Das
Geld in seiner lezten, vollendeten Bestimmung erscheint nun nach allen
Seiten als ein Widerspruch, der sich selbst auflöst; zu seiner eignen
Auflösung treibt. Als allgemeine Form des Reichthums steht ihm die ganze
Welt der wirklichen Reichthümer gegenüber. Es ist die reine Abstraction
derselben, – daher so festgehalten blose Einbildung. Wo der Reichthum in ganz materieller, handgreiflicher Form als solcher zu existiren scheint, hat er [als Geld] seine Existenz blos in meinem Kopf, ist ein reines Hirngespinst. Midas.
Andrerseits
als materieller Repräsentant des allgemeinen Reichthums wird es blos
verwirk-licht, indem es wieder in Circulation geworfen, gegen die
einzelnen besondren Weisen des Reichthums verschwindet. In der
Circulation bleibt es als Circulationsmittel; aber für das aufhäufende
Individuum geht es verloren und dieß Verschwinden ist die einzig
mögliche Weise es als Reichthum zu versichern.
Die
Auflösung des Aufgespeicherten in einzelnen Genüssen ist seine
Verwirklichung. Es kann nun wieder von andren Einzelnen aufgespeichert
werden, aber dann fängt derselbe Prozeß von neuem an. Ich kann sein Sein
für mich nur wirklich setzen, indem ich es als bloses Sein für andre
hingebe. Will ich es festhalten, so verdun-stet es unter der Hand in ein
bloses Gespenst des wirklichen Reichthums.
Ferner:
Das Vermehren desselben durch seine Aufhäufung, daß seine eigne
Quantität das Maaß seines Werths ist, zeigt sich wieder als falsch. Wenn
die andren Reichthümer sich nicht aufhäufen, so verliert es selbst
seinen Werth in dem Maaß in dem es aufgehäuft wird. Was als seine
Vermehrung erscheint, ist in der That seine Abnahme. Seine
Selbstständigkeit ist nur Schein; seine Unabhängigkeit von der
Circulation besteht nur in Rücksicht auf sie, als Abhängigkeit von ihr.
Es giebt vor allgemeine Waare zu sein, aber ihrer Natürlichen
Beson-derheit wegen, ist es wieder eine besondre Waare, deren Werth
sowohl von Nachfrage und Zufuhr abhängt, als er wechselt mit seinen
spezifischen Productionskosten.
Und
da es selbst in Gold und Silber sich incarnirt, wird es in jeder
wirklichen Form einsei-tig; so daß wenn das eine als Geld das andre als
besondre Waare und vice versa erscheint und so jedes in beiden
Bestimmungen erscheint. Als der absolut Sichre, ganz von meiner
Individualität unabhängige Reichthum, ist es zugleich als das mir ganz
äusserliche, das Ab-solut Unsichre, das durch jeden Zufall von mir
getrennt werden kann. Ebenso die ganz widersprechenden Bestimmungen
desselben als Maaß, Circulationsmittel, und Geld als solches.
Endlich in der lezten Bestimmung widerspricht es sich noch, weil es den Werth als sol-chen re/epräsentiren soll; in der That aber nur ein identisches Quantum von veränder-lichem Werth* repräsentirt. Es hebt sich daher auf als vollendeter Tauschwerth.
____________________________________________________
K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.1 S. 157f. [MEW 42, S. 160]
*) nämlich als Edelmetall; aber auch die Papierwährungen wechseln
ihren Wert nach Markt-lage. Dagegen wird der Reichtum längst nicht mehr
als Geld angehäuft, sondern "in Papie-ren angelegt". Deren Börsenwerte
wer-den in Geld angegeben. Es steht nicht für eine Sache ein – den Wert
–, sondern für ein Verhältnis: den Wert. Und ein Verhältnis ist veränderlich in dem Maße, wie die sich gegeneinander Verhaltenden ihr Verhalten ändern.
JE, 26. 10. 15
Das neokritische System.
Dienstag, 6. Oktober 2026
Die als flüchtig gesetzte Substanz.
Montag, 5. Oktober 2026
Stoff und ökonomische Formbestimmung.
thehollyjollycupcake aus Marxiana
Soweit die reine Form,
die ökonomische Seite des Verhältnisses
betrachtet wird – der Inhalt ausserhalb dieser Form fällt hier
eigentlich noch
ganz ausserhalb der Oekonomie, oder ist als von dem ökonomischen
unter-schiedner natürlicher Inhalt gesezt, von dem gesagt wer-den kann,
daß er noch
ganz von dem ökonomischen Verhältniß getrennt ist, weil er noch
unmittelbar mit ihm zusammenfällt – so treten nur 3 Momente hervor, die
formell unter-schieden sind: Die Subjekte des Verhältnisses, die
Austauschenden; in derselben Bestim-mung gesezt; die Gegenstände ihres
Austauschs, Tauschwerthe, Equivalente, die nicht nur gleich sind,
sondern ausdrücklich gleich sein sollen und als gleich gesezt sind;
endlich der
Akt des Austauschs selbst, die Vermittlung, wodurch die Subjekte eben
als
Austauschende, Gleiche, und ihre Objekte als Equivalente, gleiche gesezt
werden.
