Mittwoch, 2. September 2026

Alles Beweisen geht aus von einem Unbewiesenen.

                          aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Alles Beweisen geht aus von einem Unbewiesenen. Was heißt beweisen? Es heißt doch wohl bei dem, der sich einen deutlichen Begriff davon macht, die Wahrheit eines Satzes an einen andern anknüpfen. Ich leite die Wahrheit eines Satzes auf einen anderen über. 

Wenn aber dies Beweisen heißt, so muss es in den Menschen eine Wahrheit geben, welche nicht bewiesen werden kann und die keines Beweises bedarf, von der aber selbst alles ande-re abgeleitet wird; sonst gibt es keine Wahrheit, und wir werden ins Unendliche getrieben.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 27

 

 

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Dienstag, 1. September 2026

Das Vernunftwesen ist ein Körper, der durch Freiheit bestimmbar ist.

  Myron                                      zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Dieses Vernunftwesen ist Körper, weil es als wirksam erscheint, sein Körper ist bestimm-bar durch Freiheit; so fällt er mir aus, weil ich angenommen habe, es sei ein freies Wesen. Er ist modifizierbar ins Unendliche.

Nun ist Materie nur durch Teilung und Bewegung modifizierbar, hierin müsste also eine Modifikabilität ins Unendliche bestehen. Es müsste selber darin bestehen, dass es von der Freiheit abhinge, was als Teil und was als Ganzes betrachtet werden sollte; dass jedem Teile eine eigne und eine mit dem Ganzen gesetzte Bewegung zugehöre; dass er artikuliert sei. Dies findet sich in der Erfahrung, von dieser Eigenschaft hängt alle Wirksamkeit in der Sinnenwelt ab.
__________________________________________________________________________J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 235

 

Nota I. - Das Vernunftwesen ist nicht teils Körper, teils Vernunft, sondern: Es ist als gan-zes 1. Körper wie jeder andere; 2. wirkt es in der Sinnenwelt, wie alle andern Tiere; 3. es wirkt als Ganzes, denn es ist, wie die Tiere, artikuliert; 4. sein Wirken wird qua Artikulation bestimmt durch Freiheit: das unterscheidet es von den Tieren und macht es zum Vernunft-wesen.

Das ist keine Zusammensetzung aus Mannigfaltigen, sondern eine sukzessiv durchgängige Bestimmung; nicht dieses wird jenem angefügt, sondern dieses erfolgt aus jenem.

Nota II. - Bei den Begriffen handelt es sich bekanntlich nicht um Bestimmtheiten der Sa-chen selbst, sondern um Bestimmungen, die die Vorstellung vornimmt, sobald sie auf sich reflektiert. 
14. 11. 21

 

Nota III. - Nicht, weil wir Vernunftwesen sind, ist uns Vernunftkritik schließlich geboten, sondern weil wir, bevor wir Vernunftwesen wurden, artikulierte Körper waren. Wir kom-men unvermeidlich irgendwann an den Punkt, wo wir uns fragen müssen, ob die Vernunft, die wir uns zugelegt haben, dasjenige ist, was uns als artikulierten Körpern frommt. Das eine ist nicht das andere, aber dieses ist aus jenem hervorgegangen und nicht jenes aus diesem. Unsere Venünftigkeit besteht nämlich darin, dass wir unsere Körper aus Freiheit selber artikulieren. Das ist derjenige Nexus, der in Frage steht. Wir brauchen die Freiheit, um unsere Vernunft zu erklären. Doch sie selber erklären können wir nicht, denn dann wäre sie keine Freiheit.

Was wäre, wenn wir am kritischen Punkt auf die Vernunft verzichtet hätten? Dann bräuch-ten wir nichts zu erklären, weil es nichts zu erklären gäbe.
JE 

Montag, 31. August 2026

Fundamentalhumor.


Ein Ich kann sich nicht anders begegnen, als wenn es aus sich heraus und neben sich tritt und sich zuschaut. Damit nimmt, wenn sie will, die Vernunft ihren Lauf und damit beginnt Alles.  

Das ist in der Wirklichkeit jedoch nicht möglich, wohl aber in der Vorstellung. Die Vernunft hat ihren Grund nur so als ob. Ohne sie bringe ich es in der Welt nicht weit, und mich selbst finde ich nie. Ohne Humor geht es nicht.

