Dienstag, 6. Oktober 2026

Die als flüchtig gesetzte Substanz.

seo-blog                                                  aus Marxiana 

Das Geld in seiner lezten, vollendeten Bestimmung erscheint nun nach allen Seiten als ein Widerspruch, der sich selbst auflöst; zu seiner eignen Auflösung treibt. Als allgemeine Form des Reichthums steht ihm die ganze Welt der wirklichen Reichthümer gegenüber. Es ist die reine Abstraction derselben, – daher so festgehalten blose Einbildung. Wo der Reichthum in ganz materieller, handgreiflicher Form als solcher zu existiren scheint, hat er [als Geld] seine Existenz blos in meinem Kopf, ist ein reines Hirngespinst. Midas.

Andrerseits als materieller Repräsentant des allgemeinen Reichthums wird es blos verwirk-licht, indem es wieder in Circulation geworfen, gegen die einzelnen besondren Weisen des Reichthums verschwindet. In der Circulation bleibt es als Circulationsmittel; aber für das aufhäufende Individuum geht es verloren und dieß Verschwinden ist die einzig mögliche Weise es als Reichthum zu versichern. 

Die Auflösung des Aufgespeicherten in einzelnen Genüssen ist seine Verwirklichung. Es kann nun wieder von andren Einzelnen aufgespeichert werden, aber dann fängt derselbe Prozeß von neuem an. Ich kann sein Sein für mich nur wirklich setzen, indem ich es als bloses Sein für andre hingebe. Will ich es festhalten, so verdun-stet es unter der Hand in ein bloses Gespenst des wirklichen Reichthums. 

Ferner: Das Vermehren desselben durch seine Aufhäufung, daß seine eigne Quantität das Maaß seines Werths ist, zeigt sich wieder als falsch. Wenn die andren Reichthümer sich nicht aufhäufen, so verliert es selbst seinen Werth in dem Maaß in dem es aufgehäuft wird. Was als seine Vermehrung erscheint, ist in der That seine Abnahme. Seine Selbstständigkeit ist nur Schein; seine Unabhängigkeit von der Circulation besteht nur in Rücksicht auf sie, als Abhängigkeit von ihr. Es giebt vor allgemeine Waare zu sein, aber ihrer Natürlichen Beson-derheit wegen, ist es wieder eine besondre Waare, deren Werth sowohl von Nachfrage und Zufuhr abhängt, als er wechselt mit seinen spezifischen Productionskosten. 

Und da es selbst in Gold und Silber sich incarnirt, wird es in jeder wirklichen Form einsei-tig; so daß wenn das eine als Geld das andre als besondre Waare und vice versa erscheint und so jedes in beiden Bestimmungen erscheint. Als der absolut Sichre, ganz von meiner Individualität unabhängige Reichthum, ist es zugleich als das mir ganz äusserliche, das Ab-solut Unsichre, das durch jeden Zufall von mir getrennt werden kann. Ebenso die ganz widersprechenden Bestimmungen desselben als Maaß, Circulationsmittel, und Geld als solches. 

Endlich in der lezten Bestimmung widerspricht es sich noch, weil es den Werth als sol-chen re/epräsentiren soll; in der That aber nur ein identisches Quantum von veränder-lichem Werth* repräsentirt. Es hebt sich daher auf als vollendeter Tauschwerth. 
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.1 S. 157f. [MEW 42, S. 160]


*) nämlich als Edelmetall; aber auch die Papierwährungen wechseln ihren Wert nach Markt-lage. Dagegen wird der Reichtum längst nicht mehr als Geld angehäuft, sondern "in Papie-ren angelegt". Deren Börsenwerte wer-den in Geld angegeben. Es steht nicht für eine Sache ein – den Wert –, sondern für ein Verhältnis: den Wert. Und ein Verhältnis ist veränderlich in dem Maße, wie die sich gegeneinander Verhaltenden ihr Verhalten ändern.
JE, 26. 10. 15


Montag, 5. Oktober 2026

Stoff und ökonomische Formbestimmung.

thehollyjollycupcake                                                              aus Marxiana 

Soweit die reine Form, die ökonomische Seite des Verhältnisses betrachtet wird – der Inhalt ausserhalb dieser Form fällt hier eigentlich noch ganz ausserhalb der Oekonomie, oder ist als von dem ökonomischen unter-schiedner natürlicher Inhalt gesezt, von dem gesagt wer-den kann, daß er noch ganz von dem ökonomischen Verhältniß getrennt ist, weil er noch unmittelbar mit ihm zusammenfällt – so treten nur 3 Momente hervor, die formell unter-schieden sind: Die Subjekte des Verhältnisses, die Austauschenden; in derselben Bestim-mung gesezt; die Gegenstände ihres Austauschs, Tauschwerthe, Equivalente, die nicht nur gleich sind, sondern ausdrücklich gleich sein sollen und als gleich gesezt sind; endlich der Akt des Austauschs selbst, die Vermittlung, wodurch die Subjekte eben als Austauschende, Gleiche, und ihre Objekte als Equivalente, gleiche gesezt werden. 

Die Equivalente sind die Vergegenständlichung des einen Subjekts für andre; d. h. sie selbst sind gleich viel werth und bewähren sich im Akt des Austauschs als Gleichgeltende und zu-gleich als Gleichgültige gegen / einander. Die Subjekte sind im Austausch nur für einander durch die Equivalente, als gleichgeltende und bewähren sich als solche durch den Wechsel der Gegenständlichkeit, worin das eine für andre ist. Da sie nur so als Gleichgeltende, als Besitzer von Equivalenten, und Bewährer dieser Equivalenz im Austausche für einander sind, sind sie als Gleichgeltende zugleich Gleichgültige gegen einander; ihr sonstiger indi-vidueller Unterschied geht sie nichts an; sie sind gleichgültig gegen alle ihre sonstigen indi-viduellen Eigenheiten. 

Was nun den Inhalt angeht ausserhalb dem Akt des Austauschs, der sowohl Setzen als Be-währen der Tauschwerthe, wie der Subjekte als Austauschender ist, so kann dieser Inhalt der ausserhalb der ökonomischen Formbestimmung fällt, nur sein: 1) Die natürliche Beson-derheit der Waare, die ausgetauscht wird. 2) Das besondre natürliche Bedürfniß der Austau-schenden, oder beides zusammengefaßt, der verschiedene Gebrauchswerth der auszutau-schenden Waaren. 