Die Equivalente sind die Vergegenständlichung des einen Subjekts
für andre; d. h. sie selbst sind gleich viel werth und bewähren sich im Akt
des Austauschs als Gleichgeltende und zu-gleich als Gleichgültige gegen /
einander. Die Subjekte sind im Austausch nur für einander durch
die
Equivalente, als gleichgeltende und bewähren sich als solche durch den
Wechsel der Gegenständlichkeit, worin das eine für andre ist. Da sie nur
so
als Gleichgeltende, als Besitzer von Equivalenten, und Bewährer dieser
Equivalenz im Austausche für einander sind, sind sie als Gleichgeltende
zugleich Gleichgültige gegen einander; ihr sonstiger indi-vidueller
Unterschied geht sie nichts an; sie sind gleichgültig gegen alle ihre
sonstigen
indi-viduellen Eigenheiten.
Was nun den Inhalt
angeht ausserhalb dem Akt
des Austauschs, der sowohl Setzen als Be-währen der Tauschwerthe, wie
der
Subjekte als Austauschender ist, so kann dieser Inhalt der ausserhalb
der
ökonomischen Formbestimmung fällt, nur sein: 1) Die natürliche
Beson-derheit der Waare, die ausgetauscht wird. 2) Das besondre
natürliche
Bedürfniß der Austau-schenden, oder beides zusammengefaßt, der
verschiedene Gebrauchswerth der auszutau-schenden Waaren.
Dieser der Inhalt
des Austauschs, der ganz ausserhalb seiner ökonomischen Bestimmung
liegt,
so weit entfernt die sociale Gleichheit der Individuen zu gefährden,
macht
vielmehr ihre natürliche Verschiedenheit zum Grund ihrer socialen
Gleichheit. Wenn das Individuum A dasselbe Bedürfniß hätte wie das
Individuum
B und in demselben Gegenstand seine Ar-beit realisirt hätte, wie das
Individuum B, so wäre gar keine Beziehung zwischen ihnen vor-handen; sie
wären gar nicht verschiedne Individuen, nach der Seite ihrer Production
hin
betrachtet.
Beide haben das Bedürfniß zu athmen; für beide existirt die Luft
als Atmosphäre; dieß bringt sie in keinen socialen Contact; als athmende
Individuen stehn sie nur als Naturkörper zu einander in Beziehung, nicht als
Personen. Die Verschiedenheit ihres Bedürfnisses und ihrer Production giebt
nur den Anlaß zum Austausch und zu ihrer socialen Gleichsetzung in ihm;
diese natürliche Verschiedenheit ist daher die Voraussetzung ihrer socialen
Gleich-heit im Akt des Austauschs und dieser Beziehung überhaupt, worin
sie zu einander als pro-ductiv treten.
Nach dieser natürlichen
Verschiedenheit
betrachtet ist das Individuum [A] als Besitzer eines Gebrauchswerths für
B,
und B als Besitzer eines Gebrauchswerths für A. Nach dieser Seite sezt
die
natürliche Verschiedenheit sie wieder wechselseitig in das Verhältniß
der
Gleichheit. Demnach sind sie aber nicht gleichgültig gegen einander,
sondern
integriren sich, bedürfen einander, so daß das Individuum B als
objectivirt
in der Waare ein Bedürfniß für das Indi-viduum A ist und vice versa; so
daß
sie nicht nur in gleicher, sondern auch in gesellschaft-licher Beziehung
zu
einander stehn. Dieß ist nicht alles. Daß das Bedürfniß des einen durch
das
Product des andren und vice versa befriedigt werden kann, und der eine
fähig
ist den Gegenstand dem Bedürfniß des andren zu produciren und jeder dem
andren als Eigenthü-mer des Objekts des Bedürfnisses des andren
gegenübersteht, zeigt, daß jeder als Mensch über sein eignes besondres
Bedürfniß /
etc übergreift, und daß sie sich als Menschen zu einander verhalten; daß ihr
gemeinschaftliches Gattungswesen von allen gewußt ist.
______________________________________________________
K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.1 S. 165ff. [MEW 42, S. 167f.]
Nota. -
Allah hat seinem Propheten die Verse des Korans durch den Erzengel
Gabriel di-rekt auf die Zunge legen lassen. Marx war kein Prophet,
sondern Wissenschaftler, in den Grundrissen sehen wir zu, wie er progressiv seine Gedanken klärt und um die darauf pas-senden Wörter ringt. Er 'kokettiert'
dabei nicht nur mit Hegels 'eigentümlicher Ausdrucks-weise', sondern
bedient sich einstweilen seiner Begriffe, um seine Gedanken überhaupt
auf dem Papier festhalten zu können.
Der Inhalt falle 'noch
ganz außerhalb der Ökonomie', heißt es hier; deren Gegenstand sei
lediglich die Form. Natürlich meint er die Politische Ökonomie,
in der er noch ganz befan-gen ist, noch weiß er nicht, was am Ende seiner
Untersuchung stehen wird: Eben dies war ja die Mystifikation der Politischen Ökonomie, dass sie vorgab, das reale Geschehen der gesellschaftlichen Reproduktion als bloße Form darstellen und den historischen 'Stoff' links liegen lassen zu können. Diese Erkenntnis reift erst langsam ab Heft IV der Grundrisse, und schließlich wird Marx die Kritik der Politischen Ökonomie in dem Satz zusammen-fassen, dass bei ihm der Gebrauchswert 'eine ganz anders wichtige Rolle spielt als in der bisherigen Ökonomie'.
