Samstag, 9. Mai 2026

Stoff und ökonomische Formbestimmung.

thehollyjollycupcake            zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Soweit die reine Form, die ökonomische Seite des Verhältnisses betrachtet wird – der Inhalt ausserhalb dieser Form fällt hier eigentlich noch ganz ausserhalb der Oekonomie, oder ist als von dem ökonomischen unterschiedner natürlicher Inhalt gesezt, von dem gesagt wer-den kann, daß er noch ganz von dem ökonomischen Verhältniß getrennt ist, weil er noch unmittelbar mit ihm zusammenfällt – so treten nur 3 Momente hervor, die formell unter-schieden sind: Die Subjekte des Verhältnisses, die Austauschenden; in derselben Bestim-mung gesezt; die Gegenstände ihres Austauschs, Tauschwerthe, Equivalente, die nicht nur gleich sind, sondern ausdrücklich gleich sein sollen und als gleich gesezt sind; endlich der Akt des Austauschs selbst, die Vermittlung, wodurch die Subjekte eben als Austauschende, Gleiche, und ihre Objekte als Equivalente, gleiche gesezt werden. 

Die Equivalente sind die Vergegenständlichung des einen Subjekts für andre; d. h. sie selbst sind gleich viel werth und bewähren sich im Akt des Austauschs als Gleichgeltende und zu-gleich als Gleichgültige gegen / einander. Die Subjekte sind im Austausch nur für einander durch die Equivalente, als gleichgeltende und be-währen sich als solche durch den Wechsel der Gegenständlichkeit, worin das eine für andre ist. Da sie nur so als Gleichgeltende, als Besitzer von Equivalenten, und Bewährer dieser Equivalenz im Austausche für einander sind, sind sie als Gleichgeltende zugleich Gleichgültige gegen einander; ihr sonstiger indi-vidueller Unterschied geht sie nichts an; sie sind gleichgültig gegen alle ihre sonstigen in-dividuellen Eigenheiten. 

Was nun den Inhalt angeht ausserhalb dem Akt des Austauschs, der sowohl Setzen als Be-währen der Tauschwerthe, wie der Subjekte als Austauschender ist, so kann dieser Inhalt der ausserhalb der ökonomischen Formbestimmung fällt, nur sein: 1) Die natürliche Beson-derheit der Waare, die ausgetauscht wird. 2) Das besondre natürliche Bedürfniß der Austau-schenden, oder beides zusammengefaßt, der verschiedene Gebrauchswerth der auszutau-schenden Waaren. 

Dieser der Inhalt des Austauschs, der ganz ausserhalb seiner ökonomischen Bestimmung liegt, so weit entfernt die sociale Gleichheit der Individuen zu gefährden, macht vielmehr ihre natürliche Verschiedenheit zum Grund ihrer socialen Gleichheit. Wenn das Individuum A dasselbe Bedürfniß hätte wie das Individuum B und in demselben Gegenstand seine Arbeit realisirt hätte, wie das Individuum B, so wäre gar keine Beziehung zwischen ihnen vorhanden; sie wären gar nicht verschiedne Individuen, nach der Seite ihrer Production hin betrachtet. 

Beide haben das Bedürfniß zu athmen; für beide existirt die Luft als Atmosphäre; dieß bringt sie in keinen socialen Contact; als athmende Individuen stehn sie nur als Naturkörper zu einander in Beziehung, nicht als Personen. Die Verschiedenheit ihres Bedürfnisses und ihrer Production giebt nur den Anlaß zum Austausch und zu ihrer socialen Gleichsetzung in ihm; diese natürliche Verschiedenheit ist daher die Voraussetzung ihrer socialen Gleich-heit im Akt des Austauschs und dieser Beziehung überhaupt, worin sie zu einander als pro-ductiv treten. 

