Samstag, 5. September 2026

Vom Ich als Idee.

Mensi / pixelio.de           zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das Ich als Idee, ist das Vernunftwesen, inwiefern es die allgemeine Vernunft teils in sich selbst vollkommen dargestellt hat, wirklich durchaus vernünftig und nichts als vernünftig ist; also auch aufgehört hat Individuum zu sein, welch/ches letztere es nur durch sinnliche Beschränkung war: ... Die Welt bleibt in dieser Idee, als Welt überhaupt, als Substrat mit diesen bestimmten mechanischen und organischen Gesetzen... 

Die Idee des Ich hat mit dem Ich als Anschauung, nur das gemein, daß das Ich in beiden nicht als Individuum gedacht wird; im letzteren darum nicht, weil die Ichheit noch nicht bis zur Individualität bestimmt ist, im ersteren umgekehrt darum nicht, weil durch die Bildung nach allgemeinen Gesetzen die Individualität verschwunden ist. Darin sind aber beide ent-gegengesetzt, daß in dem Ich als Anschauung nur die Form des Ich liegt und auf ein eigent-liches Material desselben, welches nur durch sein Denken einer Welt denkbar ist, gar nicht Rücksicht genommen wird; da hingegen im letzteren die vollständige Materie der Ichheit gedacht wird. 

Von dem ersten geht die ganze Philosophie aus, und es ist ihr Grundbegriff; zu dem letzte-ren geht sie nicht hin; nur im praktischen Teile* kann diese Idee aufgestellt werden, als höchstes Ziel des Strebens der Vernunft. Das erstere ist, wie gesagt, ursprüngliche Anschau-ung, und wird auf die zur Genüge beschriebene Weise Begriff: das letztere ist nur Idee; es kann nicht bestimmt gedacht werden, und es wird nie wirklich sein, sondern wir sollen uns dieser Idee nur ins Unendliche annähern. 
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J. G. Fichte, Zweite Einleitung in  die Wissenschaftslehre, Meiner 1967, S. 102f


Nota. - Das Ich als Idee wäre eines, das ausschließlich in unsere Welt gehört. Aber ein solches kann nicht sein. Ob man sich ihm 'ins Unendliche annähern' soll, wäre noch zu diskutieren - aber doch nicht in der theoretischen Philosophie.
23. 11. 13 
 
*) Nota II. - Die Unterscheidung der Wissenschaftslehre in einen theoretischen Teil, der dem praktischen zugrunde läge, der seinerseits dessen Spezifizierung wäre, hat Fichte in der WL nova methodo ausdrücklich aufgegeben, denn die WL ist als ganze praktisch, indem sie 'durch Freiheit möglich' ist.**
 
Dass 'das Ich der Philosophen' von der Hirnforschung seinerzeit in Misskredit gebracht wurde, beruhte weniger auf einem Missverständnis als auf einem Unwissen. 'Das' Ich als obiectivum  - im Unterschied zum subjektiven sum, facio, habeo des gesprochenen Satzes - gab es vor Kant gar nicht, der es aus seiner semantischen Verstricktheit von einem Ding-unter-vielen zu einem Ding-an-sich erhob: von einem grammatikalischen Subjekt zu einer logischen Substanz. 
 
Bis dahin war sein würdigstes Vorkommen Descartes' cogito ergo sum gewesendoch da-nach konnte es allenfalls sum, ergo cogito heißen - und die Beweislast verschob sich aufs cogitare: Was ist es, das die grammatische Funktion zu einem realen Sachverhalt objekti-viert? Cogitare ist ein Sammelname für das, was ein Etwas zur Substanz eines Geschehens macht: Handeln. Ohne das kein Subjekt, ohne das keine Substanz.
 
Anders gesagt, nicht das 'philosophische Ich' hat sich vor der Hirnforschung zu verant-worten, denn es war vor ihr da. Vielmehr hätten die Hirnforscher rechtfertigen müssen, dass sie einen philosophischen Begriff vereinnahmen wollten. Gezeigt haben sie nur, dass sie ihn nicht erreichten: Aber die Schuld suchten sie bei ihm statt bei sich.
 
