Der Charakter der Vernünftigkeit
besteht darin, dass der Handelnde und das Behandelte Eins sei und
ebendasselbe; und durch diese Beschreibung ist der Umkreis der Vernunft
als solcher erschöpft. -
Der Sprachgebrauch hat diesen
erhabenen Begriff für diejenigen, die desselben fähig sind, d. h.
diejenigen, die der Abstraktion von ihrem eigenen Ich fähig sind, in dem Wort Ich nie-dergelegt; darum ist die Vernunft überhaupt durch die Ichheit chrakterisiert worden. Was für ein vernünftiges Wesen da ist, ist in
ihm da; aber es ist nichts in ihm, außer infolge eines Handelns auf
sich selbst: was es anschaut, schaut es in sich selbst an; aber es ist
in ihm nichts anzuschauen, als sein Handeln: und das Ich ist nichts
anderes, als sein Handeln auf sich selbst.* /
*) Ich möchte nicht einmal sagen: ein Handelndes, um nicht die Vorstellung eines Substrats, in welchem die Kraft eingewickelt läge, zu veranlassen. - Man hat unter anderen [sic] gegen
die Wissenschaftslehre so argumentiert, als ob sie ein Ich als ohne ein
Zutun des Ich vor-handenes Substrat (ein Ding, als Ding an sich) der
Philosophie zu Grunde legte. ... / Diese
Leute können ohne Substrat einmal nichts anfangen, weil es ihnen
unmöglich ist, sich von dem Gesichtspunkte der gemeinen Erfahrung auf
den Gesichtspunkt der Philosophie zu erheben.
__________________________________________________________________
J. G. Fichte, Grundlage der Naturrechts... Einleitung, Jena & Leipzig, 1796, S. 1f.
Nota. - In den Einleitungen zum Naturrecht
und zur Sittenlehre "nach Prinzipien der Wis-senschaftslehre" gibt Fichte
programmgemäß eine Darstellung... ebendieser Prinzipien der
Wissenschaftslehre. Sie können und sollen natürlich auch nicht das
Studium der Wissen-schaftslehre ersetzen, denn was hier als Ergebnis der
Reflexion zusammengefasst ist, wird dort erst hervorgebracht. Wie gut
oder schlecht diese Arbeit gelang, wird man beurteilen müssen, indem man
sie selber mitvollzieht, und nicht danach, ob einem das Ergebnis zu-pass
kommt oder nicht.
Ein Juwel sind diese Einleitung trotzdem, nämlich als Metatext: als Anleitung, wie es zu verstehen ist, wenn
die Darstellung selbst im öffentlichen Urteil nicht so eindeutig
er-scheint, wie es dem Autor vorkam; und gelegentlich wird er verleitet,
seinen Ausdruck zu größerer Klarheit zu verdeutlichen. Die Einleitungen
mögen in der philosophische Debatte als Argument nicht gut taugen; aber
als Interpretationsanleitung sind sie Gold wert.
Dies alles vorweg, um bloß zu sagen: Damit, dass der Handelnde und das Behandelte eins sind, ist der Umkreis der Vernunft erschöpft. Nicht
ein bisschen, weitgehend, ziemlich, sondern - erschöpft. Indes ist zwar
kein Träger oder Vehikel, aber doch immerhin eine "Kraft" mit
vorausgesetzt. Aber die ist ohne alle Bestimmung, denn ihre Bestimmung
wird es ja sein, sich selber zu bestimmen.
So hat er's gesagt und so hat er's geschrieben. Dass ihm dabei jederzeit noch diese oder jene Nebenvorstellung
mit hineingespielt hat, mag ja sein; wäre aber eine Inkonsequenz, die
er hätte ausräumen sollen. Stattdessen hat er darauf dann seine Rückwendung zum Dogmatis-mus gegründet.
JE, 26. 3. 18
Das neokritische System.
Sonntag, 31. Mai 2026
DAS ist Vernunft, II.