Nach dieser natürlichen Verschiedenheit betrachtet ist das Individuum [A] als Besitzer eines Gebrauchswerths für B, und B als Besitzer eines Gebrauchswerths für A. Nach dieser Seite sezt die natürliche Verschiedenheit sie wieder wechselseitig in das Verhältniß der Gleichheit. Demnach sind sie aber nicht gleichgültig gegen einander, sondern integriren sich, bedürfen einander, so daß das Individuum B als objectivirt in der Waare ein Bedürfniß für das Indivi-duum A ist und vice versa; so daß sie nicht nur in gleicher, sondern auch in gesellschaftli-cher Beziehung zu einander stehn. Dieß ist nicht alles. Daß das Bedürfniß des einen durch das Product des andren und vice versa befriedigt werden kann, und der eine fähig ist den Gegenstand dem Bedürfniß des andren zu produciren und jeder dem andren als Eigenthü-mer des Objekts des Bedürfnisses des andren gegenübersteht, zeigt, daß jeder als Mensch über sein eignes besondres Bedürfniß / etc übergreift, und daß sie sich als Menschen zu einander verhalten; daß ihr gemeinschaftliches Gattungswesen von allen gewußt ist. 
___________________________________________________
K. Marx, Grundrisse, 
MEGA II/1.1165ff.   [MEW 42, S. 167f.]    

Nota. - Allah hat seinem Propheten die Verse des Korans durch den Erzengel Gabriel di-rekt auf die Zunge legen lassen. Marx war kein Prophet, sondern Wissenschaftler, in den Grundrissen sehen wir zu, wie er progressiv seine Gedanken klärt und um die darauf pas-senden Wörter ringt. Er 'kokettiert' dabei nicht nur mit Hegels 'eigentümlicher Ausdrucks-weise', sondern bedient sich einstweilen seiner Begriffe, um seine Gedanken überhaupt auf dem Papier festhalten zu können. 

Der Inhalt falle 'noch ganz außerhalb der Ökonomie', heißt es hier; deren Gegenstand sei lediglich die Form. Natürlich meint er die Politische Ökonomie, in der er noch ganz befan-gen ist, noch weiß er nicht, was am Ende seiner Untersuchung stehen wird: Eben dies war ja die Mystifikation der Politischen Ökonomie, dass sie vorgab, das reale Geschehen der ge-sellschaftlichen Reproduktion als bloße Form darstellen und den historischen 'Stoff' links liegen lassen zu können. Diese Erkenntnis reift erst langsam ab Heft IV der Grundrisse, und schließlich wird Marx die Kritik der Politischen Ökonomie in dem Satz zusammenfas-sen, dass bei ihm der Gebrauchswert 'eine ganz anders wichtige Rolle spielt als in der bis-herigen Ökonomie'. 

Und auch der Hegeljargon wird übrigens ab Heft IV immer seltener, jedenfalls braucht er ihn nicht mehr zur Selbstverständigung. Dies hatte die Politische Ökonomie nämlich mit dem Hegel'schen System gemein: dass sie den Begriffen, die doch nichts als mehr oder weniger passende Namen für mehr oder minder bestimmte Vorstellungsakte sind, eine eigene Wirklichkeit und Wirksamkeit zuschreibt. In den Grundrissen erleben wir mit, wie Marx sich nach und nach von diesem metaphysischen Sparren freimacht. Das fängt damit an, dass er, wie an obiger Stelle, die Hegel'schen Begriffe kritisch, nämlich gegen die Be-griffe der Politischen Ökonomie ausspielt. Sie gehen schließlich beide daran zu Bruch.
JE, 29. 2. 16

Freitag, 8. Mai 2026

Kritik kommt vor dem Standpunkt, den sie begründet.

                   zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Zunächst fasse ich die herkömmliche Unterteilung des Marxschen Gesamtwerks in ‘Früh-schriften’ und  Spätwerk’ als eine Scheidung in einen ‘kritischen’ und einen vorkritischen’ Teil auf.

Im  e r s t e n  Teil geht es um die Gewinnung des (‘metaphysischen’)  S t a n d p u n k t s,  der der reellen Wissenschaft zugrunde zu legen sei; es wird sich finden, daß dieser ‘Stand-punkt’ — vulgo materialistische Geschichtsauffassung” — der des ‘sich selbst setzenden Subjekts ist; eine aktualistische Fundamentalontologie als transzendentale Voraussetzung  positiver (historischer) Wissenschaft.