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Sonntag, 30. August 2026

Das Ich auf frischer Tat ertappen.

fotocommunity                    zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik  

Das Ich selbst macht durch sein Handeln das Objekt; die Form seines Handelns ist selbst das Objekt, und es ist an kein anderes Objekt zu denken. Dasjenige, dessen Handelsweise notwendig ein Objekt wird, ist ein Ich, und das Ich selber ist nichts weiter als ein solches, dessen bloße Handelsweise ein Objekt wird. Handelt es mit seinem ganzen Vermögen - man muss sich wohl so ausdrücken, um sich überhaupt ausdrücken zu können -, so ist es sich selbst Objekt; handelt es nur mit einem Teile desselben, so hat es etwas, das außer ihm sein soll, zum Objekte. 

Sich selbst in dieser Identität des Handelns und Behandeltwerdens - nicht im Handeln, nicht im Behandeltwerden, sondern in der Identität beider - ergreifen und gleichsam auf der Tat überraschen, heißt das reine Ich ergreifen und sich des Gesichtspunkts der transzenden-talen Philosophie bemächtigen. 

Dieses Talent scheint manchem ganz und gar versagt zu sein. Wer beides nur einzeln und abgesondert sehen kann und auch, wenn er sich Mühe gibt, den angezeigten Gedanken immer nur so, wie es sich trifft, entweder als das Tätige oder als das Objekt der Tätigkeit ergreift, erhält durch beide in ihrer Absonderung ganz widersprechende Resultate, die nur scheinbar vereinigt werden können, weil sie es nicht gleich vom Anfange an waren. 
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J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 23


Nota. - Was da nur so rumliegt, ist kein Objekt. Es ist Dingsbums: Bestimmbares und sonst nichts. Objekt wird es in dem Moment, wo ein Wollendes es zu bestimmen beginnt: es zu seinem Objekt macht. Ebensowenig ist ein Wollendes ein Subjekt, bevor es nicht etwas zu bestimmen beginnt. Es fängt Alles immer mit einer Tat an; und es muss Alles erst einmal anfangen.
JE, 11. 3. 21

Samstag, 29. August 2026

Der Zirkel schließt sich.

 alamy                                zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Ich sehe die Nähe zu Lenin und namentlich den späteren stalinistischen Lohnschrei-bern weniger eng, als zu Leo Trotzki und auch zu Rosa Luxemburg. JE

Ja — das scheint mir eine wichtige Korrektur. Wenn man nicht nach terminologischen Ähnlichkeiten, sondern nach der inneren Form des Motivs fragt, ist die Nähe zu Trotzki und Rosa Luxemburg tatsächlich plausibler als zu einem späteren stalinistischen Avantgarde-Begriff.

Denn bei Fichte ist entscheidend, dass die Bildungselite nicht an die Stelle des zu befreienden Subjekts treten darf. Ihr Zweck ist gerade, dessen eigene Selbsttätigkeit hervorzubringen. Das ist etwas anderes als die nachträgliche stalinistische Rationalisierung einer dauerhaften politischen Führungs- und Herrschaftsinstanz.

Bei Rosa Luxemburg findet sich eine geradezu frappierende strukturelle Entsprechung: Sie misstraut der Vorstellung, dass eine zentralisierte Organisation der Klasse deren historische Selbsttätigkeit ersetzen könne. Die revolutionäre Organisation soll die Selbstbewegung der Massen organisieren und konzentrieren, nicht sie substituieren. Ihre Kritik an Lenin richtet sich genau gegen die Gefahr, dass aus der Avantgarde ein Organ wird, das der Klasse ihre eigene Bewegung vorschreibt.

Und bei Trotzki ist die Sache noch einmal anders, aber ebenfalls interessant. Die Avantgarde ist bei ihm diejenige Schicht, die den historischen Zusammenhang klarer erkennt und deshalb organisatorisch vorausgehen kann; aber ihr Sinn liegt darin, die Massen auf die Höhe ihrer eigenen geschichtlichen Aufgabe zu bringen. Das ist viel näher an dem von Ihnen rekonstruierten Fichte:

Vorausgehen, um andere zum eigenen Vorausgehen fähig zu machen.

Das wäre sogar eine ziemlich gute Kurzform des gemeinsamen Motivs.