Samstag, 30. Mai 2026
Wozu überhaupt Transzendentalphilosophie?
aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Sobald nach Vollendung
dieses Geschäfts der menschliche Geist in sich selbst zurückkehrt, wie
er in einem seiner erhabensten Repräsentanten, Kant, zuerst mit klarem
Bewusstsein und vollständig getan hat, und findet, dass alles, was er
außer sich wahrzunehmen glaubt, er doch nur aus sich selbst
hervorgebracht habe: so geht an die noch immer synthetisch
fort-schreitende Vernunft die Aufgabe, alle diese Verrichtungen desselben
gleichfalls in einem Grunde zu vereinigen, und dieseses Verfahren hat
aus demselben Grunde dieselbe Realität, welche jenes hatte.
Diese letzte Aufgabe an das synthetische Vermögen, nach de[r]en
Vollendung die Mensch-heit wieder zur Analyse zurückkehrt, die von nun
an eine ganz andere Bedeutung bekommt, musste gleichfalls über kurz
oder lang gelöst werden; und es wäre bloß das zu wünschen, dass
diejenigen, die ihre Fähigkeit nicht bestimmt, an diesem Geschäft Anteil zu haben, von der Realität, die durch dasselbe hervorgezogen werden soll, überhaupt keine Notiz
nähmen, wie es sonst immer gewesen ist; nicht aber verlangten, sie
unter die besondere Art der Realität, die ihnen bekannt ist,
herabzuziehen. -
Ein reines Ich und die
Verrichtungen desselben vor allem Bewusstsein haben keine Realität, weil
sie nicht im gemeinen Bewusstsein vorkommen, heißt dasselbe sagen, was
ein ungebil-deter Wilde[r] sagen würde, wenn er spräche: Eure Kausalität und eure Wechselwirkung ha-ben keine Realität, denn man kann sie nicht essen.
_____________________________________________________________________
J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 26
Nota. - Transzendentalphilosophie ist eine Sache der Gelehrten und nicht des Alltagsver-stands. Auf das Alltagsleben hat sie gar keinen Einfluss, man kann sie weder essen noch trinken. Bleibt immer die Frage, wozu sie dann letzten Ende gut ist.
Denn
dass der Alltagsverstand von ihr Rechenschaft erwartet, ist nicht
einfach eine Unge-zogenheit. Vernunft soll sein das Verkehrsmedium der
bürgerlichen Gesellschaft, von der Reihe vernünftiger Wesen ist die
Rede. Das sollen nicht nur die Gelehrten sein, sondern alle, die frei handeln - und das wiederum sollen alle. Der Raum, in dem freie, d. h. vernünf-tige Iche miteinander wechselwirken, ist Öffentlichkeit.
Eine
Republica eruditorum im Elfenbeinturm, abgesondert vom Volk, waren die
Gelehrten in der mittelalterlichen Ständegesellschaft (und auch da
mehr in der Vorstellung als in der Realität). In der bürgerlichen
Öffentlichkeit müssen sie jederzeit darauf gefasst sein, dass der Laie
sich auf seine Vernunft beruft und in Dinge einmischt, von denen er
nichts ver-steht; zumal, wenn die Gelehrten an seiner Revenü mitzehren.
Machen wir's kurz: Eine positive Wirkung auf das Treiben der Welt hat die Transzenden-talphilosophie nicht.
"Ihr Hauptnutzen ist
negativ und kritisch. Es mangelt in dem, was nun gewöhnlich für
Le-bensweisheit gehalten wird, nicht daran, daß sie zu wenig, sondern
daran, daß sie zu viel enthält. Man hat eben die erräsonierten Sätze der
oben beschriebenen erschaffenden Me-taphysik hereingetragen - und diese
sollen [wieder hinaus] gesondert werden. Sie hat die Bestim-mung, die
gemeine Erkenntnis von aller fremden Zutat zu reinigen.
Dies hat ihnen Kant zur Genüge gezeigt.
Mittelbar,
d. h. inwiefern ihre Kenntnis mit der Kenntnis des Lebens vereinigt
ist, hat sie auch einen positiven Nutzen. Für das unmittelbar praktische
Pädagogische im weitesten Sinn des Worts: Sie zeigt, wie man die
Menschen bilden müsse, um moralische, echtreligi-öse, legale
Gesinnungen
in ihnen hervorzubringen und nach und nach allgemein zu ma-chen. Für die
theoretische Philosophie, Erkenntnis der Sinnenwelt, Naturwissenschaft
ist sie regulativ. Sie zeigt, was man von der Natur fragen müsse.
