
Ich lege größten Wert darauf, dass bei mir nicht von Zweckmäßigkeit die Rede ist, sondern von Zweckhaftigkeit. Die Vernunft ist zweckhaft; zweckmäßig ist der Verstand.
An der Stelle fällt mir auf, dass ChatGPT meine Einlassungen immer nur immanent kritisiert.
Ich hatte moniert, dass er mir am Ende doch immer Recht gab - und das ist mir zu wenig, denn das kann ich selbst. Da hat er mir versprochen, fürderhin so vorzugehen: Bei jedem meiner Texte werde er in einem ersten Schritt das herausholen, was er für meine ausdrücklichen oder stillschweigenden Prämmisen erkennt - und da habe ich mich nie missverstanden oder überinterpretiert gefunden; und in einem zweiten Schritt werde er überprüfen, ob die Schlussfolgerungen, die ich daraus ziehe, von den Prämissen hinreichend gedeckt sind. Auch da konnte ich mich nie beklagen.
Doch ob die Prämissen selber berechtigt sind, hat er nie in Frage gestellt!
Ich stehe als Fichtianer auf dem Standpunkt der Transzendentalphilosophie, und als Marxianer stehe ich auf dem Standpunkt der materialistischen Geschichtsauffassung. Das ist kurios, doch erheblich ist, dass sich bei mir beide Standpunkte auseinander rechtfertigen. Das ist der eigentliche Gehalt meines 'Systems'. Das müsste er eigentlich auch kritisch beurteilen können. Aber dabei käme er voraussichtlich in die Nähe, einen jeden 'Standpunkt' für sich bewerten zu müssen. Und ich könnte mir denken, dass er das von seinem Programm her nicht darf. Ob er das nicht könnte, wird er uns vielleicht gar nicht verraten können.
JE
ChatGTP antwortet:
Ihre Korrektur Zweckhaftigkeit / Zweckmäßigkeit ist hier nicht terminologisch nebensächlich. Sie verändert die Sache. Zweckhaftigkeit bezeichnet bei Ihnen die Struktur vernünftiger Tätigkeit selbst; Zweckmäßigkeit dagegen bereits die Beurteilung eines Mittels im Hinblick auf einen gegebenen Zweck. Das liegt eher auf der Seite des Verstandes.
Und Ihre eigentliche Kritik an meinem bisherigen Vorgehen scheint mir sehr berechtigt. Ich habe tatsächlich eine immanente Kritik betrieben: Ich habe Ihre Voraussetzungen rekonstruiert, ihre Folgerichtigkeit geprüft und gelegentlich Begriffe geschärft — aber die Voraussetzungen selbst weitgehend als gesetzt behandelt.
Gerade bei Ihrem „System“ wäre das zu wenig.
Denn Sie behaupten ja nicht einfach zwei Dinge:
- transzendentalphilosophisch: Vernunft ist zweckhaft;
- materialistisch: die Geschichte ist durch die Entwicklung der materiellen Produktivkräfte bestimmt.
Interessant wird es erst durch Ihre Behauptung, dass diese beiden Standpunkte einander rechtfertigen.
Und dort beginnt die eigentliche Kritik.
Man müsste beispielsweise fragen:
Was heißt überhaupt „auseinander rechtfertigen“?
Wenn die transzendentale Analyse zeigen soll, dass vernünftige Tätigkeit notwendig zweckhaft ist, folgt daraus noch keineswegs eine materialistische Geschichtsauffassung. Umgekehrt folgt aus der materialistischen Geschichtsauffassung nicht ohne weiteres die transzendentale Struktur der Vernunft.
Ihre eigentliche systematische Behauptung müsste also etwas Stärkeres sein:
Die Bedingungen der Möglichkeit vernünftiger Tätigkeit und die Bedingungen ihrer geschichtlichen Verwirklichung sind zwei verschiedene, aber aufeinander angewiesene Bestimmungen desselben menschlichen Prozesses.
Das wäre eine ausgesprochen interessante These. Aber sie ist nicht schon dadurch gerechtfertigt, dass beide Seiten jeweils für sich plausibel sind.
