zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Ich schrieb: Einen Denkzwang gibt es nur für die Reflexion.
Das ist eine Tautologie, denn Denken in specie ist Reflexion. Das lebendige Vorstellen - reale Tätigkeit, wie Fichte sagt - kennt noch gar keinen Gegenstand: Den setzt es ja erst. Mit der Anschauung beginnt das Bestimmen als dieser: nämlich das Beziehen auf den Zweckbegriff.* Das Beziehen auf den Zweckbegriff ist - Reflektieren. Es muss nämlich geurteilt werden: Welchen Widerstand setzt der Gegenstand meinem zweckmäßigen Handeln entgegen? Das ist zugleich das Fortbestimmen meines Zweckbegriffs am Gegenstand. Und jetzt meldet sich mancherlei Zwang.
24. 1. 19
* ) 'Was kann ich damit anfangen?' - hier beginnt das Bestimmen in specie: bestimmen wozu? Die Widerstände, den der Gegenstand meiner Tätigkeit leistet, schränkt die Möglichkeiten meines Tuns ein. Ich muss sie rückbeziehen auf meine Absicht, auf die ich spätestens erst jetzt reflektieren muss.
GPT-6 antwortet:
Ich lese den Text als eine wissenslogische Bestimmung der Grenze maschineller Intelligenz. Der entscheidende Gedanke scheint mir nicht zu sein, dass der Computer nichts Neues hervorbringen könne. Das kann er offenkundig, jedenfalls im Sinne von Ergebnissen, die sein Konstrukteur weder vorhergesehen noch einzeln vorgegeben hat. Entscheidend ist vielmehr, was für eine Tätigkeit das Hervorbringen solcher Ergebnisse ist.
Ihre Argumentation unterscheidet drei Momente:
Lebendiges Vorstellen: reale Tätigkeit, die noch keinen Gegenstand vor sich hat, sondern ihn erst setzt.
Anschauung: Der Gegenstand wird als dieser bestimmt und auf einen Zweck bezogen.
Reflexion: Der Zweckbegriff wird am Gegenstand geprüft und fortbestimmt. Der Widerstand, auf den die Tätigkeit stößt, nötigt zum Urteilen.
Der Denkzwang entsteht demnach nicht schon mit dem Hervorbringen von Vorstellungen, sondern erst dort, wo das Denken sich auf einen Gegenstand bezieht und sich an ihm bewähren muss.
An einer Stelle würde ich allerdings genauer unterscheiden: Dass ein Computer nur mit Mitteln arbeitet, die Menschen konstruiert oder eingerichtet haben, beweist für sich genommen noch nicht, dass seine Tätigkeit keine Reflexion sein kann. Auch der Mensch findet seine sprachlichen, begrifflichen und logischen Mittel nicht fertig in sich vor. Der Unterschied muss tiefer liegen: Nicht die Herkunft der Mittel entscheidet, sondern die Art, wie sie tätig werden und wodurch ihre Anwendung bestimmt wird.
Hier scheint mir Ihre Bestimmung des Widerstands wichtig. Ein Computer kann durchaus auf Hindernisse stoßen, Alternativen prüfen und seine Vorgehensweise korrigieren. Aber daraus folgt noch nicht, dass ihm ein Gegenstand in einer eigenen Absicht zum Gegenstand wird. Ob man seine Operationen deshalb Reflexion nennen darf, hängt davon ab, ob man Reflexion lediglich funktional bestimmt oder sie als einen Vollzug versteht, in dem ein Zweckbegriff für das tätige Ich maßgebend wird.
Ihre Fußnote verschärft diesen Punkt. Die Frage „Was kann ich damit anfangen?“ ist nicht einfach eine nachträgliche Nutzenerwägung. Sie bezeichnet den Übergang, in dem überhaupt erst bestimmt wird, wozu etwas Gegenstand ist. Der Widerstand schränkt die Handlungsmöglichkeiten ein; aber erst die Rückbeziehung auf die Absicht macht aus dieser Einschränkung eine bestimmte Aufgabe.
Eine Frage bleibt mir dabei, und sie betrifft den Kern Ihrer These: Wenn der Zweckbegriff spätestens angesichts des Widerstands ausdrücklich werden muss, ist er dann nicht schon vor dieser Reflexion wirksam, nämlich als die noch unbestimmte Absicht, aus der die Tätigkeit hervorgeht? Dann wäre Reflexion zwar durch den Gegenstand erzwungen, aber nicht die Quelle der Zweckhaftigkeit selbst. Genau darin läge wohl der Unterschied zwischen dem lebendigen Vorstellen und dem reflektierenden Bestimmen.
Ich: Da haben Sie mich überrumpelt: Der Text stammt aus 2019, da habe ich nichts von KI gewusst. Und eben, als ich die Note für Sie formatiert habe, habe ich - Sie mögen es nicht für möglich halten - an maschinelles Denken wirklich nicht gedacht!