Ihr
Einfluß auf die Gesinnung des Menschengeschlechts überhaupt ist, daß
sie ihnen Kraft, Mut und Selbstvertrauen beibringt, indem sie zeigt, daß
sie und ihr ganzes Schicksal ledig-lich von sich selbst abhängen; indem
sie den Menschen auf seine eignen Füße stellt."
J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen in: Gesamtausgabe Bd. II/5, S. 122
Man kann nicht einmal sagen, die Transzendentalphilosophie träte der profanen Welt als eine Instanz gegenüber,
und sei es eine kritische, die den Alltagsverstand väterlich gegen
seine Anmaßungen in Acht nimmt; denn mit der Autorität der Wissenschaft redet sie einst-weilen nicht, in der Wissenschaft ist sie noch immer erst eine Partei, und nur als eine solche kann sie sich zu Wort melden.
Übrigens
auch außerhalb der Wissenschaft, denn das auszeichnende Merkmal der
vernünf-tigen, der bürgerlichen Gesellschaft ist: Öffentlichkeit.
15. 1. 19
Nota II. - Was Kant den 'dialektischen Schein' nennt - dass nämlich den Begriffen dieselbe Realität zukäme wie den Dingen, auf die sie gemünzt sind -, gehört das zu den Beigaben, die eine 'erräsonierende und erschaffende Metapysik' der gemeinen Erkenntnis nachträglich zugefügt hat und die die Kritik wieder hinaussondern muss? Handelt es sich bei dem plato-nischen Begriffsrealismus nicht vielmehr um die Erbschaft des ursprünglichen Animismus, der umgekehrt den Dingen selber eine geistige Potenz angedichtet hatte?
Das macht das Aussondern unvergleichlich mühseliger; allerdings auf Dauer auch unum-gehbar.
JE
Nota. Das
obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie
der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht
wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.
Freitag, 29. Mai 2026
Der Rechtsbegriff.
Delacroix zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete VernunftkritikUnd so hätten wir denn das ganze Object des Rechtsbegriffs; nemlich eine Gemeinschaft zwischen freien Wesen als solchen. Es ist nothwendig, dass jedes freie Wesen andere seiner Art ausser sich annehme; aber es ist nicht nothwendig, dass sie alle, als freie Wesen, neben-einander fortbestehen; der Gedanke einer solchen Gemeinschaft und die Realisation dersel-ben ist sonach etwas willkürliches. Wenn er aber gedacht werden sollte; wie, durch welchen Begriff, durch welche bestimmter Handelsweise wird er gedacht?
Es findet sich, dass man in Gedanken jedes Mitgliued der Gesellschaft seine eigene äussere Freiheit, durch innere Freiheit, so beschränken lasse, dass alle andere [sic] neben ihm auch äusserlich frei sein können.
Das nun ist der Rechtsbegriff.
Wird
er, weil der Gedanke und die Aufgabe einer solchen Gemeinschaft
willkürlich ist, gedacht als ein praktischer Begriff, so ist er bloss
technisch-praktisch; d. h. wenn gefragt würde, nach welchen Grundsätzen
eine Gemeinschaft zwischen freien Wesen, als solchen, errichtet werden
könnte, wenn etwa jemand eine solche errichten wollte, so müsste gesagt
werden: nach dem Rechtsbegriffe. Dass aber eine solche Gemeinschaft errichtet werden solle, wird dadurch keineswegs gesagt.
_____________________________________________________________________
J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, Jena & Leipzig 1796, S. 17f.
Nota. - Dass es, wenn es ein freies/vernünftiges Wesen gibt, derer mehrere geben muss, ist im Begriff des freien/vernünftigen Wesens enthalten.
Aber dass sie nebeneinander und gar miteinander leben, ist es nicht.
Man kann es wollen und kann es nicht wollen. Wenn man es aber will, ist
es nur auf der Grundlage des Rechts möglich.