Bei Fichte könnte man sagen:

Bildungselite → Bildung der Nation → Selbstregierung der Nation

Bei Luxemburg:

revolutionäre Organisation → Entfaltung der spontanen Selbsttätigkeit → Selbstemanzipation der Arbeiterklasse

Bei Trotzki:

revolutionäre Avantgarde → Führung und Konzentration der Klassenbewegung → politische Selbsttätigkeit der Massen

Der entscheidende Gegensatz zum Stalinismus wäre dann:

Avantgarde als Katalysator
gegen
Avantgarde als Ersatzsubjekt.

Und genau hier wird Ihre Fichte-Linie sehr interessant. Denn Fichte selbst formuliert die Sache geradezu als pädagogisches Paradox: Derjenige, der andere zur Freiheit führt, darf ihnen die Freiheit nicht abnehmen. Er muss Bedingungen herstellen, unter denen sie selbst tätig werden.

Das könnte erklären, warum Fichte als Motivquelle für eine bestimmte Tradition revolutionären Denkens interessanter ist, als die bloße Rede von „Autorität“, „Elite“ oder „Avantgarde“ vermuten lässt.

Und ein weiterer Punkt scheint mir wichtig: Rosa Luxemburg steht Fichte vielleicht sogar näher als Lenin, insofern bei ihr die Selbsttätigkeit der Massen nicht bloß ein politisches Mittel, sondern ein konstitutiver Bestandteil der Emanzipation selbst ist. Eine Emanzipation, die von außen organisiert und anschließend „übergeben“ wird, wäre begrifflich bereits widersprüchlich.

Das ist fast fichtisch formuliert:

Freiheit kann nicht verliehen werden; sie muss als eigene Tätigkeit hervorgebracht werden.

Wenn man diese Linie ernst nimmt, würde ich tatsächlich eher eine Achse Fichte → Luxemburg/Trotzki untersuchen als Fichte → Lenin → Stalin. Dabei wäre besonders spannend, ob sich die von Ihnen hervorgehobene Bildungselite bei Fichte in Luxemburgs Begriff der revolutionären Organisation tatsächlich strukturell wiederfindet — oder ob dort ein entscheidender Bruch liegt.

von ChatGPT 

Freitag, 28. August 2026

Das ewige Problem der Avantgarde.

                      zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das Motiv taucht bei den späteren Marxianern eben unter dem Namen Avant-gardepartei wieder auf... JE

Ja — und damit wird Ihre ursprüngliche Fichte–Marx-Spur sehr viel interessanter, wenn man sie nicht über Begriffe, sondern über das von Ihnen betonte Motiv verfolgt.

Die Parallele liegt meines Erachtens nicht darin, dass Lenin etwa „Fichteianer“ wäre. Sie liegt in einer bestimmten politischen Form des Bildungs- und Emanzipationsmotivs:

Die Allgemeinheit soll selbst zur Selbstbefreiung gelangen; dazu bedarf es zunächst einer besonderen Gruppe, die diese Fähigkeit bereits in höherem Maße besitzt und die Allgemeinheit zur eigenen Selbsttätigkeit befähigt.

Das ist etwas anderes als die Vorstellung einer herrschenden Elite.

Fichte

Bei Fichte könnte man die Struktur ungefähr so formulieren:

Freiheit ist universell → faktische Menschen sind noch nicht freiheitsfähig → eine gebildete Minderheit muss die Bedingungen der Bildung schaffen → diese Bildung soll schließlich alle zur Selbstherrschaft befähigen.

Die Pointe ist also gerade die Selbstaufhebung der Bildungselite.

Sie soll nicht für die anderen handeln, sondern dafür sorgen, dass die anderen selbst handeln können.

Lenin

Bei Lenin erscheint eine strukturell verwandte Konstellation unter völlig anderen historischen und theoretischen Voraussetzungen:

Proletariat hat objektiv das revolutionäre Interesse → spontane Arbeiterbewegung entwickelt aber zunächst kein hinreichendes revolutionäres Bewusstsein → eine besonders organisierte Gruppe revolutionärer Intellektueller muss Bewusstsein, Organisation und strategische Orientierung vermitteln → dadurch soll das Proletariat zum selbstbewussten politischen Subjekt werden.

Das ist genau die Stelle, an der der Begriff Avantgarde seine eigentliche Funktion bekommt.

