Mittwoch, 5. August 2026

Die ästhetische Ansicht ist der Angelpunkt.

jpletarte                        aus Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Ich mache mich deutlicher. Auf dem transzendentalen / Gesichtspunkt wird die Welt ge-macht, auf dem gemeinen ist sie gegeben: auf dem ästhetischen ist sie gegeben, aber nur nach der Ansicht, wie sie gemacht ist. Die Welt, die wirkliche Welt, die Natur, denn nur von ihr rede ich, - hat zwei Seiten: sie ist [1.] Produkt unserer Beschränkung; sie ist [2.] Produkt unseres freien, es versteht sich, idealen Handelns (nicht etwa unserer reellen Wirksamkeit). In der ersten Ansicht ist sie selbst allenthalben beschränkt, in der letzten selbst allenthalben frei. Die erste Ansicht ist gemein, die zweite ästhetisch. ... 

Wer der ersten Ansicht nachgeht, der sieht nur verzerrte, gepreßte, ängstliche Formen; er sieht die Häßlichkeit; wer der letzten nachgeht, der sieht kräftige Fülle der Natur, er sieht Leben und Aufstreben; er sieht die Schönheit. So bei dem Höchsten. Das Sittengesetz ge-bietet absolut, und drückt alle Naturneigung nieder. Wer es so sieht, verhält sich zu ihm als Sklav. Aber es ist zugleich das Ich selbst; es kommt aus der inneren Tiefe unseres eigenen Wesens, und wenn wir ihm gehorchen, gehorchen wir nur uns selbst. Wer es so ansieht, sieht es ästhetisch an. 

Der schöne Geist sieht alles von der schönen Seite; er sieht alles frei und lebendig. ... Wo ist die Welt des schönen Geistes? Innerlich in der Menschheit, und sonst nirgends. Also: die schöne Kunst führt den Menschen in sich selbst hinein, und macht ihn da einheimisch. Sie reißt ihn los von der gegebenen Natur, und stellt ihn selbständig und für sich allein hin. ... 

Ästhetischer Sinn ist nicht Tugend: denn das Sittengesetz fordert Selbständigkeit nach Be-griffen, der erstere aber kommt ohne alle Begriffe von selbst. Aber er ist Vorbereitung zur Tugend, er bereitet ihr den Boden, und wenn die Moralität / eintritt, so findet sie die halbe Arbeit, die Befreiung aus den Banden der Sinnlichkeit, schon vollendet. Ästhetische Bildung hat sonach eine höchst wirksame Beziehung auf die Beförderung des Vernunftzwecks. 

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J. G. Fichte, Das System der Sittenlehre nach den Principien der Wissenschaftslehre, SW Bd. IV, S. 353ff.


Nota. - Wir haben eine Welt nur als Vorstellung; aber die haben wir gemacht: Das ist der Standpunkt der philosophischen Reflexion. Fürs bürgerliche Leben dagegen sind Welt und Vorstellung gleichermaßen gegeben. Das ist eine geschäftige, prosaische und enge Welt. Sie ist hässlich. 

Das Sittengesetz gebietet absolut. Aber es lautet in seiner schlichtesten Form: Handle nach eigenem Urteil. Formal drückt es nieder, material lehrt es uns, auf eigenen Füßen zu stehen. "Wenn wir ihm gehorchen, gehorchen wir nur uns selbst." 

Wer vom Standpunkt der philosophischen Reflexion ins wirkliche Leben zurückkehrt, mag die transzendentale Ansicht beibehalten: Sie wird ihm zur ästhetischen. Auf der andern Sei-te bildet die ästhetische Ansicht den Übergang vom gewöhnlichen Standpunkt zum trans-zendentalen, und ohne ihn wäre die kritische und Transzendentalphilosophie gar nicht möglich geworden.

