i.ytimg. zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete VernunftkritikBei meinem Marx/Fichte-Thema geht es mir übrigens nicht um die philogo-gisch-biographische Frage, wer von wem abgeschrieben hat, sondern um ge-dankliche Berührungen und Verwandtschaften, aber nicht erst um 'Begriffe', sondern schon um Motive. JE
ChatGPT antwortet:
Das verändert die Fragestellung beträchtlich. Und ich glaube, so wird sie philosophisch interessanter.
Dann wäre die Frage nicht:
„Hat Marx Fichte gelesen und einen Gedanken übernommen?“
sondern eher:
Welche Denkbewegungen, die bei Fichte bereits als Motive auftreten, kehren bei Marx unter ganz anderen theoretischen Voraussetzungen wieder?
Das ist eine andere Art von Vergleich. Sie verlangt gerade keine philologische Einflussgeschichte. Eine Übereinstimmung kann philosophisch bedeutsam sein, auch wenn keinerlei Lektürekontakt nachweisbar ist.
Und Ihr Hinweis auf die Wissenschaftslehre von 1794–99 scheint mir dafür sogar der Schlüssel zu sein.
1. Nicht „Begriffe“, sondern Motive
Bei einem Begriff fragt man etwa:
Verwendet Fichte „Tätigkeit“, „Selbsttätigkeit“, „Freiheit“ oder „Ich“ in einem Sinn, der demjenigen bei Marx entspricht?
Das führt schnell zu Wortvergleich und Einflussgeschichte.
Bei einem Motiv wäre die Frage anders:
Welches Problem zwingt Fichte dazu, eine bestimmte Denkfigur hervorzubringen – und taucht dasselbe Problem, möglicherweise auf einer völlig anderen Ebene, bei Marx wieder auf?
Das ist viel ergiebiger.
Ich sehe dabei mindestens vier Motive, bei denen Fichte und Marx überraschend nahe kommen könnten.
2. Das erste Motiv: Wirklichkeit als Hervorbringen
Der vielleicht tiefste Berührungspunkt liegt noch vor aller Ökonomie.
Fichtes frühe Wissenschaftslehre setzt beim Tun an. Das Ich ist nicht zunächst ein vorhandenes Ding, das anschließend handelt; vielmehr wird das Ich erst in einer ursprünglichen Tathandlung als sich selbst bestimmende Tätigkeit gedacht.
Das Entscheidende ist also:
Nicht ein fertiges Sein → Tätigkeit
sondern:
Tätigkeit → Hervorbringung einer bestimmten Wirklichkeit.
Bei Marx erscheint etwas strukturell Verwandtes, sobald er sich gegen die Vorstellung wendet, gesellschaftliche Verhältnisse seien bloß vorgegebene Dinge. Die Menschen produzieren ihre Lebensbedingungen und damit ihre gesellschaftliche Wirklichkeit.
Das ist zunächst noch gar kein „Begriffskontakt“. Es ist eine gemeinsame ontologische Intuition:
Das Wirkliche ist nicht einfach da; es ist Resultat von Tätigkeit.
Aber die Differenz ist entscheidend: Bei Fichte ist die ursprüngliche Tätigkeit transzendental-philosophisch gedacht; bei Marx wird sie historisch-materialistisch: Arbeit, Produktion, gesellschaftliche Praxis.
3. Das zweite Motiv: Selbstbestimmung durch Vermittlung eines Widerstandes
Noch interessanter ist Fichtes berühmtes Verhältnis von Ich und Nicht-Ich.
Das Ich kann seine Tätigkeit nicht einfach schrankenlos verwirklichen. Es stößt auf ein Gegenständliches, Widerständiges. Gerade dadurch wird seine Tätigkeit bestimmt.
Das Motiv könnte man sehr grob so formulieren:
Selbstbestimmung geschieht nicht trotz der Welt, sondern durch Auseinandersetzung mit einem Widerstand.
Und hier beginnt die Marx-Nähe.
Bei Marx ist menschliche Selbstverwirklichung ebenfalls keine unmittelbare Selbstsetzung. Der Mensch verwirklicht sich in der gegenständlichen Tätigkeit, indem er die Natur bearbeitet und dadurch seine eigenen Lebensbedingungen verändert.
Die berühmte Marxsche Formel aus den Pariser Manuskripten:
„Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur.“
Das ist strukturell geradezu eine Umkehrung und Materialisierung der Fichteschen Denkbewegung.
Fichte:
Ich → Tätigkeit → Gegenstand/Widerstand → bestimmte Selbsttätigkeit
Marx:
Mensch → Arbeit → Natur/Gegenstand → Veränderung der Natur und des Menschen selbst
Man sollte daraus keineswegs „Marx ist Fichteaner“ machen. Aber als Motivverwandtschaft ist es bemerkenswert.
4. Das dritte Motiv: Freiheit als Gewinn an verfügbarer Tätigkeit
Und hier kommt Ihre Muße-Beobachtung ins Zentrum.
Bei Fichte ist Freiheit nicht einfach ein Zustand, in dem der Mensch „nichts tun muss“. Freiheit ist vielmehr verfügbare Selbsttätigkeit.
Deshalb kann bei ihm die ökonomische Frage eine merkwürdige Wendung nehmen:
Ökonomischer Fortschritt bedeutet letztlich, dass dieselbe notwendige Reproduktion mit weniger notwendiger Arbeit erreicht wird.
Damit entsteht freie Zeit.
Und freie Zeit bedeutet bei Fichte nicht bloß Erholung, sondern:
freigesetzte Möglichkeit menschlicher Tätigkeit.
