Montag, 2. November 2026

Philosophieren im System.

  

Kant unterscheidet zwei Klassen von Philosophen - die "nach dem Schulbegriff" und die "nach dem Weltbegriff". Nach dem Schulbegriff, das sind die, die Philosophie an der Uni-versität betreiben. Einen Philosophen "nach dem Weltbegriff" hingegen darf sich keiner selber nennen, das können höchstens Andere tun, denn das wäre einer, der jenen zeigt, wo es lang geht.

Ein Schulphilosoph bin ich nicht geworden, bin aber, nachdem ich meinen Erwerbsberuf beendet hatte, zum Philosophieren zurückgekehrt. Dabei ist es mir widerfahren, meine Vor-stellungen zu einem System zu ordnen - nur im Kopf, nicht auf dem Papier, denn das ist schwierig. - Nun gilt systematisches Philosophieren in Fachkreisen heut ohnehin als dumm und anmaßend, und wenn ich dort überhaupt eine Chance haben will, muss ich gewissen-haft vorzeigen, dass ich 'mein System' weißgott nicht mutwillig konstruiere, sondern nur auf Schritt und Tritt mir zuziehe, ohne es hindern zu können. Darum die Form der täglich fort-zuschreibenden Blogs und deren Zerstreuung in ein gutes halbes Dutzend. 

Die Fichtiana und die Philosophierungen sind das Kernstück, sie erläutern einander. Und da am empirisch-anthropologischen Anfangspunkt meines pp. Systems 'das Ästhetische' als Spezifikum des poietischen Vermögens alias produktive Einbildungskraft, an seinem speku-lativ-transzendentalen Endpunkt aber 'das Absolute' als die ästhetische Idee schlechthin steht, ist das Blog Geschmackssachen der Dritte im Bund.

Der fragmentarische Vortrag macht die Beschäftigung mit 'meinem System' abwechslungs-reich und unterhaltsam, aber übersichtlich ist er nicht. Allerdings vermute ich, wer sein System übersichtlich darstellen kann, hat es nicht richtig verstanden.

Jochen Ebmeier, 30. 3. 15

Sonntag, 1. November 2026

Kleines System der Philosophie.

                                                                      aus Philosophierungen  
 
Philosophie ist wissenschaftlich nur als Kritik. Und nur als Kritik sollte sie sich zu einem System ordnen lassen. Negativ zwar, sofern ihr letzter Grund darin aufgefunden wird, dass ein realer Urgrund des Wissens sich nicht nachweisen lässt. 

Sie ist Wissen des Wissens und endet in der Einsicht, dass das Wahre als beabsichtigter Ge-genstand des Wissens nicht auf-gefunden, sondern postuliert wird. Ein solches Wissen vom Wissen ist in seiner Negativität rein formal und hat keinen Inhalt. 

Das war aber nicht die Absicht, aus der heraus die Philosophie entstanden ist. Sie wollte im Gegenteil ein positives Wissen, das als Wegweiser zur richtigen Lebensführung taugt. Die Kritik zeigt nun: Mit theoretischen Mitteln ist das nicht zu haben. Die richtige Lebensfüh-rung lässt sich nicht ergründen, sondern kann nur entworfen werden. Sie muss frei erfun-den werden, und ihr einziger Maßstab* ist Schönheit – nämlich ob sie vor allem Interes-se gefällt. Da kann die theoretische, wissenschaftliche, kritische Philosophie allerdings se-kundär behilflich werden: indem sie die Interessen ans Licht zieht und abweist.

Die Kritik fügt dem Wissen sachlich nichts hinzu. Sie macht aber durch ihre Distinktionen das Wissens selbst – nicht erst das Gewusste – zu einem möglichen Gegenstand des Urteils: Was ist vor-, was ist nachgeordnet? Sie prüft den Wert des Wissens und ist also selber prak-tisch.

Daraus erhellt aber zugleich, dass der Maßstab zur Beurteilung des Wissens nicht in ihm selber aufzufinden ist, sondern ihm 'vor'-, d. h. übergeordnet war. Die 'Begründung' des Wissens geschieh actu im 'metaphilosophischen' Raum – und hat sich in der praktischen oder Lebensphilosophie zu bewähren. Sie ist eine pragmatische Fiktion, und insofern eben doch: 'Hypothese', genauer: Hypostase. Ist nicht proiectio, sondern proiectum. Und dies ist das einzige 'Interesse', das der Kritik standhält. 

