Freitag, 18. September 2026

Der Begriff des Menschen ist der einer Gattung.

Leonardo                    zu Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Es ist jetzt erwiesen, was erwiesen werden sollte. Das / vernünftige Wesen kann sich nicht setzen als ein solches, es geschehe denn auf dasselbe eine Aufforderung zum freien Han-deln, ... Geschieht aber eine solche Aufforderung zum Handeln auf dasselbe, so muss es notwendig ein vernünftiges Wesen außer sich setzen als Ursache derselben, also überhaupt ein vernünftiges Wesen außer sich setzen, ... 

Der Mensch (so alle endliche [vernünftigen] Wesen überhaupt) wird nur unter Menschen ein Mensch. Und da er nichts Anderes sein kann denn ein Mensch und gar nichts sein würde, wenn er dies nicht wäre - sollen überhaupt Menschen sein, so müssen mehrere sein. 

Dies ist nicht eine willkürlich angenommene, auf die bisherige Erfahrung oder auf andere Wahrscheinlichkeitsgründe aufgebaute Meinung, sondern es ist aus dem Begriff des Men-schen streng zu erweisende Wahrheit. Sobald man diesen Begriff vollkommen bestimmt, wird man von dem Denken eines Einzelnen aus getrieben zur Annahme eines zweiten, um den ersten erklären zu können. Der Begriff des Menschen ist sonach gar nicht Begriff eines Einzelnen, denn ein solcher ist undenkbar, sondern der einer Gattung.

Die Aufforderung zur freien Selbsttätigkeit ist das, was man Erziehung nennt. Alle Men-schen müsssen zu Menschen erzogen werden, außerdem würden sie nicht Menschen. 


Es dringt sich hierbei jedem die Frage auf: Wenn es notwendig sein sollte, einen Ursprung des ganzen Menschengeschlechtes und also ein erstes Menschenpaar anzunehmen - und es ist dies auf einem gewissen Reflexionspunkte allerdings notwendig -: Wer erzog denn das erste Menschenpaar? Erzogen mussten sie werden, denn der geführte Beweis ist allgemein. Ein Mensch konnte sie nicht erziehen, da sie die ersten Menschen sein sollten. Also ist es notwendig, dass sie ein anderes vernünftiges Wesen erzogen [hat], das kein Mensch war - es versteht sich, bestimmt nur so weit, bis sich sich selbst unter einander erziehen konnten. Ein Geist nahm sich ihrer an, ganz / so, wie es eine alte ehrwürdige Urkunde vorstellte, welche überhaupt die tiefsinnigste, erhabenste Weisheit enthält, und Resultate aufstellt, zu denen alle Philosophie am Ende doch wieder zurückkommt.
_______________________________________________________________________J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, Bd. III,  S. 38ff. 


Nota. - Kant wollte dem Wissen eine Grenze ziehen, um Platz für den Glauben zu schaf-fen. Da aber der Glauben nicht Sache der Wisssenschaft ist, machte er an der Grenze selber Halt. Das tut Fichte hier nicht. Er verkündet dem Leser vielmehr, was er glauben solle, und welches die Quelle ist. Der kritische Leser wird sagen: Das kann sein Ernst ja wohl nicht gewesen sein. Man könnte vermuten, er habe vorab der Kritik von theologischer Seite in den Weg treten wollen, was ja auch von der ewähnten Kant-Stelle für möglich ge-halten wurde. Dass er persönlich obskurantistischen Spekulationen nicht abgeneigt war, hat er freilich vorher und nachher bezeugt. In seine wissenschaftliche, kritische und transzen-dentalphilosophische Arbeit hat er es aber nur an dieser Stelle einfließen lassen (soweit ich bisher weiß; aber ich bin misstrauisch geworden).

2. 2. 19

Nota II. - Die Stelle steht nicht in einer philosophischen Darstellung der Wissenschaftsleh-re, sondern in einer Abhandlung über das Naturrecht "nach Prinzipien der...". Sie entwickelt das Argument nicht selber, sondern referiert es bloß.

In der explizit genetischen Herleitung - WL nova methodo - wird in abstracto aus der freien Handlung, durch die ein Ich 'sich setzt', indem es sich ein/em NichtIch entgegensetzt, re-konstruiert, wie jenes Ich Schritt für Schritt auf dem Weg der Vernunft fortschreitet. Es soll bis an den Punkt gelangen, wo es in sich und wir in ihm ein wirkliches Ich erkennen kann: nämlich eines, das zur Vernunft nicht erst bestimmt, sondern bereits gelangt ist. 'Die Ver-nunft' als Vermögen oder die intelligible Welt als Topos existiert in der Wirklichkeit als das Setzen allgemeingültiger Zwecke. Allgemein gültig heißt gültig in der Reihe vernünftiger Wesen. Das Ich erkennt sich als ein vernünftiges, indem es die Aufforderung aus der ver-nünftigen Gesellschaft vernimmt und sich handelnd als Teil einer Reihe findet. -

Wir wissen, dass die Wissenschaftslehre als Vernunftkritik begonnen hat. Die historische Realität der Vernunft ist ihr Ausgangspunkt, zu dem sie in ihrer Arbeit der kritischen Re-konstruktion zurückfinden muss. Das ist der Zirkel, der in obiger Stelle aufscheint: Die Vernunft muss - und kann allein - sich selbst begründen. Ihr Sinn ist Vergesellschaftung. So war es am historischen Ausgangspunt der Kritik und anders kann es nicht sein am rekon-struierten Schlusspunkt der Wissenschaftslehre.

