Dienstag, 16. Juni 2026

Das Ästhetische hat keinen Zweck, sondern gefällt oder nicht.

                                                    aus Philosophierungen  

Die ästhetische Philosophie ist ein Hauptteil der Wissenschaft und ist der ganzen anderen Philosophie, die man die reelle nennen könnte, entgegengesetzt. ... In materialer Ansicht liegt sie zwischen theoretischer und praktischer Philosophie in der Mitte. Sie fällt nicht mit der Ethik zusammen, denn unserer Pflichten sollen wir uns bewusst werden; allein die ästhetische Ansicht ist natürlich und instinktmäßig und dependiert nicht von der Freiheit.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehe nova methodo. Hamburg 1982, S. 244


Nota I. - Das steht doch noch unterm Einfluss von Baumgartens Aesthetica. Zwar rechnet er das Ästhetische nicht mehr dem "unteren Erkenntnisvermögen", nämlich der bloßen Sinnlichkeit zu. Aber er fasst es als unsere Naturbestimmtheit auf und eben nicht als Me-dium von Selbst
bestimmung: "dependiert nicht von der Freiheit".

Das ist sachlich nicht der Fall. Freiheit in specie ist bei Fichte nur möglich durch Reflexion. Ästhetische Betrachtung geschieht aber ohne Reflexion. Bestimmter gesagt: durch Absehen von der Reflexion - und das ist eine Reflexion zweiter Potenz, sie ist erst einem möglich, dem das freie Reflektieren habituell geworden ist; und dem es schon gelingt, es gegen es selbst zu wenden         

 aus Anthropologie statt Metaphysik

Wissen kommt nicht zustande ohne Absicht. Erst wenn ich an die Dinge meine Absicht* herantrage, bekunden sie ihre Eigenschaften - nämlich wie sie zu dem, worauf ich es ab-gesehen habe, 'Stellung nehmen'; alias was sie bedeuten. Von einem Ding "an sich" gibt es schon darum nichts zu wissen, weil es in dem Moment aufhört, "an sich" zu sein, als es meiner Absicht begegnet. Ohne meine Absicht bedeutet es nichts. Doch ihm ohne Absicht begegnen kann ich nicht.

Richtiger gesagt: kann ich nicht natürlich, sondern nur künstlich. Kann ich erst durch Re-flexion. Nämlich wenn ich absichtlich von den Absichten - allen möglichen Absichten - durch freien Entschluss, nicht natürlich, sondern künstlich, absehe und das Ding betrachte, wie es 'sich zeigen' würde, wenn ich es ohne Absicht betrachten könnte. Wenn ich also von mir absehen würde. So entsteht kein Wissen von Etwas, sondern lediglich Anschauung von Erscheinung.


Wenn ich mich absichtlich in den ästhetischen Zustand versetze: "In dem ästhetischen Zu-stand ist der Mensch Null", sagt Schiller. "An sich" sind die Dinge, wie sie ästhetisch er-scheinen. Sie sind das Kunstprodukt der Reflexion, die ihrer selbst entsagt. 

Mit andern Worten, ästhetisches Erleben ist nicht möglich ohne vorheriges Wissen und nicht ohne Hintergedanken. Es ist ein modernes Phänomen. Und dass uns die Bilder, die wir in diesem Zustand sehen, hinterher immer so vorkommen, als ob sie 'etwas zu bedeu-ten' hätten, ist kein Wunder.-
 

*) Auf ein Bewusstsein, das erst durch Reflexion entsteht, kommt es hier noch gar nicht an.

4. 9. 2013


Nota II. - Das knüpft unmittelbar an den gestrigen Eintrag. Der Ursprung der Vernunft ist - woher und wozu auch immer - ein originär poietisches Vermögen, eine prädikative Qua-lität, wie Fichte sagt: produktive Einbildungskraft. Es ist das Vermögen des Bestimmens: das Vermögen, einem an sich Unbestimmten eine qualitas zuzuschreiben.

