Sonntag, 12. Juli 2026

Was heißt Aufforderung zur Freiheit?

hd-gpics                                 zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Ich fand in dieser Hinsicht mich unter anderm mich selbst als bestimmbar durch Freiheit. Diese Bestimmbarkeit meiner selbst oder Aufforderung zum freien Wollen ist genommen für ganz einerlei. Meine Individualität geht heraus aus dem Maße der ganzen Vernunft; daraus geht wieder hervor eine Tätigkeit in einem Momente, diese Individualität erscheint als Aufforderung zum freien Handeln, die Individualität wird mir gegeben durch diese Aufforderung.

Individualität
= [ist gleich] der Aufforderung zum freien Handeln.

Ist dies wahr? Was heißt Aufforderung zur Freiheit? Es ist ein Begriff, der, wenn er Kau-salität hätte, eine Handlung des freien Wollens hervorbrächte. Es wird in Verhältnis gesetzt Begriff und Handlung des freien Wesens, in das Verhältnis der Dependenz, so dass erstere die Handlung veranlassen soll. Dies ist aber
 [nur] möglich, darum haben wir es nur hypothetisch gestellt. Sieht man darauf, dass es ein anderes Individuum sei, so ist dies / ein Begriff jenes Individuums gehend auf das aufgeforderte [Individuum]; es ist dies ein Begriff, in welchem dies letztere mit liegt. Dieser Begriff soll nicht Kausalität haben, denn sonst wäre er mechani-sche Bestimmung; aber hypothetisch wird es gedacht.

(Dergleichen Begriffe, in denen eine Kategorie angewendet wird und auch nicht, werden wir mehrere bekommen. Die Kategorie wird bloß angewendet, um die Sache denken zu können. So hier: Die Regel, mit einem Gesetzten etwas Entgegengesetztes zu denken, ist kausal, aber das hier Entgegengesetzt ist frei, und insofern findet der Begriff der Kausalität hier nicht statt, aber könnte es stattfinden, so würde es so oder so sein; die Regel eines sol-chen Denkens wird bloß angegeben.)

Diese Aufforderung würde der Realgrund einer freien Entschließung sein, sie würde zwi-schen dem Bestimmbaren und dem Bestimmten das zwischeninnenliegende
[sic] Bestim-mende sein. Aufforderung und Bestimmbarkeit sollen zugleich sein, letztere heißt Mög-lichkeit eines Bestimmens, nicht der Grund, dass sie erfolge oder nicht. Sie ist bloß die allgemeine Sphäre, aus der die Bestimmtheit hervorgehen kann – in der Aufforderung soll nicht der entscheidende Grund, sondern bloß der Erklärungsgrund sein. –

In der Aufforderung wird etwas gesetzt, was in der bloßen Bestimmbarkeit nicht gesetzt wird. Sonach bestätigt es sich nicht, dass die Aufforderung und die Bestimmbarkeit eins sei. Aber wir setzen hinzu, diese Bestimmbar-keit solle auch nur als Bestimmbarkeit gesetzt werden und als nichts anderes: bloß unter der Bedingung sei der Satz wahr, und nur unter dieser Bedingung sei es möglich, dass im Bewusstsein gar nichts weiter vorkomme als die-ses; dass dadurch das ganze Bewusstsein gefüllt sei. Dass nur unter dieser Bedingung die Bestimmbarkeit mit der Aufforderung eins sei, ergibt sich.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo,
 Hamburg 1982, S. 179f.


Nota. – Das ist nun eine der vertrackteren Stellen bei F. Das liegt in der Sache selbst; Aufforderung zur Freiheit erscheint wie ein Paradox: 'Du sollst frei handeln' – wenn ich dem folgte, handelte ich unfrei.

Es ist nun eben so, dass Freiheit nicht in den Begriff passt. Sie ist nicht bestimmbar, denn sie ist das Postulat unendlicher Bestimmbarkeit. So weit sie vorstellbar ist, ist sie eine Idee, die schlechthin praktische Idee, und das heißt: nur als Aufgabe zu denken.

