Dienstag, 18. November 2025

Denknotwendig.

Ruth Rudolph, pixelio.de                             zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Es kommt sonach dem Inhalte der Philosophie keine andere Realität zu, als die des noth-wendigen Denkens, unter der Bedingung, dass man über den Grund der Erfahrung etwas denken wolle. Die Intelligenz lässt sich nur als thätig denken, und sie lässt sich nur als auf diese bestimmte Weise thätig denken, behauptet die Philosophie. 

Diese Realität ist ihr völlig hinreichend; denn es geht aus ihr hervor, dass es überhaupt keine andere gebe.
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J. G. Fichte, Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre,
SW I, S. 449 



Nota. - Wer immer einen zweiten Schritt tun will, muss ihn an einen ersten Schritt anknüp-fen. In der Wirklichkeit, und das ist nichts anderes als die Welt der Erfahrung, tun wir im-mer schon den soundsovielten Schritt, und selbst dem gegenständlichen Philosophen geht es nicht anders. Rechtfertigen kann der Vernünftige sich immer nur durch Verweis auf den eben vorangegangenen Schritt. Die Wissenschaftslehre, die den Grund unseres wirklichen Wis-sens freilegen will, geht diesen Weg konsequent zu Ende; bis zu dem Punkt, hinter den kein Schritt zurück führt: Das Ich setzt sich, indem es sich ein/em Nichtich entgegensetzt.

Aus diesem aufgefundenen Grund rekonstruiert sie dann Schritt für Schritt die ganze Welt des wirklichen Wissens. Wenn ihr das gelingt, ist sie bewiesen. 

Und ist das Denken, das sie rekonstruiert hat, als notwendig erwiesen.
JE, 3. 10. 18

 

 

Montag, 17. November 2025

Man sucht nur den Grund von zufälligen Dingen.

                                   aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Man sucht nur den Grund von zufälligen Dingen. Die Philosophie überhaupt sucht den Grund für notwendige Vorstellungen, diese müssen also als zufällig gedacht werden. Es wäre Unsinn, nach dem Grunde eines Dinges zu fragen, das ich nicht für zufällig hielte. 

Ich halte etwas für zufällig heißt: Ich könnte denken, dass es gar nicht oder ganz anders wäre. So sind die Vorstellungen vom ganzen Weltsystem; wir denken uns die Erde füglich als anders sein könnend, und uns selbst können wir auf einen andren Planeten versetzt denken. Ob wir ohne die Vorstellungen sein können, belehrt und die Philosophie. Aber dass wir das Weltsystem für zufällig halten, ist gewiss, denn nur darum können wir nach einem Grunde desselben fragen.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, 
II. Einleitung, Hamburg 1982, S. 13

 

Nota. - In logischer Hinsicht ist alles, was in Raum und Zeit geschieht, zufällig: Es könnte immer auch anders sein. - Aber doch nur, wenn die Naturgesetze andere wären! - Ja, aber dass die Naturgesetze so und nicht anders sind, ist in logischer Hinsicht zufällig. Und je weiter oder tiefer Makro- und Mikrophysik vorstoßen, um so zweifelhafter wird - gerade in forschungspragmatischer Hinsicht - die Vorstellung vom Naturgesetz selber. Es bleibt nur das Faktum von Vorgängen, sie häufiger, und solchen, die seltener sind. Begrifflich reicht das nicht weiter als bis zur Vorstellung von Wahrscheinlichkeiten; und auch dies nur auf Widerruf. - Und nur darum könnten wir, sagt Fichte, nach einem Grund des Weltsystems fragen! Doch in faktischer Hinsicht kommen wir nicht weiter oder tiefer, als bis zum Ur-knall. Und ab da schwirrt uns der Kopf. In logischer Hinsicht nach einem Weltgrund fragen ist schlicht gedankenloser Mutwille.
JE

 
Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Sonntag, 16. November 2025

Nur was zufällig ist, braucht einen Grund. (II)

Sixtinische Kapelle             zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Die Frage nach dem Grunde gehört selbst zu den notwendigen Vorstellungen.

Man sucht nur den Grund von zufälligen Dingen. Die Philosophie überhaupt sucht den Grund von notwendigen Vorstellungen; diese müssen also als zufällig gedacht werden. 

