Montag, 6. April 2026

Ihr Hauptnutzen ist negativ und kritisch.

Rembrandt, Anatomie des Dr. Tulp

Was soll denn nun eine Philosophie, und wozu bedarf es der spitzfindigen Zurüstung der-selben, wenn sie gesteht, dass sie für das Leben nichts andres sagen, zu demselben [sich] nicht einmal als Instrument bilden kann; daß sie nur Wissenschaftslehre, keineswegs Weis-heitsschule ist?

Ich erinnere auch hier an die oft gegebene Antwort. Ihr Hauptnutzen ist negativ und kri-tisch. Es mangelt in dem, was nun gewöhnlich für Lebensweisheit gehalten wird, nicht daran, daß sie zu wenig, sondern daran, daß sie zu viel enthält.
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 122]

 

 


Sonntag, 5. April 2026

Als Regulativ, als pädagogische Regel.

   

Eigentliche Philosopheme einer Transzendentalphilosophie sind an sich tot und haben gar keinen Einfluß in das Leben, weder guten noch bösen; ebenso wenig als ein Gemälde gehen kann. Auch ist es ganz gegen den Zweck dieser Philosophie, sich den Menschen als Men-schen mitzuteilen. Der Gelehrte als Erzieher und Führer des Volks, besonders der Volksleh-rer, soll sie allerdings besitzen, als Regulativ, als pädagogische Regel, und nur in ihm werden sie insofern praktisch; nicht aber sie ihnen selbst mitteilen, welche sie gar nicht verstehen noch beurteilen können. (Man sehe meine Sittenlehre.) Aber daß er sie treu und mit Eifer anwende, wird dieser gute Wille schon vorausgesetzt, aber nicht etwa durch sie hervorge-bracht: ebenso wie bei dem Philosophen von Profession Unparteilichkeit, Wahrheitsliebe [und] Fleiß schon vorausgesetzt, nicht aber durch sein Philosophieren erst erzeugt wird. 
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J. G. Fichte,  Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 134]

 

Samstag, 4. April 2026

Gewiss.

Lupo  / pixelio.de                                             zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Zuförderst über den Doppelsinn des Wortes Gefühl, der auch Herrn E. an meiner Meinung irrig gemacht. Das Gefühl ist entweder sinnlich und das des Bittern, Roten, Harten, Kalten usw., oder intellektuell. Herr E. und mit ihm alle Philosophen seiner Schule scheint die letz-tere Art gänzlich zu ignorieren, nicht zu beachten, daß auch eine solche Gattung angenom-men werden müsse, um das Bewußtsein begreiflich zu machen.

Ich habe es hier mit dem ersten nicht zu tun, sondern mit dem letztern. Es ist das unmittel-bare Gefühl der Gewißheit und Notwendigkeit eines Denkens. – Wahrheit ist Gewißheit: und woher glauben die Philosophen der entgegengesetzten Schule zu wissen, was gewiß ist? Etwa durch die theoretische Einsicht, daß ihr Denken mit den logischen Gesetzen überein-stimmt? Aber woher wissen sie denn, daß sie sich in diesem Urteile über die Übereinstim-mung nicht wieder irren? Etwa wieder durch theoretische Einsicht? Aber wie denn hier? – Kurz, da werden sie ins Unendliche getrieben, und ein Wissen ist schlechthin unmöglich. – Überdies, ist denn Gewißheit ein Objektives, oder ist es ein subjektiver Zustand? Und wie kann ich einen solchen wahrnehmen, außer durch das Gefühl?

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J. G. Fichte,  Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 146]

 

Nota. - Nichts ist wirklich, was nicht auf Wahrnehmung gründet. Wahrnehmen ist fühlen. Heißt das, intellektuelle Gewissheit sei von demselben Stoff wie sinnliches Fühlen; oder lediglich ein systematisch verbürgtes Analogon? 