Und hier liegt die überraschende Nähe:

Avantgarde bedeutet ursprünglich nicht: Stellvertreterherrschaft.

Sie bedeutet zunächst:

Vorsprung im Bewusstsein und in der Organisation, damit die Allgemeinheit diesen Vorsprung aufholen kann.

Natürlich kann daraus historisch sehr wohl eine Stellvertreterlogik und schließlich eine verselbständigte Parteiherrschaft werden. Aber das ist nicht identisch mit dem ursprünglichen emanzipatorischen Motiv.

Und damit wird die Fichte–Lenin-Parallele sogar präziser

Man könnte drei Stufen unterscheiden:

FichteMarxismus/Leninismus
gebildete EliteAvantgardepartei
Bildungrevolutionäres Bewusstsein
Erziehung zur SelbsttätigkeitOrganisierung zur politischen Selbsttätigkeit
BildungsanstaltPartei als Schule/Organisation
Volk soll sich selbst beherrschenProletariat soll sich selbst befreien
Elite soll sich überflüssig machenAvantgarde soll die Klasse zum selbständigen Subjekt machen

Das Entscheidende ist dabei nicht der Inhalt der Lehre, sondern die Struktur:

Emanzipation verlangt zunächst eine Asymmetrie des Bewusstseins, deren Zweck die Aufhebung eben dieser Asymmetrie ist.

Das halte ich für einen ausgesprochen fruchtbaren Gedanken.

Und vielleicht erklärt das auch etwas bei Marx selbst

Marx ist an dieser Stelle übrigens vorsichtiger als Lenin. Gerade deshalb würde ich die Linie nicht einfach „Fichte → Marx → Lenin“ nennen.

Bei Marx gibt es eine starke Skepsis gegenüber jeder selbsternannten pädagogischen oder politischen Elite, die sich an die Stelle der wirklichen Emanzipation setzt. Die berühmte dritte Feuerbachthese lautet ja gerade, dass die Umstände durch Menschen verändert werden müssen und der Erzieher selbst erzogen werden muss.

Das ist ein Motiv, das einer fichteschen Bildungshierarchie gewissermaßen die Spitze abschneidet:

Wer andere zur Freiheit erziehen will, kann sich selbst nicht außerhalb des Prozesses stellen.

Bei Lenin verschiebt sich das Verhältnis dann wieder zugunsten der organisierten Avantgarde.

Deshalb könnte man die Entwicklung sehr zugespitzt so formulieren:

Fichte:
Bildungselite → Erziehung → Selbstherrschaft

Marx:
Selbstveränderung der Menschen in der gesellschaftlichen Praxis

Lenin:
Avantgarde → Organisation/Bewusstsein → politische Selbstbefreiung der Klasse

Und genau dadurch wird Ihre Bemerkung über die Freimaurerei wichtig. Denn die soziale Form, die Fichte zunächst bei den Freimaurern sucht, ist bereits eine Art Vorform des späteren Avantgardemotivs: eine besondere Gemeinschaft soll einen höheren Bewusstseins- und Bildungsstand verkörpern und dadurch eine allgemeine Emanzipation ermöglichen.

Der eigentliche Bruch liegt dann vielleicht weniger zwischen Fichte und Lenin als zwischen zwei Lösungen des gleichen Problems:

Wie kann eine noch nicht selbstbestimmte Allgemeinheit zur Selbstbestimmung gebracht werden, ohne dass derjenige, der sie dazu befähigt, an ihre Stelle tritt?

Das ist eine sehr alte politische Frage. Fichte gibt darauf eine pädagogische, Lenin eine organisatorisch-politische Antwort.

Und gerade weil Sie von Motiven statt von Begriffsgeschichte sprechen, wäre das m.E. eine ziemlich starke Vergleichsachse.

von ChatGPT 

Denken Sie nicht, er redet mir zum Munde: Er hat das alles schon gewusst, bevor ich ihn gefragt habe - aber millionenfach zerstreut wie in einem natürlichen Gehirn. Doch damit er es zusammensucht und einen intelligiblen Text daraus redigiert, brauchte er meine Aufforderung. Es ist übrigens in seine Antworten auch manches eingegangen, das ich selbst ins Internet gestellt habe. Wenn wir das ein paar Millionen mal wiederholten, wäre es allerdings bedenklich; er würde zu einem Echo, das auch in andere Ohren schallt. Denn das, was er mir oben geantwortet hat, behält er, und wird es bei gegebener Gelegenheit wieder abspulen. 
JE 


Donnerstag, 27. August 2026

Fichtes Demokratismus und die Reden an die deutsche Nation.