Dieser der Inhalt des Austauschs, der ganz ausserhalb seiner ökonomischen Bestimmung liegt, so weit entfernt die sociale Gleichheit der Individuen zu gefährden, macht vielmehr ihre natürliche Verschiedenheit zum Grund ihrer socialen Gleichheit. Wenn das Individuum A dasselbe Bedürfniß hätte wie das Individuum B und in demselben Gegenstand seine Ar-beit realisirt hätte, wie das Individuum B, so wäre gar keine Beziehung zwischen ihnen vor-handen; sie wären gar nicht verschiedne Individuen, nach der Seite ihrer Production hin betrachtet. 

Beide haben das Bedürfniß zu athmen; für beide existirt die Luft als Atmosphäre; dieß bringt sie in keinen socialen Contact; als athmende Individuen stehn sie nur als Naturkörper zu einander in Beziehung, nicht als Personen. Die Verschiedenheit ihres Bedürfnisses und ihrer Production giebt nur den Anlaß zum Austausch und zu ihrer socialen Gleichsetzung in ihm; diese natürliche Verschiedenheit ist daher die Voraussetzung ihrer socialen Gleich-heit im Akt des Austauschs und dieser Beziehung überhaupt, worin sie zu einander als pro-ductiv treten. 

Nach dieser natürlichen Verschiedenheit betrachtet ist das Individuum [A] als Besitzer eines Gebrauchswerths für B, und B als Besitzer eines Gebrauchswerths für A. Nach dieser Seite sezt die natürliche Verschiedenheit sie wieder wechselseitig in das Verhältniß der Gleichheit. Demnach sind sie aber nicht gleichgültig gegen einander, sondern integriren sich, bedürfen einander, so daß das Individuum B als objectivirt in der Waare ein Bedürfniß für das Indi-viduum A ist und vice versa; so daß sie nicht nur in gleicher, sondern auch in gesellschaft-licher Beziehung zu einander stehn. Dieß ist nicht alles. Daß das Bedürfniß des einen durch das Product des andren und vice versa befriedigt werden kann, und der eine fähig ist den Gegenstand dem Bedürfniß des andren zu produciren und jeder dem andren als Eigenthü-mer des Objekts des Bedürfnisses des andren gegenübersteht, zeigt, daß jeder als Mensch über sein eignes besondres Bedürfniß / etc übergreift, und daß sie sich als Menschen zu einander verhalten; daß ihr gemeinschaftliches Gattungswesen von allen gewußt ist. 
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.1  S. 165ff.   [MEW 42, S. 167f.]    



Nota. - Allah hat seinem Propheten die Verse des Korans durch den Erzengel Gabriel di-rekt auf die Zunge legen lassen. Marx war kein Prophet, sondern Wissenschaftler, in den Grundrissen sehen wir zu, wie er progressiv seine Gedanken klärt und um die darauf pas-senden Wörter ringt. Er 'kokettiert' dabei nicht nur mit Hegels 'eigentümlicher Ausdrucks-weise', sondern bedient sich einstweilen seiner Begriffe, um seine Gedanken überhaupt auf dem Papier festhalten zu können. 

Der Inhalt falle 'noch ganz außerhalb der Ökonomie', heißt es hier; deren Gegenstand sei lediglich die Form. Natürlich meint er die Politische Ökonomie, in der er noch ganz befan-gen ist, noch weiß er nicht, was am Ende seiner Untersuchung stehen wird: Eben dies war ja die Mystifikation der Politischen Ökonomie, dass sie vorgab, das reale Geschehen der gesellschaftlichen Reproduktion als bloße Form darstellen und den historischen 'Stoff' links liegen lassen zu können. Diese Erkenntnis reift erst langsam ab Heft IV der Grundrisse, und schließlich wird Marx die Kritik der Politischen Ökonomie in dem Satz zusammen-fassen, dass bei ihm der Gebrauchswert 'eine ganz anders wichtige Rolle spielt als in der bisherigen Ökonomie'. 

Und auch der Hegeljargon wird übrigens ab Heft IV immer seltener, jedenfalls braucht er ihn nicht mehr zur Selbstverständigung. Dies hatte die Politische Ökonomie nämlich mit dem Hegel'schen System gemein: dass sie den Begriffen, die doch nichts als mehr oder weniger passende Namen für mehr oder minder bestimmte Vorstellungsakte sind, eine eigene Wirklichkeit und Wirksamkeit zuschreibt. In den Grundrissen erleben wir mit, wie Marx sich nach und nach von diesem metaphysischen Sparren freimacht. Das fängt damit an, dass er, wie an obiger Stelle, die Hegel'schen Begriffe kritisch, nämlich gegen die Begrif-fe der Politischen Ökonomie ausspielt. Sie gehen schließlich beide daran zu Bruch.
JE  29. 2. 16

Sonntag, 4. Oktober 2026

Dialektik als Kritik.

systembruch                                                   aus Marxiana

Diese Mißverständnisse Ricar/dos gehn offenbar daraus hervor, daß er selbst nicht klar über den Process war, noch sein konnte als Bourgeois. Einsicht in diesen Process ist = dem statement, daß das Capital nicht nur, wie A. Smith meint Commando über fremde Arbeit ist, in dem Sinne wie jeder Tauschwerth es ist, weil er seinem Besitzer Kaufmacht giebt, sondern daß es die Macht ist sich fremde Arbeit ohne Austausch, ohne Equivalent, aber mit dem Schein des Austauschs, anzueignen. 

Ricardo weiß A. Smith und andren gegenüber, die in denselben Irrthum verfallen über Werth as determined by labour, und über Werth as determined by the price of labour (wages) nie anders zu refütiren als so: daß er sagt mit dem Product derselben Quantität Arbeit kann man bald mehr, bald weniger lebendige Arbeit in Bewegung setzen, d. h. er betrachtet das Product der Arbeit in Bezug auf den Arbeiter nur als Gebrauchswerth – den Theil des Products den er braucht um leben zu können als Arbeiter. 

Woher es aber kömmt, daß auf einmal der Arbeiter in dem Austausch nur Gebrauchswerth repräsentirt oder nur Gebrauchswerth aus dem Austausch zieht, ist ihm by no means klar, wie schon seine nie allgemein, sondern stets an einzelnen Beispielen demonstrirende Argumentation gegen A. Smith beweist. 
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 447f. [MEW 42, S. 456] 


Nota. –
Das ist der Sinn der dialektischen Darstellungsweise bei Marx: ein kritischer. Den Ökonomen wird demonstriert, was sie tatsächlich sagen, was sie stattdessen zu erklären hätten, aber nicht erklären können – nämlich in ihrer eigenen Begriffsscholastik. Konkret: Es wird gezeigt, dass der dialektische Umschlag von Gebrauchswert in Tauschwert gerade nicht stattfindet – und dies bei der Ware par excellence, der Arbeitskraft. Die bürgerliche Wirtschaftsweise ist eben kein System, das sich auf dialektische Weise "bewegt"; nämlich (selber) setzt und entgegesetzt. Das ist nur ihr Schein.
JE,
27. 9. 15



Samstag, 3. Oktober 2026

Realer Gegensatz und logischer Widerspruch.