Im System wäre diese Stelle zu besetzen, doch ob es dem sinnlichen Fühlen assimiliert werden kann, ist unerheblich. Wenn ja, wäre es ein Erweis a posteriori. Wenn aber das System als Ganzes begründet ist, wäre es ein Erweis a priori; ein Erweis vom Ganzen her deduziert, nicht aus Mannigfaltigem konstruiert.
JE  

 

Freitag, 3. April 2026

Übereinstimmung ist der Zweck der Vernunft.

 picture alliance, Stockfoto              zu Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik.         
     
Religion zwar ist Angelegenheit aller Menschen, und jeder redet da mit Recht hinein und streitet: dies ist Bestimmung des Menschen und Anlage, um allmählich Übereinstimmung, den großen Zweck der Vernunft, hervorzubringen.
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 136]



Nota. - Mit andern Worten - Vernunft ist immer da an ihrem Platz, wo Übereinstimmung angebracht ist. Alles andere liegt nicht in ihrem Zweck.
JE, 22. 12. 13
 
 
 

Donnerstag, 2. April 2026

Der Zweck der Kritik.

                                zu Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik.                  

Da werden sie sagen: dies lehrt ja der gesunde Menschenverstand schon. – Sie haben ganz recht. Das soll er auch. Es ist ja gar nicht die Frage, durch unsre Philosophie etwas neues hervorzubringen: den menschlichen Geist zu erweitern; wir wollen ihn ja nur befreien.
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen. [S. 184]

 

Nota. - Befreien wovon?
Von den ewigen Versuchungen der Dogmatik.
JE 

 

 

 

Mittwoch, 1. April 2026

Nichts ist reell, das nicht auf Wahrnehmung gründet.

Stebchen, pixelio.de           zu Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik.                                     

Ich habe bisher im Gegenteile geglaubt, daß Schwärmerei, Wahnsinn, Raserei darin bestehe, daß man seine Erdichtungen für wirkliche Gegenstände hält, und der gesunde Verstand darin, daß man nichts für wirklich hält, das sich nicht auf eine innere oder äußere Wahrnehmung gründet. ... 

Diesem System ist das unsrige darin gerade entgegengesetzt, daß es die Möglichkeit, ein für das Leben und die Wissenschaft gültiges Objekt durch das bloße Denken hervorzubringen, gänzlich ableugnet und nichts für reell gelten läßt, das sich nicht auf innere oder äußere Wahrnehmung gründet. In dieser Rücksicht, inwiefern die Metaphysik das System reeller, durch das bloße Denken hervorgebrachter Erkenntnisse sein soll, leugnet z. B. Kant, und ich mit ihm, die Möglichkeit der Metaphysik gänzlich. Er rühmt sich, dieselbe mit der Wur-zel ausgerottet zu haben, und es wird, da noch kein verständiges und verständliches Wort vorgebracht worden, um dieselbe zu retten, dabei ohne Zweifel auf ewige Zeiten sein Be-wenden haben.
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 113f.]

 
 
Nota. - Wie kann er das sagen? Wahrnehmungen können trügen. 
 
Er hätte sagen können: Unser Wahnehmungsapparat hat sich über Jahrhunderttausende ausgbildet, um un fürs Überleben in der Welt ausurüsten. Sie können trügen, und um den Irrtum auszuschließen, brauchen wir mehr als Wahrnehmung, nämlich Reflexion. Auch die kann irren, und um das auszuschließen, brauchen wir - die Wahrnehmung unserer Tätigkeit, vulgo Erfahrung. Auch dabei können wir irren, und unsere Irrtümer kann immer wieder die folgende Generation korrigieren, die... sie überlebt hat. Unsere Generation hat sie alle überlebt; 
aber sie kann selber welche begehen.
 
Auch über Dinge, die wir nicht wahrgenommen haben, können wir reflektieren. Aber mehr nicht: Wir können sie durch Handeln weder bestätigen noch falsifizieren, und brauchen daher nicht zu reflektieren. Doch auf die Dinge, die wir wahrgenommen haben, müssen wir's. 
JE 

 

Dienstag, 31. März 2026

Vernünftigkeit bedarf einer Aufforderung.