Ästhetischer Sinn sei nicht Tugend, sagt er des öftern: Das Sittengesetz fordere Selbststän-digkeit nach Begriffen. Nach Zweck
begriffen, setze man erläuternd hinzu: Nach einem Urteil um/zu, und da das Sittengesetz immer momentan und unmittelbar gebietet, nach einem Urteil ad hoc. Urteile ad hoc sind die ästhetischen Urteile auch. Nach Begriffen werden sie nicht gefällt, sondern aus bloßer Anschauung. Doch auch so, als wären sie mir absolut geboten, einen Raum zum Deliberieren habe ich nicht.

Er hätte gut daran getan, das Sittengesetz und den ästhetischen Sinn phänomenal in einem Komplex zusammenzufassen. Sein abtrünniger Schüler Herbart hat diesen Schritt konse-quenter Weise getan und das Ethische als Schönheit im Reich der Willensakte dem Ästhe-tischen als dessen Teilbereich untergeordnet. Ethische Urteile haben streng genommen ebenso wie ästhetische Urteile keinen Gegenstand; ihr Zweck ist nämlich nicht, dieses oder jenes so oder anders zu bestimmen. Sondern eine eingetretene Bestimmung meines Zu-stands zu bestätigen oder zu verwerfen.

Und dies nun macht die gemeinsame Besonderheit des ethischen und ästhetichen Urteils aus: Es geschieht nicht stückweise, 'quantifizierend', synthetisch a posteriori, sondern ganz und auf einmal: synthetisch a priori.  


"Erfassen" ließe sich mein ganzer Zustand nur, soweit er von einem Teilstück zum andern übergehe und sie nach einander verknüpft. "Wenn unser Zustand auf einmal aufgefasst würde, so würde nicht übergegangen, und so würde nichts Ganzes aufgefasst. Was ist nun das Ganze dieses Zustandes? Nach dem soeben Gesagten ist es Synthesis des Wollens und des Seins, Beziehung beider auf einander, welches beide nicht zu trennen ist." Nova metho-do, S. 155

Der springende Punkt: Ästhetische wie ethische Urteile werden nicht gefasst, aufgefasst wie das Vernunfturteil nach Deliberation, nicht bestimmt durch 'mein Ich', sondern angeschaut als ein Zustand, in dem ich bin. Es tritt zwischen Wollen und Sein eine Scheidung gar nicht erst ein. Und wenn ich zu einem Verstandesurteil komme, dann immer erst hinterher.

27. 8. 18 

Nota II. - Lies weiter >hier.
JE

 

 

Dienstag, 4. August 2026

Vom Wege abgekommen.

sigrid rossmann  / pixelio.de

Nicht nur meine ich wirklich, dass Fichte konsequenterweise die notwendige Idee des Wahren und Absoluten als eine ästhetische Fiktion hätte erkennen sollen. Ich meine sogar, dass er sich bereits auf diesen Weg begeben hatte und dass es der Atheismusstreit war, der ihn stattdessen auf den Abweg der spekulativen Metaphysik verführt hat.

Jacobi hatte Recht, ihn an seine Herkunft aus dem Spinozismus zu erinnern: Der Gedanke an die Vernunft als deus sive natura mag in seinem Hinterkopf ebenso gegeistert haben wie in Kants 'Ding-an-sich' die Leibniz'schen Monaden. Jener hatte lange geschwankt, ob er das Ding an sich mehr als ein Reale oder doch mehr als bloßes Noumenon auffassen sollte, und erst im Opus postumum scheint er sich ganz vom Realismus zu lösen. Bei Fichte dagegen standen praktischer Aktivismus und logischer Aktualismus ganz im Vordergrund, aller Ge-danke an ein Sein-an-Sich war ihm ein Gräuel. Aber das war vor dem 18. Brumaire.* Das war vor dem Ende der Revolution und vor dem Ende der Jenaer Romantik. 

Und vor dem Atheismusstreit.