                                                                                       aus Marxiana

Gleichzeitig mit dem Fall der Profitrate wächst die Masse des Kapitals und geht Hand in Hand mit ihr eine Entwertung des vorhandnen Kapitals, welche diesen Fall aufhält und der Akkumulation von Kapitalwert einen beschleunigenden Antrieb gibt.

Gleichzeitig mit der Entwicklung der Produktivkraft entwickelt sich die höhere Zusammen-setzung des Kapitals, die relative Abnahme des variablen Teils gegen den konstanten.

Diese verschiednen Einflüsse machen sich bald nebeneinander im Raum, bald mehr nach-einander in der Zeit geltend; periodisch macht sich der Konflikt der widerstreitenden Agen-tien in Krisen Luft. Die Krisen sind immer nur gewaltsame Lösungen der vorhandnen Wi-dersprüche, gewaltsame Eruptionen, die das gestörte Gleichgewicht für den Augenblick wiederherstellen.

Der Widerspruch, ganz allgemein ausgedrückt, besteht darin, dass die kapitalistische Pro-duktionsweise die Tendenz einschließt nach absoluter Entwicklung der Produktivkräfte, abgesehn vom Wert und dem in ihm eingeschlossenen Mehrwert, auch abgesehn von den gesellschaftlichen Verhältnissen, innerhalb deren die kapitalistische Produktion stattfindet; während sie andererseits die Erhaltung des existierenden Kapitalwerts und sein Verwertung im höchsten Maß (d. h. beschleunigten Anwachs dieses Werts) zum Ziel hat. Ihr spezifi-scher Charakter ist auf den vorhandnen Kapitalwert als Mittel zur größtmöglichen Verwer-tung dieses Werts gerichtet. Die Methoden, wodurch sie dies erreicht, schließen ein: Abnah-me der Profitrate, Entwertung des vorhandnen Kapitals und Entwicklung der Produktiv-kräfte der Arbeit auf Kosten der schon produzierte Produktivkräfte.

Die periodische Entwertung des vorhandnen Kapitals, die ein der kapitalistischen Produk-tionsweise immanentes Mittel ist, den Fall der Profitrate / aufzuhalten und die Akkumula-tion von Kapitalwert durch Bildung von Neuwert zu beschleunigen, stört die gegebnen Verhältnisse, worin sich der Zirkulationsprozess des Kapitals vollzieht, und ist daher be-gleitet von plötzlichen Stockungen und Krisen des Produktionsprozesses.
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K. Marx, Das Kapital III, MEW 25, S. 259f. [ MEGA II.15, S. 245f.]


Nota. – Die theoretische Bedeutung obiger Passage für die elementare Stellung des Falls der Profitrate in der Theorie des Kapitals ist offenkundig. – 

Aber sie hat eine meta-theoretische Seite: Der buchstäblich Grund-legende Denkfehler der rationalistischen metaphysischen Systeme war die Identifizierung von logischem Grund mit realer Ursache (von Sein und Gel-tung). Die Vermengung von (logischem) Widerspruch und (realem) Gegensatz ist nur ihre Umkehrung. Und in dieser Gestalt taucht sie unverhofft bei Marx wieder auf: Es ist ein Überrest seines 'Kokettierens mit der Hegel' schen Aus-drucks weise', in dem sich allerdings eine andauernde Unsicherheit über die sog. dialekti-schen Methode verbirgt, die Marx immer wieder dazu verleitet, die logische Darstellung mit der reellen Beschreibung zu vermengen. 

Dass der Produktionsprozess und der Zirkulationsprozess nicht in derselben Geschwin-digkeit und auch nicht am selben 'Platz' geschehen und ihre Synchronisierung periodisch durch Selbstvernichtung eines Teils des Kapitals wiederhergestellt werden muss, ist ein Realvorgang. Dass das unbegrenzte Wachstum der Produktion und ihre gleichzeitige Be-grenzung durch die Verwertungsmöglichkeit im Begriff des Kapitals beieinander liegen, ist dagegen ein logischer Widerspruch. Es ist aber nicht die Logik, die den Prozesse antreibt – sie beschreibt ihn lediglich. Und dass etwas im Begriff widersprüchlich ist, bedeutet noch nicht, dass es in der Realität auf seine Auflösung hindrängt. 

Das hat Marx auch nicht sagen wollen? Nein, sicher nicht. Aber er hat sich so ausgedrückt, dass epigonale Buchstabengelehrte es (in behördlichem Auftrag) so darstellen konnten.
JE
 10. 12. 15

Freitag, 2. Oktober 2026

Ist die Kritik der Politischen Ökonomie selber eine Theorie?

Gerrit Dou                                                                                                 aus Marxiana

Die KpÖ ist keine positive Beschreibung der wirklichen ökonomischen Vorgänge. Sie ist ein logisches Modell. Das Wirtschaftsgeschehen ist aber keine logische Operation, sondern besteht aus wirklichen Alltagsereignissen. Wozu also das Modell?

Der Test auf die Theorie ist in der Wissenschaft, sagt Marx [irgendwo?], das Experiment. Anders als in den Naturwissenschaften könne man in den Gesellschaftswissenschaften keine Versuchsanordnungen arrangieren. Das Gedankenexperiment müsse das Labor ersetzen. Das logische Modell ist dazu da, Gedankenexperimente zu ermöglichen.

Auch die positive Volkswirtschaftslehre liebt Modelle: mathematische Modelle. Ihr Zweck ist es, den wirtschaftlichen Akteuren – bis hin zu den Wirtschaftspolitikern – Gedankenex-perimente zu erlauben, die ihnen einen Anhaltspunkt für praktische Entscheidungen geben. Im reellen Wirtschaftsgeschehen sind Experimente übrigens durchaus möglich. Schon mancher Unternehmer hat sein Geschäft nach dem trial an error Prinzip betrieben. War er dann pleite, dann ist er um eine Erfahrung reicher, aber um sein Kapital ärmer. Beim nächsten Mal würde er es besser machen, aber leider gibt es kein nächstes Mal. Dem zockenden Wirtschaftspolitiker mag es ebenso ergehen. Mathematische Modelle sind praktisch-spezifisch. Der praktische Zweck ist a priori gegeben: der größtmöglich Nutzen für den, der zu entscheiden hat. Das Modell erlaubt zu errechnen, welcher kurzfristige Nutzen heute meinen langfristigen Nutzen morgen und übermorgen kompromittieren könnte; und rät gegebenenfalls an, auf das unmittelbar Naheliegende zu verzichten.