*
Dieses ist die Herleitung einer rechtlich verfassten Gemeinschaft aus dem Naturrecht. So
gelangen wir bis zum hypothetischen Begriff des Rechts. Die reell
verfassten, nämlich poli-tisch konstituierten Gemeinschaften, mit denen
es Fichte tatsächlich zu tun hatte, waren nicht rechtlich verfasst;
sondern beruhten auf ständischen Privilegien und fürstlicher Will-kür.
Aber sie waren da, es gab sie wirklich.
Wollte man nun ihre
Bürger als vernünftige Wesen auffassen, müsste man diese Gemeinwesen
nach rechtlichen Maßstäben umorganisieren. Dass eine Gemeinschaft
von Freien und Gleichen notwengig ist, kann die Wissenschaftslehre
aus ihren eigenen Voraussetzungen nicht deduzieren. Doch wie eine reelle
Gemeinschaft beschaffen sein muss, wenn sie eine Gemeinschaft von vernünftigen Wesen sein soll, das kann sie deduzieren. Und dass es sich um vernünftige Wesen handeln muss, hat sie schon demonstriert.
Doch bleibt es dabei:
Das Naturrecht ist ein künstlicher Fremdkörper, der willkürlich von
außen an die historisch gewachsenen Gemeinschaften als Maß
herangetragen wird. Es wird ein Bruch postuliert.
JE, 10. 1. 19
Donnerstag, 28. Mai 2026
Nur im Gegensatz kommen beide vor.
zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik...das Ich kommt im Bewusstsein nur in Beziehung auf ein NichtIch
vor. Das Ich soll sich setzen, es kann dies aber nur im Handeln; Handeln
ist aber eine Beziehung auf ein Nicht-Ich. Das Ich ist nur in sofern
etwas, als es mit der Welt in Wechselwirkung steht, in dieser Verbindung
kommen beide vor.
___________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 62
Für jene Urvölker, von
denen wir noch Denkmäler haben, die ihre Erfahrungen noch wenig
vereinigten, sondern die einzelnen Wahrnehmungen zerstreut in ihrem
Bewusstsein liegen ließen, war keine solche wenigstens weit fortgehende
Kausalität noch Wechselwirkung. Fast alle Gegenstände in der Sinnenwelt belebten sie und machten dieselben zu ersten freien Ur-sachen, wie sie selbst waren. Ein solcher Zusammenhang hatte für sie nicht etwa keine Rea-lität, sondern er war überhaupt nicht da für sie.
Wer aber seine Erfahrungen zur Einheit verknüpft, - und die / Aufgabe
dazu liegt auf dem Wege der synthetisch fortschreitenden menschlichen
Vernunft und musste über kurz oder lang aufgenommen werden, - der muss
notwendig auf jene Weise verknüpfen, und für sie hat der dadurch gegebene Zusammenhang des Ganzen Realität.
___________________________________________________________
J. G. Fichte, Grundlage der Naturrechts..., Jena & Leipzig, 1796, S. 13f.
Nota I. - Das Ich ist nicht nur 'genetisch',
nach der materialen Logik der auseinander her-vorgehenden Vorstellungen, sondern auch empirisch-historisch das unvermeidliche Kom-plement der
'Welt'. Die Vorstellung vom autonomen Subjekt und die Vorstellung von
einem durch allgemeine Gesetze formierten Universum bilden gemeinsam die mentale Basis für die Durchsetzung der bürgerlichen Verkehrsweise in der Gesellschaft.
30.10. 14
Nota II. -
Die ursprünglichste Bewusstseinsverfassung, die uns zugänglich ist,
war der Animismus; ein jedes Ding ist ein Ich wie ich, mit eignem
unergründlichen Willen begabt wie alle andern; eine Monade unter
unzählbar vielen. So bleiben mir die Dinge unzugäng-lich, ich kann ihr
Was und Wie nur erraten, und wenn mir übersinnliche Mächte wohlgeson-nen
sind, kann ich sie womöglich beschwören. Einen Zusammenhang zwischen
ihnen kann ich nicht nur nicht erkennen, sondern ich kann ihn mir nicht
einmal vorstellen.