Caravaggio, Amor vincit omnia;    aus Wissenschftslehre - die fast vollendete...

Der Grund der Unmöglichkeit, das Selbstbewusstseyn zu erklären, ohne es immer schon als vorhanden vorauszusetzen, lag darin, dass um seine Wirksamkeit setzen zu können, das Sub-ject des Selbstbewsstseyns schon vorher ein / Object, bloss als solches, gesetzt haben muss-te; und wir somit immer aus dem Momente, in welchem wir den Faden anknüpfen wollten, zu einem vorherigen getrieben wurden, wo er schon angeknüpfte seyn musste.

Dieser Grund muss gehoben werden.

Er ist aber nur so zu heben, dass angemommen werde, die Wirksamkeit des Subjects sey mit dem Objecte in einem und demselben Moment synthetisch vereinigt; die Wirksamkeit des Subjects sey selbst das wahrgenommene und begriffene Object, das Object sey kein anderes, als diese Wirksamkeit des Subjects, und so seyen beide dasselbe. ...

Beide sind vollkommen vereinigt, wenn wir uns denken / ein Bestimmtseyn des Subjects zur Selbstbestimmuung, eine Aufforderung an dasselbe, sich zu einer Wirksamkeit zu entschliessen
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J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 31ff.


Nota. - Die Vernünftigkeit der Individuen ist nicht zu begreifen, ohne dass ich eine 'Reihe vernünftiger Wesen außer mir' als historisch gegeben voraussetze. Das bürgerliche Subjekt ist nicht vorstellbar ohne die bürgerliche Gesellschaft; das Ich nicht ohne die Welt.
JE, 20. 12. 13

 

 

Montag, 30. März 2026

Vernunft ist nur möglich, weil meine Vernunft die Vernunft der Andern voraussetzt.

RainerSturm                                          zu Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik.                                     

 § 3. Zweiter Lehrsatz

Das endliche Vernunftwesen kann eine freie Wirksamkeit in der Sinnenwelt sich nicht zuschreiben, ohne sie auch anderen zuzuschreiben, mithin auch andere endliche Ver-nunftwesen ausser sich anzunehmen. 

Beweis

I.                  

a. Das vernünftige Wesen kann, nach dem §1. geführten Beweise, kein Object setzen (wahr-nehmen und begreifen), ohne zugleich, in derselben ungetheilten Synthesis, sich eine Wirk-samkeit zuzuschreiben.

b. Aber es kann sich keine Wirksamkeit zuschreiben, ohne ein Object, auf welches diese Wirksamkeit gehen soll, gesetzt zu haben. Das Setzen dieses Objects, als eines durch sich selbst bestimmten, und insofern die freie Tätigkeit des vernünftigen Wesens hemmenden, muss in einem vorhergehenden Zeitpunct gesetzt werden, durch welchen allein derjenige Zeitpunct, in welchem der Begriff der Wirksamkeit gefasst wird, der gegenwärtige wird.

c. Alles Begreifen ist durch Setzen der Wirksamkeit des Vernunftwesens; und alle Wirksam-keit ist durch eine vorhergegangenes Begreifen desselben gedingt. Also ist jeder mögliche Moment des Bewusstseyns, durch einen vorhergehenden Moment desselben, bedingt, und das Bewusstseyn wird in der Erklärung der Möglichkeit schon als wirklich vorausgesetzt. Es lässt sich überhaupt nur durch einen Cirkel erklären; es lässt sich sonach überhaupt nicht er-klären, und scheint unmöglich. ...
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J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 30
 
Nota. - Die Vernünftigkeit der Einzelnen lässt sich aus sich selbst nicht erklären. Vernünftig werden können Menschen, weil und insofern sie in Gesllschaft leben. Sie ist der Ort, wo Vernunft entstehen und bestehen kann.
 
