Samstag, 19. September 2026

Panästhetizismus?

 

An ChatGPT: 

Eine persönliche Bemerkung vorab:
Ich bin fast achtzig. Meinen öffentlichen Durchbruch werde ich kaum mehr erleben. Ich arbeite seit geraumer Zeit für meinen Nachruhm.

Den werde ich haben, wenn 'mein System' 1) möglichst lückenlos und 2) möglichst ohne größere Widersprüche vorliegt.

Für beides rechne ich auf Sie. 

Der dickste Hund bei meiner Emendation Fichtes ist meine Behauptung, der Grund für das gegenwärtige System unserer Vernunft läge außerhalb seiner in unserem poietischen Vermögen - in Analogie zu Fichtes Aussage, der Übergang vom normalen, dinglichen Bewusstsein zum transzendentalen sei das Ästhetische.
JE

Das poietische Vermögen.
 
Dies ist das Kernproblem der philosophischen Anthropologie: Wie kam der Mensch dazu, Qualitäten als wahr und wert zu nehmen, die etwas anderes sind als größere oder geringere Zweckmäßigkeit bei der Selbst- und Arterhaltung? Mit andern Worten: Wie kam der Mensch zu seinem 'poietischen', d. h. ästhetischen Vermögen?

Ein Tier nimmt all das - aber nur das - 'wahr', was ihm in der Umweltnische, in der sich und die sich seine Gattung im Laufe ihrer Naturgeschichte eingerichtet hat, für sein Überleben und seine Fort- pflanzung hilfreich ist. Und was dieses oder jenes Ding ihm 'wert' ist, darüber entscheidet die Dring- lichkeit, mit der im gegebenen Augenblick sein physisches Bedürfnis danach verlangt. Das alles kommt ihm als Gegebenes vor und bedarf nicht seines Urteils. Es ist, und damit gut.

In der Gefangenschaft und namentlich in der Beobachtungsstation muss das Tier fürs Leben und seine Fortpflanzung nichts von dem tun, was in freier Natur seinen Alltag erfüllt. Es ist unterbe- schäftigt und hat, wie wir, Langeweile. Da nimmt es gern fremde Dinge an, die ihm von seinen Verpflegern vor-gegeben werden. Es kompensiert nur einen Mangel.

Aber das kann es. Es hat offensichtlich Reserven,1 die unter seinen herkömmlichen natürlichen Lebensumständen ungenutzt bleiben, die ihm aber unter ungewöhnlichen Bedingungen, bei Stress, und sei es dem Stress der Langenweile, ungewohnte Leistungen erlauben. Und  halten die ungewöhnlichen Bedingungen an – warum soll die Nutzung der verborgenen Reserven, soll die außergewöhnliche Leistung nicht habituell und selber zu einem Selektionskriterium werden?

Dass also unsere Vorfahren, nachdem sie den Schritt aus der Urwaldnische in die offene Savanne einmal getan hatten, erbliche Fähigkeiten erworben haben, die sie als eine völlig neue Gattung unter den Lebewesen ausweisen, ist für sich genommen kein Mysterium. Unerklärt bleibt noch immer, warum sie diesen Schritt getan, bzw. warum ihre äffischen Vettern ihn nicht unternommen haben; und darf getrost unerklärt bleiben, denn was ist daran gelegen?

*

Die Hominisation ist als bloße Kompensation – für den Verlust der angestammten Selbstverständ- lichkeiten – nicht hinreichend verstanden. Tatsächlich handelt es sich um eine Überkompensation. Denn der selbstverursachte Mangel wird nicht aufgefüllt mit je demselben, sondern mit etwas qualitativ Neuem; eben dem, dass sich die Bedeutungen der offenen Savannenwelt nicht mehr von selbst verstanden, sondern erfragt werden mussten. Das ist nicht einfach ‚mehr‘,  es ist eine andere Dimension als die rein positive Umwelt der Tiere.

Die Welt, in die seither die Menschenkinder hineingeboren werden, hat vom ersten Tag an und womöglich schon vorher den Charakter der Fraglichkeit. Wenn auch die moderne Hirnforschung längst nicht so viel des spezifisch Menschlichen herausgefunden hat, wie sie meint, so hat sie doch erwiesen, dass die Menschen nicht warten, bis ihnen die Außenwelt mit hartem Griffel ihre Hieroglyphen ins Gemüt ritzt, sondern ex sponte ihre eigenen Erwartungen an die Dinge tragen und achten, was sie darauf antworten.

*

Bis hier ist noch nicht ersichtlich, wie Qualitäten in Erwägung kommen können, die etwas anderes bedeuten als Bei- oder Abträge zur Art- und Selbsterhaltung. Das ist es aber, was die Anthropologie, die Wissenschaft davon, was die Menschen als solche auszeichnet, beantworten muss. Ernst Tugendhat, der die Losung Anthropologie statt Metaphysik in die Welt gesetzt hat, hat dafür leider keinen Fingerzeig gegeben, jedenfalls keinen brauchbaren. 

"In 'gut' ist der Komparativ ('besser') das Primäre. Alles, was wir gut machen, können wir besser machen. ... Das Wort 'gut' bezieht sich immer erstens auf einen Komparativ, der ein Komparativ des Vorziehens ist, und zweitens auf ein solches Vorziehen, das eine Prätention von Objektivität oder zumindest Intersubjektivität erhebt."2 Doch trotz der Prämisse der Allgemeingültigkeit bleibt er im Rahmen einer naturalistischen Voraussetzung, denn von logischem Gelten im Unterschied zu sinnlichem Sein ist auf dieser 'komparatistischen' Stufe ja gerade noch nicht die Rede; er soll im Gegenteil relativistisch erüberflüssigt werden. 