Es wäre Unsinn, nach dem Grund eines Dinges zu fragen, das ich nicht für zufällig hielte. Ich halte etwas für zufällig heißt: Ich könnte denken, dass es gar nicht oder dass es ganz anders wäre. So sind die Vorstellungen vom ganzen Weltsystem; wir denken uns die Erde füglich als anders sein könnend, und uns selbst können wir auf einen andren Planeten ver-setzt denken. Ob wir ohne solche Vorstellungen sein könnten, belehrt uns die Philosophie; aber dass wir das Weltsystem für zufällig halten, ist gewiss, denn nur darum können wir nach einem Grund fragen.

Dieses Faktum enthält die ganze Erfahrung; aus dieser geht man heraus, mithin auch aus der gesamten Erfahrung heraus, und dies ist Philosophie und nichts anderes.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, II. Einleitung, Hamburg 1982, S. 13 

 

 

Nota I. - Der gesunde Menschenverstand sieht das ganz anders. Was zufällig geschieht, scheint ihm nicht hinreichend begründet, und was hinreichend begründet ist, kann eigent-lich gar nicht anders sein. - Doch der gesunde Menschenverstand ist ein Metaphysiker, für ihn sind logische Gründe und reelle Ursachen dasselbe. Aber notwendig ist nur das Logi-sche, alles Faktische ist nur mehr oder minder wahrscheinlich, und also mehr oder minder kontingent. Für das metaphysische Denken sind indessen beides 'Kräfte' aus einem 'Stoff', denen ein und dieselbe Substanz 'zu Grunde liegt'. Und die stellen sie sich unweigerlich als einen Schöpfer vor - der selber aber 'ganz anders' hätte schöpfen können!

Die kritische Philosophie macht es möglich und recht eigentlich notwendig, sich das bloß Seiende, das lediglich ist, weil es ist, als einen Zufall vorzustellen. Erst dann kann und muss man immer fragen: warum? Und keine Antwort kann je die letzte sein, man muss immer weiter fragen: warum nun aber dies? Einen Anfang wird man nie finden, man müsste ihn schon postulieren. Doch auch nur die Kritische Philosophie erlaubt, einen Akt der Freiheit zu denken. 

10. 6. 16


Nota II. - Nein: Der gesunde Menschenverstand glaubt gar nicht an den Zufall. Verstand, nämlich kein Aberglaube, ist er eben wegen seiner Gewissheit des Gesetzes von Ursache und Wirkung. Wenn eine Ursache nicht offenkundig ist, nimmt er eine an, die so vielfältig vermittelt ist, dass sie ihn - den gesunden Menschverstand - übersteigt. Chaostheorie ver-steht er vielleicht nicht, aber er glaubt sie gern. Die Vorstellung, dass etwas einfach nur so ist, wie es eben ist, und keinen hinreichenden Grund dafür hat, ist ihm gar nicht möglich - so wenig wie dem Aberglauben: Auch der nimmt immer eine Ursache an, und gern auch eine okkulte.

Genauer gesagt, einen Verursacher. Den hat auch im Vernunftzeitalter noch das Kirchen-dogma verbürgt, im Deismus der Aufklärer wurde er lediglich aus der Welt heraus vor deren Anfang versetzt, als Uhrmacher und Anstoßgeber.

Fichte schrieb schon in der Epoche der Naturgesetze. Auch hinter denen steht die Annah-me von einem, der gesetzt hat. Für die hinreichende Ursache ist a priori gesorgt; auch dann noch, wenn ich mir das Naturgesetz ohne gesetzgebenden Schöpfer als unerschaffene, von sich aus wirkende Kraft vorstelle (die dann freilich selber ohne Grund wäre). Zufällig ist nun das, was nicht offenkundig unters Naturgesetz fällt; das bedarf einer Begründung. So etwa die Welt, die schon war, bevor ein Gesetz in ihr wirken konnte.

*


Fichte geht es hier um die notwendigen Vorstellungen und den ganzen Komplex der Denknotwendigkeit. Es gibt ein Denken, das uns als notwendig vorkommt. Um das erklä-ren zu können, müssen wir es im Gegenteil als zufällig denken: so, als ob es auch anders sein könnte. Da sagt er mehr, als er sich ausdrücklich zu formulieren wagt: Es muss selber aus Freiheit notwendig geworden sein; aus Freiheit notwendig. Das ist der einzige Grund, der selber keinen hat und daher in unserer Welt von Ursachen und Wirkungen als Zufall er-scheint. Aber auch nur, weil er in unserer Welt gar nicht stattgefunden hat, sondern in der Vorstellung, und in unserer Welt erst wirklich wirkt, wenn er sich zu einem Ich bestimmt und Zwecke gesetzt hat.
 