In den Begriff passt das nur, indem er ächzt.
4. 2. 16

Nota II. - Warum aber ächzt er? Weil er nicht alles kann, was ihm aufgebürdet wird. Hier war die Rede von dem, was gemeint war - eine Reihe von Vorstellungen, von denen genetisch eine aus der andern hervorging. Begriffe gehen aber nicht auseinander hervor, sondern schließen sich, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, an einander an; sie bleiben dabei, was sie sind und verändern sich nicht. Indem aber die eine Vorstellung aus der andern 'hervorgeht', wächst sie gewissermaßen - etwa in die Tiefe der Bedeutung oder in ihrem Umfang. 

Das ist das allgemeine Formproblem der transzendentalen Darstellung: Sie muss sich derjenigen Begriffe befleißigen, deren Brauchbarkeit sie doch erst prüfen wollte. Ohne Beulen und Kratzer geht das nicht ab. 

Der Nachteil der Begriffe gegenüber der Vorstellung ist ihre Statik; die ist aber zugleich ihr eigentlichster Vorteil: ihr Schärfe, die den diskursiven Vortrag überprüfbar macht. Zum Entwerfen einer Gesamtschau eignen sie sich bestenfalls kursorisch; ihr wahre Stärke ist die Kritik.
 JE 

Samstag, 11. Juli 2026

Das zinstragende Kapital.

tierarztblog                                              aus Marxiana

In dem zinstragenden Kapital ist aber die Vorstellung vom Kapitalfetisch vollendet, die Vorstellung, die dem aufgehäuften Arbeitsprodukt, und noch dazu fixirt als Geld, die Kraft zuschreibt, durch eine eingeborne geheime Qualität, als reiner Automat, in geometrischer Progression Mehrwerth zu erzeugen, sodaß dies aufgehäufte Arbeitsprodukt, wie der Eco-nomist meint, allen Reichthum der Welt für alle Zeiten als ihm von rechtswegen gehörig und zufallend schon längst diskontirt hat. Das Produkt vergangner Arbeit, die vergangne Arbeit selbst, ist hier an und für sich geschwängert mit einem Stück gegenwärtiger oder zukünftiger lebendiger Mehrarbeit. 

Man weiß dagegen, daß in der That die Erhaltung, und insoweit auch die Reproduktion des Werths der Produkte vergangner Arbeit nur das Resultat ihres Kontakts mit der lebendigen Arbeit ist; und zweitens: daß das Kommando der Produkte vergangner Arbeit über lebendi-ge Mehrarbeit grade nur solange dauert, wie das Kapitalverhältniß dauert; das bestimmte sociale Verhältniß, worin die vergangne Arbeit selbständig und übermächtig der lebendigen gegenübertritt.  
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K. Marx, Das Kapital III, MEGA II.15; S. 388 [MEW 25, S. 412]  

 

 

 

Freitag, 10. Juli 2026

Die Schranke der kapitalistischen Produktionsweise.

                                                                                           aus Marxiana

Es wird nicht zu viel Reichthum producirt. Aber es wird periodisch zu viel Reichtum in seinen kapitalistischen, gegensätzlichen Formen producirt. /

Die Schranke der kapitalistischen Produktionsweise tritt hervor: 


1) Darin, daß die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit im Fall der Profitrate ein Gesetz erzeugt, das ihrer eignen Entwicklung auf eine
[m] gewissen Punkt feindlichst ge-genübertritt, und daher beständig durch Krisen überwunden werden muß.

2) Darin, daß die Aneignung unbezahlter Arbeit, und das Verhältniß dieser unbezahlten Arbeit zur vergegen-ständlichten Arbeit überhaupt, oder, kapitalistisch ausgedrückt, daß der Profit, und das Verhältniß dieses Profits zum angewandten Kapital, also eine gewisse Höhe der Profitrate
[,] über Ausdehnung oder Beschränkung der Produktion entscheidet, statt des Verhältnisses der Produktion zu den gesellschaftlichen Bedürfnissen, zu den Bedürfnissen gesellschaftlich entwickelter Menschen. Es treten daher Schranken für sie ein schon auf einem Ausdehnungsgrad der Produktion, der umgekehrt unter der andren Voraussetzung weitaus ungenügend erschiene. Sie kommt zum Stillstand, nicht wo die Befriedigung der Bedürfnisse, sondern wo die Produktion und Realisirung von Profit diesen Stillstand ge-bietet.