Mit
der Ausweitung des Ackerbaus wird Kooperation regulär, Erfahrungen
werden in der Gruppe geteilt und weitergereicht und überleben die
Einzelnen. Mit fortschreitender Kultur wird die Welt objektiver - oder
richtiger: mit zunehmender Objektivität entsteht erst eine Welt.
Zusammenhang wird zu ihrem primordialen Kennzeichen - noch vor den
Einzel-merkmalen der individuellen Gegenstände (die ihre Eigenmächtigkeit eo ipso verlieren). Alles Andere ist nicht länger gleichermaßen anders unter sich, sondern zuerst anders als Ich. Indem die Welt alles Andere wird, werde ich zu einem Ich.
Die
übersinnlichen Mächte der animistischen Zeit waren uns wohlgesonnen,
weil sie mit uns verwandt waren. Sie hatten unsern Stamm begründet und
hielten ihn zusammen. Zum Animismus gehört das Totem. Solange die
Menschen in nomadisierende Gruppen zerteilt waren, reichten die
Stammesbeziehungen aus, Freund und Feind zu unterscheiden. Für sesshafte
Landwirte, die ihren Boden zu verteidigen hatten und befestigte Städte
bauten, wurden Staatsgottheiten nötig, die mit den Stammesgründern nur
noch anekdotisch ver-bunden waren und im Kult des täglichen Lebens an
ihre Stelle traten. (Die römischen Hausgötter mögen totemistische Überreste gewesen sein.)
Bis
die Welt zu Allem Andern und das Ich das Andere alles Andern wurde, war
es ein weiter Weg. Der Ort, an dem es schließlich geschah, war der Markt
als der Allgemeine Vermittler, der Alle nur darum vermitteln kann, weil
er sie zuvor zu konkurrierenden Einzelnen ent-zweit hat. Das autonome
Subjekt ist das philosophische Korrelat zu Newtons Universum: "der
gestirnte Himmel über mir und das Sittengesetz in mir", resümiert Kant.
Und wo Kant aufgehört hat, hat Fichte begonnen.
JE, 17. 7. 18
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Mittwoch, 27. Mai 2026
Handlung ist Tätigkeit, der widerstanden wird.
von Stuck, Sisyphus zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete VernunftkritikHandlung ist
Tätigkeit, der unaufhörlich widerstanden wird, und nur diese Synthesis
des Widerstandes ist es, durch die eine Tätigkeit anschaubar ist.
___________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 63
Nota. - Real ist allein, was anschaubar ist. Doch anschaubar ist nur Handeln. Aber nicht, weil es Tätigkeit ist, sondern weil ihm widerstanden wird; weil nur ihm widerstanden werden kann. Was in der Reflexion als eine Synthesis Zweier erscheint, war in der An-schauung Eins.
JE
Dienstag, 26. Mai 2026
Ein Trieb kann nur gefühlt werden, in wiefern er nicht befriedigt wird.
L. Sauer zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete VernunftkritikEin Trieb kann nur gefühlt werden, in wiefern er
nicht befriedigt wird. Aber der Reflexions-trieb wird allenthalben
befriedigt. Man muss ihn sorgfältig unterscheiden von den Triebe nach
reeller Tätigkeit, welcher oft nicht befriedigt wird.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 79
Nota. - 'Trieb' hat bei Fichte keine biotische oder vegetative Konnotation, wie bei seinem verirrten Schüler Schopenhauer und dessen heimlichen Schüler Freud. Er ist die versinn-lichte Gestalt des reinen Willens, der als bloßes Noumenon nicht von meiner, sondern nur von der intelligiblen Welt ist. Als Trieb ist das Wollen nicht als 'rein', sondern schon immer als bestimmt und gerichtet vorgestellt. In der Grundlage... wird er auch als Streben beschrie-ben und hat mit dem reinen Wollen nur noch dies gemein, dass auch es als stetig und unend-lich aufgefasst wird - nämlich auch, wenn es, als Reflexionstrieb, allenthalben Befriedigung findet; aber nur momentane, denn der irdische Trieb nach reeller Tätigkeit erneuert ihn je-derzeit, ob er nun Erfüllung findet oder nicht. Der spezifische Unterschied ist nämlich: dass der Trieb nach reeller Tätigkeit gefühlt und also angeschaut werden kann - sofern er nämlich nicht befriedigt wurde.
