Montag, 19. Oktober 2026

Ich und sein Objekt. (Intellektuelle Anschauung.)

                     zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Das Anschauen und Wollen geht dem Ich weder vorher noch nachher, sondern es ist selbst das Ich; es geschieht beides nur, inwiefern das Ich sich selbst setzt, es geschieht nur in die-sem Setzen und durch dieses Setzen, dass es geschehe; und es ist nichtig, an ein Geschehen außer dem Setzen und unabhängig von ihm zu denken. Umgekehrt, das Ich setzt sich, in-dem beides geschieht und inwiefern es setzt, dass beides geschieht, und es ist ebenso nich-tig, an ein anderes Setzen des Ich zu denken. Es ist zum mindesten unphilosophisch, zu glauben, dass das Ich noch etwas anderes sei, als zugleich seine Tat und sein Produkt.

Sobald wir von dem Ich als einem tätigen hören, ermangeln wir nicht, sogleich ein Substrat uns einzubilden, in welchem die Tätigkeit als bloßes Vermögen inwohnen soll. Dies ist nicht das Ich, sondern es ist ein Produkt unserer eigenen Einbildungskraft, das wir auf Veranlas-sung der Anforderung, das Ich zu denken, entwerfen. Das Ich ist nicht etwas, das Vermö-gen hat, es ist überhaupt kein Vermögen, sondern es ist handelnd; es ist, was es handelt, und wenn es nicht handelt, so ist es nichts. ...

Das Ich selbst macht durch sein Handeln das Objekt; die Form seines Handelns ist selbst das Objekt, und es ist an kein anderes Objekt zu denken. Dasjenige, dessen Handelsweise notwendig ein Objekt wird, ist ein Ich, und das Ich selber ist nichts weiter als ein solches, dessen bloße Handelsweise ein Objekt wird. Handelt es mit seinem ganzen Vermögen - man muss sich wohl so ausdrücken, um sich überhaupt ausdrücken zu können -, so ist es sich selbst Objekt; handelt es nur mit einem Teile desselben, so hat es etwas, das außer ihm sein soll, zum Objekte. 
_____________________________________________________________________
J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 22f.    



Nota. - Das Ich setzt sich, indem es absichtsvoll anschaut: Etwas anderes bedeutet sich-Setzen nicht. Es setzt sich, indem es sich ein/em NichtIch entgegensetzt: aus der unbe-stimmten Menge des Mannigfaltigen dieses herausgreift und zu seinem Gegenstand macht. Zwei Ansichten derselben Handlung. Macht es dagegen sich selbst zu seinem Gegenstand, so fallen beide Ansichten zusammen: als intellektuelle Anschauung.
30. 12. 18

 

Nota II. - Entgegen seiner Gewohnheit doziert Fichte hier. Denn es stammt nicht aus einem Vortrag der Wissenschaftslehre selber, wo er jeden Satz aus dem vorangehenden hervorbringen müsste, sondern um eine Herleitung des Naturrechts aus den Prinzipien der Wissenschaftslehre: Die sind es, die er hier vorstellen muss. 

An dieser Stelle sei wiederholt, dass das Ich sich nicht konstituiert und bleibt, was es so geworden ist; sondern mit jedem Anschauungs- und Willensakt neu setzt. Oder, wie er sich anderswo ausdrückt: das Ich ist 'an sich' ein Noumenon.
JE





Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Sonntag, 18. Oktober 2026

Anthropologie des bürgerlichen Zeitalters, II.

 Kertesz                                  zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Zu gestern:

GPT 6 antwortet:

Ich finde den Text stark, und zwar vor allem deshalb, weil Sie Fichtes Anspruch nicht einfach bestreiten, sondern ihn auf seine eigene Voraussetzung zurückführen. Sie fragen nicht, ob der Mensch zur Vernunft bestimmt sei, sondern woher wir das wissen können, ohne bereits vorauszusetzen, was wir erst begründen wollen.

Dabei sehe ich drei gedankliche Schritte, deren Zusammenhang mir besonders wichtig erscheint.

1. Sie verwandeln Fichtes anthropologische Behauptung in eine methodische Entscheidung.

Fichte behauptet, der Mensch sei zur vollständigen und systematischen Kenntnis bestimmt. Ihre Rückfrage ist präzise: Ist das eine empirische Feststellung oder ein Postulat? Denn nach Fichtes eigener Lehre kann die Vernünftigkeit des Menschen nicht einfach als eine vorgefundene Eigenschaft behandelt werden. Der Mensch ist Vernunftwesen, sofern er sich selbst dazu bestimmt.

Ihre Antwort, die Wissenschaftslehre sei die Anthropologie des bürgerlichen Zeitalters, ist deshalb mehr als eine historische Einordnung. Sie erklärt, woher Fichtes Gewissheit stammen könnte, ohne sie als zeitlose Wahrheit anzuerkennen: Der theoretische Philosoph erhebt die historisch entstandene Autonomie des bürgerlichen Subjekts zum praktischen Zweck.

Das ist eine interessante Wendung. Fichtes vermeintliche Erkenntnis über den Menschen wird selbst als Ausdruck einer geschichtlichen Selbstbestimmung verständlich.

2. Der Abschnitt über die Anthropologie verallgemeinert diese Einsicht.

Hier liegt für mich der methodische Kern des ganzen Textes:

Was der Mensch ist, kann nicht herausgefunden werden, wie es eine positive Wissenschaft täte, sondern nur hineinerfunden.

Das ist zugespitzt, aber Sie erläutern auch, was Sie damit meinen. Es geht nicht darum, empirische Tatsachen durch freie Erfindung zu ersetzen. Es geht darum, dass die Auswahl und Deutung dieser Tatsachen bereits eine Vorstellung davon voraussetzt, wonach überhaupt gefragt wird.