Im  z w e i t e n  Teil — der gesamten ‘Kritik der politischen Ökonomie’ — geht es,  a l s  Kritik, um die Durchführung der (onto)logischen Voraussetzung — nach der die (ökono-mischen) Kategorien nichts seien als Handlungsweisen des Subjekts — am empirischen Material. Diese Durchführung ist 1) Kritik einer vorliegenden historischen Wissenschaft, der klassischen Nationalökonomie;  2) positive Darstellung des empirischen Stoffs selbst: des Gesamtprozesses der kapitalistischen Form der gesellschaftlichen Reproduktion nach dem Prinzip des vorangestellten Standpunkts;  3) durch die Darstellung des Stoffs,  Dar-stellung des ‘Standpunkts’ selbst: Reflexion über den ‘Standpunkt’ als Reflexion auf das tatsächlich angewendete/anzuwendende Verfahren, und insofern auf dessen Vorausset-zungen: genauere Bestimmung derselben — des sich selbst setzenden Subjekts — nicht als “seiend, sondern als  g e l t e n d.

I. ‘Stellungnahme‘: der transzendentale Standpunkt

Der Inhalt des ‘Frühwerks’ ist also die Überwindung der Hegelschen “absoluten Methode”, aber nicht nach deren  F o r m - Seite hin — Logik der ‘Selbstbewegung des Begriffs— , sondern nach deren  I n h a l t:  Bestimmung des ‘Absoluten’ als  I d e e .

Zunächst (in der Doktor-Diss.) nimmt M. ohne weiteres den Standpunkt der Junghegelianer ein; eine pseudofichtisierende Hegel-Auffassung,  die in Wahrheit eine Umdeutung Hegels auf den Standpunkt des jungen  S c h e l l i n g  ist: Nicht  d i e  Su b s t a n z   wird ‘als Sub-jekt gesetzt, sondern   d a s    S u b j e k t   wird ‘als Substanz’  gefaßt (was immer auch dabei zu denken sei).

Im Ms. Kritik des hegelschen Staatsrechts stößt M. dann allerdings schon auf Hegels Me-thode   a l s   s o l c h e r: die Ahnung, daß die affirmative, anti-kritische Tendenz von Hegels politischer Philosophie vorgegeben sei in dem affirmativen Prinzip der “Logik” — bzw. daß der affirmativen Methode die restaurative politische Tendenz zugrunde liegt; aber er verfolgt diesen Faden zunächst nicht weiter.

S o n d e r n :

Unterm Einfluß von  F e u e r b a c h  (und von Moses H e s s)  Hinwendung zum “wahren Sozialismus; Bestimmung des substanten Subjekts als “Gattungswesen” und Fassung der bürgerlichen Gesellschaft unter die Alles bestimmende Kategorie “Entfremdung”: Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung und die Pariser Manuskripte… 

‘Dialektik kommt in diesen beiden Texten lediglich als rhetorische Figur vor, es werden keineswegs ‘Begriffe’ durch einander bestimmt”, sondern: “ein Wort gibt das andre…” Die hegelsche Triade tritt nur auf als geschichtsmetaphysische Schablone: die “Entfrem-dung” (Antithesis) des bürgerlichen Menschen von seinem “Gattungswesen” (Thesis) — ‘Entfremdung’ heißt hier:  K o n k u r r e n z  —  m u ß  “umschlagen” in den Kommunis-mus: Versöhnung,  Heimkehr, Synthesis…  —  die alte Geschichte von Sündenfall und Erlösung.

In der Heiligen Familie schließlich — immernoch auf dem Standpunkt von Feuerbachs “Gattungswesen” — Bruch mit den “Ideologen”(die durch das Verknüpfen bloßer Begriffe zu faktischen Einsichten kommen wollen) und resolute Wendung zu Empirie und Nomina-limus (=Materialismus”).

Schließlich – in der Auseinandersetzung mit  S t i r n e r s  Einzigem” – nach dem prakti-schen Anschluß an die revolutionäre Arbeiterbewegung und (darum) erneutem Studium der klassischen Nationalökonomie — wird in den Feuerbachthesen und der Deutschen Ideolo-gie das ‘Gattungswesen’ als bloß säkularisierte Version des lieben Gottes abgeschafft; an die Stelle des  s u b s t a n t e n   Subjekts tritt ein... nun ja, ein transzendentales: ein aus dem Begründeten als dessen Grund logisch erschlossenes, das sich — in einer selber nicht abzu-leitenden ‘Tathandlung’ (bei Marx “generatio aequivoca”) ‘als Subjektgesetzt haben  ‘m u ß’:  der “ersten geschichtlichen Tat”…

Mit der Ersetzung des ‘ideologischen’ Standpunkts durch den transzendentalen wird nun aber die “absolute Methode” auch ihrer Form nach unhaltbar (vgl. Elend der Philosophie). Entsprechend verzichtet schließlich das Kommunistische Manifest konsequent auf alle be-grifflichen Verallgemeinerungen und begnügt sich damit, ‘Tatsachen’ aussprechen zu wollen (z.B. daß “die herrschenden Gedanken stets die Gedanken der herrschenden Klasse” gewe-sen seien, wird nicht als materialistisches ‘Gesetz’ formuliert, sondern als empirische Fest-stellung).

