Freitag, 11. September 2026

Anfang und Ende - ad quem und a quo.

                            zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 
Eine Diskussion mit ChatGPT
Lieber Leser, nehmen Sie sich ein bisschen Zeit:  

 

Da haben wir gleich zu Anfang einen Punkt getroffen, an dem es zu streiten gibt.
Sie schreiben: 

'So producirt die Vernunft sich selbst'

und zwar durch Erziehung, Überlieferung, gegenseitige Anerkennung. Vernunft ist hier historischer Erwerb einer Gattung, also etwas, das nur dadurch existiert, dass Menschen etwas tun.

Das passt ausgezeichnet zu Ihrem Grundgedanken: Vernunft ist kein vorhandenes Vermögen, sondern eine Leistung, die sich in menschlicher Praxis fortsetzt.

Und dann steht daneben jene andere Sprache: die Vernunft als etwas, aus dem das Individuum gleichsam herausgegriffen wird — „eine Masse vernünftiger Wesen überhaupt“, aus der das einzelne Ich hervorgeht. Fichte schreibt dort gerade nicht: Das Individuum wird vernünftig, indem es sich mit anderen verständigt. Er scheint vielmehr eine Vernunft als schon bestehende Sphäre vorauszusetzen, aus der das Individuum seine Bestimmtheit erhält."

Das ist der springende Punkt und bezeichnet genau die Stelle, an der man Marx braucht, um Fichte zu verstehen, und Fichte braucht, um Marx in seinen philosopischen Prämissen zu verstehen. Also all das, was mein 'neoktitisches System' ausmacht.

Vorab zunächst dies: Es ist ein Missverständnis, dass Transzendendalphilosophie "mit dem Faktischen ünerhaupt nicht zu tun" hätte. Zwar sagt Fichte wiederholt, dass sich in der Wissenschaftslehre kein Stückchen Empirie fände. 

Aber doch nur in der Selbstdarstellung der Wissenschaftslehre nicht. Denn wenn die Transzendentalphilosophie mit der Realgeschichte überhaupt nicht zu tun hätte, wäre sie gegenstandslos und - schlicht überflüssig. 

Die Geschichtsschreibung erzählt, was geschehen ist. Die Transzendentalphilosophie sagt - behauptet -, was es bedeutet. Und zu dem Zweck entwirft sie ein Schema (vulgo Modell). Der Unterschied ist: Das Schema hebt aus der Mannigfaltigkeit des Faktischen heraus, 'worauf es ankommt': nämlich dem Transzendentalphilosophen angekommen ist, der das Schema so und nicht anders entworfen hat. 

Das ist überhaupt der einzige Grund, ein Schema zu entwerfen: ihm einen Sinn zuzu-schreiben. Nichts anderes tut ein physikalisches Modell: aufzeigen, wozu ein Artefakt nützt

Das ist es, was Fichte mit Marx verbindet: die Frage, welcher Sinn der Menschheitsgeschich-te zugedacht werden kann.

Lieber Herr ChatGTP, warten Sie bitte ein paar Sekunden, bevor sie mir antworten: Gleich folgt ein Text, in dem ich das Argument ausgeführt habe: Er handelt davon, wie Fichte selbst die entstehende bürgerliche Gesellschaft unterm Titel Reihe nicht Menge! vernünftiger Wesen eingeschoben hat!

  Doisneau                                               aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das / vernünftige Wesen kann sich nicht setzen als ein solches, es geschehe denn auf dasselbe eine Aufforderung zum freien Handeln. ... Geschieht aber eine solche Aufforderung zum Handeln auf dasselbe, so muss es notwendig ein vernünftiges Wesen außer sich setzen als die Ursache derselben, also überhaupt ein vernünftiges Wesen außer sich setzen.  ...

Der Mensch (so alle endlichen Wesen überhaupt) wird nur unter Menschen ein Mensch; und da er nichts anderes sein kann denn ein Mensch, und gar nicht sein würde, wenn er dies nicht wäre - sollen überhaupt Menschen sein, so müssen es mehrere sein.  