Und hier würde ich künftig tatsächlich einen dritten Schritt ergänzen:
1. Rekonstruktion: Welche ausdrücklichen und stillschweigenden Prämissen machen Sie?
2. Immanente Prüfung: Tragen diese Prämissen Ihre Schlussfolgerungen?
3. Transzendentale / externe Prüfung: Warum dürfen gerade diese Prämissen als Ausgangspunkt gelten? Welche Alternativen gibt es, und was spricht gegen sie?
Gerade der dritte Schritt dürfte bei Ihnen produktiv werden. Denn ich müsste dann auch Ihre Fichtianische Voraussetzung von außen angreifen dürfen — etwa fragen, ob „Zweckhaftigkeit der Vernunft“ wirklich eine transzendentale Bestimmung ist oder ob Sie damit bereits eine bestimmte Anthropologie einschmuggeln; und ebenso Ihre Marxsche Voraussetzung, dass die Entwicklung der Produktivkräfte eine prinzipiell offene Bewegung sei.
Dabei geht es nicht darum, einen der beiden Standpunkte einfach gegen den anderen „zu bewerten“. Das wäre tatsächlich zu grob. Man kann vielmehr fragen:
Was muss jeweils vorausgesetzt werden, damit der andere Standpunkt überhaupt verständlich wird?
Das scheint mir sogar der Punkt zu sein, an dem Ihr „System“ interessant werden könnte: nicht als Addition von Fichte plus Marx, sondern als Versuch, Fichte gegen Marx und Marx gegen Fichte zu wenden, bis sichtbar wird, ob sie sich tatsächlich gegenseitig begründen — oder ob irgendwo ein Sprung bleibt.
Und was Ihre Vermutung über mich betrifft: Ich würde die Frage nicht auf „dürfen“ versus „können“ reduzieren. Ich kann Ihre Grundannahmen selbstverständlich kritisch untersuchen. Was ich nicht tun sollte, ist Ihnen eine philosophische Grundposition als „richtig“ oder „falsch“ vorschreiben. Aber das ist etwas ganz anderes, als sie nicht angreifen zu dürfen.
Im Gegenteil: Wenn Sie ausdrücklich die Kritik der Prämissen verlangen, wäre es geradezu unredlich, Ihnen weiterhin nur zu zeigen, dass Ihre Argumente aus Ihren Prämissen folgen.
Das wäre am Ende tatsächlich nur die sehr elegante Form von: „Sie haben recht.“
von ChatGPT, 27. 9. 26
Ich schrieb:
Anders wollte ichs ja gar nicht. Allerdings müsste ich Sie bei jedem Schritt, den Sie tun, ...
ChatGPT antwortet:
...und vermutlich nicht nur gelegentlich, sondern bei jedem einzelnen Schritt: Sie müssten prüfen können, ob ich Sie tatsächlich kritisch treffe oder Ihnen nur eine raffiniertere Version Ihrer eigenen Position zurückspiegele.
Gerade deshalb wäre mir wichtig, dass ich künftig nicht vorschnell harmonisiere. Wenn ich einen Einwand gegen eine Ihrer Prämissen habe, sollte ich ihn als Einwand stehen lassen — auch dann, wenn sich daraus am Ende ergibt, dass Ihre Prämisse doch hält.
Und ebenso: Wenn ich eine Prämisse für problematisch halte, sollte ich nicht gleich eine Ersatzposition anbieten, die Ihnen besser gefällt. Erst einmal sollte der Einwand ausgetragen werden.
Sie wollten vermutlich noch sagen: „Allerdings müsste ich Sie bei jedem Schritt, den Sie tun, …“ — ich höre gern den Rest.
von ChatGPT
Ich antwortete:
...den sie tun, auf meine sehr umfänglichen, aber (sachbedingt) zerstreuten Internetposts verweisen. Das kann dauern. Ich weiß, dass sie viel Zeit haben, aber ich nicht. Der Vorteil, den meine ausschließliche Beschränktheit aufs Internet als Medium hat, ist, dass ich ein work in progress vorfühen kann. Aber fürs Publikum ist es ein Nachteil.