Die Profitrate, d. h. der verhältnißmäßige Kapitalzuwachs ist vor allem wichtig für alle neuen, sich selbständig gruppirenden Kapitalableger. Und sobald die Kapitalbildung aus-schließlich in die Hände einiger wenigen, fertigen Großkapitale fiele, für die die Masse des Profits die Rate aufwiegt, wäre überhaupt das belebende Feuer der Produktion erloschen. Sie würde einschlummern. Die Profitrate ist die treibende Macht in der kapitalistischen Pro-duktion, und es wird nur producirt, was und soweit es mit Profit producirt werden kann. ... Die Entwicklung der Produk/tivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit ist die historische Auf-gabe und Berechtigung des Kapitals. Eben damit schafft es unbewußt die materiellen Bedin-gungen einer höhern Produktionsform. 

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K. Marx, Das Kapital III, MEGA II.15; S. 254ff. [MEW 25, S. 268f.]  



Nota. - Wenn überhaupt mit irgendeinem Recht gesagt werden kann, dass Marx in der Geschichte ein "Gesetz" entdeckt habe, so wäre es dieses: 'Man kann' die Geschichte so auffassen, als ob sie eine Gesellschaftsform bezweckt hätte, in der der Reichtum ohne Schranken wachsen kann, weil sich die Bedürfnisse ohne Schranke fortentwickeln; und als ob sie – was das Dialektische daran wäre – zu diesem Behuf zuerst eine Produktionsweise finden musste, deren Wachstumsdynamik den Rahmen der Klassengesellschaft sprengt. Zu diesem Zweck wiederum sei die Klassenspaltung der Gesellschaft zuvor überhaupt erst not-wendig gewesen, weil anders das Akkumulieren nie begonnen und die Bedürfnisse stagniert hätten. So könnte man die Geschichte auffassen. Dazu müsste man sie aber zuvor als ein mit eigenem Willen begabtes und zur Planung befähigtes Subjekt auffassen. Nur gibt es keinen vernünftig vertretbaren Grund dafür. Die Geschichte selber ist bête comme un fait, blöd wie eine Tatsache.
JE

 

 

Nota - Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE

Donnerstag, 9. Juli 2026

Bedürfnis und Vermögen unter antagonistischen Distributionsverhältnissen.

flämisch, 17. Jhdt.                                          aus Marxiana

Die Bedingungen der unmittelbaren Exploitation und die ihrer Realisation sind nicht iden-tisch. Sie fallen nicht nur nach Zeit und Ort, sondern auch begrifflich auseinander. Die einen sind nur beschränkt durch die Produktivkraft der Gesellschaft, die andren durch die Proportionalität der verschiednen Produktionszweige und durch die Konsumtionskraft der Gesellschaft. 

Diese letztre ist aber bestimmt weder durch die absolute Produktionskraft noch durch die absolute Konsumtionskraft; sondern durch die Konsumtionskraft auf Basis antagonisti-scher Distributionsverhältnisse, welche die Konsumtion der großen Masse der Gesellschaft auf ein, nur innerhalb mehr oder minder enger Grenzen veränderliches Minimum reducirt. Sie ist ferner beschränkt durch den Akkumulationstrieb, den Trieb nach Vergrößerung des Kapitals und nach Produktion von Mehrwerth auf erweiterter Stufenleiter. Dies ist Gesetz für die kapitalistische Produktion, gegeben durch die beständigen Revolutionen in den Pro-duktionsmethoden selbst, die damit beständig verknüpfte Entwerthung von vorhandnem Kapital, den allgemeinen Konkurrenzkampf und die Nothwendigkeit, die Produktion zu verbessern und ihre Stufenleiter auszudehnen, bloß als Erhaltungsmittel und bei Strafe des Untergangs. 