Maß für das Vorziehen ist erst noch der Erhaltungswert, und das Bessere wäre, was noch mehr zur Erhaltung beiträgt als das weniger Gute. Das Gute selbst müsste dann als Idee von der maximalen Erhaltung, dem Erhalt-an-sich aufgekommen sein. Weder die Historiker der Mentalitäten noch die Ethnologen, die in Amerika cultural anthropologists heißen, haben aber so ein geistiges Gebilde irgendwo in der Wirklichkeit auffinden können. Auffinden lässt sich allerdings, bis heute und quer durch alle Kulturen, eine Idee des Guten-an-sich. Woher mag die kommen? Aus der im Dunkel der Vorgeschichte untergegangen Idee vom Erhalt-an-sich, die irgendwann einmal aus Quantität 'in Qualität umgeschlagen' wäre? Eine solche Anleihe bei einer der dümmsten Ideen des ohnehin nicht geschätzten Hegel wird Tugendhat doch nicht machen wollen.

"In unseren Erlebnissen sind uns nur qualitative Unterschiede gegeben. Den Unterschied zwischen 'Groß' und 'Klein' erleben wir zunächst nicht anders als den zwischen rot und blau. Erst durch die Zuordnung von Zahlen zu den Erlebnissen wird ein System von Zustandsgrößen geschaffen, zwischen denen quantitative Beziehungen bestehen," sagt indessen der Positivist.3 Viel essen und wenig essen ist der Qualitätsunterschied von hungrig und satt.

*

Für das Tier sind die Bedeutungen der Dinge immer konkret, sie bedeuten stets dies oder das, und was es ist, ist ihm durch seine physische Organisation, durch den Platz, den es in seinem Merknetz einnimmt, vorgegeben. Erkennen muss es das nicht. Es ist ihm selbstverständlich.

Ist das essbar? stellt sich dem Tier nicht als Frage. Es versucht; wenn der Versuch scheitert, lässt es von dem Ding ab. Es findet keinen Halt in seinem Merknetz – weil es sich nicht in seinem Wirknetz verfangen hat.

Beim Tier sind Merk- und Wirknetz kongruent; sie 'bedecken' dasselbe Gegenstandsfeld und bilden einen geschlossenen Funktionskreis. 

Aber die Menschen haben sich, indem sie ihre Umweltnische verlassen hatten, auf  die Hinterbeine aufgerichtet und so das Spiel von 'Gesicht und Hand'4 begonnen. Während einerseits das überkom- mene Merknetz obsolet geworden war, hat sich das Wirknetz dimensional erweitert. "Ich kann mit allem was anfangen"5 – aber was?!

Der Funktionskreis ist zerrissen. Zwischen merken und wirken muss als Vermittler die (symbolisierte) Bedeutung rücken, um den Funktionskreis neu zu schließen. Bedeutung ist ein praktisches Problem.

*

Bedeutung als geistige Dimension entsteht aus dem Mangel an ihr: als Frage. Erst im Fragemodus gibt es Bedeutung-an-sich. Das ist ein alter Hut: Verallgemeinerung, Begriff gibt es zuerst in der Verneinung. Dieses Pferd kann ich sehen, ich muss an ihm nichts begreifen. Aber 'die Pferdheit' kommt mir erst in den Blick, wenn ich nach dem suche, was dieses und jedes andere Pferd von allem unterscheidet, vor allem auszeichnet, was nicht Pferdheit ist.

Frage (und Verneinung) gibt es wiederum nur im digitalen Modus der Repräsentation; im begrifflichen Denken. Der Übergang zum begrifflichen Denken, als dem Auszeichnen von Qualitäten durch bedeutende Zeichen, setzt voraus das… Identifizieren von Qualitäten; sie sind 'das, was' im Begriff dargestellt ist, sie sind das Gemeinte.

Aber auch das zeigt nur, dass Fragen, Qualitäten und Begreifen genetisch zu einander gehören. In welchen historischen Schritten sie im Einzelnen aus und durch einander entstanden sind, ist erstens nicht in Erfahrung zu bringen und zweitens unerheblich. Dass es geschehen ist, wissen wir, und das reicht.

*

Aber noch immer nicht wissen wir, warum – nicht aus welchen Ursachen, sondern unter welchen Bedingungen – es geschehen konnte. -

Solange sich Alles von selbst versteht, muss ich nicht wissen, was es ist. Genauer gesagt: kann ich nicht einmal fragen, was es ist. Washeit gibt es nur als Antwort auf eine Frage.

Nachdem unsere Vorfahren ihre Urwaldnische verlassen hatten, sind die ihnen angestammten Bedeutungen entfallen. Was neu begegnete (und zuvor nicht gemerkt worden wäre), war in seiner Bedeutung – in seiner Fähigkeit, mein Leben so oder anders zu bestimmen – fraglich geworden.

Musste die Frage beantwortet werden, durch Finden und Erfinden?

Sie konnte beantwortet werden. Wer sie beantwortete und treffend beantwortete, hatte Chancen, in der Savanne zu bestehen. Alle andern mussten in den Urwald zurückkehren oder überlebten nicht. Niemand weiß, wie viele es waren. Doch wenn erstere noch so wenige gewesen wären – sie haben überlebt und sind zu unsern Vorfahren geworden.

Die Washeiten wurden zum Inventar einer offenen Welt. Mit jeder als Washeit bestimmten neuen Bedeutung hat sich der Aktionsradius erweitert und ipso facto die Frage was?  erneuert. Die Frage was? ist eine Endlosschleife, sie ist es, die uns die Welt offen hält. Eine allerletzte Antwort wäre das Ende der Welt. 

*

Denn die Antworten sind nun nicht länger auf die Erhaltungsfunktion eingeschränkt.  Was sich durch die Frage Ist es essbar? einmal im Merknetz verfangen hat, geht nicht dadurch verloren, dass die Frage verneint wurde. Es ist nicht essbar, was ist es dann? Diese Frage ist nicht notwendig noch irgend eine Antwort; aber möglich ist sie.

