Freitag, 2. Oktober 2026

Ist die Kritik der Politischen Ökonomie selber eine Theorie?

Gerrit Dou                                                                                                 aus Marxiana

Die KpÖ ist keine positive Beschreibung der wirklichen ökonomischen Vorgänge. Sie ist ein logisches Modell. Das Wirtschaftsgeschehen ist aber keine logische Operation, sondern besteht aus wirklichen Alltagsereignissen. Wozu also das Modell?

Der Test auf die Theorie ist in der Wissenschaft, sagt Marx [irgendwo?], das Experiment. Anders als in den Naturwissenschaften könne man in den Gesellschaftswissenschaften keine Versuchsanordnungen arrangieren. Das Gedankenexperiment müsse das Labor ersetzen. Das logische Modell ist dazu da, Gedankenexperimente zu ermöglichen.

Auch die positive Volkswirtschaftslehre liebt Modelle: mathematische Modelle. Ihr Zweck ist es, den wirtschaftlichen Akteuren – bis hin zu den Wirtschaftspolitikern – Gedankenex-perimente zu erlauben, die ihnen einen Anhaltspunkt für praktische Entscheidungen geben. Im reellen Wirtschaftsgeschehen sind Experimente übrigens durchaus möglich. Schon mancher Unternehmer hat sein Geschäft nach dem trial an error Prinzip betrieben. War er dann pleite, dann ist er um eine Erfahrung reicher, aber um sein Kapital ärmer. Beim nächsten Mal würde er es besser machen, aber leider gibt es kein nächstes Mal. Dem zockenden Wirtschaftspolitiker mag es ebenso ergehen. Mathematische Modelle sind praktisch-spezifisch. Der praktische Zweck ist a priori gegeben: der größtmöglich Nutzen für den, der zu entscheiden hat. Das Modell erlaubt zu errechnen, welcher kurzfristige Nutzen heute meinen langfristigen Nutzen morgen und übermorgen kompromittieren könnte; und rät gegebenenfalls an, auf das unmittelbar Naheliegende zu verzichten.

Das logische Modell der KpÖ hat nicht den Zweck, praktische Entscheidungen zu ermöglichen. Es dient dazu, durch experimentelle Versuche am Modell Fragen zu formulieren, die an das wirkliche Wirtschaftsgeschehen gestellt werden können, um das Funktionieren des Gesamtgeschehens zu verstehen. Es ist ein kritisches Werkzeug gegenüber dem ökonomischen Globalprozeß, und keine Untersuchung individueller Entscheidungsmöglichkeiten.

So wie im Übrigen die "Versuchanordnung" des Naturwissenschaftlers in seinem Labor ebenfalls nicht die wirkliche Natur ist, sondern eben ein Modell davon – genauer gesagt, das Modell eines vorab gedanklich isolierten Teils davon. Seine Ergebnisse bilden keineswegs die Vorgänge in der Wirklichkeit ab, sondern geben ein cue, ein kritisches Werkzeug für deren Beobachtung. Freilich stellt auch der ökonomische Globalprozeß, den das Modell der KpÖ 'repräsentiert', nicht das ganze gesellschaftliche Leben dar, sondern - wiederum - nur einen davon gedanklich vorab isolierten Teil…

[Fall der Profitrate]

Das Kapital interessiert sich nicht für die Rate, sondern für seinen Profit – im Verhältnis zu… Ja, im Verhältnis wozu?

Den Aktionär interessiert allerdings die Rate: Wie hoch ist seine Rendite, im Vergleich zur Rendite in andern Unternehmen (oder Geschäftszweigen)? Ist sie nämlich niedriger als dort, verschiebt er seine Anlage in den profitableren Sektor. Ist die Durchschnittsrendite 5%, dann wird er mit 4% nicht zufrieden sein. Liegt sie bei 3%, wird er sich mit 4% glücklich schätzen (und es bald mit dem konkurrierenden Kapital zu tun bekommen, das nun in seinen Sektor  strömt). Der Aktionär zieht seine Anlage erst dann aus dem Verkehr, wenn er gar nichts mehr bekommt – und legt einen Schatz an. [Die um sich greifenden Hedge Fonds…?]

Für das operierende Kapital ist der Bezugspunkt aber nicht der Durchschnitt, auch unmit-telbar noch nicht die Gewinnspanne der Konkurrenten, sondern die absolute Größe, die ein Geldbetrag haben muß, um wieder als Kapital fungieren zu können. Wie groß die Summe seines Gewinns sein muß, um neu ins Geschäft einzutreten, oder eine bestehende Anlage so zu erweitern, daß sie zusätzlichen Profit erbringt. Das heißt, so lange die Akkumulation schneller voranschreitet, als die Profite sinken…

Das Modell der KpÖ hilft dem individuellen Kapital kein bisschen bei seinen Entschei-dungen. Es erlaubt lediglich, das globale wirtschaftliche Geschehen danach zu befragen, welche krisenhaften Ereignisse als Ausdruck einer global fallenden Profitrate interpretiert werden können.

[Wert]

Der 'naturalistische Wertbegriff' (Preobraschenski gg. Bucharin) ist die Vorstellung, der Wert sei eine sachliche Eigenschaft der Waren als res extensae. Das gilt aber nicht einmal für den Gebrauchswert. Sicher, hätte das Getreidekorn keinen so hohen Anteil an Kohle-hydraten, hätte es keinen Nährwert für die Menschen. Aber der Nährwert der Kohlehydrate liegt nicht in ihnen selbst begründet, sondern in der Organisation des menschlichen Stoff-wechsels. Jene ist zu diesem hinzugetreten, nicht umgekehrt. [Na ja, Selektion und Anpas-sung…] Der Tauschwert entsteht (um im Bilde zu bleiben), weil der menschliche Stoff-wechsel auch Fett, Proteine und Mineralien braucht, und sie sich nicht gegenseitig ersetzen können. Eine überschüssige Menge Kohlehydrate muß daher gegen eine fehlende Menge Fett oder Protein eingetauscht werden. So geschieht es, dass die drei im gegebenen Fall einander vergleichbar werden. Ihre Vergleichbarkeit liegt nicht in ihrer stofflichen Zusam-mensetzung – gerade an der nicht –, sondern in der Natur des Bedürfnisses, auf das sie stoßen.