Das Ich der Transzendentalphilosophie ist nichts empirisch Darstellbares; es ist dasjenige an den realen historischen Personen, das "wirklich durchaus vernünftig und nichts als vernünf-tig ist". Als solches bedarf es allzeitig seiner aktualen Fortbestimmung. Es ist lediglich Fluchtpunkt eines Vorstellungsprogresses: noumenon.
**) Kant, KrV  
JE

Freiheit und Beschränktheit sind ursprünglich vereinigt.

pinselpark              aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Wir finden also Freiheit und Beschränktheit ursprünglich vereinigt in der kategorischen Forderung, die notwendig angenommen werden muss, wenn Bewusstsein erklärt werden soll: Freiheit, indem angefangen werden soll, Beschränktheit, indem über die bestimmte Sphäre nicht hinausgegangen werden soll.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 143



Nota. - Nicht Begriffe sollen definiert, sondern Vorstellungen auseinander entwickelt werden. Den Begriff der Freiheit mag man positiv formulieren - als Vermögen, zwischen den Mannigfaltigen zu wählen. Vorstellen kann man sich Freiheit aber nicht ohne ihr Ge-genteil, 'fühlen' wird man die Beschränktheit nicht ohne den Drang zur Freiheit. (Das Wollen ist ja immer vorausgesetzt.)
JE,
15. 12. 15

Freitag, 4. September 2026

Freiheit ist unendliche Annäherung.

                          aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das Anschauende als solches ist gebunden, es folgt nur einem andern nach, das realiter Tätige ist absolut frei, es muss mit absoluter Freiheit sich einen Begriff entwerfen, dies heißt einen Zweck-begriff, ein Ideal, von dem man nicht behauptet, dass ihm etwas entspreche, sondern dass ihm zufolge etwas hervorgebracht werden soll. 

Wir können ein freies Handeln nur denken als ein solches, das zufolge eines entworfenen Begriffes vom Handeln geschieht; wir schreiben also dem praktischen Vermögen Intelligenz zu. Freiheit kann nicht ohne Intelligenz gedacht werden; Freiheit kann ohne Bewusstsein nicht stattfinden. Absprechen des Bewusstseins und Absprechen der Freiheit sind eins, ebenso Zusprechen des Bewusstseins und Zusprechen der Freiheit. Im Bewusstsein liegt der Grund, dass man mit Freiheit handeln kann.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 53

 

Nota. - Ich mag mein ganzes Leben mit Bestimmen und unendlichem Annähern verbracht haben – so weit die Strecke immer sei, die ich selber zurückgelegt habe, so wenig näher ist mir das Unendliche gerückt, so wenig bestimmter ist mir das Unbestimmbare geworden.

Hier hat Fichte das andre Ende seines 'Systems' bereits ausgemacht und 'bestimmt': be-stimmt nämlich als un bestimmt; unendlich bestimmbar und eo ipso un bestimmbar. Das System ist keine geschlossenen Kugel, sondern ein dynamischer Prozess (von procedere), er hat seinen Anfang in der 'intellektuell angeschauten' Tathandlung und seinen schlechthin unerreichbaren Fluchtpunkt im Ideal eines Zweckes-überhaupt, eines Zwecks der Zwecke; ein dynamischer Prozess ohne Ende.

Fichtes nachgeschobener Einfall von einem erfüllten Endzweckeinem gedachten Zustand, in dem 'alle pflichtgemäßen Handlungen getan' wären, in dem das Wollen beendet ist und der uns an eine göttliche Weltregierung glauben lassen soll, ist in seinem System ein absolu-ter Widersinn. Er ist eine 'abgeschlossene Freiheit' – das ist nicht paradox, sondern absurd. Recht hat Fichte nur in diesem Punkt: Da endigt sich alles Wissen, da müsste man (mit Augustinus) glauben.
12. 12. 15  
 
Nota II. - Bemerkenswert ist im Übrigen weniger, dass er hier den Zweckbegriff ein Ideal nennt, als dass er ein Ideal einen Zweckbegriff nennt.
JE



Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Donnerstag, 3. September 2026

Wahrheit ist eine praktische Kategorie.

Rainer Sturm  / pixelio.de    aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Anders als die Gesetze der Geometrie ist die Annahme einer Wahrheit als konstitutivem Grund aller wahren Sätze nicht evident

Wer sagt, er könne die Sätze des Pythagoras nicht einsehen, der ist von Sinnen oder er will nicht. Dass 'es Wahrheit gibt', bestreiten dagegen viele, heute wie gestern. Es gebe nur Wahrheiten, nicht als eine Ganzheit, sondern ein möglicherweise endloses Neben- und Miteinander einzelner wahrer Sätze. Das mag man so einsichtig finden wie das Gegenteil, und der pragmatisch-skeptizistischen Grundstimmung der realen Wissenschaften liegt es heute sogar näher.