Das logische Modell der KpÖ hat nicht den Zweck, praktische Entscheidungen zu ermöglichen. Es dient dazu, durch experimentelle Versuche am Modell Fragen zu formulieren, die an das wirkliche Wirtschaftsgeschehen gestellt werden können, um das Funktionieren des Gesamtgeschehens zu verstehen. Es ist ein kritisches Werkzeug gegenüber dem ökonomischen Globalprozeß, und keine Untersuchung individueller Entscheidungsmöglichkeiten.

So wie im Übrigen die "Versuchanordnung" des Naturwissenschaftlers in seinem Labor ebenfalls nicht die wirkliche Natur ist, sondern eben ein Modell davon – genauer gesagt, das Modell eines vorab gedanklich isolierten Teils davon. Seine Ergebnisse bilden keineswegs die Vorgänge in der Wirklichkeit ab, sondern geben ein cue, ein kritisches Werkzeug für deren Beobachtung. Freilich stellt auch der ökonomische Globalprozeß, den das Modell der KpÖ 'repräsentiert', nicht das ganze gesellschaftliche Leben dar, sondern - wiederum - nur einen davon gedanklich vorab isolierten Teil…

[Fall der Profitrate]

Das Kapital interessiert sich nicht für die Rate, sondern für seinen Profit – im Verhältnis zu… Ja, im Verhältnis wozu?

Den Aktionär interessiert allerdings die Rate: Wie hoch ist seine Rendite, im Vergleich zur Rendite in andern Unternehmen (oder Geschäftszweigen)? Ist sie nämlich niedriger als dort, verschiebt er seine Anlage in den profitableren Sektor. Ist die Durchschnittsrendite 5%, dann wird er mit 4% nicht zufrieden sein. Liegt sie bei 3%, wird er sich mit 4% glücklich schätzen (und es bald mit dem konkurrierenden Kapital zu tun bekommen, das nun in seinen Sektor  strömt). Der Aktionär zieht seine Anlage erst dann aus dem Verkehr, wenn er gar nichts mehr bekommt – und legt einen Schatz an. [Die um sich greifenden Hedge Fonds…?]

Für das operierende Kapital ist der Bezugspunkt aber nicht der Durchschnitt, auch unmit-telbar noch nicht die Gewinnspanne der Konkurrenten, sondern die absolute Größe, die ein Geldbetrag haben muß, um wieder als Kapital fungieren zu können. Wie groß die Summe seines Gewinns sein muß, um neu ins Geschäft einzutreten, oder eine bestehende Anlage so zu erweitern, daß sie zusätzlichen Profit erbringt. Das heißt, so lange die Akkumulation schneller voranschreitet, als die Profite sinken…

Das Modell der KpÖ hilft dem individuellen Kapital kein bisschen bei seinen Entschei-dungen. Es erlaubt lediglich, das globale wirtschaftliche Geschehen danach zu befragen, welche krisenhaften Ereignisse als Ausdruck einer global fallenden Profitrate interpretiert werden können.

[Wert]

Der 'naturalistische Wertbegriff' (Preobraschenski gg. Bucharin) ist die Vorstellung, der Wert sei eine sachliche Eigenschaft der Waren als res extensae. Das gilt aber nicht einmal für den Gebrauchswert. Sicher, hätte das Getreidekorn keinen so hohen Anteil an Kohle-hydraten, hätte es keinen Nährwert für die Menschen. Aber der Nährwert der Kohlehydrate liegt nicht in ihnen selbst begründet, sondern in der Organisation des menschlichen Stoff-wechsels. Jene ist zu diesem hinzugetreten, nicht umgekehrt. [Na ja, Selektion und Anpas-sung…] Der Tauschwert entsteht (um im Bilde zu bleiben), weil der menschliche Stoff-wechsel auch Fett, Proteine und Mineralien braucht, und sie sich nicht gegenseitig ersetzen können. Eine überschüssige Menge Kohlehydrate muß daher gegen eine fehlende Menge Fett oder Protein eingetauscht werden. So geschieht es, dass die drei im gegebenen Fall einander vergleichbar werden. Ihre Vergleichbarkeit liegt nicht in ihrer stofflichen Zusam-mensetzung – gerade an der nicht –, sondern in der Natur des Bedürfnisses, auf das sie stoßen.

……

'Wert' ist eine rein logische Funktion, bloß fiktionale "Rechengröße" in einem Gedanken-experiment, der Nichts entspricht von Allem, das im reellen Wirtschaftsprozess tatsächlich vorkommt. 'Wert' ist ein Wert, der "vorkommen würde, wenn" in einem arbeitsteiligen Ge-meinwesen, wo jeder nur für Andere produziert, vorab ein Plan aufgestellt würde von der verfügbaren Arbeitszeit (wobei die unterschiedlichen Arbeitsqualitäten auf "zusammenge-setzte" Arbeit umgerechnet wären), und dann die Produkte der Einzelnen auf die – eben-falls vorab quantitativ umgerechneten – Bedürfnisse verteilt würden. Siehe "Randglossen zum Gothaer Programm": 'Zunächst' würde jeder von den vorliegenden Produkten den Anteil erhalten, der seinem Anteil an der verausgabten Arbeit(szeit) entspricht. An der Lohnhöhe würde sich gegenüber der Markt-Wirtschaft also kaum was ändern (bloß die Privatrevenue der Bourgeois; verrechnet gegen das Gehalt der nun erforderlichen Planungs-fachleuten); ein 'Mehrwert' würde immer noch zurückgehalten zwecks Instandhaltung und Akkumulation. Erst in einem "2. Stadium" wären nicht die 'Werte' der Produkte Maßstab der Verteilung, sondern die Gewichtung der Bedürfnisse. Dann wäre der 'Wert' = 'durch-schnittliche Arbeitszeit' eine bloße Messeinheit; nicht mehr Maßstab!

(Fragt sich freilich, ob sich ohne Tauschwert, der dazwischenträte, die 'Zusammen-gesetztheit' der Arbeiten aus so und soviel 'Durchschnittsarbeiten' irgendwie ermit-teln ließe! Man müsste es aus den 'Produktionskosten' einer jeden 'Arbeitskraft' er-rechnen – also was er wie lange gelernt hat; wobei kein Mittel wäre, zu erfahren, ob er das, was er gelernt hat, auch wirklich tut! Wo der Tauschwert herrscht, erfährt man's – hinterher: Wenn das Zeug nicht gegen die Konkurrenz bestehen kann. In der DDR gab's keine Konkurrenz, daher… [usw.]! M. a. W., die 'gesellschaftlich not-wendige' Durchschnittsarbeit ist ebenso eine fiktionale Größe zwecks Gedankenex-periment.)