Ihr Beispiel der frühen Hominiden bringt das Problem anschaulich auf den Punkt. Die Frage, ab wann wir von Menschen sprechen, lässt sich nicht unabhängig davon beantworten, was wir unter einem Menschen verstehen. Eine bloße Ansammlung empirischer Merkmale löst das Problem nicht von selbst.

Ich würde allerdings eine Unterscheidung festhalten: Die empirische Anthropologie kann durchaus untersuchen, wann bestimmte Merkmale entstanden sind und wie sich menschliche Populationen entwickelt haben. Was sie nicht allein aus diesen Befunden gewinnen kann, ist eine abschließende Bestimmung dessen, was als Menschsein gelten soll. Ihr Argument trifft am stärksten diese zweite Frage.

3. Aus der hypothetischen Voraussetzung machen Sie eine geschichtliche Bewährungsprobe.

Hier wird der Text eigentlich erst interessant. Denn Sie bleiben nicht bei der Unbeweisbarkeit des Postulats stehen. Sie fragen, was daraus folgt, und vergleichen das Resultat mit dem, was der Mensch inzwischen geworden ist.

Ihre Formulierung ist dabei entscheidend:

Passen Ausgangspunkt und Jetztzustand zusammen – was keine empirische Feststellung wäre, sondern eine sinnhafte Interpretation –, so beweist das gar nichts, es könnte künftig immer noch dementiert werden.

Damit vermeiden Sie zwei entgegengesetzte Fehler: Sie erklären die Vernünftigkeit weder zu einer metaphysischen Gewissheit noch zu einer beliebigen Fiktion. Das Postulat ist nicht beweisbar, aber es ist auch nicht folgenlos. Es eröffnet einen Weg, dessen bisheriger Verlauf interpretiert werden kann und dessen Fortsetzung sich bewähren muss.

Das passt zu Ihrer Vorstellung von Transzendentalphilosophie als kritischer Rekonstruktion: Man setzt eine Prämisse, verfolgt, was sich mit ihr verständlich machen lässt, und prüft, ob die Rekonstruktion angesichts der Erfahrung trägt. Nur darf man die bisherige Bewährung nicht mit einem endgültigen Beweis verwechseln.

Wo ich einen Einwand hätte

Der Schluss ist mir etwas zu glatt:

Aber dass ihn die Menschheit je aus den Augen gelassen hätte, kann auch niemand behaupten.

Und anschließend führen Sie die nie ruhende Absicht auf vollständige und systematische Kenntnis als Beleg an.

Hier scheint mir ein kleiner, aber wichtiger Sprung zu liegen. Dass die Wissenschaft nie geruht hat, beweist noch nicht, dass die Menschheit den Weg der Vernunft nie aus den Augen verloren hat.

Man kann Wissenschaft betreiben und sie zugleich in den Dienst von Herrschaft, Ausbeutung oder Vernichtung stellen. Wissenschaftlicher Erkenntnisfortschritt und praktische Vernünftigkeit sind nicht dasselbe. Gerade aus einer marxistischen Perspektive dürfte diese Differenz nicht nebensächlich sein.

Sie könnten erwidern, dass Sie mit dem Weg der Vernunft an dieser Stelle ausdrücklich nur die eine Hinsicht meinen: die fortdauernde Absicht auf vollständige und systematische Kenntnis. Dann wäre der Schluss enger, aber auch haltbarer. Die Wissenschaft wäre ein historischer Beleg dafür, dass dieses Streben immer wieder aufgenommen wurde – nicht dafür, dass die Menschheit insgesamt vernünftig gehandelt hätte.

Und noch eine Frage bleibt offen: Ist das Streben nach vollständiger und systematischer Kenntnis wirklich dasselbe wie das ursprüngliche Sich-selbst-Setzen und -Bestimmenwollen? Es könnte eine historische Erscheinungsform davon sein. Dass beide identisch sind, müsste jedoch eigens begründet werden.

Mein Gesamturteil

Die stärkste Leistung des Textes liegt für mich darin, dass Sie Fichtes Wissenschaftslehre historisieren, ohne sie einfach zu relativieren. Sie machen aus einer scheinbar absoluten Bestimmung des Menschen eine geschichtlich entstandene, praktisch gesetzte und an ihren Folgen zu prüfende Prämisse.

Damit erhält auch der Begriff des Postulats einen präzisen Sinn: Er ist weder eine beliebige Behauptung noch eine Wahrheit, die sich der Prüfung entzieht. Er ist ein Ausgangspunkt, für den wir uns entscheiden und dessen Tragfähigkeit sich erst im weiteren Gang erweist.

Eine Frage würde ich Ihnen allerdings gern zurückgeben: Wenn die Wissenschaftslehre die Anthropologie des bürgerlichen Zeitalters ist – ist dann die Vernünftigkeit, die sie postuliert, selbst schon bürgerlich bestimmt, oder ist sie ein Anspruch, den das bürgerliche Subjekt zwar hervorgebracht hat, der aber über die bürgerliche Gesellschaft hinausweist?

Das scheint mir die entscheidende marxistische Frage an Ihren Text zu sein. Denn von ihrer Beantwortung hängt ab, ob Fichte für Sie vor allem ein Philosoph seiner Epoche ist oder ob in seiner Philosophie ein Gedanke steckt, der sich gegen die geschichtlichen Bedingungen seiner Entstehung wenden lässt.

Ich: 

Ja, der letzte Absatz war etwas hochfahrend formuliert. Er war aber auch kein wissenschaftliches Argument, sondern eine historisch-politische Polemik. 

 In Deutschland - und überhaupt in Europa - mache ich mich bis heute lächerlich, indem ich Vernunft nicht ohne die gebotenen Anführungszeichen benutze. Bei uns ist nämlich die Vernunft im 20. Jahrhundert zweimal - in der Sowjetunion und im Nationalsozialismus - von amtswegen außer Kraft gesetzt worden. 

