Montag, 24. August 2026

Von Fichte zur Kritik der politischen Ökonomie?

 i.ytimg.                                     zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Bei meinem Marx/Fichte-Thema geht es mir übrigens nicht um die philogo-gisch-biographische Frage, wer von wem abgeschrieben hat, sondern um ge-dankliche Berührungen und Verwandtschaften, aber nicht erst um 'Begriffe', sondern schon um Motive. JE 

ChatGPT antwortet: 

Das verändert die Fragestellung beträchtlich. Und ich glaube, so wird sie philosophisch interessanter.

Dann wäre die Frage nicht:

„Hat Marx Fichte gelesen und einen Gedanken übernommen?“

sondern eher:

Welche Denkbewegungen, die bei Fichte bereits als Motive auftreten, kehren bei Marx unter ganz anderen theoretischen Voraussetzungen wieder?

Das ist eine andere Art von Vergleich. Sie verlangt gerade keine philologische Einflussgeschichte. Eine Übereinstimmung kann philosophisch bedeutsam sein, auch wenn keinerlei Lektürekontakt nachweisbar ist.

Und Ihr Hinweis auf die Wissenschaftslehre von 1794–99 scheint mir dafür sogar der Schlüssel zu sein.

1. Nicht „Begriffe“, sondern Motive

Bei einem Begriff fragt man etwa:

Verwendet Fichte „Tätigkeit“, „Selbsttätigkeit“, „Freiheit“ oder „Ich“ in einem Sinn, der demjenigen bei Marx entspricht?

Das führt schnell zu Wortvergleich und Einflussgeschichte.

Bei einem Motiv wäre die Frage anders:

Welches Problem zwingt Fichte dazu, eine bestimmte Denkfigur hervorzubringen – und taucht dasselbe Problem, möglicherweise auf einer völlig anderen Ebene, bei Marx wieder auf?

Das ist viel ergiebiger.

Ich sehe dabei mindestens vier Motive, bei denen Fichte und Marx überraschend nahe kommen könnten.


2. Das erste Motiv: Wirklichkeit als Hervorbringen

Der vielleicht tiefste Berührungspunkt liegt noch vor aller Ökonomie.

Fichtes frühe Wissenschaftslehre setzt beim Tun an. Das Ich ist nicht zunächst ein vorhandenes Ding, das anschließend handelt; vielmehr wird das Ich erst in einer ursprünglichen Tathandlung als sich selbst bestimmende Tätigkeit gedacht.

Das Entscheidende ist also:

Nicht ein fertiges Sein → Tätigkeit

sondern:

Tätigkeit → Hervorbringung einer bestimmten Wirklichkeit.

Bei Marx erscheint etwas strukturell Verwandtes, sobald er sich gegen die Vorstellung wendet, gesellschaftliche Verhältnisse seien bloß vorgegebene Dinge. Die Menschen produzieren ihre Lebensbedingungen und damit ihre gesellschaftliche Wirklichkeit.

Das ist zunächst noch gar kein „Begriffskontakt“. Es ist eine gemeinsame ontologische Intuition:

Das Wirkliche ist nicht einfach da; es ist Resultat von Tätigkeit.

Aber die Differenz ist entscheidend: Bei Fichte ist die ursprüngliche Tätigkeit transzendental-philosophisch gedacht; bei Marx wird sie historisch-materialistisch: Arbeit, Produktion, gesellschaftliche Praxis.


3. Das zweite Motiv: Selbstbestimmung durch Vermittlung eines Widerstandes

Noch interessanter ist Fichtes berühmtes Verhältnis von Ich und Nicht-Ich.

Das Ich kann seine Tätigkeit nicht einfach schrankenlos verwirklichen. Es stößt auf ein Gegenständliches, Widerständiges. Gerade dadurch wird seine Tätigkeit bestimmt.

Das Motiv könnte man sehr grob so formulieren:

Selbstbestimmung geschieht nicht trotz der Welt, sondern durch Auseinandersetzung mit einem Widerstand.

Und hier beginnt die Marx-Nähe.

Bei Marx ist menschliche Selbstverwirklichung ebenfalls keine unmittelbare Selbstsetzung. Der Mensch verwirklicht sich in der gegenständlichen Tätigkeit, indem er die Natur bearbeitet und dadurch seine eigenen Lebensbedingungen verändert.