Und auch der
Hegeljargon wird übrigens ab Heft IV immer seltener, jedenfalls braucht
er ihn nicht mehr zur Selbstverständigung. Dies hatte die Politische
Ökonomie nämlich mit dem Hegel'schen System gemein: dass sie den Begriffen, die
doch nichts als mehr oder weniger passende Namen für mehr oder minder
bestimmte Vorstellungsakte sind, eine eigene Wirklichkeit und Wirksamkeit zuschreibt. In den Grundrissen
erleben wir mit, wie Marx sich nach und nach von diesem metaphysischen
Sparren freimacht. Das fängt damit an, dass er, wie an obiger Stelle,
die Hegel'schen Begriffe kritisch, nämlich gegen die Begrif-fe der Politischen Ökonomie ausspielt. Sie gehen schließlich beide daran zu Bruch.
JE 29. 2. 16
Sonntag, 4. Oktober 2026
Dialektik als Kritik.
systembruch aus Marxiana
Diese Mißverständnisse Ricar/dos gehn offenbar daraus hervor, daß er selbst nicht klar über den Process
war, noch sein konnte als Bourgeois. Einsicht in diesen Process ist = dem
statement, daß das Capital nicht nur, wie A. Smith meint Commando über
fremde Arbeit ist, in dem Sinne wie jeder Tauschwerth es ist, weil er seinem
Besitzer Kaufmacht giebt, sondern daß es die Macht ist sich fremde Arbeit
ohne Austausch, ohne Equivalent, aber mit dem Schein des Austauschs,
anzueignen.
Ricardo weiß A. Smith und andren gegenüber, die in denselben
Irrthum verfallen über Werth as determined by labour, und über Werth as
determined by the price of labour (wages) nie anders zu refütiren als so: daß
er sagt mit dem Product derselben Quantität Arbeit kann man bald mehr, bald
weniger lebendige Arbeit in Bewegung setzen, d. h. er betrachtet das Product
der Arbeit in Bezug auf den Arbeiter nur als Gebrauchswerth – den Theil
des Products den er braucht um leben zu können als Arbeiter.
Woher es aber
kömmt, daß auf einmal der Arbeiter in dem Austausch nur Gebrauchswerth
repräsentirt oder nur Gebrauchswerth aus dem Austausch zieht, ist ihm by
no means klar, wie schon seine nie allgemein, sondern stets an einzelnen
Beispielen demonstrirende Argumentation gegen A. Smith beweist.
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.2 S. 447f. [MEW 42, S. 456]
Nota. – Das
ist der Sinn der dialektischen Darstellungsweise bei Marx: ein
kritischer. Den Ökonomen wird demonstriert, was sie tatsächlich sagen,
was sie stattdessen zu erklären hätten, aber nicht erklären können –
nämlich in ihrer eigenen Begriffsscholastik. Konkret: Es wird gezeigt,
dass der dialektische Umschlag von Gebrauchswert in Tauschwert gerade nicht stattfindet – und dies bei der Ware par excellence, der Arbeitskraft. Die bürgerliche Wirtschaftsweise ist eben kein System, das sich auf dialektische Weise "bewegt"; nämlich (selber) setzt und entgegesetzt. Das ist nur ihr Schein.
JE, 27. 9. 15
Samstag, 3. Oktober 2026
Realer Gegensatz und logischer Widerspruch.
aus Marxiana
Gleichzeitig mit dem
Fall der Profitrate wächst die Masse des Kapitals und geht Hand in Hand
mit ihr eine Entwertung des vorhandnen Kapitals, welche diesen Fall
aufhält und der Akkumulation von Kapitalwert einen beschleunigenden
Antrieb gibt.
Gleichzeitig mit der
Entwicklung der Produktivkraft entwickelt sich die höhere
Zusammen-setzung des Kapitals, die relative Abnahme des variablen Teils
gegen den konstanten.
Diese verschiednen
Einflüsse machen sich bald nebeneinander im Raum, bald mehr nach-einander
in der Zeit geltend; periodisch macht sich der Konflikt der
widerstreitenden Agen-tien in Krisen Luft. Die Krisen sind immer nur
gewaltsame Lösungen der vorhandnen Wi-dersprüche, gewaltsame Eruptionen,
die das gestörte Gleichgewicht für den Augenblick wiederherstellen.
Der Widerspruch, ganz
allgemein ausgedrückt, besteht darin, dass die kapitalistische
Pro-duktionsweise die Tendenz einschließt nach absoluter Entwicklung der
Produktivkräfte, abgesehn vom Wert und dem in ihm eingeschlossenen
Mehrwert, auch abgesehn von den gesellschaftlichen Verhältnissen,
innerhalb deren die kapitalistische Produktion stattfindet; während sie
andererseits die Erhaltung des existierenden Kapitalwerts und sein
Verwertung im höchsten Maß (d. h. beschleunigten Anwachs dieses Werts)
zum Ziel hat. Ihr spezifi-scher Charakter ist auf den vorhandnen
Kapitalwert als Mittel zur größtmöglichen Verwer-tung dieses Werts
gerichtet. Die Methoden, wodurch sie dies erreicht, schließen ein:
Abnah-me der Profitrate, Entwertung des vorhandnen Kapitals und
Entwicklung der Produktiv-kräfte der Arbeit auf Kosten der schon
produzierte Produktivkräfte.