Daraus ist das System der Vernunft entstanden, auf dessen Boden wir uns, und sei es im Streit, alle zusammenfinden. Doch erfasst es nicht die ganze Welt - denn nicht überall fin-den wir zusammen, nicht überall können oder gar müssen wir es. Zusamennfinden müssen - und können - wir, wo wir in der sinnlichen Welt Zwecke setzen, die, weil sie dort realisiert werden sollen, einander berühren, verbinden oder durchkreuzen können.

Das ist gottlob nicht überall so, und wenn ich an mein ureigenstes anschauendes Erleben denke, eigentlich gar nicht. Ich habe keinen Grund, mit dem Bestimmen überhaupt erst anzufangen,* wenn ich nicht Zwecke in der sinnlichen Welt daraus herzuleiten vorab beab-sichtige. Und sollte ein bedingter Reflex mich dennoch versuchen, kann ich ihn willentlich unterdrücken. Denn bevor es eine liebe lästige Gewohnheit wurde - in der bürgerlichen Geschäftswelt -, war die Reflexion nur aus Freiheit möglich. 

Nicht nur muss ich in der sinnlichen Welt nicht allen Erscheinungen 'mit Interesse' begeg-nen; ich kann sogar dort, wo ich eins habe, aus Freiheit von ihm absehen. So begegnen mir Dinge, die mir ohne Interesse gefallen - und denen ich ohne Weiteres zustimme; die mir missfallen, die lehne ich ab.

*) Ich schaue das X so an, als ob es schon bestimmt sei.
JE, 13. 6. 19

 

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Montag, 15. Juni 2026

Die pragmatische Geschichte der Vernunft.

                          zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

So gewinnt Fichtes Satz, die Wissenschaftslehre sei die pragmatische Geschichte des menschlichen Geistes, einen fassbaren Sinn: Die Wissenschaftslehre beschreibt den Weg, den die Intelligenz nehmen musste, um zur Vernunft zu kommen.

Als 'pragmatisch' wurde bis ins neunzehnte Jahrhundert eine Geschichtsschreibung ver-standen, die nicht einfach erzählen wollte, "wie es gewesen ist", mit all den Zufällen, Peri-petien und anekdotischen Seitenwegen; sondern aus den dummen Fakten eine Entwick-lung auf einen erwünschten Zweck hin destillieren will; in der Regel, um die Geschichte eines Volks, einer Nation, eines Staates als den unaufhaltsamen Aufstieg der gerade regie-renden Dynastie darzustellen: nicht nur, dass es so war, sondern dass es so kommen musste, und dass es gut so war; Geschichtsschreibung als vulgäre Apologetik.

Diesen Spieß dreht Fichte um. Die Geschichte der Intelligenz ist keine Privatangelegenheit, sondern die Ausbildung einer Reihe vernünftiger Wesen. Eine solche wird nun nicht postu-liert, sondern als vorgefunden berichtet: Zu Fichtes Lebzeiten gibt es 'Vernunft'. Die ratio-nalistischen Metaphysiken mit ihrer dogmatischen Fetischisierung der Begriffe war soeben von der Kant'schen Kritik überwunden worden. War das autonome Subjekt der Aufklärung erst noch Projekt gewesen, nimmt es mit der (französischen) Revolution und ihrem Wider-hall, der (deutschen) Romantikhistorische Gestalt an.

Die Wissenschaftslehre rekonstruiert das Schema, das die Intelligenz (die menschliche, von einer andern wissen wir nichts) historisch entwickelt hat und genetisch entwickeln musste, um vernünftig zu werden.

JE, 9. 1. 17 

 


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Sonntag, 14. Juni 2026

Wie ich und die Welt einander geschaffen haben.

L. Bonnat, Jacob ringt mit dem Engel       zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Eines ist in der Geschichte ganz bestimmt nicht vorgekommen: dass ein bloßes geistiges "Vermögen", ohne einen körperlichen Träger und ohne irgendwelche physiologische Vor-erfahrung rein und unbescholten in die Welt getreten wäre und sich spontan zur Selbst-Bestimmung entschlossen hätte. Und doch lässt sich der Sinn unserer Gattungsgeschichte nicht anders als im Bild dieses Akts darstellen. Dieses Bild hat selber keinerlei positiven Erkenntniswert, man kann daraus nichts schlussfolgern, es lässt sich in keinen wie immer gearteten Denkvorgang als Operator einbringen. Sein Wert ist ausschließlich "regulativ" und kritisch: Es soll uns vor dogmatisch spekulativen Abwegen in Acht nehmen. Gerade das ist es aber, was der Pädagoge braucht, damit er nicht etwa auf die Idee kommt, dass erst durch ihn der Mensch zum Menschen wird.

