Begründung der Wissenschaftslehre; Unbedingtheit des wahren Wissens; Die proble-matische Bedingungslosigkeit der Wahrheit:
Sei's.
5. 6. 92
J. F. Millet, Les bûcherons zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
3) Die Handlung, da man im Verglichenen das Merkmal aufsucht, worin sie entgegenge-setzt sind, heisst das antithetische Verfahren; gewöhnlich das analytische,
welcher Ausdruck aber weniger bequem ist, theils weil er die Meinung
übrig lässt, dass man etwa aus einem Begriffe etwas entwickeln könne,
was man nicht erst durch eine Synthesis hineingelegt, theils weil durch
die erste Benennung deutlicher bezeichnet / wird, dass dieses Verfahren das Gegentheil vom synthetischen sey. Das synthetische Verfahren nemlich besteht darin, dass man im Entgegengesetzten dasjenige Merkmal aufsuche, worin sie gleich
sind. Der blossen logischen Form nach, welche von allem Inhalte der
Erkenntniss, sowie von der Art, wie man dazu komme, völlig abstrahirt,
heissen auf die erstere Art hervorgebrachte Urthei-le, antithetische oder
verneinende, auf die letztere Art hervorgebrachte synthetische oder
bejahende Urtheile
4) Sind die logischen Regeln, unter denen alle Antithesis und
Synthesis steht, von dem dritten Grundsatze der Wissenschaftslehre
abgeleitet, so ist überhaupt die Befugniss aller Antithesis und
Synthesis von ihm abgeleitet. Aber wir haben in der Darstellung jenes
Grundsatzes gesehen, dass die ursprüngliche Handlung, die er ausdrückt,
die des Verbin-dens Entgegengesetzter in einem Dritten, nicht möglich war
ohne die Handlung des Ent-gegensetzens; und dass diese gleichfalls nicht
möglich war, ohne die Handlung des Verbin-dens: dass also beide in der
That unzertrennlich verbunden und nur in der Reflexion zu unterscheiden
sind. Hieraus folgt; dass die logischen Handlungen, die auf jene
ursprüng-lichen sich gründen, und eigentlich nur besondere, nähere
Bestimmungen derselben sind, gleichfalls nicht, eine ohne die andere,
möglich seyn werden.
Keine Antithesis ist möglich ohne eine Synthesis;
denn die Antithesis besteht ja darin, dass in Gleichen das
entgegengesetzte Merkmal aufgesucht wird; aber die Gleichen wären nicht
gleich, wenn sie nicht erst durch eine synthetische Handlung
gleichgesetzt wären. In der blossen Antithesis wird davon abstrahirt,
dass sie erst durch eine solche Handlung gleichge-setzt werden: sie
werden schlechthin als gleich, ununtersucht woher, angenommen; bloss auf
das entgegengesetzte in ihnen wird die Reflexion gerichtet, und dieses
dadurch zum deutlichen und klaren Bewusstseyn erhoben. –
So ist auch
umgekehrt keine Synthesis möglich ohne eine Antithesis. Entgegengesetzte
sol-len vereiniget werden: sie wären aber nicht entgegengesetzt, wenn
sie es nicht durch eine Handlung des /
Ich wären, von welcher in der Synthesis abstrahirt wird, um bloss den
Beziehungsgrund durch Reflexion zum Bewusstseyn zu erheben. – Es giebt
demnach überhaupt dem Gehalte nach gar keine bloss analytischen
Urtheile; und man kömmt bloss durch sie nicht nur nicht weit, wie Kant
sagt, sondern man kömmt gar nicht von der Stelle.
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J. G. Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW Bd. I, S. 112ff.
Nota. - Das ist also die Stelle, an der erstmals der moderne, nach-Hegelsche Gedanke der Dialektik ausgesprochen wurde. Allerdings nicht das Wort, mit dem später so viel Augenwi-scherei getrieben wurde. Hegel dürfte das Wort von seinem Jugendfreund Schelling über-nommen haben, bei dem es nur beiläufig vorkommt. Doch bei ihm tritt der springende Punkt auf, der eine vollständige Revision der Kritischen bzw. Transzendentalphilophie war.