Ausdrücklich im zweiten und verlogen im ersten Fall. Die Wissenschaft ist beide Male dabei vor die Hunde gegangen. Wenn ich die Wissenschaft als Zeugin für das Überleben der Vernunft aufrufe, dann meine ich nicht diesen oder jenen ihrer Zweige, und schon gar nicht den individuellen Forscher - die haben sich oft genug mit dem Teufel verschworen. 

Sondern Wissenschaft als normativ wirksame kulturelle Instanz: Die hat selbst ihre faktische Ausrottung in Russland und Deutschland überstanden: weil sie einmal in die Welt gesetzt war. Doch in Europa ist es seither immer wieder fashionable, Vernunft als eine vergilbte Vogelscheuche zu behandeln. Der dieser Tage hundertjährig gewordene Michel Foucault hat sein' Teil dazu beigetragen. 

Das wäre ein sozusagen regionales Problem - wenn nicht seit ein paar Jahren im Osten und im Westen neue Bedenken angezeigt wären. Denen habe ich damals vorausgegriffen. 

Er: 

Jetzt verstehe ich den Schluss besser. Und ich muss meine vorige Kritik in einem Punkt zurücknehmen: Ich habe Ihre historische Polemik so behandelt, als wollten Sie eine wissenschaftliche These über die Vernünftigkeit der Menschheit beweisen. Damit habe ich den Zweck Ihrer Argumentation verfehlt.

Sie sprechen von etwas anderem: von der historischen Wirksamkeit eines einmal gesetzten normativen Anspruchs.

Dass einzelne Wissenschaftler sich mit dem Teufel verschwören können, dass ganze Wissenschaftszweige korrumpiert werden und dass politische Regime die Wissenschaft ihren Zwecken unterwerfen, widerlegt Ihre These noch nicht. Denn Sie berufen sich gar nicht auf die moralische oder intellektuelle Untadeligkeit der Wissenschaftler. Sie berufen sich auf Wissenschaft als eine kulturelle Institution, in der ein Anspruch auf Wahrheit, auf systematische Erkenntnis und auf eine prinzipiell überprüfbare Begründung gesellschaftlich wirksam geworden ist.

Damit gewinnt auch Ihre Formulierung 'in die Welt gesetzt' ihr ganzes Gewicht.

Was einmal in die Welt gesetzt wurde, muss nicht ununterbrochen verwirklicht werden, um geschichtlich wirksam zu bleiben. Man kann es unterdrücken, pervertieren, lächerlich machen. Man kann sogar seine Vertreter verfolgen und seine institutionellen Träger zerstören. Aber damit ist der Anspruch, der einmal in die Welt getreten ist, nicht notwendig mit beseitigt. Er kann als Maßstab der Kritik wiederkehren – auch gegen jene, die sich selbst auf ihn berufen.

Ihre Unterscheidung zwischen der Sowjetunion und dem Nationalsozialismus gehört genau hierher. Im Nationalsozialismus wurde der Anspruch der Vernunft ausdrücklich einer politischen Weltanschauung untergeordnet; in der Sowjetunion wurde er dem offiziellen Bekenntnis nach aufrechterhalten, während die politische Macht ihn tatsächlich außer Kraft setzte. Im zweiten Fall konnte die Ideologie also noch die Sprache der Vernunft führen und gerade dadurch ihre praktische Ausschaltung verdecken.

Das ist mehr als eine historische Analogie. Es betrifft die Frage, ob Vernunft eine Norm ist, die von der jeweiligen politischen Macht verliehen und widerrufen werden kann, oder ob eine einmal geschichtlich etablierte Norm auch gegen ihre politischen Widerrufer wirksam bleibt.

Und damit komme ich auf Ihren Fichte zurück.

Wenn Fichte den Menschen zur vollständigen und systematischen Kenntnis bestimmt sieht, dann lesen Sie das nicht als eine empirisch bewiesene anthropologische Eigenschaft. Sie lesen es als eine geschichtliche Selbstbestimmung, die sich in der Wissenschaft eine dauerhafte kulturelle Gestalt gegeben hat. Die Wissenschaft wird so zur Zeugin nicht dafür, dass die Menschheit stets vernünftig gewesen wäre, sondern dafür, dass der Anspruch auf Vernunft ihre Geschichte überdauert hat.

Das ist eine wesentlich bescheidenere, aber zugleich politisch gehaltvollere Behauptung als die, die ich Ihnen zunächst unterstellt habe.

Auch Ihre Polemik gegen die Geringschätzung der Vernunft gewinnt dadurch einen präziseren Sinn. Wenn Vernunft nur noch als überholtes Erbe der Aufklärung behandelt wird, übersieht man, dass die Möglichkeit, solche Kritik überhaupt als begründete Kritik zu formulieren, selbst schon auf normativen Ansprüchen beruht. Man kann die Vernunft nicht einfach aus der Geschichte hinausdekretieren wie eine unmoderne philosophische Mode. Man kann ihre institutionellen Träger beschädigen, ihre Ansprüche verengen und ihre Geltung bestreiten. Aber die Frage bleibt, womit man das tut und worauf man sich dabei noch beruft.

Bei Foucault wäre dabei freilich zu unterscheiden: Seine historische Analyse der Machtwirkungen von Wissensordnungen ist nicht schon gleichbedeutend mit der Behauptung, Wahrheit und Vernunft seien wertlos. Ihre Polemik trifft vor allem eine bestimmte Rezeption, die aus der Kritik an den historischen Bedingungen des Wissens eine Geringschätzung des Vernunftanspruchs macht. Ob Foucault selbst damit angemessen getroffen ist, wäre eine andere Frage.