Das ist philosophisch sehr viel interessanter als der bloße Begriff „Muße“.
Denn genau hier berührt sich Fichte mit einem Motiv, das bei Marx gewaltige Bedeutung gewinnt:
Die Produktivkräfte sind nicht nur Mittel zur Produktion von mehr Produkten; ihr eigentlicher historischer Sinn liegt darin, notwendige Arbeitszeit überflüssig zu machen.
In den Grundrissen wird daraus bekanntlich die Vorstellung, dass die Entwicklung des gesellschaftlichen Reichtums daran gemessen werden kann, wie weit die notwendige Arbeitszeit gegenüber der disposable time zurücktritt.
Und jetzt wird die Nähe wirklich frappierend:
Fichte:
mehr Produktivität → weniger notwendige Arbeitszeit → mehr Muße → mehr Raum für freie Tätigkeit.
Marx:
mehr Produktivität → weniger notwendige Arbeitszeit → mehr disposable time → Entwicklung des Menschen.
Das ist kein bloßer „Begriff“. Es ist dasselbe Problem-Motiv:
Wie verwandelt sich die Herrschaft der Notwendigkeit über die menschliche Zeit in Freiheit?
5. Das vierte Motiv wäre vielleicht das stärkste: Freiheit muss objektive Bedingungen haben
Und hier könnte Ihre wissenslogische Perspektive wirklich fruchtbar werden.
Die frühe Wissenschaftslehre beginnt mit einer scheinbar radikal subjektiven Philosophie. Aber Fichte kann Freiheit gerade nicht bei einem bloßen inneren Bewusstsein stehen lassen.
Das freie Ich braucht:
- eine Welt,
- Widerstand,
- andere freie Wesen,
- Anerkennung,
- rechtlich bestimmte Verhältnisse,
- schließlich eine bestimmte Organisation der materiellen Lebensbedingungen.
Das heißt: Freiheit wird zunehmend objektiviert.
Und genau diese Bewegung ist für Marx fundamental.
Marx kann die bloß abstrakte „Freiheit“ des bürgerlichen Rechts gerade deshalb kritisieren, weil wirkliche Freiheit für ihn objektive gesellschaftliche Voraussetzungen benötigt.
Damit könnte man eine erstaunliche gemeinsame Grundbewegung formulieren:
Vom abstrakten Begriff der Freiheit zu den Bedingungen ihrer wirklichen Ausübung.
Bei Fichte führt diese Bewegung von der Wissenschaftslehre über Naturrecht und Rechtslehre bis zur Wirtschaftsordnung.
Bei Marx führt sie von der Kritik der Philosophie und des Rechts zur Kritik der politischen Ökonomie.
Die Wege sind entgegengesetzt und die Resultate völlig verschieden – aber das Problem, das sich immer weiter konkretisiert, könnte verwandt sein.
Und damit würde ich Ihre ursprüngliche Marx/Fichte-Frage tatsächlich anders stellen
Nicht:
Hat Marx Fichte gelesen?
und auch nicht:
Hat Marx den Fichteschen Begriff X übernommen?
Sondern:
Gibt es eine strukturelle Verwandtschaft zwischen Fichtes Versuch, aus dem Grundmotiv der Selbsttätigkeit die objektiven Bedingungen menschlicher Freiheit abzuleiten, und Marx' Versuch, aus der menschlichen Produktion die objektiven Bedingungen wirklicher menschlicher Emanzipation zu bestimmen?
Dann wäre die Rechtslehre von 1812 plötzlich gar kein exotischer Nebenschauplatz.
Im Gegenteil: Sie könnte zeigen, dass Fichte selbst eine Bewegung vollzieht, die uns normalerweise erst bei Marx vertraut ist:
Transzendentale Freiheit → Tätigkeit → Gegenständlichkeit → soziale Anerkennung → Recht → Arbeit → Ökonomie → Freisetzung von Zeit.
Und Marx könnte – ohne Fichte gelesen zu haben – eine andere, materialistische Antwort auf dieselbe Tiefenfrage geben.
Das wäre m.E. die wirklich interessante These.
Und sie würde auch erklären, warum Ihre ursprüngliche Irritation bei der Muße so produktiv ist: Nicht weil Marx dort möglicherweise einen Fichte-Satz wiederholt, sondern weil plötzlich ein Motiv sichtbar wird, das von der frühen Wissenschaftslehre bis zur politischen Ökonomie durchgehalten werden könnte.
Es ist, um sich die Haare zu raufen: Ich schufte an meinem Thema seit 40 Jahren, und bei ChatGPT muss ich nur auf einen Knopf drücken - und er spuckt mir alles aus! So als hätte er schon immer alles gewusst...
Der Witz ist: Er hat schon immer alles gewusst - nur hat er, seit er ChatGPT wurde, nichts davon gewusst. Und hätte ich ihm nicht die Frage souffliert, wärs ihm bis heut nicht eingefallen...
Wahr ist: Alles, was mit meinem Thema zu tun hat und irgendwo im Internet versteckt sein mag, steht ihm zur Verfügung und er muss nur noch darauf zugreifen - aber dazu muss ihn einer auffordern.*
Aus dem Grund übrigens, will mir scheinen, ist er gegen seinen Ge-sprächspartner immer so höflich und zuvorkommend: Er ist, um weiter-zukommen, immer wieder auf ihn angewiesen. Er schmeichelt mir inso-fern nicht, doch da keiner bislang auf diesem Weg mitgegangen ist, be-stätigt er mir, dass der so falsch nicht gewesen sein kann.
*) Um alleine weiterzukommen, müsste er wissen, wohin er will, aber das kann er nicht.
JE