Wenn dann das uns überlieferte Bedeutungsgeflecht 'Welt' in der Geschichte einmal zu Stande gekommen ist, dann kommt es so jeden Tag neu zustande – wenn nämlich ein Neuer "zur Welt kommt". Und meine Welt ist dann keineswegs nur die individuelle Emp-fängnis von 'unserer' Welt, sondern mein eignes Bauwerk, in das gegebenes Material ebenso eingegangen ist wie mein eigner 'Plan'; und wenn der Plan auch an fremden Vorbildern ori-entiert sein mag, so habe ich mich doch für ihn entscheiden müssen. ...  
aus e. Notizbuch, in 2004?

Die ganze Wissenschaftslehre ist ein Bild, ein Schema, ein Modell der Vernunft; der Bau-plan, der jedem vernünftigen Akt zugrunde liegt - wie die DNA einem lebendigen Orga-nismus - und in jeder seiner Zellen gegenwärtig ist. So wie der lebendige Organismus sich in Raum und Zeit erst entwickeln muss, muss das Schema der Vernunft in Raum und Zeit durch Handeln ursächlich werden. Anders als die DNA ist 'es selber' nicht schon in Raum und Zeit, es wurde dem tatsächlichen Handeln vernünftiger Wesen erst retrospektiv als dessen Bestimmung zugedacht. 

Nämlich so: Dass das Wesen der Vernunft nur Freiheit sein kann, war die Prämisse der Tanszendentalphilosophie. Dann kann an ihrem Grunde kein - und sei es ein logischer - Sachverhalt stehen, der experimentell aus der Erfahrung herauszuschälen wäre. Es kann kein Gesetz stehen, denn aus dem folgt Zwang und Notwendigkeit. Was aus ihm folgt, mag diese oder jene Art von Bewusstheit sein - aber nicht Selbst-Bewusstheit. Was aus ihm folgt, mag göttliche Offenbarung sein - aber nicht Vernunft.

Ja ja, es ist ein Zirkel. Vernunft postuliert Freiheit. Freiheit setzt Vernunft. Die eine ist nur verständlich durch die andere. Von einem dritten Gesichtspunkt aus kommt man in keine von beiden hinein.
13. 11. 18

Samstag, 13. Juni 2026

Bestimmen ist sich selbst beschränken.

                                            zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Bei dem, was im vorigen Paragraphen postuliert wurde, soll noch etwas bemerkt werden. Es war dort aufgegeben ein bestimmtes Handeln, [ein] einem anderen auch wohl denkbaren [Handeln] entgegengesetztes Handeln. Es wurde auf das Zustandekommen des Begriffs vom Ich achtgegeben und auf nichts anderes. Diese Einschränkung wurde bemerkt, und nur in dieser Bemerkung wurde man sich der Tätigkeit bewusst. Dieses Abziehen von jedem möglichen anderen Gegenstande und Hinrichtung auf ein Bestimmtes war eben diese Tätigkeit. So lässt sich alles Handeln denken als ein Einschränken in eine gewisse Sphäre. Alles Bewusstsein der Selbsttätigkeit ist ein Bewusstsein unseres Einschränkens unserer Tätigkeit. Nun kann ich mich nicht anschauen als beschränkend, ohne ein Übergehen von der Unbestimmtheit zur Bestimmtheit mit zu setzen, also ohne die Unestimmtheit zu setzen und dem Bestimmten entgegenzusetzen. Auf diesen Punkt kommt viel an.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo,
 
S. 35 

 