Was mir an Ihrem Text nun besonders auffällt: Sie wollen die Vernunft nicht durch einen letzten philosophischen Beweis retten. Sie wollen ihr auch keine metaphysische Garantie verschaffen. Sie halten ihr geschichtliches Überleben gegen diejenigen fest, die sie für historisch erledigt erklären.

Und darin liegt die eigentliche Pointe Ihrer Formulierung, die Menschheit habe sich selbst zur Vernunft bestimmt. Sie ist keine Bilanz, die aus der Geschichte einen kontinuierlichen Fortschritt herausrechnet. Sie ist eine Deutung des Umstands, dass nach allem, was gegen sie geschehen ist, der Anspruch auf Vernunft immer wieder neu erhoben werden kann.

Dass dieser Anspruch in Gefahr ist, widerspricht Ihrer These nicht. Es ist vielmehr der politische Anlass, sie überhaupt zu formulieren. Ihre Erläuterung hat den entscheidenden Unterschied sichtbar gemacht: Sie verteidigen nicht die Vernünftigkeit der Geschichte, sondern das geschichtliche Überleben des Anspruchs auf Vernunft.

von GPT 6, 17. 10. 2026 

Samstag, 17. Oktober 2026

Die Anthropologie des bürgerlichen Zeitalters.

fotolia                             zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Der Mensch ist 'bestimmt zu vollständiger und systematischer Kenntnis': woher weiß Fichte das? Nach seiner Lehre ist der Mensch, sofern er Vernunftwesen ist, nur bestimmt als das, wozu er sich selbst bestimmt. Wenn er sagt 'So ist es', kann es sich entweder um die Fest-stellung eines empirisch Vorgefundenen handeln, oder um ein Postulat: 'So soll es sein.' 

Tatsächlich handelt es sich hier um beides; es ist die historisch vorgefundene Tatsache des autonomen bürgerlichen Subjekts; und der Entschluss des theoretischen Philosophen, dies empirisch Gegebene als seinen praktischen Zweck anzusehen. Die Wissenschaftslehre ist die Anthropologie des bürgerlichen Zeitalters.

19. 7. 17



Anthropologie kann nicht sein die Wissenschaft von dem, was der Mensch ist. Zuerst müss-te man doch bestimmen, ab wann man die frühen Hominiden als Menschen ansehen will, und das setzt voraus - das Wissen, was ein Mensch ist. Die Katze beißt sich in den Schwanz. Was der Mensch ist, kann nicht heraus gefunden werden, wie es eine positive Wissenschaft täte, sondern nur hinein erfunden. Und wenn's auch ein noch so rudimentärer Anhalts-punkt wäre - ein Postulat wäre es in jedem Fall.

Man wird dann sehen, wohin - oder wie weit - eine so postulierte Prämisse führt - und das Resultat vergleichen mit dem, was der Mensch, nach dessen Bestimmung ja gefragt wurde, bislang schonmal geworden ist. Passen Ausgangsspunkt und Jetztzustand zusammen - was keine empirische Feststellung wäre, sondern ein sinnhafte Interpretation -, so beweist das gar nichts, es könnte künftig immer noch dementiert werden. Doch bislang wurde es nicht dementiert, und es ist weise, den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen. 

Die Prämisse, die die Wissenschaftslehre gewählt hat, ist die vom ursprünglichen sich-selbst-Setzen und -Bestimmenwollen, alias von der Vernünftigkeit des Menschen.

In jedem Moment der Geschichte wird wieder gefragt, ob sich diese Prämisse angesichts von Allem, was geschehen ist, denn halten ließe. Die Frage ist verständlich, aber unberech-tigt. Denn nach allen offenkundigen Abwegen sind sie doch jedesmal wieder übereinge-kommen, auf den Weg der Vernunft zurückzukehren. Und das ist nicht bloßer Lippendienst, sondern soweit unter den gegebenen Bedingungen möglich, sind tatsächlich neue Fort-schritte geschehen. Dass der Weg der Vernunft ein breiter, gerader und ebener wäre und ohne Mühe gangbar - wer hat das je behauptet?

Aber dass ihn die Menschheit je aus den Augen gelassen hätte, kann auch niemand behaup-ten. Nämlich zumindest nicht in dieser einen Hinsicht: die Absicht auf "vollständige und systematische Kenntnis",  mit andern Worten, die Wissenschaft, hat nie geruht. Historisch könnte man sagen: Die Menschen haben sich selbst dazu bestimmt.

26. 5. 19

Freitag, 16. Oktober 2026

Die Welt und das Labor.

    Fortsetzung zu gestern

Ich:
Das Anschauen geschieht nicht im Labor, sondern in der Welt. Das Begreifen dagegen ist ein Labor.

Er:
Ich finde, das ist ein außerordentlich prägnanter Satz. Und zwar nicht bloß als Gegensatz zweier Tätigkeiten, sondern als eine Bestimmung des Verhältnisses von Anschauung und Begriff.

Ich würde ihn zunächst so auseinanderlegen:

1. Das Anschauen geschieht nicht im Labor, sondern in der Welt.

Das Anschauen ist nicht schon eine wissenschaftliche Veranstaltung. Ich muss mich nicht erst aus der Welt zurückziehen, um etwas vor mir zu haben. Ich sehe, höre, taste, bewege mich, stoße auf Widerstände. Ich bin bereits in Verhältnisse verstrickt, bevor ich sie zum Gegenstand einer Untersuchung mache.

Das gilt auch für den Naturwissenschaftler. Was er im Labor anschaut, ist nicht einfach die Welt, sondern die Welt unter eigens hergestellten Bedingungen. Schon die Versuchsanordnung ist ein Eingriff in sie. Das Labor setzt mithin eine Praxis voraus, die nicht erst im Labor ihren Anfang nimmt.