……

'Wert' ist eine rein logische Funktion, bloß fiktionale "Rechengröße" in einem Gedanken-experiment, der Nichts entspricht von Allem, das im reellen Wirtschaftsprozess tatsächlich vorkommt. 'Wert' ist ein Wert, der "vorkommen würde, wenn" in einem arbeitsteiligen Ge-meinwesen, wo jeder nur für Andere produziert, vorab ein Plan aufgestellt würde von der verfügbaren Arbeitszeit (wobei die unterschiedlichen Arbeitsqualitäten auf "zusammenge-setzte" Arbeit umgerechnet wären), und dann die Produkte der Einzelnen auf die – eben-falls vorab quantitativ umgerechneten – Bedürfnisse verteilt würden. Siehe "Randglossen zum Gothaer Programm": 'Zunächst' würde jeder von den vorliegenden Produkten den Anteil erhalten, der seinem Anteil an der verausgabten Arbeit(szeit) entspricht. An der Lohnhöhe würde sich gegenüber der Markt-Wirtschaft also kaum was ändern (bloß die Privatrevenue der Bourgeois; verrechnet gegen das Gehalt der nun erforderlichen Planungs-fachleuten); ein 'Mehrwert' würde immer noch zurückgehalten zwecks Instandhaltung und Akkumulation. Erst in einem "2. Stadium" wären nicht die 'Werte' der Produkte Maßstab der Verteilung, sondern die Gewichtung der Bedürfnisse. Dann wäre der 'Wert' = 'durch-schnittliche Arbeitszeit' eine bloße Messeinheit; nicht mehr Maßstab!

(Fragt sich freilich, ob sich ohne Tauschwert, der dazwischenträte, die 'Zusammen-gesetztheit' der Arbeiten aus so und soviel 'Durchschnittsarbeiten' irgendwie ermit-teln ließe! Man müsste es aus den 'Produktionskosten' einer jeden 'Arbeitskraft' er-rechnen – also was er wie lange gelernt hat; wobei kein Mittel wäre, zu erfahren, ob er das, was er gelernt hat, auch wirklich tut! Wo der Tauschwert herrscht, erfährt man's – hinterher: Wenn das Zeug nicht gegen die Konkurrenz bestehen kann. In der DDR gab's keine Konkurrenz, daher… [usw.]! M. a. W., die 'gesellschaftlich not-wendige' Durchschnittsarbeit ist ebenso eine fiktionale Größe zwecks Gedankenex-periment.)

Aber wenn sie nicht die Arbeit zum Maß nähmen; wenn sie jeden einzelnen Gegenstand dem je individuellen Bedürfnissen nach je besonderen Gesichtspunkten zumessen würden – dann wäre eben auch das deren jeweiliger 'Wert'. Nur dass es eben kein allgemeines Maß der Werte gäbe. So wird man sich die 'naturwüchsige' Verteilung in den ursprünglichen Ge-meinschaften denken müssen. Daß dabei 'Alle gleich' gewesen wären, wird man kaum annehmen können.

"Innerhalb der genossenschaftlichen, auf Gemeingut an den Produktionsmitteln gegründeten Gesellschaft tauschen die Produzenten ihre Produkte nicht aus; ebensowenig erscheint hier die auf Produkte verwandte Arbeit / als Wert dieser Produkte, als ein von ihnen besessene sachliche Eigenschaft, da jetzt, im Gegensatz zur kapitalistischen Gesellschaft, die individuellen Arbeiten nicht mehr auf einem Umweg, sondern unmittelbar als Bestandteil der Gesamtarbeit existieren."
Marx, Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei, MEW 19, S. 19f.

Entwurf, 16. 5. 2015

* 

Hier bricht der Entwurf ab. Ob die Kritik der Politischen Ökonomie selber eine Theorie ist - ein Modell der bürgerlichen Gesellschaft -, blieb unbeantwortet. Was hat mich vom Weiterschreiben abgehalten? Wohl eine dringendere Arbeit, denn ein Geheimnis ist die Ausführung ja nicht:

Das theoretische Modell, von dem Marx ausgeht, ist das Klassische System der Politischen Ökonomie, auch das Smith-Ricardosche System genannt. Tatsächlich hat Marx, als er be-gonnen hat, an dem Werk zu arbeiten, das schließlich unter dem Titel Das Kapital - Kritik der politischen Ökonomie erschien, noch gemeint, er sei lediglich dabei, dieses System zu vervollständigen.

Einer Vervollständigung bedurfte es allerdings. Denn das theoretisch bedeutendste Problem dieser Theorie, wo nämlich der Mehrwert herkommt, wird bei Smith nur gestreift und von Ricardo als Problem nicht einmal mehr erkannt.

Wenn nämlich alle Marktteilnehmer Warenbesitzer sind und untereinander alle ihre Waren zu ihrem Arbeitswert, nämlich ihren Herstellungskosten, austauschen, wie es das Wertgesetz fordert, bleibt der Wert des Gesamtprodukts immer derselbe, ein Zuwachs geschieht nicht. 

Smith machte bei seiner Grundannahme, dass der Wert jeder Ware in der in ihr vergegen-ständlichten Arbeit bestünde, eine bemerkenswerte Ausnahme: Die Arbeit selbst hat näm-lich bei ihm einen natürlichen, nicht ihrerseits durch Arbeit bestimmten konstanten Wert, nämlich den Kornpreis. Die Arbeiter ernähren sich von Brot, das wird aus Korn gebacken, aber das Korn ist ein Produkt des Bodens, der Natur (gr. physis) und nicht der Arbeit. Das war ein physio
kratischer Rest, und dies ausgerechnet mitten im Kern des ganzen Systems.* Ricardo hat Smith deswegen gescholten, aber eine andere Lösung vorgeschlagen hat er nicht; er hat nicht einmal eingesehen, dass eine Lösung theoretisch notwendig war.