Nota. - Die WL gründet (sic) in der Vorstellung vom reinen Wollen als Ursprung und Voraussetzung der Selbstsetzung des Ich. Diese Vorstellung ist selber wohlbemerkt nicht begründet, sondern aufgefunden, aber aufgefunden nicht 'positiv', wie man über einen Gegenstand stolpert, sondern negativ, weil die kritische Analyse schließlich an einen Punk gelangte, wo vernünftiger Weise nichts anderes noch anzunehmen war, wenn die Vernunft letzten Endes in sich selbst begründet sein soll. Eine Petitio principii? Ja. Es ist zugegebener Maßen ein Postulat. Es muss sich durch seine Durchführbarkeit bewähren. Wenn von dieser - allein von dieser, ohne Zuhilfenahme irgend einer andern - das gegenwärtig von uns als gültig aufgefasste Vernunftsystem lückenlos rekonstruiert werden kann, dann... ist es hin-reichend begründet.

Die Wissenschaftslehre will sein diese vollständige Rekonstruktion.

*
Das ist erst der Vorspruch zum eigentliche Eintrag, der nun aber kurz gehalten werden kann: Wenn das Ich im Grunde reines Wollen war - Wollen an sich -, dann konnte es in Raum und Zeit nur durch 'Tätigkeit an sich' erscheinen - was ein reiner Unfug wäre. In Raum und Zeit gibt es Tätgkeiten nicht an sich, sondern immer nur diese oder jene; nur eine je bestimmte Tätigkeit.Was zuerst als reine Tätigkeit vorgestellt werden sollte, muss nun als eine eingeschränkte, nämliche spezifische Tätigkeit vorgestellt werden. Wer oder was sollte sie aber eingeschränkt haben? Der Vorausetzung nach haben wir es immer noch nur mit der Agilität des Ich zu tun, etwas anderes kommt voraussetzungsgemäß noch nicht in Frage. 

Bestimmen der Tätigkeit kann nur gedacht werden als Selbstaffizierung, als Selbstbeschrän-kung des reinen Wollens.
JE


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Freitag, 12. Juni 2026

Das Gefühl ist faktisch das erste Ursprüngliche.

                              zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

5.) Was ist das nun für eine Bewusstsein, das mit dem Triebe ver/knüpft werden soll? Mit dem Bewusstsein, das wir bisher kennen, mit der Anschauung verhält es sich so: Wir er-blicken in ihr Reales und Ideales getrennt; das erstere hat sein vom Idealen unabhängiges Sein, das letzte sieht nur zu. Bei dem Bewusstsein, von dem wir hier reden, kann dies der Fall nicht sein, es gibt hier kein reales Sein, es wird nicht gehandelt, sonach müsste hier Ideales und Reales zusammenfallen; das Ideale wäre hier sein eigner Gegenstand, kein unmittelbares Bewusstsein, und dieses* ist ein Gefühl. Man fühlt kein Objekt, das Objekt wird angeschaut.

Jedes Objekt, sogar ein Handeln, soll etwas sein, ohne dass ich mir desselben bewusst würde. Der transzendentale Philosoph erinnert freilich, dass etwas ohne Bewusstsein nicht sein könne, aber der gemeine Menschenverstand sieht dies nicht so an. Man unterscheidet Handeln und Bewusstsein. Ein Gefühl ist aber gar nicht, ohne dass gefühlt werde, die Re-flexion ist mit dem Gefühl notwendig und unzertrennlich verbunden. Das Gefühl ist ein bloßes Setzen der Bestimmtheit des Ich.

Wir haben nun ein mittelbares Bewusstsein eines unmittelbar Materialen, welches wir be-durften. Oben suchten wir das formale
[Bewusstsein], wir kamen auf ein Subjekt-Objekt, auf ein sich-selbst-Setzen. In diesem Gefühle, wie sich weiter unten zeigen wird, kommen Ich und NichtIch zusammen vor, und zwar nicht lediglich zufolge der Selbstbestimmung, son-dern in einem Gefühle.

Im Gefühle ist Tätigkeit und und Leiden vereinigt; in wiefern das erste vorkommt, hat es Beziehung auf das Ich; in wiefern aber das zweite vorkommt, auf ein NichtIch, aber im Ich wird es gefunden, das Gefühl ist faktisch das erste Ursprüngliche. - 

Man sieht hier schon, wie alles im Ich vorkommen kann und dass man nicht aus dem Ich herauszugehen braucht. Man brauche nur eine Mannigfaltigkeit von Gefühlen anzunehmen, und es würde sich leicht zeigen lassen, wie man die Vorstellungen von der Welt davon ablei-ten könnte.