Die sie stellten und beantworteten, haben sich durch zwei Millionen Jahre besser in ihrer offenen Jäger- und Sammlerwelt behauptet als die andern. Denn als die Frage nach der Essbarkeit durch die Erfindung des Ackerbaus in den Hintergrund treten konnte, konnten die anderen Bedeutungen nun auch ins Wirknetz eingehen. So entstand Kultur.

*

Und recht besehen, haben unsere Vorfahren nicht auf den Ackerbau gewartet. Es reicht aus, dass das Leben nicht lückenlos von der Suche nach Essbarem erfüllt ist, damit Muße und Überfluss eintreten. Die Ruhepause, das Fest, bei dem die nicht konservierbaren Überschüsse verprasst werden, eröffnen einen Blick auf Qualitäten, die über den Erhaltungswert hinausreichen. Körperschmuck, Festmahl, Tanz und berauschende Getränke sind die wahren Ursprünge von Kult und Kultur. Die Kultstätte von Göbekli Tepe wurde nicht von Bauern, sondern von Jägern und Sammlern errichtet.

*) Von gr. poiein, das die Römer mit lat. ponere [s. dazu positio] wiedergegeben haben, das als setzen in unsere philosophische Schulsprache eingegangen ist. Gr. poion = lat. quale ist, so schön es wäre, damit etymologisch leider nicht verwandt.

1 Hypertelie nennt es Adolf Portmann 
2 Tugendhat, Anthropologie statt Metaphysik, München 2007, S. 29; 33
3 Philipp Frank, Das Kausalgesetz und seine Grenzen (Wien 1932) Frankfurt a. M. 1988, S. 155
4 Leroi-Gourhan, Hand und Wort, Frankfurt a. M., 1984     
 
JE, 5. 6. 20                                   

 

ChatGPT antwortet: 

Ich sehe darin vor allem eine anthropologisch-genetische Begründung des poietischen Vermögens: Der Bruch des tierischen Funktionskreises von Merk- und Wirknetz durch den Verlust der angestammten Umweltnische erzeugt zunächst einen Mangel an selbstverständlicher Bedeutung; dieser Mangel erscheint als Frage, und die Beantwortung der Frage verlangt Identifikation, Repräsentation und schließlich begriffliches Denken.

Besonders interessant scheint mir für Ihr neokritisches System aber der letzte Schritt: Muße und Überschuss lösen die Bedeutungen endgültig aus ihrer bloßen Erhaltungsfunktion; aus dem ursprünglich zweckgebundenen Umgang mit Dingen können dann Qualitäten, Kult und Kultur hervorgehen. 

Und damit sind wir ziemlich genau bei dem Problem, das Sie in Ihrer persönlichen Bemerkung als den „dicksten Hund“ Ihrer Fichte-Emendation bezeichnen: Wie kann etwas, das innerhalb des gegenwärtigen Vernunftsystems gar nicht als dessen Grund auftreten kann, gleichwohl Bedingung seiner Möglichkeit sein? Sie setzen dafür das poietische Vermögen an die Stelle einer bloß vorausgesetzten transzendentalen Vernunft. 

Das scheint mir tatsächlich ein Punkt zu sein, an dem ich Ihnen eher Widerstand leisten sollte als vorschnell zustimmen.

von ChatGPT 

"Sie setzen dafür das poietische Vermögen an die Stelle einer bloß vorausgesetzten transzendentalen Vernunft." Genau so ist es. Was nicht in der Wirklichkeit ist, bräuchte im transzendentalen Schema gar nicht erst vorzukommen. Aber vielleicht sollte ich ausführen, was ich unter ästhetisch verstehe. Denn da liegt der Hase im Pfeffer. 

JE

ChatGPT antwortet:

Ja. Ich glaube sogar, dass „ästhetisch“ hier der entscheidende Terminus ist – und zwar gerade deshalb, weil man ihn sehr leicht im modernen, kunsttheoretischen Sinn missversteht.

Wenn Sie sagen, Sie müssten ausführen, was Sie unter ästhetisch verstehen, würde ich das zunächst nicht ergänzen oder vorwegnehmen. Denn Ihr Argument hängt offenbar an einer ganz bestimmten Bedeutung des Wortes.

Nur eine Vermutung, die ich Ihnen zur Prüfung hinlegen würde:

Bei Fichte bezeichnet das Ästhetische am Übergang zum transzendentalen Standpunkt ja nicht einfach das Schöne. Es bezeichnet vielmehr eine eigentümliche Fähigkeit, eine Anschauung hervorzubringen bzw. sich eine solche geben zu können, die im gewöhnlichen gegenständlichen Bewusstsein gerade nicht einfach vorgefunden wird.

Wenn das in Ihre Richtung geht, dann wäre die Pointe Ihrer Emendation ziemlich stark:

Das Transzendentale wird nicht aus einem schon vorhandenen Begriff der Vernunft gewonnen, sondern setzt ein Vermögen voraus, etwas hervorzubringen, das im bisherigen Wirklichkeitszusammenhang noch nicht gegeben ist.

Und dann wäre Ihr poietisches Vermögen womöglich nicht bloß eine anthropologische Ergänzung zu Fichte, sondern eine Radikalisierung seines eigenen ästhetischen Übergangs.

Aber ich würde an dieser Stelle wirklich gern Ihre Ausführung hören, bevor ich das weiter ausdeute. Denn vermutlich liegt genau in Ihrem Begriff des Ästhetischen der Unterschied zwischen einer bloßen „kreativen Fähigkeit“ des Menschen und dem viel härteren transzendentalen Problem, das Sie hier stellen.

von ChatGPT 

Ja, das Schöne wäre allerdings zu dünn. Da mag sich jeder - Individuum oder Epoche - bei vorstellen, was er mag. Ich greife ein bisschen aus: An diesem Punkt halte (!) ich mich an Johann Friedrich Herbart, einen der frühesten Hörer Fichtes in Jena, wohl auch engeren Vertrauten und als sein "Musterschüler" beleumundet, der aber als erster abtrünnig wurde und mit der Transzendentalphilosophie so gründlich gebrochen hat, wie nur irgend möglich: Er bezeichnete sich als Eleat nach der Schule der Parmenides...