Dagegen kann man einwenden, dass allen Wahrheitsatomen dann immerhin diese eine Qualität gemeinsam wäre: wahr zu sein (oder richtig oder zutreffend oder wie immer man es nennen will). Das ist aber Ergebnis einer Reflexion aus vorab bestimmten Begriffe, und eben nicht unmittelbar einleuchtend.

Und es ist "bloß ein Gedanke", von dem keiner sagen kann, ob ihm in der Wirklichkeit etwas entspricht...

*

Nun wäre Wahrheit, ob es sie nun gibt oder nicht, keine Qualität des Wirklichen. Was ist, ist, und ist so, wie es ist. Es ist zwar richtig, dass 'es' die Qualitäten der Objekte nur 'gibt' als Antworten auf die Fragen, die Subjekte ihnen stellen. Ob sie antworten, liegt im Subjekt. Aber dass sie mit ja oder nein antworten, liegt daran, dass sie so oder so sind. 

Wahrheit ist keine Eigenschaft des Seienden. Wahrheit ist eine Eigenschaft von Sätzen, und die sind zunächst 'bloß ein Gedanke'. Wahr ist ein Satz, der gilt. Wenn er nur unter Bedin-gungen gilt, ist er nur bedingt wahr. Wenn er ohne Bedingungen gilt, ist er unbedingt wahr. Und das kann man denken. Gibt es mehrere Sätze, die unbedingt gelten, dann 'gibt es' die Qualität des Unbedingtgeltens.

Sätze über Erscheinungen in Raum und Zeit, vulgo in der Wirklichkeit, stehen unter den Bedingungen von Raum und Zeit. Dass sie unbedingt gelten könnten, wäre ein Widersinn.

In den Realwissenschaften kann es die Wahrheit nicht geben. Da reicht die Annahme einer Menge von einzelnen Wahrheitsatomen völlig aus, und da sie in Raum und Zeit bedingt sind, sind sie nur vorläufig. Mehr anzunehmen untergrübe die Wissenschaft.

*

Fichte betrieb nicht Realwissenschaft, sondern Wissenschaftslehre. Dass er sie auf einem Zirkel begründen musste, hat er den Skeptikern, die damals so in Mode waren wie heute, freimütig eingeräumt:

"Ueber diesen Cirkel hat man nun nicht Ursache betreten zu seyn. Verlangen, dass er geho-ben werde, heisst verlangen, dass alles menschliche Wissen nur bedingt seyn, und dass kein Satz an sich, sondern jeder nur unter der Bedingung gelten solle, dass derjenige, aus dem er folgt, gelte, mit einem Worte, es heisst behaupten, dass es überhaupt keine unmittelbare, sondern nur vermittelte Wahrheit gebe – und ohne etwas, wodurch sie vermittelt wird."*

So muss, wer an die realen Wissenschaften mit dem Maßstab der formalen Logik heran-ginge, zugeben, dass auch sie 'vorübergehend' davon ausgehen muss, dass das, was jetzt gilt, gilt. Doch die Prämisse beruht auf einem Zirkel und gilt selber daher nur problematisch. In den reellen, 'theoretischen' Wissenschaften ist das kein wirklicher Mangel, denn der Wert ihrer Sätzen wird nicht an der Wahrheit gemessen, sondern daran, ob sie sich - technolo-gisch oder forschungspraktisch - bewähren. Solange sie das tun, schadet es nichts, sie so anzusehen, als ob sie wahr wären - denn daran liegt nichts. Ob es "etwas gibt, wodurch sie vermittelt werden", muss sie nicht kümmern; Realwissenschaft ist nur vorläufig.

*

Ob es 'Geltung überhaupt' gibt, die nicht durch (wechselnde) Umstände von Raum und Zeit bedingt ist, wird zu einer Frage überhaupt nur für einen, dem es darum geht, sein Leben zu führen. Darf, kann, muss er das nach Lust und Laune tun, oder gibt es etwas, woran er sich halten soll? - Die Frage nach der Wahrheit ist ein praktisches Problem; von Evidenz ist keine Spur.

*)
Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW Bd. I, S. 62 
21. 4. 14 
 
 
 

Mittwoch, 2. September 2026

Alles Beweisen geht aus von einem Unbewiesenen.