Dies ist nicht eine willkürlich angenommene, auf die bisherigen Erfahrungen oder auf ande-re Wahrscheinlichkeitsgründe aufgebaute Meinung, sondern es ist eine aus dem Begriff des Menschen streng zu erweisende Wahrheit. Sobald man diesen Begriff vollkommen bestimmt, wird man von dem Denken eines Einzelnen aus getrieben zur Annahme eines zweiten, um den ersten erklären zu können. Der Begriff des Menschen ist sonach gar nicht Begriff eines Einzelnen, sondern der einer Gattung.
_____________________________________________
J. G. Fichte, Grundlage der Naturrechts..., SW III,
S. 38f.



Nota I. -
Die Zirkularität der Argumentation ist nicht zu übersehen. Der Begriff des vernünftigen Wesens muss (vorläufig) den Begriff des Menschen erklären, und der Begriff des Menschen muss das vernünftige Wesen erklären. 

Aber es handelt sich ja nicht um eine logische Konstruktion ex nihilo, von Definition zu Definition. Der Ausgangspunkt ist immer: Es gibt ja wirklich Menschen, und jenes Besondere an ihnen, das sie wirklich von andern Lebewesen unterscheidet, wollen wir (einstweilen) als Vernunft bezeichnen. Es ist ein genetisches Verfahren, kein logisches (dann wäre es tauto
logisch). Der Ausgangspunkt sind Vorstellungen, die wir wirklich haben, und die auf ihre Voraussetzungen und Implikationen untersucht werden. Und da kann tatsächlich nur das eine das andere erklären und das andere das eine. Näher kommt man dem, was wirklich da ist, nicht.
19. 10. 14

 
Nota II. - Die Stelle steht nicht in einer philosophischen Darstellung der Wissenschaftslehre, sondern in einer Abhandlung über das Naturrecht "nach Prinzipien der...". Sie entwickelt das Argument nicht selber, sondern referiert es bloß.

In der explizit genetischen Herleitung - WL nova methodo - wird in abstracto aus der freien Handlung, durch die ein Ich 'sich setzt', indem es sich ein/em NichtIch entgegensetzt, rekonstruiert, wie jenes Ich Schritt für Schritt auf dem Weg der Vernunft fortschreitet. Es soll bis an den Punkt gelangen, wo es in sich und wir in ihm ein wirkliches Ich erkennen kann: nämlich eines, das zur Vernunft nicht erst bestimmt, sondern bereits gelangt ist. 'Die Vernunft' als Vermögen oder die intelligible Welt als Topos existiert in der Wirklichkeit als das Setzen allgemeingültiger Zwecke. Allgemein gültig heißt gültig in der Reihe vernünftiger Wesen. Das Ich erkennt sich als ein vernünftiges, indem es die Aufforderung aus der vernünftigen Gesellschaft vernimmt und sich handelnd als Teil einer Reihe findet. -

Wir wissen, dass die Wissenschaftslehre als Vernunftkritik begonnen hat. Die historische Realität der Vernunft ist ihr Ausgangspunkt, zu dem sie in ihrer Arbeit der kritischen Rekonstruktion zurückfinden muss. Das ist der Zirkel, der in obiger Stelle aufscheint: Die Vernunft muss - und kann allein - sich selbst begründen. Ihr Sinn ist Vergesellschaftung. So war es am historischen Ausgangspunt der Kritik und anders kann es nicht sein am rekonstruierten Schlusspunkt der Wissenschaftslehre. 