Vernünftig handelt, wer sich seine Zwecke selber setzt. Selber aus Freiheit. Da die Men-schen in Gesellschaft, nämlich im Austausch miteinender leben, trifft die Freiheit eines Jeden auf die Freiheit jedes Andern. Dass ein Jeder vernünftig handelt, ist nur möglich, wenn jeder von ihnen seine Freiheit so einschränkt, dass sie die Freiheit der andern nicht beschädigt. Ein solcher Zustand ist möglich als ein rechtlicher. Recht ist kein Zusatz, son-dern die Bedingung von Freiheit und Vernunft. Indem in den Gesellschaften ein Recht entstand, das die Freiheit der Einzelnen sicherte, wurde die Vernünftigkeit Aller möglich.
 
So war es historisch, und so wird es in Fichtes Naturrecht dargestellt. Der gesellschaftliche Austausch hat nicht die Vernunft erschaffen, sondern die zunehmend rechtliche Verfassung der menschlichen Gesellschaften hat die Bedingungen geschaffen, unter denen die Individu-en vernünftig handeln können. Es ist kein historischer und kein logischer Zirkel, sondern ein genetischer. (Ohne Freiheit ist kein Recht und ohne Recht ist keine Freiheit möglich. Recht und Freiheit sind der gemeinsame Maßstab der Vernunft.)
JE 
 
 

Sonntag, 29. März 2026

Bestimmen und das Bestimmmen bestimmen.

                            aus Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik.

Alles Denken ist Übergehen von Bestimmbarkeit zur Bestimmtheit. Alles Denken ist bestimmte Tätigkeit, die etwas / aus der Masse herausreißt und bestimmt. Sowie etwas in die Form des Denkens aufgenommen wird, wird es selbst bestimmt. (Dieses ist die erste Hauptbemerkung, die man sich klarmachen muss, um einzusehen, wie aus dem Übersinnlichen ein Sinnliches wird.)

Wenn wir nun das Wollen denken, so wird es gerade so gedacht, wie wir es oben gedacht und beschrieben haben.

(Die zweite Hauptbemerkung ist, dass allem Bestimmen ein Bestimmbares vorausgesetzt werden muss, dies liegt in der Form unseres sinnlichen Denkens.)
 

Das Intelligible wird sinnlich, indem es mit einem Bestimmbaren zusammen gedacht wird.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 145
f. 



Nota I. - Die Tätigkeit der Einbildungskraft ist zuerst real, daraus erfolgt ein Widerstand, er äußerst sich im Gefühl. Das Vorstellen beginnt mit der Anschauung des Gefühls als dieses, sie ist die erste Stufe der Reflexion = ideale Tätigkeit; ist setzen. Die Aufnahme des Gesetz-ten in den Begriff ist bestimmen: Hier beginnt denken in specie. Bestimmen ist aber verendlichen. Indem ein Intelligibles gedacht werden soll, wird es bestimmt und eo ipso verendlicht. - Sobald wir wirklich zu denken anfangen, verlassen wir das Reich des bloß Intelligblen und treten in die Sinnlichkeit ein. 

Das ist scholastisch formuliert, Fichte selbst hat auf dergleichen verzichtet. Es ist auch kein Lehrsatz, sondern eine Verständnishilfe.
24. 12. 16

Nota II. -  Alles Tätigsein ist Übergehen vom bestimmbar-Unbestimmten zum Bestimmen. Sofern 'Tätigkeit-überhaupt' gedacht wird, wird sie nur als dieses gedacht. Das erste, was es zu bestimmen gilt, ist das Wollen. Die erste Willensbestimmung ist das Auswählen eines Gegenstands aus der Mannigfaltigkeit des Erscheinenden. Noch ist der Gegenstand allein so bestimmt: dass ich ihn ausgewählt habe.

Die Unterscheidung von realer und idealer Tätigkeit ist hier noch ohne Belang. Dass ich einen Gegenstand ge- wählt habe, ist real. Wenn ich daran denke, dass ich ihn gewählt habe, ist es ein idealer Akt. Welcher Art der Gegenstand selber ist, ein gedachter oder sinnlich erfahrener, ist gleichgültig - und muss es sein, denn als ich ihn wählte, nämlich zum Gegenstand meiner realen Vorstellung machte, konnte ich darüber noch nichts wissen. Dafür bedurfte es einer Reihe weiterer Akte, realer wie idealer.