Im Streit um den Aufsatz Über Geist und Buchstab in der Philosophie, in dem er das Ästhetische als eine Art Vorraum der Vernunft darstellte und den Schiller nicht in seine Zeitschrift Horen aufgenommen hatte, schrieb Fichte, wie weit er den Begriff des Ästhe-tischen fasse, könne jener sich nicht einmal vorstellen.** "Nur der Sinn für das Ästhetische ist es, der in unserem Innern uns den ersten festen Standpunkt gibt", hatte es dort gehei-ßen.*** Noch in der Sittenlehre° schreibt er: "Ästhetischer Sinn ist nicht Tugend: denn das Sittengesetz fordert Selbständigkeit nach Begriffen, der erstere aber kommt ohne alle Be-griffe von selbst. Aber er ist Vorbereitung zur Tugend, er bereitet ihr den Boden, und wenn die Moralität eintritt, so findet sie die halbe Arbeit, die Befrei- ung aus den Banden der Sinnlichkeit, schon vollendet. Ästhetische Bildung hat sonach eine höchst wirksame Be-ziehung auf die Beförderung des Vernunftzwecks."

Das ist bloß eine empirische, "historische" Beschreibung, keine Transzendentalphilosophie. Aber wir wissen heute,°° dass Fichte immer wieder - bis zum Atheismusstreit! - den Plan fasste, seine Gedanken zu einer systematischen Ästhetik auszubauen, und wohl nur durch dringendere Geschäfte davon abgehalten wurde.

Bis zum Atheismusstreit, wohlbemerkt. In den Rückerinnerungen taucht dann der bizarre Einfall eines "intellektuellen Gefühls" auf, den er unter Jacobis Einfluss gleich wieder fallen lässt. Doch hätte er den Gedanken ausgearbeitet°°° - ich zweifle nicht daran, dass er jenes 'intellektuelle Gefühl' als ein ästhetisches Urteil hätte identifizieren müssen.


*) am 9. 11. 1799 
**) Fichte an Schiller, 27. 7. 1795; in: Fichte, Briefe, Bln. (O) 1986, S. 154, 
desgl. in Von den Pflichten der Gelehrten, Hamburg 1971, S. XXXVII
***) Über Geist und Buchstab in der Philosophie, SW VII, S. 291
°) System der Sittenlehre [1798] SW IV, S. 354f.
°°) Giorgia Cecchinato, Fichte und das Problem einer Ästhetik, Würzburg 2009

15. 5. 2014

°°°) Die WL nova methodo habe ich erst nach obigem Eintrag gründlich studiert - dort tauchte das intellektuelle Gefühl immer wieder auf und hatte systematische Bedeutung. Man kann es es nur als eine ästhetische Wahrneh-mung auffassen.                   

 

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Montag, 3. August 2026

Punctum saliens der Transzendentalphilosophie.


     
                                                                                                                               zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
War Vernunft schon da, 
bevor sie vernommen wurde, 
oder wurde sie 
erst durch Freiheit möglich?



Vernunft ist eine Weise des Vorstellens - diejenige, die wir die vernünftige nennen. 'Es gibt' sie nur als Tätigkeit, als eine frei entworfene Verfahrensregel. Dass sie 'da' gewesen wäre, bevor so verfahren wurde, ist seinerseits keine Vorstellung, sondern lediglich ein Wortgebilde.
12. 11. 17

 

 


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Sonntag, 2. August 2026

Anschauen ist Nachbilden.