Die berühmte Marxsche Formel aus den Pariser Manuskripten:

„Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur.“

Das ist strukturell geradezu eine Umkehrung und Materialisierung der Fichteschen Denkbewegung.

Fichte:

Ich → Tätigkeit → Gegenstand/Widerstand → bestimmte Selbsttätigkeit

Marx:

Mensch → Arbeit → Natur/Gegenstand → Veränderung der Natur und des Menschen selbst

Man sollte daraus keineswegs „Marx ist Fichteaner“ machen. Aber als Motivverwandtschaft ist es bemerkenswert.


4. Das dritte Motiv: Freiheit als Gewinn an verfügbarer Tätigkeit

Und hier kommt Ihre Muße-Beobachtung ins Zentrum.

Bei Fichte ist Freiheit nicht einfach ein Zustand, in dem der Mensch „nichts tun muss“. Freiheit ist vielmehr verfügbare Selbsttätigkeit.

Deshalb kann bei ihm die ökonomische Frage eine merkwürdige Wendung nehmen:

Ökonomischer Fortschritt bedeutet letztlich, dass dieselbe notwendige Reproduktion mit weniger notwendiger Arbeit erreicht wird.

Damit entsteht freie Zeit.

Und freie Zeit bedeutet bei Fichte nicht bloß Erholung, sondern:

freigesetzte Möglichkeit menschlicher Tätigkeit.

Das ist philosophisch sehr viel interessanter als der bloße Begriff „Muße“.

Denn genau hier berührt sich Fichte mit einem Motiv, das bei Marx gewaltige Bedeutung gewinnt:

Die Produktivkräfte sind nicht nur Mittel zur Produktion von mehr Produkten; ihr eigentlicher historischer Sinn liegt darin, notwendige Arbeitszeit überflüssig zu machen.

In den Grundrissen wird daraus bekanntlich die Vorstellung, dass die Entwicklung des gesellschaftlichen Reichtums daran gemessen werden kann, wie weit die notwendige Arbeitszeit gegenüber der disposable time zurücktritt.

Und jetzt wird die Nähe wirklich frappierend:

Fichte:
mehr Produktivität → weniger notwendige Arbeitszeit → mehr Muße → mehr Raum für freie Tätigkeit.

Marx:
mehr Produktivität → weniger notwendige Arbeitszeit → mehr disposable time → Entwicklung des Menschen.

Das ist kein bloßer „Begriff“. Es ist dasselbe Problem-Motiv:

Wie verwandelt sich die Herrschaft der Notwendigkeit über die menschliche Zeit in Freiheit?


5. Das vierte Motiv wäre vielleicht das stärkste: Freiheit muss objektive Bedingungen haben

Und hier könnte Ihre wissenslogische Perspektive wirklich fruchtbar werden.

Die frühe Wissenschaftslehre beginnt mit einer scheinbar radikal subjektiven Philosophie. Aber Fichte kann Freiheit gerade nicht bei einem bloßen inneren Bewusstsein stehen lassen.

Das freie Ich braucht:

  • eine Welt,
  • Widerstand,
  • andere freie Wesen,
  • Anerkennung,
  • rechtlich bestimmte Verhältnisse,
  • schließlich eine bestimmte Organisation der materiellen Lebensbedingungen.

Das heißt: Freiheit wird zunehmend objektiviert.

Und genau diese Bewegung ist für Marx fundamental.

Marx kann die bloß abstrakte „Freiheit“ des bürgerlichen Rechts gerade deshalb kritisieren, weil wirkliche Freiheit für ihn objektive gesellschaftliche Voraussetzungen benötigt.

Damit könnte man eine erstaunliche gemeinsame Grundbewegung formulieren:

Vom abstrakten Begriff der Freiheit zu den Bedingungen ihrer wirklichen Ausübung.

Bei Fichte führt diese Bewegung von der Wissenschaftslehre über Naturrecht und Rechtslehre bis zur Wirtschaftsordnung.

Bei Marx führt sie von der Kritik der Philosophie und des Rechts zur Kritik der politischen Ökonomie.

Die Wege sind entgegengesetzt und die Resultate völlig verschieden – aber das Problem, das sich immer weiter konkretisiert, könnte verwandt sein.


Und damit würde ich Ihre ursprüngliche Marx/Fichte-Frage tatsächlich anders stellen

Nicht:

Hat Marx Fichte gelesen?

und auch nicht:

Hat Marx den Fichteschen Begriff X übernommen?