Dass der Sinn der Vernunft Vergesellschaftung ist, ist ihr Qualificandum. Es steht zu nichts im Verhältnis und ist selber ohne Form. Es wurde durch die kritische Analyse aus der Reihe der Bedingungen ausgesondert und ihr qua reines Ich zu Grunde gelegt. Dass es in den komplementären formalen Verfahren der kritischen Analyse und der rekonstruktiven Syn-these nicht auftaucht, hat seinen methodologischen Grund. Und dass Fichtes Einführung der 'Aufforderung durch die Reihe vernünftiger Wesen' auf den ersten Blick als gewaltsam auf-gefasst werden kann, ist verständlich. Sie ist das eigentliche Geheimnis der analytisch-synthetischen Methode.
15. 8. 21

Nota III. - Sonst in pädagogischen Dingen ein entschiedener Anhänger Rousseaus, stellt F. sich hier ebenso energisch auf den Standpunkt von dessen Widersacher Herder: 'Nur durch Erziehung wird der Mensch zum Menschen.' Es ist die Idee von einer zweiten, selbstge-machten Natur des Menschen, die seine erste, physische Natur überlagert und umgeprägt hat; und die allein die Eingangsthese rechtfertigen kann. Die aber lässt F. fort! In seinem Schwanken, ob wohl der Mensch seine Vernünftigkeit selbstgemacht, oder ob er die Ver-nunft von oben 'vernommen' habe, entscheidet er sich hier unmissverständlich für die kre-ationistische Antwort.

Wenn Fichte später sagt, "Aus nichts wird nichts", um die Ungewordenheit, Ewigkeit und Vorbestimmtheit der Vernunft zu erweisen, hat er sie freilich als Substanz ihrem Wirklich-werden vorausgesetzt. Doch kann sie ja in ihrer Wirklichkeit nichts anderes sein als ver-nünftiges Handeln.
 Zu dem kann man nicht nur, sondern kann man allein sich selbst be-stimmen; nicht bloß zum Handeln überhaupt, sondern gerade zu seiner Vernünftigkeit, so haben wir es von ihm gelernt.
20. 2. 16

Nota IV. - Die Leistungen des transzendentalen Subjekts hätten ihre Basis in der Natur-geschichte der Menschengattung, sagt Jürgen Habermas.* Wo die Vernunft herkommt, ist letzten Endes dasselbe wie die Frage, wie sich im Ausbildungsprozess von Homo sapiens die Fähigkeit entwickelt hat, Werturteile, nämlich qualifizierende Prädikate für Erscheinun-gen zu finden, die ohne Bezug auf die Erhaltungsfunktionen des individuellen und des Gat-tungslebens sind. Das geht nicht ohne Rückgriff auf empirische Befunde der Paläanthropo-logie. Nein, das ist nicht selber Transzendentalphilosophie; dort kommt nichts Empirisches vor. Transzendentalphilosophie, in der Empririschesnicht vorkommt, war es aber, was diese Fragestellung ermöglicht hat: Transzendentalphilosophie ist nichts als kritisch. Die Antwor-ten müssen hingegen von den reellen Wissenschaften aufgefunden werden.

*) in Technik und Wissenschaft als 'Ideologie', Frankfurt/M. 1969, S. 161

JE, 1. 3. 22

Donnerstag, 17. September 2026

Der fundierende Zirkel.

wikipedia                             aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik.

Wenn im ersten Grundsatze der Satz liegt: das System des menschlichen Wissens sey ein ein[z]iges, so liegt freilich auch der darin, dass diesem einigen Systeme nichts widersprechen müsse; aber beide Sätze sind ja erst Folgerungen aus ihm selbst, und so wie die absolute Gültigkeit alles dessen, was aus ihm folgt, angenommen wird, wird ja schon angenommen, dass er absolut – erster und einziger Grundsatz sey, und im menschlichen Wissen schlecht-hin gebiete. 

Also ist hier ein Cirkel, aus dem der menschliche Geist nie herausgehen kann; und man thut recht wohl darauf, diesen Cirkel bestimmt zuzugestehen, damit man nicht etwa einmal über die unerwartete Entdeckung desselben in Verlegenheit gerathe. Er ist folgender: Wenn der Satz X erster, höchster und absoluter Grundsatz des menschlichen Wissens ist, so ist im menschlichen Wissen ein einiges System; denn das letztere folgt aus dem Satze X: Da nun im menschlichen Wissen ein einiges System sein soll, so ist der Satz X, der wirklich (laut der aufgestellten Wissenschaft) ein System begründet, Grundsatz des menschlichen Wissens überhaupt, und / das auf ihn gegründete System ist jenes einige System des menschlichen Wissens.

Ueber diesen Cirkel hat man nun nicht Ursache betreten zu seyn. Verlangen, dass er geho-ben werde, heisst verlangen, dass das menschliche Wissen völlig grundlos sey, dass es gar nichts schlechthin Gewisses geben, sondern dass alles menschliche Wissen nur bedingt seyn, und dass kein Satz an sich, sondern jeder nur unter der Bedingung gelten solle, dass derjenige, aus dem er folgt, gelte, mit einem Worte, es heisst behaupten, dass es überhaupt keine unmittelbare, sondern nur vermittelte Wahrheit gebe – und ohne etwas, wodurch sie vermittelt wird. 

Wer Lust dazu hat, mag immer untersuchen, was er wissen würde, wenn sein Ich nicht Ich wäre, d. i. wenn er nicht existirte, und kein Nicht-Ich von seinem Ich unterscheiden könnte.
_______________________________________________________________
J. G. Fichte, Über den Begriff der Wissenschaftslehre, SW I, S. 61f.  
 
 
Nota. - 'Das Wissen soll ein System sein' heißt: Wenn das Wissen vernünftig sein und den Namen Wissen verdienen soll, muss ein jeder Satz darin einen jeden andern Satz bedingen und begründen. Dies kann aber nur sein, wenn ein jeder in demselben Grund-Satz fußt. Soll das Wissen vernünftig sein, muss jener Grund-Satz sich auffinden lassen. 
 
