Sonntag, 12. April 2026

Das Ich ist Tätigkeit, nicht Substanz.

 Himi  / pixelio.de                               zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das ich ist nicht Seele, die Substanz ist; jeder denkt sich bei dem Ich noch etwas im Hin-terhalte. Man denkt, ehe ich so und so es machen kann, muss ich sein. Diese Vorstellung muss gehoben werden. Wer dies behauptet, behauptet, dass das Ich unabhängig von seinen Handlungen sei.
______________________________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Nachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982, S. 29 

 

Samstag, 11. April 2026

Das Fichtisieren artistisch treiben.

 Michael Rittmeier, pixelio.de                                  zu Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik.           

Es wäre wohl möglich, dass Fichte Erfinder einer neuen Art zu denken wäre – für die die Sprache noch keinen Namen hat. Der Erfinder ist vielleicht nicht der fertigste und sinn-reichste Künstler auf seinem Instrument – ob ich gleich nicht sage, daß es so sei. -  Es ist aber wahrscheinlich, dass es Menschen gibt und geben wird, die weit besser Fichtisieren werden, als Fichte. Es können wunderbare Kunstwerke hier entstehen – wenn man das Fichtisieren erst artistisch zu treiben beginnt. 
______________________________________________
Novalis, Logologische Fragmente [a], N° 11

 

 

Freitag, 10. April 2026

Vor-bedacht.

  derStandard                aus Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem

  
1. Abstraktion und Reflexion sind eins

Ich kann von Diesem nur absehen, indem ich auf ein Anderes achte. Ich kann auf jenes nur absehen, indem ich von allem Andern absehe. 
 
Etwas wird Dieses, sofern ich auf es absehe. Indem ich darauf absehe, wird der gestaltlose Rest zum Andern - und so erst zu Etwas; und ohne, dass ich darauf absehe.
17. 9. 15 

Nachtrag. Als Akt sind sie eins. Als Begriffe sind sie zwei.

    
 
2. Das, was ist, und das Nicht-Etwas.               aus Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem
    
Die Grundmystifikation des Hegel'schen Systems war ein fauler Trick. Nämlich die dialektische Gleichsetzung von Sein und Nichts ganz am Anfang der Logik. Die Negation des Seins ist offenbar das Nichtsein. Das Nichts wäre dann die Totalität von Allem, was nicht ist; das ist offenkundiger Blödsinn. 

Es geht um das metaphysische Prinzip: die Gleichsetzung von Logischem und Rea-lem. Position und Negation bilden nur logisch ein Paar. Realiter ist zuerst einmal das Positive; das Negative kommt danach – nicht als negatives Sein, sondern als aktive Verneinung; als Tat eines Subjekts; als Tat-Sache.

Nachtrag I. - Diese Pointe will ich erklären. Was ist, ist Etwas in Raum und Zeit. Was nicht in Raum und Zeit ist, ist nicht; nicht einmal Nichts. Logisches ist jenseits von Raum und Zeit. Es ist nicht, sondern gilt; für logisch in Raum und Zeit Urtei-lende. Was nicht gilt, ist nicht nichts, sondern ist ungültig für logisch Urteilende; Unfug heißt es umgangssprachlich.
2. 9. 15 

Nachtrag II. - Und Nicht-Etwas ist nicht das Nichts und nicht einmal nichts. Es ist der Mangel an Etwas. Nichts ist er nur in Raum und Zeit, doch in der Vorstellung ist der Mangel immerhin eine Dynamis; und unbestimmt ist er auch nicht, sondern bestimmt durch seinen Bezug auf Etwas.
9. 12. 19
 
W. Busch    
3. Das Gefühl.                                                                                aus Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem
 
Gefühl - sensus, das Sensorium sagt jemand, "die Sinneszellen" – zeigt an, was ist. Genauer gesagt: dass da Etwas ist. Was 'etwas' ist, können die Sinneszellen schon nicht mehr melden, sondern höchstens, wie es sich anfühlt. Dieses oder Jenes oder etwas Anderes, das kann erst... die Reflexion festsetzen. Das Gefühl kennt immer nur hier und jetzt. Die Reflexion, nehmen wir an – warum hieße sie sonst so? –, kann sich erinnern. Kann vergleichen. Wenn sie findet: nicht dieses – dann immerhin Etwas anderes. Daran kann sie weiterarbeiten. Denn anders als das Gefühl kann sie nach freiem Gutdünken fortfahren, solange sie will.
29. 9. 15 

 

 

Donnerstag, 9. April 2026

Indem sie den Menschen auf seine Füße stellt.