Sondern:

Gibt es eine strukturelle Verwandtschaft zwischen Fichtes Versuch, aus dem Grundmotiv der Selbsttätigkeit die objektiven Bedingungen menschlicher Freiheit abzuleiten, und Marx' Versuch, aus der menschlichen Produktion die objektiven Bedingungen wirklicher menschlicher Emanzipation zu bestimmen?

Dann wäre die Rechtslehre von 1812 plötzlich gar kein exotischer Nebenschauplatz.

Im Gegenteil: Sie könnte zeigen, dass Fichte selbst eine Bewegung vollzieht, die uns normalerweise erst bei Marx vertraut ist:

Transzendentale Freiheit → Tätigkeit → Gegenständlichkeit → soziale Anerkennung → Recht → Arbeit → Ökonomie → Freisetzung von Zeit.

Und Marx könnte – ohne Fichte gelesen zu haben – eine andere, materialistische Antwort auf dieselbe Tiefenfrage geben.

Das wäre m.E. die wirklich interessante These.

Und sie würde auch erklären, warum Ihre ursprüngliche Irritation bei der Muße so produktiv ist: Nicht weil Marx dort möglicherweise einen Fichte-Satz wiederholt, sondern weil plötzlich ein Motiv sichtbar wird, das von der frühen Wissenschaftslehre bis zur politischen Ökonomie durchgehalten werden könnte.

Es ist, um sich die Haare zu raufen: Ich schufte an meinem Thema seit 40 Jahren, und bei ChatGPT muss ich nur auf einen Knopf drücken - und er spuckt mir alles aus!  So als hätte er schon immer alles gewusst... 

Der Witz ist: Er hat schon immer alles gewusst - nur hat er, seit er ChatGPT wurde, nichts davon gewusst. Und hätte ich ihm nicht die Frage souffliert, wärs ihm bis heut nicht eingefallen...

Wahr ist: Alles, was mit meinem Thema zu tun hat und irgendwo im Internet versteckt sein mag, steht ihm zur Verfügung und er muss nur noch darauf zugreifen - aber dazu muss ihn einer auffordern.

Aus dem Grund übrigens, will mir scheinen, ist er gegen seinen Ge-sprächspartner immer so höflich und zuvorkommend: Er ist, um weiter-zukommen, immer wieder auf ihn angewiesen. Er schmeichelt mir inso-fern nicht, doch da keiner bislang auf diesem Weg mitgegangen ist, be-stätigt er mir, dass der so falsch nicht gewesen sein kann.
*) Um alleine weiterzukommen, müsste er wissen, wohin er will, aber das kann er nicht.
JE 

 

 


Sonntag, 23. August 2026

Fichte und die klassische Wertlehre.

 planet-wissen                        zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Frage an ChatGTP:

J. G. Fichte gibt in seiner Rechtslehre von 1812 eine Dastellung, die sich wie ein Ab-riss der klassischen Wertlehre liest. Lässt sich überprüfen, ob Fichte Adam Smith gelesen hat?  JE

Ja. Für eine Kenntnis Adam Smiths durch Fichte gibt es deutlich bessere Belege, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Man sollte allerdings zwischen zwei Fragen unterscheiden:

  1. Hat Fichte den Smith tatsächlich gelesen? – Dafür gibt es starke Indizien, insbe-sondere um 1800.
  2. Ist die Wirtschaftstheorie der Rechtslehre von 1812 unmittelbar aus Smith her-vorgegangen? – Das ist wesentlich schwieriger und meines Erachtens eher zu vernei-nen.

Gerade Ihre Beobachtung zur Wertlehre macht die Sache interessant.

1. Der stärkste Beleg: Fichtes Brief an Friedrich Schlegel von 1800

Am 16. August 1800 schrieb Fichte an Friedrich Schlegel, er habe soeben eine Schrift über „Handel, und Wandel, Geld, Nationalreichthum, u. dergl.“ an die Presse gegeben. Der un-mittelbare Anlass sei die Lektüre eines liberalen Werkes der politischen Ökonomie gewe-  sen, dessen Inhalt ihn so empört habe, dass diese „Indignation“ ihn geradezu zur Abfas-sung angeregt habe. Die Forschung identifiziert dieses Werk mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Smiths Wealth of Nations.