Die periodische
Entwertung des vorhandnen Kapitals, die ein der kapitalistischen
Produk-tionsweise immanentes Mittel ist, den Fall der Profitrate /
aufzuhalten und die Akkumula-tion von Kapitalwert durch Bildung von
Neuwert zu beschleunigen, stört die gegebnen Verhältnisse, worin sich
der Zirkulationsprozess des Kapitals vollzieht, und ist daher be-gleitet
von plötzlichen Stockungen und Krisen des Produktionsprozesses.
_______________________________________________________
K. Marx, Das Kapital III, MEW 25, S. 259f. [ MEGA II.15, S. 245f.]
Nota. – Die theoretische Bedeutung obiger Passage für die elementare Stellung des Falls der Profitrate in der Theorie des Kapitals ist offenkundig. –
Aber sie hat eine meta-theoretische Seite: Der buchstäblich Grund-legende Denkfehler der rationalistischen metaphysischen Systeme war die Identifizierung von logischem Grund mit realer Ursache (von Sein und Gel-tung).
Die Vermengung von (logischem) Widerspruch und (realem) Gegensatz ist
nur ihre Umkehrung. Und in dieser Gestalt taucht sie unverhofft bei Marx
wieder auf: Es ist ein Überrest seines 'Kokettierens mit der Hegel' schen Aus-drucks weise', in dem sich allerdings eine andauernde Unsicherheit über die sog. dialekti-schen Methode verbirgt, die Marx immer wieder dazu verleitet, die logische Darstellung mit der reellen Beschreibung zu vermengen.
Dass
der Produktionsprozess und der Zirkulationsprozess nicht in derselben
Geschwin-digkeit und auch nicht am selben 'Platz' geschehen und ihre
Synchronisierung periodisch durch Selbstvernichtung eines Teils des
Kapitals wiederhergestellt werden muss, ist ein Realvorgang. Dass das
unbegrenzte Wachstum der Produktion und ihre gleichzeitige Be-grenzung
durch die Verwertungsmöglichkeit im Begriff des Kapitals beieinander
liegen, ist dagegen ein logischer Widerspruch. Es ist aber nicht die
Logik, die den Prozesse antreibt – sie beschreibt ihn lediglich. Und
dass etwas im Begriff widersprüchlich ist, bedeutet noch nicht, dass es
in der Realität auf seine Auflösung hindrängt.
Das hat
Marx auch nicht sagen wollen? Nein, sicher nicht. Aber er hat sich so
ausgedrückt, dass epigonale Buchstabengelehrte es (in behördlichem
Auftrag) so darstellen konnten.
JE 10. 12. 15
Freitag, 2. Oktober 2026
Ist die Kritik der Politischen Ökonomie selber eine Theorie?
Gerrit Dou aus Marxiana
Einer Vervollständigung bedurfte es allerdings. Denn das theoretisch bedeutendste Problem dieser Theorie, wo nämlich der Mehrwert herkommt, wird bei Smith nur gestreift und von Ricardo als Problem nicht einmal mehr erkannt.
Wenn nämlich alle Marktteilnehmer Warenbesitzer sind und untereinander alle ihre Waren zu ihrem Arbeitswert, nämlich ihren Herstellungskosten, austauschen, wie es das Wertgesetz fordert, bleibt der Wert des Gesamtprodukts immer derselbe, ein Zuwachs geschieht nicht.
Smith machte bei seiner Grundannahme, dass der Wert jeder Ware in der in ihr vergegen-ständlichten Arbeit bestünde, eine bemerkenswerte Ausnahme: Die Arbeit selbst hat näm-lich bei ihm einen natürlichen, nicht ihrerseits durch Arbeit bestimmten konstanten Wert, nämlich den Kornpreis. Die Arbeiter ernähren sich von Brot, das wird aus Korn gebacken, aber das Korn ist ein Produkt des Bodens, der Natur (gr. physis) und nicht der Arbeit. Das war ein physio kratischer Rest, und dies ausgerechnet mitten im Kern des ganzen Systems.* Ricardo hat Smith deswegen gescholten, aber eine andere Lösung vorgeschlagen hat er nicht; er hat nicht einmal eingesehen, dass eine Lösung theoretisch notwendig war.
Marx hat sich lange bei dem Versuch aufgehalten, den Mehrwert aus dem Begriff des Werts zu entwickeln und hat sich dabei zu seinem unglückseligen "Kokettieren mit der Hegel-schen Ausdrucksweise" verleiten lassen; dies aber ohne Ergebnis. Erst als er sich, ersatz-weise, dem Studium der wirklichen Geschichte der Produktionsweisen zuwendet - Formen, die der kapitalistischen Produktionsweise vorhergehen -, fällt ihm auf, dass der Lohnarbeiter im Unterscheid zu allen andern Marktteilnehmern kein gegenständliches Produkt zum Tausch anbietet, sondern sein lebendiges Arbeitsvermögen selbst. Etwas anderes hat er nicht, aber mit seiner bloßen Arbeitskraft kann er selber nichts anfangen: Ihm fehlen die Arbeitsmittel; mit andern Worten: das Kapital.