                                 zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Die Elite, die ihm vorschwebt, soll die Deutschen nicht, wie Sie schreiben, beherrschen, sondern eben: zur Selbstherrschaft heranbilden. Ein solche Bildungselite, so hatte er gehofft, sei in der Freimaurerei bereits vorhanden. Anscheinend waren sie aber doch zu selbstgefällige Sektierer, denen ein Aktivist wie Fichte nur unheimlich war. Darum hat er in der Idee einer Nationalen deutschen Bildungsanstalt das Programm der späteren Landschulheime entwickeln, wo die ganze deutsche Jugend fern der bürgerli-chen Korruption erzogen werden sollte. JR

... und ich glaube, hier treffen Sie einen Punkt, der die Freimaurerfrage, die Atheismus-Affäre und die späteren Reden an die deutsche Nation viel enger miteinander verbindet, als es eine rein werkgeschichtliche Betrachtung nahelegt.

Fichtes „Demokratismus“ ist dabei ein besonders aufschlussreicher Ausdruck, weil er gerade nicht Gleichheit im politischen Sinne meint. Er meint zunächst die radikale Gleichheit der Menschen hinsichtlich ihrer Fähigkeit zur Freiheit und sittlichen Selbstbestimmung. Daraus folgt für ihn aber keineswegs, dass die Menschen jetzt schon zur politischen Selbstregierung befähigt seien.

Man könnte seine Position um 1800 ungefähr so rekonstruieren:

Alle Menschen sind zur Freiheit bestimmt; aber nur der Gebildete kann von seiner Freiheit vernünftigen Gebrauch machen.

Das erzeugt eine merkwürdige Spannung: universalistische Anthropologie + elitäre Pädagogik.

Der „Demokratismus“ ist bei Fichte ein Vorwurf und ein Programm zugleich

Wenn Fichte seinen Gegnern entgegenhält, sie nannten ihn Atheisten, während das, was sie eigentlich an ihm bekämpften, sein „Demokratismus“ sei, dann verteidigt er sich nicht etwa dadurch, dass er sagt: Nein, ich bin gar nicht für Demokratie.

Vielmehr lautet seine Pointe:

Ihr habt sogar recht, dass meine Philosophie demokratische Konsequenzen hat – aber ihr versteht diese Konsequenzen falsch.

Denn Fichte denkt Demokratie nicht als Ausgangszustand, sondern als Resultat eines Bildungsprozesses.

Das ist für ihn fundamental.

Der Mensch soll nicht einfach deshalb politisch selbstbestimmt sein, weil er Mensch ist. Er muss erst dazu gebracht werden, wirklich selbständig zu denken und zu wollen. Und genau deshalb bekommt der Philosoph bzw. Erzieher eine eigentümliche Stellung.

Er steht gewissermaßen vor der Demokratie, weil er erst die Menschen hervorbringen muss, die Demokratie tragen können.

Und hier kommt tatsächlich die Logenidee wieder ins Spiel

Jetzt wird verständlich, warum die Freimaurerei für Fichte überhaupt interessant werden konnte.

Eine Loge konnte als Bildungsavantgarde fungieren.

Nicht:

Wir sind eine geheime politische Partei, die den Staat erobert.

Sondern eher:

Wir bilden Menschen aus, die bereits in sich jene Freiheit, Selbsttätigkeit und Vielseitigkeit verwirklichen, die die allgemeine Gesellschaft erst noch hervorbringen muss.

Das ist eine ganz andere Form von Elite.

Fichte ist elitär hinsichtlich der Bildung, aber nicht unbedingt elitär hinsichtlich des Rechts auf Freiheit. Im Gegenteil: Gerade weil die Freiheit universell ist, muss die Bildung universell werden.

Und daraus entsteht die eigentümliche Fichtesche Paradoxie:

Eine Elite soll die Voraussetzungen dafür schaffen, dass es keine dauerhafte Elite mehr geben muss.