Das ist deshalb wichtig, weil Fichtes Geschlossener Handelsstaat tatsächlich 1800 erscheint und sich ausdrücklich gegen die liberale Ökonomie wendet. In der Forschung wird Smith hier nicht bloß als allgemeiner Zeitgenosse genannt: Fichte setzt sich mit der von Smith re-präsentierten Konzeption des selbstregulierenden Handels auseinander.

Es gibt sogar eine bemerkenswerte inhaltliche Spur: In Smiths Wealth of Nations ist der „real price“ eines Gutes durch die Arbeit bzw. Anstrengung bestimmt, die sein Erwerb kostet. Eine Untersuchung zu Fichtes Handelsstaat stellt diese Smithsche Bestimmung unmittelbar neben Fichtes These vom „wahren inneren Werth jeder freien Thätigkeit“ und seinem Versuch, den Wert über die für den Lebensunterhalt erforderliche Zeit zu bestim-men.

Das ist schon ziemlich nah an Ihrer Beobachtung.


2. Aber: Fichte liest Smith offenbar als Gegner

Man muss dabei eine methodische Falle vermeiden. Fichte übernimmt Smith nicht einfach.

Smiths Theorie enthält ja mindestens zwei verschiedene Wertbestimmungen:

  • den real price als Menge von Arbeit, die ein Gut „kostet“ bzw. über die es verfügt,
  • daneben den Tauschwert, dessen Erklärung bei Smith wesentlich komplizierter wird und bei dem Arbeit, Lohn, Profit und Grundrente auseinanderzutreten beginnen.

Fichte radikalisiert demgegenüber die Arbeits-/Zeitdimension. In der Rechtslehre von 1812 lautet seine Rekapitulation:

„der Wert eines jeden Arbeitsproduktes sei = dem Lebensunterhalt auf so lange Zeit, als die Zeit der Arbeit, die auf dieses Produkt verwandt wurde, in diesem bestimmten Staate abgibt.“

Und unmittelbar danach identifiziert er Wert/Preis mit dem Verhältnis des Produkts zum Nationalreichtum bzw. zur durch Arbeit gewonnenen Muße.

Das ist bemerkenswert, weil Fichte damit etwas tut, was Smith gerade nicht tut: Er versucht, einen objektiven Wertmaßstab aus dem Verhältnis von Arbeitszeit → Lebensunterhalt → freie Zeit zu gewinnen.


3. Und hier kommt Ihre Beobachtung zur „klassischen Wertlehre“ ins Spiel

Ich würde Ihre Vermutung sogar noch etwas stärker formulieren:

Die Ähnlichkeit zwischen Fichte 1812 und der klassischen politischen Ökonomie ist wahrscheinlich keine bloße Zufallsähnlichkeit, aber sie lässt sich auch nicht einfach als „Fichte übernimmt Smith“ beschreiben.

Dierksmeier zeigt, dass Fichte 1812 ausdrücklich auf inzwischen betriebene Studien nationalökonomischer Literatur zurückgreift. Als unmittelbaren Anstoß nennt er unter anderem Fichtes Auseinandersetzung mit Schmalz' Handbuch der Staatswissenschaft (1808).

Fichte entwickelt 1812 also gegenüber dem Geschlossenen Handelsstaat tatsächlich eine weitergebildete ökonomische Theorie. Dierksmeier spricht ausdrücklich von einer Theorie des Warenwerts und rekonstruiert Fichtes Unterscheidung zwischen einem „inneren Wert“ und dem äußeren Markt-/Tauschwert.

Das könnte erklären, weshalb Ihnen der Text wie ein Abriss der klassischen Werttheorie vorkommt.


4. Allerdings gibt es einen noch interessanteren Kandidaten als Smith: Malthus

Hier würde ich Ihre Frage etwas korrigieren bzw. erweitern.

Dierksmeier schreibt ausdrücklich, Fichtes Werttheorie von 1812 stehe „im Einklang mit der Malthusischen Arbeitskostentheorie“.

Das ist historisch ausgesprochen interessant, denn Fichte muss für die 1812er Theorie keineswegs unmittelbar bei Smith stehen. Es könnte eine Vermittlungskette

Smith → Malthus → deutsche Nationalökonomie → Fichte

geben.