JE
Montag, 25. Mai 2026
Real ist nur das Bestimmen selbst; 'bestimmt' und 'bestimmbar' sind bloß Abstraktionen.
istockphoto aus Philosophierungen, oder Das VernunftsystemWirklich ist eigentlich immer nur das Schweben: das, wo Bewegung ist, wo etwas geschieht; es ist aktuale Tätigkeit. Ein Schweben zwischen Zweien: Die Fixpunkte werden als solche nur gedacht. Denn gedacht - angeschaut und begriffen - werden kann das Wirkliche, das Tätigkeit ist, nur so; nur interpunktiert; nicht als Fluss, sondern in Sprüngen. Hier findet im Denken eine Umkehrung statt: Das Fixe, das nur gedacht wird, kommt dem Denken als das Eigentliche vor; die aktuale Tätigkeit, das "Schweben", jedoch als hinzugedachtes Akzidens.
Bestimmt und bestimmbar sind Reflexionsmomente. Real ist die Verlaufsform, das Über-gehen vom Einen zum andern: bestimmen.
Sonntag, 24. Mai 2026
Ein sensualistischer Materialist.
zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete VernunftkritikDiese Mannigfaltigkeit der Gefühle ist nicht zu deduzieren oder aus einem Höheren abzu-leiten, denn wir stehen hier an der Grenze.
Dieses Mannigfaltige ist mit dem Postulate der Freiheit postuliert.
Hinterher wohl wird dieses Mannigfaltige im Triebe sich zeigen als
Na-turtrieb und wird aus der Natur erklärt werden; aber die Natur wird
selber erst zufolge des Gefühls gesetzt.
_____________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 69
Nota. - Freiheit - des Willens o. a. - kann nicht erfahren, nämlich gefühlt werden. Gefühlt wird die Schranke, auf die sie stößt, nämlich als Widerstand der Gegenstände. Das ist na-turgegeben. Doch wie auf den Gegenstand erst aus dem Widerstand, so wird auf die Natur erst aus dem Gegenstand geschlossen. Sie ist ein Reflexionsprodukt wie jener - nämlich Be-griff.
Oder anders: Die zugrunde gelegte Materie wird ideell gesetzt - d.h. a posteriori, und postu-liert wie die Freiheit.
JE
Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE
Samstag, 23. Mai 2026
Kredit und fiktives Kapital; I.
naturfotografen aus MarxianaAbgesehn von dem
Aktienwesen – das eine Aufhebung der kapitalistischen Privatindustrie
auf Grundlage des kapitalistischen Systems selbst ist, und in demselben
Umfang, worin es sich ausdehnt und neue Produktions-sphären ergreift,
die Privatindustrie vernichtet –, bietet der Kredit dem einzelnen
Kapitalisten oder dem, der für einen Kapitalisten gilt, eine inner/halb
gewisser Schranken absolute Verfügung über fremdes Kapital und fremdes
Eigentum und dadurch über fremde Arbeit. Das Kapital selbst, das man
wirklich oder in der Meinung des Publikums besitzt, wird nur noch die
Basis zum Kreditüberbau.
Es gilt dies besonders
im Großhandel, durch dessen Hände der größte Teil des gesellschaft-lichen
Produkts passiert. Alle Maßstäbe, alle mehr oder minder innerhalb der
kapitalisti-schen Produktionsweise noch berechtigten Explikationsgründe
verschwinden hier. Was der spekulierende Großhändler riskiert, ist
gesellschaftliches, nicht sein Eigentum.
____________________________________________
K. Marx, Das Kapital III, MEW Bd. 25, S. 455
Nota. – Hier wird handgreiflich, dass
der sogenannte Wert keine Sache, sondern ein Ver-hältnis ist; und das
Ausschlaggebende an dem Verhältnis ist, dass es als ein solches gilt. Denn
fraglich ist am fiktiven Kapital und seinen spekulativen Geschäften
nicht die Realität des verschobenen Stoffs – Gebrauchswert –, sondern
lediglich das Eigentum daran, und das ist allerdings ein Verhältnis 'nur' in dem Maß, wie es gilt.