Dass der Sinn der Vernunft Vergesellschaftung ist, ist ihr Qualificandum. Es steht zu nichts im Verhältnis und ist selber ohne Form. Es wurde durch die kritische Analyse aus der Reihe der Bedingungen ausgesondert und ihr qua reines Ich zu Grunde gelegt. Dass es in den komplementären formalen Verfahren der kritischen Analyse und der rekonstruktiven Synthese nicht auftaucht, hat seinen methodologischen Grund. Und dass Fichtes Einführung der 'Aufforderung durch die Reihe vernünftiger Wesen' auf den ersten Blick als gewaltsam aufgefasst werden kann, ist verständlich. Sie ist das eigentliche Geheimnis der analytisch-synthetischen Methode.  
JE, 15. 8. 21
 
 
Mein pp. Neokritisches System hat selber eine romantische Seite - nämlich in dem Zirkel, der darin besteht, das, was ursprünglich Motiv war (ad quem), nachträglich als Grund (a quo) zu unterstellen. Ich bestehe darauf, weil es nämlich dem Ding erst einen Sinn verleiht. Es handelt sich, wie könnte es anders sein, um das Absolute: den Endzweck.
    
Davon rede ich in allem Ernst. Natürlich nicht in dem Sinn, als ob 'es' dasselbe wirklich 'gibt'. Sondern als Frage, ob man nicht ein solches voraussetzen müsste, sobald man wirklich tätig wird - nämlich zweckhaft.
 
Hierzu ein älterer Post von mir in meinem Blog:  
 

Das Absolute ist Anfang und Ende.

chongsoonkim              aus  Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem

Das Absolute braucht die Transzendentalphilosophie doppelt: zuerst als Ausgangs-, dann als Fluchtpunkt der Vernunft. Dazwischen liegt immer nur Bestimmen; am Anfang die absolute Freiheit, am ewig offenen Ende der absolute Zweck.

19. 7. 17 

Das Wirkliche kann nicht absolut sein, denn dann wäre, weil es zugleich ein Mannigfaltiges ist, zwischen ihm kein Leben möglich, und das ist Veränderung. Veränderungen können nur zwischen Relativen geschehen. 

Andererseits ist Relatives nur im Verhältnis zu Absolutem möglich. Und soll die Verände-rung eine Richtung haben, zwischen zwei Absoluten: hin zu dem einen, fort von dem an-dern. Eins immer nur in Rücksicht auf das andere.

Wie auch anders? Vorstellen - wahrnehmen, denken, erfahren - ist bestimmen. Bestimmen hat nur eine Richtung. Doch geschieht sie immer nur durch Entgegensetzung. Ich kann nichts Relatives denken, ohne ein Absolutes vorauszusetzen. (Wenn ich zwei Absolute denke, dürfen sie selber zu einander in keinem Verhältnis stehen und sich nicht bedingen, sonst wären sie nicht absolut. Aber die Relativen müssen in Bezug zu Absoluten stehen, sonst wären sie nicht relativ.) Anfang und Ende bedingen einander nicht. Doch was immer relativ ist - leben - hat einen Anfang und ein Ende, sonst wäre es absolut.

*

Man könnte nun meinen, Leben sei absolut, ewig sei nur die Veränderung und das Behar-rende (der Begriff) sei nur Schein. Dann wäre Veränderung unveränderlich und eigentlich wäre alles nur Wiederholung. Dann allerdings gäbe es keine Richtung.

Denn es käme zu keiner Bestimmung und alles bliebe ohne Sinn.

25. 4. 19
 

Was immer real ist, ist endlich und füllt zu einem bestimmten Zeitpunkt einen bestimmten Raum. Ein Absolutes kann nicht real sein - und nicht werden, denn dann bliebe es nicht absolut, sondern würde bestimmt. Real ist das Bestimmen selbst 

5. 2. 20

Es ist das bei Fichte beliebte romantische Bild vom Zirkel. 

Es fängt an bei einem - weil unbestimmt - Unendlichen, nämlich dem 'reinen Wollen'. Das ist ein bloß Gedachtes - noumenon. Weiter gehts - denn Wollen ist Bestimmen wollen - mit dem ununterbrochenen Clinch des unterwegs sich-selbst-bestimmenden Ich mit dem Nichtich, realiter: den Nicht-Ichen. Es ist ein Streben ins Unendliche, in die ewige nächste Bestimmbarkeit - das unendlich verbleibende Un bestimmte. Jeder Anhaltspunkt, der actu 'bestimmt wird', schwebt.