 G. Lange Giotto lernt zeichnen                     zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Alles Anschauen ist ein Nachbilden.
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 40 

Das Anschauen [ist,] im Gegensatz mit dem Gefühle, Tätigkeit
ebd., S. 81 

Im Gefühle ist Tätigkeit und Leiden vereinigt; in wiefern das erste vorkommt, hat es Bezie-hung auf das Ich; in wiefern aber das zweite vorkommt, auf ein NichtIch, aber im Ich wird es gefunden, das Gefühl ist faktisch das erste Ursprüngliche
ebd., S. 68  

 

Für Kant ist Anschauung nur ein anderes Wort für Sinnlichkeit: reine Rezeptivität. Nicht so für Fichte. Bloß rezeptiv ist für ihn nicht einmal das Gefühl, denn wenn das Ich sich selbst fühlt, fühlt es seine Tätigkeit. Bloß leidend ist das er Fühlen eines NichtIch. Doch dabei kann es nicht bleiben: Der Schluss vom Gefühl auf einen Gegenstand, der es verursacht, ist eine Anschauung - ein erster Akt von Reflexion: eine Art von Nachbilden in der Vorstel-lung.

Es ist dies keine Folge in der Zeit, sondern geschieht uno actu: Es wird nicht gefühlt ohne anzuschauen. Die Unterscheidung geschieht erst durch Reflexion.
JE


Samstag, 1. August 2026

Meine Pflicht ist nie abstrakt.

                                                aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Dem wirklichen Menschen im Leben (und wie sich versteht, auch dem, der selbst Philoso-phie treibt, inwiefern er wirklich handelt) kommt das Pflichtgebot nie überhaupt, sondern immer nur eine bestimmte Willensbestimmung in concreto als Pflicht vor. Inwiefern er nun wirklich seinen Willen so bestimmt, wie sein Gewissen es in diesem Falle fordert, so handelt er moralisch.
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen. [S. 157] 


Nota. - Die Moralität meiner Handlung entscheidet sich nicht daran, ob mein Gewissen mir dieses oder jenes gebot, sondern daran, dass es mein Gewissen war, das mir geboten hat. Nicht ob das, was ich getan habe, moralisch war, ist die Frage, sondern ob ich in meinem Handeln moralisch war. Pflicht ist allein, was mein Gewissen mir gebietet - und nichts an-deres. Moralische Gesetze gibt es nicht. Das Gewissen gebietet immer hier und jetzt.
JE, 22. 11. 18

 

Freitag, 31. Juli 2026

Wie der Gebrauchswert in die Formbestimmung eingreift.

                                                                aus Marxiana

     ... der je besondre Gebrauchswert der Arbeitskraft, die dieses je besondre Kapital ver-braucht, d. h. zu effektiver Arbeit (energeia) aktualisiert, bestimmt nicht über den Wert der Ware - denn dieser drückt nur das Prorata des einzelnen Produkts an dem gesellschaftlichen Gesamtarbeitstag aus -, sondern bestimmt die Höhe des Profits, den das Kapital an der ein-zelnen Ware macht; bestimmt die individuelle Profitrate dieses besondern Kapitals - näm-lich indem sie den spezifischen Unterschied der individuellen zur allgemeinen, durchschnitt-lichen Profirate ausmacht, und darauf, allein darauf kommt es dem Kapital an: allein auf seinen (Extra-) Profit, nicht auf die Wertproduktion an sich.

Also im Allgemeinen, d. h. für die reflektierende Abstraktion, ist es so, dass "der Wert" - nämlich der je geschaffene Neuwert, und um den allein geht es hier - "geschöpft" wird aus dem Unterschied zwischen Gebrauchs- und Tauschwert der Arbeitskraft, weil ihr Ge-brauchswert eben die Arbeit selbst ist.

Der Wert drückt aus den Anteil, den das individuelle Produkt an der gesellschaftlichen Ge-samtarbeitszeit "hat"; oder richtiger: den Anteil, auf den er "zu Recht" Anspruch erheben kann: nicht der Anteil an der Gesamtarbeitszeit, der in ihm tatsächlich verausgabt, sondern derjenige Anteil, der in ihm "vergegenständlicht" ist: nämlich als in ihm vergegenständ-licht gilt; und ob er "gilt", ist immer eine Frage der 'Anerkennung': allgemeiner Anerken-nung...