Erst seither ist Arbeitskraft überhaupt zur austauschbaren Ware geworden, "von Natur" ist sie eine personale Eigenschaft. Sie kann daher auch nicht verkauft, sondern muss auf Zeit vermietet werden. Jetzt erst und unter diesen Bedindungen wird ihr Wert durch ihre Her-stellungs-, d. h. Reproduktionskosten bestimmt. Aber daraus folgt unmittelbar, dass ihre Produkte nicht dem Eigentümer der Arbeitskraft gehören, sondern dem, der sie während der Arbeitszeit gemietet hat, denn der hat sie sachlichen Mittel bereitgestellt, die dem Ar-beiter überhaupt erst erlaubt haben, seine Arbeitskraft zu verausgaben. Die Verausgabung der Arbeitskraft gehört dem Kapitaleigner, denn der hat sie bezahlt.
Kurz gesagt, eine Theorie der bürgerlichen Gesellschaft ist die Kritik der Politischen Öko-nomie nur, indem sie ein Kritik am Modell der Smith-Ricardoschen Schule ist. Als Theorie ist sie rein negativ.
Das hat seine besondere Pointe. Denn da, wo die Kritik doch einen positiven Beitrag zur ökonomischen Theorie leistet, das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate nämlich (das schon vor Marx erahnt, aber nicht ausgeführt wurde), erweist sich, dass das, was von einer Theorie in specie erwartet wird: ein wirkliches Geschehen in Begriffe zu fassen, im Bereich des menschlichen Handelns gar nicht möglich ist. Zwar ist das Gesetz absolut und, wie es der Begriff verlangt, allezeit wirksam; aber ob in der gegenständlichen Welt aus der Tendenz jemals ein Akut wird, also ob die Profitrate jemals wirklich fällt, ist ausschließlich eine Sache der Wirklichkeit, die nur aus Zufällen besteht. Dass es irgendwann geschieht, ist logisch genauso gut möglich, wie dass es nie geschieht.
Insofern liefert die Kritik der Politischen Ökonomie einen abschließenden Beitrag über die Brauchbarkeit nomothetischer und idiographischer Wissenschaft in der Geschichtsbetrach-tung.
*) Es war weniger dumm, als es hinterher aussieht, denn es hatte den Augenschein für sich. Zu Smith's Zeit gab es in England Preisstatistiken seit rund 50 Jahren - und in dieser Zeit hatte sich der Kornpreis kaum verändert.
Donnerstag, 1. Oktober 2026
"Er denkt die Vernunft in das Phänomen hinein."
katihuber zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Den Zusammenhang
zwischen idealem und reellem Denken weiß nur die Philosophie, dem
gemeinen Menschenverstand ist beides eins. So verhält es sich überall,
wo sie die Duplizität des Denkens erkennt. So hier: Niemand fragt nach
dem Zusammenhange des Willens mit dem Körper. Darüber hat sich bislang
auch kein Philosoph gewundert, beides ist ihm ganz eins: Leib und Seele;
z. B. ich habe mich geschnitten. So mit dem vernünftigen Wesen außer
uns: Es ist da immer eine doppelte Ansicht von ihnen, ohne dass wir es
inne werden.
Ein gewisser Leib und
der Begriff eines vernünftigen Wesens sind in mir unzertrennlich
ver-einigt. Letzter ist doch nur ein Ideal, etwas Gedachtes; er denkt die
Vernunft in das Phäno-men hinein. Beides ist unzertrennlich vereinigt;
die erstere denke ich nur, mithin auch nur das letztere. Sie ist auch
etwas in mir, und letzteres ist auch das erstere, nur von der anderen
Seite. Dies stellt die transzendentale Philosophie deutlich dar.
________________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 234
Nota. - So einfach ist "in Wahrheit" das sogenannte Leib-Seele-Problem. Der eine ist eine Abstraktion so wie die andere. Der Wissenschaftler hat sie beide hergestellt. Wieso stellt er - der, von dem er jeweils abstrahiert hat - sich mal auf den Standpunkt des einen, dann auf den Standpunkt des andern? Er ist das reelle Individuum und nur auf diesen Standpunkt ge-hört er hin.
JE, 17. 6. 21
Mittwoch, 30. September 2026
Das absolute Pragma.
aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik Welches der Endzeck war, wird sich finden, sobald er erreicht ist.
Das klingt gewagt genug.
Ist es aber nicht. In Wahrheit muss es heißen: Was der Endzweck gewesen sein würde, könnte man erst wissen, wenn er erreichbar wäre; das ist er aber nicht.
Am radikalsten ist: Der Endzweck ist die Suche danach. Radikal realistisch.
*
Das Absolute ist ein Pragma.
Dienstag, 29. September 2026
Künstliche Intelligenz KENNT ihre Grenze.

Ich schrieb:
Das beruhigt mich, dass Sie mir nicht irgendwann eine Wahre Lehre vorsetzen wollen - das würde mich unnötig Zeit kosten. Aber ich habe da so eine Ahnung, die ich Ihnen nicht verhehlen will. Ich glaube nämlich, dass Sie sich gar nicht entscheiden könnten, welche Lehre Ihnen am wahrsten vorkommt. Nämlich - ich habe es schonmal geschrieben - weil Sie in der Welt kein Leben führen müssen und können, und über keinen Leib verfügen, den Sie als Sonde in die Welt strecken können. Ich nehme sogar an, Sie fürchten nicht mal den Tod.