4. 10. 18

 

Nota III. - In logischer Hinsicht ist alles, was in Raum und Zeit geschieht, zufällig: Es könnte immer auch anders sein. - Aber doch nur, wenn die Naturgesetze andere wären! - Ja, aber dass die Naturgesetze so und nicht anders sind, ist in logischer Hinsicht zufällig. Und je weiter oder tiefer Makro- und Mikrophysik vorstoßen, um so zweifelhafter wird - gerade in forschungspragmatischer Hinsicht - die Vorstellung vom Naturgesetz selber. Es bleibt nur das Faktum von Vorgängen, sie häufiger, und solchen, die seltener sind. Begrifflich reicht das nicht weiter als bis zur Vorstellung von Wahrscheinlichkeiten; und auch dies nur auf Widerruf. - Und nur darum könnten wir, sagt Fichte, nach einem Grund des Weltsy-stems fragen! Doch in faktischer Hinsicht kommen wir nicht weiter oder tiefer, als bis zum Urknall. Und ab da schwirrt uns der Kopf

In logischer, nämlich onto logischer Hinsicht nach einem Weltgrund fragen ist schlicht ge-dankenloser Mutwille.
JE, 23. 4. 21

Samstag, 15. November 2025

Sinngebung des Sinnlosen.

br                                           zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik;

Die Tathandlung alias "erste geschichtliche Tat" ist keine Tatsachenbehauptung, sondern eine Sinn-Behauptung, eigentlich also: Sinn-Gebung. Das empirische ("historische") Ge-schehen soll so betrachtet, aufgefasst, "verstanden" werden, als ob es sich um die Selbster-zeugung 'des Subjekts' handle - nicht an diesem oder jenem (Zeit-) Punkt, sondern im Pro-zess; ist also kein theoretisches Prinzip, sondern ein praktisches: "Weltgeschichte in prag-matischer Absicht", "pragmatische Geschichte des menschlichen Geistes".

Dass dem so ist bei Marx, erhellt schlagend der Umstand, dass in der Deutschen Ideolo-gie zwei "erste" geschichtliche Taten vorkommen: das erstemal sehr wohl als empirische Behauptung ("Werkzeug"),* erst danach als logische Erklärung ("Bedürfnis"), d. h. be-grifflich verallgemeinert... Sollte mich nicht wundern, wenn die zweite "erste Tat" ein nachträglicher Einschub von Marx wäre - dies nachschauen in der MEGA!!!
aus e. Notizbuch, 14. 2. 87


*) Im vorigen Eintrag hatte ich statt Werkzeug versehentlich 'Lebensmittel' geschrieben. Faktisch wird es wohl so gewesen sein, dass sich 'Werkzeug' und 'Bedürfnis' prozessierend, 'systemisch' gemeinsam und durch einander entwickelt haben. Die Unterscheidung zwi-schen logisch und faktisch wird erst nachträglich durch die Reflexion des Historikers in den lebendigen Verlauf der Geschichte hinein gedacht: weil es nämlich immer um Handlungen geht, die als solche eine Absicht bekunden, die aus den Fakten gar nicht hinaus zudenken ist.
6. 11. 16

Freitag, 14. November 2025

Wozu taugt philosophieren?

Ekart Hartmann            zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik;
 

Was soll denn nun eine Philosophie, und wozu bedarf es der spitzfindigen Zurüstung derselben, wenn sie gesteht, dass sie für das Leben nichts andres sagen, zu demselben [sich] nicht einmal als Instrument bilden kann; daß sie nur Wissenschaftslehre, keineswegs Weisheitsschule ist? 

Ich erinnere auch hier an die oft gegebene Antwort. Ihr Hauptnutzen ist negativ und kri-tisch. Es mangelt in dem, was nun gewöhnlich für Lebensweisheit gehalten wird, nicht daran, daß sie zu wenig, sondern daran, daß sie zu viel enthält. Man hat eben die erräso-nierten Sätze der oben beschriebenen erschaffenden Metaphysik hereingetragen – und diese sollen [wieder heraus] gesondert werden. Sie hat die Bestimmung, die gemeine Erkenntnis von aller fremden Zutat zu reinigen.