                          aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Alles Beweisen geht aus von einem Unbewiesenen. Was heißt beweisen? Es heißt doch wohl bei dem, der sich einen deutlichen Begriff davon macht, die Wahrheit eines Satzes an einen andern anknüpfen. Ich leite die Wahrheit eines Satzes auf einen anderen über. 

Wenn aber dies Beweisen heißt, so muss es in den Menschen eine Wahrheit geben, welche nicht bewiesen werden kann und die keines Beweises bedarf, von der aber selbst alles ande-re abgeleitet wird; sonst gibt es keine Wahrheit, und wir werden ins Unendliche getrieben.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 27

 

 

 

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Dienstag, 1. September 2026

Das Vernunftwesen ist ein Körper, der durch Freiheit bestimmbar ist.

  Myron                                      zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Dieses Vernunftwesen ist Körper, weil es als wirksam erscheint, sein Körper ist bestimm-bar durch Freiheit; so fällt er mir aus, weil ich angenommen habe, es sei ein freies Wesen. Er ist modifizierbar ins Unendliche.

Nun ist Materie nur durch Teilung und Bewegung modifizierbar, hierin müsste also eine Modifikabilität ins Unendliche bestehen. Es müsste selber darin bestehen, dass es von der Freiheit abhinge, was als Teil und was als Ganzes betrachtet werden sollte; dass jedem Teile eine eigne und eine mit dem Ganzen gesetzte Bewegung zugehöre; dass er artikuliert sei. Dies findet sich in der Erfahrung, von dieser Eigenschaft hängt alle Wirksamkeit in der Sinnenwelt ab.
__________________________________________________________________________J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 235

 

Nota I. - Das Vernunftwesen ist nicht teils Körper, teils Vernunft, sondern: Es ist als gan-zes 1. Körper wie jeder andere; 2. wirkt es in der Sinnenwelt, wie alle andern Tiere; 3. es wirkt als Ganzes, denn es ist, wie die Tiere, artikuliert; 4. sein Wirken wird qua Artikulation bestimmt durch Freiheit: das unterscheidet es von den Tieren und macht es zum Vernunft-wesen.

Das ist keine Zusammensetzung aus Mannigfaltigen, sondern eine sukzessiv durchgängige Bestimmung; nicht dieses wird jenem angefügt, sondern dieses erfolgt aus jenem.

Nota II. - Bei den Begriffen handelt es sich bekanntlich nicht um Bestimmtheiten der Sa-chen selbst, sondern um Bestimmungen, die die Vorstellung vornimmt, sobald sie auf sich reflektiert. 
14. 11. 21

 

Nota III. - Nicht, weil wir Vernunftwesen sind, ist uns Vernunftkritik schließlich geboten, sondern weil wir, bevor wir Vernunftwesen wurden, artikulierte Körper waren. Wir kom-men unvermeidlich irgendwann an den Punkt, wo wir uns fragen müssen, ob die Vernunft, die wir uns zugelegt haben, dasjenige ist, was uns als artikulierten Körpern frommt. Das eine ist nicht das andere, aber dieses ist aus jenem hervorgegangen und nicht jenes aus diesem. Unsere Venünftigkeit besteht nämlich darin, dass wir unsere Körper aus Freiheit selber artikulieren. Das ist derjenige Nexus, der in Frage steht. Wir brauchen die Freiheit, um unsere Vernunft zu erklären. Doch sie selber erklären können wir nicht, denn dann wäre sie keine Freiheit.

Was wäre, wenn wir am kritischen Punkt auf die Vernunft verzichtet hätten? Dann bräuch-ten wir nichts zu erklären, weil es nichts zu erklären gäbe.
JE 

Montag, 31. August 2026

Fundamentalhumor.


Ein Ich kann sich nicht anders begegnen, als wenn es aus sich heraus und neben sich tritt und sich zuschaut. Damit nimmt, wenn sie will, die Vernunft ihren Lauf und damit beginnt Alles.  

Das ist in der Wirklichkeit jedoch nicht möglich, wohl aber in der Vorstellung. Die Vernunft hat ihren Grund nur so als ob. Ohne sie bringe ich es in der Welt nicht weit, und mich selbst finde ich nie. Ohne Humor geht es nicht.

