Samstag, 28. März 2026

Die Vernunft außer mir ist nur ein Noumen; und doch soll ich sie wahrnehmen.

Duchamp                       aus Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik.
 
Man unterscheide sorgfältig Anschauen und reines Denken, wie oben gelehrt wurde. Ich bin ja nur Produkt meines reinen Denkens. Nun ist gesagt, ich greife mich heraus aus einer Vernunft außer mir. Nun würde es au- ssehen, als ob ich eine Freiheit außer mir nur dächte. Aber dies ist nicht der Fall, sondern es ist die Rede von einer Wahrnehmung der Freiheit und Vernünftigkeit außer mir, und dies muss deduziert werden.

Es ist zwar wahr, dass die Vernunft außer uns nur ein Noumen ist. Ich halte jeden für ver-nünftig und frei, aber niemand verlangt von mir, dass ich seine Vernünftigkeit hören und sehen solle oder durch einen äußeren Sinn wahrnehmen solle; aber wohl, dass ich aus ge-wissen Phänomenen dies schließen soll. Aber es muss in der Sinnenwelt Erscheinungen geben, auf welche ganz allein wir genötigt sind, den Gedanken der Vernunft überzutragen, auf welche allein uns dies möglich wird. Sie müssten mit jenem reinen Denken zusammen-hängen; sie zu deduzieren ist hier unsere Aufgabe.
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J. G. Fichte, W
 issenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 228 


Nota I. - Nur in der transzendentalphilosophischen Rekonstruktion erscheint es ja so, als habe das Individuum - noch bevor es zu einem solchen wurde - sich eine Ichheit zugedacht, von deren Vernünftigkeit es hernach auf die Vernünftigkeit gewisser 'Wesen außer ihm' ge-schlossen hat. Tatsächlich ist es aber so, dass es sich in einer 'Reihe vernünftiger Wesen' vor-gefunden hat, von der die Aufforderung zu Ichheit und Vernunft an es ergangen war, bevor es noch 'zu sich selbst gekommen' ist.

Das war der Sinn der ganzen Rekonstruktion aus reinem Ich und Wille-überhaupt: wenn auch aufhaltsam, so doch auf geradem Weg zur Wirklichkeit der Vernunft als einer Tatsache zu führen - und auf Schritt und Tritt darzulegen, wie dieser Weg zwar aus seiner Prämisse folgerichtig war, aber auf Schritt und Tritt doch aus Freiheit getan wurde.

29. 5. 17


Nota II. - Die Aufforderung durch ein Reihe vernünftiger Wesen folgt nicht aus der bestim-menden Tätigkeit des sich-selbst-gesetzt habenden Ich. Sie kommt von außerhalb der Reihe als eine zusätzliche Bedingung hinzu. Es ist wahr, da war eine Lücke im Begründungszu-sammenhang. Die Aufforderung muss sie füllen - muss, weil anders das sachlich vorgebene Resultat, das tatsächliche Übergehen des Ich zum Setzen eines wirklichen Zwecks, nicht schlüssig rekonstruiert werden könnte.

Die Aufforderung soll eingreifen in das Fortschreiten der realen Tätigkeit des Ich, ins wirkliche Vorstellen, nicht als ideale, nicht als bloße Reflexion auf die Vorstellung. Realität muss sie also haben, und da sie nicht aus der realen Tätigkeit des Ich hervorgegangen ist, muss sie eine eigene Realität von außen mitgebracht haben. Mit einfachen Worten: Sie muss als wirklich stattgefunden gedacht werden. 

Nur ein Noumen kann die 'Vernunft außer mir' also nicht sein, denn dann wäre sie - bloßes Reflexionsprodukt, und eine wirkliche Aufforderung wäre nicht denkbar. So streng immer Fichte aus dem Entwicklungsgang der Wissenschaftslehre alles Historische fernhalten will - hier geht es nicht, weil es reale und ideale Tätigkeit vermengen würde.

Und tatsächlich ist die Voraussetzung eine historische. Sie verhält sich logisch zur intelligib-len Welt wie die ursprüngliche Akkumulation zur Ausbildung der bürgerlichen Gesellschaft.
JE
27. 5. 15

 

Freitag, 27. März 2026

Bewusst sein?

                                             zu Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem

Das ist ein irreführenes Wort, weil es zu der Vorstellung von einem mehr oder minder dauerhaften Zustand eines bewussten Seins verführt, in den man ein- und aus dem man wieder auf-, d. h abtauchen kann. Tatsächlich gibt es kein dauerndes bewusstes Sein, sondern nur bewusste Tätigkeit: Tätigkeit, die sich ihres Zwecks bewusst ist und des Widerstands, den er erfährt; vulgo Handlung. 

