: als dessen "höhere", größere Nützlichkeit, und das wird wesentlich, indem der produzierte Gegenstand selber Arbeitsmittel wird, Produktionsin-strument. Indem die spezifische Nützlichkeit - Gebrauchswert - der Produkte zunehmend von der "Qualität" - der in ihnen als deren eignes Geschick vergegenständlichten Geschick-lichkeit der Produzenten - der Arbeitsmittel abhängt, erlangt die Herrschaft über das Ar-beitsmittel wachsende Bedeutung gegenüber der unmittelbaren Herrschaft über Menschen: Privateigentum am Arbeitsmittel statt persönlicher Herrschaft über den Arbeiter. Insofern ist das feudale Grundeigentum in (West!-) Europa der Beginn der Entwicklung zum Kapi-talismus.

 
4. 5. 88


Formbestimmend ist der Gebrauchswert der Arbeit von Anbeginn, indem ihre zunehmende Qualität in die höhere Qualität der Produkte eingeht und, sofern das Produkt selbst zum Arbeitsmittel wird, die Arbeitsmittel gegenüber der Arbeit ein wachsendes Gewicht erhal-ten. Am Ende steht das fixe Kapital, das als digitaler Automat alle Arbeit selber übernimmt: Der Gebrauchswert hat die Form "zu Tode bestimmt".

2. 1. 17



Nota - Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE.

Donnerstag, 30. Juli 2026

Setzen - real oder ideal?

                        zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Viel ist gewitzelt worden über das setzen bei Fichte. Es ist die Verdeutschung des scholastisch-lateinischen ponere, welches seinerseits das griechische poîein wiedergibt. Es bedeutet bei Fichte nichts anderes als Etwas in der Vorstellung hervorbringen. Dort 'kommt es' erst einmal 'vor' - nämlich dass es da ist. Das ist die 'reale' Tätigkeit.

Was es sei, ist Sache des Bestimmens, und das ist eine Vorstellung zweiten Grades: ein Produkt der Reflexion; das ist eine 'ideale' Tätigkeit. 


*

Wenn das Ich 'sich setzt, indem es sich ein/em Nichtich entgegensetzt', heißt das nichts anderes als: Ein Ich kann 'sich-selbst' nicht vorstellen, wenn es sich nicht zugleich ein Nichtich vorstellt, das ihm widersteht. Vorausgesetzt wird: Das Ich stellt sich als tätig vor; anders gäbe es kein Widerstehen.

29. 1. 19 

 

Mittwoch, 29. Juli 2026

Zwischen anschauen und denken steht der Begriff.

ebay                                zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Nur die Anschauung lässt sich anschauen, nicht denken; das Denken lässt sich nur denken, nicht anschauen. Jede Äußerung des Gemüts lässt sich nur durch sich selbst auffassen.
_______________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 32


Nota. - Die Scheidelinie zwischen den beiden markiert der Begriff. Und zwar nicht, ob ich ihn 'richtig' gebrauche, so wie alle Anderen in derselben Situation; sondern sobald ich ihn mir vorsetze als Regel, wonach ich ihn konstruieren soll. Ich habe meine Anschauung ge-fasst heißt: Ich habe sie so auseinandergelegt, wie ich sie bei nächster Gelegenheit wieder zusammenzusetzen mir vornehme. Nun erst habe ich sie. Denn als Begriff ist er aus dem Zeitverlauf ausgeschieden, er ist 'im Raum' verfügbar geworden wie ein Rechenchip. Ich kann mit ihm operieren, ohne meine Einbildungskraft neu bemühen zu müssen; die ver-trüge nämlich keine (Re-)Konstruktionsvorschrift.

JE 21. 12. 14

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. 

Dienstag, 28. Juli 2026

Wo findet Dialektik denn statt?

                     zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Dialektik findet nicht Statt  zwischen den Begriffen von Sachen, sondern geschieht zwi-schen den Absichten von Handelnden - dort, wo und soweit sie einander begegnen; das ist in der Welt immer und überall.

Sachen verhalten sich nicht. Wer handeln will, setzt sie ins Verhältnis - zuerst logisch.