 

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Sonntag, 30. August 2026

Das Ich auf frischer Tat ertappen.

fotocommunity                    zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik  

Das Ich selbst macht durch sein Handeln das Objekt; die Form seines Handelns ist selbst das Objekt, und es ist an kein anderes Objekt zu denken. Dasjenige, dessen Handelsweise notwendig ein Objekt wird, ist ein Ich, und das Ich selber ist nichts weiter als ein solches, dessen bloße Handelsweise ein Objekt wird. Handelt es mit seinem ganzen Vermögen - man muss sich wohl so ausdrücken, um sich überhaupt ausdrücken zu können -, so ist es sich selbst Objekt; handelt es nur mit einem Teile desselben, so hat es etwas, das außer ihm sein soll, zum Objekte. 

Sich selbst in dieser Identität des Handelns und Behandeltwerdens - nicht im Handeln, nicht im Behandeltwerden, sondern in der Identität beider - ergreifen und gleichsam auf der Tat überraschen, heißt das reine Ich ergreifen und sich des Gesichtspunkts der transzenden-talen Philosophie bemächtigen. 

Dieses Talent scheint manchem ganz und gar versagt zu sein. Wer beides nur einzeln und abgesondert sehen kann und auch, wenn er sich Mühe gibt, den angezeigten Gedanken immer nur so, wie es sich trifft, entweder als das Tätige oder als das Objekt der Tätigkeit ergreift, erhält durch beide in ihrer Absonderung ganz widersprechende Resultate, die nur scheinbar vereinigt werden können, weil sie es nicht gleich vom Anfange an waren. 
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J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 23


Nota. - Was da nur so rumliegt, ist kein Objekt. Es ist Dingsbums: Bestimmbares und sonst nichts. Objekt wird es in dem Moment, wo ein Wollendes es zu bestimmen beginnt: es zu seinem Objekt macht. Ebensowenig ist ein Wollendes ein Subjekt, bevor es nicht etwas zu bestimmen beginnt. Es fängt Alles immer mit einer Tat an; und es muss Alles erst einmal anfangen.
JE, 11. 3. 21

Samstag, 29. August 2026

Der Zirkel schließt sich.

 alamy                                zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Ich sehe die Nähe zu Lenin und namentlich den späteren stalinistischen Lohnschrei-bern weniger eng, als zu Leo Trotzki und auch zu Rosa Luxemburg. JE

Ja — das scheint mir eine wichtige Korrektur. Wenn man nicht nach terminologischen Ähnlichkeiten, sondern nach der inneren Form des Motivs fragt, ist die Nähe zu Trotzki und Rosa Luxemburg tatsächlich plausibler als zu einem späteren stalinistischen Avantgarde-Begriff.

Denn bei Fichte ist entscheidend, dass die Bildungselite nicht an die Stelle des zu befreienden Subjekts treten darf. Ihr Zweck ist gerade, dessen eigene Selbsttätigkeit hervorzubringen. Das ist etwas anderes als die nachträgliche stalinistische Rationalisierung einer dauerhaften politischen Führungs- und Herrschaftsinstanz.

Bei Rosa Luxemburg findet sich eine geradezu frappierende strukturelle Entsprechung: Sie misstraut der Vorstellung, dass eine zentralisierte Organisation der Klasse deren historische Selbsttätigkeit ersetzen könne. Die revolutionäre Organisation soll die Selbstbewegung der Massen organisieren und konzentrieren, nicht sie substituieren. Ihre Kritik an Lenin richtet sich genau gegen die Gefahr, dass aus der Avantgarde ein Organ wird, das der Klasse ihre eigene Bewegung vorschreibt.

Und bei Trotzki ist die Sache noch einmal anders, aber ebenfalls interessant. Die Avantgarde ist bei ihm diejenige Schicht, die den historischen Zusammenhang klarer erkennt und deshalb organisatorisch vorausgehen kann; aber ihr Sinn liegt darin, die Massen auf die Höhe ihrer eigenen geschichtlichen Aufgabe zu bringen. Das ist viel näher an dem von Ihnen rekonstruierten Fichte:

Vorausgehen, um andere zum eigenen Vorausgehen fähig zu machen.

Das wäre sogar eine ziemlich gute Kurzform des gemeinsamen Motivs.