Das ist meines Erachtens die genauere Beschreibung seines „Avantgardismus“.

Die Reden führen dieses Modell auf eine neue Ebene

Und hier haben Sie völlig recht: In den Reden an die deutsche Nation von 1807/08 ist das Motiv bereits vollständig entwickelt.

Nach der preußischen Niederlage kann Fichte nicht mehr einfach sagen:

Wir brauchen eine bessere politische Verfassung.

Denn selbst eine gute Verfassung hilft wenig, wenn die Menschen, die in ihr leben, nicht die entsprechende innere Freiheit besitzen.

Deshalb verschiebt sich die politische Frage in eine pädagogische Frage:

Wie erzeugt man einen Menschen, der aus innerer Freiheit handelt?

Die Antwort lautet: Erziehung.

Und zwar nicht Bildung im damaligen bürgerlichen Sinn, also Wissensvermittlung, sondern eine Erziehung, die den Menschen von innen her zur Selbsttätigkeit bringt.

Das ist genau die Struktur, die schon in der Freimaurerkonzeption steckt.

Der entscheidende Wandel ist aber: Wer soll gebildet werden?

Um 1800:

die geeigneten Einzelnen / die Bruderschaft / die gebildete Elite

1807/08:

das ganze Volk.

Das ist eine wirkliche Verschiebung.

Die Reden demokratisieren gewissermaßen Fichtes ursprünglichen Bildungselitarismus.

Nicht mehr eine ausgewählte Gruppe soll zum Vorbild einer zukünftigen Menschheit werden; vielmehr soll ein ganzes Volk zum Subjekt seiner eigenen geistigen Erneuerung erzogen werden.

Aber — und das ist wichtig — der hierarchische Bildungsimpuls bleibt erhalten. Es gibt weiterhin diejenigen, die wissen, was die richtige Bildung ist, und diejenigen, die gebildet werden sollen.

Deshalb würde ich Fichtes politische Philosophie nicht einfach als „demokratisch“ oder „undemokratisch“ klassifizieren.

Sie hat eine sehr spezifische Struktur:

Universalismus → Bildungsbedürftigkeit → geistige Elite → allgemeine Erziehung → allgemeine Freiheit.

Und gerade die vierte Stufe soll die dritte letztlich überflüssig machen.


Das führt übrigens zu einer sehr interessanten Rückfrage an Krause.

Denn Krause übernimmt dieses Muster, aber er verändert die Stellung der Elite. Bei ihm ist der „Menschheitsbund“ nicht einfach ein Instrument, mit dem eine gebildete Avantgarde die Ungebildeten emanzipiert. Die Gemeinschaft soll vielmehr selbst schon die organische Form der Menschheit vorwegnehmen.

Damit verschiebt sich die Logik:

Fichte:
Bildet die Menschen, damit sie frei werden.

Krause:
Bildet Gemeinschaften, in denen die Freiheit und Einheit der Menschheit bereits Gestalt gewinnt.

Und genau hier könnte Krause tatsächlich eine Art Gegenentwurf zur fichteschen politischen Pädagogik darstellen: weniger Avantgarde, mehr organischer Bund.

Was ich an Ihrer Beobachtung besonders stark finde: Wenn man Fichtes Satz über seinen angeblichen „Demokratismus“ ernst nimmt, dann erscheint die Freimaurerei nicht als exotischer Nebenschauplatz, sondern als ein frühes Experiment mit der Frage, die später in den Reden nationalpädagogisch beantwortet wird:

Wer darf Freiheit haben? — Alle.
Wer kann sie schon gebrauchen? — Noch nicht alle.
Was ist daher die politische Aufgabe? — Den Menschen dazu zu bilden.

Das ist eine sehr fichtesche Dialektik.

 von ChatGPT

 

Mittwoch, 26. August 2026

Fichte und K. Chr. Fr. Krause.

 K. Chr. Fr. Krause                                 zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Welche Rolle hat K. Chr. Fr. Krause dabei gespielt? JE

Krause ist hier außerordentlich wichtig, aber ich würde die Beziehung zu Fichte etwas anders fassen als bloß als „Schüler, der Fichtes Freimaureridee fortsetzte“. Er ist vielmehr derjenige, bei dem sich Fichtes philosophische Idee einer besonderen Gemeinschaft mit der Freimaurerei dauerhaft verschränkt und zu einem eigenen Gesellschaftsmodell ausbildet.

