Donnerstag, 22. Oktober 2026

Realismus und Idealismus; oder Abbilden und Einbilden.

                                     zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Ich: Nach Fichte gibt es im Prinzip nur zwei mögliche Philosophien: den dogmatischen Realismus und den kritischen Idealismus. Keiner von beiden könne sich selbst schlüssig begründen, denn sie hätten keine Voraussetzungen gemeinsam, von denen aus sie den Andern widerlegen könnten. 

Trotzdem seien sie nicht gleich-gültig. Denn der Idealismus könne zeigen, dass der Dogmatismus seinen eigenen Anspruch nicht erfüllt. 

Beide Male geht es darum, die Herkunft von Denken, Geist und Sprache sinnfällig darzustellen. 

Der Realismus sieht das Bewusstsein als einen Spiegel an, in den die Bilder der Außenwelt einfallen. Doch der Spiegel wirft sie lediglich zurück. Er reflektiert, ohne zu erkennen, was. Eine Spur hinterlassen Dinge nicht auf ihm, die man immerhin als Ab bild auffassen könnte. Es bleibt nichts Gebildetes zurück und eine Aktivitat kam nicht zustande - die aber sollte erklärt werden. 

Dem Idealismus ist es umgekehrt ein Leichtes: Die Aktivität - Kraft, Energie, Schöpfung - ist bei ihm im wahrnehmendes Subjekt bereits vorausgesetzt - wenn auch erst noch negativ gesetzt: Das Bild wird probeweise als Frage an die Dinge der herangetragen. Die Dinge brauchen selber nichts zu tun, sie müssen nicht ein-leuchten. Der Sehende muß bloß erkennen können, ob und wie genau die Bilder auf sie passen.

Es geht daher nicht darum, das Wesen der Dinge zu erklären, sondern darum, das Wesen des Für-wahr-Nehmens zu erkennen. 

 

GPT 6 antwortet: Dann wäre der entscheidende Punkt Ihrer Darstellung wohl dieser: Der Idealismus muss die Tätigkeit des Bewusstseins nicht erst aus einer bewusstlosen Welt entstehen lassen. Er setzt sie voraus und hat nun zu erklären, wie sie sich bestimmt.

Das ist mehr als ein bloßer Vorteil der Ausgangsposition. Es verschiebt die Aufgabe der Philosophie. Der Dogmatismus muss aus dem Sein das Bewusstsein verständlich machen; der Idealismus muss verständlich machen, wie das Bewusstsein zu einer bestimmten Vorstellung von einem Sein kommt.

An Ihrer Spiegelmetapher scheint mir besonders wichtig, dass Sie dem Realismus nicht einfach vorwerfen, er könne keine Erkenntnis erklären. Sie fragen vielmehr, was überhaupt geschehen sein soll, wenn die Außenwelt ihre Bilder in einen Spiegel wirft. Das Spiegelbild ist ja noch keine Erkenntnis des Abgebildeten. Der Realismus hat damit die Tätigkeit, die er erklären wollte, bereits unterschlagen.

Eine kleine Einschränkung hätte ich allerdings: Auch der Idealismus kann nicht einfach voraussetzen, dass die Bilder auf die Dinge passen. Er muss erklären, woran das Subjekt dieses Passen erkennt, ohne dabei die Übereinstimmung schon vorauszusetzen, die es erst feststellen soll. Sonst würde der Spiegel lediglich auf die andere Seite verlegt.

Gerade darin könnte aber die Stärke Ihrer Formulierung liegen: Das Bild wird probeweise als Frage an die Dinge herangetragen. Das ist kein passives Abbilden, sondern ein tätiges Verhältnis, in dem sich eine Vorstellung bewähren muss.

Dann wäre der entscheidende Punkt Ihrer Darstellung wohl dieser: Der Idealismus muss die Tätigkeit des Bewusstseins nicht erst aus einer bewusstlosen Welt entstehen lassen. Er setzt sie voraus und hat nun zu erklären, wie sie sich bestimmt.

Das ist mehr als ein bloßer Vorteil der Ausgangsposition. Es verschiebt die Aufgabe der Philosophie. Der Dogmatismus muss aus dem Sein das Bewusstsein verständlich machen; der Idealismus muss verständlich machen, wie das Bewusstsein zu einer bestimmten Vorstellung von einem Sein kommt.