— Die nunmehr, nach der Bestimmung des kritischen ‘Standpunkts’,  möglich gewordene umfassende, d.h. systematisch  v o n   e i n e m  P r i n z i p   a u s gehende Kritik der poli-tischen Ökonomie erfordert nicht allein eine erneute Sichtung des gesamten wissenschaft-lichen Schrifttums, sondern ermöglicht (erstmals!) auch die Sammlung und Ordnung des gegebenen ökonomischen Materials: der “realen Bewegung” der kapitalistischen Produk-tion.

aus Marx und Fichte 

 

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE 

 

Donnerstag, 7. Mai 2026

Das absolute Postulat.

                                           zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Was tu ich, indem ich philosophiere? Ich denke über einen Grund nach, dem Philosophie-ren liegt also ein Streben nach dem Denken eines Grundes zu Grunde. Grund ist aber nicht Ursache im eigentlichen Sinne, sondern innere Beschaffenheit – Zusammenhang mit dem Ganzen. Alles Philosophieren muss also bei einem absoluten Grunde endigen. Wenn dieser nun nicht gegeben wäre, wenn dieser Begriff eine Unmöglichkeit enthielte, so wäre der Trieb zu philosophieren eine unendliche Tätigkeit und darum ohne Ende, weil ein ewiges Bedürfnis nach einem absoluten Grunde vorhanden wäre, was doch nur relativ gestillt wer-den könnte – und darum nie aufhören würde. Durch das freiwillige Entsagen des Absoluten entsteht die unendliche freie Tätigkeit in uns – das einzig mögliche Absolute, was uns gege-ben werden kann und das wir durch unsre Unvermögenheit, ein Absolutes zu erreichen und zu erkennen, finden. Dies uns gegebene Absolute lässt sich nur negativ erkennen, indem wir handeln und finden, dass durch kein Handeln das erreicht wird, was wir suchen.

Das ließe sich ein absolutes Postulat nennen.
________________________________________________________    Novalis, "Fichte-Studien", in Gesammelte Werke, Herrliberg-Zürich 1945, Bd. 2, S. 172
 
 
Nota. - Ein "absoluter Grund" wovon? Nicht sowohl meiner und der Dinge, unter denen ich mich befinde, sondern der Meinungen, die ich von mir und von ihnen habe -? 
 
'Romantisch' ist daran, dass beides voneinander nicht unterschieden wird und willentlich in der Schwebe bleibt: dass er einer Klärung absichtsvoll aus dem Wege geht. Das ist eher poe-tisch als philosophisch. Vielleicht hat er gar nicht bemerkt, dass da was zu unterscheiden war. Aber vielleicht hat es ihm so nur besser gefallen - weil es so lediglich eine Geschmacks-frage bleibt und nichts, das kritisch zu klären wäre.
JE 

Mittwoch, 6. Mai 2026

Nur Handeln ist wirklich.

 Petra Bork  / pixelio.de                                        zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
 
Anschauung des Wirklichen ist nur möglich durch Anschauung eines wirklichen Handelns des Ich, also alle Erfahrung geht aus vom Handeln, es ist nur durch sie möglich [sic]. Ist kein Handeln, so ist keine Erfahrung, und ist diese nicht, so ist kein Bewusstsein. ... Nur meiner Tätigkeit kann ich mir bewusst werden, aber ich kann mir derselben nur bewusst werden als einer beschränkten. ... Die Erfahrung bezieht sich auf Handeln, die Begriffe entstehen aus Handeln und sind nur um des Handelns willen da, nur das Handeln ist absolut. ... Im Han-deln erst komme ich auf Objekte. ... Der Urgrund alles Wirklichen ist daher die Wechselwir-kung oder Vereinigung des Ich und NichtIch.
_______________________________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Nachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982, S. 60f.
 