Sinnliche Gegenstände begegnen einem Vernunftwesen doppelt - als Ding in Raum und Zeit und als Begriff. Das eine ist das, was mir erscheint, das andere ist die Bedeutung, die ich ihm beimesse. Das eine ist sinnlich, das andere intelligibel. Ich mag mir einen intelligiblen Gegenstand - einen Begriff - real vorstellen und ideal auf mein Vorstellen-seiner reflektieren. In beiden Fällen 'ist' er intelligibel und nicht sinnlich-real.

Die Wissenschaftslehre verfährt allezeit sowohl auf der ersten semantischen Ebene als auch auf der zweiten:  Das Ich tut, und eine andere Intelligenz schaut zu. Beides kann nur parallel dargestellt werden, und doch muss es unterschieden bleiben. Die Schwierigkeit liegt in der transzendentalen Betrachtungsweise selbst. Sie beschreibt die Tätigkeit dessen, der selber in seinem Tun befangen ist, aus der Sicht eines unbefangenen Zuschauers. Der Zuschauer handelt nie selbst, sondern immer nur, als ob er selber handeln würde. Doch nur er hat den Abstand, um auf das wirklich geschehene Handeln reflektieren zu können. Während der eine seine Tätigkeit bestimmt, bestimmt der andere... nicht, dass er sie bestimmt, sondern als was er sie bestimmt.

Denn der Zuschauer - die Wissenschaftslehre - befindet sich idealiter schon auf dem Standpunkt des ganzen Systems; anders hätte er - sie - mit dem Beschreiben des wirklichen Handelns gar nicht erst beginnen können.

Um dies abzurunden: Sache der Transzendentalphilosophie ist es darum nicht, zu zeigen, wie aus einem Über-sinnlichen ein Sinnliches wird, sondern wie aus dem Sinnlichen das Intelligible hervorgegangen ist: Es ist die Ur-Teilung des Handelns in Gegenstand und Absicht.

Und nicht zu vergessen: Bestimmen ist reale Tätigkeit, Bestimmen des Bestimmens ist ideale Tätigkeit.

JE, 7. 6. 19



  
Nota - Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE.

Samstag, 28. März 2026

Die Vernunft außer mir ist nur ein Noumen; und doch soll ich sie wahrnehmen.

Duchamp                       aus Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik.
 
Man unterscheide sorgfältig Anschauen und reines Denken, wie oben gelehrt wurde. Ich bin ja nur Produkt meines reinen Denkens. Nun ist gesagt, ich greife mich heraus aus einer Vernunft außer mir. Nun würde es au- ssehen, als ob ich eine Freiheit außer mir nur dächte. Aber dies ist nicht der Fall, sondern es ist die Rede von einer Wahrnehmung der Freiheit und Vernünftigkeit außer mir, und dies muss deduziert werden.

Es ist zwar wahr, dass die Vernunft außer uns nur ein Noumen ist. Ich halte jeden für ver-nünftig und frei, aber niemand verlangt von mir, dass ich seine Vernünftigkeit hören und sehen solle oder durch einen äußeren Sinn wahrnehmen solle; aber wohl, dass ich aus ge-wissen Phänomenen dies schließen soll. Aber es muss in der Sinnenwelt Erscheinungen geben, auf welche ganz allein wir genötigt sind, den Gedanken der Vernunft überzutragen, auf welche allein uns dies möglich wird. Sie müssten mit jenem reinen Denken zusammen-hängen; sie zu deduzieren ist hier unsere Aufgabe.
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J. G. Fichte, W
 issenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 228 


Nota I. - Nur in der transzendentalphilosophischen Rekonstruktion erscheint es ja so, als habe das Individuum - noch bevor es zu einem solchen wurde - sich eine Ichheit zugedacht, von deren Vernünftigkeit es hernach auf die Vernünftigkeit gewisser 'Wesen außer ihm' ge-schlossen hat. Tatsächlich ist es aber so, dass es sich in einer 'Reihe vernünftiger Wesen' vor-gefunden hat, von der die Aufforderung zu Ichheit und Vernunft an es ergangen war, bevor es noch 'zu sich selbst gekommen' ist.