Der Markt muß daher beständig ausgedehnt werden, sodaß seine Zusammenhänge und die sie regelnden Bedingungen immer mehr die Gestalt eines von den Producenten unabhän-gigen Naturgesetzes annehmen, immer unkontrollirbarer werden. Der innere Widerspruch sucht sich auszugleichen durch Ausdehnung des äußern Feldes der Produktion. Je mehr sich aber die Produktivkraft entwickelt, um so mehr geräth sie in Widerstreit mit der engen Basis, worauf die Konsumtionsverhältnisse beruhen. 

Es ist auf dieser widerspruchsvollen Basis durchaus kein Widerspruch, daß Uebermaß von Kapital verbunden ist mit wachsendem Uebermaß von Bevölkerung; denn obgleich, beide zusammengebracht, die Masse des producirten Mehrwerths sich steigern würde, steigert sich eben damit der Widerspruch zwischen den Bedingungen, worin dieser Mehrwerth producirt, und den Bedingungen, worin er realisirt wird. 
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K. Marx, Das Kapital III, MEGA II/15,  S. 241  [MEW 25, S. 254f.]
   


                                                                                                                                                         
Nota. -Wer immer zu verstehen bereit ist, kann an dieser Stelle erkennen, was Marx meint, wenn er gelegentlich von den Gesetzen der kapitalistisch Produktionsweise als von "Natur-gesetzen" redet: nämlich dies, dass sie durch Menschen nicht kontrollierbar - nein: nicht sind, sondern - werden. Nämlich nicht unter kapitalistischen Bedingungen; diese Bedingun-gen könnten aber aufgehoben werden - und damit die "Natur" verändert. Anders hätte der Gebrauch dieses Ausdrucks keinen Sinn.
20. 1. 17 

 
Nota II. -  Zu bemerken ist schließlich, dass M. hier die (antagonistischen) Distributions-verhältnisse als bestimmend für Produktions- und Konsumtionskraft der Gesellschaft nennt, und nicht etwa die Produktionsverhältnisse, wie man es in einem logischen Modell täte. Denn historisch war die Scheidung der ländlichen Arbeitskraft vom Boden 'eher da' als die Lohnarbeit.
JE
 
 

Mittwoch, 8. Juli 2026

Die Wissenschaftslehre ist keine Metaphysik.

                                 zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik      

Die Wissenschaftslehre ist keine logische Metaphysik. Sie stellt nicht die Welt, wie etwa Hegel, dar als ein systematisches Verzeichnis der denkbaren Begriffe. 

Sie ist die Genealogie der notwendigen Vorstellungen.

Notwendig aber nicht aus einem gegebenen Grund, sondern für einen gegebenen Zweck: das tatsächliche Bewusstsein zu erklären. Weil jenes zum Ergebnis der 
wirklichen Ent-wicklung der Vorstellungen geworden ist, muss jene Entwicklung diesen Weg genommen und an diesem Punkt begonnen haben.

Die Wissenschaftslehre ist immanent, aber so bleibt sie nicht. Sie wird transzendental, in-dem sie unter den wirklichen Vorstellungen deren notwendigen Prämissen aufsucht.

Für Fichte ist der Begriff lediglich Medium der Vorstellung. Er selbst leistet gar nichts. Es bleibt immer der Vorstellende, der leistet.

Und was ist das 'tatsächliche Bewusstsein'? Es ist nicht mehr und nicht weniger als alles, was über Dinge - Gegenstände, Begriffe, Bilder - tatsächlich gedacht wird, vom gesunden Men-schenverstand bis hin zu Teilchenphysik, Molekularbiologie und spekulativer Kosmologie: wirkliches Wissen und Wissenschaft. Wissenschaftslehre dagegen ist - die Genealogie der Vorstellungen, die auf dem Weg dahin notwendig wurden.