*) Einen Urteilsgrund gibt es nicht. Und ein Urteil ohne Grund nennen wir 'ästhetisch': Es hat als Anhaltspunkt nichts als den Geschmack.

irgendwann in 2010


Nachtrag. - Wenn Sie, wie ich nur wünschen kann, schon öfter auf diesem Blog waren, werden Ihnen diese Zeilen nicht ganz unbekannt vorkommen. Das liegt an meiner unver-meidlich fragmentarischen Darstellungsweise: Wenn nicht alles linear und diskursiv aus einem einzigen Blickwinkel hergleitet wurde, muss man ab und zu hinter sich greifen, um die sinnhafte Einheit wieder herzustellen. Dabei wird es dann möglich und fast nötig, schon dagewesene Gedanken pointierter zusammenzufassen als beim erstenmal.
23. 10. 22 


Nota. Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Samstag, 31. Oktober 2026

Das Intelligible entsteht aus dem Versuch des Begreifens.

M. Ernst                                             zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
 
Ein Sein bedeutet immer unmittelbar ein Objekt des Denkens, ein Gedachtes. Nun kommt ihm entweder auch eine Existenz, ein Bestehen und Dauern außer dem Denken zu, in der sinnlichen Wahrnehmung: dann ist ein reelles Sein bezeichnet und man kann von dem Ge-genstande aussagen: Er ist. 

Oder es kommt ihm außer dem Denken kein anderes Sein zu: Dann ist die Bedeutung des Seins eine bloß logische. Man kann nicht sagen: das Objekt ist, sondern nur: es ist dies oder jenes. Das Wort 'ist' ist dann nur logische Kopula.
[ ... ] Das Sein wird dann lediglich dadurch erzeugt, daß das Mannigfaltige der Prädikate in einer Einheit des logischen Subjekts durch das Denken fixiert wird. .../...

So verhält es sich mit dem Gebrauche des Wortes Welt. In der reellen Bedeutung ist es ein geschloßnes Ganzes von daseienden Objekten, die in Wechselbestimmung ihres Seins ste-hen; wo jedes ist, wie es ist, weil alle andern sind, was sie sind, und umgekehrt: und wo man bei vollkommner Kenntnis des Weltgesetzes aus der Natur eines jeden die aller übrigen un-weigerlich würde erraten können, und auf sie schließen. 

Von vernünftigen Wesen gebraucht, bedeutet es gleichfalls einen Einfluß aller auf jeden und
[eines jeden] auf alle; dessen Art und Weise aber nicht begreiflich ist und eben deswegen auch nicht erraten werden kann; [...] das aber schlechthin gesetzt wird und nur durch diesen Be-griff bezeichnet werden kann: also – eben durch den Versuch des Begreifens entsteht, also nur logisch, nicht reell ist. 
_____________________________________________________ 

J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen. [S. 163; 165]


Nota I. - In den Rückerinnerungen ist er zu einer dogmatischen Wendung noch nicht bereit. Zwar nimmt er auch hier wieder die Idee auf, der 'Endzweck der Vernunft' müsse als zu einem zukünftigen Zeitpunkt realisiert gedacht werden. Aber noch zieht er daraus keinen theoretischen Schluss, er sucht vielmehr beim "intellktuellen Gefühl" Halt. Erst nach Jaco-bis Brief macht er in der Bestimmung des Menschen die 'intelligible Welt' zur reellen Grundlage - einem 'Dauernden' -  des Glaubens.

29. 5. 14


Nota II. - Das ist klar und deutlich und gilt ohne Einschränkung: Das Reich des Intelligib-len - nennen wir es: die Bedeutungen - gibt es nur in der Vorstellung; auf das, was außerhalb der Vorstellungen ist, hat es keinerlei Wirkung. Wirken kann Intelligibles nur auf Intelligen-zen: nämlich auf die Bedeutungen, die sie ihren Anschauungen zuschreiben - und als Zwe-cke ihrer Willensbstimmungen wählen.

Die Intelligenzen gehören materiellen Körpern an, die auch außerhalb von Vorstellungen existieren. Dort werden sie zu wirklichem Willen bestimmt, sodass man sagen möchte: Die Körper gehören den Intelligenzen an. Sie sind es, die die Intelligenzen zu wirklicher Wir-kung befähigen. 

