Dienstag, 11. März 2025

Der Gegenstand des Gefühls.

Go bash!                                aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das Gefühl ist Affektion unserer selbst, es wird im Gefühle uns etwas angetan, es muss also etwas in uns sein, dem es angetan wird, und dies ist unser Handeln, aber es ist für uns nichts ohne Beschränktheit und Beschränktheit nicht ohne Handeln, daraus besteht nun das Fühl-bare. Durch das Handeln ist es für uns; dadurch, dass es beschränkt ist, ist es Gegenstand des Gefühls. Alles unser Bewusstsein geht aus von einer Wechselwirkung des Handelns und der Beschränktheit, beides ist beisammen, und dies ist das Objekt des Gefühls.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 155  


 
Nota I. – Die Wissenschaftslehre ist keine empirische Psychologie, sondern ein transzen-dentales Schema, das die Entstehung des Bewusstseins verständlich macht. Darum ist vom Gefühl in ihr stets nur die Rede, soweit es für die Entstehung des Bewusstseins eine Rolle spielt. – Das Tier handelt nicht im hier gemeinten Sinn. Fühlt es nicht? Soweit es für das Entstehen des Bewusstseins von Belang ist: nein, nämlich nicht als Beschränktheit. (Begriffe sind nicht dazu da, etwas nicht Vorhandenes neu zu konstruieren, sondern etwas in der Wirklichkeit Geschehendes – die Entstehung des Bewusstseins – zu beschreiben; also sind sie tautologisch.)
30. 10. 15

Nota II. - Die Wissenschaftslehre ist nicht das transzendentale Schema der Entstehung "der Bewusstseins", sondern das Schema der Entstehung des vernünftigen Bewusstseins; denn wäre es nicht vernünftig, wäre es für sie kein Bewusstsein. Der harte Kern der Vernünftig-keit ist der Glaube an die Wirklichkeit der Welt und an das Gesetz von Ursache und Wir-kung. Die Wissenschaftslehre will erklären, wie wir zu diesem Glauben kommen, da in unserm Wissen doch gar keine Dinge vorkommen, sondern lediglich Vorstellungen. 

Wir unterscheiden Vostellungen, denen Etwas außerhalb unseres Bewusstsein entspricht, von solchen, denen außerhalb des Bewusstseins nichts entspricht (Noumena und Schnaps-ideen). Der Unterschied ist, dass wir von den einen Erfahrungen haben, von den andern nicht. Erfahrungen beruhen auf Gefühlen. Wir glauben in den Gefühlen die Wirkungen der Gegenstände auf uns wahrzunehmen. Sie sind aber - für einen 'außenstehenden Beobachter' - Wechsel
wirkungen mit unserm Handeln, das gewissermaßen 'angefangen' hat: Sie sind der Widerstand, den das Nicht-Ich meiner primären Tätigkeit entgegensetzt und mich be-schränkt. Dies ist die erste Synthesis und der Anfang von allem Wirklichen.
10. 9. 18
 
Nota III. (Nachtrag zu gestern) -  Das Gefühl 'als solches' wäre phänomenologisch meine Welt schlechthin; wäre, wenn es Phänomen wäre. Ist es aber nicht. Es 'kommt vor' nicht als es selbst, sondern nur als meines. Würde meine ganze Gewärtigkeit nur im Fühlen bestehen, wäre meine Welt die ganze Welt. Ich bin aber nicht nur fühlend, sondern auch handelnd - in einer Reihe von vernünftigen Wesen, und die sind in unserer Welt; und mit ihnen ich. Das kann ich nur, weil ich vorstellend bin - und mein Fühlen auf etwas beziehe, das nicht-Ich ist und mir in meiner Einbildungkraft begegnet. Mein Fühlen bestimmen kann ich nur, weil ich zuvor etwas angefangen habe.
JE 

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