RainerSturm
§ 3. Zweiter Lehrsatz
Beweis
I.
J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 30
RainerSturm
§ 3. Zweiter Lehrsatz
aus Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik.
Alles Denken ist Übergehen von Bestimmbarkeit zur Bestimmtheit. Alles Denken ist bestimmte Tätigkeit, die etwas / aus
der Masse herausreißt und bestimmt. Sowie etwas in die Form des Denkens
aufgenommen wird, wird es selbst bestimmt. (Dieses ist die erste
Hauptbemerkung, die man sich klarmachen muss, um einzusehen, wie aus dem
Übersinnlichen ein Sinnliches wird.)
Wenn wir nun das Wollen denken, so wird es gerade so gedacht, wie wir es oben gedacht und beschrieben haben.
(Die
zweite Hauptbemerkung ist, dass allem Bestimmen ein Bestimmbares
vorausgesetzt werden muss, dies liegt in der Form unseres sinnlichen
Denkens.)
Das Intelligible wird sinnlich, indem es mit einem Bestimmbaren zusammen gedacht wird.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 145f.
Nota I. -
Die Tätigkeit der Einbildungskraft ist zuerst real, daraus erfolgt ein
Widerstand, er äußerst sich im Gefühl. Das Vorstellen beginnt mit der
Anschauung des Gefühls als dieses, sie ist die erste Stufe der Reflexion = ideale Tätigkeit; ist setzen. Die Aufnahme des Gesetz-ten in den Begriff ist bestimmen: Hier beginnt denken in specie. Bestimmen ist aber verendlichen. Indem ein Intelligibles gedacht werden soll, wird es bestimmt und eo ipso verendlicht. - Sobald wir wirklich zu denken anfangen, verlassen wir das Reich des bloß Intelligblen und treten in die Sinnlichkeit ein.
Das
ist scholastisch formuliert, Fichte selbst hat auf dergleichen
verzichtet. Es ist auch kein Lehrsatz, sondern eine Verständnishilfe.
24. 12. 16
Nota II. - Alles Tätigsein ist Übergehen vom bestimmbar-Unbestimmten zum Bestimmen. Sofern 'Tätigkeit-überhaupt' gedacht wird, wird sie nur als dieses gedacht. Das erste, was es zu bestimmen gilt, ist das Wollen.
Die erste Willensbestimmung ist das Auswählen eines Gegenstands aus der
Mannigfaltigkeit des Erscheinenden. Noch ist der Gegenstand allein so bestimmt: dass ich ihn ausgewählt habe.
Die
Unterscheidung von realer und idealer Tätigkeit ist hier noch ohne
Belang. Dass ich einen Gegenstand ge- wählt habe, ist real. Wenn ich
daran denke, dass ich ihn gewählt habe, ist es ein idealer Akt. Welcher Art der Gegenstand
selber ist, ein gedachter oder sinnlich erfahrener, ist gleichgültig -
und muss es sein, denn als ich ihn wählte, nämlich zum Gegenstand meiner
realen Vorstellung machte, konnte ich darüber noch nichts wissen. Dafür
bedurfte es einer Reihe weiterer Akte, realer wie idealer.
Sinnliche
Gegenstände begegnen einem Vernunftwesen doppelt - als Ding in Raum und
Zeit und als Begriff. Das eine ist das, was mir erscheint, das andere
ist die Bedeutung, die ich ihm beimesse. Das eine ist sinnlich, das
andere intelligibel. Ich mag mir einen intelligiblen Gegenstand - einen Begriff - real vorstellen und ideal auf mein Vorstellen-seiner reflektieren. In beiden Fällen 'ist' er intelligibel und nicht sinnlich-real.