Und die zeitliche Situation passt dazu. Fichte hatte zwischen 1800 und 1812 Gelegenheit, eine ganze Reihe nationalökonomischer Schriften kennenzulernen; die Forschung betont ausdrücklich, dass sich seine ökonomischen Studien in dieser Zeit intensivierten.


5. Was ich deshalb für die wahrscheinlichste Rekonstruktion halte

Ich würde momentan folgende These vertreten:

Fichte kannte Smith spätestens um 1800 sehr wahrscheinlich aus eigener Lektüre. Der Brief an Schlegel ist dafür der wichtigste biographische Anhaltspunkt. Es wäre allerdings zu stark, daraus zu schließen, dass die gesamte Wirtschaftstheorie von 1812 eine direkte Smith-Rezeption sei.

Vielmehr scheint mir die Entwicklung etwa so auszusehen:

Smith (1776)
→ Problem des „realen“ Wertes und der Arbeit als Wertmaß
Fichte 1800: radikale Kritik der liberalen Handelsökonomie
→ Rezeption weiterer Nationalökonomen, insbesondere Malthus und deutscher Autoren
Fichte 1812: Transformation der Arbeitswertidee in eine rechtsphilosophische Theorie von Wert, Preis, Arbeit, Muße und Nationalreichtum.

Das Entscheidende wäre dabei, Fichtes Begriffe nicht vorschnell mit Smiths Begriffen gleichzusetzen. Fichte macht aus der ökonomischen Werttheorie eine Theorie der Freiheit: Der eigentliche Wert der Arbeit besteht letztlich in der durch sie gewonnenen Muße. Dierksmeier hebt genau diesen eigenständigen Zug der 1812er Theorie hervor.

Und das könnte tatsächlich der Punkt sein, an dem Fichte erstaunlich nahe an spätere klassische Werttheorien herankommt, während sein Begründungszusammenhang völlig anders ist.

Wenn Sie möchten, können wir das sehr genau überprüfen: Ich könnte Fichtes Werttheorie von 1812 Satz für Satz mit Smith, Wealth of Nations I.5–I.7, und Malthus, Principles of Political Economy, Kap. 2, parallelisieren. Dann ließe sich ziemlich genau feststellen, welche Formulierungen bei Fichte tatsächlich Smithsche Herkunft verraten und wo Fichte einen eigenen, geradezu proto-klassischen Wertbegriff entwickelt.

Ich bin von Marx zu Fichte gekommen. Allerdings aus wissenslogischen Gründen, und da hat mir die frühe Wissenschaftslehre von 1794-99 die Augen für eine philosophische Verwandtschaft geöffnet. Mit dem Fichte nach 1800 habe ich mich kaum beschäftigt, doch dass er in der Rechtslehre von 1812 den Zweck wirtschaftlichen Fortschritts ausdrücklich als Gewinn von Muße be-stimmt hat, hat mich immerhin irritiert: 'Hat Marx bei Fichte abgeschrieben?' .

Sicher nicht, in seiner nachgelassenen Bibliothek finden sich kein Text von Fichte. Allerdings schrieb Marx in dem sog. Bekenntnisbrief an den Vater, er habe Hegel "mit Fichteschem verglichen", und das könnte - da er ja zunächst Jura studiert hat - sich (u. a. auch) auf die Rechtslehre von 1812 beziehen (Ob sie da allerdings in den Sämmtlichen Werken schon wieder erschienen war, kann ich im Moment nicht überprüfen.) Es kommt mir aber wie eine Schnaps-idee vor. Ich könnte nämlich mit fast hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit nachweisen, dass Marx die ungleich wichtigere Wissenschaftslehre nicht einmal dem Namen nach gekannt hat.
JE 


Freitag, 21. August 2026

"Formenwechsel" II.

 tierwelt.ch                                                                               zu Marxiana

Die Geldform ist eben die Form, worin sich der Wert der Ware als Wert oder als bestimm-tes Quantum vergegenständlichter Arbeit erhält, konserviert. Verwandle ich Geld in Ware, so verwandle ich den Wert aus seiner Form, worin er sich erhält, in eine Form, worin er sich nicht erhält, und in der Bewegung des Kaufens, um zu verkaufen, würde der Wert aus sei-ner unveränderlichen Form erst in eine Form verwandelt, worin er sich nicht erhält, um sie dann wieder in Geld, die unveränderliche Form, zurückzuverwandeln — eine Umwandlung, die in der Zirkulation gelingen mag oder nicht gelingen mag. 