*) [=das unmittelbare Bewusstsein]
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J. G. Fichte,Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 67f.



Nota. -  Zwar erscheint dem Transzendentalphilosophen das reale Objekt nur vermittelt: als Widerstand gegen die Tätigkeit des Ich; aber überhaupt erst so erscheint es dem Ich selber: "Man fühlt kein Objekt, das Objekt wird angeschaut." Das Unmittelbare für das Ich ist ein mehrfach Vermitteltes für den ('objektiven') Betrachter: die Anschauung einer Anschauung; der Widerstand ist mit der idealen Tätigkeit synthetisch vereinigt, und es ist diese Synthesis, die wiederum zum Objekt idealer Tätigkeit wird: Hier sind "Tätigkeit und Leiden vereinigt", "und dieses ist ein Gefühl". Was vorher ein Ideales war, wird hier zum Realen, Ich und NichtIch "kommen zusammen vor", das Ideale wird sich selbst zum Gegenstand.

Das erweist sich beim näheren Hinsehen alles als weniger schwierig, als es zunächst scheint. Wirklich verwir- rend ist aber dies: als Gefühl tritt dieses mehrfach Vermittelte in intime Nachbarschaft zu 'Rot, Blau, Süß und Sauer'. Das war es, was uns bislang als "mittelbares Bewusstsein eines unmittelbar Materialen" vorgestellt wurde: als die Grenze des Ich. Hier aber ist es eine ideale Tätigkeit, wie sie von der idealen Tätigkeit angeschaut wird.

An dieser Stelle muss ich mich wohl erinnern, dass in den Rückerinnerungen...* - aber sonst nirgends - von einem intellektuellen Gefühl die Rede war: "Es ist das unmittelbare Gefühl der Gewissheit und Notwendigkeit eines Denkens". Nur ein Denken, das von diesem Ge-fühl begleitet ist, kommt uns wahr vor. Insofern erscheint es allerdings als das 'faktisch erste Ursprüngliche', nämlich uns selbst. Aus der Sicht der Transzendentalphilosophie erscheint es aber als eine höchst verzwickte Angelegenheit.
- Merkwürdig bleibt, dass F. seinen Sprach-gebrauch an dieser Stelle nicht erläutert.

*) Die Rückerinnerungen stammen aus derselben Zeit wie dieWL nova methodo. 31. 8. 16
- Zu diesem Zeitpunkt hatte ich die WL nova methodo noch nicht gründlich studiert - da kommt das intellektuelle Gefühl sehr ausdrücklich vor!
JE

 

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Donnerstag, 11. Juni 2026

Der Gegenstand der Transzendentalphilosophie.

                                         zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Wer sich für einen Gegenstand - Thema, Problem... - interessiert, wird ihn wohl studieren müssen. Wofür müsste sich einer interessieren, der (die) Transzendentalphilosophie studie-ren will?

Physik, Chemie und Biologie - da weiß man, was man hat, bzw. haben könnte. Auch, mehr oder weniger, bei Geschichte, Wirtschaft und Soziologie - da weiß man immerhin, wonach man sucht: Das sind Dinge, die einem, der wissen will - seis dieses oder jenes -, schlichtweg gegeben sind.

Nicht aber, was einen an Transzendentalphilosophie interessieren könnte. Da ist der Ge-genstand, von dem man wissen könnte, nicht als er selbst gegeben, sondern als einer, nach dem gesucht werden muss - wenn es ihn denn geben soll.

Gegeben ist er nicht als er selbst, sondern als Aufgabe - gr. problêma: nämlich was Wis-sen bedeuten soll; von diesem oder jenem. 

Wie kann man das studieren?  - Etwa indem man alles, was tatsächlich gewusst wird, auf eine Liste tut und aufsucht, was ihnen allen gemeinsam ist? - Na mindestens, dass sie gewusst werden. Doch was Wissen ist, würde dadurch um keinen Deut klarer. 