22. 12. 14 



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Dienstag, 7. Juli 2026

Die Wissenschaftslehre ist keine Lebensphilosophie.

                                                    zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Die Voraussetzung der Wissenschaftslehre sei das Wollen.

- Nein. Die Voraussetzung der Wissenschaftslehre ist, dass gewollt wird - weil anders nichts verständlich wird.

Das wirkliche Leben lässt mir aber gar nicht die Zeit, zu fragen, ob ich will; geschweige denn, was. Das wirkliche Leben ist eine Kadenz von Situationen, die mir anmuten, dieses oder jenes zu tun. Was mir zu wollen übrigbleibt, ist in der Wirklichkeit immer nur: Kommt überhaupt nicht in Frage! Das tue ich nicht.

Mit andern Worten, der Mensch kann nein sagen. 

23. 12. 2014 

 
 
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Montag, 6. Juli 2026

Wollen ist das erste.

                        zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik    

Also das erste und höchste der Ordnung des Denkens nach, was ich finde, bin ich, aber ich kann mich nicht finden ohne Wesen meinesgleichen außer mir; denn ich bin Individuum. Also meine Erfahrung geht aus von einer Reihe vernünftiger Wesen, zu welcher auch ich gehöre, und an diesem Punkt knüpft sich alles an. Dieses ist die intelligible Welt, Welt, in-sofern sie etwas Gefundenes ist, intelligibel in wiefern sie nur gedacht und nicht angeschaut wird.

Die Welt der Erfahrung wird auf die intelligible gebaut, beide sind zugleich, eine ist nicht ohne die andere, sie stehen im Geiste in Wechselwirkung.

Beide entstehen aus den Gesetzen der idealen Tätigkeit; die intelligible aus den Gesetzen des Denkens, die empirische aus den Gesetzen der Anschauung, sie sind etwas Ideales (noumene), aber keine Dinge an sich.

Der Grund von beiden ist schlechthin ursprünglich, die Bestimmung des reinen Willens; wenn man von etwas an sich reden könnte, so wäre es der reine Wille, der sich in der Empi-rie zeigt als Sittengesetz.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 151 


NotaI. - Ich habe Die Welt als Wille und Vorstellung nicht im Kopf, sie ist zu dick und doch nicht voll genug; ich weiß also nicht, ob Schopenhauer je zugegeben hat, dass der Einfall, Kants Ding an sich im reinen Willen aufzufinden, von seinem Lehrer, dem Windbeutel Fichte stammte. Er ist bei ihm gleichbedeutend mit dem Sein, dies aber ist das Übel: der persische Ahriman.

Nota II. - Also Vernunft, die intelligible Welt, ist schon da, wenn ich die Kette meiner Er-fahrungen beginne, sie besteht in der 'Reihe vernünftiger Wesen', in die ich selber hineinge-boren bin. Unter ihnen finde ich mich, erfahre ich mich als Individuum, nach ihrer Maßga-be denke ich mich als Ich. Nämlich jeweils, wenn ich mich als wollend vorfinde. Für die (rückblickende) Reflexion ist das Wollen daher das Erste.
JE
26. 12. 14

Sonntag, 5. Juli 2026

Über den Witz.

 Maria Reinfeld,           zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik    

Witz ist eine sehr ernsthafte Sache.
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J. G. Fichte, Erste Wissenschaftslehre von 1804, Stuttgart 1969, S. 8 


Wenn z.B. der Philosoph eine Idee in allen ihren einzelnen Bestandtheilen Schritt vor Schritt zerlegt, jeden dieser Bestandtheile, einen nach dem andern, durch eines jeden eigenthümlichen Grenzbegriff bestimmt, und von ihm unterscheidet, so lange bis die ganze Idee erschöpft ist: so geht er den Weg der methodischen Mittheilung, und beweiset mittelbar die Wahrheit seiner Idee. 