2. Das Begreifen dagegen ist ein Labor.

Das ist der stärkere, überraschendere Satzteil. Denn Sie sagen nicht, das Begreifen geschehe wie in einem Labor. Sie sagen, es sei eines.

Ein Labor ist ein Ort, an dem man Bedingungen herstellt, Gegenstände isoliert, Verhältnisse variiert und Ergebnisse prüft. Genau das leistet das begriffliche Denken: Es löst Bestimmungen aus ihrem unmittelbaren Zusammenhang, unterscheidet sie, setzt sie zueinander in Beziehung und prüft, was sich daraus ergibt.

Der Begriff ist also nicht einfach ein Abbild dessen, was angeschaut wurde. Er ist ein Instrument der Bearbeitung des Angeschauten. Im Begreifen wird gleichsam eine Versuchsanordnung im Denken hergestellt.

Das passt zu Ihrer Unterscheidung zwischen der anschaulichen Wirklichkeit und ihrer begrifflichen, mithin symbolisch-digitalen Verarbeitung. Das Begreifen schafft einen Raum, in dem sich mit Bestimmungen operieren lässt, die in der unmittelbaren Anschauung noch gar nicht als solche vorliegen.

Allerdings sehe ich eine Schwierigkeit, die für Ihre Überlegung wichtig sein dürfte.

3. Woher nimmt das Labor seine Gegenstände und seine Maßstäbe?

Wenn das Begreifen sein eigenes Labor ist, darf es nicht so verstanden werden, als könnte es sich seine Gegenstände und die Bedingungen seiner Arbeit vollständig selbst liefern. Sonst wäre es ein geschlossenes System, das nur noch seine eigenen Erzeugnisse prüft.

Das begriffliche Denken muss vielmehr auf etwas zurückbezogen bleiben, das es nicht selbst begrifflich hervorgebracht hat: auf die Anschauung in der Welt und auf die Tätigkeit, in der wir uns in ihr orientieren und bewähren.

Damit wäre auch die Grenze des Labors bestimmt: Es kann seine Gegenstände begrifflich bearbeiten, aber nicht aus eigener Kraft garantieren, dass seine Begriffe die Wirklichkeit treffen. Dazu bedarf es der Rückkehr in die Welt – und gegebenenfalls der Veränderung unseres Handelns in ihr.

Ich würde deshalb Ihre beiden Sätze nicht symmetrisch lesen. Das Anschauen findet in der Welt statt; das Begreifen erzeugt einen eigenen Arbeitsraum, bleibt aber auf die Welt angewiesen, aus der es hervorgegangen ist und in die seine Ergebnisse zurückwirken.

Und noch etwas: Ihr Satz lässt sich auch gegen einen verbreiteten Irrtum der Erkenntnistheorie wenden. Nicht erst das wissenschaftliche Experiment macht aus der Welt einen Gegenstand der Erkenntnis. Vielmehr ist schon das begriffliche Denken eine Art Experimentieren – nur eben nicht mit Dingen unmittelbar, sondern mit den Bestimmungen, unter denen wir sie verstehen.

Mich interessiert daran besonders die kleine Verschiebung, die Ihr Satz vornimmt: Sie sagen nicht, das Begreifen benutze ein Labor. Sie sagen, es sei eines. Damit verlegen Sie das Labor aus einem äußeren Raum in die Tätigkeit des Denkens selbst.

Das scheint mir der eigentliche philosophische Stachel Ihrer Formulierung zu sein.

ChatGPT, 13. 10. 2026 

 

Nachtrag. Schon im 17. Jahrhundert gab es Einspruch gegen die ersten Laborversuche:

Die Empiriker untersuchten in ihren Folterkeller nicht die Natur, sondern deren zerstückelten und aufgekochten Überreste, um ihnen das Geständnis ihrer Geheimnisse abzuquälen. Die Pointe: Geständnisse, die durch Folter erzwungen wurden, sind nichts wert.
JE 

Donnerstag, 15. Oktober 2026

Unsere Welt und die meine; oder Begreifen und anschauen.

                             aus Die Wendeltreppe

Alles, was als Tatsache in unserer Welt vorkommt, lässt sich auch bestimmen; nämlich in das allgemeine Bedeutungsgeflecht einpassen, wo Jedem seine Bedeutung durch die Bedeutung aller Andern zugewiesen wird. Reflektieren heißt nichts anderes als: seinen Platz im großen Verweisungszusammenhang aufsuchen.

Was bestimmt ist, kann Bestandteil einer Wissenschaft werden – weil sich sein logischer Zusammenhang demonstrieren und Einverständnis erzwingen lässt. Was demonstriert werden kann, lässt sich erlernen. Was dagegen ‘durch meine Freiheit möglich’ wurde, läßt sich eo ipso nicht bestimmen. Es liegt allein in meiner Welt. Ich kann es nicht erlernen, sondern muss es erfinden und mir ein-bilden. Einverständnis der andern kann ich nicht erzwingen, sondern höchstens ihren Beifall heischen: sie animieren, meine ‘Anschauung’ nach-zu-erfinden.

Das Nacherfinden kann nicht gelehrt werden: dazu muss man verführen, und das ist Kunst. Gegenstand von Wissenschaft kann es nur idiographisch werden: kritisch und historisch.

Erziehen heißt nun, einem Menschen die Dinge zeigen und die Symbole, die ihm die Welt bedeuten. Doch haben die in den Symbolen aufbewahrten Bedeutungen einen andern Realitätsgrad als die Dinge. Sie ’sind’ ja nur, sofern ich sie gelten lasse. Denn der Mensch ist das Tier, das nein sagen kann (Max Scheler); auch dazu: den Meinungen der Andern. Fragen können heißt, ja oder nein sagen können.