Als seiend und dauernd kann man sich den Zweck vorstellen und den Widerstand, und beide mag man en détail weiterbestimmen. Die Tätigkeit aber kann man nur anschauen - und sich ein Vorstellen einreden, indem man den ganzen Verlauf zwischen Bestimmung des Zwecks und der Überwindung des letzten Widerstands in tausend Einzeloperationen zer-legt, deren jede man als die Spanne von Sonderzweck und Sonderwiderstand 'definiert'. So glaubt man, eine Tätigkeit begriffen zu haben, indem man sie in fingierte Stufen zerlegt - was seine ergonomische Plausibilität darin findet, dass der Handwerker gelegentlich das eine Werkzeug gegen ein anderes austauschen muss.
4. 9. 19

 

 

Donnerstag, 26. März 2026

Aus nichts wird nichts.

dreamstime                      aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
 
Wenn Fichte sagt, "aus nichts wird nichts", um die Ungewordenheit, Ewigkeit und Vorbe-stimmtheit der Vernunft zu erweisen, setzt er sie freilich als Substanz ihrem Wirklichwerden voraus. In ihrer Wirklichkeit kann sie aber nichts anderes sein als vernünftiges Handeln. Doch zu dem kann man nicht nur, sondern kann man allein sich selbst bestimmen; nicht bloß zum Handeln überhaupt, sondern gerade auch zu seiner Vernünftigkeit, so haben wir es von ihm gelernt. 

Die Lösung des Problems fällt aber in die Anthropologie und nicht in die Transzendental-philophie. Sie geht so: Die Vernunft 'war da', bevor 'es sie gab'; nämlich sie war etwas An-deres. Sie war der Einklang des Gattungswesens mit seiner angestammten Umweltnische. Die ging verloren, als er von den Bäumen herabstieg und sich auf zwei Beinen in eine Welt aufmachte. Da war sie wieder da – aber als Mangel. Das Weitere ist bekannt.

1. 3. 2016 
 
Vernünftig handeln heißt aber: aus Freiheit Zweckbegriffe entwerfen. Freiheit ist Vernunft schon an ihrem Anfang. Könnte aus nichts nichts werden, gäbe es keine Freiheit und keine Vernunft.
19. 11. 19 
 
 
 

Mittwoch, 25. März 2026

Der Stoff und seine Formen.

zoibrina                                                        aus Marxiana

Indem so die lebendige Arbeit durch ihre Verwirklichung im Material dieses selbst verän-dert, eine Veränderung, die durch den Zweck der Arbeit bestimmt, und die zweckmässige Thätigkeit derselben – (eine Veränderung die nicht wie im todten Gegenstand das Setzen der Form als äusserlich dem Stoff, bloser verschwindender Schein seines Bestehns) – wird das Material so in bestimmter Form erhalten, der Formwechsel des Stoffs dem Zweck der Arbeit unterworfen. Die Arbeit ist das lebendige, gestaltende Feuer; die Vergänglichkeit der Dinge, ihre Zeitlichkeit, als ihre Formung durch die lebendige Zeit. 

Im einfachen Productionsprozeß – abgesehn vom Verwerthungsprocess – wird die Ver-gänglichkeit der Form der Dinge benuzt um ihre Brauchbarkeit zu setzen. Indem aus der Baumwolle Garn wird, aus dem Garn Gewebe, aus dem Gewebe gedrucktes etc Gewebe, oder gefärbtes etc, und aus diesem sage ein Kleid hat sich 1) die Substanz der Baumwolle in allen diesen Formen erhalten. (Im chemischen Process haben sich im von der Arbeit gere-gelten Stoffwechsel überall Equivalente (natürliche) ausgetauscht etc); 2) in allen diesen sub-sequenten Processen hat der Stoff eine nützlichere Form erhalten, weil eine ihn mehr dem Consum aneignende; bis er zu-lezt die Form erhalten, worin er direkt Gegenstand desselben werden kann, wo also die Aufzehrung des Stoffs und die Aufhebung seiner Form menschli-cher Genuß wird, seine Veränderung sein Gebrauch selbst ist. 