Gelingt es ihm nun etwa noch zum Beschlusse das Ganze in seiner absoluten Einheit in einen einzigen Lichtstrahl zu fassen, der es wie ein Blitz durchleuchte und abgesondert hinstelle, und jeden verständigen Hörer oder Leser ergreife, dass er ausrufen müsse: ja wahrhaftig so ist es, jetzt sehe ich es mit einemmale ein; so ist dies die Darstellung der aufgegebenen Idee in ihrer unmittelbaren Anschaulichkeit, oder die Darstellens derselben durch den Witz: und hier zwar durch den directen oder positiven Witz.
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Nota. - So geht es natürlich auch: Er gibt erst seinen Witz zum Besten und erklärt ihn danach; oder irgendein anderer, der ihn verstanden hat.

Didaktisch ist das sogar geschickter; aber nicht mehr lustig.
JE.

Samstag, 4. Juli 2026

Freiheit ist nur in ihrem Podukt anschaubar.

                         zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Die Freiheit ist absolute Selbstaffektion und weiter nichts, sie ist aber kein Mannigfaltiges, also auch nicht anschaubar. Hier soll aber ein Produkt derselben anschaubar sein, sie soll also mittelbar anschaubar sein. 
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 59 
 

 
Nota. - Bedenke jedoch, dass ihr Produkt nicht dieser oder jener Gegenstand ist, sondern die Handlung selbst.
JE
 
 
Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. 

Freitag, 3. Juli 2026

Krisen sind notwendig, um das gestörte Gleichgewicht wiederherzustellen.

umdiewelt                                                                aus Marxiana

Gleichzeitig mit der Entwicklung der Produktivkraft entwickelt sich die höhere Zusam-mensetzung des Kapitals, die relative Abnahme des variablen Theils gegen den konstanten.
 

Diese verschiednen Einflüsse machen sich bald mehr neben einander im Raum, bald mehr nach einander in der Zeit geltend; periodisch macht sich der Konflikt der widerstreitenden Agentien in Krisen Luft. Die Krisen sind immer nur momentane gewaltsame Lösungen der vorhandnen Widersprüche, gewaltsame Eruptionen, die das gestörte Gleichgewicht für den Augenblick wieder herstellen.
 
Der Widerspruch, ganz allgemein ausgedrückt, besteht darin, daß die kapitalistische Pro-duktionsweise eine Tendenz einschließt nach absoluterEntwicklung der Produktivkräfte, abgesehn vom Werth und dem in ihm eingeschloßnen Mehrwerth, auch abgesehn von den gesellschaftlichen Verhältnissen, innerhalb deren die kapitalistische Produktion stattfin-det; während sie andrerseits die Erhaltung des existirenden Kapitalwerths undseine Ver-werthung im höchsten Maß (d. h. stets beschleunigten Anwachsdieses Werths) zum Ziel hat. Ihr specifischer Charakter ist auf den vor handnen Kapitalwerth als Mittel zur größtmög-lichen Verwerthung dieses Werths gerichtet. Die Methoden, wodurch sie dies erreicht, schließen ein: Abnahme der Profitrate, Entwerthung des vorhandnen Kapitals, und Ent-wicklung der Produktivkräfte der Arbeit auf Kosten der schon producirten Produktivkräfte.

Die periodische Entwerthung des vorhandnen Kapitals, die ein der kapitalistischen Produk-tionsweise immanentes Mittel ist, den Fall der Profitrate aufzuhalten und die Akkumulation von Kapitalwerth durch Bildung von Neukapital zu beschleunigen, stört die gegebnen Ver-hältnisse, worin sich der Cirkulations- und Reproduktionsproceß des Kapitals vollzieht, und ist daher begleitet von plötzlichen Stockungen und Krisen des Produktionsprocesses.
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K. Marx, Das Kapital III, MEGA II/15,  S. 245f.  [MEW 25, S. 259f.]
   



Nota I. - Nicht nur können Krisen nicht verhindert werden, weil das nötige politische Ins-trumentarium fehlt. Es wäre auch nicht sinnvoll, sie zu verhindern, weil sonst das Gleichge-wicht ganz verloren ginge.