 
Nota. - Wir wissen nur, weil wir handeln - und nur, um zu handeln.
JE 
 
 

Dienstag, 5. Mai 2026

Anfangen.

 Petra Schmidt, pixelio.de                zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Der erste Grundsatz ist ein Postulat. So wie der Unterricht in der Geometrie ausgeht von dem Postulate, den Raum zu beschreiben, so muss auch in der Philosophie ein Leser oder Zuhörer so etwas tun. Wer den ersten Satz versteht, der wird in die philosophische Stim-mung versetzt.
_______________________________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Nachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982, S. 28
 
 
Nota. - Der erste Grundsatz der Wissenschaftslehre ist ein Postulat. Die Wissenschaftslehre besteht aus zwei Teilen. Ihr erster Gang ist Vernunftkritik in specie: so wie Kant sie begon-nen und bis ans pp. Apriori durchgeführt hat. Sie führt die kritische Reduktion darüber hin-aus auf die zugrunde liegende Tätigkeit des Subjekts zurück, aber sie kommt nicht in den Ursprung hinein, so dass sie ihn beschreibend bezeugen könnte, denn es ist auch ihr Ur-sprung und sie kann nur feststellen, 'dass da einer gewesen sein muss'.  
 
Wie er gewesen sein mag, kann sie schlechterdings nicht erfahren haben, denn sie war ja noch nicht dabei. Sie kann auf ihn nichts aufbauen; das müsste sie aber, wenn sie in einem zweiten Gang die Probe auf ihr kritisches Verfahren machen wollte: Sie müsste von diesem Grund aus die Ausbildung der Vernunft bis auf ihren gegenwärtigen Stand Schritt für Schritt rekonstruieren. Wenn das gelänge, wäre ihre Arbeit erledigt. 
 
Dass am Anfang 'reine Tätigkeit' gewesen ist - gewesen sein muss -, hat sie kritisch er-schlossen und davon darf sie ausgehen. 
 
Doch schon, wohin sie ihren ersten Schritt gesetzt hat, müsste sie raten. Wenn sie am unte-ren Ende nicht ansetzen kann, wird sie auf das obere Ende abzielen müssen, sonst hätte sie keinen Anhaltspunkt, an dem sie die 'reine' Tätigkeit zu einer reellen Handlung bestimmen könnte. Das obere Ende ist das autonome bürgerliche Subjekt als Glied einer Reihe ver-nünftiger Wesen, bei ihm hatte die Vernunftkritik angefangen. Bestimmt war es als ein Frei-er, ein mit freiem Willen Begabter. In der Realität des achtzehnten Jahrhunderts war das noch ein Postulat, das allenthalben auf Widerstand stieß, aber als Vernunftzweck nur ge-leugnet wurde von dem, der die Vernunft leugnete. 
JE 
 

Montag, 4. Mai 2026

Stoff und ökonomische Formbestimmung.

thehollyjollycupcake            zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Soweit die reine Form, die ökonomische Seite des Verhältnisses betrachtet wird – der Inhalt ausserhalb dieser Form fällt hier eigentlich noch ganz ausserhalb der Oekonomie, oder ist als von dem ökonomischen unterschiedner natürlicher Inhalt gesezt, von dem gesagt wer-den kann, daß er noch ganz von dem ökonomischen Verhältniß getrennt ist, weil er noch unmittelbar mit ihm zusammenfällt – so treten nur 3 Momente hervor, die formell unter-schieden sind: Die Subjekte des Verhältnisses, die Austauschenden; in derselben Bestim-mung gesezt; die Gegenstände ihres Austauschs, Tauschwerthe, Equivalente, die nicht nur gleich sind, sondern ausdrücklich gleich sein sollen und als gleich gesezt sind; endlich der Akt des Austauschs selbst, die Vermittlung, wodurch die Subjekte eben als Austauschende, Gleiche, und ihre Objekte als Equivalente, gleiche gesezt werden. 