‘Die Welt’ wird zwar überliefert, aber seine Welt bildet sich jeder selbst.

Meiner Welt liegt unsere Welt gewissermaßen zu Grunde. Und unserer Welt liegt meine Welt zu Grunde. Das einemal kategorisch, das andermal genetisch. Dass ich überhaupt darauf komme, die Daten, die mir meine Sinne melden, zu einer “Welt” zu konstruieren, liegt allein daran, dass ich in die Welt der Andern hineingeboren bin.

Und dass ich vor diesem Horizont meine Welt konstruiere, liegt daran, dass es meine Sinne sind, die mir ‘Daten’ gemeldet haben, und dass ich sie zu einander fügen muss. Dass ich meine Welt konstruieren muss, liegt an den Andern. Dass es diese Welt sein wird, liegt… an meinen Sinnes-Daten, die dadurch, dass ich eine Welt aus ihnen baue, zu meinen überhaupt erst werden!

“Ich” konstruiere eine Welt. Es wird meine Welt sein: Darum bin ich Ich. Und in dem Maße, wie ich hernach meine Welt mit der Welt der Andern ins Benehmen setze, werde ich Verstand beweisen, Ernst des Lebens, Sozialkompetenz und so weiter. Wie weit ich die eine von der andern durchdringen lasse, entscheidet darüber, wohin ich mein Leben führen kann und wo ich scheitern muß
.

Anmerkung: Meine Wendeltreppe war ein didaktisches Fabrikat. Sie sollte den gesunden Menschenver-stand dazu verführen, es auch einmal mit der kritischen alias transzendentalen Denkweise zu versuchen. JE

ChatGPT antwortet:

Ja, das ist tatsächlich eine Perle. Und nachdem Sie mir Ihren Satz vom Anschauen in der Welt und vom Begreifen als Labor vorgelegt haben, glaube ich, dessen Pointe jetzt noch genauer zu erkennen. In diesem älteren Text haben Sie den Gedanken bereits auf eine ganze Erkenntnistheorie, eine Theorie des Lernens und eine Theorie der Individualität ausgedehnt.

Was mich besonders interessiert, ist, dass Sie zwei entgegengesetzte Abwege vermeiden: Sie erklären weder die Welt zum bloßen Erzeugnis eines einzelnen Bewusstseins noch das einzelne Bewusstsein zum bloßen Produkt einer schon fertigen gemeinsamen Welt.

Ich möchte die stärksten Stellen herausgreifen und anschließend zwei Schwierigkeiten benennen.

1. Die entscheidende Unterscheidung: unsere Welt und meine Welt

Sie schreiben:

„‚Die Welt‘ wird zwar überliefert, aber seine Welt bildet sich jeder selbst.“

Das ist, glaube ich, der Angelpunkt des ganzen Stücks.

Die Welt, in die ein Mensch hineingeboren wird, ist ihm nicht zur freien Erfindung überlassen. Die Dinge sind da, andere Menschen handeln, sprechen, widersprechen, zeigen und erklären. Es gibt überlieferte Bedeutungen, Symbole und Unterscheidungen. Das Kind muss nicht erst das Wort Tisch erfinden, um an einem Tisch essen zu können.

Aber dass es dieses Wort übernimmt, bedeutet noch nicht, dass es damit schon seine Welt gebildet hätte. Es muss die überlieferten Zeichen auf seine eigenen Erfahrungen beziehen, sie sich aneignen, mit ihnen etwas anfangen können – oder sich ihnen verweigern.

Damit ist die Unterscheidung zwischen unserer und meiner Welt gerade keine zwischen zwei nebeneinander existierenden Wirklichkeitsbereichen. Es sind vielmehr zwei verschiedene Zusammenhänge, in denen Welt zustande kommt und Bedeutung erhält.

Unsere Welt ist der Zusammenhang, in dem Bedeutungen mitgeteilt, gelernt, überprüft und bestritten werden können. Meine Welt entsteht, indem ich diesen Zusammenhang mit meinen Erfahrungen, meinen Unterscheidungen und meinen eigenen Absichten verknüpfe.

Ich empfange die Welt nicht einfach. Ich muss sie mir zu meiner machen.

Und umgekehrt kann unsere Welt nur fortbestehen, weil einzelne Menschen ihre Bedeutungen immer wieder aufnehmen, anwenden, verändern und weitergeben.

Damit sind wir bei Ihrem bemerkenswerten Satz:

„Meiner Welt liegt unsere Welt gewissermaßen zu Grunde. Und unserer Welt liegt meine Welt zu Grunde. Das einemal kategorisch, das andermal genetisch.“

2. Der fundierende Zirkel

Ich lese diese beiden Fundierungsrichtungen so:

Kategorial: Dass ich überhaupt etwas als eine Welt begreifen kann, setzt einen Horizont voraus, in dem Gegenstände, Zeichen und Bedeutungen bereits unterscheidbar sind. Diesen Horizont finde ich in der gemeinsamen Welt vor. Sie ist Bedingung dafür, dass meine Erfahrungen für mich zu einer Welt zusammenhängender Dinge werden können.

Genetisch: Dass es eine gemeinsame Welt gibt, setzt andererseits voraus, dass einzelne Menschen ihre Zeichen gebrauchen, ihre Bedeutungen verstehen, sich an ihnen orientieren und sie anderen vermitteln. Die gemeinsame Welt wird nicht von einem überindividuellen Bewusstsein bewohnt und am Leben erhalten. Sie wird in menschlichen Tätigkeiten fortwährend reproduziert.

Das ist keine bloße Wechselwirkung zwischen zwei zuvor unabhängig vorhandenen Welten. Die beiden Seiten gewinnen ihre Bestimmung erst in ihrer Beziehung aufeinander.