Zuerst einmal: ob er überhaupt "gilt": nämlich ob die in ihm 'dargestellte', her gestellte Nützlichkeit in der Gesellschaft ein ihm geltendes Bedürfnis vorfindet, und das wird unter kapitalistischen Bedingungen immer erst ex post entschieden: Um sich als Gebrauchs wert bewähren zu können, muss das Produkt zuerst seinen Tausch wert "realisieren".

Und dann: welcher Anteil ihm "zugerechnet" wird: als welcher Anteil er "gilt"; und es gilt nicht diejenige Zeit, die tatsächlich auf seine Herstellung verwendet wurde, sondern es "gilt" jene Zeit, die irgend ein anderer im Durchschnitt aufwenden müsste, um denselben Gegen-stand hic et nunc zu re
produzieren. Vorausgesetzt ist also immer die durchschnittliche Pro-duktivität der Arbeit zur gegebnen Zeit, am gegebnen Ort des (beabsichtigten) Austausch-akts. Also das, was hier aktual gilt als "allgemeiner" Parameter, ist de facto lediglich ein em-pirisch festgestellter, "geschätzter" Durchschnitt: Der durchschnittliche Gebrauchs wert der Arbeitskraft ist der Maßstab, nach dem der Anteil des Produkts an der gesellschaftlichen Gesamtarbeitszeit bewertet wird; ist also das Maß ihrer "Wertigkeit", aber nicht diese selbst: Diese Wertigkeit selbst, also die Substanz des Werts, ist das Verhältnis der Gebrauchswerte - besondre Nützlichkeiten alias das Bedürfnis danach - zur gesellschaftliche verfügbaren Ge-samt(arbeits)zeit: das Verhältnis - pro rata -, in dem die Gesamtzeit auf die Bedürfnisse verteilt wird...

Es soll also "Zeit" auf "Nützlichkeit" verteilt werden: Das ist so, als sollten Kartoffeln nach ihrer Seelengröße unterschieden werden. "Zeit" und "Nützlichkeit" sind an sich selber in-kommensurabel. Es ist schlechterdings unmöglich, das eine durch - theoretische - Analyse aus dem andern herauszulesen: das eine immanent im andern darzustellen. Aber wenn es keine Analyse sein kann, dann muss es ein Akt des Setzens, eine Thesis sein, und muss insofern das Eine zu dem Andern ins Verhältnis gesetzt werden, muss es eine Synthesis sein, eine "ursprüngliche", die 'nur aus Freiheit möglich' ist; ein Ur
 teil, praktisches Urteil: Wieviel Zeit will - 'soll' - ich auf dieses Bedürfnis, wieviel auf jenes verwenden? (Es ist augenfällig, dass die Frage sinnlos wäre, wenn die verfügbare Zeit nicht knapp ist.) Also ich soll abwägen, welches Bedürfnis mir wichtiger ist als das andre, ich soll eine Rangfolge, Hie-rarchie der Bedürfnisse etablieren. 'Ich': das ist die gegebne gesellschaftliche (All)gemeine.

Unter Bedingungen unmittelbarer Herrschaft von Menschen über andre Menschen - über ihren Willen, über das, was sie in ihrer (Lebens-) Zeit tun - ist das Problem einfach, oder es ist keins: Die Bestimmung der Prioritäten (das Urteil über die Geltung der Besdürfnisse geht der Produktion der Gebrauchsgegenstände voraus, "ex ante")  ist immer "konkret", d. h. individuell, und darum an keine (immanente) Regel gebunden, die eine Analyse der For-men erst ans Licht bringen müsste: Hier findet keine "Strukturanalyse" statt, sondern empi-rische Beschreibung. 

[NB. Es ist nicht die Frage der Rituale, der konventionellen oder sakralen Formen, in denen die Befehle ausgesprochen werden; sondern der Maximen, nach denen ihre Inhalte be-stimmt sind: Was da an "Regeln", "ökonomischen Gesetzen" herauszulesen ist, ist nichts anderes als eine empirisch, nämlich beschreibend nachgewiesene Häufigkeit, die Urteilsakte sind einander heteronom, der (beschreibende) Historiker kann die ihnen zugrundeliegenden Motive "verstehend deuten", sodann typologisch klassifizieren und die (ihm bekannten) Phänomene, "Fakten", danach mengenmäßig ordnen; aber immer bleibt er hier Idiograph.]