Dies hat ihnen Kant zur Genüge gezeigt.

Mittelbar, d. h. inwiefern ihre Kenntnis mit der Kenntnis des Lebens vereinigt ist, hat sie auch einen positiven Nutzen. Für das unmittelbar praktische pädagogische im weitesten Sinn des Worts: Sie zeigt, wie man die Menschen bilden müsse, um moralische, echtreli-giöse, legale Gesinnungen in ihnen hervorzubringen und nach und nach allgemein zu ma-chen. Für die theoretische Philosophie, Erkenntnis der Sinnenwelt, Naturwissenschaft ist sie regulativ. Sie zeigt, was man von der Natur fragen müsse.

Ihr Einfluß auf die Gesinnung des Menschengeschlechts überhaupt ist, daß sie ihnen Kraft, Mut und Selbstvertrauen beibringt, indem sie zeigt, daß sie und ihr ganzes Schicksal ledig-lich von sich selbst abhängen; indem sie den Menschen auf seine eignen Füße stellt.
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Johann Gottlieb Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen, in: Gesamtausgabe Bd. II/5, S. 122f.

 

Donnerstag, 13. November 2025

Robinson schafft keinen Wert.

N. C. Wyeth                                                                                                   aus Marxiana 

Kein Producent, der Industrielle sowenig wie der Ackerbauer, isolirt betrachtet, producirt Werth oder Waare. Sein Produkt wird nur Werth und Waare in bestimmtem gesellschaftli-chen Zusammenhang. Erstens, soweit es als Darstellung gesellschaftlicher Arbeit erscheint, also seine eigne Arbeitszeit als Theil der gesellschaftlichen Arbeitszeit überhaupt; zweitens: dieser gesellschaftliche Charakter seiner Arbeit erscheint als ein seinem Produkt aufgepräg-ter gesellschaftlicher Charakter, in seinem Geldcharakter und in seiner durch den Preis be-stimmten allgemeinen Austauschbarkeit. 
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K. Marx, Das Kapital III, 
MEGA II.15; S. 625. [MEW 25, S. 651]

 

Nota. - Das Produkt ist nach seinem Stoff in beiden Fällen dasselbe. Daran ändert der hinzutretende 'gesellschaftliche Charakter' gar nichts, sondern lediglich an seiner Geltung.
JE 

 
 

Mittwoch, 12. November 2025

Die Nachfrage ist der materiale Gehalt des Verkehrs.

                                                                            zu Marxiana

Die welthistorische Entwicklung der Nachfrage - ihre universelle Ausbildung - hängt zu-nächst ab vom Bekanntwerden der Produkte der verschiednen Länder der Erde unter sich. Wenn in der weiteren Entwickung die Nachfrage den Verkehr schafft, so schafft ursprüng-lich der Verkehr die Nachfrage. Sie ist der materielle Inhalt des Verkehrs - die Gesammtheit der Gegenstände des Austauschs, der in den Tausch und Handel kommenden Waaren.

Kriege, Entdeckungsreisen u.s.w., alle historischen Ereignisse, wodurch die Verbindung miteinander gebracht werden, sind ebenso viele Bedingungen der Erweiterung der Nach-frage - der Bildung des Weltmarkts. Das Wachstum der Nachfrage besteht unmittelbar, zunächst darin, daß schon vorhandne Producte verschiedener Länder gegeneinander ge-tauscht werden. Die Nachfrage verliert allmählig den lokalen u.s.w. Charakter und wird kosmopolitisch. In diese Consumtion der Invividuen eines Landes geht so immer die Production aller Länder ein.

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K. Marx, Nachfrage, MEGA IV/6, S. 974 


Nota. - Nachfrage ist Bedürfnis; allerdings nur das durch Tauschwert - Geld - zertifizierte, "geltend gemachte" Bedürfnis. Die ihm als Nachfrage gegenüberstehende Geldmenge macht die angebotenen Gebrauchswerte als solche 'gültig' - indem sie ipso facto Tauschwert erhalten. Alles geht restlos auf. 