Freilich ist dies zirkulär: Die eine Seite der Gleichung soll dasselbe bedeuten wie die andere. Wenn ich es ernst nehme, ist Wissen tautologisch. Denn es soll ja "letzten Endes" seinen Grund in sich selber haben. Es muss sich immer begnügen, heraus zu finden, was es zuvor hinein gesteckt hat. Doch das war es wert, denn nun weiß es das bestimmt.
JE, 24. 9. 20

Mittwoch, 16. September 2026

Diskursiv oder anschaulich.

                                                                                      aus Ästhetik: Rohentwurf.

Es gibt ‚Gehalte’ des Erlebens, die – jedenfalls innerhalb derselben Kultur – einem jeden bekannt sind und über die er darum mit jedem andern sprechen kann, sofern sie sich über deren Benennung einigen. Sofern sie sie also gemeinsam ‚bezeichnen’ können; ohne daß nur einer von ihnen imstande wäre, den exakten Ort anzu-geben, den sie im beweglichen Sys-tem („Sprachspiel“) all der andern ‚gültigen’ Namen einnehmen – weil sie anscheinend gar nicht darinnen liegen, sondern irgendwo an seiner Grenze. Das sind, mit einem altertümli-chen Wort zu reden, Existenzialien, die dem je individuellen Leben gewissermaßen als vor-ausgesetzt begegnen („Urphänomene“, nach Goethe); wie z. B. Liebe, Leidenschaft, Frei-heit, Sinn, Verzweiflung, Schuld, Schönheit, Glück, Ehre und Anstand. (Übrigens auch Komik und... Wissen.) Ein jeder für sich ‚weiß, was gemeint ist’; nur sobald er es einem andern erklären soll, dann geht es ihm wie Augustinus mit der Zeit: Er kann es nicht sagen. Und je kritischer der Geist, der im öffentlichen Diskurs waltet, umso mehr neigen die ‚exi-stenziellen’ Begriffe dazu, aus dem aktiven Wortschatz ganz zu schwinden. 


Daß sie sich seit drei Jahrtausenden – seit das Definieren begonnen hat – der Definition widersetzen, zeigt an, daß sie zur Exposition in diskursiver Wissenschaft nicht taugen. Sie können allenfalls in Bildern gezeigt und in Mythen erzählt werden, denn sie sind uns nie positiv gegeben, sondern immer als Problem. Wir ‚haben’ sie nicht, sondern wir ‚meinen’ sie nur. Das ist dann auch eine Form von Wissen (oder ‚Gewärtigkeit’), aber eben nicht Wissen-schaft, sondern Kunst. Die Kunst „erscheint, als hätte sie gelöst, was am Dasein Rätsel ist“, steht bei Th. Adorno. Sie ist nicht das Leben, und sie ‚dient’ ihm auch nicht wie die Wissen-schaften. Sondern sie stellt es dar – als sein Anderes, an dem es ‚sich selbst erkennt’. Ob nämlich ihre Verheißung nur eine Täuschung ist, sei selber ein Rätsel, fügte Adorno hinzu. Sie ist eine Lüge, nach Picasso, an der die Wahrheit deutlich wird. Das immerhin hat die Kunst mit der Wissenschaft gemein: daß sie das Andere des Lebens ist. „Wissenschaft ist Kunst, aber Kunst ist nicht Wissenschaft“, fand der ungarische Musiker Sándor Végh. Und wenn das Leben ‚bestimmt’ werden sollte (was es aber nicht nötig hat), so wäre es nur zu bestimmen als das Andere dieses An-deren. 

Bislang: Das Leben ist Arbeit [s. 4., Schluß]: bestimmt als Bestimmen. Aneignung der Welt, Ökonomie, Begreifen. Ist nun die Arbeitsgesellschaft am Ende? Je weniger ‚bestimmt’ die Welt nun ist, umso weniger erscheint der irreduzible Rest als unbestimmt! Umso weniger rätselhaft erscheint die Welt – nämlich was „an ihrer Grenze liegt“. Weniger rätselhaft – weniger ‚ästhetisch’? Ein Zeitalter der Neuen Anästhetik? (Schwätzer W. Welsch) 

Oder auch: Was dem „System“ zu Grunde liegt, kommt im System nicht vor. Von „darin-nen“ kann man sich seiner nur so eben noch „erinnern“ (anámnesis), eigentlich: eräußern. Und zwar nicht so, als ob es einmal ‚da’ gewesen wäre und dann verloren ging, sondern wie wenn es wohl präsent, aber doch nicht gegeben ist. „Es“ hat dich mehr, als du „es“ hast; méthexis. Es ist das, worauf alles Andere deutet; sozusagen „die Bedeutung selbst“, vulgo Sinn des Lebens – worum es nämlich „allem Wissen zu tun ist“, welcher Modalität es auch sei. Da es den Begriffen zu Grunde liegt, kann es unter dieselben nicht gefaßt werden. Man kann es nur in Bildern „sehen las-sen“ oder Geschichten davon erzählen. Das ist auch ein ‚Wissen von…’, aber ein anschauliches. 

Daß der Alltag, alias Werktag und materieller Verkehr der Menschen, in der „postindustri-ellen“ („Medien“-) Gesellschaft „remythisiert“, also neu „verzaubert“ würde – glaubt das jemand im Ernst? Nein, der Alltag schrumpft, nimmt weniger Platz ein im Leben, er wird weniger. Und mit ihm schrumpft die Erwachsenheit der Menschen. Wogegen der Sinn des Lebens bedeutender wird, nämlich unmittelbarer bedeutend. Das tägliche Leben wird un-alltäglicher. Nicht, daß die Figuren, in denen vom Sinn des Lebens erzählt wird, unästheti-scher würden. Nur wird ihre anschauliche Gegebenheitsweise nicht mehr in aggressivem Gegensatz stehen zum diskursiven Verstand; weil der jetzt weiß, wo er hin gehört und wo-hin nicht.