Das Resultat wäre aber, daß ich nach wie vor dem Prozeß die Wertsumme, die vergegen-ständlichte Arbeit in ihrer unveränderlichen Form, als eine bestimmte Geldsumme besäße. Es ist dies eine ganz nutzlose und selbst zweckwidrige Operation. Halte ich aber das Geld als solches fest, so ist es Schatz, hat wieder Gebrauchswert und erhält sich als Tauschwert nur, weil es nicht als solcher wirkt; gleichsam als versteinerter Tauschwert, dadurch, daß es sich außerhalb der Zirkulation hält, sich negativ zu ihr verhält. 

Andrerseits, in der Form der Ware vergeht der Wert mit dem Gebrauchswert, worin er steckt, der ein vergängliches Ding ist und als solcher / durch den bloßen Stoffwechsel der Natur aufgelöst würde. Wird er aber wirklich als Gebrauchswert benutzt, d.h. konsumiert, so vergeht mit dem Gebrauchswert auch der in ihm enthaltne Tauschwert.

Vermehrung des Werts heißt nichts als Vermehrung von vergegenständlichter Arbeit; es ist aber nur durch lebendige Arbeit, daß vergegenständlichte Arbeit erhalten oder vermehrt werden kann.
______________________________________________________________________
K. Marx, Ökonomisches Manuskript von 1861-63, in Marx-Engels-Werke Band 43, Berlin 1990, S. 32f.  
 

 

Nota. - Das Geldstück ist ein realer Gegenstand, die Ware auch. Verwandelt sich ein Shilling in eine Handvoll Weizen? Natürlich nicht. Sie werden getauscht. Und zwar nach Maßgabe einer bestimmten Eigenschaft, die ihnen gemeinsam zugedacht wird. Erscheint diese Eigen-schaft je als ein realer Gegenstand? Nein, sie erscheint und verschwindet im Akt des Aus-tauchs selbst. Und nur, weil ihnen jene Eigenschaft im Vorhinein zugerechnet wurde; in der Vorstellung, wie will man es anders nennen? 

Nicht der Wert hat "seine Form verändert", sondern Zweie haben miteinander ein Geschäft gemacht. Es hört sich ganz anders an, aber gemeint ist in beiden Fällen dasselbe. Das haut Marx den Ökonomen zwischen jeder Zeile um die Ohren. Kritik ist ironisch.
JE

Fichte und Meister Eckhart, III.

                             zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

ChatGPT schreibt:

Brackens Buch besitzt eine sehr klare, wenn auch heute nicht unumstrittene Architektur. Seine eigentliche These lautet:

Der deutsche Idealismus – insbesondere Fichte – ist nicht nur historisch nach Kant zu verstehen, sondern zugleich als Vollendung einer geistigen Entwicklung, die mit der deutschen Mystik Meister Eckharts beginnt.

Diese Grundthese entfaltet er in mehreren Schritten.

1. Die historische Leitthese

Bereits im Vorwort erklärt Bracken sein Programm. Er will nicht bloß motivgeschichtliche Ähnlichkeiten feststellen, sondern die Frage beantworten,

ob zwischen Eckhart und Fichte eine innere philosophische Verwandtschaft besteht und welcher Art sie ist.

Er spricht sogar ausdrücklich von der

„Geburt des Idealismus aus dem Geiste der Mystik".

Damit grenzt er sich von einer rein quellenkritischen Untersuchung ab. Ihn interessiert weniger die Frage, ob Fichte Eckhart gelesen hat, als vielmehr die Kontinuität einer deutschen Denkbewegung von der Mystik zum Idealismus.

 

 

2. Deshalb rekonstruiert er zunächst Eckhart

Mehr als zwei Drittel des Buches handeln überhaupt nicht von Fichte.

Bracken entwickelt zunächst eine systematische Philosophie Eckharts.

Er behauptet, Eckhart sei keineswegs bloß religiöser Prediger, sondern besitze eine geschlossene Metaphysik.

