Dienstag, 27. Oktober 2026

Natur- und Kunstprodukt.

                          aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Was ein organisiertes Naturprodukt sei und warum und inwiefern ein solches nur als ein Ganzes zu denken sei, lässt sich am besten erkennen durch die Vergleichung desselben mit einem Kunstprodukte; welches darin mit dem Naturprodukte übereinkommt, dass es nur als ein Ganzes denkbar ist. In beiden ist jeder Teil um jedes anderen willen, demnach um des Ganzen willen da, und die Urteilskraft wird daher bei der Betrachtung des einen wie des anderen von dem Setzen des einen Teils fortgetrieben zu allen, bis sie das Auffassen been-det hat. 

Im Naturprodukt aber ist das Ganze auch um der Teile willen da; es hat keinen anderen Zweck als den, bestimmt diese Teile zu produzieren. Im Kunstprodukt hingegen weist das Ganze nicht zurück auf die Teile, sondern auf einen Zweck außer ihm; es ist Werkzeug zu etwas. Ferner, im Naturprodukte bringt jeder einzelne Teil durch seine innere Kraft sich selbst hervor. Im Kunstprodukt aber ist, ehe es nur Kunstprodukt werden konnte, der inne-re Bildungstrieb getötet, und es ist gar nicht auf ihn, sondern auf die Zusammensetzung nach mechanischen Gesetzen gerechnet. Daher weist dies auf einen Urheber außer ihm zurück, da hingegen das Naturprodukt fortdauernd sich selbst hervorbringt und eben da-durch erhält.
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J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 78  



Nota. - Was ich nicht zuvor schon als ein artikuliertes Ganzes von Mannigfaltigem aufge-fasst habe, kann ich nicht nur nicht begreifen, sondern nicht einmal begreifen wollen. Und dazu musste ich die Mannigfaltigen auf etwas bezogen denken, das außerhalb ihrer gedacht ist. Ich kann es nur denken als seine Bestimmung, seinen Sinn, seinen Zweck. Bei den Na-turgegenständen muss ich annehmen, dieser Zweck sei ihre Ganzheit selber; es ist sogar diese Annahme, um deretwillen ich sie als Natur gegenstände auffasse.

Das ist aber nicht ein primäres Prädikat, ohne dessen Voraussetzung ich sie gar nicht wahr-nehmen könnte. Das liegt vielmehr daran, dass ich als ein wesentlich Handelnder alles Sein nur als Handlung und jede Realität nur als Wirkung anschauen kann. Den toten Begriff zieht die Reflexion erst nachträglich davon ab - doch ohne zu versäumen, sich immer noch als Tribut an die Anschauung einen Schöpfer dazu auszumalen.
28. 12. 18
 
Nota II. - Anders als in seinen Vorlesungen, wo immer Eins aus dem Vorigen hergeleitet wird, doziert Fichte hier: 'So ist es.' Denn es handelt sich hier um eine Darstellung "nach Prinzipien" der Wissenschaftslehre; und diese werden dem Text vorangestellt.
JE



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