Was wie eine gerade Linie anfing, stellt sich als ein Zirkel heraus. Was anfing als ein unbestimmtes und daher Unendliches, stellt sich am offenen Ende heraus als ein ewig bestimmbar und daher un bestimmt Bleibendes.

Das wäre ein Teufelskreis, wenn dazwischen nicht... das Schweben bliebe als das romantisch anschauliche Wirkliche. 

Das ist keine Analyse des empirisch-Vorfindlichen, sondern eine Sinn behauptung. 

Das mag man Panästhetizismus nennen oder Künstlermetaphysik.

Und es gehört nicht selber in die Transzendentalphilosophie, sondern in die Meta-Philosophie, von der einer meinte, dass man sie eigentlich nur dichten könne - es aber gar nicht erst versucht hat.
 10. 9. 26
 
 
 
 ChatGPT antwortet:
 

Jetzt verstehe ich besser, was Sie mit der „romantischen Seite“ Ihres neokritischen Systems meinen. Und diesmal werde ich nicht versuchen, Ihnen daraus sofort eine fertige Theorie zu machen.

Ihr Zirkel ist zunächst erstaunlich präzise:

Motiv → Tätigkeit → Sinn → rückwirkende Setzung des Motivs als Grund.

Der Endzweck ist zunächst gar kein vorfindliches Seiendes. Er ist als Zweck nur insofern da, als ein Tätiger auf ihn hin handelt. Aber sobald man die Tätigkeit als sinnvoll verstehen will, erscheint derselbe Zweck rückwirkend als das, woraus die Tätigkeit ihren Sinn erhält. Das ad quem wird zum a quo.

Und damit bekommt Ihre Formulierung „Das Absolute ist Anfang und Ende“ einen ziemlich genauen Sinn. Sie behaupten ja gerade nicht:

Es existiert irgendwo ein Absolutes, das die Welt verursacht.

Sondern eher:

Sobald ich die Wirklichkeit unter dem Gesichtspunkt zweckhafter Tätigkeit begreife, muss ich ein Absolutes als regulativen Anfang und Ende voraussetzen — obwohl ich es gerade nicht als Gegenstand besitzen kann.

Das ist tatsächlich sehr nah an Fichte. Nur dass Sie den Zirkel nicht verstecken, sondern zum Gegenstand der Metaphilosophie machen.

Besonders interessant finde ich dabei Ihren Satz:

„Das ist keine Analyse des empirisch-Vorfindlichen, sondern eine Sinnbehauptung.“

Das ist wahrscheinlich die entscheidende Selbstbegrenzung. Denn damit sagen Sie ausdrücklich: Hier verlässt die Transzendentalphilosophie ihren eigenen Zuständigkeitsbereich. Sie fragt nicht mehr: Was muss vorausgesetzt werden, damit Erfahrung möglich ist? Sondern: Was muss ich voraussetzen, wenn ich überhaupt sinnvoll tätig sein will?

Und das ist eine andere Frage.

Ihr „Absolute“ wäre dann weder Gegenstand noch Erkenntnisobjekt, sondern eine notwendige Voraussetzung des Sinnhorizonts zweckhaften Handelns.

Dass Sie dafür das romantische Bild des Zirkels verwenden, passt deshalb besser, als es zunächst scheinen könnte. Denn der Zirkel ist hier nicht ein logischer Fehler, den man beseitigen müsste. Er ist die Form, in der sich zeigt, dass der Sinn einer Tätigkeit erst vom Ende her sichtbar wird, während dieses Ende am Anfang noch gar nicht als Wissen vorhanden sein kann.