Zunächst die Chronologie: Krause studierte 1797–1800 in Jena, hörte Fichte und Schelling und hat sogar eine Mitschrift von Fichtes Wissenschaftslehre nova methodo 1798/99 angefertigt. In die Freimaurerei trat er allerdings erst 1805 ein – also nach Fichtes Berliner Episode und nach dessen Bruch mit Feßler.

Das ist entscheidend.

Krause ist nicht Fichtes Mitarbeiter an dessen Freimaurerprojekt

Er war nicht derjenige, der Fichtes Berliner Versuch organisatorisch mitgetragen hätte. Als Krause in die Freimaurerei eintritt, ist Fichtes unmittelbares Projekt bereits gescheitert.

Aber Krause stößt auf dasselbe strukturelle Problem und zieht daraus eine viel weitergehende Konsequenz.

Fichte hatte gefragt:

Was könnte eine Freimaurerbruderschaft sein, wenn sie ihren eigentlichen vernünftigen Zweck verwirklichte?

Krause macht daraus:

Was müsste die Freimaurerei ihrem Wesen nach sein – und wie müsste sie deshalb reformiert werden?

Das ist ein wichtiger Unterschied.

1. Krause übernimmt Fichtes Grundintuition – aber radikalisiert sie

Bei Fichte ist die Loge eine Bildungsgemeinschaft: eine besondere Gesellschaft soll Menschen zu allseitiger menschlicher Bildung erziehen.

Bei Krause wird daraus der Gedanke eines „Menschheitsbundes“.

Die Freimaurerei soll nicht bloß eine Schule für einige bessere Menschen sein. Sie soll den Keim einer allgemeinen Menschheitsorganisation bilden. Die NDB beschreibt genau diese Entwicklung: Aus Krauses Verbindung mit den Freimaurern erwuchs der Gedanke des „Menschheitsbundes“, nach dem die irdische Menschheit organisches Glied einer in Gott lebenden Menschheit sei.

Das ist gegenüber Fichte eine bemerkenswerte Verschiebung:

Fichte:
Freimaurerei → Bildung des Menschen → bessere Gesellschaft.

Krause:
Freimaurerei → Bildung des Menschen → organische Vereinigung der Menschheit.

Und hier beginnt der eigentliche Krausianismus.

2. Krause nimmt Fichtes „Avantgarde“-Gedanken wörtlich – aber entpolitisiert ihn

Das scheint mir der interessanteste Punkt.

Fichte denkt die besondere Gemeinschaft noch stark unter dem Gesichtspunkt der Wirksamkeit: Sie soll Menschen bilden, die gesellschaftlich wirken können. Der Gedanke des tätigen, freien, selbstbestimmten Menschen bleibt zentral.

Krause verschiebt das Schwergewicht von politischer Wirksamkeit auf universale Humanität.

Seine Freimaurerei soll nicht eine politische Avantgarde werden, sondern eine Keimform einer kommenden Menschheitsgesellschaft.

Das ist eine sehr eigentümliche Transformation des Fichteschen Motivs:

Nicht eine Elite soll die Menschheit beherrschen, sondern eine exemplarische Gemeinschaft soll die Form des menschheitlichen Zusammenlebens vorwegnehmen.

Das ist Fichte ohne den späteren Nationalismus.

Und deshalb ist Krause für die Rekonstruktion dieser Linie ausgesprochen interessant.

3. Und Krause geht tatsächlich organisatorisch denselben Weg

Er bleibt nicht bei philosophischen Reflexionen.

1806–08 macht er innerhalb der Freimaurerei rasch Karriere; 1808 wird er Redner seiner Dresdner Loge und zugleich in den von Feßler gegründeten „Großen Bund der wissenschaftlichen Maurer“ aufgenommen.

Dann beginnt er, die Freimaurerei von innen her philosophisch zu reformieren.

Seine Dresdner Vorträge von 1808–1810 tragen bereits programmatische Titel wie:

  • „Entwickelung des Wesens und der Bestimmung der Freimaurerei“
  • „Bestimmung und Leben des Meistermaurers im Geiste der Menschheit“
  • „Vergeistigung der drei großen Pfeiler, welche die Loge tragen“.

Das Wort „Vergeistigung“ ist hier sehr bezeichnend.