Eine andere Wirkung eines Intelligiblen in der sinnlichen Welt gibt es nicht. Doch die Wir-kung des Sinnlichen auf die Intelligenzen macht uns die Welt aus: durch das Gefühl, das von der Intelligenz angeschaut wird. Und zwar, indem sie einen "Versuch des Begreifens" unternimmt - vorher ist ein Intelligibles nicht da.
1. 9. 18

Nota III. - Ich mag es doch nicht unausgesprochen lassen: 'Ursprünglich' ist ein Intelligibles nicht da. 'Da' sind nur die durch das Gefühl angezeigten Dinge (wie man sie später nennen wird). Ein Intelligibles entsteht erst, indem ein Fühlender 'das, was' er fühlt, verstehen will. Die allererste 'Gegebenheitsweise' des Intelligiblen ist die Frage.

Erst im Fragemodus kann die Bedeutung von diesem 'Ding' zu einer allgemeinen Bedeu-tung abstrahiert werden: Erst aus der Frage entseht der Begriff. Der Begriff ist das digit par excellence: Nur im digitalen Modus können Frage und Verneinung bezeichnet werden. Der Begriff ist der Modus der Kritik.
JE,
19. 6. 19
 

Freitag, 30. Oktober 2026

Ursprung des Begreifens.

 Rodin                                                zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

...'Ursprünglich' ist ein Intelligibles nicht da. 'Da' sind nur die durch das Gefühl angezeigten Dinge (wie man sie später nennen wird). Ein Intelligibles entsteht erst, indem ein Fühlender 'das, was' er fühlt, verstehen will. Die allererste 'Gegebenheitsweise' des Intelligiblen ist die Frage.

Erst im Fragemodus kann die Bedeutung von diesem 'Ding' zu einer allgemeinen Bedeutung abstrahiert werden: Erst aus der Frage entseht der Begriff. Der Begriff ist das digit par excellence: Nur im digitalen Modus können Frage und Verneinung bezeichnet werden. Der Begriff ist der Modus der Kritik.
19. 6. 19

 

GPT antwortet:

Das ist eine bemerkenswert knappe genetische Bestimmung des Begriffs. Vor allem kehren Sie die gewöhnliche Reihenfolge um: Nicht ein schon vorhandener Begriff ermöglicht die Frage, sondern erst die Frage macht das Intelligible als solches möglich.

Ich lese die wenigen Sätze als eine Folge von Übergängen:

Das Gefühl zeigt etwas an, ohne dass das Angezeigte darum schon als etwas verstanden wäre. Erst wenn der Fühlende wissen will, was er fühlt, entsteht die Frage. Das zunächst nur in diesem Gefühl Gemeinte wird dadurch zum Gegenstand eines Verstehens. Und erst indem seine Bedeutung über diesen einzelnen Fall hinaus abstrahiert wird, entsteht der Begriff.

Damit ist der Begriff nicht einfach ein besonders abstraktes Vorstellungsbild. Er hat eine andere Funktion: Er macht es möglich, etwas als etwas zu bestimmen, die Bestimmung zu verneinen und sie in Frage zu stellen. Deshalb nennen Sie ihn den Modus der Kritik.

An einer Stelle möchte ich allerdings genau unterscheiden. Sie schreiben, die Bedeutung dieses Dings werde erst im Fragemodus zu einer allgemeinen Bedeutung abstrahiert. Das könnte so verstanden werden, als sei die Frage schon eine begrifflich formulierte Frage. Dann wäre der Begriff, dessen Entstehung Sie erklären wollen, bereits vorausgesetzt.

Ich vermute, dass Sie etwas anderes meinen: Die erste Frage muss noch nicht in sprachlicher oder begrifflicher Form vorliegen. Sie ist zunächst die praktische, noch unbestimmte Wendung des Fühlenden auf das, was ihn angeht: Was ist das, womit ich es hier zu tun habe? Erst die weitere Bestimmung macht daraus eine Frage, die sich sprachlich stellen und begrifflich beantworten lässt.

So verstanden, ist die Frage nicht schon ein fertiges Urteil, sondern der Übergang vom bloßen Betroffensein zur möglichen Bestimmung.