Das war der Sinn der ganzen Rekonstruktion aus reinem Ich und Wille-überhaupt: wenn auch aufhaltsam, so doch auf geradem Weg zur Wirklichkeit der Vernunft als einer Tatsache zu führen - und auf Schritt und Tritt darzulegen, wie dieser Weg zwar aus seiner Prämisse folgerichtig war, aber auf Schritt und Tritt doch aus Freiheit getan wurde.

29. 5. 17


Nota II. - Die Aufforderung durch ein Reihe vernünftiger Wesen folgt nicht aus der bestim-menden Tätigkeit des sich-selbst-gesetzt habenden Ich. Sie kommt von außerhalb der Reihe als eine zusätzliche Bedingung hinzu. Es ist wahr, da war eine Lücke im Begründungszu-sammenhang. Die Aufforderung muss sie füllen - muss, weil anders das sachlich vorgebene Resultat, das tatsächliche Übergehen des Ich zum Setzen eines wirklichen Zwecks, nicht schlüssig rekonstruiert werden könnte.

Die Aufforderung soll eingreifen in das Fortschreiten der realen Tätigkeit des Ich, ins wirkliche Vorstellen, nicht als ideale, nicht als bloße Reflexion auf die Vorstellung. Realität muss sie also haben, und da sie nicht aus der realen Tätigkeit des Ich hervorgegangen ist, muss sie eine eigene Realität von außen mitgebracht haben. Mit einfachen Worten: Sie muss als wirklich stattgefunden gedacht werden. 

Nur ein Noumen kann die 'Vernunft außer mir' also nicht sein, denn dann wäre sie - bloßes Reflexionsprodukt, und eine wirkliche Aufforderung wäre nicht denkbar. So streng immer Fichte aus dem Entwicklungsgang der Wissenschaftslehre alles Historische fernhalten will - hier geht es nicht, weil es reale und ideale Tätigkeit vermengen würde.

Und tatsächlich ist die Voraussetzung eine historische. Sie verhält sich logisch zur intelligib-len Welt wie die ursprüngliche Akkumulation zur Ausbildung der bürgerlichen Gesellschaft.
JE
27. 5. 15

 

Freitag, 27. März 2026

Bewusst sein?

                                             zu Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem

Das ist ein irreführenes Wort, weil es zu der Vorstellung von einem mehr oder minder dauerhaften Zustand eines bewussten Seins verführt, in den man ein- und aus dem man wieder auf-, d. h abtauchen kann. Tatsächlich gibt es kein dauerndes bewusstes Sein, sondern nur bewusste Tätigkeit: Tätigkeit, die sich ihres Zwecks bewusst ist und des Widerstands, den er erfährt; vulgo Handlung. 

Als seiend und dauernd kann man sich den Zweck vorstellen und den Widerstand, und beide mag man en détail weiterbestimmen. Die Tätigkeit aber kann man nur anschauen - und sich ein Vorstellen einreden, indem man den ganzen Verlauf zwischen Bestimmung des Zwecks und der Überwindung des letzten Widerstands in tausend Einzeloperationen zer-legt, deren jede man als die Spanne von Sonderzweck und Sonderwiderstand 'definiert'. So glaubt man, eine Tätigkeit begriffen zu haben, indem man sie in fingierte Stufen zerlegt - was seine ergonomische Plausibilität darin findet, dass der Handwerker gelegentlich das eine Werkzeug gegen ein anderes austauschen muss.
4. 9. 19

 

 

Ihr Hauptnutzen ist negativ und kritisch.

Rembrandt,  Anatomie des Dr. Tulp Was soll denn nun eine Philosophie, und wozu bedarf es der spitzfindigen Zurüstung der-selben, wenn sie...