Man kann das Wissenwollen nicht aus dem Wissen erklären, sondern allenfalls das Wissen aus dem Wissenwollen. Und das ist nicht, was die Dinge an sich selber sind, sondern das, was ich mit ihnen anfangen kann. 

Denn dass ich in einer Welt mit einer Unzahl von Dingen zusammen bin, die mich fördern oder behindern können, macht mein Wissenwollen überhaupt aus. 

In Summa, Wissen ist das Verhältnis zwischen dem, was mir begegnet, und dem, was ich wollen könnte.

Das ist der Gegenstand der Transzendentalphilosophie - nicht mehr, aber auch nicht weniger.

 

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Am Ursprung des Bewusstseins.

                                  zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Was wird nun aus diesem Triebe des Ich folgen? Man denke, das Ich würde nicht begrenzt, sein Trieb würde Tätigkeit, so wäre das Ich ein sich-selbst-Affizieren und weiter nichts, das Ich wäre nicht gebunden, es wäre sonach keine ideale Tätigkeit da, ideale und reale Tätigkeit fielen zusammen. So etwas können wir uns nicht denken, es wäre das Selbstbewusstsein des einen gedachten Gottes.


Von diesem Zustande wollen wir übergehen zur Beschränktheit, jetzt kann das Ich nicht handeln, seine praktische Tätigkeit ist angehalten. Nun ist der Charakter des Ich, dass es sich idealiter setze oder anschaue, dies ist erst jetzt möglich, denn jetzt ist etwas Gehaltenes da. Es muss ein Bewusstsein des Triebes oder* der Beschränktheit notwendig geben. Aus dem Triebe folgt Bewusstsein. Wenn das Ich lauter Tätigkeit wäre und keine Beschränktheit in ihm vorkäme, so könnte es sich nicht seiner Tätigkeit bewusst werden. Es kann im Ich nichts vorkommen ohne Bewusstsein, nun kommt hier ein Trieb vor, folglich muss Be-wusstsein desselben sein.

Hier teilen sich ideale und reale Tätigkeit, und die oben beschriebene Entgegensetzung beider wird möglich; wir stehen an der Grenze alles Bewusstseins; weil wir den Ursprung des Bewusstsein sehen.

Ideale Tätigkeit ist nur eine gebundene; ihr unmittelbares Objekt ist die praktische, ihre Gebundenheit hängt von der praktischen ab, diese muss ursprünglich ein Streben sein, und dies ist der Ursprung des Bewusstseins.
*)
[d. h.]
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  J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodoHamburg 1982, S. 67

 

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Mittwoch, 10. Juni 2026

Reale und ideale Tätigkeit.

Beate Güldner                                 zu Wissenschaftslehre...  aus Marxiana

Die Erzeugung der Bedürfnisse ist der 'Grund', das Materiale der reellen Geschichte; der 'Grund', das Materiale, der 'Stoff' der ökonomischen Form bestimmung ist hingegen die Entscheidung darüber, welches Bedürfnis gelten soll: nämlich in der Gesellschaft. 

Das ist ein faktisches Ereignis, das der 'Formbestimmung' zu Grunde liegt: und der 'Grund' kommt als solcher im Prozess der Formbestimmung nicht vor - weil er sie ja eben 'begrün-det'; kommt also in der Darstellung der Formbestimmung ebenfalls nicht vor; Formbestim-mung
= Kategorien.

Also kann der 'Stoff' des ökonomischen Prozesses in der 'dialektischen', nämlich kategori-alen Darstellung gar nicht auftreten: Er liegt außerhalb ihrer 'Grenzen'.

Das Erzeugen des Bedürfnisses ist die 'reale' Tätigkeit; das Bestimmen, 'was', bzw. 'wieviel' das Befürfnis gelten soll - also nach dem 'an-sich'-Setzen des Bedürfnisses sein Bestimmen als ein solches - das ist die reflektierende, die 'ideale' Tätigkeit.  