Beim Fichteschen Original ist 'das Absolute', nämlich das absolute Ich, nicht die reale Vor-aussetzung für den Gang der Vernunft, sondern ein Reflexionsprodukt, das dem reellen Gang des Vorstellens nachträglich vorangestellt werden muss, um ihn begründen zu kön-nen. Das ist bis heute das Skandalöse daran.
Das müsste es nicht, denn Fichte redet ausdrücklich von der Welt der Vorstellung, und nur als Vorstellung 'kommt' das absolute Ich 'vor', während Schelling schon zu der Zeit, als er als Anhänger Fichtes galt, dazu neigte, es als eine Spezifikation (Emanation sollte E. Lask es nennen) eines realen Absoluten erscheinen zu lassen. Das war aber keine Überwindung der Kritischen bzw. Transzendentalphilosophie, sondern ein Salto mortale hinter Kant zurück in den Dogmatismus. Schelling hat folglich ein Leben lang darüber geklagt, dass Hegel sein System bei ihm plagiiert hätte.
Wahr ist, dass Fichte 1800 in der Bestimmung des Menschen diesen Salto mortale selbst vollzogen hat. Aber das ist eine Geschichte für sich.
JE
Tsukahara Das Capital kömmt zunächst aus der Circulation her und zwar vom Geld
als seinem Aus-gangspunkt. Wir haben gesehn, daß das in die Circulation
eingehende und zugleich aus ihr in sich zurückgehende Geld die lezte
Form ist, worin das Geld sich aufhebt. Es ist zugleich der erste Begriff
des Capitals, und die erste Erscheinungsform desselben. Das Geld hat sich
negirt als blos in der Circulation aufgehend; es hat sich aber eben so negirt
als selbstständig ihr gegenübertretend. Diese Negation zusammengefaßt, in
ihren positiven Bestimmungen, enthält die ersten Elemente des Capitals.
Geld ist die erste Form, worin das Capital als solches erscheint. G – W –
W – G; daß das Geld gegen Waare und die Waare gegen Geld ausgetauscht
wird; diese Bewegung des Kaufens um zu verkaufen, die die Form/bestim-mung des Handels bildet, das Capital als Handelscapital, findet sich
in den frühsten Zu-ständen der ökonomischen Entwicklung; ist die erste
Bewegung worin der Tauschwerth als solcher den Inhalt bildet, nicht nur
Form ist, sondern sein eigner Gehalt.
Die Bewegung kann
vorgehn innerhalb
von Völkern und zwischen Völkern, für deren Production keineswegs der
Tauschwerth noch zur Voraussetzung geworden ist. Die Be-wegung greift nur
das Surplus ihrer auf unmittelbaren Gebrauch berechneten Production an
und geht nur an ihrer Grenze vor sich. Wie die Juden innerhalb der
altpolnischen oder überhaupt mittelaltrigen Gesellschaft, so können
ganze
Handelsvölker, wie im Alterthum, und später die Lombarden, diese
Stellung
zwischen Völkern einnehmen, deren Producti-onsweise noch nicht der
Tauschwerth als Grundvoraussetzung bedingt hat.
Das commercielle
Capital
ist blos circulirendes Capital und das circulirende Capital ist die
erste Form
desselben; in der es noch keineswegs zur Grundlage der Production
geworden. Eine weiter entwickelte Form ist das Geldcapital und der
Geldzins,
Wucher, dessen selbst-ständiges Auftreten ebenfalls einer frühen Stufe
angehört.