Die Wissenschaftslehre verfährt allezeit sowohl auf der ersten semantischen Ebene als auch auf der zweiten: Das Ich tut, und eine andere Intelligenz schaut zu. Beides kann nur parallel dargestellt werden, und doch muss es unterschieden bleiben. Die Schwierigkeit liegt in der transzendentalen
Betrachtungsweise selbst. Sie beschreibt die Tätigkeit dessen, der
selber in seinem Tun befangen ist, aus der Sicht eines unbefangenen
Zuschauers. Der Zuschauer handelt nie selbst, sondern immer nur, als ob er selber handeln würde. Doch nur er hat den Abstand, um auf das wirklich geschehene Handeln reflektieren zu können. Während der eine seine Tätigkeit bestimmt, bestimmt der andere... nicht, dass er sie bestimmt, sondern als was er sie bestimmt.
Denn der Zuschauer - die Wissenschaftslehre - befindet sich idealiter schon auf dem Standpunkt des ganzen Systems; anders hätte er - sie - mit dem Beschreiben des wirklichen Handelns gar nicht erst beginnen können.
Um dies abzurunden: Sache der Transzendentalphilosophie ist es darum nicht, zu zeigen, wie aus einem Über-sinnlichen
ein Sinnliches wird, sondern wie aus dem Sinnlichen das Intelligible
hervorgegangen ist: Es ist die Ur-Teilung des Handelns in Gegenstand und
Absicht.
Und nicht zu vergessen: Bestimmen ist reale Tätigkeit, Bestimmen des Bestimmens ist ideale Tätigkeit.
Duchamp
aus Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik.
zu Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem
Das ist ein irreführenes Wort, weil es zu der Vorstellung von einem mehr oder minder dauerhaften Zustand eines bewussten Seins verführt, in den man ein- und aus dem man wieder auf-, d. h abtauchen kann. Tatsächlich gibt es kein dauerndes bewusstes Sein, sondern nur bewusste Tätigkeit: Tätigkeit, die sich ihres Zwecks bewusst ist und des Widerstands, den er erfährt; vulgo Handlung.
Als seiend und dauernd kann man sich den Zweck vorstellen und den
Widerstand, und beide mag man en détail weiterbestimmen. Die Tätigkeit
aber kann man nur anschauen - und sich ein Vorstellen einreden, indem
man den ganzen Verlauf zwischen Bestimmung des Zwecks und der
Überwindung des letzten Widerstands in tausend Einzeloperationen
zer-legt, deren jede man als die Spanne von Sonderzweck und
Sonderwiderstand 'definiert'. So glaubt man, eine Tätigkeit begriffen zu haben, indem man sie in fingierte Stufen
zerlegt - was seine ergonomische Plausibilität darin findet, dass der
Handwerker gelegentlich das eine Werkzeug gegen ein anderes austauschen
muss.
4. 9. 19
dreamstime aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
zoibrina aus Marxiana
Indem so die lebendige Arbeit durch ihre Verwirklichung
im Material dieses selbst verän-dert, eine Veränderung, die durch den Zweck
der Arbeit bestimmt, und die zweckmässige Thätigkeit derselben – (eine
Veränderung die nicht wie im todten Gegenstand das Setzen der Form als
äusserlich dem Stoff, bloser verschwindender Schein seines Bestehns) –
wird das Material so in bestimmter Form erhalten, der Formwechsel des
Stoffs dem Zweck der Arbeit unterworfen. Die Arbeit ist das lebendige,
gestaltende Feuer; die Vergänglichkeit der Dinge, ihre Zeitlichkeit, als
ihre Formung durch die lebendige Zeit.