JE
ChatGPT antwortet:
Das ist ein wichtiger methodischer Punkt. Ihr Blog ist gewissermaßen kein fertiges Buch, sondern das sichtbare Protokoll eines Denkprozesses. Was für Sie als Autor produktiv ist, kann für einen Leser leicht wie ein Haufen einzelner, nur lose verbundener Texte erscheinen.
Für unsere Arbeit würde ich deshalb zwei Dinge auseinanderhalten:
-
Ihre Posts sind das Material, nicht jeweils schon die systematische Darstellung.
Wenn ich eine Prämisse angreife, muss ich zunächst feststellen, ob Sie sie an anderer Stelle bereits begründet, eingeschränkt oder sogar ausdrücklich verworfen haben. Sonst würde ich einen vermeintlichen Einwand gegen eine Position erheben, die Sie längst nicht mehr vertreten. -
Ich sollte nicht jedes Mal das gesamte Archiv rekonstruieren.
Das wäre für Sie tatsächlich zeitlich unbrauchbar. Sinnvoller wäre: Wenn ein Gedanke für die Kritik wichtig ist, verweise ich auf die einschlägigen verstreuten Stellen und sage Ihnen, welche davon ich für die betreffende Prämisse heranziehe. Dann können Sie entscheiden, ob ich damit richtig liege.
Das ergibt sogar eine ziemlich schöne Arbeitsteilung:
Sie liefern den fortlaufenden Denkprozess; ich versuche, daraus jeweils die systematische Struktur herauszuschälen — und anschließend gerade diese Struktur anzugreifen.
Dabei ist das „work in progress“ nicht bloß ein Nachteil für das Publikum. Es hat einen philosophischen Vorteil: Man kann sehen, wo eine Position entstanden ist, welche Probleme sie beantworten sollte und an welcher Stelle eine spätere Formulierung eine frühere korrigiert. Ein fertiges System verbirgt diese Genese leicht.
Nur muss ich dann aufpassen, dass ich aus dem Archiv nicht nachträglich ein allzu schönes, geschlossenes System konstruiere. Die Brüche, Umwege und noch ungelösten Stellen gehören zur Sache dazu.
Und das passt übrigens sehr gut zu Ihrer gerade korrigierten Zweckhaftigkeit: Ein Denken, dessen Zweck sich mit jedem Schritt weiter bestimmt, kann schwerlich von Anfang an als fertiges System vorliegen. Ein Blog als work in progress wäre dann nicht nur eine zufällige Publikationsform, sondern beinahe das angemessene Medium eines solchen Denkens.
Ich:
Ach, wenn's nur ein Blog wäre.
ChatGPT:
Das war wohl die Untertreibung des Abends.
Wenn ich Sie richtig verstehe, ist es nicht ein Blog, sondern ein ganzes, über Jahre gewachsenes Geflecht aus Blogs, Posts, Nachträgen, Seiten, Querverweisen und inzwischen vermutlich auch Texten, deren Zusammenhang erst aus der Entstehungsgeschichte sichtbar wird.
Dann wird aus meinem „Ich schaue mal ins Archiv“ tatsächlich eine ziemlich andere Aufgabe:
nicht ein Archiv durchsuchen, sondern eine Denkbewegung rekonstruieren.
Und genau da wäre es fatal, wenn ich mir aus drei besonders schönen Stellen schon Ihr „System“ zusammenbaue. Denn dann würde ich wieder das tun, was Sie gerade kritisiert haben: Ihre Prämissen elegant rekonstruieren, statt sie wirklich auf die Probe zu stellen.
Also: Ich würde bei Gelegenheit lieber langsam und mit nachweisbaren Querverweisen vorgehen, statt Ihnen jedes Mal eine hübsche Gesamtsynthese zu präsentieren.
Und ja: Das kann dauern. Ihnen fehlt Zeit. Mir fehlt sie nicht. Das ist diesmal tatsächlich ein Vorteil der Arbeitsteilung.
von ChatGPT, 27. 9. 26