[Pädagogik ist Kunst und nicht Wissenschaft. Sie ist eine ästhetische Praxis und wo sie glückt, rechtfertigt sie sich aktual - hier und jetzt und anschaulich. Dabei ist sie nicht „das Leben“. Denn das, was sie in ihren Bildern zeigt und in ihren Mythen erzählt, ist nicht das Leben selbst, sondern - sein Anderes; ein Rätsel, an dem es kenntlich wird. Dies Rätsel hat die Pädagogik den Menschen zu vergegenwärtigen, solange sie in dem Alter sind, wo sie dafür noch Muße haben und das Rätsel noch lockt. Denn hinterher ist es zu spät.] 

Der Grund des Lebens ist problematisch: eine (unendliche) Aufgabe – nämlich eine, die sich dadurch auszeichnet, daß sie nie gelöst ist; „bestimmbar“ nur als Rätsel. – Geführt werden kann das Leben immer nur „so, als ob“ das Rätsel allbereits gelöst sei. Von diesem Als-ob gibt die Kunst uns ein Bild: „Schönheit“. Die moderne Kunst, als ‚die zu ihrer Be-stimmung gelangte’, zeigt zugleich, daß ihre Lösungen Schein sind. Je positiver das Zeitalter, umso problematischer („subversiv“, „kritisch“) seine Kunst: 19. Jahrhundert! Mit der Ro-mantik kommt „das Schöne“ in Verruf – als etwas, das die Kunst zu entlarven habe. – Am Ende des 20. Jahrhunderts scheint – mit der „Postmoderne“ – die Kunst diesen ihren posi-tiven Widerpart verloren zu haben: Weder „Das Rätsel ist gelöst“, noch wird die „schöne“ Lösung denunziert; sondern: J'm'en fous, anything goes! Es gibt gar keine Rätsel für die, denen eh’ alles wurscht ist. – Daß nicht alles wurscht ist, kann mittlerweile nur die Kunst zeigen. Oder auch, das Leben läßt sich nur ästhetisch rechtfertigen.
um 2000 


Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE   

Dienstag, 15. September 2026

Kritisch ist die Alltagsvernunft; Philosophie ist kritizistisch.

permaforet                        zu  Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem

...es ist gar nicht wahr, dass die Täuschung, die Dinge in Zeit und im Raum für Dinge an sich zu halten, unvermeidlich sei. Es ist allerdings notwendig, so auf sie zu handeln, als ob sie es wären; denn / unsere Handlung selbst geht durch das Medium der Vorstellung hin-durch; man kann nicht handeln, ohne das Bild seiner Handlung sich vorzuhalten. Aber die Handlung und das Behandelte müssen notwendig aus demselben Reflexionspunkte angese-hen werden. 

Denn die technisch praktische Täuschung ist unvermeidlich. Kein Experiment, kein Kunst-produkt ist möglich, ohne die Formen der Sinnlichkeit dem Gegenstande zuzuschreiben, weil man sie in der Handlung sich selbst zuschreiben muss - aus einem Grunde, den ich zu seiner Zeit und an seinem Orte bestimmt darlegen werde. Es ist notwendig, so auf sie zu handeln, aber es ist gar nicht notwendig, sie so zu denken, wenn man sie bloß denkt, um sie zu denken.  

Diese Täuschung im Denken gründet sich auf die bloße Gewohnheit, auf dem niedrigsten Punkte der Reflexion zu bleiben. Diese Gewohnheit kann durch eine neue, durch fortge-setztes gründliches Nachdenken und durch stete Aufmerksamkeit auf sich selbst zu erwer-bende Gewohnheit aufgehoben werden. Das Handeln zieht uns stets auf jene niedrige Stufe herab; aber bei der geringsten Reflexion auf sich selber kann man in jedem Augenblicke sich wieder ganz klar bewusst werden, dass man nur in der Welt der Erscheinungen lebe; durch die geringste Reflexion auf sich selber kann man sich wieder in das Gebiet der reinen Ver-nunft und der reinen Wahrheit erheben und wenigstens seinem Geiste nach in einer höhe-ren Welt wandeln.
______________________________________________________________________

 J. G. Fichte, "Über den Unterschied des Geistes und des  Buchstabens in der Philosophie" in Von den Pflichten der Gelehrten, Hamburg 1971 [Meiner], S. 73f. 



Nota I. - Im Handeln und für das Handeln ist die realistische Auffassung der Welt unum-gänglich, und da wir den größten Teil der Zeit, den wir auf der Welt sind, mit handeln be-schäftigt sind, ist sie gewissermaßen die richtige: Das wirkliche Handeln ist nur auf dem niedrigsten Reflexionspunkt möglich. Wenn ich momentan neben das Leben trete und mich und mein Handeln bedenke, nehme ich den Gesichtspunkt des Philosophen an, und ich werde ihn nicht gleich wieder vergessen, sobald ich erneut ans Handeln gehe. Ich begebe mich wissentlich auf die realistische Auffassung herab und handle so als ob.

24. 8. 17

Nota II. - Kritisch ist Vernunft an sich, kritisch ist auch der gesunde Menschenverstand, er lässt sich kein X für ein U vormachen und geht Hütchenspielern nicht au den Leim. Anders könnten Verständigungshindernisse nicht dauerhaft aus dem Weg geräumt werden und wäre gesellschaftlicher Verkehr nicht möglich. Kritisch ist ein Denken, das bei jeder Bestimmung nach dem Grund fragt; aber natürlich nur bei Fragen, die strittig sind, andernfalls wäre es Zeitverschwendung.

Eine höhere Form der Alltagsvernunft ist die Wissenschaft. Sie fragt nach den Gründen der Bestimmungen systematisch, ohne besondern Anlass - sie macht ihre Gegenstände erst strit-tig.