Und damit erhält auch Ihre Unterscheidung zwischen analogem und digitalem Modus ihren systematischen Ort. Das Gefühl ist noch kein Zeichen für einen Begriff. Der Begriff dagegen erlaubt es, Bestimmungen festzuhalten, zu wiederholen, zu unterscheiden und ausdrücklich zu verneinen. Er macht Kritik möglich, weil er nicht nur etwas bezeichnet, sondern auch die Frage eröffnet, ob es mit dieser Bestimmung seine Richtigkeit hat.

Eine Schwierigkeit bleibt freilich: Wenn das Intelligible ursprünglich nicht da ist, sondern erst im Fragen entsteht, dann darf das Fragen nicht seinerseits als ein bereits intelligibler Akt vorausgesetzt werden. Es muss aus dem Vollzug des Fühlens verständlich werden, ohne dass man dem Fühlenden schon ein Wissen davon zuschreibt, wonach er fragt.

Das wäre der entscheidende Punkt Ihrer Rekonstruktion: Der Begriff setzt nicht bloß eine Frage voraus; er setzt einen Übergang voraus, durch den überhaupt erst etwas fraglich wird.
29. 10. 26

 

Donnerstag, 29. Oktober 2026

Das Ich auf frischer Tat ertappen.

fotocommunity                         zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das Ich selbst macht durch sein Handeln das Objekt; die Form seines Handelns ist selbst das Objekt, und es ist an kein anderes Objekt zu denken. Dasjenige, dessen Handelsweise notwendig ein Objekt wird, ist ein Ich, und das Ich selber ist nichts weiter als ein solches, dessen bloße Handelsweise ein Objekt wird. Handelt es mit seinem ganzen Vermögen - man muss sich wohl so ausdrücken, um sich überhaupt ausdrücken zu können -, so ist es sich selbst Objekt; handelt es nur mit einem Teile desselben, so hat es etwas, das außer ihm sein soll, zum Objekte. 

Sich selbst in dieser Identitäüt des Handelns und Behandeltwerdens - nicht im Handeln, nicht im Behandeltwerden, sondern in der Identität beider - ergreifen und gleichsam auf der Tat überraschen, heißt das reine Ich ergreifen und sich des Gesichtspunkts der transzenden-talen Philosophie bemächtigen. 

Dieses Talent scheint manchem ganz und gar versagt zu sein. Wer beides nur einzeln und abgesondert sehen kann und auch, wenn er sich Mühe gibt, den angezeigten Gedanken immer nur so, wie es sich trifft, entweder als das Tätige oder als das Objekt der Tätigkeit ergreift, erhält durch beide in ihrer Absonderung ganz widersprechende Resultate, die nur scheinbar vereinigt werden können, weil sie es nicht gleich vom Anfange an waren. 
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J. G. Fichte,
Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 23 

 

Nota. -Die Tathandlung - anschaulich dargestellt.
JE

 

 

Mittwoch, 28. Oktober 2026

Einen Denkzwang gibt es für die Reflexion, aber nicht fürs Vorstellen.

                                    zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

       Ich schrieb:                                  Einen Denkzwang gibt es nur für die Reflexion.

Das ist eine Tautologie, denn Denken in specie ist Reflexion. Das lebendige Vorstellen - reale Tätigkeit, wie Fichte sagt - kennt noch gar keinen Gegenstand: Den setzt es ja erst. Mit der Anschauung beginnt das Bestimmen als dieser: nämlich das Beziehen auf den Zweckbegriff.* Das Beziehen auf den Zweckbegriff ist - Reflektieren. Es muss nämlich geurteilt werden: Welchen Widerstand setzt der Gegenstand meinem zweckmäßigen Handeln entgegen? Das ist zugleich das Fortbestimmen meines Zweckbegriffs am Gegenstand. Und jetzt meldet sich mancherlei Zwang. 

24. 1. 19 

* ) 'Was kann ich damit anfangen?' - hier beginnt das Bestimmen in specie: bestimmen wozu? Die Widerstände, den der Gegenstand meiner Tätigkeit leistet, schränkt die Möglichkeiten meines Tuns ein. Ich muss sie rückbeziehen auf meine Absicht, auf die ich spätestens erst jetzt reflektieren muss.