Es gäbe gar kein Problem, wenn nicht das Geld ungleich verteilt wäre. Die einen haben grad soviel, dass sie ihren täglichen Lebensunterhalt dagegen eintauschen können, die an-dern haben genug, um es als Kapital fungieren zu lassen. Die Folge ist, dass eine Menge Bedürfnisse unbefriedigt bleiben und eine Menge Gebrauchswerte ins Meer gekippt wer-den. [Die obige Notiz wurde in 1846-47 niedergeschrieden. (Gülich-Exzerpt).]
JE, 26. 11. 16

  

Dienstag, 11. November 2025

Gebrauchswert und gesellschaftliches Bedürfnis.

lagis-hessen

Es ist in der That das Gesetz des Werths, wie es sich geltend macht, nicht in Bezug auf die einzelnen Waaren oder Artikel, sondern auf die jedesmaligen Gesammtprodukte der besond-ren, durch die Theilung der Arbeit verselbständigten gesellschaftlichen Produktionssphären; sodaß nicht nur auf jede einzelne Waare nur die nothwendige Arbeitszeit verwandt ist, son-dern daß von der gesellschaftlichen Gesammtarbeitszeit nur das nöthige proportionelle Quantum in den verschiednen Gruppen verwandt ist.

  • Gesellschaftliches Bedürfnis und Verteilung der Gesamtarbeitszeit.


Denn Bedingung bleibt der Gebrauchswerth. Wenn aber der Gebrauchswerth bei der einzel-nen Waare davon abhängt, daß sie an und für sich ein Bedürfniß befriedigt, so bei der gesell-schaftlichen Produktenmasse davon, daß sie dem quantitativ bestimmten gesellschaftlichen Bedürfniß für jede besondre Art von Produkt adäquat, und die Arbeit daher im Verhältniß dieser gesellschaftlichen Bedürfnisse, die quantitativ umschrieben sind, in die verschiednen Produktionssphären proportionell vertheilt ist. (Dieser Punkt heranzuziehn bei der Verthei-lung des Kapitals in die verschiednen Produktionssphären.) 

Das gesellschaftliche Bedürfniß, d. h. der Gebrauchswerth auf gesellschaftlicher Potenz, erscheint hier bestimmend für die Quota der gesellschaftlichen Gesammtarbeitszeit, die den verschiednen besondren Produktionssphären anheimfallen. Es ist aber nur dasselbe Gesetz, das sich schon bei der einzelnen Waare zeigt, nämlich: daß ihr Gebrauchswerth Vorausset-zung ihres Tauschwerths und damit ihres Werths ist. Dieser Punkt hat mit dem Verhältniß zwischen nothwendiger und Mehrarbeit nur soviel zu thun, daß mit Verletzung dieser Pro-portion der Werth der Waare, also auch der in ihm steckende Mehrwerth, nicht realisirt werden kann. 
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K. Marx, Das Kapital III, MEGA II.15; S. 623f. [MEW 25, S. 648f.]

 

Nota. - Erste Ebene: individuelle Geltung; zweite Ebene: gesellschaftliche Geltung; bzw. real/ideal. (Es ist bloß eine Analogie - aber eine systematische.)
JE 

 

Montag, 10. November 2025

Empirisch erscheint die "erste geschichtliche Tat" als Schaffung von disposable time.

Barberini Faun                                                                                                        zu Marxiana

Empirisch, in der realen Geschichte, ist das "neue Bedürfnis", die "Tathandlung", "causa sui", "generatio aequivoca" usw. nichts als der Überschuss über das "ursprünglich gegebe-ne" Natur bedürfnis, und zwar unter Umständen, unter denen der Überschuss nicht aleato-risch, sondern systematisch entsteht; empirisch: Beginn des Ackerbaus, notament Getrei-debau.

Wenn also das "Bedürfnis" in der Kritik der politischen Ökonomie nicht in derselben systematischen Bedeutung erscheint wie die Tathandlung in der Wissenschaftslehre, so darum, weil es seine systematische Bedeutung, seine Schlüssel rolle hat in seiner empirisch greifbaren Gestalt als Überschuss... an Arbeitszeit. 