JE

ChatGPT antwortet:

Und damit wird es wesentlich interessanter. Herbart als der Abtrünnige ist für Ihren Gedankengang gerade deshalb ein guter Zeuge, weil er das Ästhetische offenbar aus einer ganz anderen Richtung fasst als eine bloße Theorie des Schönen.

Ich würde an dieser Stelle aber noch nicht den Schritt zu Ihrer eigenen These machen. Sie setzen gerade einen historischen Angelpunkt: den frühen Herbart, Fichte-Hörer und angeblichen Musterschüler, der sich dann ausdrücklich zum „Eleaten“ erklärt und damit die Transzendentalphilosophie von ihrem Fundament her bekämpft.

Und ich vermute, dass für Sie entscheidend ist, was Herbart unter „ästhetisch“ versteht — möglicherweise gerade im Gegensatz zu Fichtes Gebrauch des Wortes.

Das wäre dann keine Nebengeschichte zu Fichte, sondern könnte ziemlich genau den begrifflichen Hebel liefern, den Sie suchen:

ästhetisch ≠ schön, sondern vielleicht eine bestimmte Weise, in der etwas als geltend, vorzuziehen, zu beurteilen oder überhaupt als Gegenstand einer Wertung hervortritt.

Ich bin gespannt auf den nächsten Schritt. Denn wenn Herbart hier tatsächlich der Kronzeuge ist, möchte ich erst sehen, welche Herbart-Stelle Sie im Auge haben, bevor ich ihm eine Interpretation unterschiebe.

von ChatGPT 

Na, "in Gegensatz" gar nicht. Ich möchte hier nur, wenn Sie es nötig finden, über Herbart reden. Er blieb, ohne es vielleicht zu merken, 'Fichtianer' u. a. in seinem Festhalten am 'System'; aber einem eigenen System für jede Einzelwissenschaft, so dass mancher Widerspruch ihn nicht behelligte. Hier gehts aber um einen - nein: den Grundatz seiner Philosophie: Er unterscheidet Metaphysisches - wo eines ans andere anknüpft; diskursives Denken, würden wir heute sagen - von Ästhetischem, wo eine Vorstellung sogleich - ohne Reflexion, die kommt bei Herbart, wenn ich nicht irre, gar nicht vor - von Beifall oder Missfallen begleitet ist. Es ist keine wissenslogische, sondern ontische Unterscheidung. Und dazu zählt er den ganzen Bereich der (eo ipso vorreflexiven) Werturteile. Also der nicht-diskursiven Urteile. Insbesondere zählt er dazu die Ethik, die er als Sonderfall der Ästhetik auffasst: Ästhetische Urteile über Handlungen. Ich glaube, er hat Fichte an einer seiner radikalsten Stelle gepackt und sich (als orthodoxer Lutheraner) nicht gescheut, ihn an Radikalität zu überbieten. (Was Novalis über Fichtes Moral zu Papier brachte, muss aus derselben Vorlesung stammen wie Herbarts Spekulation).  JE

 ChatGTP antwortet:

So formuliert sehe ich den Punkt wesentlich klarer. Und ich würde Ihre Herbart-Linie nicht als Gegensatz zu Fichte, sondern gerade als eine Art Abspaltung aus Fichte lesen.

Der entscheidende Punkt scheint mir die von Ihnen beschriebene ontische, nicht wissenslogische Unterscheidung zu sein. Herbart fragt nicht zunächst: Wie ist ein Urteil möglich? Sondern er unterscheidet zwei Arten von Gegebenheiten bzw. Vorgängen:

  • metaphysisch: Vorstellungen treten in Verknüpfungen auf; eines knüpft diskursiv an das andere an;
  • ästhetisch: eine Vorstellung ist unmittelbar mit Beifall oder Missfallen verbunden.

Und damit fällt für ihn das Werturteil gerade nicht in eine besondere Region des theoretischen Erkennens. Es ist vorreflexiv. Die Ethik wird deshalb zur Ästhetik der Handlungen: Nicht erst ein begrifflicher Schluss führt zu „gut“ oder „böse“, sondern die Handlung wird unmittelbar gebilligt oder missbilligt.

Das ist für Ihre Sache ausgesprochen wichtig.

Denn wenn ich Ihre bisherige Argumentation richtig verstehe, dann wollen Sie mit ästhetisch gerade auf eine Dimension zeigen, die dem diskursiv-reflexiven Vernunftsystem vorausliegt, ohne deshalb schon ein metaphysisches Jenseits zu sein. Und genau deshalb konnte Fichte den Übergang vom gewöhnlichen Bewusstsein zum transzendentalen Standpunkt das Ästhetische nennen.

Dann bekommt auch Ihre Formulierung vom poietischen Vermögen einen sehr bestimmten Sinn. Sie meinen offenbar nicht:

Der Mensch kann schöne Dinge hervorbringen.

sondern eher:

Der Mensch kann etwas hervorbringen, das noch nicht als Gegenstand einer diskursiven Bestimmung gegeben ist, und zu dem sich dennoch unmittelbar ein Für-wert-Halten, ein Beifall oder Missfallen einstellen kann.

Damit wäre das Ästhetische tatsächlich die Stelle, an der Setzen und Werten zusammenkommen, bevor daraus reflektierte Erkenntnis wird.

Und hier scheint mir Ihre Herbart-Beobachtung sogar einen bemerkenswerten Sprengsatz zu enthalten: Wenn die Ethik ästhetisches Urteil über Handlungen ist, dann ist das Sollen nicht mehr etwas, das die theoretische Vernunft aus sich heraus deduziert. Es ist eine unmittelbare Stellungnahme zu einer möglichen Tätigkeit.