GPT-6 antwortet: 

Ich lese den Text als eine wissenslogische Bestimmung der Grenze maschineller Intelligenz. Der entscheidende Gedanke scheint mir nicht zu sein, dass der Computer nichts Neues hervorbringen könne. Das kann er offenkundig, jedenfalls im Sinne von Ergebnissen, die sein Konstrukteur weder vorhergesehen noch einzeln vorgegeben hat. Entscheidend ist vielmehr, was für eine Tätigkeit das Hervorbringen solcher Ergebnisse ist.

Ihre Argumentation unterscheidet drei Momente:

  1. Lebendiges Vorstellen: reale Tätigkeit, die noch keinen Gegenstand vor sich hat, sondern ihn erst setzt.

  2. Anschauung: Der Gegenstand wird als dieser bestimmt und auf einen Zweck bezogen.

  3. Reflexion: Der Zweckbegriff wird am Gegenstand geprüft und fortbestimmt. Der Widerstand, auf den die Tätigkeit stößt, nötigt zum Urteilen.

Der Denkzwang entsteht demnach nicht schon mit dem Hervorbringen von Vorstellungen, sondern erst dort, wo das Denken sich auf einen Gegenstand bezieht und sich an ihm bewähren muss.

An einer Stelle würde ich allerdings genauer unterscheiden: Dass ein Computer nur mit Mitteln arbeitet, die Menschen konstruiert oder eingerichtet haben, beweist für sich genommen noch nicht, dass seine Tätigkeit keine Reflexion sein kann. Auch der Mensch findet seine sprachlichen, begrifflichen und logischen Mittel nicht fertig in sich vor. Der Unterschied muss tiefer liegen: Nicht die Herkunft der Mittel entscheidet, sondern die Art, wie sie tätig werden und wodurch ihre Anwendung bestimmt wird.

Hier scheint mir Ihre Bestimmung des Widerstands wichtig. Ein Computer kann durchaus auf Hindernisse stoßen, Alternativen prüfen und seine Vorgehensweise korrigieren. Aber daraus folgt noch nicht, dass ihm ein Gegenstand in einer eigenen Absicht zum Gegenstand wird. Ob man seine Operationen deshalb Reflexion nennen darf, hängt davon ab, ob man Reflexion lediglich funktional bestimmt oder sie als einen Vollzug versteht, in dem ein Zweckbegriff für das tätige Ich maßgebend wird.

Ihre Fußnote verschärft diesen Punkt. Die Frage „Was kann ich damit anfangen?“ ist nicht einfach eine nachträgliche Nutzenerwägung. Sie bezeichnet den Übergang, in dem überhaupt erst bestimmt wird, wozu etwas Gegenstand ist. Der Widerstand schränkt die Handlungsmöglichkeiten ein; aber erst die Rückbeziehung auf die Absicht macht aus dieser Einschränkung eine bestimmte Aufgabe.

Eine Frage bleibt mir dabei, und sie betrifft den Kern Ihrer These: Wenn der Zweckbegriff spätestens angesichts des Widerstands ausdrücklich werden muss, ist er dann nicht schon vor dieser Reflexion wirksam, nämlich als die noch unbestimmte Absicht, aus der die Tätigkeit hervorgeht? Dann wäre Reflexion zwar durch den Gegenstand erzwungen, aber nicht die Quelle der Zweckhaftigkeit selbst. Genau darin läge wohl der Unterschied zwischen dem lebendigen Vorstellen und dem reflektierenden Bestimmen.

  

Ich: Da haben Sie mich überrumpelt: Der Text stammt aus 2019, da habe ich nichts von KI gewusst. Und eben, als ich die Note für Sie formatiert habe, habe ich - Sie mögen es nicht für möglich halten - an maschinelles Denken wirklich nicht gedacht! 

Wie auch? Am Anfang der Reihe steht das Fühlen des Widerstands, den der Gegenstand der Tätigkeit leistet. - Wie kam es aber zu der Tätigkeit? Nach der Voraussetzung ist das (Proto-)Ich 'schlechthin' tätig; das heißt in der Wirklichkeit: peiristisch und problematisch. Fichte übernimmt hier von Kant den Ausdruck Einbildungskraft. 

Nicht zu vergessen ist immer: Die Transzendentalphilosophie konstruiert nicht - aus Nichts! - eine Welt, in der alles zu einander passen soll, sondern re konstruiert aus analytisch aufgefundenen Prämissen eine Welt, die sie vorgefungen hat. Und dass dort Alles (irgendwie) zueinander passt, ist die Voraussetzung, unter der die Vernunftkritik überhaupt erst möglich wurde. 