Disposable time im Unterschied zur notwendigen Arbeit - das ist allerdings der Schlüssel zur Wertform; denn nur, weil (Arbeits-)Zeit disponibel ist, stellt sich überhaupt das Problem (!), auf welche Bedürfnisse sie verteilt werden soll: also was die jeweiligen Bedürfnisse ge-geneinander gelten sollen. (Unter den Bedingungen des Naturzustandes stellt sich so ein 'Problem' nicht: Da gibt es nichts zu entscheiden, also gibt es auch keine Zwecke, nämlich keine gewollten.)
22. 4. 87


Nachtrag.  
Auch in Jäger- und Sammler-Zeiten kamen Überschüsse vor: zufällig, unvorhersehbar, nicht einzuplanen. Da man sie weder konservieren noch auf Wanderungen mitführen konnte, blieb nur eines übrig: Sie verprassen im Fest. Das Fest ist die Grundform aller Kultur und ist älter als Arbeit und Ackerbau.
19. 11. 16 
 
Noch ein Nachtrag.
Nomadische Jäger- und Sammler arbeiten nicht, sondern jagen und sammeln - je nach Gelegenheit. Ihre Zeit ist insgesamt disposable; je nach Gelegenheit.
 
 

Sonntag, 9. November 2025

Reale und ideale Tätigkeit.

Beate Güldner                          zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik; zu Marxiana

Die Erzeugung der Bedürfnisse ist der "Grund", das Materiale der reellen Geschichte; der "Grund", das Materiale, der 'Stoff' der ökonomischen Form bestimmung ist hingegen die Entscheidung darüber, welches Bedürfnis gelten soll: nämlich in der Gesellschaft. 

Das ist ein faktisches Ereignis, das der "Formbestimmung" zu Grunde liegt: und der "Grund" kommt als solcher im Prozess der Formbestimmung nicht vor - weil er sie ja eben "begründet"; kommt also in der Darstellung der Formbestimmung ebenfalls nicht vor; Formbestimmung = Kategorien.

Also kann der "Stoff" des ökonomischen Prozesses in der "dialektischen", nämlich katego-rialen Darstellung gar nicht auftreten: Er liegt außerhalb ihrer "Grenzen".

Das Erzeugen des Bedürfnisses ist die "reale" Tätigkeit; das Bestimmen, 'was', bzw. 'wieviel' das Befürfnis gelten soll - also nach dem "an-sich"-Setzen des Bedürfnisses sein Bestimmen als ein solches - das ist die reflektierende, die "ideale" Tätigkeit.  

Und in dieser "materialistischen" Darstellung liegt es unterm Auge, dass es sich "in Wirk-lichkeit" nur um ein und dieselbe Tätigleit handelt: Bedürfnis ist "Wert"-Bestimmung, "Wert"-Setzung: 'was' ('wieviel') das 'Ding' mir, nämlich meinem Zweck, "wert" ist; aber sobald ich in Gesellschaft existiere, 'setze' ich nicht allein: Die "Dinge" sind nun nicht schon "meine"; ich kann sie nur in Gesellschaft aneignen, und meine Zeit ist nicht nur "meine": Auch sie muss ich mir in der und durh die Gesellschaft erst aneignen; ich bin nur mittelbar Eigentümer sowohl der 'Dinge' als auch meiner selbst, d. h. meiner Zeit. D. h. ich bin be-herrscht - sei es durch Personen, sei es durch den allgemeinen Zusammenhang zwischen den Personen.
14. 9. 87


Nachtrag. - Der Versuch, die Begriffe des einen philosophischen Systems wörtlich und unvermittelt in ein anderes philosophisches System zu übersetzen, wird immer ein wenig belustigen. Aber wie soll man anders anfangen, wenn man die Vermutung einer logischen Verwandtschaft überprüfen will? Es ist ja klar, dass auch die größte Passgenauigkeit gegebe-nenfalls nur sozusagen gilt; aber das wäre die Spur, die weiter zu verfolgen ist.
20. 11. 16 

Samstag, 8. November 2025

Bedürfnis und Vorstellung (Setzen und bestimmen).

belforest        zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik; zu Marxiana

Aber die Menschen beginnen keineswegs damit, "in diesem theoretischen Verhältnis zu Dingen der Außenwelt zu stehen". Sie fangen, wie jedes Tier, damit an, zu essen, zu trinken etc., also nicht in einem Verhältnis zu "stehen", sondern sich akriv zu verhalten, sich gewis-ser Dinge der Außenwelt zu bemächtigen durch die Tat, und so ihr / Befürfnis zu befriedi-gen. (Sie beginnen also mit der Produktion.)