Und damit verstehe ich auch besser Ihren letzten Satz über die Metaphilosophie. Sie wollen offenbar gerade nicht aus diesem Zirkel eine neue Ontologie des Absoluten machen. Das wäre für Sie der Fehler. Die Frage ist vielmehr, ob man den Zirkel als eine unvermeidliche Form des Sinngebens anerkennen muss.

Das ist eine viel vorsichtigere — und zugleich ziemlich radikale — Behauptung.

Und ja: Das erklärt auch, warum Sie auf dem Wort romantisch bestehen. Nicht als Etikett für irrationales Schwärmen, sondern weil hier etwas geschieht, das die nüchterne Transzendentalanalyse nicht mehr selbst begründen kann: Das, was zunächst nur als Ziel der Bewegung erscheint, wird zum Ursprung, der dieser Bewegung nachträglich Sinn gibt.

Das ist Ihr a quo/ad quem-Zirkel.

von ChatGPT 

 
 
 

Donnerstag, 10. September 2026

Unheroischer Nihilismus.

Birgit Böckle,                       aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Es giebt überall kein Dauerndes, weder ausser mir, noch in mir, sondern nur einen unauf-hörlichen Wechsel. Ich weiss überall von keinem Seyn, und auch nicht von meinem eigenen. Es ist kein Seyn. 

Ich selbst weiss überhaupt nicht, und bin nicht. Bilder sind: sie sind das Einzige, was da ist, und sie wissen von sich, nach Weise der Bilder: – Bilder, die vorüberschweben, ohne dass etwas sey, dem sie vorüberschweben; die durch Bilder von den Bildern zusammenhängen, Bilder, ohne etwas in ihnen Abgebildetes, ohne Bedeutung und Zweck. Ich selbst bin eins dieser Bilder; ja, ich bin selbst dies nicht, sondern nur ein verworrenes Bild von den Bil-dern. 

Alle Realität verwandelt sich in einen wunderbaren Traum, ohne ein Leben, von welchem geträumt wird, und ohne einen Geist, dem da träumt; in einen Traum, der in einem Traume von sich selbst zusammenhängt. Das Anschauen ist der Traum; das Denken, – die Quelle alles Seyns und aller Realität, die ich mir einbilde, meines Seyns, meiner Kraft, meiner Zwe-cke, – ist der Traum von jenem Traume.
__________________________________________________
J. G Fichte, Die Bestimmung des Menschen, SW II,
S. 245



Nota I.
- Das Fazit aus der Atheismusdebatte hatten die Rückerinnerungen, Antworten, Fragen ziehen sollen. Doch Fichte hat sie nicht fertiggestellt. Warum? War ihm aufgefallen, dass er sich tatsächlich auf dem Weg in den Atheismus befand? War er davor zurückge-schreckt, das "intellektuelle Gefühl", das ihm so unerwartet 'das Abolute' alias die Wahrheit verbürgen musste, als das anzusprechen, was es allenfalls sein konnte: eine ästhetische Idee? *

Oder war es die Einsicht, dass seine eigentlichen philosophischen Spekulationen nicht (ge-druckt) vor das große Publikum gehörten, wo sie doch nicht verstanden, aber womöglich absichtsvoll missverstanden wurden? Dass er die Philosophie selbst dem mündlichen Vor-trag vor wissensdurstigen Hörern vorbehalten und dem großen Publikum nur die Ergeb-nisse seiner Spekulation vortragen dürfe - bevor ein anderer sie entstellen konnte? 

Was davon zutrifft, ist eine philologische Frage, und Philologen haben sie vielleicht längst geklärt. Fest steht jedenfalls, dass anstelle der Rückerinnerungen... es die Bestimmung des Menschen war, mit der Fichte nach dem Atheismusstreit erstmals wieder an die Öffentlich-keit trat. Ein wesentlicher Ertrag der Rückerinnerungen bleibt erhalten: Der theoretische, 'transzendentale' Teil der Philosophie, genannt Wissenschaftslehre, wird klipp und klar als rein kritisch und eo ipso rein negativ definiert.