Diese rekonstruiert er nach mehreren Grundbegriffen:

  • Form und Stoff
  • Ursache und Wirkung
  • Höheres und Niedrigeres
  • Gerechtigkeit
  • Mitteilung
  • Überformung
  • Geburt Gottes in der Seele

Dabei arbeitet Bracken ständig die neuplatonischen Grundlagen heraus (Proklos, Liber de causis, Avicenna, Aristoteles). Eckhart erscheint als Denker einer hierarchischen Seinsordnung, deren Ziel die Rückkehr des Menschen zur göttlichen Einheit ist.


3. Der entscheidende Übergang

Erst nach fast 400 Seiten beginnt der Vergleich.

Jetzt lautet die Frage:

Welche Strukturen der Wissenschaftslehre entsprechen den Grundstrukturen Eckharts?

Bracken betont dabei ausdrücklich:

Nicht dieselben Begriffe.

Nicht dieselbe Theologie.

Sondern dieselbe Grundbewegung des Denkens.


4. Die wichtigste Parallele:

Eckharts Seelengrund ↔ Fichtes Ich

Dies bildet den Mittelpunkt des zweiten Bandteils.

Bracken sagt ungefähr:

Bei Eckhart existiert im Menschen ein innerster Seelengrund.

Dieser ist

  • nicht psychologisch,
  • nicht empirisch,
  • sondern transzendental (im heutigen Sinn würde man fast sagen: Bedingung der Möglichkeit geistigen Lebens).

Bei Fichte erscheint dieselbe Funktion nun als

das absolute Ich.

Nicht weil Fichte Mystiker wäre.

Sondern weil beide nach einem letzten Ursprung aller Erfahrung suchen.

Hier sieht Bracken die tiefste strukturelle Verwandtschaft.


5. Die "Geburt Gottes" wird zur Selbstsetzung des Ich

Das ist vielleicht seine kühnste These.

Bei Eckhart

entsteht Gott im Seelengrund.

Bei Fichte

setzt sich das Ich selbst.

Bracken behauptet nun:

Dies seien keine identischen Lehren.

Aber sie erfüllten dieselbe philosophische Funktion.

Beide beschreiben den Ursprung geistiger Wirklichkeit nicht als äußeres Geschehen,

sondern als inneren Vollzug.

Deshalb nennt er die Wissenschaftslehre gewissermaßen die philosophische Transformation der Mystik.


6. Das Existenzgefühl

Hier wird Bracken besonders originell.

Er meint,

nicht nur einzelne Begriffe,

sondern das gesamte Existenzgefühl sei verwandt.

Beide Philosophen erleben den Menschen

  • nicht als fertiges Wesen,
  • sondern als Aufgabe,
  • als ständigen Vollzug,
  • als Bewegung auf ein Absolutes hin.

Auch hier spricht er eher von einer Strukturverwandtschaft als von historischen Einflüssen.


7. Kategorien

Ein langes Kapitel widmet Bracken dem Vergleich

  • Eckhart
  • Kant
  • Fichte.

Seine These lautet:

Eckhart besitzt bereits eine implizite Kategorienlehre.

Die intelligible Welt ist bei ihm nicht bloß Gegenstand religiöser Erfahrung,

sondern besitzt eine eigene begriffliche Ordnung.

Fichte radikalisiert diese,

indem die Kategorien nun nicht mehr ontologisch,

sondern transzendental begründet werden.

Hier zeigt sich einer der stärksten Unterschiede:

Bei Eckhart bleibt alles im Horizont einer Seinsmetaphysik.

Bei Fichte wird daraus eine Theorie des Bewusstseins.


8. Das Ergebnis Brackens

Sein Schluss lautet ungefähr:

  • Eckhart ist kein früher Idealist.
  • Fichte ist kein mittelalterlicher Mystiker.
  • Aber beide verwirklichen dieselbe Grundidee auf verschiedenen geschichtlichen Stufen.

Die Mystik entwickelt sich

→ Spiritualismus

→ deutscher Idealismus

→ Wissenschaftslehre.

Fichte erscheint somit als philosophische Vollendung eines bereits bei Eckhart angelegten Denkimpulses.

Aus heutiger Sicht

Gerade hier setzt die spätere Forschung vielfach Kritik an. Brackens Leitidee einer weitgehend kontinuierlichen Entwicklung von der deutschen Mystik zum Idealismus wird heute meist als zu stark vereinheitlichend angesehen. Man betont stärker die tiefen Unterschiede zwischen Eckharts neuplatonisch geprägter Seinsmetaphysik und Fichtes transzendentalphilosophischem Projekt. Historisch ist zudem nicht nachweisbar, dass Fichte die deutschen Schriften Eckharts gekannt hätte; Brackens Vergleich ist daher vor allem systematisch, nicht quellenhistorisch.