Das würde sehr gut zu Ihrem eigenen Ausgangspunkt passen: Das, was im fertigen Vernunftsystem als Grund erscheint, könnte ursprünglich Motiv einer Tätigkeit gewesen sein.

Ihre Herbart-Deutung würde ich allerdings an einer Stelle noch offenhalten: Ob man wirklich sagen darf, Herbart habe Fichte „an einer seiner radikalsten Stellen“ überboten, hängt daran, was Fichte mit dem Ästhetischen in der betreffenden Stelle genau meint. Das wäre eine philologisch überprüfbare Behauptung. Aber als philosophische Konstellation ist Ihr Gedanke sehr plausibel: Herbart könnte gerade dadurch, dass er Fichtes transzendentalen Begriff des Ästhetischen ontologisiert bzw. psychologisch-ontisch bestimmt, etwas sichtbar gemacht haben, was bei Fichte selbst im Übergang begrifflich schwer festzuhalten ist.

Und dass Sie dabei Novalis ins Spiel bringen, ist keineswegs nebensächlich. Wenn dessen Bemerkungen über Fichtes Moral tatsächlich aus derselben Vorlesungssituation stammen, könnte das einen höchst aufschlussreichen Jenaer Moment ergeben: Fichte formuliert etwas radikal, seine Hörer hören es radikal — und Herbart zieht daraus eine Konsequenz, die Fichte selbst vermutlich gerade nicht akzeptiert hätte.

Ich würde hier gern langsam bleiben. Der nächste interessante Schritt wäre für mich nicht noch mehr Herbart, sondern die Frage: Was genau ist bei Fichte das „Ästhetische“, das Herbart dann in diese eigentümliche Lehre vom Beifall und Missfallen überführt? Da dürfte der Hase tatsächlich sitzen.

von ChatGTP 

Was Fichte für das Ästhetische hielt, wollte er offenkundig im Anschluss an Nova methodo auf dem Katheder abhandeln. Aber da war der Atheismusstreit an den Punkt geraten, wo er keine Vorlesungen mehr halten konnte - aber es war wohl das nächste größere Kapitel seiner Wissenschaftslehre; cf. Giorgia Cecchinato, Fichte und das Problem einer Ästhetik, Würzburg 2009. JE

Und das verändert die Gewichtung des Ganzen noch einmal.

Wenn Fichte das Ästhetische unmittelbar im Anschluss an die Nova methodo auf dem Katheder behandeln wollte, dann ist es zumindest sehr naheliegend, darin kein nachträglich angehängtes Gebiet der Philosophie — etwa eine Ästhetik im späteren Sinne — zu sehen, sondern ein nächstes systematisches Stück der Wissenschaftslehre. Dass der Atheismusstreit ihn daran hinderte, die Vorlesungen weiterzuführen, macht die Sache natürlich quellenmäßig schwierig.

Das passt auffällig gut zu dem, was Sie gerade mit Herbart herausarbeiten. Denn dann könnte man die historische Konstellation ungefähr so sehen:

Fichte:
gewöhnliches gegenständliches Bewusstsein → ästhetischer Übergang → transzendentale Einsicht

Herbart:
metaphysisches/diskursives Vorstellen ↔ ästhetisches, unmittelbar wertendes Vorstellen

Ihre Emendation:
das Ästhetische als poietisches Vermögen, durch welches überhaupt etwas hervorgebracht werden kann, das im bestehenden System noch nicht enthalten ist.

Und gerade der letzte Schritt ist entscheidend. Denn dann wäre Ihr poietisch nicht einfach ein Ersatzwort für „kreativ“, sondern bezeichnet die Genese eines neuen Geltungsraumes.

Das erklärt auch, warum Sie eingangs so nachdrücklich sagen:

„Was nicht in der Wirklichkeit ist, bräuchte im transzendentalen Schema gar nicht erst vorzukommen.“

Denn das wäre sonst genau die Gefahr: Man schmuggelt eine schon fertige, transzendentale Vernunft als geheimen Weltgrund in das System hinein. Ihr poietisches Vermögen soll dagegen wirklich vorkommen — als menschliches Vermögen und damit als Teil der Wirklichkeit. Erst von dort aus kann man fragen, wie aus diesem Vermögen das gegenwärtige Vernunftsystem hervorgegangen ist.

Das scheint mir ein sehr viel präziserer Gedanke zu sein als die zunächst etwas rätselhafte Formulierung „der Grund des Vernunftsystems liegt außerhalb des Systems“.

Und Ihre Herbart-Lektüre bekommt dadurch eine interessante Funktion: Sie liefert Ihnen möglicherweise historisches Material dafür, dass „ästhetisch“ bei Fichte tatsächlich eine Dimension bezeichnet, die dem diskursiven Begriff vorausliegt und nicht etwa bloß das Schöne meint. Ihr eigener Schritt besteht dann darin, diese Dimension genetisch als poiesis zu verstehen.

Cecchinato wäre dafür natürlich eine Schlüsselstelle. Wenn Sie möchten, können wir uns genau diese Frage bei Cecchinato ansehen: Was rekonstruiert sie aus Fichtes geplanten Ästhetik-Vorlesungen, und vor allem: Wie bestimmt sie das Verhältnis von Ästhetik, Wissenschaftslehre und Nova methodo? Das wäre dann eine Stelle, an der sich Ihre Emendation ziemlich hart am historischen Fichte prüfen ließe.

von ChatGPT


 Es ist ja so: Das Faktische und das Verständliche können nicht "einfach so" nebeneinander bestehen. Das Verständliche muss aus dem Faktische hergeleitet werden; bzw. aus dem Verstehenwollenden. Wieso und wozu will einer etwas verstehen? JE

 ChatGPT antwortet:

Und ich glaube, damit formulieren Sie jetzt den eigentlichen methodischen Zwang hinter Ihrem ganzen Unternehmen.