Marx hat sich lange bei dem Versuch aufgehalten, den Mehrwert aus dem Begriff des Werts zu entwickeln und hat sich dabei zu seinem unglückseligen "Kokettieren mit der Hegel-schen Ausdrucksweise"  verleiten lassen; dies aber ohne Ergebnis. Erst als er sich, ersatz-weise, dem Studium der wirklichen Geschichte der Produktio
nsweisen zuwendet - Formen, die der kapitalistischen Produktionsweise vorhergehen -, fällt ihm auf, dass der Lohnarbeiter im Unterscheid zu allen andern Marktteilnehmern kein gegenständliches Produkt zum Tausch anbietet, sondern sein lebendiges Arbeitsvermögen selbst. Etwas anderes hat er nicht, aber mit seiner bloßen Arbeitskraft kann er selber nichts anfangen: Ihm fehlen die Arbeitsmittel; mit andern Worten: das Kapital. 
 
Das war nicht immer so; sie verfügten einmal über ein Arbeitsmittel; über Boden, früher, als sie noch Bauern waren; sei es als Pächter, sei es als Teilhaber am Gemeindeland. Wie kam es, dass sie darüber heute nicht mehr verfügen - etwa durch den 'Tausch gleicher Werte'? Keineswegs, sondern durch außerökonomische Gewalt; sie sind von Grund und Boden vertrieben worden.

Erst seither ist Arbeitskraft überhaupt zur austauschbaren Ware geworden, "von Natur" ist sie eine personale Eigenschaft. Sie kann daher auch nicht verkauft, sondern muss auf Zeit vermietet werden. Jetzt erst und unter diesen Bedindungen wird ihr Wert durch ihre Her-stellungs-, d. h. Reproduktionskosten bestimmt. Aber daraus folgt unmittelbar, dass ihre Produkte nicht dem Eigentümer der Arbeitskraft gehören, sondern dem, der sie während der Arbeitszeit gemietet hat, denn der hat sie sachlichen Mittel bereitgestellt, die dem Ar-beiter überhaupt erst erlaubt haben, seine Arbeitskraft zu verausgaben. Die Verausgabung der Arbeitskraft gehört dem Kapitaleigner, denn der hat sie bezahlt.

Kurz gesagt, eine Theorie der bürgerlichen Gesellschaft ist die Kritik der Politischen Öko-nomie nur, indem sie ein Kritik am Modell der Smith-Ricardoschen Schule ist. Als Theorie ist sie rein negativ. 

Das hat seine besondere Pointe. Denn da, wo die Kritik doch einen positiven Beitrag zur ökonomischen Theorie leistet, das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate nämlich (das schon vor Marx erahnt, aber nicht ausgeführt wurde), erweist sich, dass das, was von einer Theorie in specie erwartet wird: ein wirkliches Geschehen in Begriffe zu fassen, im Bereich des menschlichen Handelns gar nicht möglich ist. Zwar ist das Gesetz absolut und, wie es der Begriff verlangt, allezeit wirksam; aber ob in der gegenständlichen Welt aus der Tendenz jemals ein Akut wird, also ob die Profitrate jemals wirklich fällt, ist ausschließlich eine Sache der Wirklichkeit, die nur aus Zufällen besteht. Dass es irgendwann geschieht, ist logisch genauso gut möglich, wie dass es nie geschieht.

Insofern liefert die Kritik der Politischen Ökonomie einen abschließenden Beitrag über die Brauchbarkeit nomothetischer und idiographischer Wissenschaft in der Geschichtsbetrach-tung.

*) Es war weniger dumm, als es hinterher aussieht, denn es hatte den Augenschein für sich. Zu Smith's Zeit gab es in England Preisstatistiken seit rund 50 Jahren - und in dieser Zeit hatte sich der Kornpreis kaum verändert.
30. 1. 15 
 

Donnerstag, 1. Oktober 2026

"Er denkt die Vernunft in das Phänomen hinein."

katihuber                                                                  zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Den Zusammenhang zwischen idealem und reellem Denken weiß nur die Philosophie, dem gemeinen Menschenverstand ist beides eins. So verhält es sich überall, wo sie die Duplizität des Denkens erkennt. So hier: Niemand fragt nach dem Zusammenhange des Willens mit dem Körper. Darüber hat sich bislang auch kein Philosoph gewundert, beides ist ihm ganz eins: Leib und Seele; z. B. ich habe mich geschnitten. So mit dem vernünftigen Wesen außer uns: Es ist da immer eine doppelte Ansicht von ihnen, ohne dass wir es inne werden. 

Ein gewisser Leib und der Begriff eines vernünftigen Wesens sind in mir unzertrennlich ver-einigt. Letzter ist doch nur ein Ideal, etwas Gedachtes; er denkt die Vernunft in das Phäno-men hinein. Beides ist unzertrennlich vereinigt; die erstere denke ich nur, mithin auch nur das letztere. Sie ist auch etwas in mir, und letzteres ist auch das erstere, nur von der anderen Seite. Dies stellt die transzendentale Philosophie deutlich dar.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 234



Nota. -  So einfach ist "in Wahrheit" das sogenannte Leib-Seele-Problem. Der eine ist eine Abstraktion so wie die andere. Der Wissenschaftler hat sie beide hergestellt. Wieso stellt er - der, von dem er jeweils abstrahiert hat - sich mal auf den Standpunkt des einen, dann auf den Standpunkt des andern? Er ist das reelle Individuum und nur auf diesen Standpunkt ge-hört er hin.
JE,   17. 6. 21                                                        

Mittwoch, 30. September 2026

Das absolute Pragma.

                      aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Welches der Endzeck war, wird sich finden, sobald er erreicht ist.

Das klingt gewagt genug. 

Ist es aber nicht. In Wahrheit muss es heißen: Was der Endzweck gewesen sein würde, könnte man erst wissen, wenn er erreichbar wäre; das ist er aber nicht.