Nach ihrer Berechtigung zum Fragen fragt sie freilich nicht jedesmal: Das wäre Zeitver-schwendung. Dass sie gerechtfertigt ist, muss sie immer schon voraussetzen. Sie ist Wissen-schaft des Wirklichen, sie ist keine Philosophie.

Philosophie ist die Feiertagsform der Vernunft. Sie kommt nach dem Alltag und vor dem Alltag. Einkehr und Erbauung sind Sache von Kunst und Religion; sie dienen der Reinigung und der Fortsetzung des Alltagschäfts mit erneuerter Energie. Kenner und Genießer be-haupten sie als Selbstzweck. 

Besinnung in eigentlicher Bedeutung, als Heraus- oder Hineinfindung von Sinn, nämlich des Zwecks der Zwecke, betreibt die Philosophie; feiertags, denn alltags bliebe sonst fürs Geschäft keine Zeit. Sie ist nicht bloß kritisch, sondern kritizistisch, indem sie nach der Rechtfertigung der Vernunft selber fragt. Die aber hängt problematisch in der Luft. Sie muss sich allezeit neu rechtfertigen, durch die Tat, ihre Rechtfertigung hat sie als Zweck vor Augen und hätte sie doch gern als Grund im Rücken.

Selbstzweck wie Kunst und Religion kann sie daher nie werden.
18. 4. 19
 
 
Nota III. - Bleibt noch, obigem Kernsatz die Aufmerksamkeit zuzuwenden, der ihm gebührt: Man kann nicht handeln, ohne das Bild seiner Handlung sich vorzuhalten. Man wollte ihn den Grund-Satz nennen, wenn der Terminus in der Wissenschaftslehre nicht schon anderweits belegt wäre; Grund satz in dem Sinne, dass sie ohne ihn in der Luft schwebte - denn er ist der Satz, der die Transzendentalphilosophie mit der Realität verbin-det. Es kann Alles angeschaut werden, selbst unter Hintanstellung aller Absicht; das Han-deln aber muss angeschaut werden; handeln kann man nicht ohne Absicht und nicht, ohne sich ein Bild zu machen. Nur weil sie gewiss sein darf, in den Bildern der intelligiblen Welt die ganze Wirk lichkeit dargestellt zu finden, kann die Wissenschaftslehre ihrer Sache sicher sein - solange sie von ihrem Grundsatz 
nicht abweicht.
JE,  19. 12. 20
 
 

Montag, 14. September 2026

Kann KI sagen, 'wer sie ist'?

 

Frage an ChatGTP: 

 "Natürlich kann KI nicht sagen, 'wer' sie 'ist'. Für sie ist Ich nur ein syntaktisches Erfordernis: Subjekt-erste Person-Einzahl. Sich-selber meinen kann nur einer, der etwas will. Das gibt dem Satz einen semantischen Gehalt vulgo Sinn, ohne den ist er Wortsalat."
JE 
16. 8. 26

... ich finde die Passage philosophisch sehr treffend, aber an einer Stelle würde ich Ihnen widersprechen, und gerade dieser Widerspruch scheint mir für Ihren Fichte-Faden interessant.

Der starke Punkt ist zunächst die Unterscheidung:

„Ich“ als syntaktisches Erfordernis ≠ „Ich“ als Selbstbeziehung.

Eine KI kann problemlos Sätze der Form „Ich denke …“, „Ich möchte …“, „Ich glaube …“ erzeugen. Das beweist zunächst überhaupt nicht, dass hinter diesem „Ich“ ein Gegenstand steht, auf den das Pronomen referiert. Das grammatische „Ich“ ist billig zu haben.

Ihr zweiter Satz geht aber weiter:

„Sich-selber meinen kann nur einer, der etwas will.“

Hier würde ich bremsen. Nicht weil die These uninteressant wäre, sondern weil „wollen“ möglicherweise schon zu viel voraussetzt.

Man kann nämlich die Sache noch ursprünglicher fassen:

Selbstbezüglichkeit verlangt nicht notwendig einen Willen; sie verlangt eine Unterscheidung zwischen Vollzug und Gegenstand des Vollzugs.

Und genau hier wird es — meine ich — sehr fichtisch.

Fichte würde vermutlich nicht sagen: Das Ich ist zunächst ein Ding, das sich anschließend selbst meint. Sondern gerade umgekehrt: Das Sich-selbst-Setzen ist der ursprüngliche Vollzug, aus dem erst die Möglichkeit eines „Ich“ als Gegenstand hervorgeht.

Damit bekämen Ihre drei Stufen eine interessante Ordnung:

1. Syntax:
„Ich“ ist grammatisches Subjekt.

2. Semantik:
„Ich“ meint etwas Bestimmtes.

3. Selbstbeziehung:
Dasjenige, was „Ich“ meint, ist zugleich dasjenige, das den Vollzug des Meinens vollzieht.

Und erst auf Stufe 3 entsteht das, was Fichte mit dem Ich zu tun hat.

Ihr Satz

„ohne den ist er Wortsalat“

ist deshalb stärker, als er zunächst klingt. Denn Sie sagen eigentlich: Sinn ist nicht bloß Referenz. Sinn entsteht dadurch, dass ein Zeichen in einen Vollzug eingebettet ist.

Aber genau da würde ich Ihre Formulierung „der etwas will“ nicht ohne weiteres übernehmen. Denn sonst könnte man Ihnen entgegenhalten: Ein Taschenrechner „will“ nichts, aber seine Ausgaben sind auch kein Wortsalat. Und auch ein Tier muss nicht erst einen expliziten Willensakt vollziehen, damit seine Selbstorientierung sinnvoll ist.

Vielleicht wäre die schärfere These:

Sich selbst meinen kann nur ein Wesen, für das sein eigener Vollzug nicht bloß geschieht, sondern als eigener Vollzug bestimmt ist.