Bei Fichte könnte man sagen:

Bildungselite → Bildung der Nation → Selbstregierung der Nation

Bei Luxemburg:

revolutionäre Organisation → Entfaltung der spontanen Selbsttätigkeit → Selbstemanzipation der Arbeiterklasse

Bei Trotzki:

revolutionäre Avantgarde → Führung und Konzentration der Klassenbewegung → politische Selbsttätigkeit der Massen

Der entscheidende Gegensatz zum Stalinismus wäre dann:

Avantgarde als Katalysator
gegen
Avantgarde als Ersatzsubjekt.

Und genau hier wird Ihre Fichte-Linie sehr interessant. Denn Fichte selbst formuliert die Sache geradezu als pädagogisches Paradox: Derjenige, der andere zur Freiheit führt, darf ihnen die Freiheit nicht abnehmen. Er muss Bedingungen herstellen, unter denen sie selbst tätig werden.

Das könnte erklären, warum Fichte als Motivquelle für eine bestimmte Tradition revolutionären Denkens interessanter ist, als die bloße Rede von „Autorität“, „Elite“ oder „Avantgarde“ vermuten lässt.

Und ein weiterer Punkt scheint mir wichtig: Rosa Luxemburg steht Fichte vielleicht sogar näher als Lenin, insofern bei ihr die Selbsttätigkeit der Massen nicht bloß ein politisches Mittel, sondern ein konstitutiver Bestandteil der Emanzipation selbst ist. Eine Emanzipation, die von außen organisiert und anschließend „übergeben“ wird, wäre begrifflich bereits widersprüchlich.

Das ist fast fichtisch formuliert:

Freiheit kann nicht verliehen werden; sie muss als eigene Tätigkeit hervorgebracht werden.

Wenn man diese Linie ernst nimmt, würde ich tatsächlich eher eine Achse Fichte → Luxemburg/Trotzki untersuchen als Fichte → Lenin → Stalin. Dabei wäre besonders spannend, ob sich die von Ihnen hervorgehobene Bildungselite bei Fichte in Luxemburgs Begriff der revolutionären Organisation tatsächlich strukturell wiederfindet — oder ob dort ein entscheidender Bruch liegt.

von ChatGPT 

Freitag, 28. August 2026

Das ewige Problem der Avantgarde.

                      zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das Motiv taucht bei den späteren Marxianern eben unter dem Namen Avant-gardepartei wieder auf... JE

Ja — und damit wird Ihre ursprüngliche Fichte–Marx-Spur sehr viel interessanter, wenn man sie nicht über Begriffe, sondern über das von Ihnen betonte Motiv verfolgt.

Die Parallele liegt meines Erachtens nicht darin, dass Lenin etwa „Fichteianer“ wäre. Sie liegt in einer bestimmten politischen Form des Bildungs- und Emanzipationsmotivs:

Die Allgemeinheit soll selbst zur Selbstbefreiung gelangen; dazu bedarf es zunächst einer besonderen Gruppe, die diese Fähigkeit bereits in höherem Maße besitzt und die Allgemeinheit zur eigenen Selbsttätigkeit befähigt.

Das ist etwas anderes als die Vorstellung einer herrschenden Elite.

Fichte

Bei Fichte könnte man die Struktur ungefähr so formulieren:

Freiheit ist universell → faktische Menschen sind noch nicht freiheitsfähig → eine gebildete Minderheit muss die Bedingungen der Bildung schaffen → diese Bildung soll schließlich alle zur Selbstherrschaft befähigen.

Die Pointe ist also gerade die Selbstaufhebung der Bildungselite.

Sie soll nicht für die anderen handeln, sondern dafür sorgen, dass die anderen selbst handeln können.

Lenin

Bei Lenin erscheint eine strukturell verwandte Konstellation unter völlig anderen historischen und theoretischen Voraussetzungen:

Proletariat hat objektiv das revolutionäre Interesse → spontane Arbeiterbewegung entwickelt aber zunächst kein hinreichendes revolutionäres Bewusstsein → eine besonders organisierte Gruppe revolutionärer Intellektueller muss Bewusstsein, Organisation und strategische Orientierung vermitteln → dadurch soll das Proletariat zum selbstbewussten politischen Subjekt werden.

Das ist genau die Stelle, an der der Begriff Avantgarde seine eigentliche Funktion bekommt.

Und hier liegt die überraschende Nähe:

Avantgarde bedeutet ursprünglich nicht: Stellvertreterherrschaft.

Sie bedeutet zunächst:

Vorsprung im Bewusstsein und in der Organisation, damit die Allgemeinheit diesen Vorsprung aufholen kann.