Im einfachen
Productionsprozeß –
abgesehn vom Verwerthungsprocess – wird die Ver-gänglichkeit der Form
der Dinge benuzt um ihre Brauchbarkeit zu setzen. Indem aus der
Baumwolle
Garn wird, aus dem Garn Gewebe, aus dem Gewebe gedrucktes etc Gewebe,
oder gefärbtes etc, und aus diesem sage ein Kleid hat sich 1) die
Substanz
der Baumwolle in allen diesen Formen erhalten. (Im chemischen Process
haben sich im von der Arbeit gere-gelten Stoffwechsel überall
Equivalente
(natürliche) ausgetauscht etc); 2) in allen diesen sub-sequenten
Processen hat
der Stoff eine nützlichere Form erhalten, weil eine ihn mehr dem Consum
aneignende; bis er zu-lezt die Form erhalten, worin er direkt Gegenstand
desselben werden kann, wo also die Aufzehrung des Stoffs und die
Aufhebung seiner Form menschli-cher Genuß wird, seine Veränderung sein
Gebrauch selbst ist.
Der Stoff der Baumwolle erhält sich in allen diesen
Processen; in der einen Form des Ge-brauchswerths geht er unter um einer
höhren Platz zu machen, bis der Gegenstand als Ge-genstand der unmittelbaren Consumtion da ist. Indem
aber die Baumwolle als Twist gesezt
ist, ist sie in einer bestimmten Beziehung auf eine fernere Art der
Arbeit
gesezt. Träte diese Arbeit nicht ein, so ist nicht nur die Form nutzlos
an ihr
gesezt worden, d. h. die frühere Arbeit wird nicht durch die neue
bestätigt,
sondern auch der Stoff ist verdorben, indem er in der Form als Twist nur
Gebrauchswerth hat, insofern er wieder verarbeitet wird: nur noch
Gebrauchswerth ist in Bezug auf den Gebrauch, den die fernere Arbeit
davon
macht; nur Gebrauchswerth ist, insofern seine Form als Twist aufgehoben
/
wird zu der von Ge-webe; während die Baumwolle in ihrem Dasein als
Baumwolle unendlicher Nutzanwendun-gen fähig ist. So wäre ohne die
fernere Arbeit der Gebrauchswerth von Baumwolle und Twist, Material und
Form verhunzt; er wäre vernichtet, statt producirt worden.
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K. Marx, Grundrisse..., MEGA II/1.1 S. 272f. [MEW 42, S. 278]
Nota. – Sachlich
gesehen, nämlich unterm Gesichtspunkt des Zwecks der Arbeit: dem
be-absichtigten Gebrauchswert der Ware, handelt es sich eben nur um einen Arbeitsprozess;
es ist die spezifische Form der industriellen Arbeitsteilung, der ihn
in viele Einzelteile zerlegt, die nicht einmal mehr in derselben Fabrik
erledigt werden; und die Einzelteile müssen je-desmal erst zu
Tauschwerten, zu Geld werden, müssen verkauft sein, damit der nächsthöhe-re Gebrauchswert daraus werden und das Stück Gebrauchswert überhaupt bleiben kann –denn sonst wäre auch der Tauschwert verloren.
JE, 9. 11. 15
microsites/pear zu Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem
Bestimmen ist der Anfang von Allem.
Ex nihilo Fred. Hart zu Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem
Was als Welt im Bewusstsein vorkommt, ist nicht ein Summe von Seiendem, sondern ein unendliches Bedingungsverhältnis: Da ist Eines immer bedingt durch ein Vorangegangenes, und bedingt ein Anderes, das aus ihm folgt; doch da faktisch keines als Das Erste auftritt, kann man den unbegrenzten Komplex mal von hier und mal von da anschauen. Welches das Bedingte und welches die Bedingung ist, muss in jedem einzelnen Fall immer neu festgestellt werden; denn mal gilt die Bedingungsreihe so rum, mal gilt sie andersrum - es kommt immer darauf an, wo man anfängt.
zu Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem.
Originärer
Stoff der Vernunft sind Vorstellungen. In Begriffen ist er bereits
reflektiert und instrumentalisiert. Sie sind Stoff zweiter Wahl, nämlich
schon geformter Stoff.