Der Stoff der Baumwolle erhält sich in allen diesen Processen; in der einen Form des Ge-brauchswerths geht er unter um einer höhren Platz zu machen, bis der Gegenstand als Ge-genstand der unmittelbaren Consumtion da ist. Indem aber die Baumwolle als Twist gesezt ist, ist sie in einer bestimmten Beziehung auf eine fernere Art der Arbeit gesezt. Träte diese Arbeit nicht ein, so ist nicht nur die Form nutzlos an ihr gesezt worden, d. h. die frühere Arbeit wird nicht durch die neue bestätigt, sondern auch der Stoff ist verdorben, indem er in der Form als Twist nur Gebrauchswerth hat, insofern er wieder verarbeitet wird: nur noch Gebrauchswerth ist in Bezug auf den Gebrauch, den die fernere Arbeit davon macht; nur Gebrauchswerth ist, insofern seine Form als Twist aufgehoben / wird zu der von Ge-webe; während die Baumwolle in ihrem Dasein als Baumwolle unendlicher Nutzanwendun-gen fähig ist. So wäre ohne die fernere Arbeit der Gebrauchswerth von Baumwolle und Twist, Material und Form verhunzt; er wäre vernichtet, statt producirt worden.
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K. Marx, Grundrisse..., MEGA II/1.1  S. 272f. [MEW 42, S. 278]



Nota.  Sachlich gesehen, nämlich unterm Gesichtspunkt des Zwecks der Arbeit: dem be-absichtigten Gebrauchswert der Ware, handelt es sich eben nur um einen Arbeitsprozess; es ist die spezifische Form der industriellen Arbeitsteilung, der ihn in viele Einzelteile zerlegt, die nicht einmal mehr in derselben Fabrik erledigt werden; und die Einzelteile müssen je-desmal erst zu Tauschwerten, zu Geld werden, müssen verkauft sein, damit der nächsthöhe-re Gebrauchswert daraus werden und das Stück Gebrauchswert überhaupt bleiben kann –denn sonst wäre auch der Tauschwert verloren.
JE, 9. 11. 15

Dienstag, 24. März 2026

Urzeugung

microsites/pear                      zu Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem

Bestimmen ist der Anfang von Allem.

Alles ist alles, was wir wissen. Wir wissen nicht vom Sein, sondern nur von Bedeutungen. Etwas ist, was als seiend gilt. Einem, das als seiend gilt, eine Bedeutung zuschreiben, ist bestimmen. Vorher war nichts wissbar.

Sein ist nur denkbar als Bestimmtsein als Dieses. Sein ist Dieses sein.
 
aus e. Notizbuch, 1. 9. 19
 
 
 

Montag, 23. März 2026

Unendliches Bedingungsverhältnis.

 
Ex nihilo Fred. Hart                                                                                                   zu Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem

 Was als Welt im Bewusstsein vorkommt, ist nicht ein Summe von Seiendem, sondern ein unendliches Bedingungsverhältnis: Da ist Eines immer bedingt durch ein Vorangegangenes, und bedingt ein Anderes, das aus ihm folgt; doch da faktisch keines als Das Erste auftritt, kann man den unbegrenzten Komplex mal von hier und mal von da anschauen. Welches das Bedingte und welches die Bedingung ist, muss in jedem einzelnen Fall immer neu festgestellt werden; denn mal gilt die Bedingungsreihe so rum, mal gilt sie andersrum - es kommt immer darauf an, wo man anfängt.

Gemeint ist nämlich ein wirkliches Anfangen: so, als habe mit dem Bestimmen wirklich ein Erster angefangen, denn nichts anderes als Bestimmtheit heißt Bedingtheit und nichts anderes als Bedingen heißt bestimmen - es ist nicht, sondern muss getan werden. Und wenn nicht, gibt es ohne Bedingung keine Bestimmung und ohne Bestimmtheit keinen Begriff.

Unendlich ist der Komplex nur nach vorn: Das Bestimmen kommt nie zu einem Schluss. Aber denkbar ist es nur, sofern es angefangen wurde. Ex nihilo, muss man einräumen, solange man im Reich der Begriffe bleibt. So mag man die Bedingungsverhältnisse kreuz und quer verfolgen; nur umkehren lassen sie sich nicht. Hinter die vordere Grenze geht es nicht zurück. Hier muss die Einbildungskraft ihr Machwort sprechen.
19. 11. 19 

Sonntag, 22. März 2026

Stoff der Vernunft (Terminologisches).

                                      zu Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem.

Originärer Stoff der Vernunft sind Vorstellungen. In Begriffen ist er bereits reflektiert und instrumentalisiert. Sie sind Stoff zweiter Wahl, nämlich schon geformter Stoff.

Stoff ist das Bestimmbare, Form ist Bestimmtheit, Begriff ist bestimmte Vorstellung; jeder Begriff lässt sich weiterbestimmen.