Endlich die Form W – G – G – W, worin das Geld und die
Circulation überhaupt als bloses Mittel erscheint für die circulirende Waare,
die ihrerseits wieder aus der Circulation heraus-tritt und direkt das Bedürfniß
befriedigt, ist selbst die Voraussetzung jenes ursprünglichen Erscheinens des
Handelscapitals.
Die Voraussetzungen
erscheinen an verschiedne Völker
vertheilt oder innerhalb der Ge-sellschaft das commercielle Capital als
solches nur bedingt durch diese rein auf die Con-sumtion gerichtete
Circulation.
Andrerseits ist die circulirende Waare, die Waare, die sich nur dadurch
realisirt, daß sie die Form einer andren Waare annimmt, die aus der
Circulation heraustritt, und unmittelbaren Bedürfnissen dient, ebenfalls
als
erste Form des Capitals, das wesentlich Waarencapital ist.
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.1, S. 175f. [MEW 42, S. 178f.]
Nota. – Ursprünglich stammt 'das Kapital' – eine große Menge Geldes, in einer Hand kon-zentriert –
aus der Zirkulation; ursprünglich ist es peripher. Aber aus der
Peripherie dringt es ins Zentrum vor, es "ergreift die Produktion". Die
Produktion wird zu einem Moment der Zirkulation, die Zirkulation zu
einem Moment der Produktion. Alle Momente der ge-sellschaftlichen
Reproduktion bilden sich zu einem System. Kapital, das 'ursprünglich' nichts als eine große Menge Geldes war, entwickelt sich zu einer 'Systemeigenschaft'.
Hat 'es selbst' sich verändert? Die 'Rolle', die es spielt, hat sich verändert. Die Vorausset-zung war eine rein historische: die Erzeugung einer großen Masse von Eigentumslosen. So konnten die großen Massen Geldes zu 'Kapital' überhaupt erst werden: zu Geld, das mehr Geld produziert.
7. 3. 16
Nota II. - Noch schwankt Marx: Soll er den Begriff zum Schrittmacher der reellen Bewe-gung machen, oder das historisch Wirkliche zum stofflichen Gehalt des Begriffenen? - Ja, wie man's nimmt. Dass beides gangbar ist - aber eigentlich beides nur zugleich und durch einander -, wird ihm in Zuge der Ausarbeitung als der springende Punkt der auch von ihm so genannten Dialektik klarwerden.
JE
zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Der scharfe Unterschied zwischen idealer und realer Tätigkeit lässt sich leicht angeben. Die ideale Tätigkeit ist eine Tätigkeit in Ruhe, ein in die Ruhe Setzen, ein sich im Objekte Verlie-ren, ein im Objekte fixiertes Anschauen.
Die reale Tätigkeit ist wahre Tätigkeit, die ein Handeln ist.
Die ideale Tätigkeit kann auch in Bewegung sein, kann auch sein ein Übergehen; und beim Anschauen der Freiheit ist die ideale Tätigkeit wirklich ein solches Übergehen, nämlich die-ses Übergehen ist ein Anschauen nicht durch das Anschauen selbst, sondern es folgt aus dem Objekte, das angeschaut wird.
Hier ists die Freiheit. Es ist im Anschauen nur ein Abdruck, ein Nachbild. Die ideale Tätig-keit hat den Grund ihres Bestimmtseins nicht in sich selbst, wie die reale, sie ist daher ru-hend. Der Grund der idealen Tätigkeit liegt in dem Realen, das sie vor sich hat.
Beide Tätigkeiten sind bloß begreiflich durch Gegensatz. ___________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 48
Nota. - Die von einem Plagiator mystifizierte Dialektik besteht in dem unablässigen Ne-ben einander von wirklichem Vorstellen und Vorstellen des Vorstellens, und ihr Witz liegt darin, dass beide immer nur gegen einander vorgestellt werden. Frieden mit einander wer-den sie niemals finden; denn zwischen ihnen liegt Freiheit.
Im realen Vorstellen muss ich die Dinge so und nicht anders vorstellen. Im idealen Vor-stellen kann ich es so oder anders tun.