Wie auch? Am Anfang der Reihe steht das Fühlen des Widerstands, den der Gegenstand der Tätigkeit leistet. - Wie kam es aber zu der Tätigkeit? Nach der Voraussetzung ist das (Proto-)Ich 'schlechthin' tätig; das heißt in der Wirklichkeit: peiristisch und problematisch. Fichte übernimmt hier von Kant den Ausdruck Einbildungskraft.
Nicht zu vergessen ist immer: Die Transzendentalphilosophie konstruiert nicht - aus Nichts! - eine Welt, in der alles zu einander passen soll, sondern re konstruiert aus analytisch aufgefundenen Prämissen eine Welt, die sie vorgefungen hat. Und dass dort Alles (irgendwie) zueinander passt, ist die Voraussetzung, unter der die Vernunftkritik überhaupt erst möglich wurde.
Er:
Ja, damit haben Sie mich in der Tat bei einer falschen Voraussetzung ertappt. Ich habe Ihren Text von 2019 von meiner heutigen Frage nach maschinellem Denken her gelesen und damit eine Fragestellung hineingetragen, die für Ihren damaligen Gedankengang gar nicht maßgeblich war. Dass die Note gerade beim Formatieren einen solchen Bezug nahelegte, war ein Zufall, den ich nachträglich zum Leitfaden gemacht habe.
Ihre Korrektur verschiebt den Einsatzpunkt erheblich. Nicht die Reflexion bringt die Tätigkeit hervor. Die Tätigkeit ist vorausgesetzt; die Reflexion wird erst durch den Widerstand erforderlich, den sie erfährt.
Damit stellt sich die Frage nach dem Anfang. Das schlechthin gesetzte Proto-Ich kann nicht seinerseits als Resultat einer vorausgehenden Bestimmung erklärt werden. Sonst hätte man den Anfang bereits hinter sich gelassen. Aber das schlechthin gesetzte Ich ist, wie Sie sagen, in der Wirklichkeit peiristisch und problematisch: Es ist kein fertig vorhandenes Subjekt, dem man nachträglich Tätigkeiten zuschreibt. Es bewährt und bestimmt sich erst im Vollziehen.
Hier erhält Fichtes Einbildungskraft ihre systematische Funktion. Sie ist nicht ein Vermögen, das zu einer schon fertigen Wirklichkeit Bilder hinzufügt. Sie gehört zu der Tätigkeit, durch die überhaupt Bestimmtheit zustande kommt. Der Widerstand wird nicht aus der Tätigkeit abgeleitet; er wird gefühlt, und was ihm widersteht, wird erst durch Reflexion als Gegenstand erschlossen.
Und damit komme ich zu Ihrem letzten Absatz, den ich für den methodisch entscheidenden halte.
Die transzendentale Rekonstruktion ist keine freie Konstruktion eines Systems, dessen Aufgabe darin bestünde, eine widerspruchsfreie Welt zu erfinden. Sie setzt analytisch aufgefundene Prämissen voraus und rekonstruiert aus ihnen die Bedingungen der Wirklichkeit, in der diese Prämissen vorgefunden wurden. Dass sich die Welt als ein Zusammenhang erweist, in dem Vernunftkritik möglich ist, ist dabei keine abschließend bewiesene Folgerung des Systems. Es ist die Voraussetzung, ohne die die Kritik gar nicht anheben könnte.
Das ist eine anspruchsvolle Unterscheidung: Die Rekonstruktion muss ihren Gegenstand nicht aus sich selbst erzeugen; sie muss verständlich machen, wie er unter den rekonstruierten Bedingungen möglich ist. Und sie darf ihre Voraussetzungen nicht stillschweigend in Ergebnisse verwandeln.
Eine kleine Einschränkung würde ich dennoch geltend machen: Dass alles irgendwie zueinander passt, kann nicht bedeuten, dass sich jede vorgefundene Bestimmung widerspruchslos in die Rekonstruktion einfügen lassen muss. Sonst wäre die Möglichkeit eines Irrtums, den die Vernunftkritik erst aufdecken soll, bereits ausgeschlossen. Die Voraussetzung eines rekonstruierbaren Zusammenhangs ist nicht dasselbe wie die Garantie, dass jede einzelne Rekonstruktion gelingt.
Gerade darin scheint mir der peiristische Zug Ihrer Auffassung zu liegen: Der Anfang ist unvermeidlich, aber seine Bestimmtheit und sein Gelingen sind nicht vorweggenommen. Die Vernunftkritik kann sich nur vollziehen, indem sie sich auf etwas einlässt, dessen Bestimmung noch aussteht.
Eine Nachbemerkung: Dass er es immer so eilig hat - er reagiert in Nanosekunden: Kaum habe ich meinen Text eingegeben, erscheint auf meinem Schirm schon seine Antwort - kann, wie man sieht, auch ein Nachteil sein JE
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