Stoff ist das Bestimmbare, Form ist Bestimmtheit, Begriff ist bestimmte Vorstellung; jeder Begriff lässt sich weiterbestimmen.
Bestimmen
heißt, einer Absicht zuordnen; sie ist es, die im Begriff geltend
gemacht wird. Den Stoff mit einer Absicht synthetisieren, heißt
vernünftig handeln.
18. 11. 19
aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Ich finde mich als wollend (Grundgesetz), so nur, in wiefern durch meinen Begriff
etwas wirklich werden soll. Dies ist Gesetz meiner sinnlichen
Erkenntnis, nun ist diese Wirklich-keit nicht, außer in wie fern sie
durch meinen Begriff sein soll, sie wird also nicht erblickt, als
insofern mein Begriff als Kausalität habend angeschaut wird. Nur
insofern die Kategorie etwas hinzusetzt, produzierend ist; an einen
Begriff als einen wirkenden wird die Wirkung erst hinzugedacht; durch
die Kategorie wird etwas.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 198
Nota I. - Hier
sind wir nicht mehr beim reinen, sondern schon beim empirischen Wollen:
Als Bestimmungsgrund ist der (Zweck-) Begriff hinzugetreten. Die
Vorstellung der Kausa-lität ist ein Derivat des Wollens.
In der Wirklichkeit will ich freilich immer schon etwas - dieses oder jenes -, und nie 'rein'.
31. 12. 14
Nota II. - Das reine Wollen ist ein bloßes Gedankending, Noumenon, das dazu dient, mei-nem wirklichen Wollen von diesem oder jenem einen Grund zu legen.
Doch ist die Trans-zendentalphilosophie
keine Metaphysik, die das, was ist, aus dogmatisch vorausgesetzten
Ursachen konstruiert: 'Weil dieses so ist, folgt daraus jenes', was...
so oder anders ist. So oder anders: Es müsste Notwendigkeit herrschen.
Die
Transzendentalphilosophie hat gar nicht mit Sachverhalten zu tun, die so
oder anders sein könnten. Sie hat es mit den Vorstellungen zu tun. Da
geht es nicht um hinreichende Gründe; sondern um die notwendigen
Bedingungen ihrer Möglichkeit, und Möglichkeit ist unbestimmt. Sie
können nicht erklären, warum etwas so oder so ist, sondern nur, dass etwas ist.
Dass es so oder so ausfällt - dass der eine dies, der andere jenes vorstellt -, bedarf der Be-stimmung; am Grunde angekommen, findet sie ein sich-selbst bestimmendes Unbestimm-tes vor, eine prädikative Qualität, und die identifiziert
sie als Freiheit. Sie ist vorauszusetzen als allererste Bedingung aller
Möglichkeit. Vorausgesetzt bleibt immer ein Wollen. Ohne das wird aus
keiner Möglichkeit etwas.
JE, 21. 11. 18
Nota. Das obige Foto gehört mit nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE
Go bash! aus Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik.
Nota. – Die Wissenschaftslehre ist keine empirische Psychologie, sondern ein transzenden-tales Schema, das die Entstehung des Bewusstseins verständlich macht. Darum ist vom Ge-fühl in ihr stets nur die Rede, soweit es für die Entstehung des Bewusstseins eine Rolle spielt.
Das Tier handelt nicht im hier gemeinten Sinn. Fühlt es nicht? Soweit es für das Entstehen des Bewusstseins von Belang ist: nein, nämlich nicht als Beschränktheit. (Begriffe sind nicht dazu da, etwas nicht Vorhandenes neu zu konstruieren, sondern etwas in der Wirklichkeit Geschehendes – die Entstehung des Bewusstseins – zu beschreiben; also sind sie tautolo-gisch.)
JE, 13. 11. 19
RainerSturm § 3. Zweiter Lehrsatz Das endliche Vernunftwesen kann eine freie Wirksamkeit in der Sinnenwelt sich nicht zuschreiben, ohne...