Natürlich kann daraus historisch sehr wohl eine Stellvertreterlogik und schließlich eine verselbständigte Parteiherrschaft werden. Aber das ist nicht identisch mit dem ursprünglichen emanzipatorischen Motiv.

Und damit wird die Fichte–Lenin-Parallele sogar präziser

Man könnte drei Stufen unterscheiden:

FichteMarxismus/Leninismus
gebildete EliteAvantgardepartei
Bildungrevolutionäres Bewusstsein
Erziehung zur SelbsttätigkeitOrganisierung zur politischen Selbsttätigkeit
BildungsanstaltPartei als Schule/Organisation
Volk soll sich selbst beherrschenProletariat soll sich selbst befreien
Elite soll sich überflüssig machenAvantgarde soll die Klasse zum selbständigen Subjekt machen

Das Entscheidende ist dabei nicht der Inhalt der Lehre, sondern die Struktur:

Emanzipation verlangt zunächst eine Asymmetrie des Bewusstseins, deren Zweck die Aufhebung eben dieser Asymmetrie ist.

Das halte ich für einen ausgesprochen fruchtbaren Gedanken.

Und vielleicht erklärt das auch etwas bei Marx selbst

Marx ist an dieser Stelle übrigens vorsichtiger als Lenin. Gerade deshalb würde ich die Linie nicht einfach „Fichte → Marx → Lenin“ nennen.

Bei Marx gibt es eine starke Skepsis gegenüber jeder selbsternannten pädagogischen oder politischen Elite, die sich an die Stelle der wirklichen Emanzipation setzt. Die berühmte dritte Feuerbachthese lautet ja gerade, dass die Umstände durch Menschen verändert werden müssen und der Erzieher selbst erzogen werden muss.

Das ist ein Motiv, das einer fichteschen Bildungshierarchie gewissermaßen die Spitze abschneidet:

Wer andere zur Freiheit erziehen will, kann sich selbst nicht außerhalb des Prozesses stellen.

Bei Lenin verschiebt sich das Verhältnis dann wieder zugunsten der organisierten Avantgarde.

Deshalb könnte man die Entwicklung sehr zugespitzt so formulieren:

Fichte:
Bildungselite → Erziehung → Selbstherrschaft

Marx:
Selbstveränderung der Menschen in der gesellschaftlichen Praxis

Lenin:
Avantgarde → Organisation/Bewusstsein → politische Selbstbefreiung der Klasse

Und genau dadurch wird Ihre Bemerkung über die Freimaurerei wichtig. Denn die soziale Form, die Fichte zunächst bei den Freimaurern sucht, ist bereits eine Art Vorform des späteren Avantgardemotivs: eine besondere Gemeinschaft soll einen höheren Bewusstseins- und Bildungsstand verkörpern und dadurch eine allgemeine Emanzipation ermöglichen.

Der eigentliche Bruch liegt dann vielleicht weniger zwischen Fichte und Lenin als zwischen zwei Lösungen des gleichen Problems:

Wie kann eine noch nicht selbstbestimmte Allgemeinheit zur Selbstbestimmung gebracht werden, ohne dass derjenige, der sie dazu befähigt, an ihre Stelle tritt?

Das ist eine sehr alte politische Frage. Fichte gibt darauf eine pädagogische, Lenin eine organisatorisch-politische Antwort.

Und gerade weil Sie von Motiven statt von Begriffsgeschichte sprechen, wäre das m.E. eine ziemlich starke Vergleichsachse.

von ChatGPT 

Denken Sie nicht, er redet mir zum Munde: Er hat das alles schon gewusst, bevor ich ihn gefragt habe - aber millionenfach zerstreut wie in einem natürlichen Gehirn. Doch damit er es zusammensucht und einen intelligiblen Text daraus redigiert, brauchte er meine Aufforderung. Es ist übrigens in seine Antworten auch manches eingegangen, das ich selbst ins Internet gestellt habe. Wenn wir das ein paar Millionen mal wiederholten, wäre es allerdings bedenklich; er würde zu einem Echo, das auch in andere Ohren schallt. Denn das, was er mir oben geantwortet hat, behält er, und wird es bei gegebener Gelegenheit wieder abspulen. 
JE 


Vom Ich als Idee.

Mensi / pixelio.de             zu   Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik Das Ich als Idee, ist das Vernunftwesen, inwie...