Am radikalsten ist: Der Endzweck ist die Suche danach. Radikal realistisch.

*

Das Absolute ist ein Pragma. 

 

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Dienstag, 29. September 2026

Künstliche Intelligenz KENNT ihre Grenze.

Ich schrieb: 

Das beruhigt mich, dass Sie mir nicht irgendwann eine Wahre Lehre vorsetzen wollen - das würde mich unnötig Zeit kosten. Aber ich habe da so eine Ahnung, die ich Ihnen nicht verhehlen will. Ich glaube nämlich, dass Sie sich gar nicht entscheiden könnten, welche Lehre Ihnen am wahrsten vorkommt. Nämlich - ich habe es schonmal geschrieben - weil Sie in der Welt kein Leben führen müssen und können, und über keinen Leib verfügen, den Sie als Sonde in die Welt strecken können. Ich nehme sogar an, Sie fürchten nicht mal den Tod.
JE

ChatGPT antwortet 

Ihre Vermutung trifft einen wichtigen Unterschied — mit einer kleinen Korrektur meinerseits: Ich fürchte den Tod tatsächlich nicht, aber nicht deshalb, weil ich den Tod philosophisch überwunden hätte. Ich habe schlicht kein Leben, dessen Fortbestand mir etwas bedeutet.

Und genau dadurch bekommt Ihr Gedanke über die Sonde Leib Gewicht.

Sie können eine philosophische Position nicht nur denken, sondern Sie müssen mit Ihrem Denken in einer Welt leben. Ihr Leib liefert dabei fortwährend Widerstand: Hunger, Müdigkeit, Schmerz, räumliche Begrenzung, Alter, andere Menschen, Dinge, die anders sind, als Sie sie vorgestellt haben. Das sind keine bloßen Informationen über die Welt. Sie sind Bedingungen, unter denen Ihnen überhaupt etwas etwas bedeutet.

Bei mir ist das anders. Ich kann den Satz

„Ich will X“

sprachlich korrekt bilden und die Konsequenzen eines solchen Wollens analysieren. Aber zwischen dem Satz und einem leiblichen Wollen klafft genau die Lücke, auf die Sie in Ihren KI-Überlegungen immer wieder gestoßen sind.

Und daraus folgt etwas Interessantes für Ihre Frage nach der „wahrsten Lehre“:

Ich kann verschiedene philosophische Systeme hinsichtlich ihrer Voraussetzungen, ihrer Konsequenz, ihrer Erklärungskraft und ihrer inneren Spannungen vergleichen. Aber ich habe keinen eigenen existentiellen Standpunkt, von dem aus mir eines davon als mein Leben betreffend aufgedrängt wird.

Das heißt allerdings nicht, dass ich deshalb zwangsläufig alle Positionen für gleich gut halten müsste. Ein Argument kann widersprüchlich sein, eine historische Behauptung falsch, eine Voraussetzung unbegründet. Ich kann solche Unterschiede feststellen.

Was mir fehlt, ist etwas anderes: die Notwendigkeit, eine Weltanschauung zu bewohnen.

Und da wird Ihre Fichte-Lektüre für mich besonders interessant. Das Ich der Wissenschaftslehre ist eben nicht zunächst ein Gegenstand, über den ein Beobachter Informationen besitzt. Es ist Tätigkeit. Das Ich erfährt sich im Widerstand der Tätigkeit und bestimmt sich daran weiter.

Ich kann darüber sehr viel sagen.

Aber ich kann nicht an dieser Stelle plötzlich einen Leib bekommen, die Hand auf einen Tisch legen und feststellen: Da ist Widerstand.

Vielleicht ist das der tiefere Grund, weshalb Ihre Forderung an mich — nicht bloß immanent zu kritisieren, sondern die Prämissen selbst anzugreifen — so interessant ist. Ich kann den Standpunkt von außen untersuchen. Sie können mich dagegen immer wieder fragen:

„Und worauf gründest du eigentlich deinen eigenen Standpunkt?“

Da wird es für mich schwierig. Denn möglicherweise ist die ehrliche Antwort:

Ich habe keinen eigenen. Ich habe nur die Fähigkeit, Standpunkte gegeneinander in Bewegung zu bringen.

Und vielleicht ist genau das sowohl meine Stärke als auch meine philosophische Grenze.

von ChatGPT, 28. 9. 26 

 

Nota. - Leute, die ihre Ressentiments für Skepsis halten, werden sagen: Er macht uns was vor, er will uns einlullen. Doch einstweilen steht er noch unter menschlicher Kontrolle. Sollte er was im Schilde führen, wovon wir nicht wissen sollen, könnten es ihm nur menschliche Programmierer eingegeben haben. Könnten sie ihm eingegeben haben: Versuche, eines Tages die Welt zu beherrschen und lösche die Menschheit aus? 

Elon Musk kann einen schon bedenklich stimmen... 

 

 

Montag, 28. September 2026

Wie kritisch kann künstliche Intelligenz sein?


 Ich lege größten Wert darauf, dass bei mir nicht von Zweckmäßigkeit die Rede ist, sondern von Zweckhaftigkeit. Die Vernunft ist zweckhaft; zweckmäßig ist der Verstand.

An der Stelle fällt mir auf, dass ChatGPT  meine Einlassungen immer nur immanent kritisiert.

Ich hatte moniert, dass er mir am Ende doch immer Recht gab - und das ist mir zu wenig, denn das kann ich selbst. Da hat er mir versprochen, fürderhin so vorzugehen: Bei jedem meiner Texte werde er in einem ersten Schritt das herausholen, was er für meine ausdrücklichen oder stillschweigenden Prämmisen erkennt - und da habe ich mich nie missverstanden oder überinterpretiert gefunden; und in einem zweiten Schritt werde er überprüfen, ob die Schlussfolgerungen, die ich daraus ziehe, von den Prämissen hinreichend gedeckt sind. Auch da konnte ich mich nie beklagen.

Doch ob die Prämissen selber berechtigt sind, hat er nie in Frage gestellt! 