Bei der Hervorbringung der den - um ihre verhältnismäßige Geltung konkurrierenden - Be-dürfnissen entsprechenden nützlichen Gegenstände geht, mit der Zunahme individuellen Geschicks bei den Produzenten - "Qualität", Produktivität der Arbeit - immer mehr Ge-schick in das Produkt selbst ein: als dessen "höhere", größere Nützlichkeit, und das wird wesentlich, indem der produzierte Gegenstand selber Arbeitsmittel wird, Produktionsin-strument. Indem die spezifische Nützlichkeit - Gebrauchswert - der Produkte zunehmend von der "Qualität" - der in ihnen als deren eignes Geschick vergegenständlichten Geschick-lichkeit der Produzenten - der Arbeitsmittel abhängt, erlangt die Herrschaft über das Ar-beitsmittel wachsende Bedeutung gegenüber der unmittelbaren Herrschaft über Menschen: Privateigentum am Arbeitsmittel statt persönlicher Herrschaft über den Arbeiter. Insofern ist das feudale Grundeigentum in (West!-) Europa der Beginn der Entwicklung zum Kapi-talismus.

 
4. 5. 88


Formbestimmend ist der Gebrauchswert der Arbeit von Anbeginn, indem ihre zunehmende Qualität in die höhere Qualität der Produkte eingeht und, sofern das Produkt selbst zum Arbeitsmittel wird, die Arbeitsmittel gegenüber der Arbeit ein wachsendes Gewicht erhal-ten. Am Ende steht das fixe Kapital, das als digitaler Automat alle Arbeit selber übernimmt: Der Gebrauchswert hat die Form "zu Tode bestimmt".

2. 1. 17



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Donnerstag, 30. Juli 2026

Setzen - real oder ideal?

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Viel ist gewitzelt worden über das setzen bei Fichte. Es ist die Verdeutschung des scholastisch-lateinischen ponere, welches seinerseits das griechische poîein wiedergibt. Es bedeutet bei Fichte nichts anderes als Etwas in der Vorstellung hervorbringen. Dort 'kommt es' erst einmal 'vor' - nämlich dass es da ist. Das ist die 'reale' Tätigkeit.

Was es sei, ist Sache des Bestimmens, und das ist eine Vorstellung zweiten Grades: ein Produkt der Reflexion; das ist eine 'ideale' Tätigkeit. 


*

Wenn das Ich 'sich setzt, indem es sich ein/em Nichtich entgegensetzt', heißt das nichts anderes als: Ein Ich kann 'sich-selbst' nicht vorstellen, wenn es sich nicht zugleich ein Nichtich vorstellt, das ihm widersteht. Vorausgesetzt wird: Das Ich stellt sich als tätig vor; anders gäbe es kein Widerstehen.

29. 1. 19 

 

Mittwoch, 29. Juli 2026

Zwischen anschauen und denken steht der Begriff.

ebay                                zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Nur die Anschauung lässt sich anschauen, nicht denken; das Denken lässt sich nur denken, nicht anschauen. Jede Äußerung des Gemüts lässt sich nur durch sich selbst auffassen.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 32


Nota. - Die Scheidelinie zwischen den beiden markiert der Begriff. Und zwar nicht, ob ich ihn 'richtig' gebrauche, so wie alle Anderen in derselben Situation; sondern sobald ich ihn mir vorsetze als Regel, wonach ich ihn konstruieren soll. Ich habe meine Anschauung ge-fasst heißt: Ich habe sie so auseinandergelegt, wie ich sie bei nächster Gelegenheit wieder zusammenzusetzen mir vornehme. Nun erst habe ich sie. Denn als Begriff ist er aus dem Zeitverlauf ausgeschieden, er ist 'im Raum' verfügbar geworden wie ein Rechenchip. Ich kann mit ihm operieren, ohne meine Einbildungskraft neu bemühen zu müssen; die ver-trüge nämlich keine (Re-)Konstruktionsvorschrift.