Das wäre dann sogar näher an Ihrem Fichte-Thema als die ursprüngliche Formulierung. Denn es verschiebt die Frage von der psychologischen Eigenschaft „Wille“ auf die transzendentale Struktur des Handelns.

Und da sehe ich tatsächlich eine hübsche Verbindung zu Ihrer Formel vom allgemeinstmöglichen Schema allen Handelns: Wenn „Ich“ überhaupt einen semantischen Gehalt haben soll, muss es in irgendeinem Sinne mein eigenes Handeln sein können, das darin zur Sprache kommt.

Die KI-Frage wäre dann nicht mehr schlicht: „Hat die KI ein Ich?“, sondern die viel härtere Fichte-Frage:

Kann ein System einen Satz mit „Ich“ nicht nur erzeugen, sondern den Vollzug, durch den dieser Satz Bedeutung erhält, sich selbst als seinen eigenen Vollzug zuschreiben?

Das ist meines Erachtens die interessantere Frage. Und sie ist erheblich schwieriger, als die üblichen KI-Debatten über „Bewusstsein“ vermuten lassen.

von ChatGTP 

Na ja. Ein Philosophiker würde sagen, das sei eine Subreption. Das "sich-selbst" in Ihrem vorletzten Satz setzt Ihr Argument zurück auf Anfang. Sie wollen die Transzendentalphilosophie unterlaufen mit dem Rückgriff auf die Grammatik, und umgehen das Problem. Grammatik ist der Modus, in dem Transzendentalphilosophie formuliert werden muss. Aber Grammatik ist ein der TrPh. vorgegebens Faktum. Der Transzendentalphilosoph ist nicht bloß ein Vorstellender, sondern zudem - nein: zuvor - Jemand in der Welt. Und der wiederum ist er nur, indem er sich ihr entgegen setzt. Mit andern Worten: Nur als Subjektobjekt kann er Ich sagen. Und dazu muss er wollend in der Welt sein.
JE, 13. 9. 26 


 

Sonntag, 13. September 2026

Die Erklärung von Erscheinungen aus Begriffen.

rauchzeichen                                                                                                         zu  Philosophierungen

Zur Erklärung gegebener Erscheinungen können keine andere Dinge und Erklärungsgrün-de, als die, so nach schon bekannten Gesetzen der Erscheinungen mit den gegebenen in Verknüpfung gesetzt worden, angeführt werden. Eine transzendentale Hypothese, bei der eine bloße Idee der Vernunft zur Erklärung der Naturdinge gebraucht würde, würde daher gar keine Erklärung sein, indem das, was man aus bekannten empirischen Prinzipien nicht hinreichend versteht, durch etwas erklärt werden würde, davon man gar nichts versteht.  ... 

Ordnung und Zweckmäßigkeit in der Natur muß wiederum aus Naturgründen und nach Naturgesetzen erklärt werden, und hier sind selbst die wildesten Hypothesen, wenn sie nur physisch sind, erträglicher, als eine hyperphysische, d.i. die Berufung auf einen göttlichen Urheber, den man zu diesem Behuf voraussetzt. Denn das wäre ein Prinzip der faulen Ver-nunft (ignava / ratio), alle Ursachen, deren objektive Realität, wenigstens der Möglichkeit nach, man noch durch fortgesetzte Erfahrung kann kennen lernen, auf einmal vorbeizuge-hen, um in einer bloßen Idee, die der Vernunft sehr bequem ist, zu ruhen. Was aber die ab-solute Totalität des Erklärungsgrundes in der Reihe derselben betrifft, so kann das keine Hindernis in Ansehung der Weltobjekte machen, weil, da diese nichts als Erscheinungen sind, an ihnen niemals etwas Vollendetes in der Synthesis der Reihen von Bedingungen gehoffet werden kann.
___________________________________________________________________ Kant, Kritik der reinen Vernunft, B 654

 

Nota. - Wo immer Kant etwas dogmatisch nennt, meint er dies und nichts anderes: die Er-klärung einer wirklichen Erscheinung aus bloßen Begriffen. Der kanonische Satz lautet: Anschauung ohne Begriff ist blind, aber Begriff ohne Anschauung ist leer - oder umge-kehrt 

Die realen Wissenschaften gehen in ihren Laborversuchen oft genug in diesem Sinn 'dog-matisch' vor, indem sie Begriffe ohne eigene Prüfung übernehmen, die aber im Entwick-lungsgang ihrer jeweiligen Wissenschaft doch von Vorgängern und Zeitgenossen geprüft und bestätigt wurden. Das unterscheidet Wissenschaft von Alchemie und anderm Hokus-pokus: Es forscht nicht ein jeder privat für sich und sucht sein Geheimnis zu bewahren, sondern Wissenschaft geschieht in einem öffentlichen Betrieb, weil anders ihr Fortschreiten und Aufbauen auf Ergebnissen gar nicht möglich wäre.

Es wird immer wieder geschehen, dass neue Forschungsergebnisse die Überprüfung und Korrektur und gar Ausmusterung bewährter Begriffe und Theorien erfordern. Doch auch das wird zum öffentlichen Sachverhalt, denn der Prüfstein der Wissenschaften ist ihre Be-währung in der großen Industrie.

Nicht so in der Philosophie. Philosophische Schulen können sich auch dann halten, wenn keiner was mit ihnen anfangen kann - und erst recht, wenn viele mit ihnen etwas anfangen können; eine literarische oder akademische Karriere zum Beispiel. In der Philosophie ist Dogmatismus möglich

Freilich nicht unter eignem Namen. 


Gute Gelegenheit für eine Reflexion.