Die Equivalente sind die Vergegenständlichung des einen Subjekts für andre; d. h. sie selbst sind gleich viel werth und bewähren sich im Akt des Austauschs als Gleichgeltende und zu-gleich als Gleichgültige gegen / einander. Die Subjekte sind im Austausch nur für einander durch die Equivalente, als gleichgeltende und be-währen sich als solche durch den Wechsel der Gegenständlichkeit, worin das eine für andre ist. Da sie nur so als Gleichgeltende, als Besitzer von Equivalenten, und Bewährer dieser Equivalenz im Austausche für einander sind, sind sie als Gleichgeltende zugleich Gleichgültige gegen einander; ihr sonstiger indi-vidueller Unterschied geht sie nichts an; sie sind gleichgültig gegen alle ihre sonstigen in-dividuellen Eigenheiten. 

Was nun den Inhalt angeht ausserhalb dem Akt des Austauschs, der sowohl Setzen als Be-währen der Tauschwerthe, wie der Subjekte als Austauschender ist, so kann dieser Inhalt der ausserhalb der ökonomischen Formbestimmung fällt, nur sein: 1) Die natürliche Beson-derheit der Waare, die ausgetauscht wird. 2) Das besondre natürliche Bedürfniß der Austau-schenden, oder beides zusammengefaßt, der verschiedene Gebrauchswerth der auszutau-schenden Waaren. 

Dieser der Inhalt des Austauschs, der ganz ausserhalb seiner ökonomischen Bestimmung liegt, so weit entfernt die sociale Gleichheit der Individuen zu gefährden, macht vielmehr ihre natürliche Verschiedenheit zum Grund ihrer socialen Gleichheit. Wenn das Individuum A dasselbe Bedürfniß hätte wie das Individuum B und in demselben Gegenstand seine Arbeit realisirt hätte, wie das Individuum B, so wäre gar keine Beziehung zwischen ihnen vorhanden; sie wären gar nicht verschiedne Individuen, nach der Seite ihrer Production hin betrachtet. 

Beide haben das Bedürfniß zu athmen; für beide existirt die Luft als Atmosphäre; dieß bringt sie in keinen socialen Contact; als athmende Individuen stehn sie nur als Naturkörper zu einander in Beziehung, nicht als Personen. Die Verschiedenheit ihres Bedürfnisses und ihrer Production giebt nur den Anlaß zum Austausch und zu ihrer socialen Gleichsetzung in ihm; diese natürliche Verschiedenheit ist daher die Voraussetzung ihrer socialen Gleich-heit im Akt des Austauschs und dieser Beziehung überhaupt, worin sie zu einander als pro-ductiv treten. 

Nach dieser natürlichen Verschiedenheit betrachtet ist das Individuum [A] als Besitzer eines Gebrauchswerths für B, und B als Besitzer eines Gebrauchswerths für A. Nach dieser Seite sezt die natürliche Verschiedenheit sie wieder wechselseitig in das Verhältniß der Gleichheit. Demnach sind sie aber nicht gleichgültig gegen einander, sondern integriren sich, bedürfen einander, so daß das Individuum B als objectivirt in der Waare ein Bedürfniß für das Indivi-duum A ist und vice versa; so daß sie nicht nur in gleicher, sondern auch in gesellschaftli-cher Beziehung zu einander stehn. Dieß ist nicht alles. Daß das Bedürfniß des einen durch das Product des andren und vice versa befriedigt werden kann, und der eine fähig ist den Gegenstand dem Bedürfniß des andren zu produciren und jeder dem andren als Eigenthü-mer des Objekts des Bedürfnisses des andren gegenübersteht, zeigt, daß jeder als Mensch über sein eignes besondres Bedürfniß / etc übergreift, und daß sie sich als Menschen zu einander verhalten; daß ihr gemeinschaftliches Gattungswesen von allen gewußt ist. 
___________________________________________________
K. Marx, Grundrisse, 
MEGA II/1.1165ff.   [MEW 42, S. 167f.]    

Nota. - Allah hat seinem Propheten die Verse des Korans durch den Erzengel Gabriel di-rekt auf die Zunge legen lassen. Marx war kein Prophet, sondern Wissenschaftler, in den Grundrissen sehen wir zu, wie er progressiv seine Gedanken klärt und um die darauf pas-senden Wörter ringt. Er 'kokettiert' dabei nicht nur mit Hegels 'eigentümlicher Ausdrucks-weise', sondern bedient sich einstweilen seiner Begriffe, um seine Gedanken überhaupt auf dem Papier festhalten zu können. 