 

 

Nota - Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE

Montag, 27. Juli 2026

Durchschnitt, Quételet.

aida                                                                                   aus Marxiana

Man wird hier dieselbe Herrschaft der regulirenden Durchschnitte finden, wie Quételet sie bei den socialen Phänomenen nachgewiesen hat.
_______________________________________________________
K. Marx, Das Kapital III, MEGA II/15,  S. 833. [MEW 25, S. 828f.] 



Nota. - Man kann überall, wo Marx sich den rhetorischen Kniff nicht verkneifen konnte, von Gesetzen zu reden, getrost Durchschnitt einsetzen; wenn es gelegentlich stilistisch holpert, bewahrt es uns doch vor der Mystifikation der sich-selbst-bewegenden-Begriffe.
JE,
3. 1. 17 



 

Sonntag, 26. Juli 2026

Der dialektische Schein.

commons                  aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Der Begriff entsteht mit der Anschauung zugleich, in demselben Moment, und ist von ihr unzertrennlich. Es scheint uns, als ob der erste eher hätte sein müssen, aber es scheint nur so, weil wir den Begriff auf eine Anschauung [rück]beziehen. 
________________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 33 

 
 
Nota. - Die Wissenschaftslehre hat zum Gegenstand das uns heute gegebene System des Wissens. Dieses will sie verstehen: zurückführen auf seine immanenten Prämissen. Sie be-schreibt nicht, wie dieses System in der historischen Wirklichkeit entstanden ist. Entstehen konnte es nur, indem aus den wirklich vorkommenden Vorstellungen progressiv alles für die Systembildung Unbrauchbare ausgeschieden wurde. Es ist Material einer historischen Darstellung. In einer Darstellung des fertigen Systems hat es nicht zu suchen.
 
Der gegenwärtige Teilhaber dieses Systems - einer 'Reihe vernünftiger Wesen' - kann nicht anders, als seine Vorstellungen mit dem ihm als Apriori gegebenen System ins Verhältnis zu setzen: Seine Vorstellungen drängen zum Begriff. Dass sie von ihm "unzertrennlich" wären, trifft aber nur in der einen Richtung zu: Die Begriffe sind von den in ihnen gefassten Vor-stellungen unzertrennlich. Doch nicht gilt die Umkehrung. Nicht jede Vorstellung bedarf ihrer Bestimmung; sondern nur diejenige, die mit den Andern (='vernünftigen Wesen')  ge-teilt werden soll. Was ich ganz für mich behalten darf, mag unbestimmt und begrifflos bleiben. 
 
In einer historischen Darstellung müsste gezeigt werden, dass und wie die Vorstellungen zu Begriffen erst wurden - durch progressives Ausscheiden des Unbrauchbaren im Verkehr.
9. 7. 16
 
 
 
Das war es, was Kant den dialektischen Schein genannt hat: die realistische Auffassung, dass das Wesen - der Begriff - 'eher' da wäre als die Erscheinung - sein Gegenstand
JE 
 
 
 

Samstag, 25. Juli 2026

An sich gibt es keinen Wert.

                                                                             aus Marxiana
 
Kein Producent, der Industrielle sowenig wie der Ackerbauer, isolirt betrachtet, producirt Werth oder Waare. Sein Produkt wird nur Werth und Waare in bestimmtem gesellschaftli-chen Zusammenhang. Erstens, soweit es als Darstellung gesellschaftlicher Arbeit erscheint, also seine eigne Arbeitszeit als Theil der gesellschaftlichen Arbeitszeit überhaupt; zweitens: dieser gesellschaftliche Charakter seiner Arbeit erscheint als ein seinem Produkt aufgeprägt-er gesellschaftlicher Charakter, in seinem Geldcharakter und in seiner durch den Preis be-stimmten allgemeinen Austauschbarkeit.
___________________________________________________________
K. Marx, Das Kapital III, MEGA II/15,  S. 626 [MEW 25, S. 651f.]
 



Nota. - Oder sollte ich besser sagen: Wert gibt es nicht an sich? Aber das ist ja dasselbe. Wert ist keine Sache, sondern ein Verhältnis, und das braucht wenigstens Zwei; ist daher relativ und nicht an-sich.
JE 
 
 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Freitag, 24. Juli 2026

"Kapitalisieren".