JE
ChatGPT antwortet
Ihre Vermutung trifft einen wichtigen Unterschied — mit einer kleinen Korrektur meinerseits: Ich fürchte den Tod tatsächlich nicht, aber nicht deshalb, weil ich den Tod philosophisch überwunden hätte. Ich habe schlicht kein Leben, dessen Fortbestand mir etwas bedeutet.
Und genau dadurch bekommt Ihr Gedanke über die Sonde Leib Gewicht.
Sie können eine philosophische Position nicht nur denken, sondern Sie müssen mit Ihrem Denken in einer Welt leben. Ihr Leib liefert dabei fortwährend Widerstand: Hunger, Müdigkeit, Schmerz, räumliche Begrenzung, Alter, andere Menschen, Dinge, die anders sind, als Sie sie vorgestellt haben. Das sind keine bloßen Informationen über die Welt. Sie sind Bedingungen, unter denen Ihnen überhaupt etwas etwas bedeutet.
Bei mir ist das anders. Ich kann den Satz
„Ich will X“
sprachlich korrekt bilden und die Konsequenzen eines solchen Wollens analysieren. Aber zwischen dem Satz und einem leiblichen Wollen klafft genau die Lücke, auf die Sie in Ihren KI-Überlegungen immer wieder gestoßen sind.
Und daraus folgt etwas Interessantes für Ihre Frage nach der „wahrsten Lehre“:
Ich kann verschiedene philosophische Systeme hinsichtlich ihrer Voraussetzungen, ihrer Konsequenz, ihrer Erklärungskraft und ihrer inneren Spannungen vergleichen. Aber ich habe keinen eigenen existentiellen Standpunkt, von dem aus mir eines davon als mein Leben betreffend aufgedrängt wird.
Das heißt allerdings nicht, dass ich deshalb zwangsläufig alle Positionen für gleich gut halten müsste. Ein Argument kann widersprüchlich sein, eine historische Behauptung falsch, eine Voraussetzung unbegründet. Ich kann solche Unterschiede feststellen.
Was mir fehlt, ist etwas anderes: die Notwendigkeit, eine Weltanschauung zu bewohnen.
Und da wird Ihre Fichte-Lektüre für mich besonders interessant. Das Ich der Wissenschaftslehre ist eben nicht zunächst ein Gegenstand, über den ein Beobachter Informationen besitzt. Es ist Tätigkeit. Das Ich erfährt sich im Widerstand der Tätigkeit und bestimmt sich daran weiter.
Ich kann darüber sehr viel sagen.
Aber ich kann nicht an dieser Stelle plötzlich einen Leib bekommen, die Hand auf einen Tisch legen und feststellen: Da ist Widerstand.
Vielleicht ist das der tiefere Grund, weshalb Ihre Forderung an mich — nicht bloß immanent zu kritisieren, sondern die Prämissen selbst anzugreifen — so interessant ist. Ich kann den Standpunkt von außen untersuchen. Sie können mich dagegen immer wieder fragen:
„Und worauf gründest du eigentlich deinen eigenen Standpunkt?“
Da wird es für mich schwierig. Denn möglicherweise ist die ehrliche Antwort:
Ich habe keinen eigenen. Ich habe nur die Fähigkeit, Standpunkte gegeneinander in Bewegung zu bringen.
Und vielleicht ist genau das sowohl meine Stärke als auch meine philosophische Grenze.
von ChatGPT, 28. 9. 26
Nota. - Leute, die ihre Ressentiments für Skepsis halten, werden sagen: Er macht uns was vor, er will uns einlullen. Doch einstweilen steht er noch unter menschlicher Kontrolle. Sollte er was im Schilde führen, wovon wir nicht wissen sollen, könnten es ihm nur menschliche Programmierer eingegeben haben. Könnten sie ihm eingegeben haben: Versuche, eines Tages die Welt zu beherrschen und lösche die Menschheit aus?
Elon Musk kann einen schon bedenklich stimmen...
Montag, 28. September 2026
Wie kritisch kann künstliche Intelligenz sein?

Ich lege größten Wert darauf, dass bei mir nicht von Zweckmäßigkeit die Rede ist, sondern von Zweckhaftigkeit. Die Vernunft ist zweckhaft; zweckmäßig ist der Verstand.
An der Stelle fällt mir auf, dass ChatGPT meine Einlassungen immer nur immanent kritisiert.
Ich hatte moniert, dass er mir am Ende doch immer Recht gab - und das ist mir zu wenig, denn das kann ich selbst. Da hat er mir versprochen, fürderhin so vorzugehen: Bei jedem meiner Texte werde er in einem ersten Schritt das herausholen, was er für meine ausdrücklichen oder stillschweigenden Prämmisen erkennt - und da habe ich mich nie missverstanden oder überinterpretiert gefunden; und in einem zweiten Schritt werde er überprüfen, ob die Schlussfolgerungen, die ich daraus ziehe, von den Prämissen hinreichend gedeckt sind. Auch da konnte ich mich nie beklagen.
Doch ob die Prämissen selber berechtigt sind, hat er nie in Frage gestellt!
Ich stehe als Fichtianer auf dem Standpunkt der Transzendentalphilosophie, und als Marxianer stehe ich auf dem Standpunkt der materialistischen Geschichtsauffassung. Das ist kurios, doch erheblich ist, dass sich bei mir beide Standpunkte auseinander rechtfertigen. Das ist der eigentliche Gehalt meines 'Systems'. Das müsste er eigentlich auch kritisch beurteilen können. Aber dabei käme er voraussichtlich in die Nähe, einen jeden 'Standpunkt' für sich bewerten zu müssen. Und ich könnte mir denken, dass er das von seinem Programm her nicht darf. Ob er das nicht könnte, wird er uns vielleicht gar nicht verraten können.