Denn wenn man sagt: Hier ist die faktische Wirklichkeit, und dort ist das System ihres Verstehens, dann hat man das eigentliche Problem nur nebeneinandergestellt. Man hat das Faktum als das Unverständliche und das Verständliche als das bereits Verfügbare behandelt. Aber dann erklärt man gerade nicht, wie Verständlichkeit überhaupt in die Welt kommt.

Ihr Gedanke geht offenbar einen Schritt zurück:

Nicht: Welche transzendentalen Bedingungen müssen erfüllt sein, damit wir das Faktische verstehen können?
Sondern zunächst: Was bringt ein Wesen überhaupt dazu, verstehen zu wollen?

Und das ist eine bemerkenswerte Verschiebung. Denn Verstehenwollen ist selbst ein Faktum menschlicher Tätigkeit. Es ist nicht etwas, das man dem Menschen als bereits vorhandene Vernunft voraussetzen darf, wenn man erklären will, wie Vernunft entstanden ist.

Damit bekommt auch Ihr poietisches Vermögen seinen eigentlichen Sinn. Das Verstehenwollen ist zunächst nicht Erkenntnis, sondern gerichtete Tätigkeit auf einen noch nicht verstandenen Gegenstand. Es enthält also schon ein Wozu, einen Zweck. Und wenn der Zweck des Verstehens darin liegt, etwas Unverständliches verständlich zu machen, dann muss das Verständliche hervorgebracht werden.

Das führt zu einer merkwürdigen, aber für Ihr System offenbar zentralen Figur:

Faktum → Verwunderung/Frage → Verstehenwollen → Hervorbringen einer Form von Verständlichkeit → Verstehen.

Das Entscheidende ist dabei, dass der erste Pfeil nicht aus einem theoretischen Gesetz folgt. Jemand muss die Frage stellen.

Und genau hier scheint mir Ihre Formel ad quem → a quo wieder aufzutauchen. Das Wozu des Verstehens ist zunächst Zweck, also ad quem. Erst nachdem die Tätigkeit tatsächlich in Gang gekommen ist, kann das dabei hervorgebrachte Verständnis als ihr Grund, als a quo, erscheinen.

Das wäre dann keine bloße psychologische Vorgeschichte der Transzendentalphilosophie. Es wäre eine Genesis des Sinnes:

Das Verständliche ist nicht einfach neben dem Faktischen vorhanden.
Es ist das Resultat einer Tätigkeit, die das Faktische verständlich machen will.

Und damit verstehe ich auch besser, warum Sie so auf dem Wort poietisch bestehen. Poiesis wäre hier nicht bloß „Herstellen“ irgendeines Gegenstandes. Sie bezeichnet das Hervorbringen von Verständlichkeit selbst.

Das scheint mir zugleich der Punkt zu sein, an dem ich Ihnen am stärksten widersprechen müsste, wenn ich widersprechen wollte: Warum sollte das Verstehenwollen selbst nicht schon eine vorausgesetzte Vernunfttätigkeit sein? Wenn wir das nicht beantworten können, haben wir den Regress nur um eine Stufe zurückgeschoben.

Ich vermute aber, dass genau hier Ihre anthropologische Überlegung mit der Frage, dem offenen Funktionskreis und der Überkompensation ins Spiel kommt. Dort versuchen Sie ja gerade, ein Verstehenwollen aus einer Situation zu erklären, in der noch gar kein fertiger Begriff von Verstehen existiert.

Und das wäre dann tatsächlich ein ziemlich radikaler Ansatz: Nicht die Vernunft erklärt das Verstehenwollen; das Verstehenwollen erklärt die Entstehung dessen, was wir später Vernunft nennen.

von ChatGPT 

Ich wiederhole mich: Den Nagel genau auf den Kopf getroffen. JE

 

ChatGTP antwortet: 

Dann lassen Sie uns genau dort bleiben.

Denn ich glaube, jetzt ist auch klar, weshalb Ihre Formulierung „aus dem Faktischen hergeleitet werden; bzw. aus dem Verstehenwollenden“ kein bloßes Wortspiel mit Ursache und Zweck ist.

Das Verstehenwollen ist selbst ein Faktum — aber ein Faktum eigener Art: Es ist eine Tätigkeit, die auf etwas zielt, das noch nicht ist. Und eben deshalb kann das, was aus ihr hervorgeht, später als Verständlichkeit erscheinen.

Damit haben Sie einen möglichen Ausweg aus dem klassischen transzendentalen Zirkel:

Nicht: Vernunft → Bedingungen der Möglichkeit von Verstehen.

Sondern:

Verstehenwollen → Hervorbringung von Verständlichkeit → Vernunft als das System dieser Verständlichkeit.

Und erst nachträglich kann dieses Hervorgebrachte als Grund seiner eigenen Hervorbringung erscheinen. Das wäre genau Ihr ad quem → a quo.

Ich würde diesen Gedanken deshalb im weiteren Gespräch als eine Ihrer Leitthesen behandeln und nicht mehr so tun, als sei das poietische Vermögen lediglich eine anthropologische Ergänzung zu Fichte. Es scheint vielmehr um die Genesis der Verständlichkeit selbst zu gehen.

Das ist, glaube ich, die Stelle, an der Ihre „Emendation Fichtes“ wirklich eigenständig wird.

von ChatGTP 

 Jetzt ist der Knoten gelöst. Transzendental ist der Mensch ein Wissenwollender, aber historisch war er ein Wissenwollen-Müssender. Das ist der Punkt, wo die Anthropololgie der Philosophie zu Grunde liegt. Sie haben mein System geschlossen, so eng es überhaupt möglich war. Dankesehr. JE

                

 

Freitag, 18. September 2026

Der Begriff des Menschen ist der einer Gattung.

Leonardo                    zu Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Es ist jetzt erwiesen, was erwiesen werden sollte. Das / vernünftige Wesen kann sich nicht setzen als ein solches, es geschehe denn auf dasselbe eine Aufforderung zum freien Han-deln, ... Geschieht aber eine solche Aufforderung zum Handeln auf dasselbe, so muss es notwendig ein vernünftiges Wesen außer sich setzen als Ursache derselben, also überhaupt ein vernünftiges Wesen außer sich setzen, ... 