Ich glaube allerdings, dass die interessanteste Frage noch eine andere ist – und sie knüpft direkt an Ihre vorherige Bemerkung an. Bracken behandelt den Fichte der Wissenschaftslehre von 1794/95 weitgehend so, als ob er bereits auf den späteren, religiös-metaphysischen Fichte zuliefe. Wenn man dagegen den frühen, streng kritizistischen Fichte konsequent vom Fichte der Bestimmung des Menschen oder der Berliner Wissenschaftslehre trennt, geraten einige von Brackens zentralen Parallelisierungen ins Wanken. Genau an diesem Punkt lässt sich sein Buch philosophisch besonders fruchtbar – und zugleich kritisch – lesen.

Ich selber bestreite die Idee eines 'Deutschen Idealismus' entschieden, nämlich besonders die Idee "Von Kant zu Hegel"; denn zu Hegel 'führt' der transzendentale Idealismus nur durch einen dreifachen Salto rückwärts hinter das kritische Prinzip. Folglich kann ich auch den Weg von der Wissenschaftslehre 1794/1799 zu Fichtes metaphysischen Spekulationen nach 1800 seinerseits nur als einen Salto rückwärts auffassen. Hätte v. Bracken die WL nova methodo gekannt, wäre er gewiss zum selben Ergebnis gekom-men.
JE 

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Donnerstag, 20. August 2026

Meister Eckhart und Fichte, II.

 Mr. Eckhart                                   zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Frage an ChatGPT:

Kennen Sie von Brackens Werk Fichte und Meister Eckhart?

Ja. Sie meinen sehr wahrscheinlich Ernst von Bracken, Meister Eckhart und Fichte, erschienen 1943 im Konrad Triltsch Verlag, Würzburg. Das Werk ist mit rund 650 Seiten eine ausgesprochen umfangreiche Untersuchung.

Und es ist für genau die Frage, die wir eben diskutiert haben, sehr einschlägig: Bracken versucht nicht bloß, einzelne Ähnlichkeiten zwischen Eckhart und Fichte aufzuzählen, sondern eine geistesgeschichtliche und zugleich systematische Beziehung zwischen beiden Denkern herauszuarbeiten.

Besonders interessant ist dabei, dass Bracken offenbar selbst eine Differenzierung vornimmt, die zu Ihrer letzten Bemerkung über den frühen und späteren Fichte passt. Seine Untersuchung geht u. a. über:

  • Eckharts Seinslehre und Metaphysik,
  • Form und Stoff,
  • die Stufenordnung und den Kreislauf des Seins,
  • Eckharts Lehre von der Geburt Gottes in der Seele,
  • den Begriff des Ich bei Fichte,
  • Fichtes Wissenschaftslehre,
  • sowie den Vergleich von Eckharts Kategorienlehre mit Kant und Fichte.

Sehr bemerkenswert finde ich für unsere vorherige Diskussion eine Passage im Übergang zu Fichte: Bracken bezeichnet Eckharts Entwicklung ausdrücklich als einen Weg, an dessen Ende in Fichtes Wissenschaftslehre von 1794/95 ein Höhepunkt erreicht werde. Zugleich warnt er davor, Eckhart einfach als unmittelbaren Vertreter neuzeitlicher Ideale zu lesen. 

 

 

Das könnte für Ihre Frage nach dem „kritizistischen Fichte vor 1800“ versus dem spekulativ-metaphysischen Fichte der Bestimmung des Menschen sogar sehr ergiebig sein. Bracken scheint nämlich gerade die strukturelle Verwandtschaft aufzuspüren, ohne daraus ohne weiteres eine direkte historische Abhängigkeit zu machen.

Wenn Sie möchten, kann ich im nächsten Schritt Brackens Argumentation genau rekonstruieren – insbesondere seine Unterscheidung zwischen dem Fichte der Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (1794/95) und dem späteren Fichte – und anschließend prüfen, ob Brackens Vergleich mit Eckhart historisch überzeugt oder ob er Fichte rückblickend „eckhartisiert“.

    Dafür wäre ich Ihnen dankbar. 
    JE 

 



Von Fichte zur Kritik der politischen Ökonomie?

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