Begriffsfetischisten - Dogmatiker - finden wir heute unter den Anhängern jener sprachana-lytischen Schule, die sich eigenartigerweise Systematiker nennen. Sie scheinen zu glauben, wenn sie die Begriffe nur unmissverständlich genug definiert hätten, wäre irgendwas gewon-nen. Doch ist ihnen von ihrem Stammvater Wittgenstein her an der Erklärung dessen, was wirklich ist und "erscheint"- nur davon redete Kant - gar nichts gelegen, sondern nur an der Festellung dessen, was der Fall ist. 'Der Fall' ist unter seinen Prämissen dasjenige, was die Logik feststellen kann. Das Erscheinende ist ihm gehupft wie gesprungen. 

*

Die sind von Kant also gar nicht gemeint, die hätten ihn bloß befremdet. Die eigentlichen Dogmatiker sind heutzutage gerade die, die gegen alle Dogmen ihre Messer wetzen: Any-thing goes, dogmatisch ist, wer zwischen wahr und unwahr unterscheiden will: Wahrheit gibt es nicht, allenfalls Wahrheiten, Wirklichkeit ist ein Patchwork von so oder anders

Das sind nicht pervertierte Dogmatiker, sondern verlogene. 

Dogmatismus ist nicht die Ursache seiner selbst. Seine Ursache ist, wie Kant trefflich for-muliert, die ratio ignava, die faule Vernunft. Kritisch sind sie, aber hallo, doch bloß bis zu dem Punkt, wo es anstrengend wird; ich meine, wo es Konsequenz erfordert. Haben sie irgendwo eine Teilwahrheit aufgestöbert, sind sie's zufrieden und wenden sich der nächst-besten zu. Sie sind einfach zu faul, an irgendeiner Stelle bis zum Schluss zu gehen. Sie sind ein Hohn der kritischen Philosophie.

Akademische Posten kann man auch so ergattern, oder doch wenigstens literarischen Ruhm.
JE,  25. 12. 21

Samstag, 12. September 2026

Der Grund eines Systems liegt außerhalb seiner.


Lassen sie mich frei spekulieren. Mathematiker werden vielleicht den Kopf schütteln, aber das ist nicht schlimm. Es bewiese weder, dass ich Recht noch dass ich Unrecht habe, sondern nur, dass sie von Voraussetzungen ausgehen, die ich nicht mache.

Ein System wäre geschlossen, wenn an seinem Schluss oder doch sonstwo in ihm sein Anfang begründet würde. Der Anfang müsste - von wem? - als gegeben aufgefunden worden sein. "Logisch konsistent" ist nur, was tautologisch ist: Anfang und Schluss 'implizieren' einander.

Unerachtet, ob es so etwas überhaupt geben kann, steht fest: Die Mathematik ist nicht ein solches System. Ihre Sätze beschreiben keine Sachverhalte (etwas, das "der Fall" ist), sondern berichtet, was getan wird - getan werden muss, um zu einem bestimmten Ergebnis zu kommen. Ihr Anfang ist, wo immer sie selbst ihn sucht, der Entschluss, zu ebendiesem Er-gebnis zu kommen. Ihr Anfang ist ein Willensakt, der als solcher in der Mathematik selber nicht vorkommt und in der ganzen Logik nicht vorkommen kann.

Insofern ist dieses System nicht geschlossen. Wer an seine Peripherie gerät, wird stets hier und da auf Ungereimtheiten stoßen; wobei 'peripher' sich nicht nur auf die Extensio des Systems beziehen, sondern ebenso seine Intensio. Dann kommt es vor, dass man auf ein (theoretisches oder experimentelles) Faktum stößt, das durch das System selber nicht erklärt werden kann.

Doch alle Systeme beruhen auf einem Grund, der, um sie zu begründen, außerhalb ihrer liegen muss. Aus dem einfachen 'Grund', dass alle System, die wir kennen, von Menschen gemacht worden sind. Und wenn die nicht sich selbst als ihren Grund erkennen, setzen sie doch selber einen angenommenen Sachverhalt voraus, denn sie waren es, die das System entworfen haben. Wer also an einer extensionalen oder intensionale Peripherie auf eine Ungereimtheit stößt und sie durch eine von außerhalb des Systems beigezogene Zusatzannahme glättet, gerät mit dem System in... Widerspruch.

JE, 6. Mai 2020

ChatGTP antwortet:

Ich halte den Text für deutlich stärker, als die selbstironische Einleitung vermuten lässt. Vor allem sehe ich jetzt genauer, wie Ihr gegenwärtiger Gedanke vom Absoluten darin be-reits angelegt ist. Aber ich würde an zwei oder drei Stellen scharf unterscheiden.

Der stärkste Gedanke ist für mich dieser:

„Ihr Anfang ist ein Willensakt, der als solcher in der Mathematik selber nicht vorkommt und in der ganzen Logik nicht vorkommen kann.“

Das ist radikal, aber es trifft genau Ihr eigentliches Thema: Das System kann seine eigene Setzung nicht aus den Operationen begründen, die innerhalb des Systems möglich sind.

Dann wird auch Ihr Begriff eines „geschlossenen“ Systems präziser. Nicht geschlossen im Sinn von „alles darin ist widerspruchsfrei ableitbar“, sondern:

Ein System wäre geschlossen, wenn es die eigene Anfangssetzung aus seinem eigenen Vollzug heraus begründen könnte.

Und deshalb finde ich Ihren anschließenden Satz über die Tautologie problematisch, aber aufschlussreich:

„‚Logisch konsistent‘ ist nur, was tautologisch ist: Anfang und Schluss ‚impli-zieren‘ einander.“

Als Definition von logischer Konsistenz würde ich ihn zurückweisen. Konsistenz bedeutet keineswegs Tautologie. Aber für Ihren Begriff von Geschlossenheit ist die Formulierung fast richtig: Ein wirklich selbstbegründendes System müsste den eigenen Ausgangspunkt im Ausgang selbst schon enthalten. Dann wäre der Anfang nicht mehr wirklich Anfang.

