thehollyjollycupcake zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete VernunftkritikSoweit die reine Form,
die ökonomische Seite des Verhältnisses
betrachtet wird – der Inhalt ausserhalb dieser Form fällt hier
eigentlich noch
ganz ausserhalb der Oekonomie, oder ist als von dem ökonomischen
unterschiedner natürlicher Inhalt gesezt, von dem gesagt wer-den kann,
daß er noch
ganz von dem ökonomischen Verhältniß getrennt ist, weil er noch
unmittelbar mit ihm zusammenfällt – so treten nur 3 Momente hervor, die
formell unter-schieden sind: Die Subjekte des Verhältnisses, die
Austauschenden; in derselben Bestim-mung gesezt; die Gegenstände ihres
Austauschs, Tauschwerthe, Equivalente, die nicht nur gleich sind,
sondern ausdrücklich gleich sein sollen und als gleich gesezt sind;
endlich der
Akt des Austauschs selbst, die Vermittlung, wodurch die Subjekte eben
als
Austauschende, Gleiche, und ihre Objekte als Equivalente, gleiche gesezt
werden.
Die Equivalente sind die Vergegenständlichung des einen Subjekts
für andre; d. h. sie selbst sind gleich viel werth und bewähren sich im Akt
des Austauschs als Gleichgeltende und zu-gleich als Gleichgültige gegen /
einander. Die Subjekte sind im Austausch nur für einander durch
die
Equivalente, als gleichgeltende und be-währen sich als solche durch den
Wechsel der Gegenständlichkeit, worin das eine für andre ist. Da sie nur
so
als Gleichgeltende, als Besitzer von Equivalenten, und Bewährer dieser
Equivalenz im Austausche für einander sind, sind sie als Gleichgeltende
zugleich Gleichgültige gegen einander; ihr sonstiger indi-vidueller
Unterschied geht sie nichts an; sie sind gleichgültig gegen alle ihre
sonstigen
in-dividuellen Eigenheiten.
Was nun den Inhalt
angeht ausserhalb dem Akt
des Austauschs, der sowohl Setzen als Be-währen der Tauschwerthe, wie
der
Subjekte als Austauschender ist, so kann dieser Inhalt der ausserhalb
der
ökonomischen Formbestimmung fällt, nur sein: 1) Die natürliche
Beson-derheit der Waare, die ausgetauscht wird. 2) Das besondre
natürliche
Bedürfniß der Austau-schenden, oder beides zusammengefaßt, der
verschiedene Gebrauchswerth der auszutau-schenden Waaren.
Dieser der Inhalt
des Austauschs, der ganz ausserhalb seiner ökonomischen Bestimmung
liegt,
so weit entfernt die sociale Gleichheit der Individuen zu gefährden,
macht
vielmehr ihre natürliche Verschiedenheit zum Grund ihrer socialen
Gleichheit. Wenn das Individuum A dasselbe Bedürfniß hätte wie das
Individuum
B und in demselben Gegenstand seine Arbeit realisirt hätte, wie das
Individuum B, so wäre gar keine Beziehung zwischen ihnen vorhanden; sie
wären gar nicht verschiedne Individuen, nach der Seite ihrer Production
hin
betrachtet.
Beide haben das Bedürfniß zu athmen; für beide existirt die Luft
als Atmosphäre; dieß bringt sie in keinen socialen Contact; als athmende
Individuen stehn sie nur als Naturkörper zu einander in Beziehung, nicht als
Personen. Die Verschiedenheit ihres Bedürfnisses und ihrer Production giebt
nur den Anlaß zum Austausch und zu ihrer socialen Gleichsetzung in ihm;
diese natürliche Verschiedenheit ist daher die Voraussetzung ihrer socialen
Gleich-heit im Akt des Austauschs und dieser Beziehung überhaupt, worin
sie zu einander als pro-ductiv treten.
Nach dieser natürlichen
Verschiedenheit
betrachtet ist das Individuum [A] als Besitzer eines Gebrauchswerths für
B,
und B als Besitzer eines Gebrauchswerths für A. Nach dieser Seite sezt
die
natürliche Verschiedenheit sie wieder wechselseitig in das Verhältniß
der
Gleichheit. Demnach sind sie aber nicht gleichgültig gegen einander,
sondern
integriren sich, bedürfen einander, so daß das Individuum B als
objectivirt
in der Waare ein Bedürfniß für das Indivi-duum A ist und vice versa; so
daß
sie nicht nur in gleicher, sondern auch in gesellschaftli-cher Beziehung
zu
einander stehn. Dieß ist nicht alles. Daß das Bedürfniß des einen durch
das
Product des andren und vice versa befriedigt werden kann, und der eine
fähig
ist den Gegenstand dem Bedürfniß des andren zu produciren und jeder dem
andren als Eigenthü-mer des Objekts des Bedürfnisses des andren
gegenübersteht, zeigt, daß jeder als Mensch über sein eignes besondres
Bedürfniß /
etc übergreift, und daß sie sich als Menschen zu einander verhalten; daß ihr
gemeinschaftliches Gattungswesen von allen gewußt ist.
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.1. 165ff. [MEW 42, S. 167f.]
Nota. -
Allah hat seinem Propheten die Verse des Korans durch den Erzengel
Gabriel di-rekt auf die Zunge legen lassen. Marx war kein Prophet,
sondern Wissenschaftler, in den Grundrissen sehen wir zu, wie er progressiv seine Gedanken klärt und um die darauf pas-senden Wörter ringt. Er 'kokettiert'
dabei nicht nur mit Hegels 'eigentümlicher Ausdrucks-weise', sondern
bedient sich einstweilen seiner Begriffe, um seine Gedanken überhaupt
auf dem Papier festhalten zu können.
Der Inhalt falle 'noch
ganz außerhalb der Ökonomie', heißt es hier; deren Gegenstand sei
lediglich die Form. Natürlich meint er die Politische Ökonomie,
in der er noch ganz befan-gen ist, noch weiß er nicht, was am Ende seiner
Untersuchung stehen wird: Eben dies war ja die Mystifikation der Politischen Ökonomie, dass sie vorgab, das reale Geschehen der ge-sellschaftlichen Reproduktion als bloße Form darstellen und den historischen 'Stoff' links liegen lassen zu können. Diese Erkenntnis reift erst langsam ab Heft IV der Grundrisse, und schließlich wird Marx die Kritik der Politischen Ökonomie in dem Satz zusammenfas-sen, dass bei ihm der Gebrauchswert 'eine ganz anders wichtige Rolle spielt als in der bis-herigen Ökonomie'.
Und auch der
Hegeljargon wird übrigens ab Heft IV immer seltener, jedenfalls braucht
er ihn nicht mehr zur Selbstverständigung. Dies hatte die Politische
Ökonomie nämlich mit dem Hegel'schen System gemein: dass sie den Begriffen, die
doch nichts als mehr oder weniger passende Namen für mehr oder minder
bestimmte Vorstellungsakte sind, eine eigene Wirklichkeit und Wirksamkeit zuschreibt. In den Grundrissen
erleben wir mit, wie Marx sich nach und nach von diesem metaphysischen
Sparren freimacht. Das fängt damit an, dass er, wie an obiger Stelle,
die Hegel'schen Begriffe kritisch, nämlich gegen die Be-griffe der Politischen Ökonomie ausspielt. Sie gehen schließlich beide daran zu Bruch.
JE, 29. 2. 16