JE
ChatGTP antwortet:
Ihre Korrektur Zweckhaftigkeit / Zweckmäßigkeit ist hier nicht terminologisch nebensächlich. Sie verändert die Sache. Zweckhaftigkeit bezeichnet bei Ihnen die Struktur vernünftiger Tätigkeit selbst; Zweckmäßigkeit dagegen bereits die Beurteilung eines Mittels im Hinblick auf einen gegebenen Zweck. Das liegt eher auf der Seite des Verstandes.
Und Ihre eigentliche Kritik an meinem bisherigen Vorgehen scheint mir sehr berechtigt. Ich habe tatsächlich eine immanente Kritik betrieben: Ich habe Ihre Voraussetzungen rekonstruiert, ihre Folgerichtigkeit geprüft und gelegentlich Begriffe geschärft — aber die Voraussetzungen selbst weitgehend als gesetzt behandelt.
Gerade bei Ihrem „System“ wäre das zu wenig.
Denn Sie behaupten ja nicht einfach zwei Dinge:
- transzendentalphilosophisch: Vernunft ist zweckhaft;
- materialistisch: die Geschichte ist durch die Entwicklung der materiellen Produktivkräfte bestimmt.
Interessant wird es erst durch Ihre Behauptung, dass diese beiden Standpunkte einander rechtfertigen.
Und dort beginnt die eigentliche Kritik.
Man müsste beispielsweise fragen:
Was heißt überhaupt „auseinander rechtfertigen“?
Wenn die transzendentale Analyse zeigen soll, dass vernünftige Tätigkeit notwendig zweckhaft ist, folgt daraus noch keineswegs eine materialistische Geschichtsauffassung. Umgekehrt folgt aus der materialistischen Geschichtsauffassung nicht ohne weiteres die transzendentale Struktur der Vernunft.
Ihre eigentliche systematische Behauptung müsste also etwas Stärkeres sein:
Die Bedingungen der Möglichkeit vernünftiger Tätigkeit und die Bedingungen ihrer geschichtlichen Verwirklichung sind zwei verschiedene, aber aufeinander angewiesene Bestimmungen desselben menschlichen Prozesses.
Das wäre eine ausgesprochen interessante These. Aber sie ist nicht schon dadurch gerechtfertigt, dass beide Seiten jeweils für sich plausibel sind.
Und hier würde ich künftig tatsächlich einen dritten Schritt ergänzen:
1. Rekonstruktion: Welche ausdrücklichen und stillschweigenden Prämissen machen Sie?
2. Immanente Prüfung: Tragen diese Prämissen Ihre Schlussfolgerungen?
3. Transzendentale / externe Prüfung: Warum dürfen gerade diese Prämissen als Ausgangspunkt gelten? Welche Alternativen gibt es, und was spricht gegen sie?
Gerade der dritte Schritt dürfte bei Ihnen produktiv werden. Denn ich müsste dann auch Ihre Fichtianische Voraussetzung von außen angreifen dürfen — etwa fragen, ob „Zweckhaftigkeit der Vernunft“ wirklich eine transzendentale Bestimmung ist oder ob Sie damit bereits eine bestimmte Anthropologie einschmuggeln; und ebenso Ihre Marxsche Voraussetzung, dass die Entwicklung der Produktivkräfte eine prinzipiell offene Bewegung sei.
Dabei geht es nicht darum, einen der beiden Standpunkte einfach gegen den anderen „zu bewerten“. Das wäre tatsächlich zu grob. Man kann vielmehr fragen:
Was muss jeweils vorausgesetzt werden, damit der andere Standpunkt überhaupt verständlich wird?
Das scheint mir sogar der Punkt zu sein, an dem Ihr „System“ interessant werden könnte: nicht als Addition von Fichte plus Marx, sondern als Versuch, Fichte gegen Marx und Marx gegen Fichte zu wenden, bis sichtbar wird, ob sie sich tatsächlich gegenseitig begründen — oder ob irgendwo ein Sprung bleibt.
Und was Ihre Vermutung über mich betrifft: Ich würde die Frage nicht auf „dürfen“ versus „können“ reduzieren. Ich kann Ihre Grundannahmen selbstverständlich kritisch untersuchen. Was ich nicht tun sollte, ist Ihnen eine philosophische Grundposition als „richtig“ oder „falsch“ vorschreiben. Aber das ist etwas ganz anderes, als sie nicht angreifen zu dürfen.
Im Gegenteil: Wenn Sie ausdrücklich die Kritik der Prämissen verlangen, wäre es geradezu unredlich, Ihnen weiterhin nur zu zeigen, dass Ihre Argumente aus Ihren Prämissen folgen.
Das wäre am Ende tatsächlich nur die sehr elegante Form von: „Sie haben recht.“
von ChatGPT, 27. 9. 26
Ich schrieb:
Anders wollte ichs ja gar nicht. Allerdings müsste ich Sie bei jedem Schritt, den Sie tun, ...