Leonardo, Kanon              zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Mittelbar, d. h. inwiefern ihre Kenntnis mit der Kenntnis des Lebens vereinigt ist, hat sie auch einen positiven Nutzen. Für das unmittelbar praktische pädagogische im weitesten Sinn des Worts: Sie zeigt, wie man die Menschen bilden müsse, um moralische, echtreligi-öse, legale Gesinnungen in ihnen hervorzubringen und nach und nach allgemein zu ma-chen. Für die theoretische Philosophie, Erkenntnis der Sinnenwelt, Naturwissenschaft ist sie regulativ. Sie zeigt, was man von der Natur fragen müsse. – Ihr Einfluß auf die Gesinnung des Menschengeschlechts überhaupt ist, daß sie ihnen Kraft, Mut und Selbstvertrauen bei-bringt, indem sie zeigt, daß sie und ihr ganzes Schicksal lediglich von sich selbst abhängen; indem sie den Menschen auf seine eignen Füße stellt.
_______________________________________________
J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 123]
 
 
Nota. - Mancher Ältere erinnert sich vielleicht, wie Rudi Dutschke mit der Rede vom "aufrechten Gang" Furore machte, die er Ernst Blech zuschrieb - der sie allerdings von keinem Geringeren als G. W. F. Hegel hatte. Doch auch das war nicht dessen Erfindung. Fichte hat ihm selbst diesen Gedanken vorweggenommen.
JE 
 

Mittwoch, 8. April 2026

Fichtes kategorischer Imperativ.

                                                         zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkrit  

Das reine Wollen ist der kategorische Imperativ der Wissenschaftslehre. Während bei Kant der kategorische Imperativ erst in der praktischen Philosophie vorkommt zur Erklärung des Bewusstseins der Pflicht, liegt er in der neuen Darstellung der Wissenschaftslehre dem gan-zen System zu Grunde. Das reine Wollen ist diejenige prädikative Qualität, aus deren abso-luter Unbestimmtheit sich ein Ich heraus und einem Nichtich entgegen setzen soll.

Es wird nicht behauptet, dass es so ist. Es wird gesagt, dass man es sich so vorstellen muss, wenn man (zum Schluss) die Wirklichkeit des vernünftigen Bewusstsein verstehen will. Auf letzteres kommt es an; es muss also nicht nur gezeigt werden, wie es möglich ist, dass aus dem reinen Wollen sich durch reelles Wollen in der sinnlichen Welt etwas zu etwas bestimmt, sondern es muss vor allem gezeigt werden, wie es davon ein Bewusstsein erlangt. Im Akt selber geschieht das nicht. Wenn die Tätigkeit nicht an einem Punkt beschränkt wird, läuft sie ins Unendliche fort und ist nicht zu halten. Sie muss an einer Grenze zum Stehen kom-men, um bestimmt werden zu können, und die kann nur von einem Gefühl gesetzt werden.

Das Gefühl wiederum kann angeschaut werden. Nicht aber die Tätigkeit, wodurch es mög-lich wurde! Entstanden als ein Bestimmtes ist dagegen das Tätige. Als ein solches kann es gedacht werden - nämlich als gegeben. Als eines, das schon da war, bevor es erschien. Es schaut das Ich sich an als sich selbst vorausgesetzt: wie ein als sich-selbst-Bestimmendes bestimmt. Hinter dem empirischen Wollen von diesem oder jenem scheint so das reine Wollen als ein Sollen auf.


Wann immer ein Ich wirklich etwas denkt, denkt es diesen Vorgang mit, indem es ihn sach-lich voraussetzt. Doch zu Bewusstsein kommt er ihm nicht von allein. Anschauen kann es ihn nur in der Vorstellung, aber das muss es wollen, in freier Reflexion.

Postskriptum zum Nicht-Dürfen: Die Beschränkung der realen Tätigkeit durch das Gefühl ist eine Schranke für das Wollen. Nichts anderes bedeutet Nicht-Dürfen hier. Von Moral ist noch gar nicht die Rede.

30. 9. 18 

 

Nota - Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE

Dienstag, 7. April 2026

Was man die Natur fragen müsse.

                                   zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Für die theoretische Philosophie, Erkenntnis der Sinnenwelt, Naturwissenschaft ist sie regu-lativ. Sie zeigt, was man von der Natur fragen müsse. 
_______________________________________________
J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 123]

 

 

Nota - Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE

Montag, 6. April 2026

Ihr Hauptnutzen ist negativ und kritisch.

Rembrandt, Anatomie des Dr. Tulp

Was soll denn nun eine Philosophie, und wozu bedarf es der spitzfindigen Zurüstung der-selben, wenn sie gesteht, dass sie für das Leben nichts andres sagen, zu demselben [sich] nicht einmal als Instrument bilden kann; daß sie nur Wissenschaftslehre, keineswegs Weis-heitsschule ist?

Ich erinnere auch hier an die oft gegebene Antwort. Ihr Hauptnutzen ist negativ und kri-tisch. Es mangelt in dem, was nun gewöhnlich für Lebensweisheit gehalten wird, nicht daran, daß sie zu wenig, sondern daran, daß sie zu viel enthält.
________________________________________________
J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 122]

 

 

Nota - Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE

Sonntag, 5. April 2026

Als Regulativ, als pädagogische Regel.