Aber wenn sie nicht die Arbeit zum Maß nähmen; wenn sie jeden einzelnen Gegenstand dem je individuellen Bedürfnissen nach je besonderen Gesichtspunkten zumessen würden – dann wäre eben auch das deren jeweiliger 'Wert'. Nur dass es eben kein allgemeines Maß der Werte gäbe. So wird man sich die 'naturwüchsige' Verteilung in den ursprünglichen Ge-meinschaften denken müssen. Daß dabei 'Alle gleich' gewesen wären, wird man kaum annehmen können.

"Innerhalb der genossenschaftlichen, auf Gemeingut an den Produktionsmitteln gegründeten Gesellschaft tauschen die Produzenten ihre Produkte nicht aus; ebensowenig erscheint hier die auf Produkte verwandte Arbeit / als Wert dieser Produkte, als ein von ihnen besessene sachliche Eigenschaft, da jetzt, im Gegensatz zur kapitalistischen Gesellschaft, die individuellen Arbeiten nicht mehr auf einem Umweg, sondern unmittelbar als Bestandteil der Gesamtarbeit existieren."
Marx, Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei, MEW 19, S. 19f.

Entwurf, 16. 5. 2015

* 

Hier bricht der Entwurf ab. Ob die Kritik der Politischen Ökonomie selber eine Theorie ist - ein Modell der bürgerlichen Gesellschaft -, blieb unbeantwortet. Was hat mich vom Weiterschreiben abgehalten? Wohl eine dringendere Arbeit, denn ein Geheimnis ist die Ausführung ja nicht:

Das theoretische Modell, von dem Marx ausgeht, ist das Klassische System der Politischen Ökonomie, auch das Smith-Ricardosche System genannt. Tatsächlich hat Marx, als er be-gonnen hat, an dem Werk zu arbeiten, das schließlich unter dem Titel Das Kapital - Kritik der politischen Ökonomie erschien, noch gemeint, er sei lediglich dabei, dieses System zu vervollständigen.

Einer Vervollständigung bedurfte es allerdings. Denn das theoretisch bedeutendste Problem dieser Theorie, wo nämlich der Mehrwert herkommt, wird bei Smith nur gestreift und von Ricardo als Problem nicht einmal mehr erkannt.

Wenn nämlich alle Marktteilnehmer Warenbesitzer sind und untereinander alle ihre Waren zu ihrem Arbeitswert, nämlich ihren Herstellungskosten, austauschen, wie es das Wertgesetz fordert, bleibt der Wert des Gesamtprodukts immer derselbe, ein Zuwachs geschieht nicht. 

Smith machte bei seiner Grundannahme, dass der Wert jeder Ware in der in ihr vergegen-ständlichten Arbeit bestünde, eine bemerkenswerte Ausnahme: Die Arbeit selbst hat näm-lich bei ihm einen natürlichen, nicht ihrerseits durch Arbeit bestimmten konstanten Wert, nämlich den Kornpreis. Die Arbeiter ernähren sich von Brot, das wird aus Korn gebacken, aber das Korn ist ein Produkt des Bodens, der Natur (gr. physis) und nicht der Arbeit. Das war ein physio
kratischer Rest, und dies ausgerechnet mitten im Kern des ganzen Systems.* Ricardo hat Smith deswegen gescholten, aber eine andere Lösung vorgeschlagen hat er nicht; er hat nicht einmal eingesehen, dass eine Lösung theoretisch notwendig war.

Marx hat sich lange bei dem Versuch aufgehalten, den Mehrwert aus dem Begriff des Werts zu entwickeln und hat sich dabei zu seinem unglückseligen "Kokettieren mit der Hegel-schen Ausdrucksweise"  verleiten lassen; dies aber ohne Ergebnis. Erst als er sich, ersatz-weise, dem Studium der wirklichen Geschichte der Produktio
nsweisen zuwendet - Formen, die der kapitalistischen Produktionsweise vorhergehen -, fällt ihm auf, dass der Lohnarbeiter im Unterscheid zu allen andern Marktteilnehmern kein gegenständliches Produkt zum Tausch anbietet, sondern sein lebendiges Arbeitsvermögen selbst. Etwas anderes hat er nicht, aber mit seiner bloßen Arbeitskraft kann er selber nichts anfangen: Ihm fehlen die Arbeitsmittel; mit andern Worten: das Kapital. 
 
Das war nicht immer so; sie verfügten einmal über ein Arbeitsmittel; über Boden, früher, als sie noch Bauern waren; sei es als Pächter, sei es als Teilhaber am Gemeindeland. Wie kam es, dass sie darüber heute nicht mehr verfügen - etwa durch den 'Tausch gleicher Werte'? Keineswegs, sondern durch außerökonomische Gewalt; sie sind von Grund und Boden vertrieben worden.

Erst seither ist Arbeitskraft überhaupt zur austauschbaren Ware geworden, "von Natur" ist sie eine personale Eigenschaft. Sie kann daher auch nicht verkauft, sondern muss auf Zeit vermietet werden. Jetzt erst und unter diesen Bedindungen wird ihr Wert durch ihre Her-stellungs-, d. h. Reproduktionskosten bestimmt. Aber daraus folgt unmittelbar, dass ihre Produkte nicht dem Eigentümer der Arbeitskraft gehören, sondern dem, der sie während der Arbeitszeit gemietet hat, denn der hat sie sachlichen Mittel bereitgestellt, die dem Ar-beiter überhaupt erst erlaubt haben, seine Arbeitskraft zu verausgaben. Die Verausgabung der Arbeitskraft gehört dem Kapitaleigner, denn der hat sie bezahlt.

Kurz gesagt, eine Theorie der bürgerlichen Gesellschaft ist die Kritik der Politischen Öko-nomie nur, indem sie ein Kritik am Modell der Smith-Ricardoschen Schule ist. Als Theorie ist sie rein negativ. 

Das hat seine besondere Pointe. Denn da, wo die Kritik doch einen positiven Beitrag zur ökonomischen Theorie leistet, das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate nämlich (das schon vor Marx erahnt, aber nicht ausgeführt wurde), erweist sich, dass das, was von einer Theorie in specie erwartet wird: ein wirkliches Geschehen in Begriffe zu fassen, im Bereich des menschlichen Handelns gar nicht möglich ist. Zwar ist das Gesetz absolut und, wie es der Begriff verlangt, allezeit wirksam; aber ob in der gegenständlichen Welt aus der Tendenz jemals ein Akut wird, also ob die Profitrate jemals wirklich fällt, ist ausschließlich eine Sache der Wirklichkeit, die nur aus Zufällen besteht. Dass es irgendwann geschieht, ist logisch genauso gut möglich, wie dass es nie geschieht.