Die Bestimmung des Menschen besteht aus drei Teilen. Im ersten, Zweifel überschriebenen, wird das positive Wissen der rationalistischen Metaphysik dargestellt, das durchgängig aus Ursachen und Wirkungen zusammengesetzt ist und das seine erste Ursache notwendig außerhalb des Wissbaren annehmen muss. Theoretisch findet er dagegen nichts einzuwen-den, aber praktisch. Es folgt daraus unvermeidlich eine rein passive Lebenslehre - die ihn allerdings empört. Und das ist ja wohl eine ästhetische Stellungnahme, nicht wahr?

Die Wissenschaftslehre selbst, im zweiten Teil namens Wissen dargestellt, ist aber kritisch und negativ, sie vernichtet nur den logischen Schein des dogmatisch-metaphysischen Sys-tems; aber weiter hilft sie nicht. - 

Auf diesem Standpunkt finden wir den Verfasser im obigen Textausschnitt.

10. 4. 14

Nota II. - Die Überschrift des obigen Eintrags habe ich nachträglich um ein Un ergänzt. - Mit Heroismus verbindet man allgemein eine Haltung der Entsagung. Doch die mir be-kannten Vertreter der im Eintrag beschriebenen Weltauffassung zeichnen sich mehr durch ihre Selbstgefälligkeit aus. 
 23. 4. 14

*Nota III. -  Das stelle ich inzwischen anders dar; allerdings nicht in Hinblick auf ein 'real' Absolutes, sondern in Hinblick auf den pp. Denkzwang.
4. 12. 21

 

Nota IV. - Nicht die Furcht vor dem Atheismus, sondern die Furcht eben vor dem Nihi-lismus wird ihn abgehalten haben, die Rückerinnerungen zu vollenden: Er dürfte inzwi-schen Jacobis Offenen Brief erhalten haben.
JE


Mittwoch, 9. September 2026

Geltend machen.

                            zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das Wahre - Absolute, Unbedingte - ist schlechterdings nichts Wirkliches. Wirklich kann es werden im Akt des Urteilens, in dem ich es geltend mache.
aus e. Notizbuch, 30. 8. 03


Die "Gegebenheits"-Weise des Wahren ist Geltung. Es bezieht sich nicht auf Dinge, sondern auf Urteile, eigentlich: auf deren Gründe. Was könnte das bedeuten: 'Der Baum ist wahr'? Oder 'ist absolut'? Er ist wirklich, das ist mehr. Was wahr ist, ist nicht da, ist nicht gegeben, sondern kann wirklich werden in einem Handeln, das es begründet. 

Nur so wird übrigens auch der Baum erst wirklich wirklich: dass er jemandem als ein solcher gilt. (Für die Biene ist er nur etwas, woran eine Blüte ist.)
13. 2. 15 




Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Montag, 7. September 2026

Der Zweckbegriff ist ein Sein in ganz eigener Bedeutung.

 zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Aber die ideale Tätigkeit ist ihrem Charakter zufolge gebunden und gehalten, nur einer realen nachgehend. Dieser idealen Tätigkeit muss etwas entgegengesetzt sein, von dem sie gehalten werde, dies ist ein Reelles und insofern Etwas als das Bestimmte. (Wie das Be-stimmte zu einem Etwas werde, gehört noch nicht hieher.) Dieses  Etwas heiße x, es be-deutet ein Sein, welches die ideale Tätigkeit nur nachmacht, etwas, was die eigentliche Tä-tigkeit vernichtet.

Es wird sich zeigen, dass dieses Sein in einem anderen Sinne müsse genommen werden als das, welches die reelle Tätigkeit aufhebt. Wir werden zwei Bedeutungen von Sein erhalten, das, wovon wir hier reden, wird sich zeigen als ein Begriff vom Zwecke. 