JE 21. 12. 14

 

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Dienstag, 28. Juli 2026

Wo findet Dialektik denn statt?

                     zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Dialektik findet nicht Statt  zwischen den Begriffen von Sachen, sondern geschieht zwi-schen den Absichten von Handelnden - dort, wo und soweit sie einander begegnen; das ist in der Welt immer und überall.

Sachen verhalten sich nicht. Wer handeln will, setzt sie ins Verhältnis - zuerst logisch.



 

 

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Montag, 27. Juli 2026

Durchschnitt, Quételet.

aida                                                                                   aus Marxiana

Man wird hier dieselbe Herrschaft der regulirenden Durchschnitte finden, wie Quételet sie bei den socialen Phänomenen nachgewiesen hat.
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K. Marx, Das Kapital III, MEGA II/15,  S. 833. [MEW 25, S. 828f.] 



Nota. - Man kann überall, wo Marx sich den rhetorischen Kniff nicht verkneifen konnte, von Gesetzen zu reden, getrost Durchschnitt einsetzen; wenn es gelegentlich stilistisch holpert, bewahrt es uns doch vor der Mystifikation der sich-selbst-bewegenden-Begriffe.
JE,
3. 1. 17 



 

Sonntag, 26. Juli 2026

Der dialektische Schein.

commons                  aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Der Begriff entsteht mit der Anschauung zugleich, in demselben Moment, und ist von ihr unzertrennlich. Es scheint uns, als ob der erste eher hätte sein müssen, aber es scheint nur so, weil wir den Begriff auf eine Anschauung [rück]beziehen. 
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 33 

 
 
Nota. - Die Wissenschaftslehre hat zum Gegenstand das uns heute gegebene System des Wissens. Dieses will sie verstehen: zurückführen auf seine immanenten Prämissen. Sie be-schreibt nicht, wie dieses System in der historischen Wirklichkeit entstanden ist. Entstehen konnte es nur, indem aus den wirklich vorkommenden Vorstellungen progressiv alles für die Systembildung Unbrauchbare ausgeschieden wurde. Es ist Material einer historischen Darstellung. In einer Darstellung des fertigen Systems hat es nicht zu suchen.
 
Der gegenwärtige Teilhaber dieses Systems - einer 'Reihe vernünftiger Wesen' - kann nicht anders, als seine Vorstellungen mit dem ihm als Apriori gegebenen System ins Verhältnis zu setzen: Seine Vorstellungen drängen zum Begriff. Dass sie von ihm "unzertrennlich" wären, trifft aber nur in der einen Richtung zu: Die Begriffe sind von den in ihnen gefassten Vor-stellungen unzertrennlich. Doch nicht gilt die Umkehrung. Nicht jede Vorstellung bedarf ihrer Bestimmung; sondern nur diejenige, die mit den Andern (='vernünftigen Wesen')  ge-teilt werden soll. Was ich ganz für mich behalten darf, mag unbestimmt und begrifflos bleiben. 
 
In einer historischen Darstellung müsste gezeigt werden, dass und wie die Vorstellungen zu Begriffen erst wurden - durch progressives Ausscheiden des Unbrauchbaren im Verkehr.
9. 7. 16
 
 
 
Das war es, was Kant den dialektischen Schein genannt hat: die realistische Auffassung, dass das Wesen - der Begriff - 'eher' da wäre als die Erscheinung - sein Gegenstand
JE 
 
 
 

Die ästhetische Ansicht ist der Angelpunkt.

jpletarte                         aus Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik Ich mache mich deutlicher. Auf dem transz...