JE
Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE
zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Das
Bestimmbare erscheint nicht als hervorgebracht, weder durch reale noch
durch ideale Tätigkeit; es erscheint als gegeben zur Wahl. Es ist
gegeben heißt nicht, es ist dem Ich überhaupt gegeben, sondern dem
wählenden, praktischen Ich.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 57
Nota. - 'Gegeben' ist nichts an sich. Es ist jemandem gegeben oder nicht; nämlich einem, der nehmen will.
JE
zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Unter diesem Etwas, welches in der Sphäre des
Bestimmbaren liegt, wählt die absolute Freiheit. Sie kann in ihrer Wahl
nicht gebunden sein, denn sonst wäre sie nicht Freiheit. Sie kann ins
Unendliche mehr oder weniger wählen, kein Teil ist ihr als der letzte
vorgeschrie-ben. Aus dieser Teilbarkeit ins Unendliche wird vieles folgen
(der Raum, die Zeit und die Dinge). Unendlich teilbar ist alles, weil
es eine Sphäre für unsere Freiheit ist.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 57
Nota. - Oder so: Was immer in der Sphäre unserer Freiheit liegt, ist quantisierbar. Logisch ist alles quantisierbar, was wir denken, nämlich ursprünglich vorstellen können. Ob es da-gegen unabhängig von unserm Vorstellen quantisiert ist, ist eine Frage für sich, die vom Vorstellen ganz unabhängig ist.
Ob also Raum und Zeit selber 'gequantelt' sind, lässt sich nicht daran entscheiden, ob und wie gut wir damit rechnen können. Es müsste dargestellt werden, dass sie auch dann ge-quantelt sein könnten, wenn wir nicht damit rechnen könnten.
- "An sich"?
Wie sollte das möglich sein?
Der Haken ist der: Wenn sie nicht in unserer Freiheit lägen, wären sie nicht bestimmbar, sondern bestimmt. Wodurch, oder von wem? Wie wollte man davon wissen können?
JE
Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE
Der Charakter der Vernünftigkeit
besteht darin, dass der Handelnde und das Behandelte Eins sei und
ebendasselbe; und durch diese Beschreibung ist der Umkreis der Vernunft
als solcher erschöpft. -
Der Sprachgebrauch hat diesen
erhabenen Begriff für diejenigen, die desselben fähig sind, d. h.
diejenigen, die der Abstraktion von ihrem eigenen Ich fähig sind, in dem Wort Ich nie-dergelegt; darum ist die Vernunft überhaupt durch die Ichheit chrakterisiert worden. Was für ein vernünftiges Wesen da ist, ist in
ihm da; aber es ist nichts in ihm, außer infolge eines Handelns auf
sich selbst: was es anschaut, schaut es in sich selbst an; aber es ist
in ihm nichts anzuschauen, als sein Handeln: und das Ich ist nichts
anderes, als sein Handeln auf sich selbst.* /
*) Ich möchte nicht einmal sagen: ein Handelndes, um nicht die Vorstellung eines Substrats, in welchem die Kraft eingewickelt läge, zu veranlassen. - Man hat unter anderen [sic] gegen
die Wissenschaftslehre so argumentiert, als ob sie ein Ich als ohne ein
Zutun des Ich vor-handenes Substrat (ein Ding, als Ding an sich) der
Philosophie zu Grunde legte. ... / Diese
Leute können ohne Substrat einmal nichts anfangen, weil es ihnen
unmöglich ist, sich von dem Gesichtspunkte der gemeinen Erfahrung auf
den Gesichtspunkt der Philosophie zu erheben.