Bestimmen heißt, einer Absicht zuordnen; sie ist es, die im Begriff geltend gemacht wird. Den Stoff mit einer Absicht synthetisieren, heißt vernünftig handeln.
18. 11. 19 

 
Rein Terminologisches gibt es nicht: Der Terminus terminiert die Geltung einer Bedeutung, die ihrerseits durch die Aufzählung ihrer Merkmale zum Begriff definiert wird. Ohne Bedeutung geht es nicht.

Oben heißt es aber: Jeder Begriff lässt sich weiterbestimmen. Da wird ein Bestimmtes wieder zu einem Bestimmbaren. Wie das? Indem seine Merkmale zergliedert und Distink-tionen hinzugefügt werden. Immanente Differenzierungen bleiben analytisch, sie fügen materialiter nichts hinzu. Der Bedeutungskreis erweitert sich nicht, es wird lediglich feiner darin unterschieden. Vermehrung ist nur synthetisch möglich.

Eine Erweiterung des Horizonts wird erst wieder möglich, indem hinter die Begriffe zu den Vorstellungen zurückgekehrt wird, wo die ideale Tätigkeit wieder frei und unendlich ist. Spekulatives Denken in Begriffen ist ein Widersinn. Stofflich fortschreiten kann nur die Einbildungskraft.

Samstag, 21. März 2026

Begreifen ist wollen.

                                 aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Ich finde mich als wollend (Grundgesetz), so nur, in wiefern durch meinen Begriff etwas wirklich werden soll. Dies ist Gesetz meiner sinnlichen Erkenntnis, nun ist diese Wirklich-keit nicht, außer in wie fern sie durch meinen Begriff sein soll, sie wird also nicht erblickt, als insofern mein Begriff als Kausalität habend angeschaut wird. Nur insofern die Kategorie etwas hinzusetzt, produzierend ist; an einen Begriff als einen wirkenden wird die Wirkung erst hinzugedacht; durch die Kategorie wird etwas. 
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 198 


Nota I. - Hier sind wir nicht mehr beim reinen, sondern schon beim empirischen Wollen: Als Bestimmungsgrund ist der (Zweck-) Begriff hinzugetreten. Die Vorstellung der Kausa-lität ist ein Derivat des Wollens

In der Wirklichkeit will ich freilich immer schon etwas - dieses oder jenes -, und nie 'rein'.

31. 12. 14

Nota II. - Das reine Wollen ist ein bloßes Gedankending, Noumenon, das dazu dient, mei-nem wirklichen Wollen von diesem oder jenem einen Grund zu legen. Doch ist die Trans-zendentalphilosophie keine Metaphysik, die das, was ist, aus dogmatisch vorausgesetzten Ursachen konstruiert: 'Weil dieses so ist, folgt daraus jenes', was... so oder anders ist. So oder anders: Es müsste Notwendigkeit herrschen. 

Die Transzendentalphilosophie hat gar nicht mit Sachverhalten zu tun, die so oder anders sein könnten. Sie hat es mit den Vorstellungen zu tun. Da geht es nicht um hinreichende Gründe; sondern um die notwendigen Bedingungen ihrer Möglichkeit, und Möglichkeit ist unbestimmt. Sie können nicht erklären, warum etwas so oder so ist, sondern nur, dass etwas ist. 

Dass es so oder so ausfällt - dass der eine dies, der andere jenes vorstellt -, bedarf der Be-stimmung; am Grunde angekommen, findet sie ein sich-selbst bestimmendes Unbestimm-tes vor, eine prädikative Qualität, und die identifiziert sie als Freiheit. Sie ist vorauszusetzen als allererste Bedingung aller Möglichkeit. Vorausgesetzt bleibt immer ein Wollen. Ohne das wird aus keiner Möglichkeit etwas.
JE, 21. 11. 18

 

Nota. Das obige Foto gehört mit nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE   

Freitag, 20. März 2026

Das Gefühl und sein Gegenstand.

Go bash!                                  aus Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik.

Das Gefühl ist Affektion unserer selbst, es wird im Gefühle uns etwas angetan, es muss also etwas in uns sein, dem es angetan wird, und dies ist unser Handeln, aber es ist für uns nichts ohne Beschränktheit und Beschränktheit nicht ohne Handeln, daraus besteht nun das Fühl-bare. Durch das Handeln ist es für uns; dadurch, dass es beschränkt ist, ist es Gegenstand des Gefühls. Alles unser Bewusstsein geht aus von einer Wechselwirkung des Handelns und der Beschränktheit, beides ist beisammen, und dies ist das Objekt des Gefühls.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,S. 155 

 

Nota. – Die Wissenschaftslehre ist keine empirische Psychologie, sondern ein transzenden-tales Schema, das die Entstehung des Bewusstseins verständlich macht. Darum ist vom Ge-fühl in ihr stets nur die Rede, soweit es für die Entstehung des Bewusstseins eine Rolle spielt. 