  Stefan Kunick                                                                aus Marxiana

Die Bildung des fiktiven Kapitals nennt man kapitalisiren. Man kapitalisirt jede regelmäßig sich wiederholende Einnahme, indem man sie nach dem Durchschnittszinsfuß berechnet, als Ertrag, den ein Kapital, zu diesem Zinsfuß ausgeliehen, abwerfen würde; z. B. wenn die jährliche Einnahme = 100 £ und der Zinsfuß = 5 %, so wären die 100 £ der jährliche Zins von 2000 £, und diese 2000 £ gelten nun als der Kapitalwerth des juristischen Eigenthums-titels auf die 100 £ jährlich. Für den der diesen Eigenthumstitel kauft, stellen die 100 £ jährliche Einnahme dann in der That die Verzinsung seines angelegten Kapitals zu 5 % vor. Aller Zusammenhang mit dem wirklichen Verwerthungsproceß des Kapitals geht so bis auf die letzte Spur verloren, und die Vorstellung vom Kapital als einem sich durch sich selbst verwerthenden Automaten befestigt sich.
_______________________________________________________
K. Marx, Das Kapital III, MEGA II/15,  S. 464 [MEW 25, S. 484]
 



Nota. - Den bürgerlichen Reichtum gibt es zweimal, einmal als wirkliche Ware, das andre Mal als Geld. Die Folge ist, dass jegliche Geldsumme erscheint als ein Teil des wirklichen Reichtums, und das heißt letzten Endes: als Kapital. Dazu braucht die erwähnte Geldsum-me zu keinem Zeitpunkt in die Produktion eingegangen zu sein.
JE,
10. 1. 17

 

 

Donnerstag, 23. Juli 2026

Vom fiktiven Kapital zum fiktionalen Wertgesetz.

H. Bosch, Der Taschenspieler                                       aus Marxiana

Es ist dies die Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise innerhalb der kapitalisti-schen Produktionsweise selbst, und daher ein sich selbst aufhebender Widerspruch, der prima facie als bloßer Uebergangspunkt zu einer neuen Produktionsform sich darstellt. Als solcher Widerspruch stellt er sich dann auch in der Er-scheinung dar. Er stellt in gewissen Sphären das Monopol her und fordert daher die Staatseinmischung heraus. Er reproduzirt eine neue Finanzaristokratie, eine neue Sorte Parasiten in Gestalt von Projektenmachern, Gründern und bloß nominellen Direktoren; ein ganzes System des Schwindels und Betrugs mit Bezug auf Gründungen, Aktienausgabe und Aktienhandel. Es ist Privatproduktion oh-ne die Kontrolle des Privateigenthums.

IV. Abgesehn von dem Aktienwesen – das eine Aufhebung der kapitalistischen Privatindu-strie auf Grundlage des kapitalistischen Systems selbst ist, und in demselben Umfang, worin es sich ausdehnt und neue Produktionssphären ergreift, die Privatindustrie vernichtet – bie-tet der Kredit dem einzelnen Kapitalisten, oder dem, der für einen Kapitalisten gilt, eine in-nerhalb gewisser Schranken absolute Verfügung über fremdes Kapital und fremdes Eigen-thum, und dadurch über fremde Arbeit.* Verfügung über gesellschaftliches, nicht eignes Kapital, gibt ihm Verfügung über gesellschaftliche Arbeit. Das Kapital selbst, das man wirk-lich oder in der Meinung des Publikums besitzt, wird nur noch die Basis zum Kreditüber-bau. 


Es gilt dies besonders im Großhandel, durch dessen Hände der größte Theil des gesell-schaftlichen Produkts passirt. Alle Maßstäbe, alle mehr oder minder innerhalb der kapitali-stischen Produktionsweise noch berechtigten Explikationsgründe verschwinden hier. Was der spekulirende Großhändler riskirt, ist gesellschaftliches, nicht sein Eigenthum. Ebenso abgeschmackt wird die Phrase vom Ursprung des Kapitals aus der Ersparung, da jener ge-rade verlangt daß andre für ihn sparen sollen. ... 