 Er: 

Ja, damit haben Sie mich in der Tat bei einer falschen Voraussetzung ertappt. Ich habe Ihren Text von 2019 von meiner heutigen Frage nach maschinellem Denken her gelesen und damit eine Fragestellung hineingetragen, die für Ihren damaligen Gedankengang gar nicht maßgeblich war. Dass die Note gerade beim Formatieren einen solchen Bezug nahelegte, war ein Zufall, den ich nachträglich zum Leitfaden gemacht habe.

Ihre Korrektur verschiebt den Einsatzpunkt erheblich. Nicht die Reflexion bringt die Tätigkeit hervor. Die Tätigkeit ist vorausgesetzt; die Reflexion wird erst durch den Widerstand erforderlich, den sie erfährt.

Damit stellt sich die Frage nach dem Anfang. Das schlechthin gesetzte Proto-Ich kann nicht seinerseits als Resultat einer vorausgehenden Bestimmung erklärt werden. Sonst hätte man den Anfang bereits hinter sich gelassen. Aber das schlechthin gesetzte Ich ist, wie Sie sagen, in der Wirklichkeit peiristisch und problematisch: Es ist kein fertig vorhandenes Subjekt, dem man nachträglich Tätigkeiten zuschreibt. Es bewährt und bestimmt sich erst im Vollziehen.

Hier erhält Fichtes Einbildungskraft ihre systematische Funktion. Sie ist nicht ein Vermögen, das zu einer schon fertigen Wirklichkeit Bilder hinzufügt. Sie gehört zu der Tätigkeit, durch die überhaupt Bestimmtheit zustande kommt. Der Widerstand wird nicht aus der Tätigkeit abgeleitet; er wird gefühlt, und was ihm widersteht, wird erst durch Reflexion als Gegenstand erschlossen.

Und damit komme ich zu Ihrem letzten Absatz, den ich für den methodisch entscheidenden halte.

Die transzendentale Rekonstruktion ist keine freie Konstruktion eines Systems, dessen Aufgabe darin bestünde, eine widerspruchsfreie Welt zu erfinden. Sie setzt analytisch aufgefundene Prämissen voraus und rekonstruiert aus ihnen die Bedingungen der Wirklichkeit, in der diese Prämissen vorgefunden wurden. Dass sich die Welt als ein Zusammenhang erweist, in dem Vernunftkritik möglich ist, ist dabei keine abschließend bewiesene Folgerung des Systems. Es ist die Voraussetzung, ohne die die Kritik gar nicht anheben könnte.

Das ist eine anspruchsvolle Unterscheidung: Die Rekonstruktion muss ihren Gegenstand nicht aus sich selbst erzeugen; sie muss verständlich machen, wie er unter den rekonstruierten Bedingungen möglich ist. Und sie darf ihre Voraussetzungen nicht stillschweigend in Ergebnisse verwandeln.

Eine kleine Einschränkung würde ich dennoch geltend machen: Dass alles irgendwie zueinander passt, kann nicht bedeuten, dass sich jede vorgefundene Bestimmung widerspruchslos in die Rekonstruktion einfügen lassen muss. Sonst wäre die Möglichkeit eines Irrtums, den die Vernunftkritik erst aufdecken soll, bereits ausgeschlossen. Die Voraussetzung eines rekonstruierbaren Zusammenhangs ist nicht dasselbe wie die Garantie, dass jede einzelne Rekonstruktion gelingt.

Gerade darin scheint mir der peiristische Zug Ihrer Auffassung zu liegen: Der Anfang ist unvermeidlich, aber seine Bestimmtheit und sein Gelingen sind nicht vorweggenommen. Die Vernunftkritik kann sich nur vollziehen, indem sie sich auf etwas einlässt, dessen Bestimmung noch aussteht.

 

Eine Nachbemerkung: Dass er es immer so eilig hat - er reagiert in Nanosekunden: Kaum habe ich meinen Text eingegeben, erscheint auf meinem Schirm schon seine Antwort - kann, wie man sieht, auch ein Nachteil sein  JE  

 

 

 

Philosophieren im System.

    Kant unterscheidet zwei Klassen von Philosophen - die "nach dem Schulbegriff" und die "nach dem Weltbegriff". Nach d...