__________________________________________________________________
J. G. Fichte, Grundlage der Naturrechts... Einleitung, Jena & Leipzig, 1796, S. 1f.
Nota. - In den Einleitungen zum Naturrecht
und zur Sittenlehre "nach Prinzipien der Wis-senschaftslehre" gibt Fichte
programmgemäß eine Darstellung... ebendieser Prinzipien der
Wissenschaftslehre. Sie können und sollen natürlich auch nicht das
Studium der Wissen-schaftslehre ersetzen, denn was hier als Ergebnis der
Reflexion zusammengefasst ist, wird dort erst hervorgebracht. Wie gut
oder schlecht diese Arbeit gelang, wird man beurteilen müssen, indem man
sie selber mitvollzieht, und nicht danach, ob einem das Ergebnis zu-pass
kommt oder nicht.
Ein Juwel sind diese Einleitung trotzdem, nämlich als Metatext: als Anleitung, wie es zu verstehen ist, wenn
die Darstellung selbst im öffentlichen Urteil nicht so eindeutig
er-scheint, wie es dem Autor vorkam; und gelegentlich wird er verleitet,
seinen Ausdruck zu größerer Klarheit zu verdeutlichen. Die Einleitungen
mögen in der philosophische Debatte als Argument nicht gut taugen; aber
als Interpretationsanleitung sind sie Gold wert.
Dies alles vorweg, um bloß zu sagen: Damit, dass der Handelnde und das Behandelte eins sind, ist der Umkreis der Vernunft erschöpft. Nicht
ein bisschen, weitgehend, ziemlich, sondern - erschöpft. Indes ist zwar
kein Träger oder Vehikel, aber doch immerhin eine "Kraft" mit
vorausgesetzt. Aber die ist ohne alle Bestimmung, denn ihre Bestimmung
wird es ja sein, sich selber zu bestimmen.
So hat er's gesagt und so hat er's geschrieben. Dass ihm dabei jederzeit noch diese oder jene Nebenvorstellung
mit hineingespielt hat, mag ja sein; wäre aber eine Inkonsequenz, die
er hätte ausräumen sollen. Stattdessen hat er darauf dann seine Rückwendung zum Dogmatis-mus gegründet.
JE, 26. 3. 18
aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Sobald nach Vollendung
dieses Geschäfts der menschliche Geist in sich selbst zurückkehrt, wie
er in einem seiner erhabensten Repräsentanten, Kant, zuerst mit klarem
Bewusstsein und vollständig getan hat, und findet, dass alles, was er
außer sich wahrzunehmen glaubt, er doch nur aus sich selbst
hervorgebracht habe: so geht an die noch immer synthetisch
fort-schreitende Vernunft die Aufgabe, alle diese Verrichtungen desselben
gleichfalls in einem Grunde zu vereinigen, und dieseses Verfahren hat
aus demselben Grunde dieselbe Realität, welche jenes hatte.
Diese letzte Aufgabe an das synthetische Vermögen, nach de[r]en
Vollendung die Mensch-heit wieder zur Analyse zurückkehrt, die von nun
an eine ganz andere Bedeutung bekommt, musste gleichfalls über kurz
oder lang gelöst werden; und es wäre bloß das zu wünschen, dass
diejenigen, die ihre Fähigkeit nicht bestimmt, an diesem Geschäft Anteil zu haben, von der Realität, die durch dasselbe hervorgezogen werden soll, überhaupt keine Notiz
nähmen, wie es sonst immer gewesen ist; nicht aber verlangten, sie
unter die besondere Art der Realität, die ihnen bekannt ist,
herabzuziehen. -
Ein reines Ich und die
Verrichtungen desselben vor allem Bewusstsein haben keine Realität, weil
sie nicht im gemeinen Bewusstsein vorkommen, heißt dasselbe sagen, was
ein ungebil-deter Wilde[r] sagen würde, wenn er spräche: Eure Kausalität und eure Wechselwirkung ha-ben keine Realität, denn man kann sie nicht essen.
_____________________________________________________________________
J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 26
Nota. - Transzendentalphilosophie ist eine Sache der Gelehrten und nicht des Alltagsver-stands. Auf das Alltagsleben hat sie gar keinen Einfluss, man kann sie weder essen noch trinken. Bleibt immer die Frage, wozu sie dann letzten Ende gut ist.