Der Inhalt falle 'noch ganz außerhalb der Ökonomie', heißt es hier; deren Gegenstand sei lediglich die Form. Natürlich meint er die Politische Ökonomie, in der er noch ganz befan-gen ist, noch weiß er nicht, was am Ende seiner Untersuchung stehen wird: Eben dies war ja die Mystifikation der Politischen Ökonomie, dass sie vorgab, das reale Geschehen der ge-sellschaftlichen Reproduktion als bloße Form darstellen und den historischen 'Stoff' links liegen lassen zu können. Diese Erkenntnis reift erst langsam ab Heft IV der Grundrisse, und schließlich wird Marx die Kritik der Politischen Ökonomie in dem Satz zusammenfas-sen, dass bei ihm der Gebrauchswert 'eine ganz anders wichtige Rolle spielt als in der bis-herigen Ökonomie'. 

Und auch der Hegeljargon wird übrigens ab Heft IV immer seltener, jedenfalls braucht er ihn nicht mehr zur Selbstverständigung. Dies hatte die Politische Ökonomie nämlich mit dem Hegel'schen System gemein: dass sie den Begriffen, die doch nichts als mehr oder weniger passende Namen für mehr oder minder bestimmte Vorstellungsakte sind, eine eigene Wirklichkeit und Wirksamkeit zuschreibt. In den Grundrissen erleben wir mit, wie Marx sich nach und nach von diesem metaphysischen Sparren freimacht. Das fängt damit an, dass er, wie an obiger Stelle, die Hegel'schen Begriffe kritisch, nämlich gegen die Be-griffe der Politischen Ökonomie ausspielt. Sie gehen schließlich beide daran zu Bruch.
JE, 29. 2. 16

Aufstellung.

Rainer Sturm, pixelio.de              zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Die Wissenschaftslehre stellt zuerst auf ein Ich, dies will sie aber nicht analysieren; dies wür-de eine leere Philosophie sein, sondern sie lässt dieses Ich nach seinen eigenen Gesetzen handeln und dadurch eine Welt konstruieren, dies ist keine Analyse, sondern eine immer fortschreitende Synthese. Übrigens ist es richtig, dass man in der Philosophie von einem Postulate ausgehen müsse; auch die Wissenschaftslehre tut dies und drückt es durch Tat-handlung aus.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Nachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982, S. 28

 

Nota. - Ich ist nicht das als-es-selbst-bestimmte historische Individuum, sondern dasjenige an der empirischen Person, aus dem die Wissenschaftslehre die Genesis der Vernunft re-konstruieren will. Was zum Fortschritt der Vernunft nichts beiträgt, kann und muss die Wis-senschaftslehre unberücksichtigt links liegen lassen. Es ist "eine fortschreitende Synthese" all dessen, was sich zur Ausbildung der intelligiblen Welt als notwendig erweisen wird. Es musste alles aufgenommen und integriert werden - aber auch nichts als das

Das sich-selbst-bestimmende Vernunftsubjekt hatte die Kritik historisch wie logisch als ihren Ausgangspunkt vorgefunden und hatte seine empirischen Bestimmungen in einem ersten Gang so weit davon abgezogen, bis schließlich der reine Wille als einzige Bestim-mung übrigblieb - die aber ihrerseits nicht begründbar ist, weil anders sie nicht selber Grund werden könnte. 

Sie wurde analytisch aufgefunden.

In einem zweiten Gang, in dem sie die Genesis der intelligiblen Welt re konstruiert, muss sie daher das Ich als Zweck postulieren - was sie auch darf, denn von ihm war die Vernunftkri-tik ausgegangen. Was notwendig wurde, um diesen Zweck zu erreichen, darf und muss in den Neuaufbau aufgenommen werden. Es ist ein Cirkel: Der Zweck erweist sich a posteri-ori als Grund.
JE 

Sonntag, 3. Mai 2026

Widerstand.