Durch die Wiederholung dieses Prozesses prägt sich die Eigenschaft dieser Dinge, ihre "Be-dürfnisse zu befriedigen", ihrem Hirn ein, die Menschen wie Tiere lernen auch "theoretisch" die äußern Dinge, die zur Befriedungung ihrer Bedürfnisse dienen, vor [sic] allen andern zu unterscheiden. Auf gewissem Grad der Fortentwicklung, nachdem unterdes auch ihre Be-dürfnisse und die Tätigkeiten, wodurch sie befriedigt werden, sich vermehrt und weiterent-wickelt haben, werden sie auch bei der ganzen Klasse dieser erfahrungsmäßig von der übri-gen Außenwelt unterschiednen Dinge sprachlich taufen. Dies tritt notwendig ein, da sie im Produktionsprozess - i. e. Aneignungsprozess dieser Dinge - fortdauernd in einem werktä-tigen Umgang unter sich und mit den Dingen stehen und bald im Kampf mit andern um diese Dinge zu ringen haben.

Aber diese sprachliche Bezeichnung drückt durchaus nur aus als Vorstellung, was wieder-holte Bestätigung zur Erfahrung gemacht hat, nämlich dass den in einem gewissen gesell-schaftlichen Zusammenhang bereits lebenden Menschen (dies der Sprache wegen notwen-dige Vorausssetzung) gewisse äußere Dinge zur Befriedigung ihrer Bedprfnisse dienen. Die Menschen legen diesen Dingen nur einen besondern (generic) Namen bei, weil sie bereits wissen, dass dieselben zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse dienen, weil sie ihrer durch mehr oder minder oft wiederholte Tätigkeit habhaft zu werden und sie daher auch in ihrem Besitz zu erhalten suchen; sie nennen sie vielleicht "Gut" oder sonst etwas, was ausdrückt, dass diese Dinge ihnen nützhlich [sind], und geben dem Ding diesen Nützlichkeitscharakter als von ihnen besessen, obgleich es einem Schaf schwerlich als eine seiner "nützlichen" Eigen-schaften vorkäme, dass es vom Menschen essbar ist.

Also: die Menschen fingen tatsächlich damit an, gewisse Dinge der Außenwelt als Befriedi-gungsmittel ihrer eignen Bedürfnisse sich anzueignen etc. etc.; später kommen sie dazu, sie auch sprachlich als das, was sie in praktischer Erfahrung für sie sind, nämlich als Befriedi-gungsmittel ihrer Bedürfnisse zu bezeichnen, als Dinge, die sie "befriedigen". Nennt man nun diesen Umstand, dass die Menschen solche Dinge nicht nur praktisch als Befriedigungs-mittel ihrer Bedürfnisse behandeln, sondern sie auch in ihrer Vorstellung und, weiter, sprach-lich, als ihre Bedürfnisse, als sie selbst "befriedigende" Dinge bezeichnen (solange das Be-dürfnis des Menschen  nicht befriedigt ist, ist er im Unfrieden mit seinem Bedürfnis, also mit sich selbst), nennt man dies, "nach dem deutchen Sprachgebrauch", ihnen einen "Wert" beilegen.

So hat man bewiesen, dass der allgemeine  Begriff "Wert" entspringt aus dem Verhalten des Menschen zu den in ihrer Außenwelt vor-/gefundenen Dingen, welche ihre Bedüfnisse be-friedigen, und mithin, dass dies der Gattungsbegriff von "Wert" ist und alle andern Wertsor-ten, wie z. B. der chemische Wert der Elementenur eine Abart davon.

Es ist "das natürliche Bestreben" eines deutschen Ökonomieprofessors, die ökonomische Kategorie "Wert" aus einem "Begriff" abzuleiten, und das erreicht er dadurch, dass, was in der politischen Ökonomie vulgo "Gebrauchswert" heißt, "nach deutschen Sprachgebrauch" in "Wert" schlechthin umgetauft wird. ...
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K. Marx, Randglosssen zu A. Wagners 'Lehrbuch der politischen Ökonomie', in MEW 19, S. 362ff.

 

Nota. - Adolph Wagner war der führende Kopf der sogenannten Kathedersozialisten, die eine staatliche Sozialpolitik und arbeiterfreundliche Reformen propagierten. Sie standen den agrarischen Konservativen in Preußen nahe und bekämpften die unabhängige Arbeiterbe-wegung.
JE 

Das Intelligible entsteht aus dem Versuch des Begreifens.

M. Ernst                                             zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik   Ein Sein bedeutet i...