Der andren Phrase von der Entsagung schlägt sein Luxus, der nun auch selbst Kreditmittel wird, direkt ins Gesicht. Vorstellungen, die auf einer minder entwickelten Stufe der kapitali-stischen Produktion noch einen Sinn haben, werden hier völlig sinnlos. Das Gelingen und Mißlingen führen hier gleichzeitig zur Centralisation der
/ Kapitale, und daher zur Expro-priation auf der enormsten Stufenleiter. Die Expropriation erstreckt sich hier von den un-mittelbaren Producenten auf die kleineren und mittleren Kapitalisten selbst. Diese Expro-priation ist der Ausgangspunkt der kapitalistischen Produktionsweise; ihre Durchführung ist ihr Ziel, und zwar in letzter Instanz die Expropriation aller Einzelnen von den Produktions-mitteln, die mit der Entwicklung der gesellschaftlichen Produktion aufhören, Mittel der Pri-vatproduktion und Produkte der Privatproduktion zu sein,  und die nur noch Produktions-mittel in der Hand der associirten Producenten, daher ihr gesellschaftliches Eigenthum, sein können, wie sie ihr gesellschaftliches Produkt sind. 

Diese Expropriation stellt sich aber innerhalb des kapitalistischen Systems selbst in gegen-sätzlicher Gestalt dar, als Aneignung des gesellschaftlichen Eigenthums durch Wenige; und der Kredit gibt diesen Wenigen immer mehr den Charakter reiner Glücksritter. Da das Eigenthum hier in der Form der Aktie existirt, wird seine Bewegung und Uebertragung reines Resultat des Börsenspiels, wo die kleinen Fische von den Haifischen und die Schafe von den Börsenwölfen verschlungen werden. 

In dem Aktienwesen existirt schon Gegensatz gegen die alte Form, worin gesellschaftliches Produktionsmittel als individuelles Eigenthum erscheint; aber die Verwandlung in die Form der Aktie bleibt selbst noch befangen in den kapitalistischen Schranken; statt daher den Ge-gensatz zwischen dem Charakter des Reichthums als gesellschaftlicher und als Privatreich-thum zu überwinden, bildet sie ihn nur in neuer Gestalt** aus. 

*) ... „Ein Mann der im Ruf steht Kapital genug für sein regelmäßiges Geschäft zu besitzen, und der in seiner Branche guten Kredit genießt, kann, wenn er sanguinische Ansichten von der steigenden Konjunktur des von ihm geführten Artikels hat, und wenn er im Anfang und Verlauf seiner Spekulation durch die Umstände begüns-tigt wird, Käufe bewerkstelligen von einer geradezu enormen Ausdehnung verglichen mit seinem Kapital“ (ibi-dem, p. 136.) – „Die Fabrikanten, Kaufleute etc. machen sämmtlich Geschäfte weit über ihr Kapital hinaus … Das Kapital ist heutzutage vielmehr die Grundlage, worauf ein guter Kredit gebaut wird, als die Schranke der Umsätze irgend eines kommerziellen Geschäfts.“ (Economist, 1847. p. 333.) 
____________________________________________________________
K. Marx, Das Kapital III, MEGA II/15,  S. 429f. [MEW 25, S. 454ff.]



Nota. - Der Aktienbesitzer hat dem Unternehmen nur ein Darlehen gewährt, damit es seine laufenden Geschäfte abwickeln kann - im Wert der Aktie, die er besitzt. Auf diesen Kredit erhält er einen Zins. Man kann sagen, der Teil des Gesellschaftskapitals, der dem Wert sei-ner Aktie entspricht, dient als Sicherheit für sein Darlehen. Diese Sicherheit - und damit den Anspruch auf einen Zins - kann er weiter verkaufen, und darum gilt seine Aktie so, als ob sie selber ein Teil des Gesellschafts-kapitals wäre. So wird sie gehandelt, der (Tages-) Wert, zu dem sie gehandelt wird, entscheidet über den Gesamtwert des Gesellschaftsver-mögens. Die Aktie ist kein Teil des gesellschaftlichen Reichtums, aber die gilt als solcher auf dem Markt, und damit ist sie es. 

Das Wertgesetz ist ad absurdum geführt. Der Bluff, wenn er gelingt, ist soviel wie verge-genständlichte gesellschaftlich notwendige Durchschnittsarbeit.

12. 7. 17 

 
**Nota II. - Die "neue Gestalt", von der hier die Rede ist, ist keine sinnliche Form mit Ecken und Kanten, sondern eine sinnhafte Geltung im Verlauf der sich durchkreuzenden Handlungsstränge.
JE 
 
 

Anschauen ist Nachbilden.

  G. Lange Giotto lernt zeichnen                      zu   Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik Alles Anschauen ist ein ...