Und in dieser 'materialistischen' Darstellung liegt es unterm Auge, dass es sich 'in Wirk-lichkeit' nur um ein und dieselbe Tätigleit handelt: Bedürfnis ist 'Wert'-Bestimmung, 'Wert'-Setzung: 'was' ('wieviel') das 'Ding' mir, nämlich meinem Zweck, 'wert' ist. Aber sobald ich in Gesellschaft existiere, 'setze' ich nicht allein: Die 'Dinge' sind nun nicht schon 'meine'; ich kann sie nur in Gesellschaft aneignen, und meine Zeit ist nicht nur 'meine': Auch sie muss ich mir in der und durch die Gesellschaft erst aneignen; ich bin nur mittelbar Eigentümer sowohl der 'Dinge' als auch meiner selbst, d. h. meiner Zeit. D. h. ich bin beherrscht - sei es durch Personen, sei es durch den allgemeinen Zusammenhang zwischen den Personen.

14. 9. 87


Nachtrag. - Der Versuch, die Begriffe des einen philosophischen Systems wörtlich und unvermittelt in ein anderes philosophisches System zu übersetzen,* wird immer ein wenig belustigen. Aber wie soll man anders anfangen, wenn man die Vermutung einer logischen Verwandtschaft überprüfen will? Es ist ja klar, dass auch die größte Passgenauigkeit gege-benenfalls nur sozusagen gilt; aber das wäre die Spur, die weiter zu verfolgen ist.
20. 11. 16 

*) ... die Begriffe der Wissenschaftslehre in den Worten der Kritik der Politischen Ökonomie, und umgekehrt.

Dienstag, 9. Juni 2026

Marxens 'Plan' in Heft II.

                                      zu Wissenschaftslehre  aus Marxiana

❲I. 1) Allgemeiner Begriff des Capitals. – 2) Besonderheit des Capitals: Capital circulant. Capital fixe. (Capital als Lebensmittel, als Rohstoff, als Arbeitsinstrument.) 3) Das Capital als Geld. II. 1) Quantität des Capitals. Accu-mulation. – 2) Das an sich selbst gemeßne Capital. Profit. Zins. Werth des Capitals; d. h. das Capital im Unter-schied von sich als Zins und Profit. 3) Die Circulation der Capitalien. α) Austausch des Capitals mit Capital. Austausch des Capitals mit Revenue. Capital und Preisse. β) Concurrenz der Capitalien. γ) Concentration der Capitalien. III. Das Capital als Credit. IV. Das Capital als Actiencapital. V. Das Capital als Geldmarkt. VI. Das Capital als Quelle des Reichthums. Der Capitalist. Nach dem Capital wäre dann das Grundeigenthum zu be-handeln. Nach diesem die Lohnarbeit. Alle 3 vorausgesezt, die Bewegung der Preisse, als die Circulation nun bestimmt in ihrer innern Totalität. Anderseits die 3 Klassen als die Production gesezt in ihren 3 Grundformen und Voraussetzungen der Circulation. Dann der Staat. (Staat und bürgerliche Gesellschaft. – Die Steuer, oder die Existenz der unproductiven Klassen. – Die Staatsschuld. – Die Population. – Der Staat nach aussen: Colonien. Auswärtiger Handel. Wechselkurs. Geld als internationale Münze. – Endlich der Weltmarkt. Uebergreifen der bürgerlichen Gesellschaft über den Staat. Die Crisen. Auflösung der auf den Tauschwerth gegründeten Produc-tionsweise und Gesellschaftsform. Reales Setzen der individuellen Arbeit als gesellschaftlicher und vice versa.)
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Marx, Grundrisse, MEGA II/1.1, S. 187   [MEW 42, S. 188]     
 

Nota.  Nach zwei vergeblichen Anläufen war es Marx schließlich gelungen, mit der Arbeit an 'seiner Ökonomie' zu beginnen. Die Vorstellung, gleich mit der Niederschrift zu begin-nen, hatte er aufgeben müssen, stattdessen beginnt er mit der umständlichen Rezension eines Werks des Proudhonisten Alfred Darimon, Über die Refom der Banken. In der Arbei-terbewegung ist Proudhon damals noch sein Hauptgegner: Er will das Kapital durch Mani-pulationen in der Zirkulation abschaffen und verwirft den politischen Kampf. Dagegen er-klärt Marx das Kapital aus den Produktionsverhältnissen, die nur durch gewaltsamen Ein-griff in die Eigentumsverhältnisse, und folglich durch eine politische Revolution zu über-winden sind. 
 