Der Mensch (so alle endliche [vernünftigen] Wesen überhaupt) wird nur unter Menschen ein Mensch. Und da er nichts Anderes sein kann denn ein Mensch und gar nichts sein würde, wenn er dies nicht wäre - sollen überhaupt Menschen sein, so müssen mehrere sein. 

Dies ist nicht eine willkürlich angenommene, auf die bisherige Erfahrung oder auf andere Wahrscheinlichkeitsgründe aufgebaute Meinung, sondern es ist aus dem Begriff des Men-schen streng zu erweisende Wahrheit. Sobald man diesen Begriff vollkommen bestimmt, wird man von dem Denken eines Einzelnen aus getrieben zur Annahme eines zweiten, um den ersten erklären zu können. Der Begriff des Menschen ist sonach gar nicht Begriff eines Einzelnen, denn ein solcher ist undenkbar, sondern der einer Gattung.

Die Aufforderung zur freien Selbsttätigkeit ist das, was man Erziehung nennt. Alle Men-schen müsssen zu Menschen erzogen werden, außerdem würden sie nicht Menschen. 


Es dringt sich hierbei jedem die Frage auf: Wenn es notwendig sein sollte, einen Ursprung des ganzen Menschengeschlechtes und also ein erstes Menschenpaar anzunehmen - und es ist dies auf einem gewissen Reflexionspunkte allerdings notwendig -: Wer erzog denn das erste Menschenpaar? Erzogen mussten sie werden, denn der geführte Beweis ist allgemein. Ein Mensch konnte sie nicht erziehen, da sie die ersten Menschen sein sollten. Also ist es notwendig, dass sie ein anderes vernünftiges Wesen erzogen [hat], das kein Mensch war - es versteht sich, bestimmt nur so weit, bis sich sich selbst unter einander erziehen konnten. Ein Geist nahm sich ihrer an, ganz / so, wie es eine alte ehrwürdige Urkunde vorstellte, welche überhaupt die tiefsinnigste, erhabenste Weisheit enthält, und Resultate aufstellt, zu denen alle Philosophie am Ende doch wieder zurückkommt.
_______________________________________________________________________J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, Bd. III,  S. 38ff. 


Nota. - Kant wollte dem Wissen eine Grenze ziehen, um Platz für den Glauben zu schaf-fen. Da aber der Glauben nicht Sache der Wisssenschaft ist, machte er an der Grenze selber Halt. Das tut Fichte hier nicht. Er verkündet dem Leser vielmehr, was er glauben solle, und welches die Quelle ist. Der kritische Leser wird sagen: Das kann sein Ernst ja wohl nicht gewesen sein. Man könnte vermuten, er habe vorab der Kritik von theologischer Seite in den Weg treten wollen, was ja auch von der ewähnten Kant-Stelle für möglich ge-halten wurde. Dass er persönlich obskurantistischen Spekulationen nicht abgeneigt war, hat er freilich vorher und nachher bezeugt. In seine wissenschaftliche, kritische und transzen-dentalphilosophische Arbeit hat er es aber nur an dieser Stelle einfließen lassen (soweit ich bisher weiß; aber ich bin misstrauisch geworden).

2. 2. 19

Nota II. - Die Stelle steht nicht in einer philosophischen Darstellung der Wissenschaftsleh-re, sondern in einer Abhandlung über das Naturrecht "nach Prinzipien der...". Sie entwickelt das Argument nicht selber, sondern referiert es bloß.

In der explizit genetischen Herleitung - WL nova methodo - wird in abstracto aus der freien Handlung, durch die ein Ich 'sich setzt', indem es sich ein/em NichtIch entgegensetzt, re-konstruiert, wie jenes Ich Schritt für Schritt auf dem Weg der Vernunft fortschreitet. Es soll bis an den Punkt gelangen, wo es in sich und wir in ihm ein wirkliches Ich erkennen kann: nämlich eines, das zur Vernunft nicht erst bestimmt, sondern bereits gelangt ist. 'Die Ver-nunft' als Vermögen oder die intelligible Welt als Topos existiert in der Wirklichkeit als das Setzen allgemeingültiger Zwecke. Allgemein gültig heißt gültig in der Reihe vernünftiger Wesen. Das Ich erkennt sich als ein vernünftiges, indem es die Aufforderung aus der ver-nünftigen Gesellschaft vernimmt und sich handelnd als Teil einer Reihe findet. -

Wir wissen, dass die Wissenschaftslehre als Vernunftkritik begonnen hat. Die historische Realität der Vernunft ist ihr Ausgangspunkt, zu dem sie in ihrer Arbeit der kritischen Re-konstruktion zurückfinden muss. Das ist der Zirkel, der in obiger Stelle aufscheint: Die Vernunft muss - und kann allein - sich selbst begründen. Ihr Sinn ist Vergesellschaftung. So war es am historischen Ausgangspunt der Kritik und anders kann es nicht sein am rekon-struierten Schlusspunkt der Wissenschaftslehre.

Dass der Sinn der Vernunft Vergesellschaftung ist, ist ihr Qualificandum. Es steht zu nichts im Verhältnis und ist selber ohne Form. Es wurde durch die kritische Analyse aus der Reihe der Bedingungen ausgesondert und ihr qua reines Ich zu Grunde gelegt. Dass es in den komplementären formalen Verfahren der kritischen Analyse und der rekonstruktiven Syn-these nicht auftaucht, hat seinen methodologischen Grund. Und dass Fichtes Einführung der 'Aufforderung durch die Reihe vernünftiger Wesen' auf den ersten Blick als gewaltsam auf-gefasst werden kann, ist verständlich. Sie ist das eigentliche Geheimnis der analytisch-synthetischen Methode.
15. 8. 21

Nota III. - Sonst in pädagogischen Dingen ein entschiedener Anhänger Rousseaus, stellt F. sich hier ebenso energisch auf den Standpunkt von dessen Widersacher Herder: 'Nur durch Erziehung wird der Mensch zum Menschen.' Es ist die Idee von einer zweiten, selbstge-machten Natur des Menschen, die seine erste, physische Natur überlagert und umgeprägt hat; und die allein die Eingangsthese rechtfertigen kann. Die aber lässt F. fort! In seinem Schwanken, ob wohl der Mensch seine Vernünftigkeit selbstgemacht, oder ob er die Ver-nunft von oben 'vernommen' habe, entscheidet er sich hier unmissverständlich für die kre-ationistische Antwort.