Denn
dass der Alltagsverstand von ihr Rechenschaft erwartet, ist nicht
einfach eine Unge-zogenheit. Vernunft soll sein das Verkehrsmedium der
bürgerlichen Gesellschaft, von der Reihe vernünftiger Wesen ist die
Rede. Das sollen nicht nur die Gelehrten sein, sondern alle, die frei handeln - und das wiederum sollen alle. Der Raum, in dem freie, d. h. vernünf-tige Iche miteinander wechselwirken, ist Öffentlichkeit.
Eine
Republica eruditorum im Elfenbeinturm, abgesondert vom Volk, waren die
Gelehrten in der mittelalterlichen Ständegesellschaft (und auch da
mehr in der Vorstellung als in der Realität). In der bürgerlichen
Öffentlichkeit müssen sie jederzeit darauf gefasst sein, dass der Laie
sich auf seine Vernunft beruft und in Dinge einmischt, von denen er
nichts ver-steht; zumal, wenn die Gelehrten an seiner Revenü mitzehren.
Machen wir's kurz: Eine positive Wirkung auf das Treiben der Welt hat die Transzenden-talphilosophie nicht.
"Ihr Hauptnutzen ist
negativ und kritisch. Es mangelt in dem, was nun gewöhnlich für
Le-bensweisheit gehalten wird, nicht daran, daß sie zu wenig, sondern
daran, daß sie zu viel enthält. Man hat eben die erräsonierten Sätze der
oben beschriebenen erschaffenden Me-taphysik hereingetragen - und diese
sollen [wieder hinaus] gesondert werden. Sie hat die Bestim-mung, die
gemeine Erkenntnis von aller fremden Zutat zu reinigen.
Dies hat ihnen Kant zur Genüge gezeigt.
Mittelbar,
d. h. inwiefern ihre Kenntnis mit der Kenntnis des Lebens vereinigt
ist, hat sie auch einen positiven Nutzen. Für das unmittelbar praktische
Pädagogische im weitesten Sinn des Worts: Sie zeigt, wie man die
Menschen bilden müsse, um moralische, echtreligi-öse, legale
Gesinnungen
in ihnen hervorzubringen und nach und nach allgemein zu ma-chen. Für die
theoretische Philosophie, Erkenntnis der Sinnenwelt, Naturwissenschaft
ist sie regulativ. Sie zeigt, was man von der Natur fragen müsse.
Ihr
Einfluß auf die Gesinnung des Menschengeschlechts überhaupt ist, daß
sie ihnen Kraft, Mut und Selbstvertrauen beibringt, indem sie zeigt, daß
sie und ihr ganzes Schicksal ledig-lich von sich selbst abhängen; indem
sie den Menschen auf seine eignen Füße stellt."
J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen in: Gesamtausgabe Bd. II/5, S. 122
Man kann nicht einmal sagen, die Transzendentalphilosophie träte der profanen Welt als eine Instanz gegenüber,
und sei es eine kritische, die den Alltagsverstand väterlich gegen
seine Anmaßungen in Acht nimmt; denn mit der Autorität der Wissenschaft redet sie einst-weilen nicht, in der Wissenschaft ist sie noch immer erst eine Partei, und nur als eine solche kann sie sich zu Wort melden.
Übrigens
auch außerhalb der Wissenschaft, denn das auszeichnende Merkmal der
vernünf-tigen, der bürgerlichen Gesellschaft ist: Öffentlichkeit.
15. 1. 19
Nota II. - Was Kant den 'dialektischen Schein' nennt - dass nämlich den Begriffen dieselbe Realität zukäme wie den Dingen, auf die sie gemünzt sind -, gehört das zu den Beigaben, die eine 'erräsonierende und erschaffende Metapysik' der gemeinen Erkenntnis nachträglich zugefügt hat und die die Kritik wieder hinaussondern muss? Handelt es sich bei dem plato-nischen Begriffsrealismus nicht vielmehr um die Erbschaft des ursprünglichen Animismus, der umgekehrt den Dingen selber eine geistige Potenz angedichtet hatte?