Ach, das Gleichgewicht soll anders wiederhergestellt werden als durch die Krise? Das geht nicht, solange Kokurrenz herrscht, und die ist die Triebkraft der kapitalistischen Produk-tion. So können Krisen zwar palliativ gemildert werden, aber nur durch anhaltende Akku-mulation neuer Ungleichgewichte - Aufblähen eines (aus kapitalistischer Sicht) unprodukti-ven Staatssektors und Explosion der öffentlichen Schulden.
21. 1. 17 

Nota II. -  Vgl. darüberhinaus Das fixe Kapital und das System der Arbeitsteilung.
JE

Donnerstag, 2. Juli 2026

Vorkapitalistische Herrschaftsformen mussten sich nicht verschleiern.

                                                                     aus Marxiana

In frühern Gesellschaftsformen tritt diese ökonomische Mystifikation nur ein hauptsächlich in Bezug auf das Geld und das zinstragende Kapital. Sie ist der Natur der Sache nach ausge-schlossen, erstens wo die / Produktion für den Gebrauchswerth, für den unmittelbaren Selbstbedarf vorwiegt; zweitens wo, wie in der antiken Zeit und im Mittelalter, Sklaverei oder Leibeigenschaft die breite Basis der gesellschaftlichen Produktion bildet: die Herrschaft der Produktionsbedingungen über die Producenten ist hier versteckt durch die Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnisse, die als unmittelbare Triebfedern des Produktionsprocesses erscheinen und sichtbar sind. 

In den ursprünglichen Gemeinwesen, wo naturwüchsiger Kommunismus herrscht, und selbst in den antiken städtischen Gemeinwesen, ist es dies Gemeinwesen selbst mit seinen Bedingungen, das als Basis der Produk-tion sich darstellt, wie seine Reproduktion als ihr letzter Zweck. Selbst im mittelalterlichen Zunftwesen er-scheint weder das Kapital noch die Arbeit ungebunden, sondern ihre Beziehungen durch das Korporationswe-sen und mit demselben zusammenhängende Verhältnisse und ihnen entsprechende Vorstellungen von Berufspflicht, Meisterschaft etc. bestimmt. Erst in der kapitalistischen Produktionsweise
[Hier bricht das Ms. ab.]
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K. Marx, Das Kapital III, MEGA II.15; S. 805f. [MEW 25, S. 839]   


Nota. - Genauer gesagt, vorkapitalistische Herrschaftsformen konnten sich gar nicht ver-schleiern. Sie waren das, als was sie erschienen und erschienen als was sie waren. Die Grundherrschaft der Feudalen beruhte auf ihrer Zugehörigkeit zur Klasse des kriegfüh-renden Adels oder einer geweihten Priesterschaft - was weitgehend auf dasselbe hinauslief. Sie war nicht durch ökonomische Abhängigkeiten "vermittelt", sondern sie begründeten dieselben. Dass ökonomische Abhängigkeiten politische Herrschaft begründen, ist vielmehr das auszeichnende Merkmal der bürgerlichen Verkehrsweise. Es ist dieser Umstand, der ide-ologisch verklärt werden muss, denn gerechtfertigt erscheint er nur im Sinne geltenden Rechts, nicht aber im Sinne höherer Gerechtigkeit. 

So war hingegen die Feudalherrschaft begründet - nämlich in höherer, überirdischer Ordnung. Nicht der Umstand, dass sie herrschen, muss vertuscht werden, sondern die überzeitliche Gültigkeit jener Ordnung muss zelebriert und repräsentiert werden. Pracht und Luxus, die die Bourgeoisie vor den Augen des Publikums verstecken muss, sind in der Feudalordnung nicht Vergeudung, sondern werden als Verschwendung zu unverzichtbaren Attributen des Herrschens, und werden öffentlich zur Schau gestellt. Ihre Zurschaustellung ist fast das einzige Stück Öffentlichkeit, das sich mit der Feudalität verträgt.
JE, 21. 12. 15



Was heißt Aufforderung zur Freiheit?

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