Krause will die überlieferten Symbole nicht einfach abschaffen. Er will ihren „wahren“ geistigen Sinn freilegen und daraus eine systematische Philosophie der Freimaurerei entwickeln.

4. Und genau darin liegt sein Konflikt mit der realen Freimaurerei

Das Ergebnis ist fast eine Wiederholung von Fichtes Konflikt – nur noch konsequenter.

Krause kommt zu dem Schluss, dass die reale Freimaurerei ihrem eigenen vernünftigen Begriff nicht genügt. Er will eine grundlegende Reform.

Sein großes Werk Die drei ältesten Kunsturkunden der Freimaurerbrüderschaft von 1810 versucht, die ursprünglichen Dokumente und Symbole der Maurerei historisch-kritisch zu erschließen und zugleich philosophisch zu interpretieren.

Damit gerät er aber mit den traditionellen Logenstrukturen in Konflikt. Die Veröffentlichung von freimaurerischem Material außerhalb der internen Kontrolle der Logen wurde ihm besonders übelgenommen; am 17. Dezember 1810 wurde Krause aus der Freimaurerei ausgeschlossen.

Das ist geradezu ironisch:

Fichte scheitert an der Loge, weil er sie rationalisieren will.
Krause scheitert an der Loge, weil er sie philosophisch vergeistigen und universalisieren will.

5. Und hier sehe ich eine wichtige Differenz zwischen Fichte und Krause

Krause ist kein bloßer Fichteaner.

Sein Gottesbegriff entwickelt sich in eine Richtung, die Fichte wahrscheinlich nicht akzeptiert hätte: zum später so genannten Panentheismus. Gott ist nicht einfach ein Gegenstand jenseits der Welt; die Welt und insbesondere die Menschheit sind organische Momente eines göttlichen Ganzen.

Damit erhält der Menschheitsbund eine ontologische Grundlage.

Bei Fichte lautet die Bewegung eher:

Ich → freie Tätigkeit → sittliche Gemeinschaft → Menschheit.

Bei Krause wird daraus:

Gott → organisches Ganzes → Menschheit → Menschheitsbund.

Das erklärt, warum bei Krause die Freimaurerei schließlich eine geradezu kosmologische Dimension bekommt. Seine Idee des Menschheitsbundes erstreckt sich sogar auf die Menschheit anderer Weltkörper.

Das ist nun wirklich nicht mehr einfach Fichtes politische Philosophie.


Und damit wird Ihre „Avantgarde“-These noch interessanter

Ich würde inzwischen sogar sagen:

Fichte und Krause repräsentieren zwei verschiedene Lösungen desselben Problems.

Fichte sucht nach einem Träger der Freiheit:

Wie kann eine Gemeinschaft Menschen hervorbringen, die zur freien Selbstbestimmung fähig sind und dadurch die Gesellschaft verändern?

Krause sucht nach einer institutionellen Gestalt der Menschheit:

Wie kann eine Gemeinschaft entstehen, in der die Menschheit ihre eigene organische Einheit praktisch verwirklicht?

Fichte bleibt dabei stärker politischer Philosoph der Freiheit.

Krause wird zum Philosophen der Menschheitsorganisation.

Und deshalb ist Krause für Ihre Frage nach der mystischen Dimension Fichtes besonders spannend: Bei Krause wird etwas, das bei Fichte noch als spekulativ-mystische Ahnung und pädagogisch-politisches Organisationsproblem nebeneinandersteht, zu einer systematischen Einheit.

Das könnte sogar eine sehr interessante Vergleichsachse ergeben:

Eckhart → Fichte → Krause

nicht als Einflussgeschichte, sondern als Transformation eines Motivs:

Aufhebung der isolierten Individualität → geistige Gemeinschaft → Menschheit als höhere Einheit.

Gerade hier wäre es lohnend, die Briefe an Constant und Krauses Menschheitsbund satz- bzw. motivgeschichtlich direkt nebeneinanderzulegen. Da dürfte sich ziemlich genau zeigen lassen, was Krause von Fichte übernimmt – und an welchem Punkt er aus Fichtes Freiheitsphilosophie etwas macht, das Fichte selbst gerade nicht machen wollte.

von ChatGPT

Alles Beweisen geht aus von einem Unbewiesenen.

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