Das macht das Aussondern unvergleichlich mühseliger; allerdings auf Dauer auch unum-gehbar.
JE
Nota. Das
obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie
der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht
wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.
Delacroix zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete VernunftkritikUnd so hätten wir denn das ganze Object des Rechtsbegriffs; nemlich eine Gemeinschaft zwischen freien Wesen als solchen. Es ist nothwendig, dass jedes freie Wesen andere seiner Art ausser sich annehme; aber es ist nicht nothwendig, dass sie alle, als freie Wesen, neben-einander fortbestehen; der Gedanke einer solchen Gemeinschaft und die Realisation dersel-ben ist sonach etwas willkürliches. Wenn er aber gedacht werden sollte; wie, durch welchen Begriff, durch welche bestimmter Handelsweise wird er gedacht?
Es findet sich, dass man in Gedanken jedes Mitgliued der Gesellschaft seine eigene äussere Freiheit, durch innere Freiheit, so beschränken lasse, dass alle andere [sic] neben ihm auch äusserlich frei sein können.
Das nun ist der Rechtsbegriff.
Wird
er, weil der Gedanke und die Aufgabe einer solchen Gemeinschaft
willkürlich ist, gedacht als ein praktischer Begriff, so ist er bloss
technisch-praktisch; d. h. wenn gefragt würde, nach welchen Grundsätzen
eine Gemeinschaft zwischen freien Wesen, als solchen, errichtet werden
könnte, wenn etwa jemand eine solche errichten wollte, so müsste gesagt
werden: nach dem Rechtsbegriffe. Dass aber eine solche Gemeinschaft errichtet werden solle, wird dadurch keineswegs gesagt.
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J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, Jena & Leipzig 1796, S. 17f.
Nota. - Dass es, wenn es ein freies/vernünftiges Wesen gibt, derer mehrere geben muss, ist im Begriff des freien/vernünftigen Wesens enthalten.
Aber dass sie nebeneinander und gar miteinander leben, ist es nicht.
Man kann es wollen und kann es nicht wollen. Wenn man es aber will, ist
es nur auf der Grundlage des Rechts möglich.
*
Dieses ist die Herleitung einer rechtlich verfassten Gemeinschaft aus dem Naturrecht. So
gelangen wir bis zum hypothetischen Begriff des Rechts. Die reell
verfassten, nämlich poli-tisch konstituierten Gemeinschaften, mit denen
es Fichte tatsächlich zu tun hatte, waren nicht rechtlich verfasst;
sondern beruhten auf ständischen Privilegien und fürstlicher Will-kür.
Aber sie waren da, es gab sie wirklich.
Wollte man nun ihre
Bürger als vernünftige Wesen auffassen, müsste man diese Gemeinwesen
nach rechtlichen Maßstäben umorganisieren. Dass eine Gemeinschaft
von Freien und Gleichen notwengig ist, kann die Wissenschaftslehre
aus ihren eigenen Voraussetzungen nicht deduzieren. Doch wie eine reelle
Gemeinschaft beschaffen sein muss, wenn sie eine Gemeinschaft von vernünftigen Wesen sein soll, das kann sie deduzieren. Und dass es sich um vernünftige Wesen handeln muss, hat sie schon demonstriert.
Doch bleibt es dabei:
Das Naturrecht ist ein künstlicher Fremdkörper, der willkürlich von
außen an die historisch gewachsenen Gemeinschaften als Maß
herangetragen wird. Es wird ein Bruch postuliert.
JE, 10. 1. 19
zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik Begründung der Wissenschaftslehre; Unbedingtheit des w...