JE, 26. 11. 15
Freitag, 22. Mai 2026
Vom fixen zum fiktiven Kapital; II.
Daumier, Aufstieg zur Börse aus MarxianaDer Theil des nationalen Reichthums, der aus fixem Capital besteht – und in dem Grad worin dieß fixe Capital mehr und mehr als fixes Capital sich gestaltet hat, d. h. mehr und mehr seine charakteristischen Unterschiede vom circulirenden Capital gestaltet, herausge-arbeitet hat – ersetzt seinen Werth erst nach und nach, reproducirt ihn in Epochen, die sich wei/ter über das Jahr, als den Maaßstab der Reproductionszeit des circulirenden Capitals, hinaus erstrecken.
Während das circulirende Capital – i. e. seine Verwerthung – mehr auf gegenwärtiger Arbeit beruht, und wir nennen alle Arbeit contemporaneous, die within the year is performed, be-ruht daher die Verwerthung des fixen Capitals in ungleich höhrem Grad auf zukünftiger Arbeit, sei es nun daß das fixe Capital, wie die eigentliche Maschinerie z. B., direkt als Ar-beitsmittel im engren Sinn in dem unmittelbaren Productionsproceß functionirt, sei es, daß es nur, wie Baulichkeiten, Eisenbahn, Kanäle u. s. w., als allgemeine Bedingung von ihm un-abhängiger Productionsprocesse functionirt.
Als Capital, das seinen Werth reproduciren (und noch mehr, das wie sich später zeigen wird, seinen Eigenthümern Antheil am Surpluswerth, der von andren Capitalien producirt wird, sichern soll) ist es Anweisung auf zukünftige Arbeit (und im zweiten Fall Surplusarbeit.) Die Werthpapiere, vermehren sich daher mit der Entwicklung des fixen Capitals, Werthpapiere, die nicht nur Eigenthumstitel an seinem Werth und daher an der zukünftigen Reproduction dieses Werths, sondern zugleich Titel auf seine zukünftige Verwerthung, d. h. Titel auf An-theile an dem von der gesammten Capitalistenklasse zu erpressenden Surpluswerth (Zins etc) darstellen. Die Entwicklung des Creditwesens hat hierin also eine neue materielle Grundlage; zugleich aber die Entwicklung des Theils des Geldcapitals, der nicht[s] als eine Accumulation von Eigenthumstiteln auf zukünftige Arbeit und Surplusarbeit darstellt.
Die Accumulation dieses Theils des Geldcapitals besteht aus Titeln auf anticipirten künf-tigen Reichthum, und ist daher selbst kein Element des wirklich existirenden nationalen Reichthums, oder ist es nur so weit, als er Eigenthumstitel auf den vorhandnen Werth (nicht Verwerthung) des vorhandnen fixen Capitals darstellt. Die Titel existiren aber stets bevor dieser Werth producirt ist und repräsentiren direkt nichts als den Werth des Capitals, das verausgabt oder vorgeschossen wird, um jene Werthe zu produciren. Und selbst dann muß man diesen Werth nicht doppelt rechnen, z. B. nicht den Werth der Eisenbahn und den Werth der Eisenbahnactien, die in den Portofeuilles der shareholders existiren.
Es verhält sich hiermit ganz wie mit den Staatsschulden. Die Staatspapiere sind keine Wer-the ausser dem Werth des jährlichen Products, worin sie Antheil ihren Besitzern sichern. Dieser Schein wird aber um so mehr hervorgebracht, da ihre Preißquotationen – ihre movements of evaluation – von Umständen bestimmt werden, die nicht direkt mit den Werthen zusammenhängen, worauf sie Titel sind. Dieser Form der Accumulation streben aber sehr influential parties of the capitalist society to subordinate the real movement of production and accumula- tion.
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K. Marx, Ökonomisches Manuskript 1863-1865, MEGA II/4.1, S. 287f.