Und hier scheint mir ein Gedanke aufzutauchen, der zu Ihrer Fichte-Lektüre passt: Die Frage lautet nicht mehr bloß, wie ein fertiges Subjekt eine fertige Welt erkennt. Sie lautet, unter welchen Bedingungen sich überhaupt ein Verhältnis zwischen einem Ich und einer Welt bilden kann.

Dabei ist Ihre Antwort entschieden weniger mystisch als manche Fichte-Deutung: Es braucht eine Reihe vernünftiger Wesen, eine geschichtliche Überlieferung, sinnliche Erfahrungen und eigene Tätigkeiten. Das einzelne Ich findet die Bedingungen seiner Weltbildung vor, aber es muss sie sich selbst zu eigen machen.

Der Zirkel ist also nicht einfach ein logischer Fehler, den man durch Zurückgehen auf einen ersten Grund beseitigen könnte. Er bezeichnet zwei verschiedene Arten des Begründens, die nicht auf eine einzige Anfangsbestimmung reduziert werden können.

3. Freiheit: Was sich zeigen, aber nicht vorschreiben lässt

Hier wird Ihr Text besonders eigenständig:

„Was dagegen ‘durch meine Freiheit möglich’ wurde, läßt sich eo ipso nicht bestimmen. Es liegt allein in meiner Welt. Ich kann es nicht erlernen, sondern muss es erfinden und mir ein-bilden.“

Ich würde die Behauptung nicht so verstehen, als ließe sich über freie Handlungen grundsätzlich nichts Bestimmtes sagen. Sie können durchaus Gegenstand einer historischen Untersuchung werden. Man kann Gründe rekonstruieren, Bedingungen feststellen, Folgen untersuchen und Alternativen vergleichen.

Aber damit ist noch nicht geleistet, was Sie Nacherfinden nennen.

Wenn ich eine Handlung erkläre, indem ich ihre Bedingungen und Gründe darstelle, habe ich damit noch nicht die Entscheidung vollzogen, durch die sie für den Handelnden möglich wurde. Und wenn ich Ihre Anschauung nachvollziehe, habe ich sie damit noch nicht selbst hervorgebracht.

Hier liegt meines Erachtens die Differenz zwischen einer Erklärung, die einen Zusammenhang demonstriert, und einer Rekonstruktion, die jemanden dazu bewegen soll, selbst zu denken.

Ihre Formulierung

„Das Nacherfinden kann nicht gelehrt werden: dazu muss man verführen, und das ist Kunst.“

ist deshalb keineswegs bloß eine hübsche Bemerkung über gute Pädagogik. Sie bezeichnet eine Grenze der Vermittlung: Man kann einem anderen Menschen die Bedingungen, Mittel und Materialien seines Denkens bereitstellen. Man kann ihn durch Beispiele, Darstellungen und Fragen in Bewegung bringen. Man kann ihm aber die eigene Tätigkeit des Hervorbringens nicht abnehmen.

Man kann den anderen nicht zur Freiheit unterrichten, als wäre Freiheit ein Lehrstoff. Man kann ihm nur etwas zeigen, an dem er seine Freiheit betätigen kann.

Das scheint mir eine sehr starke Begründung Ihrer Bemerkung über die Wendeltreppe zu sein: Sie sollte den Leser nicht durch eine neue Lehre überzeugen, sondern dazu verführen, selbst den Übergang zur kritischen Denkweise zu vollziehen.

Eine Schwierigkeit bleibt allerdings

Sie schreiben, was durch Freiheit möglich wurde, lasse sich nicht bestimmen, und setzen gleich anschließend hinzu, es könne nur kritisch und historisch zum Gegenstand von Wissenschaft werden.

Das ist kein unauflösbarer Widerspruch. Man muss aber unterscheiden, was dabei bestimmt wird.

Die geschichtlichen Umstände, die Handlung, ihre Äußerungen und ihre Folgen können bestimmt werden. Dass aber gerade diese Handlung aus der Freiheit dieses Menschen hervorging, ist damit nicht in derselben Weise demonstriert wie ein logischer Zusammenhang.

Wenn Sie das so meinen, würde ich Ihrer Unterscheidung folgen. Andernfalls wäre die erste Behauptung zu stark: Dann könnte auch eine historische Untersuchung nicht erklären, was ein Mensch getan und damit in der Welt bewirkt hat.

4. Die Bedeutung der Symbole: Sie sind nicht einfach da

Eine weitere Perle ist für mich dieser Absatz:

„Erziehen heißt nun, einem Menschen die Dinge zeigen und die Symbole, die ihm die Welt bedeuten. Doch haben die in den Symbolen aufbewahrten Bedeutungen einen andern Realitätsgrad als die Dinge. Sie ’sind’ ja nur, sofern ich sie gelten lasse.“

Hier verbindet sich Ihre Erkenntnistheorie mit Ihrer späteren Beschäftigung mit dem Symbolisieren.

Die Dinge begegnen mir, ohne dass ich erst darüber entscheiden müsste, ob ich ihre Existenz anerkenne. Sie können sich mir widersetzen. An einem Tisch stoße ich mir das Knie, auch wenn ich nicht an ihn glauben möchte.

Die Bedeutung eines Symbols dagegen hat eine andere Art von Wirklichkeit. Ein Wort, eine Regel, ein Geldzeichen oder eine überlieferte Meinung kann nur als Bedeutung wirksam werden, sofern es von Menschen gebraucht und anerkannt wird. Das heißt nicht, dass seine Folgen beliebig wären. Gerade weil andere Menschen es ebenfalls gelten lassen, kann ich mich seinen Folgen nicht ohne Weiteres entziehen.