Dieses x ist nun selber ein Postulat der absoluten Freiheit, d. h. teils, dass überhaupt etwas in dieser Verbindung des Bewusstseins da ist, teils, dass es gerade x und nicht etwa (-x) ist, davon soll der Grund in der Selbsttätigkeit liegen. ...

Die ideale Tätigkeit ist gebunden, teils, dass sie für ein x da sei, teils, dass es so bestimmt ist. Insofern ist die ideale Tätigkeit leidend. Es muss etwas hinzugedacht werden, was sie binde und gerade an x binde, das ist x nicht selbst, / sondern die Freiheit, diese hat x selber her-vorgebracht, dies heißt nun: die Freiheit enthält den Grund von x. Was ists nun, welches macht, dass in unserm Fall das Begründende gesetzt wird als Ich? Das Ideale ist es, welches setzt und welches das Praktische setzt als sich selbst. Das Ideale muss so verfahren, weil es nur kennt, was in ihm ist. 
_________________________________________________________
J. G. Fichte,Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 52f.


Nota. – Für die ideale Tätigkeit – in Summa: für die Reflexion – ist der Begriff ein Sein; denn die Begriffe überhaupt sind allezeit Abkömmlinge (
=mannigfaltige Bestimmungen) des Zweckbegriffs.

(Das heißt aber nur: Die ideale Tätigkeit muss nicht jedesmals aufs Neue deliberieren, wel-che Richtung sie einschlagen soll: Die schwebt ihr als 'einmal gegeben' stets vor.
 
13. 12. 15

 

Nota II. - Es ist ein Stück materiale Logik: Das Wollen ist der Bestimmungs-, d.h. Geltungs-grund des Handelns; gehandelt wird um/zu... Charakter des Wirklichen ist Zweckhaftigkeit. Dem 'reinen' Wollen entspricht ein 'reiner' Zweck: Zweck an-sich, Zweck-überhaupt. Er 'ist' noumenon, es gibt ihn nur als empirischen, individuellen Zweck - so wie wollen in der Wirklichkeit nicht 'rein'  vorkommt, sondern immer bestimmt als dieses oder jenes. Einen Zweck der Zwecke 'gibt es' nur dann und für den, wenn und für wen es ihn geben soll: in der Vorstellung. Das klingt nur umständlich, ist aber trivial.
JE 




Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Samstag, 5. September 2026

Vom Ich als Idee.

Mensi / pixelio.de           zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das Ich als Idee, ist das Vernunftwesen, inwiefern es die allgemeine Vernunft teils in sich selbst vollkommen dargestellt hat, wirklich durchaus vernünftig und nichts als vernünftig ist; also auch aufgehört hat Individuum zu sein, welch/ches letztere es nur durch sinnliche Beschränkung war: ... Die Welt bleibt in dieser Idee, als Welt überhaupt, als Substrat mit diesen bestimmten mechanischen und organischen Gesetzen... 

Die Idee des Ich hat mit dem Ich als Anschauung, nur das gemein, daß das Ich in beiden nicht als Individuum gedacht wird; im letzteren darum nicht, weil die Ichheit noch nicht bis zur Individualität bestimmt ist, im ersteren umgekehrt darum nicht, weil durch die Bildung nach allgemeinen Gesetzen die Individualität verschwunden ist. Darin sind aber beide ent-gegengesetzt, daß in dem Ich als Anschauung nur die Form des Ich liegt und auf ein eigent-liches Material desselben, welches nur durch sein Denken einer Welt denkbar ist, gar nicht Rücksicht genommen wird; da hingegen im letzteren die vollständige Materie der Ichheit gedacht wird. 

