aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Sobald nach Vollendung
dieses Geschäfts der menschliche Geist in sich selbst zurückkehrt, wie
er in einem seiner erhabensten Repräsentanten, Kant, zuerst mit klarem
Bewusstsein und vollständig getan hat, und findet, dass alles, was er
außer sich wahrzunehmen glaubt, er doch nur aus sich selbst
hervorgebracht habe: so geht an die noch immer synthetisch
fort-schreitende Vernunft die Aufgabe, alle diese Verrichtungen desselben
gleichfalls in einem Grunde zu vereinigen, und dieseses Verfahren hat
aus demselben Grunde dieselbe Realität, welche jenes hatte.
Diese letzte Aufgabe an das synthetische Vermögen, nach de[r]en
Vollendung die Mensch-heit wieder zur Analyse zurückkehrt, die von nun
an eine ganz andere Bedeutung bekommt, musste gleichfalls über kurz
oder lang gelöst werden; und es wäre bloß das zu wünschen, dass
diejenigen, die ihre Fähigkeit nicht bestimmt, an diesem Geschäft Anteil zu haben, von der Realität, die durch dasselbe hervorgezogen werden soll, überhaupt keine Notiz
nähmen, wie es sonst immer gewesen ist; nicht aber verlangten, sie
unter die besondere Art der Realität, die ihnen bekannt ist,
herabzuziehen. -
Ein reines Ich und die
Verrichtungen desselben vor allem Bewusstsein haben keine Realität, weil
sie nicht im gemeinen Bewusstsein vorkommen, heißt dasselbe sagen, was
ein ungebil-deter Wilde[r] sagen würde, wenn er spräche: Eure Kausalität und eure Wechselwirkung ha-ben keine Realität, denn man kann sie nicht essen.
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J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 26
Nota. - Transzendentalphilosophie ist eine Sache der Gelehrten und nicht des Alltagsver-stands. Auf das Alltagsleben hat sie gar keinen Einfluss, man kann sie weder essen noch trinken. Bleibt immer die Frage, wozu sie dann letzten Ende gut ist.
Denn
dass der Alltagsverstand von ihr Rechenschaft erwartet, ist nicht
einfach eine Unge-zogenheit. Vernunft soll sein das Verkehrsmedium der
bürgerlichen Gesellschaft, von der Reihe vernünftiger Wesen ist die
Rede. Das sollen nicht nur die Gelehrten sein, sondern alle, die frei handeln - und das wiederum sollen alle. Der Raum, in dem freie, d. h. vernünf-tige Iche miteinander wechselwirken, ist Öffentlichkeit.
Eine
Republica eruditorum im Elfenbeinturm, abgesondert vom Volk, waren die
Gelehrten in der mittelalterlichen Ständegesellschaft (und auch da
mehr in der Vorstellung als in der Realität). In der bürgerlichen
Öffentlichkeit müssen sie jederzeit darauf gefasst sein, dass der Laie
sich auf seine Vernunft beruft und in Dinge einmischt, von denen er
nichts ver-steht; zumal, wenn die Gelehrten an seiner Revenü mitzehren.
Machen wir's kurz: Eine positive Wirkung auf das Treiben der Welt hat die Transzenden-talphilosophie nicht.
"Ihr Hauptnutzen ist
negativ und kritisch. Es mangelt in dem, was nun gewöhnlich für
Le-bensweisheit gehalten wird, nicht daran, daß sie zu wenig, sondern
daran, daß sie zu viel enthält. Man hat eben die erräsonierten Sätze der
oben beschriebenen erschaffenden Me-taphysik hereingetragen - und diese
sollen [wieder hinaus] gesondert werden. Sie hat die Bestim-mung, die
gemeine Erkenntnis von aller fremden Zutat zu reinigen.
Dies hat ihnen Kant zur Genüge gezeigt.
Mittelbar,
d. h. inwiefern ihre Kenntnis mit der Kenntnis des Lebens vereinigt
ist, hat sie auch einen positiven Nutzen. Für das unmittelbar praktische
Pädagogische im weitesten Sinn des Worts: Sie zeigt, wie man die
Menschen bilden müsse, um moralische, echtreligi-öse, legale
Gesinnungen
in ihnen hervorzubringen und nach und nach allgemein zu ma-chen. Für die
theoretische Philosophie, Erkenntnis der Sinnenwelt, Naturwissenschaft
ist sie regulativ. Sie zeigt, was man von der Natur fragen müsse.
Ihr
Einfluß auf die Gesinnung des Menschengeschlechts überhaupt ist, daß
sie ihnen Kraft, Mut und Selbstvertrauen beibringt, indem sie zeigt, daß
sie und ihr ganzes Schicksal ledig-lich von sich selbst abhängen; indem
sie den Menschen auf seine eignen Füße stellt."
J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen in: Gesamtausgabe Bd. II/5, S. 122
Man kann nicht einmal sagen, die Transzendentalphilosophie träte der profanen Welt als eine Instanz gegenüber,
und sei es eine kritische, die den Alltagsverstand väterlich gegen
seine Anmaßungen in Acht nimmt; denn mit der Autorität der Wissenschaft redet sie einst-weilen nicht, in der Wissenschaft ist sie noch immer erst eine Partei, und nur als eine solche kann sie sich zu Wort melden.
Übrigens
auch außerhalb der Wissenschaft, denn das auszeichnende Merkmal der
vernünf-tigen, der bürgerlichen Gesellschaft ist: Öffentlichkeit.
15. 1. 19
Nota II. - Was Kant den 'dialektischen Schein' nennt - dass nämlich den Begriffen dieselbe Realität zukäme wie den Dingen, auf die sie gemünzt sind -, gehört das zu den Beigaben, die eine 'erräsonierende und erschaffende Metapysik' der gemeinen Erkenntnis nachträglich zugefügt hat und die die Kritik wieder hinaussondern muss? Handelt es sich bei dem plato-nischen Begriffsrealismus nicht vielmehr um die Erbschaft des ursprünglichen Animismus, der umgekehrt den Dingen selber eine geistige Potenz angedichtet hatte?
Das macht das Aussondern unvergleichlich mühseliger; allerdings auf Dauer auch unum-gehbar.
JE
Nota. Das
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