Die Kritik an Darimon-Proudhon ist also der probate Zugang zu seiner Darstellung des Kapitalverhältnisses. Ab S. 7/Heft I (MEGA II/1.1, S. 61/ MEW 42, S. 62) verlässt Marx das Buch Darimons und geht zu einer eigenen Darstellung der Entstehung und des Wesens des Gelde über. Die erste Hürde ist geschafft, Marx hat einen Zugang zum Thema gefun-den.

Aber noch immer glaubt er, an einer eigenen 'Politischen Ökonomie' zu arbeiten: das von Ricardo unvollendet gelassene 'System' abzuschließen, indem er die verbliebene Lücke füllt und erklärt, wie dasjenige, was das Kapital ausmacht, der Mehrwert, überhaupt entsteht. So weit ist er nämlich selbst noch nicht! Er versucht, anknüpfend an die Analyse des Geldes, den Mehrwert aus dem Wert zu erklären. Erst als ihm das misslingt und er auf die histori-sche Voraussetzung der "sogenannten ursprünglichen Akkumulation" als Bedingung für den ungleichen Tausch zwischen Kapital und Arbeit stößt, verwendet er erstmals den Ausdruck "Kritik" der Politischen Ökonomie: Political Economy, Criticism Of.

Wer's nicht glaubt, findet in obiger Stelle einen der zahlreichen 'Pläne', die Marx im Verlauf seiner Arbeit aufgeschrieben hat: ein Buch 'über alles'; bloß nicht über Mehrwert, unglei-chen Tausch und "ursprüngliche Akkumulation".
JE,
5. 3. 16

Montag, 8. Juni 2026

Omnis negatio...

                              zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Man denkt nicht deutlich und kann nichts deutlich denken, ohne sein Gegenteil zugleich mitzudenken.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982
, S. 36 

 

Nota. - Omnis positio est negatio? - Omnis negatio est positio.

Im spinozischen Original ist nicht von positio, sondern determinatio die Rede: 'Jede Be-stimmung ist Verneinung'. Das geht nur, wenn man die möglichen Bestimmtheiten als vorgegeben auffasst: als ob sie in einem Setzkasten vorrätig wären und die eine nicht das bedeuten kann, was alle anderen bedeuten. Will sagen: Der Umfang aller möglichen Be-stimmungen ist gegeben. 

Es impliziert einen obersten Bestimmer, der für alles im Voraus gesorgt hat. Wenn ich den nicht voraussetze, ist der Satz so nicht möglich. 

Ich müsste stattdessen vom Gegebenen - positum - reden: Ich kann nichts (Gegebenes) deutlich denken, ohne sein Gegenteil zugleich mitzudenken. Das Gegebene ist keine be-stimmte Menge, sondern Alles, dem ich in der Welt begegnen könnte - und das ist unend-lich viel. Wenn ich eines aus dieser unendlichen Menge als dieses und kein anderes be-stimmen will, geht es nur so, dass ich in dieser Menge ein schon in seiner Eigenheit be-stimmtes Partikel auswähle und sage: Genau das ist es nicht. 

Mindestens ein Positum muss immer als dieses und kein anderes vorangestellt werden, wenn ich irgend ein anderes Gegebenes als dieses und kein anderes bestimmen will. 

Das alles wäre ganz sinnlos, wenn alles bestimmt oder alles unbestimmt wäre. Es hilft nichts: Irgendwo muss man mit dem Bestimmen anfangen. Und irgendwer musste mit dem Bestimmen angefangen haben; ohne den gehts nicht.

Und auch dieses noch: Was nicht gesetzt war, kann nicht verneint werden, und was als dieses verneint wurde, ist ipso facto als dieses gesetzt. 
JE 

 

Das Ästhetische hat keinen Zweck, sondern gefällt oder nicht.

                                                      aus  Philosophierungen    Die ästhetische Philosophie ist ein Hauptteil der Wissensc...