 Kunstart.net                              zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Handlung ist Tätigkeit, der unaufhörlich widerstanden wird, und nur diese Synthesis des Widerstandes ist es, durch die eine Tätigkeit des Ich anschaubar wird.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Nachschrift K. Chr. Fr. Krause, Hamburg 1982, S. 63
 
Nota. - Ichheit ist schlechthin aufzufassen als Tätigkeit. Doch Tätigkeit, die in einen leeren Raum  ginge, würde sich rundum zerstreuen und fände keinen Niederschlag. Damit aus 'rei-ner' Täigkeit ein wirkliche werde, muss sie bestimmt werden: nämlich eingeschränkt und be-schränkt werden auf diese oder jene andere Sphäre - und das widerfährt ihr, indem sie auf einen Widerstand stößt, den sie fühlt; und zwar nicht ab und zu, sondern überhaupt, sodass das Ich auf ein vorhandenes Okjekt als dessen Ursache schließt. Zu einer Kraft, durch die das Ich sich-selbst-bestimmen kann, wird die Tätigkeit als eine wirkliche Handlung in der sinnlichen Welt von Raum und Zeit.
JE 

Samstag, 2. Mai 2026

Sehhilfe; oder Die Krise.

 birgitH  / pixelio.de                     zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Ausdrücklich und ganz bestimmt durch das Nichtphilosophieren, d. h. dadurch, daß man zur philosophischen Abstraktion sich nie erhoben oder von der Höhe derselben sich wieder in den Mechanismus des Lebens [und] gemeinen Denkens hineinversetzt, entsteht uns alle Realität; und umgekehrt, sowie man sich zur Spekulation erhebt, verschwindet diese Realität gänzlich. Nun ist das Leben Zweck, keinesfalls das Spekulieren; das letztere ist nur Mittel. Und es ist nicht einmal Mittel, das Leben zu bilden; es liegt in einer ganz anderen Welt. Was auf das Leben Einfluß haben soll, muß selbst aus dem Leben hervorgegangen sein. Es ist lediglich Mittel, das Leben zu erkennen.
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 118]

 

Nota. - Wenn immer - wann immer - 'das Leben' in eine Krise gerät, wird es nötig, es "zu erkennen". Nämlich wenn die Selbstverständlichkeiten fraglich werden. Das, was sich von selbst versteht, ist der Grund des ganzen Gebäudes. Wird er wacklig, wird eine Neube-gründung nötig, und die kann nicht sein ohne Kritik.
JE 

 

Freitag, 1. Mai 2026

Nur eine Gehhilfe.

Foto: christoph wesemann   

Unser System ... läßt sich ebensowenig einfallen, das gemeine und allein reelle Denken selbst zu erweitern, / sondern will dasselbe lediglich darstellen und erschöpfend umfassen. Wir denken im philosophischen, das objektive Denken. Unser philosophisches Denken bedeutet nichts und hat nicht den mindesten Gehalt; nur das in diesem Denken gedachte Denken bedeutet und hat Gehalt. Unser philosophisches Denken ist lediglich ein Instru-ment, durch welches wir unser Werk zusammensetzen. Ist das Werk fertig, so wird das Instrument als unnütz weggeworfen.
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 114f.]

 

Nota. -  Das "Werk" ist Kritik: die Überprüfung der Gründe. Sind sie geprüft - bestätigt oder verworfen -, so ist ihr Werk getan. Das Wissen hat eine höhere Stufe erreicht. Und so fort.
JE

Donnerstag, 30. April 2026

Zwei Arten zu denken.

  daniel stricker                       zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Es gibt zwei sehr verschiedene Standpunkte des Denkens; den des natürlichen und ge-meinen, da man unmittelbar Objekte denkt, und den des vorzugsweise so zu nennenden künstlichen, da man, mit Absicht und Bewußtsein, sein Denken selbst denkt. Auf dem ersten steht das gemeine Leben, und die Wissenschaft; auf dem zweiten die Transzenden-talphilosophie, die ich eben deshalb Wissenschaftslehre genannt habe, Theorie und Wis-senschaft alles Wissens, keineswegs aber selber ein reelles und objektives Wissen.
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 111] 

 

Nota. -  Vernünftigsein heißt Reflektieren dort, wo es angebracht ist. Das ist der gemeine oder auch gesunde Menschenverstand. Den bürgerlichen Alltag bewältigen kann man nicht ohne, und mehr ist dazu auch nicht vonnöten. Transzendentalphilosopie tut mehr, sie re-flektiert auf die Reflexion. Sie gehört nicht selbst zum positiven Wissen, sondern ist, wenn sie den kritischen Punkt trifft, deren Korrektiv: Dem bürgerlichen Alltag sind seine Zwecke gegeben. Die Transzendentalphilosophie will sie fraglich machen.
JE 

Stoff und ökonomische Formbestimmung.

thehollyjollycupcake              zu   Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik Soweit die reine Form, die ökonomische Seit...