dreamstime zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Im System gibt es keine Zeit. Aber aus dem System der Vorstellung soll eine Zeit, die ja selber eine Vorstellung ist, entstehen. Die Aporie ist Fichte nicht entgangen. Nicht aus dem Setzen soll daher die Zeit entstehen, da geschieht idealiter alles gleichzeitig; sondern durch das Deliberieren: das Abwägen und Wählen aus mannigfaltigen Möglichkeiten. In diesem retardierenden Moment geschieht nichts – und gerade das dauert.
– Die Hirnphysiologen
haben – das ist nun aber auch schon eine Weile her – aus dem Um-stand,
dass jeder Zustand des Gehirns unvermeidlich auf einen und aus einem
vorhergehen-den Zustand folgt, ohne dass ein Zentralorgan namens Ich
eingriffe, auf die Determiniert-heit unseres Willens geschlossen und die Freiheit bestritten. Eine wichtige Rolle spielte da-bei das Libet-Experiment: Zwischen dem Moment, in dem im Gehirn nachweislich die Be-reitschaft zu einer bestimmten Handlung x
getroffen ist, und dem Beginn ihrer Ausführung vergeht offenbar eine
Denkpause von einer Fünftelsekunde. In dieser Spanne könnte – seitens
desselben Gehirns! – noch der Einspruch geschehen: Nein, tu das nicht! Dieser neu-erdings experimentell wieder bestätigte Versuch gibt der Freiheit noch eine ganz kurze, aber dadurch umso größere Chance: Der Mensch kann nein sagen! Nachdem er sie nämlich zum Überlegen genutzt hat.
Nach Fichte nun liegt in diesem
Moment des Deliberierens – ganz allgemein: des Überge-hens vom
Bestimmbaren zum Bestimmten – nicht nur die (einzige) Realität der
Freiheit, sondern überdies die Entstehung der Zeit: der Übergang aus der idealen Tätigkeit ins Sinn-liche. In specie geht die Zeit hervor aus unserm Wollen, soweit es ursprünglich als rein an-genommen wird: Dass wir wollen, ist gewissermaßen das einzige Apriori, das die Wissen-schaftslehre 'an sich' gelten lässt. Doch das bestimmbare Wollen muss erst bestimmt wer-den: Man kann immer nur dieses wollen. Die Auswahl aus den unendlich vielen Handlungs-möglichkeiten, alias das 'Entwerfen eines Zweckbegriffs', dauert.
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Was ist daran der Scherz?
Wann
immer man in der Transzendentalphilosophie einen Begriff antrifft, der
sich wie in einem Wörterbuch unmittelbar in einen Begriff der Erfahrung
übersetzen lässt – oder andersrum –, ist Vorsicht geboten. Es ist fast
immer eine Bananenschale.
31. 12. 15
Nachtrag. -
Einen Fehler habe ich bis heute nicht daran gefunden. Es bleibt dabei: Es ist
eine äußere Analogie, die für sich allein gar nichts beweist. Aber sie
ist verblüffend und witzig. Das
allein sollte dazu animieren, die dahinterliegende Philosophie
genauer zu prüfen. In ebendem Sinn gebe ich sie hier zum Besten.
13. 6. 18