Von dem ersten geht die ganze Philosophie aus, und es ist ihr Grundbegriff; zu dem letzte-ren geht sie nicht hin; nur im praktischen Teile* kann diese Idee aufgestellt werden, als höchstes Ziel des Strebens der Vernunft. Das erstere ist, wie gesagt, ursprüngliche Anschau-ung, und wird auf die zur Genüge beschriebene Weise Begriff: das letztere ist nur Idee; es kann nicht bestimmt gedacht werden, und es wird nie wirklich sein, sondern wir sollen uns dieser Idee nur ins Unendliche annähern. 
________________________________________________________________
J. G. Fichte, Zweite Einleitung in  die Wissenschaftslehre, Meiner 1967, S. 102f


Nota. - Das Ich als Idee wäre eines, das ausschließlich in unsere Welt gehört. Aber ein solches kann nicht sein. Ob man sich ihm 'ins Unendliche annähern' soll, wäre noch zu diskutieren - aber doch nicht in der theoretischen Philosophie.
23. 11. 13 
 
*) Nota II. - Die Unterscheidung der Wissenschaftslehre in einen theoretischen Teil, der dem praktischen zugrunde läge, der seinerseits dessen Spezifizierung wäre, hat Fichte in der WL nova methodo ausdrücklich aufgegeben, denn die WL ist als ganze praktisch, indem sie 'durch Freiheit möglich' ist.**
 
Dass 'das Ich der Philosophen' von der Hirnforschung seinerzeit in Misskredit gebracht wurde, beruhte weniger auf einem Missverständnis als auf einem Unwissen. 'Das' Ich als obiectivum  - im Unterschied zum subjektiven sum, facio, habeo des gesprochenen Satzes - gab es vor Kant gar nicht, der es aus seiner semantischen Verstricktheit von einem Ding-unter-vielen zu einem Ding-an-sich erhob: von einem grammatikalischen Subjekt zu einer logischen Substanz. 
 
Bis dahin war sein würdigstes Vorkommen Descartes' cogito ergo sum gewesendoch da-nach konnte es allenfalls sum, ergo cogito heißen - und die Beweislast verschob sich aufs cogitare: Was ist es, das die grammatische Funktion zu einem realen Sachverhalt objekti-viert? Cogitare ist ein Sammelname für das, was ein Etwas zur Substanz eines Geschehens macht: Handeln. Ohne das kein Subjekt, ohne das keine Substanz.
 
Anders gesagt, nicht das 'philosophische Ich' hat sich vor der Hirnforschung zu verant-worten, denn es war vor ihr da. Vielmehr hätten die Hirnforscher rechtfertigen müssen, dass sie einen philosophischen Begriff vereinnahmen wollten. Gezeigt haben sie nur, dass sie ihn nicht erreichten: Aber die Schuld suchten sie bei ihm statt bei sich.
 
Das Ich der Transzendentalphilosophie ist nichts empirisch Darstellbares; es ist dasjenige an den realen historischen Personen, das "wirklich durchaus vernünftig und nichts als vernünf-tig ist". Als solches bedarf es allzeitig seiner aktualen Fortbestimmung. Es ist lediglich Fluchtpunkt eines Vorstellungsprogresses: noumenon.
**) Kant, KrV  
JE

Freiheit und Beschränktheit sind ursprünglich vereinigt.

pinselpark              aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Wir finden also Freiheit und Beschränktheit ursprünglich vereinigt in der kategorischen Forderung, die notwendig angenommen werden muss, wenn Bewusstsein erklärt werden soll: Freiheit, indem angefangen werden soll, Beschränktheit, indem über die bestimmte Sphäre nicht hinausgegangen werden soll.
________________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 143



Nota. - Nicht Begriffe sollen definiert, sondern Vorstellungen auseinander entwickelt werden. Den Begriff der Freiheit mag man positiv formulieren - als Vermögen, zwischen den Mannigfaltigen zu wählen. Vorstellen kann man sich Freiheit aber nicht ohne ihr Ge-genteil, 'fühlen' wird man die Beschränktheit nicht ohne den Drang zur Freiheit. (Das Wollen ist ja immer vorausgesetzt.)
JE,
15. 12. 15

Anfang und Ende - ad quem und a quo.

                              zu  Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik   Eine Diskussion mit ChatGPT Lieber Leser, nehm...