Das Tier handelt nicht im hier gemeinten Sinn. Fühlt es nicht? Soweit es für das Entstehen des Bewusstseins von Belang ist: nein, nämlich nicht als Beschränktheit. (Begriffe sind nicht dazu da, etwas nicht Vorhandenes neu zu konstruieren, sondern etwas in der Wirklichkeit Geschehendes – die Entstehung des Bewusstseins – zu beschreiben; also sind sie tautolo-gisch.)
JE,
13. 11. 19

 

 

Donnerstag, 19. März 2026

Anschauung des Gefühls.

                                         zu Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem

Das Anschauen [ist,] im Gegensatz mit dem Gefühle [ ,] Tätigkeit.
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 81 

Ich fühle keinen Gegenstand, ich fühle nicht einmal den Widerstand, den er meiner Tätig-keit leistet. Ich fühle, punctum. Das einzige Etwas, das in meinem Fühlen vorkommt, bin ich selbst. Dass es ein Gegenstand war, der dieses mein Fühlen verursacht hat, ist eine Schlussfolgerung meiner Reflexion: So "muss es ja" gewesen sein. - Das heißt Anschauung; mit ihr beginnt das Denken in specie. 

(Im Anschauen sind Setzen und Bestimmen unmittelbar dasselbe; Bestimmen allerdings nur als dieses, nicht als das.)
23. 11. 19 

Mittwoch, 18. März 2026

Fühlen und Dafürhalten.

  Dornauszieher                                                    aus Philosophierungen

Kants Unterscheidung von Phänomenon und Noumenon ist der Kern der Transzenden-talphilosophie. Das Phänomen ist das, was den Sinnen erscheint, nämlich in Raum und Zeit zugleich. Es ist das, was landläufig ein Ding genannt wird und als das eigentlich Wirkliche gilt. 

Aber es kommt auch in dem vor, was wir unser Denken nennen und unsern Geist. Doch während wir selbst in Raum und Zeit sind, sind es unsere Gedanken nicht. Als Gedanke ist das Ding jenseits - oder diesseits? - von Raum und Zeit. Was wir denken, ist nicht das Ding selbst, sondern das, was es bedeutet. Das Ding gibt es zweimal - einmal sinnlich und einmal geistig, einmal gefühlt und einmal gedacht; und soll doch dasselbe sein!

An den Dingen sind Fühlen und Meinen getrennt. Nach der Trennung kann ich fragen: Was ist jedes für sich, wo kommen sie jeweils her? Statt nachzusehen, wo sie vor der Trennung waren! Ursprünglich sind sie nämlich vereint - im Handeln. Im Handeln fühle ich und mei-ne ich gleichermaßen und kann nicht das eine ohne das andere. Die Frage muss vielmehr lauten: Wo kommt die Trennung her? Sie kommt aus dem Reflektieren auf das Handeln. Das Reflektieren ist selber Handeln. Das Handeln ist sein Gegenstand, den es 'gemeint' hat. Sein gemeinter Gegenstand ist eine Abstraktion vom wirklichen Handeln. So sind alle Nou-mena Abstraktionen von wirklichem Handeln - und bestünde es nur im Vorstellen. 

Das Vorstellen geschieht in Raum und Zeit, und es geschieht in Gedanken; als Gedanke. Es ist Handeln. Es ist Schema des Handelns, aber nicht sein Urbild, sondern sein Abstraktis-simum; nämlich wenn es losgelöst von gegenständlichem Handeln aufgefasst wird: von einer nachträglich hinzugetretenen Reflexion.

Der wirkliche Ausgangspunkt ist das Handeln, im Handeln sind sinnliche Welt und intelli-gible Welt eins. Erst wenn die Vorstellung sich aus dem Handeln hinausdenkt und von Din-gen unterscheidet, entsteht mit der intelligiblen Welt eine sinnliche. Im wirklichen Leben sind sie ungeschieden, denn da ist jedes Ding das, als was es gilt, und was nicht als dieses oder jenes gilt, gilt immerhin als Rätsel.
19. 3. 20

 

Die Vernunft außer mir ist nur ein Noumen; und doch soll ich sie wahrnehmen.

Duchamp                        aus Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik.   Man unterscheide sorgfältig Anschauen und r...