                                                    zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Eigentliche Philosopheme einer Transzendentalphilosophie sind an sich tot und haben gar keinen Einfluß in das Leben, weder guten noch bösen; ebenso wenig als ein Gemälde gehen kann. Auch ist es ganz gegen den Zweck dieser Philosophie, sich den Menschen als Men-schen mitzuteilen. Der Gelehrte als Erzieher und Führer des Volks, besonders der Volksleh-rer, soll sie allerdings besitzen, als Regulativ, als pädagogische Regel, und nur in ihm werden sie insofern praktisch; nicht aber sie ihnen selbst mitteilen, welche sie gar nicht verstehen noch beurteilen können. (Man sehe meine Sittenlehre.) Aber daß er sie treu und mit Eifer anwende, wird dieser gute Wille schon vorausgesetzt, aber nicht etwa durch sie hervorge-bracht: ebenso wie bei dem Philosophen von Profession Unparteilichkeit, Wahrheitsliebe [und] Fleiß schon vorausgesetzt, nicht aber durch sein Philosophieren erst erzeugt wird. 
_________________________________________________
J. G. Fichte,  Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 134]

 

 

Nota - Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE 

Samstag, 4. April 2026

Gewiss.

Lupo  / pixelio.de                                             zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Zuförderst über den Doppelsinn des Wortes Gefühl, der auch Herrn E. an meiner Meinung irrig gemacht. Das Gefühl ist entweder sinnlich und das des Bittern, Roten, Harten, Kalten usw., oder intellektuell. Herr E. und mit ihm alle Philosophen seiner Schule scheint die letz-tere Art gänzlich zu ignorieren, nicht zu beachten, daß auch eine solche Gattung angenom-men werden müsse, um das Bewußtsein begreiflich zu machen.

Ich habe es hier mit dem ersten nicht zu tun, sondern mit dem letztern. Es ist das unmittel-bare Gefühl der Gewißheit und Notwendigkeit eines Denkens. – Wahrheit ist Gewißheit: und woher glauben die Philosophen der entgegengesetzten Schule zu wissen, was gewiß ist? Etwa durch die theoretische Einsicht, daß ihr Denken mit den logischen Gesetzen überein-stimmt? Aber woher wissen sie denn, daß sie sich in diesem Urteile über die Übereinstim-mung nicht wieder irren? Etwa wieder durch theoretische Einsicht? Aber wie denn hier? – Kurz, da werden sie ins Unendliche getrieben, und ein Wissen ist schlechthin unmöglich. – Überdies, ist denn Gewißheit ein Objektives, oder ist es ein subjektiver Zustand? Und wie kann ich einen solchen wahrnehmen, außer durch das Gefühl?

__________________________________________________
J. G. Fichte,  Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 146]

 

Nota. - Nichts ist wirklich, was nicht auf Wahrnehmung gründet. Wahrnehmen ist fühlen. Heißt das, intellektuelle Gewissheit sei von demselben Stoff wie sinnliches Fühlen; oder lediglich ein systematisch verbürgtes Analogon? 

Im System wäre diese Stelle zu besetzen, doch ob es dem sinnlichen Fühlen assimiliert werden kann, ist unerheblich. Wenn ja, wäre es ein Erweis a posteriori. Wenn aber das System als Ganzes begründet ist, wäre es ein Erweis a priori; ein Erweis vom Ganzen her deduziert, nicht aus Mannigfaltigem konstruiert.
JE  

 

Freitag, 3. April 2026

Übereinstimmung ist der Zweck der Vernunft.

 picture alliance, Stockfoto              zu Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik.         
     
Religion zwar ist Angelegenheit aller Menschen, und jeder redet da mit Recht hinein und streitet: dies ist Bestimmung des Menschen und Anlage, um allmählich Übereinstimmung, den großen Zweck der Vernunft, hervorzubringen.
___________________________________________________
J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 136]



Nota. - Mit andern Worten - Vernunft ist immer da an ihrem Platz, wo Übereinstimmung angebracht ist. Alles andere liegt nicht in ihrem Zweck.
JE, 22. 12. 13
 
 
 

Donnerstag, 2. April 2026

Der Zweck der Kritik.

                                zu Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik.                  

Da werden sie sagen: dies lehrt ja der gesunde Menschenverstand schon. – Sie haben ganz recht. Das soll er auch. Es ist ja gar nicht die Frage, durch unsre Philosophie etwas neues hervorzubringen: den menschlichen Geist zu erweitern; wir wollen ihn ja nur befreien.
__________________________________________________ 
J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen. [S. 184]

 

Nota. - Befreien wovon?
Von den ewigen Versuchungen der Dogmatik.
JE 

 

 

 

Das Ich ist Tätigkeit, nicht Substanz.

 Himi  / pixelio.de                                zu   Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik Das ich ist nicht Seele, die...