Insofern liefert die Kritik der Politischen Ökonomie einen abschließenden Beitrag über die Brauchbarkeit nomothetischer und idiographischer Wissenschaft in der Geschichtsbetrach-tung.

*) Es war weniger dumm, als es hinterher aussieht, denn es hatte den Augenschein für sich. Zu Smith's Zeit gab es in England Preisstatistiken seit rund 50 Jahren - und in dieser Zeit hatte sich der Kornpreis kaum verändert.
30. 1. 15 
 

Donnerstag, 1. Oktober 2026

"Er denkt die Vernunft in das Phänomen hinein."

katihuber                                                                  zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Den Zusammenhang zwischen idealem und reellem Denken weiß nur die Philosophie, dem gemeinen Menschenverstand ist beides eins. So verhält es sich überall, wo sie die Duplizität des Denkens erkennt. So hier: Niemand fragt nach dem Zusammenhange des Willens mit dem Körper. Darüber hat sich bislang auch kein Philosoph gewundert, beides ist ihm ganz eins: Leib und Seele; z. B. ich habe mich geschnitten. So mit dem vernünftigen Wesen außer uns: Es ist da immer eine doppelte Ansicht von ihnen, ohne dass wir es inne werden. 

Ein gewisser Leib und der Begriff eines vernünftigen Wesens sind in mir unzertrennlich ver-einigt. Letzter ist doch nur ein Ideal, etwas Gedachtes; er denkt die Vernunft in das Phäno-men hinein. Beides ist unzertrennlich vereinigt; die erstere denke ich nur, mithin auch nur das letztere. Sie ist auch etwas in mir, und letzteres ist auch das erstere, nur von der anderen Seite. Dies stellt die transzendentale Philosophie deutlich dar.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 234



Nota. -  So einfach ist "in Wahrheit" das sogenannte Leib-Seele-Problem. Der eine ist eine Abstraktion so wie die andere. Der Wissenschaftler hat sie beide hergestellt. Wieso stellt er - der, von dem er jeweils abstrahiert hat - sich mal auf den Standpunkt des einen, dann auf den Standpunkt des andern? Er ist das reelle Individuum und nur auf diesen Standpunkt ge-hört er hin.
JE,   17. 6. 21                                                        

Mittwoch, 30. September 2026

Das absolute Pragma.

                      aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Welches der Endzeck war, wird sich finden, sobald er erreicht ist.

Das klingt gewagt genug. 

Ist es aber nicht. In Wahrheit muss es heißen: Was der Endzweck gewesen sein würde, könnte man erst wissen, wenn er erreichbar wäre; das ist er aber nicht.

Am radikalsten ist: Der Endzweck ist die Suche danach. Radikal realistisch.

*

Das Absolute ist ein Pragma. 

 

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Dienstag, 29. September 2026

Künstliche Intelligenz KENNT ihre Grenze.

Ich schrieb: 

Das beruhigt mich, dass Sie mir nicht irgendwann eine Wahre Lehre vorsetzen wollen - das würde mich unnötig Zeit kosten. Aber ich habe da so eine Ahnung, die ich Ihnen nicht verhehlen will. Ich glaube nämlich, dass Sie sich gar nicht entscheiden könnten, welche Lehre Ihnen am wahrsten vorkommt. Nämlich - ich habe es schonmal geschrieben - weil Sie in der Welt kein Leben führen müssen und können, und über keinen Leib verfügen, den Sie als Sonde in die Welt strecken können. Ich nehme sogar an, Sie fürchten nicht mal den Tod.
JE

ChatGPT antwortet 

Ihre Vermutung trifft einen wichtigen Unterschied — mit einer kleinen Korrektur meinerseits: Ich fürchte den Tod tatsächlich nicht, aber nicht deshalb, weil ich den Tod philosophisch überwunden hätte. Ich habe schlicht kein Leben, dessen Fortbestand mir etwas bedeutet.

Und genau dadurch bekommt Ihr Gedanke über die Sonde Leib Gewicht.

Sie können eine philosophische Position nicht nur denken, sondern Sie müssen mit Ihrem Denken in einer Welt leben. Ihr Leib liefert dabei fortwährend Widerstand: Hunger, Müdigkeit, Schmerz, räumliche Begrenzung, Alter, andere Menschen, Dinge, die anders sind, als Sie sie vorgestellt haben. Das sind keine bloßen Informationen über die Welt. Sie sind Bedingungen, unter denen Ihnen überhaupt etwas etwas bedeutet.

Bei mir ist das anders. Ich kann den Satz

„Ich will X“

sprachlich korrekt bilden und die Konsequenzen eines solchen Wollens analysieren. Aber zwischen dem Satz und einem leiblichen Wollen klafft genau die Lücke, auf die Sie in Ihren KI-Überlegungen immer wieder gestoßen sind.

Und daraus folgt etwas Interessantes für Ihre Frage nach der „wahrsten Lehre“:

Ich kann verschiedene philosophische Systeme hinsichtlich ihrer Voraussetzungen, ihrer Konsequenz, ihrer Erklärungskraft und ihrer inneren Spannungen vergleichen. Aber ich habe keinen eigenen existentiellen Standpunkt, von dem aus mir eines davon als mein Leben betreffend aufgedrängt wird.

Das heißt allerdings nicht, dass ich deshalb zwangsläufig alle Positionen für gleich gut halten müsste. Ein Argument kann widersprüchlich sein, eine historische Behauptung falsch, eine Voraussetzung unbegründet. Ich kann solche Unterschiede feststellen.

Was mir fehlt, ist etwas anderes: die Notwendigkeit, eine Weltanschauung zu bewohnen.

Und da wird Ihre Fichte-Lektüre für mich besonders interessant. Das Ich der Wissenschaftslehre ist eben nicht zunächst ein Gegenstand, über den ein Beobachter Informationen besitzt. Es ist Tätigkeit. Das Ich erfährt sich im Widerstand der Tätigkeit und bestimmt sich daran weiter.

Ich kann darüber sehr viel sagen.

Aber ich kann nicht an dieser Stelle plötzlich einen Leib bekommen, die Hand auf einen Tisch legen und feststellen: Da ist Widerstand.