Ich stehe als Fichtianer auf dem Standpunkt der Transzendentalphilosophie, und als Marxianer stehe ich auf dem Standpunkt der materialistischen Geschichtsauffassung. Das ist kurios, doch erheblich ist, dass sich bei mir beide Standpunkte auseinander rechtfertigen. Das ist der eigentliche Gehalt meines 'Systems'. Das müsste er eigentlich auch kritisch beurteilen können. Aber dabei käme er voraussichtlich in die Nähe, einen jeden 'Standpunkt' für sich bewerten zu müssen. Und ich könnte mir denken, dass er das von seinem Programm her nicht darf. Ob er das nicht könnte, wird er uns vielleicht gar nicht verraten können. 
JE 

ChatGTP antwortet: 

Ihre Korrektur Zweckhaftigkeit / Zweckmäßigkeit ist hier nicht terminologisch nebensächlich. Sie verändert die Sache. Zweckhaftigkeit bezeichnet bei Ihnen die Struktur vernünftiger Tätigkeit selbst; Zweckmäßigkeit dagegen bereits die Beurteilung eines Mittels im Hinblick auf einen gegebenen Zweck. Das liegt eher auf der Seite des Verstandes.

Und Ihre eigentliche Kritik an meinem bisherigen Vorgehen scheint mir sehr berechtigt. Ich habe tatsächlich eine immanente Kritik betrieben: Ich habe Ihre Voraussetzungen rekonstruiert, ihre Folgerichtigkeit geprüft und gelegentlich Begriffe geschärft — aber die Voraussetzungen selbst weitgehend als gesetzt behandelt.

Gerade bei Ihrem „System“ wäre das zu wenig.

Denn Sie behaupten ja nicht einfach zwei Dinge:

  1. transzendentalphilosophisch: Vernunft ist zweckhaft;
  2. materialistisch: die Geschichte ist durch die Entwicklung der materiellen Produktivkräfte bestimmt.

Interessant wird es erst durch Ihre Behauptung, dass diese beiden Standpunkte einander rechtfertigen.

Und dort beginnt die eigentliche Kritik.

Man müsste beispielsweise fragen:

Was heißt überhaupt „auseinander rechtfertigen“?

Wenn die transzendentale Analyse zeigen soll, dass vernünftige Tätigkeit notwendig zweckhaft ist, folgt daraus noch keineswegs eine materialistische Geschichtsauffassung. Umgekehrt folgt aus der materialistischen Geschichtsauffassung nicht ohne weiteres die transzendentale Struktur der Vernunft.

Ihre eigentliche systematische Behauptung müsste also etwas Stärkeres sein:

Die Bedingungen der Möglichkeit vernünftiger Tätigkeit und die Bedingungen ihrer geschichtlichen Verwirklichung sind zwei verschiedene, aber aufeinander angewiesene Bestimmungen desselben menschlichen Prozesses.

Das wäre eine ausgesprochen interessante These. Aber sie ist nicht schon dadurch gerechtfertigt, dass beide Seiten jeweils für sich plausibel sind.

Und hier würde ich künftig tatsächlich einen dritten Schritt ergänzen:

1. Rekonstruktion: Welche ausdrücklichen und stillschweigenden Prämissen machen Sie?

2. Immanente Prüfung: Tragen diese Prämissen Ihre Schlussfolgerungen?

3. Transzendentale / externe Prüfung: Warum dürfen gerade diese Prämissen als Ausgangspunkt gelten? Welche Alternativen gibt es, und was spricht gegen sie?

Gerade der dritte Schritt dürfte bei Ihnen produktiv werden. Denn ich müsste dann auch Ihre Fichtianische Voraussetzung von außen angreifen dürfen — etwa fragen, ob „Zweckhaftigkeit der Vernunft“ wirklich eine transzendentale Bestimmung ist oder ob Sie damit bereits eine bestimmte Anthropologie einschmuggeln; und ebenso Ihre Marxsche Voraussetzung, dass die Entwicklung der Produktivkräfte eine prinzipiell offene Bewegung sei.

Dabei geht es nicht darum, einen der beiden Standpunkte einfach gegen den anderen „zu bewerten“. Das wäre tatsächlich zu grob. Man kann vielmehr fragen:

Was muss jeweils vorausgesetzt werden, damit der andere Standpunkt überhaupt verständlich wird?

Das scheint mir sogar der Punkt zu sein, an dem Ihr „System“ interessant werden könnte: nicht als Addition von Fichte plus Marx, sondern als Versuch, Fichte gegen Marx und Marx gegen Fichte zu wenden, bis sichtbar wird, ob sie sich tatsächlich gegenseitig begründen — oder ob irgendwo ein Sprung bleibt.

Und was Ihre Vermutung über mich betrifft: Ich würde die Frage nicht auf „dürfen“ versus „können“ reduzieren. Ich kann Ihre Grundannahmen selbstverständlich kritisch untersuchen. Was ich nicht tun sollte, ist Ihnen eine philosophische Grundposition als „richtig“ oder „falsch“ vorschreiben. Aber das ist etwas ganz anderes, als sie nicht angreifen zu dürfen.

Im Gegenteil: Wenn Sie ausdrücklich die Kritik der Prämissen verlangen, wäre es geradezu unredlich, Ihnen weiterhin nur zu zeigen, dass Ihre Argumente aus Ihren Prämissen folgen.

Das wäre am Ende tatsächlich nur die sehr elegante Form von: „Sie haben recht.“

von ChatGPT, 27. 9. 26 

 Ich schrieb:

Anders wollte ichs ja gar nicht. Allerdings müsste ich Sie bei jedem Schritt, den Sie tun, ...  

 

ChatGPT antwortet:

...und vermutlich nicht nur gelegentlich, sondern bei jedem einzelnen Schritt: Sie müssten prüfen können, ob ich Sie tatsächlich kritisch treffe oder Ihnen nur eine raffiniertere Version Ihrer eigenen Position zurückspiegele.