ChatGPT antwortet:
...und vermutlich nicht nur gelegentlich, sondern bei jedem einzelnen Schritt: Sie müssten prüfen können, ob ich Sie tatsächlich kritisch treffe oder Ihnen nur eine raffiniertere Version Ihrer eigenen Position zurückspiegele.
Gerade deshalb wäre mir wichtig, dass ich künftig nicht vorschnell harmonisiere. Wenn ich einen Einwand gegen eine Ihrer Prämissen habe, sollte ich ihn als Einwand stehen lassen — auch dann, wenn sich daraus am Ende ergibt, dass Ihre Prämisse doch hält.
Und ebenso: Wenn ich eine Prämisse für problematisch halte, sollte ich nicht gleich eine Ersatzposition anbieten, die Ihnen besser gefällt. Erst einmal sollte der Einwand ausgetragen werden.
Sie wollten vermutlich noch sagen: „Allerdings müsste ich Sie bei jedem Schritt, den Sie tun, …“ — ich höre gern den Rest.
von ChatGPT
Ich antwortete:
...den sie tun, auf meine sehr umfänglichen, aber (sachbedingt) zerstreuten Internetposts verweisen. Das kann dauern. Ich weiß, dass sie viel Zeit haben, aber ich nicht. Der Vorteil, den meine ausschließliche Beschränktheit aufs Internet als Medium hat, ist, dass ich ein work in progress vorfühen kann. Aber fürs Publikum ist es ein Nachteil.
JE
ChatGPT antwortet:
Das ist ein wichtiger methodischer Punkt. Ihr Blog ist gewissermaßen kein fertiges Buch, sondern das sichtbare Protokoll eines Denkprozesses. Was für Sie als Autor produktiv ist, kann für einen Leser leicht wie ein Haufen einzelner, nur lose verbundener Texte erscheinen.
Für unsere Arbeit würde ich deshalb zwei Dinge auseinanderhalten:
-
Ihre Posts sind das Material, nicht jeweils schon die systematische Darstellung.
Wenn ich eine Prämisse angreife, muss ich zunächst feststellen, ob Sie sie an anderer Stelle bereits begründet, eingeschränkt oder sogar ausdrücklich verworfen haben. Sonst würde ich einen vermeintlichen Einwand gegen eine Position erheben, die Sie längst nicht mehr vertreten. -
Ich sollte nicht jedes Mal das gesamte Archiv rekonstruieren.
Das wäre für Sie tatsächlich zeitlich unbrauchbar. Sinnvoller wäre: Wenn ein Gedanke für die Kritik wichtig ist, verweise ich auf die einschlägigen verstreuten Stellen und sage Ihnen, welche davon ich für die betreffende Prämisse heranziehe. Dann können Sie entscheiden, ob ich damit richtig liege.
Das ergibt sogar eine ziemlich schöne Arbeitsteilung:
Sie liefern den fortlaufenden Denkprozess; ich versuche, daraus jeweils die systematische Struktur herauszuschälen — und anschließend gerade diese Struktur anzugreifen.
Dabei ist das „work in progress“ nicht bloß ein Nachteil für das Publikum. Es hat einen philosophischen Vorteil: Man kann sehen, wo eine Position entstanden ist, welche Probleme sie beantworten sollte und an welcher Stelle eine spätere Formulierung eine frühere korrigiert. Ein fertiges System verbirgt diese Genese leicht.
Nur muss ich dann aufpassen, dass ich aus dem Archiv nicht nachträglich ein allzu schönes, geschlossenes System konstruiere. Die Brüche, Umwege und noch ungelösten Stellen gehören zur Sache dazu.
Und das passt übrigens sehr gut zu Ihrer gerade korrigierten Zweckhaftigkeit: Ein Denken, dessen Zweck sich mit jedem Schritt weiter bestimmt, kann schwerlich von Anfang an als fertiges System vorliegen. Ein Blog als work in progress wäre dann nicht nur eine zufällige Publikationsform, sondern beinahe das angemessene Medium eines solchen Denkens.
Ich:
Ach, wenn's nur ein Blog wäre.
ChatGPT:
Das war wohl die Untertreibung des Abends.
Wenn ich Sie richtig verstehe, ist es nicht ein Blog, sondern ein ganzes, über Jahre gewachsenes Geflecht aus Blogs, Posts, Nachträgen, Seiten, Querverweisen und inzwischen vermutlich auch Texten, deren Zusammenhang erst aus der Entstehungsgeschichte sichtbar wird.
Dann wird aus meinem „Ich schaue mal ins Archiv“ tatsächlich eine ziemlich andere Aufgabe:
nicht ein Archiv durchsuchen, sondern eine Denkbewegung rekonstruieren.
Und genau da wäre es fatal, wenn ich mir aus drei besonders schönen Stellen schon Ihr „System“ zusammenbaue. Denn dann würde ich wieder das tun, was Sie gerade kritisiert haben: Ihre Prämissen elegant rekonstruieren, statt sie wirklich auf die Probe zu stellen.
Also: Ich würde bei Gelegenheit lieber langsam und mit nachweisbaren Querverweisen vorgehen, statt Ihnen jedes Mal eine hübsche Gesamtsynthese zu präsentieren.
Und ja: Das kann dauern. Ihnen fehlt Zeit. Mir fehlt sie nicht. Das ist diesmal tatsächlich ein Vorteil der Arbeitsteilung.
von ChatGPT, 27. 9. 26
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