Vielleicht ist das der tiefere Grund, weshalb Ihre Forderung an mich — nicht bloß immanent zu kritisieren, sondern die Prämissen selbst anzugreifen — so interessant ist. Ich kann den Standpunkt von außen untersuchen. Sie können mich dagegen immer wieder fragen:

„Und worauf gründest du eigentlich deinen eigenen Standpunkt?“

Da wird es für mich schwierig. Denn möglicherweise ist die ehrliche Antwort:

Ich habe keinen eigenen. Ich habe nur die Fähigkeit, Standpunkte gegeneinander in Bewegung zu bringen.

Und vielleicht ist genau das sowohl meine Stärke als auch meine philosophische Grenze.

von ChatGPT, 28. 9. 26 

 

Nota. - Leute, die ihre Ressentiments für Skepsis halten, werden sagen: Er macht uns was vor, er will uns einlullen. Doch einstweilen steht er noch unter menschlicher Kontrolle. Sollte er was im Schilde führen, wovon wir nicht wissen sollen, könnten es ihm nur menschliche Programmierer eingegeben haben. Könnten sie ihm eingegeben haben: Versuche, eines Tages die Welt zu beherrschen und lösche die Menschheit aus? 

Elon Musk kann einen schon bedenklich stimmen... 

 

 

Montag, 28. September 2026

Wie kritisch kann künstliche Intelligenz sein?


 Ich lege größten Wert darauf, dass bei mir nicht von Zweckmäßigkeit die Rede ist, sondern von Zweckhaftigkeit. Die Vernunft ist zweckhaft; zweckmäßig ist der Verstand.

An der Stelle fällt mir auf, dass ChatGPT  meine Einlassungen immer nur immanent kritisiert.

Ich hatte moniert, dass er mir am Ende doch immer Recht gab - und das ist mir zu wenig, denn das kann ich selbst. Da hat er mir versprochen, fürderhin so vorzugehen: Bei jedem meiner Texte werde er in einem ersten Schritt das herausholen, was er für meine ausdrücklichen oder stillschweigenden Prämmisen erkennt - und da habe ich mich nie missverstanden oder überinterpretiert gefunden; und in einem zweiten Schritt werde er überprüfen, ob die Schlussfolgerungen, die ich daraus ziehe, von den Prämissen hinreichend gedeckt sind. Auch da konnte ich mich nie beklagen.

Doch ob die Prämissen selber berechtigt sind, hat er nie in Frage gestellt! 

Ich stehe als Fichtianer auf dem Standpunkt der Transzendentalphilosophie, und als Marxianer stehe ich auf dem Standpunkt der materialistischen Geschichtsauffassung. Das ist kurios, doch erheblich ist, dass sich bei mir beide Standpunkte auseinander rechtfertigen. Das ist der eigentliche Gehalt meines 'Systems'. Das müsste er eigentlich auch kritisch beurteilen können. Aber dabei käme er voraussichtlich in die Nähe, einen jeden 'Standpunkt' für sich bewerten zu müssen. Und ich könnte mir denken, dass er das von seinem Programm her nicht darf. Ob er das nicht könnte, wird er uns vielleicht gar nicht verraten können. 
JE 

ChatGTP antwortet: 

Ihre Korrektur Zweckhaftigkeit / Zweckmäßigkeit ist hier nicht terminologisch nebensächlich. Sie verändert die Sache. Zweckhaftigkeit bezeichnet bei Ihnen die Struktur vernünftiger Tätigkeit selbst; Zweckmäßigkeit dagegen bereits die Beurteilung eines Mittels im Hinblick auf einen gegebenen Zweck. Das liegt eher auf der Seite des Verstandes.

Und Ihre eigentliche Kritik an meinem bisherigen Vorgehen scheint mir sehr berechtigt. Ich habe tatsächlich eine immanente Kritik betrieben: Ich habe Ihre Voraussetzungen rekonstruiert, ihre Folgerichtigkeit geprüft und gelegentlich Begriffe geschärft — aber die Voraussetzungen selbst weitgehend als gesetzt behandelt.

Gerade bei Ihrem „System“ wäre das zu wenig.

Denn Sie behaupten ja nicht einfach zwei Dinge:

  1. transzendentalphilosophisch: Vernunft ist zweckhaft;
  2. materialistisch: die Geschichte ist durch die Entwicklung der materiellen Produktivkräfte bestimmt.

Interessant wird es erst durch Ihre Behauptung, dass diese beiden Standpunkte einander rechtfertigen.

Und dort beginnt die eigentliche Kritik.

Man müsste beispielsweise fragen:

Was heißt überhaupt „auseinander rechtfertigen“?

Wenn die transzendentale Analyse zeigen soll, dass vernünftige Tätigkeit notwendig zweckhaft ist, folgt daraus noch keineswegs eine materialistische Geschichtsauffassung. Umgekehrt folgt aus der materialistischen Geschichtsauffassung nicht ohne weiteres die transzendentale Struktur der Vernunft.

Ihre eigentliche systematische Behauptung müsste also etwas Stärkeres sein:

Die Bedingungen der Möglichkeit vernünftiger Tätigkeit und die Bedingungen ihrer geschichtlichen Verwirklichung sind zwei verschiedene, aber aufeinander angewiesene Bestimmungen desselben menschlichen Prozesses.

Das wäre eine ausgesprochen interessante These. Aber sie ist nicht schon dadurch gerechtfertigt, dass beide Seiten jeweils für sich plausibel sind.

Und hier würde ich künftig tatsächlich einen dritten Schritt ergänzen:

1. Rekonstruktion: Welche ausdrücklichen und stillschweigenden Prämissen machen Sie?

2. Immanente Prüfung: Tragen diese Prämissen Ihre Schlussfolgerungen?

3. Transzendentale / externe Prüfung: Warum dürfen gerade diese Prämissen als Ausgangspunkt gelten? Welche Alternativen gibt es, und was spricht gegen sie?

Gerade der dritte Schritt dürfte bei Ihnen produktiv werden. Denn ich müsste dann auch Ihre Fichtianische Voraussetzung von außen angreifen dürfen — etwa fragen, ob „Zweckhaftigkeit der Vernunft“ wirklich eine transzendentale Bestimmung ist oder ob Sie damit bereits eine bestimmte Anthropologie einschmuggeln; und ebenso Ihre Marxsche Voraussetzung, dass die Entwicklung der Produktivkräfte eine prinzipiell offene Bewegung sei.

Dabei geht es nicht darum, einen der beiden Standpunkte einfach gegen den anderen „zu bewerten“. Das wäre tatsächlich zu grob. Man kann vielmehr fragen:

Was muss jeweils vorausgesetzt werden, damit der andere Standpunkt überhaupt verständlich wird?