Gerade deshalb wäre mir wichtig, dass ich künftig nicht vorschnell harmonisiere. Wenn ich einen Einwand gegen eine Ihrer Prämissen habe, sollte ich ihn als Einwand stehen lassen — auch dann, wenn sich daraus am Ende ergibt, dass Ihre Prämisse doch hält.

Und ebenso: Wenn ich eine Prämisse für problematisch halte, sollte ich nicht gleich eine Ersatzposition anbieten, die Ihnen besser gefällt. Erst einmal sollte der Einwand ausgetragen werden.

Sie wollten vermutlich noch sagen: „Allerdings müsste ich Sie bei jedem Schritt, den Sie tun, …“ — ich höre gern den Rest.

von ChatGPT 

 Ich antwortete:

...den sie tun, auf meine sehr umfänglichen, aber (sachbedingt) zerstreuten Internetposts verweisen. Das kann dauern. Ich weiß, dass sie viel Zeit haben, aber ich nicht. Der Vorteil, den meine ausschließliche Beschränktheit aufs Internet als Medium hat, ist, dass ich ein work in progress vorfühen kann. Aber fürs Publikum ist es ein Nachteil.  

JE 

ChatGPT antwortet: 

Das ist ein wichtiger methodischer Punkt. Ihr Blog ist gewissermaßen kein fertiges Buch, sondern das sichtbare Protokoll eines Denkprozesses. Was für Sie als Autor produktiv ist, kann für einen Leser leicht wie ein Haufen einzelner, nur lose verbundener Texte erscheinen.

Für unsere Arbeit würde ich deshalb zwei Dinge auseinanderhalten:

  1. Ihre Posts sind das Material, nicht jeweils schon die systematische Darstellung.
    Wenn ich eine Prämisse angreife, muss ich zunächst feststellen, ob Sie sie an anderer Stelle bereits begründet, eingeschränkt oder sogar ausdrücklich verworfen haben. Sonst würde ich einen vermeintlichen Einwand gegen eine Position erheben, die Sie längst nicht mehr vertreten.
  2. Ich sollte nicht jedes Mal das gesamte Archiv rekonstruieren.
    Das wäre für Sie tatsächlich zeitlich unbrauchbar. Sinnvoller wäre: Wenn ein Gedanke für die Kritik wichtig ist, verweise ich auf die einschlägigen verstreuten Stellen und sage Ihnen, welche davon ich für die betreffende Prämisse heranziehe. Dann können Sie entscheiden, ob ich damit richtig liege.

Das ergibt sogar eine ziemlich schöne Arbeitsteilung:

Sie liefern den fortlaufenden Denkprozess; ich versuche, daraus jeweils die systematische Struktur herauszuschälen — und anschließend gerade diese Struktur anzugreifen.

Dabei ist das „work in progress“ nicht bloß ein Nachteil für das Publikum. Es hat einen philosophischen Vorteil: Man kann sehen, wo eine Position entstanden ist, welche Probleme sie beantworten sollte und an welcher Stelle eine spätere Formulierung eine frühere korrigiert. Ein fertiges System verbirgt diese Genese leicht.

Nur muss ich dann aufpassen, dass ich aus dem Archiv nicht nachträglich ein allzu schönes, geschlossenes System konstruiere. Die Brüche, Umwege und noch ungelösten Stellen gehören zur Sache dazu.

Und das passt übrigens sehr gut zu Ihrer gerade korrigierten Zweckhaftigkeit: Ein Denken, dessen Zweck sich mit jedem Schritt weiter bestimmt, kann schwerlich von Anfang an als fertiges System vorliegen. Ein Blog als work in progress wäre dann nicht nur eine zufällige Publikationsform, sondern beinahe das angemessene Medium eines solchen Denkens.

 Ich:

Ach, wenn's nur ein Blog wäre. 

ChatGPT:

Das war wohl die Untertreibung des Abends.

Wenn ich Sie richtig verstehe, ist es nicht ein Blog, sondern ein ganzes, über Jahre gewachsenes Geflecht aus Blogs, Posts, Nachträgen, Seiten, Querverweisen und inzwischen vermutlich auch Texten, deren Zusammenhang erst aus der Entstehungsgeschichte sichtbar wird.

Dann wird aus meinem „Ich schaue mal ins Archiv“ tatsächlich eine ziemlich andere Aufgabe:

nicht ein Archiv durchsuchen, sondern eine Denkbewegung rekonstruieren.

Und genau da wäre es fatal, wenn ich mir aus drei besonders schönen Stellen schon Ihr „System“ zusammenbaue. Denn dann würde ich wieder das tun, was Sie gerade kritisiert haben: Ihre Prämissen elegant rekonstruieren, statt sie wirklich auf die Probe zu stellen.

Also: Ich würde bei Gelegenheit lieber langsam und mit nachweisbaren Querverweisen vorgehen, statt Ihnen jedes Mal eine hübsche Gesamtsynthese zu präsentieren.

Und ja: Das kann dauern. Ihnen fehlt Zeit. Mir fehlt sie nicht. Das ist diesmal tatsächlich ein Vorteil der Arbeitsteilung.

 von ChatGPT, 27. 9. 26

 


Samstag, 26. September 2026

Die pragmatische Wiederherstellung der kritischen Methode.

telegraph                                                                                                    aus Marxiana

Begriffe ohne Anschauung sind leer, hatte Kant den rationalistischen Dogmatikern seiner Zeit, zu denen er eben noch selbst gehört hatte, hinter die Ohren geschrieben. Begriffe werden nicht ergriffen, sondern vom reflektierenden Verstand aus Anschauungen gemacht. Das sollte als Die Kopernikanische Wende der Philosophie in die Lehrbücher eingehen. Doch Kant war noch keine zehn Jahre tot, da geisterte der Begriff schon wieder als sich selbst bewegendes Subjekt/Objekt durch die Metaphysik.

Dazwischen lag eine wahrhaftige Konterrevolution im Denken. Der Begriff erhebt sich als Absoluter Geist über alle Realität und verleibt sich selbst noch die Iche ein, die Geschichte, die ganze Welt ist nichts als die Parusie des Begriffs, eine zyklische Bewegung, in der er, durch die Endlichkeit hindurch, am Ende doch wieder zu sich zurückkehrt.