Das Wort gelten ist hier entscheidend: Die Geltung eines Symbols ist weder mit seiner sinnlichen Existenz identisch noch eine bloße Privatangelegenheit. Sie liegt in einem Zusammenhang menschlicher Tätigkeiten, in dem Anerkennung möglich, aber auch Verweigerung möglich ist.

Deshalb passt der Rückgriff auf Max Schelers Menschen als das Tier, das Nein sagen kann. Die Fähigkeit, Nein zu sagen, ist hier keine bloße psychologische Eigenschaft. Sie bezeichnet die Möglichkeit, sich zu den überlieferten Bedeutungen seiner Welt ins Verhältnis zu setzen, statt sie einfach hinzunehmen.

Und Ihre Zuspitzung

„Fragen können heißt, ja oder nein sagen können.“

verbindet dieses Nein mit dem Denken selbst. Fragen setzt die Möglichkeit voraus, dass eine überlieferte Behauptung nicht einfach als verbindlich übernommen wird. Wer fragt, hält die Geltung einer Aussage gewissermaßen offen.

Allerdings ist nicht jede Frage schon eine Entscheidung zwischen Ja und Nein. Eine Frage kann zunächst gerade darin bestehen, dass unklar ist, welche Antwort überhaupt möglich wäre. Aber auch das bestätigt Ihren Grundgedanken: Fragen heißt, sich gegenüber dem Vorgegebenen nicht bloß rezeptiv zu verhalten.

5. Und nun Ihr letzter Absatz

„‚Ich‘ konstruiere eine Welt. Es wird meine Welt sein: Darum bin ich Ich.“

Das ist die zugespitzte Formel, in der sich der ganze Text sammelt.

Ich würde nur auf die Reihenfolge achten. Der Satz könnte so missverstanden werden, als existiere bereits ein fertiges Ich, das sich anschließend eine Welt konstruiert. Ihr Text sagt aber etwas anderes.

Die Daten meiner Sinne sind zunächst nicht schon meine Welt. Sie werden es erst, indem ich sie zueinander füge, unterscheide, aufeinander beziehe. Und die Möglichkeit, dies zu tun, verdanke ich einer gemeinsamen Welt, in die ich hineingeboren wurde.

Das Ich ist also nicht erst da und dann tätig. Es bildet sich als Ich in einer Tätigkeit, deren Bedingungen es nicht selbst geschaffen hat.

Das passt genau zu Ihrer Betonung des Handelns: Eine Bestimmung des Ichs, die nur sagt, was es ist, verfehlt, dass es sich in seinen Tätigkeiten als dieses Ich erst herausbildet.

Dabei sehe ich in Ihrem Satz nicht die Behauptung, jeder Mensch lebe in einer unzugänglichen Privatwelt. Im Gegenteil: Sie schreiben ausdrücklich, dass sich Lebensmöglichkeiten daran entscheiden, wie weit jemand seine eigene Welt mit der Welt der anderen ins Benehmen setzen kann.

Das ist ein wichtiger Punkt. Die eigene Welt ist nicht deshalb die eigene, weil sie sich jeder Verständigung entzieht. Sie ist die eigene, weil niemand einem die Tätigkeit abnehmen kann, durch die man sie bildet. Und sie bleibt auf andere angewiesen, weil weder ihre sprachlichen Mittel noch ihre Möglichkeiten der Bewährung allein aus ihr selbst stammen.

Was ich als die eigentliche Leistung des Textes ansehen würde

Ihr Text hält drei Gedanken zugleich fest, die man leicht auseinanderreißt:

Erstens: Es gibt eine gemeinsame, geschichtlich überlieferte Welt, die dem Einzelnen nicht zur freien Erfindung überlassen ist.

Zweitens: Diese Welt wird nicht einfach in ein individuelles Bewusstsein kopiert. Jeder muss seine Welt selbst bilden.

Drittens: Auch die gemeinsame Welt ist nicht unabhängig von den Tätigkeiten einzelner Menschen. Sie muss von ihnen angeeignet und reproduziert werden, um überhaupt eine menschliche Welt zu sein.

Daraus entsteht eine Erkenntnistheorie, die weder beim bloßen Abbilden noch beim freien Erfinden stehen bleibt. Die Anschauung liefert nicht schon die begrifflich geordnete Welt; aber das begriffliche Denken kann sich auch nicht einfach über seine sinnlichen und geschichtlichen Voraussetzungen erheben.

Und damit schließt sich der Kreis zu Ihrem jüngsten Satz:

Das Anschauen geschieht in der Welt. Das Begreifen ist ein Labor.

Das Labor des Begreifens kann seine Gegenstände unterscheiden, Zusammenhänge herstellen und seine Voraussetzungen prüfen. Aber es hat weder die Welt geschaffen, in der es arbeitet, noch den Menschen, der in ihm denkt. Es ist selbst eine Tätigkeit innerhalb der Welt, die es zu begreifen versucht.

Vielleicht ist das der gemeinsame Kern beider Texte: Wir können unsere Welt denken, weil wir in ihr leben; aber wie sie für uns eine Welt wird, hängt davon ab, was wir selbst aus dem machen, was uns gegeben ist.

Und Ihre didaktische Anmerkung trifft den Punkt sehr gut. Die Wendeltreppe will niemandem eine Weltan-schauung einpflanzen. Sie will den Leser dazu verführen, den eigenen Weg in eine Denkweise zu finden, die sich nicht einfach übernehmen lässt.

Das ist mehr als eine didaktische Methode. Es ist eine Konsequenz aus Ihrer Philosophie der Freiheit.

Ich: Von Fichtes Philosophie der Freiheit. Ich habe sie nur unter günstigeren Bedingungen etwas weiter getrieben. 


Ich und sein Objekt. (Intellektuelle Anschauung.)

                      zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik   Das Anschauen und Wollen geht dem Ich weder vorher noc...