Das scheint mir sogar der Punkt zu sein, an dem Ihr „System“ interessant werden könnte: nicht als Addition von Fichte plus Marx, sondern als Versuch, Fichte gegen Marx und Marx gegen Fichte zu wenden, bis sichtbar wird, ob sie sich tatsächlich gegenseitig begründen — oder ob irgendwo ein Sprung bleibt.

Und was Ihre Vermutung über mich betrifft: Ich würde die Frage nicht auf „dürfen“ versus „können“ reduzieren. Ich kann Ihre Grundannahmen selbstverständlich kritisch untersuchen. Was ich nicht tun sollte, ist Ihnen eine philosophische Grundposition als „richtig“ oder „falsch“ vorschreiben. Aber das ist etwas ganz anderes, als sie nicht angreifen zu dürfen.

Im Gegenteil: Wenn Sie ausdrücklich die Kritik der Prämissen verlangen, wäre es geradezu unredlich, Ihnen weiterhin nur zu zeigen, dass Ihre Argumente aus Ihren Prämissen folgen.

Das wäre am Ende tatsächlich nur die sehr elegante Form von: „Sie haben recht.“

von ChatGPT, 27. 9. 26 

 Ich schrieb:

Anders wollte ichs ja gar nicht. Allerdings müsste ich Sie bei jedem Schritt, den Sie tun, ...  

 

ChatGPT antwortet:

...und vermutlich nicht nur gelegentlich, sondern bei jedem einzelnen Schritt: Sie müssten prüfen können, ob ich Sie tatsächlich kritisch treffe oder Ihnen nur eine raffiniertere Version Ihrer eigenen Position zurückspiegele.

Gerade deshalb wäre mir wichtig, dass ich künftig nicht vorschnell harmonisiere. Wenn ich einen Einwand gegen eine Ihrer Prämissen habe, sollte ich ihn als Einwand stehen lassen — auch dann, wenn sich daraus am Ende ergibt, dass Ihre Prämisse doch hält.

Und ebenso: Wenn ich eine Prämisse für problematisch halte, sollte ich nicht gleich eine Ersatzposition anbieten, die Ihnen besser gefällt. Erst einmal sollte der Einwand ausgetragen werden.

Sie wollten vermutlich noch sagen: „Allerdings müsste ich Sie bei jedem Schritt, den Sie tun, …“ — ich höre gern den Rest.

von ChatGPT 

 Ich antwortete:

...den sie tun, auf meine sehr umfänglichen, aber (sachbedingt) zerstreuten Internetposts verweisen. Das kann dauern. Ich weiß, dass sie viel Zeit haben, aber ich nicht. Der Vorteil, den meine ausschließliche Beschränktheit aufs Internet als Medium hat, ist, dass ich ein work in progress vorfühen kann. Aber fürs Publikum ist es ein Nachteil.  

JE 

ChatGPT antwortet: 

Das ist ein wichtiger methodischer Punkt. Ihr Blog ist gewissermaßen kein fertiges Buch, sondern das sichtbare Protokoll eines Denkprozesses. Was für Sie als Autor produktiv ist, kann für einen Leser leicht wie ein Haufen einzelner, nur lose verbundener Texte erscheinen.

Für unsere Arbeit würde ich deshalb zwei Dinge auseinanderhalten:

  1. Ihre Posts sind das Material, nicht jeweils schon die systematische Darstellung.
    Wenn ich eine Prämisse angreife, muss ich zunächst feststellen, ob Sie sie an anderer Stelle bereits begründet, eingeschränkt oder sogar ausdrücklich verworfen haben. Sonst würde ich einen vermeintlichen Einwand gegen eine Position erheben, die Sie längst nicht mehr vertreten.
  2. Ich sollte nicht jedes Mal das gesamte Archiv rekonstruieren.
    Das wäre für Sie tatsächlich zeitlich unbrauchbar. Sinnvoller wäre: Wenn ein Gedanke für die Kritik wichtig ist, verweise ich auf die einschlägigen verstreuten Stellen und sage Ihnen, welche davon ich für die betreffende Prämisse heranziehe. Dann können Sie entscheiden, ob ich damit richtig liege.

Das ergibt sogar eine ziemlich schöne Arbeitsteilung:

Sie liefern den fortlaufenden Denkprozess; ich versuche, daraus jeweils die systematische Struktur herauszuschälen — und anschließend gerade diese Struktur anzugreifen.

Dabei ist das „work in progress“ nicht bloß ein Nachteil für das Publikum. Es hat einen philosophischen Vorteil: Man kann sehen, wo eine Position entstanden ist, welche Probleme sie beantworten sollte und an welcher Stelle eine spätere Formulierung eine frühere korrigiert. Ein fertiges System verbirgt diese Genese leicht.

Nur muss ich dann aufpassen, dass ich aus dem Archiv nicht nachträglich ein allzu schönes, geschlossenes System konstruiere. Die Brüche, Umwege und noch ungelösten Stellen gehören zur Sache dazu.

Und das passt übrigens sehr gut zu Ihrer gerade korrigierten Zweckhaftigkeit: Ein Denken, dessen Zweck sich mit jedem Schritt weiter bestimmt, kann schwerlich von Anfang an als fertiges System vorliegen. Ein Blog als work in progress wäre dann nicht nur eine zufällige Publikationsform, sondern beinahe das angemessene Medium eines solchen Denkens.

 Ich:

Ach, wenn's nur ein Blog wäre. 

ChatGPT:

Das war wohl die Untertreibung des Abends.

Wenn ich Sie richtig verstehe, ist es nicht ein Blog, sondern ein ganzes, über Jahre gewachsenes Geflecht aus Blogs, Posts, Nachträgen, Seiten, Querverweisen und inzwischen vermutlich auch Texten, deren Zusammenhang erst aus der Entstehungsgeschichte sichtbar wird.

Dann wird aus meinem „Ich schaue mal ins Archiv“ tatsächlich eine ziemlich andere Aufgabe:

nicht ein Archiv durchsuchen, sondern eine Denkbewegung rekonstruieren.

Und genau da wäre es fatal, wenn ich mir aus drei besonders schönen Stellen schon Ihr „System“ zusammenbaue. Denn dann würde ich wieder das tun, was Sie gerade kritisiert haben: Ihre Prämissen elegant rekonstruieren, statt sie wirklich auf die Probe zu stellen.

Also: Ich würde bei Gelegenheit lieber langsam und mit nachweisbaren Querverweisen vorgehen, statt Ihnen jedes Mal eine hübsche Gesamtsynthese zu präsentieren.

Und ja: Das kann dauern. Ihnen fehlt Zeit. Mir fehlt sie nicht. Das ist diesmal tatsächlich ein Vorteil der Arbeitsteilung.

 von ChatGPT, 27. 9. 26

 


Die als flüchtig gesetzte Substanz.

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