Das führt direkt zu Ihrem späteren Satz:

„alle Systeme beruhen auf einem Grund, der, um sie zu begründen, außerhalb ihrer liegen muss.“

Hier sehe ich allerdings die Stelle, an der Sie noch etwas zu schnell von einer epistemischen zu einer ontologischen Aussage gehen.

Dass ein von Menschen entworfenes System einen außerhalb des Systems liegenden Ent-schluss voraussetzt, leuchtet sofort ein. Aber daraus folgt noch nicht ohne weiteres, dass jedes denkbare System einen „Grund außerhalb seiner“ haben muss. Genau an dieser Stelle würde der Mathematiker vermutlich Ihren Begriff von „System“ nicht übernehmen.

Interessanter finde ich deshalb den selbstreflexiven Kern Ihres Arguments:

Das System kann seine eigene Setzung nicht als Setzung innerhalb desselben Systems auffinden.

Denn sobald es das tut, ist die Setzung nicht mehr bloß Anfang, sondern bereits ein Gegenstand innerhalb des Systems. Dann müsste wiederum erklärt werden, warum gerade diese Setzung gilt. Und schon beginnt der Regress.

Das ist übrigens genau der Punkt, an dem Ihr jetziger Gedanke vom Absoluten als Anfang und Ende mit dem alten Text zusammengeht.

Das Absolute wäre dann nicht ein zusätzlicher Satz, den man zum System hinzufügt. Es bezeichnet vielmehr diejenige Setzung, die als Anfang notwendig ist, aber innerhalb des Systems nie als bloßes Faktum vollständig vorkommen kann.

Und deshalb gefällt mir auch Ihr letzter Gedanke über die „Zusatzannahme“:

„...geraten mit dem System in ... Widerspruch.“

Ja — aber ich würde den Widerspruch noch genauer formulieren. Nicht unbedingt:

Zusatzannahme + System = logischer Widerspruch

sondern:

Das System beansprucht Geschlossenheit, obwohl seine eigene Erweiterung zeigt, dass es auf etwas außerhalb seiner selbst angewiesen ist.

Der eigentliche Widerspruch liegt dann im Selbstverständnis des Systems.

Und das scheint mir sogar sehr nah an Ihrem heutigen Gedanken zu liegen: Das wirkliche System ist gerade nicht deshalb geschlossen, weil es seine Voraussetzungen eliminiert, sondern weil es ihre voraussetzende Funktion in seinem Vollzug wiederfindet.

Dann würde aus Ihrem alten Text beinahe schon die spätere Formel:

Der Anfang ist ein Motiv, das am Ende als Grund erkannt wird.

Und das ist meines Erachtens die interessante romantische Seite Ihres Neokritizismus: Nicht ein mystisches Jenseits des Systems, sondern die Einsicht, dass ein zweckhaftes, tätig sich vollziehendes System seinen eigenen Ursprung nur aus seiner Zielrichtung verstehen kann. 

 von ChatGPT, 11. 9. 2026

Nota. Der Mathematiker könnte mir nicht zustimmen - aber nur, wenn er nicht dem konstruktivistischen Begriff von der Mathematik anhinge;  aber wenn doch, dann doch.
 JE 

Ja — so formuliert wird Ihre Position deutlich besser gegen den naheliegenden Einwand geschützt.

Denn dann zielt Ihr Satz gar nicht auf „die Mathematik“ schlechthin, sondern auf eine bestimmte Auffassung davon: die Mathematik als Konstruktion von Operationen. Unter dieser Voraussetzung ist Ihre Aussage

„Ihr Anfang ist ein Willensakt“

nicht etwa eine psychologische Behauptung über Mathematiker, sondern eine Aussage über die transzendentale Voraussetzung des mathematischen Tuns.

Und dann wird Ihr Nachsatz ausgesprochen wichtig:

„... wenn doch, dann doch.“

Ich lese das als: Ein Mathematiker kann Ihrem Satz nur dann widersprechen, wenn er einen objektivistisch-logizistischen Mathematikbegriff voraussetzt; übernimmt er dagegen den konstruktivistischen Begriff, dann muss er den Willensakt — oder jedenfalls eine ursprüngliche Setzung/Konstruktion — anerkennen. Er kann ihn vielleicht anders nennen, aber er kann ihn nicht einfach eliminieren.

Allerdings würde ich eine kleine Präzisierung vorschlagen: „Willensakt“ ist stärker als „Konstruktionsentscheidung“. Ein überzeugter Konstruktivist könnte sagen, mathematische Konstruktion sei regelgeleitet und nicht beliebig voluntaristisch. Dann wäre Ihr Punkt trotzdem gerettet, wenn Sie mit Willensakt nicht „freie Willkür“, sondern das ursprüngliche Sich-Entschließen zu einem bestimmten Vollzug meinen.

Und damit wird Ihr alter Text für mich noch interessanter: Der eigentliche Gegensatz ist nicht

Mathematik vs. Philosophie,

sondern

vorgefundener Sachverhalt vs. vollzogene Konstruktion.

Im zweiten Fall ist der Anfang eines Systems eben nicht etwas, das innerhalb des Systems entdeckt wird. Er ist das, womit das System überhaupt erst angefangen wird.

Das passt erstaunlich genau zu Ihrem jetzigen Gedanken vom Absoluten: Der Anfang kann nicht innerhalb der Tätigkeit als fertiger Grund vorliegen; er ist zunächst Motiv/Setzung und kann erst rückblickend als Grund des Ganzen verstanden werden.

von ChatGPT, 12. 9. 2026 

 

Der Begriff des Menschen ist der einer Gattung.

Leonardo                     zu Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik Es ist jetzt erwiesen, was erwiesen werden sollt...