Wenn Fichte später sagt, "Aus nichts wird nichts", um die Ungewordenheit, Ewigkeit und Vorbestimmtheit der Vernunft zu erweisen, hat er sie freilich als Substanz ihrem Wirklich-werden vorausgesetzt. Doch kann sie ja in ihrer Wirklichkeit nichts anderes sein als ver-nünftiges Handeln.
 Zu dem kann man nicht nur, sondern kann man allein sich selbst be-stimmen; nicht bloß zum Handeln überhaupt, sondern gerade zu seiner Vernünftigkeit, so haben wir es von ihm gelernt.
20. 2. 16

Nota IV. - Die Leistungen des transzendentalen Subjekts hätten ihre Basis in der Natur-geschichte der Menschengattung, sagt Jürgen Habermas.* Wo die Vernunft herkommt, ist letzten Endes dasselbe wie die Frage, wie sich im Ausbildungsprozess von Homo sapiens die Fähigkeit entwickelt hat, Werturteile, nämlich qualifizierende Prädikate für Erscheinun-gen zu finden, die ohne Bezug auf die Erhaltungsfunktionen des individuellen und des Gat-tungslebens sind. Das geht nicht ohne Rückgriff auf empirische Befunde der Paläanthropo-logie. Nein, das ist nicht selber Transzendentalphilosophie; dort kommt nichts Empirisches vor. Transzendentalphilosophie, in der Empririschesnicht vorkommt, war es aber, was diese Fragestellung ermöglicht hat: Transzendentalphilosophie ist nichts als kritisch. Die Antwor-ten müssen hingegen von den reellen Wissenschaften aufgefunden werden.

*) in Technik und Wissenschaft als 'Ideologie', Frankfurt/M. 1969, S. 161

JE, 1. 3. 22

Donnerstag, 17. September 2026

Der fundierende Zirkel.

wikipedia                             aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik.

Wenn im ersten Grundsatze der Satz liegt: das System des menschlichen Wissens sey ein ein[z]iges, so liegt freilich auch der darin, dass diesem einigen Systeme nichts widersprechen müsse; aber beide Sätze sind ja erst Folgerungen aus ihm selbst, und so wie die absolute Gültigkeit alles dessen, was aus ihm folgt, angenommen wird, wird ja schon angenommen, dass er absolut – erster und einziger Grundsatz sey, und im menschlichen Wissen schlecht-hin gebiete. 

Also ist hier ein Cirkel, aus dem der menschliche Geist nie herausgehen kann; und man thut recht wohl darauf, diesen Cirkel bestimmt zuzugestehen, damit man nicht etwa einmal über die unerwartete Entdeckung desselben in Verlegenheit gerathe. Er ist folgender: Wenn der Satz X erster, höchster und absoluter Grundsatz des menschlichen Wissens ist, so ist im menschlichen Wissen ein einiges System; denn das letztere folgt aus dem Satze X: Da nun im menschlichen Wissen ein einiges System sein soll, so ist der Satz X, der wirklich (laut der aufgestellten Wissenschaft) ein System begründet, Grundsatz des menschlichen Wissens überhaupt, und / das auf ihn gegründete System ist jenes einige System des menschlichen Wissens.

Ueber diesen Cirkel hat man nun nicht Ursache betreten zu seyn. Verlangen, dass er geho-ben werde, heisst verlangen, dass das menschliche Wissen völlig grundlos sey, dass es gar nichts schlechthin Gewisses geben, sondern dass alles menschliche Wissen nur bedingt seyn, und dass kein Satz an sich, sondern jeder nur unter der Bedingung gelten solle, dass derjenige, aus dem er folgt, gelte, mit einem Worte, es heisst behaupten, dass es überhaupt keine unmittelbare, sondern nur vermittelte Wahrheit gebe – und ohne etwas, wodurch sie vermittelt wird. 

Wer Lust dazu hat, mag immer untersuchen, was er wissen würde, wenn sein Ich nicht Ich wäre, d. i. wenn er nicht existirte, und kein Nicht-Ich von seinem Ich unterscheiden könnte.
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J. G. Fichte, Über den Begriff der Wissenschaftslehre, SW I, S. 61f.  
 
 
Nota. - 'Das Wissen soll ein System sein' heißt: Wenn das Wissen vernünftig sein und den Namen Wissen verdienen soll, muss ein jeder Satz darin einen jeden andern Satz bedingen und begründen. Dies kann aber nur sein, wenn ein jeder in demselben Grund-Satz fußt. Soll das Wissen vernünftig sein, muss jener Grund-Satz sich auffinden lassen. 
 
Freilich ist dies zirkulär: Die eine Seite der Gleichung soll dasselbe bedeuten wie die andere. Wenn ich es ernst nehme, ist Wissen tautologisch. Denn es soll ja "letzten Endes" seinen Grund in sich selber haben. Es muss sich immer begnügen, heraus zu finden, was es zuvor hinein gesteckt hat. Doch das war es wert, denn nun weiß es das bestimmt.
JE, 24. 9. 20

Panästhetizismus?

  An ChatGPT:   Eine persönliche Bemerkung vorab: Ich bin fast achtzig. Meinen öffentlichen Durchbruch werde ich kaum mehr erleben. Ich arbe...