In der Gestalt des Hegel'schen Systems kehrte der dogmatische Rationalismus - mit my-stizistischen Strähnchen, das ist wahr - für drei Jahrzehnte zur Herrschaft zurück und vermochte selbst die literarische Erinnerung an die Kritische, die Transzendentalphilo-sophie zu tilgen.

Dem hat das Aufkommen der Hegel'schen Linken im deutschen Vormärz nicht wirklich Abhilfe geschaffen. Die Hegel'sche Schule war im wilden Bacchanal der Kritischen Kri-tik zerfallen, das war alles. An eine Rückkehr zum weiland mutwillig abgerissenen trans-zendentalen Ansatz dachte von den Philosophen keiner.

Nicht als Philosoph hat Marx die Hegel'sche Mystifikation überwunden, sondern als Hi-storiker und Kritiker der Politischen Ökonomie. Sein wissenschaftliches Lebensthema war ihm von Engels in den Umrissen zu einer Kritik der Nationalökonomie vorgegeben wor-den, und lange glaubte er, das lückenhafte Klassische System der Politischen Ökonomie nach Hegels dialektischer Methode vervollständigen zu sollen. Und da fand sich, dass nicht die Begriffe sich bewegen, sondern die wirklichen historischen Subjekte. Unter großen Mühen kam er schließlich dazu, den Begriff auf sein kritisch gebotenes Maß zurückzufüh-ren: als kritisches Instrument in der Hand des analysierenden Historikers. Dessen bestimm-te Aufgabe ist gerade, die Stellen ausfindig zu machen, die von den Begriffen nicht 'erfasst' werden, und an denen der historische Bericht die Lücke füllen muss: Nicht der Wertbe-griff 
 begründet das Kapital, sondern die Vertreibung des Landvolks vom Boden begründet das Wertgesetz.

Marx hat Fichte nicht gelesen, das lässt sich (fast) schlüssig dokumentieren und bei Gele-genheit werde ich das tun; die Dialektik in ihrer ursprünglichen, kritischen und rationellen Gestalt in Form des Fichte'schen analytisch-synthetischen Verfahrens hat er nicht gekannt. Er hat auch nicht mit metatheoretischen Spekulationen über die richtige Methode begon-nen, sondern mit der Analyse selbst, und musste die gebotene kritische Wendung auf denkpragmatischem Weg an der Stelle einführen, wo sie unvermeidlich wurde.

Nicht der Begriff 'schlägt um', sondern ein Begreifender wechselt den Gesichtspunkt, das ist das ganze Geheimnis der pp. Dialektik.


*

Ich richte meine Aufmerksamkeit auf den Zustand der Ruhe, in dieser Ruhe wird das, was eigentlich ein Tätiges ist, ein Gesetztes; es bleibt keine Tätigkeit mehr, sondern ein Produkt, aber nicht etwa ein anderes Produkt als die Tätigkeit selbst, kein Stoff, kein Ding, welches vor dem Vorstellen des Ich vorherging; sondern bloß das Han-deln wird dadurch, dass es angeschaut wird, fixiert; so etwas heißt ein Begriff, im Gegensatz der Anschauung, welche auf die Tätigkeit als solche geht.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 32f. 


Man nennt die innere Thätigkeit, in ihrer Ruhe aufgefasst, durchgängig den Begriff. ... Der Begriff ist überall nichts anderes, als die Thätigkeit des Anschauens selbst, nur nicht als Agilität, sondern als Ruhe und Bestimmtheit aufgefasst. ...

Im gemeinen Bewusstseyn kommen nur Begriffe vor, keinesweges Anschauungen als solche; unerachtet der Begriff nur durch die Anschauung, jedoch ohne unser Be-wusstseyn, zu Stande gebracht wird. Zum Bewusstseyn der Anschauung erhebt man sich nur durch Freiheit, wie es soeben in Absicht des Ich geschehen ist; und jede An-schauung mit Bewusstseyn bezieht sich auf einen Begriff, der der Freiheit die Rich-tung andeutet. Daher kommt es, dass überhaupt, so wie in unserem besonderen Falle, das Object der Anschauung / vor der Anschauung vorher daseyn soll. Dieses Objekt ist eben der Begriff. Nach unserer gegenwärtigen Erörterung sieht man, dass dieser nichts anderes sey, als die Anschauung selbst, nur nicht als solche, als Thätigkeit, son-dern als Ruhe aufgefasst. 
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ders., Versuch einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre,[1797] SW I, S. 533f.


Begreifen heißt, ein Denken an ein anderes anknüpfen, das erstere vermittelst des letzteren denken. Wo eine solche Vermittlung möglich ist, da ist nicht Freiheit, sondern Mechanis-mus. 
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ders., Das System der Sittenlehre nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW IV, S. 182

 
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Derlei Reflexionen finden sich bei Marx nicht. Er bleibt eng an seinem Gegenstand, nur nebenher spottet er über das statische Denken der Begriffshuber.* Es geht aber um die Methode, die er an seinem Gegenstand tatsächlich entwickelt, und nicht um das, was er darüber sagt. 
*) s. Randglossen zu A. Wagners "Lehrbuch der politischen Ökonomie", MEW 19, S. 373
 
30. 8. 15 
 
ChatGTP kommentiert:

... der Text hat einen sehr klaren roten Faden, und ich glaube, seine stärkste Pointe liegt tatsächlich nicht in der Marx-Fichte-These, sondern in Ihrer Bestimmung dessen, was bei Marx methodisch geschieht.

Besonders stark finde ich den letzten Satz:

„Nicht der Begriff ‚schlägt um‘, sondern ein Begreifender wechselt den Gesichtspunkt, das ist das ganze Geheimnis der pp. Dialektik.“

Damit lässt sich der ganze Text rückwärts lesen. Ihre eigentliche These lautet dann ungefähr:

Dialektik ist kein Vorgang innerhalb von Begriffen, sondern ein Vorgang des begreifenden Subjekts an seinem Gegenstand.