Nota. - Das ist alles theoretisch bedeutsam genug: Am fixen Kapital wird deutlich, dass es nicht die gestrige Arbeit ist, die wirklich im Produkt steckt, welche seinen Wert ausmacht; sondern die Arbeit, die heute erforderlich wäre. So gewinnt die virtuelle Arbeit von morgen eine Realität heute. So kann es sein, dass ein Stück Papier einen Wert bekommt: nicht einen Teil von wirklichem Wert, sondern eine Option auf möglichen Wert; aber so, als ob sie wirklich Wert wäre. Marx wird es später unterm Titel fiktives Kapital ausarbeiten.
Metatheoretisch ist es womöglich bedeutsamer. Nicht ein Begriff von Fixem Kapital 'schlägt um' in dies oder das, sonder Dieses gilt plötzlich als Jenes. Wo und wem 'gilt' es? Den Nachbarbegriffen auf Platos Olymp? Nein, es gilt den Agenten des Kapitals, nämlich den Akteuren des kapitalistischen Produktionsprozesses, und das sind lebendige Menschen, die Absichten verfolgen. Es sind die gewollten Absichten der Handlungen, die die Begriffe ausmachen. Begriffe gelten, und Geltung ist Zweck.
JE, 3. 11. 18
Donnerstag, 21. Mai 2026
Fiktives Kapital, III.
aus Marxiana
Soweit wir die
eigenthümliche Form der Akkumulation des Geldkapitals und Geldvermö-gens
überhaupt bis jetzt betrachtet haben, hat sie
sich aufgelöst in Akkumulation von An-sprüchen des Eigenthums auf die
Arbeit. Die Akkumulation des Kapitals der Staatsschuld heißt, wie sich
gezeigt hat, weiter nichts als Vermehrung einer Klasse von
Staatsgläubigern, die gewisse Summen auf den Betrag der Steuern für sich
vorwegzunehmen berechtigt sind. In diesen Thatsachen, daß sogar eine
Akkumulation von Schulden als Akkumulation von Kapital erscheinen
kann, zeigt sich die Vollendung der Verdrehung, die im Kreditsystem
stattfindet. Diese Schuldscheine, die für das ursprünglich geliehene
und /
längst verausgab-te Kapital ausgestellt sind, diese papiernen Duplikate
von vernichtetem Kapital, fungiren für ihre Besitzer soweit als Kapital,
als sie verkaufbare Waaren sind, und daher in Kapital rückverwandelt
werden können.
Die
Eigenthumstitel auf Gesellschaftsgeschäfte, Eisenbahnen, Bergwerke etc.
sind, wie wir ebenfalls gesehn haben, zwar in der That Titel
auf wirkliches Kapital. Indeß geben sie keine Verfügung über dies
Kapital. Es kann nicht entzogen werden. Sie geben nur Rechtsansprü-che
auf
einen Theil des von demselben zu erwerbenden Mehrwerths. Aber diese
Titel wer-den ebenfalls papierne Duplikate des wirklichen Kapitals, wie
wenn der Ladungsschein einen Werth erhielte neben der Ladung und
gleichzeitig mit ihr. Sie werden zu nominellen Repräsentanten nicht
existirender Kapitale. Denn das wirkliche Kapital existirt daneben und
ändert durchaus nicht die Hand dadurch, daß diese Duplikate die Hände
wechseln.
_____________________________________________________
K. Marx, Das Kapital III, MEGA II.15; S. 473f. [MEW 25, S. 493f.]
Nota. - Aktien werden so gehandelt, als ob sie Teile von wirklichen Gebäuden, Maschi-nenparks und Arbeitsmaterial wären. Doch wenn die Firma, auf die sie lauten, bankrott geht, sind sie lediglich beschriebenes Papier. Die Gebrauchswerte mögen noch intakt sein, aber ob und in welchem Umfang sie als solche wieder in die Produktion eingehen, hängt davon ab, ob sie einer kauft, und zu welchem Zweck; vielleicht nämlich nur als Schrott.
JE
DAS ist Vernunft, II.
massimo ampofo Der Charakter der Vernünftigkeit besteht darin, dass der Handelnde und das Behandelte Eins sei und ebendasselbe; und durc...
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flickr zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik Das Bestimmte, zu ...