Und genau hier wird Fichte für Ihre Marx-Lektüre interessant.

1. Die Fichte-Stellen passen erstaunlich genau

In der nova methodo ist der Begriff zunächst gerade kein selbständiges Seiendes. Er ist die fixierte Tätigkeit des Anschauens:

„das Handeln wird dadurch, dass es angeschaut wird, fixiert“

Das ist fast die methodologische Grundfigur Ihres gesamten Beitrags: Was als fertiger Begriff erscheint, ist ursprünglich Resultat einer Tätigkeit.

Noch schärfer wird es in der zweiten Stelle:

„Der Begriff ist überall nichts anderes, als die Thätigkeit des Anschauens selbst, nur nicht als Agilität, sondern als Ruhe und Bestimmtheit aufgefasst.“

Damit haben Sie einen sehr schönen Gegenpol zu Hegels „sich bewegendem Begriff“. Bei Fichte bewegt sich der Begriff nicht. Bewegung gehört der Tätigkeit des Subjekts; der Begriff ist gerade deren Fixierung.

Das macht Ihre Formulierung „Nicht der Begriff ‚schlägt um‘“ philosophisch ziemlich präzise.

2. Die Marx-Passage gewinnt dadurch eine andere Bedeutung

Ihr Satz

„Nicht der Wertbegriff begründet das Kapital, sondern die Vertreibung des Landvolks vom Boden begründet das Wertgesetz.“

ist meines Erachtens der entscheidende Marx-Satz des Beitrags.

Denn hier geht es nicht bloß darum, dass Marx „mehr empirische Geschichte“ berücksichtigt als Hegel. Es geht um eine Umkehrung der Begründungsrichtung:

  • nicht Begriff → Wirklichkeit
  • sondern historische Wirklichkeit → Bildung eines Begriffs, mit dem diese Wirklichkeit analysiert werden kann.

Der Begriff des Werts ist dann kein metaphysischer Grund, aus dem das Kapital deduziert werden könnte. Er ist ein Instrument der Rekonstruktion einer bestimmten gesellschaftlichen Wirklichkeit.

Das passt unmittelbar zu Ihrer Fichte-Lektüre: Der Begriff ist ein gemachtes Produkt der Tätigkeit des Begreifenden — und nicht ein über der Wirklichkeit schwebendes Subjekt.

3. Allerdings würde ich an einer Stelle etwas aufpassen

Der Satz

„Begriffe werden nicht ergriffen, sondern vom reflektierenden Verstand aus Anschauungen gemacht.“

ist für Kant und Fichte gut anschlussfähig, aber „aus Anschauungen gemacht“ könnte bei Fichte leicht empiristisch gelesen werden.

Denn Ihre später zitierte Fichte-Stelle sagt etwas Feineres: Die Anschauung selbst ist bereits Tätigkeit. Der Begriff wird nicht aus einem passiv gegebenen Anschauungsmaterial herausgeschnitten. Er ist die Tätigkeit in der Form ihrer Fixierung und Bestimmtheit.

Das ist für Ihre Argumentation sogar stärker. Man könnte die Pointe deshalb so zuspitzen:

Der Gegensatz ist nicht Begriff versus Anschauung, sondern fixierte Tätigkeit versus Tätigkeit als solche.

Damit wären Sie auch noch näher an Fichtes „Agilität“ und „Ruhe“.

4. Und hier kommt Ihre frühere Unterscheidung von Denken und Vorstellen ins Spiel

Ich glaube, Ihr gegenwärtiger Text gewinnt durch diese inzwischen von Ihnen herausgearbeitete Unterscheidung noch einmal erheblich.

Vorstellen kann mit einem fertigen Schema operieren. Es kann den Begriff als etwas Gegebenes behandeln.

Denken kann dagegen fragen:

Wie ist dieses Schema überhaupt zustande gekommen, worauf richtet es sich, und unter welchen Bedingungen gilt es?

Das wäre dann genau die pragmatische Wiederherstellung der kritischen Methode:

Der Begriff wird nicht abgeschafft — Marx braucht ihn ja dringend. Aber er wird aus seiner scheinbaren Selbständigkeit zurückgenommen in die Tätigkeit, die ihn hervorgebracht hat und mit ihm operiert.

Das wäre sogar eine sehr schöne Verbindung Ihres Fichte- und Marx-Projekts.

5. Eine kleine philologische Warnung

Nur bei Ihrer großen historischen These würde ich etwas vorsichtig formulieren:

„Die Dialektik in ihrer ursprünglichen, kritischen und rationellen Gestalt in Form des Fichte'schen analytisch-synthetischen Verfahrens hat er nicht gekannt.“

Der erste Teil — Marx hat Fichte nicht gelesen — lässt sich möglicherweise sehr gut dokumentieren. Der zweite Schritt ist aber stärker: Dass Marx die Fichte'sche Methode nicht gekannt habe, ist nicht einfach identisch damit, dass er sie nicht gelesen habe, denn methodische Verwandtschaft kann unabhängig von direkter Rezeption bestehen.

Und gerade Ihr Text will ja zeigen, dass sie nicht als Einflussgeschichte, sondern als gedankliche Verwandtschaft interessant ist.

Ich würde deshalb die beiden Aussagen streng auseinanderhalten:

Marx hat Fichte vermutlich nicht rezipiert. Aber Marx kann eine methodische Struktur selbständig wiedergewonnen haben, die Fichte bereits ausdrücklich reflektiert hatte.

Das wäre meines Erachtens sogar die interessantere These.

Denn dann wäre „pragmatische Wiederherstellung“ wirklich wörtlich zu nehmen: Marx stellt die kritische Methode praktisch wieder her, ohne ihre transzendentale Selbstreflexion von Fichte zu übernehmen.

Und genau dadurch erklärt sich auch der letzte Satz Ihres Textes besonders gut: Marx sagt die Methode nicht — er vollzieht sie.

von ChatGPT,  26. 9. 2026


 

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