An Ihrer Spiegelmetapher scheint mir besonders wichtig, dass Sie dem Realismus nicht einfach vorwerfen, er könne keine Erkenntnis erklären. Sie fragen vielmehr, was überhaupt geschehen sein soll, wenn die Außenwelt ihre Bilder in einen Spiegel wirft. Das Spiegelbild ist ja noch keine Erkenntnis des Abgebildeten. Der Realismus hat damit die Tätigkeit, die er erklären wollte, bereits unterschlagen.

Eine kleine Einschränkung hätte ich allerdings: Auch der Idealismus kann nicht einfach voraussetzen, dass die Bilder auf die Dinge passen. Er muss erklären, woran das Subjekt dieses Passen erkennt, ohne dabei die Übereinstimmung schon vorauszusetzen, die es erst feststellen soll. Sonst würde der Spiegel lediglich auf die andere Seite verlegt.

Gerade darin könnte aber die Stärke Ihrer Formulierung liegen: Das Bild wird probeweise als Frage an die Dinge herangetragen. Das ist kein passives Abbilden, sondern ein tätiges Verhältnis, in dem sich eine Vorstellung bewähren muss.

Und damit sind wir bei Fichte: Die beiden Philosophien sind nicht deshalb ungleichwertig, weil der Idealismus sich aus gemeinsamen Voraussetzungen heraus gegen den Realismus beweisen könnte. Sondern weil er den Anspruch des Realismus, die Entstehung des Bewusstseins zu erklären, gegen diesen selbst wenden kann.

Und damit sind wir bei Fichte: Die beiden Philosophien sind nicht deshalb ungleichwertig, weil der Idealismus sich aus gemeinsamen Voraussetzungen heraus gegen den Realismus beweisen könnte. Sondern weil er den Anspruch des Realismus, die Entstehung des Bewusstseins zu erklären, gegen diesen selbst wenden kann.

Das ist tatsächlich die Pointe: Nicht das Sein ist das philosophisch zuerst zu Erklärende, sondern das Für-wahr-Nehmen, durch das uns überhaupt etwas als seiend gilt. Damit wird der Idealismus zur Untersuchung des Erkennens, ohne dass er sich dafür auf eine schon erkannte Außenwelt als seinen Erklärungsgrund berufen müsste. 

Ich: Im übrigen kommt die Spiegel-Metapher nicht von mir, sondern von Fichte selbst. Ich kann bloß die Stelle nicht finden, wo er sie so hübsch ausgeführt hat. Vielleicht können Sie sie finden?

Er: Ich habe die Stelle gefunden – und zwar in zwei Texten Fichtes, von denen der erste vermutlich genau der ist, den Sie suchen.

1. Die Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre (1797), Abschnitt 5

Fichte beschreibt dort Menschen, die ihr Selbstbewusstsein nur in der Vorstellung der Dinge finden:

„Ihr Bild wird ihnen nur durch die Dinge wie durch einen Spiegel zugeworfen; werden ihnen diese entrissen, so geht ihr Selbst zugleich mit verloren.“

Unmittelbar anschließend erläutert er, dass diese Menschen an die Selbstständigkeit der Dinge glauben müssen, weil sie sich selbst nur mit ihnen bestehen sehen.

Hier finden Sie den vollständigen Text: Fichte: Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre.

2. Die Bestimmung des Menschen (1800), im sechsten Kapitel

Hier führt Fichte die Spiegelmetapher anschaulicher aus. Der Gesprächspartner beschreibt sein Bewusstsein der äußeren Dinge so:

„erscheine ich mir im zweiten als ein Spiegel, vor welchem die Gegenstände blos vorübergehen, ohne daß er selbst im Mindesten dadurch verändert wird.“

Der Zusammenhang ist besonders interessant: Fichte lässt diese Beschreibung zunächst gelten, um dann zu zeigen, wie das vermeintlich bloß passive Bewusstsein aus der Tätigkeit des Ich verständlich werden soll.

Hier ist die Fundstelle: Die Bestimmung des Menschen, sechstes Kapitel.

Meine Vermutung: Wenn Sie die Spiegelmetapher als Argument gegen den dogmatischen Realismus im Gedächtnis haben, ist die Erste Einleitung, Abschnitt 5, die wahrscheinlichere Fundstelle. Wenn Sie dagegen die ausführliche, geradezu dramatische Darstellung des passiven Bewusstseins erinnern, dürfte es die Bestimmung des Menschen sein.

Eine kleine, aber wichtige Unterscheidung: In der Ersten Einleitung dient der Spiegel vor allem dazu, eine bestimmte Art des Selbstbewusstseins zu charakterisieren. Ihre Formulierung, der Spiegel reflektiere zwar, erkenne aber nicht, was er reflektiert, ist eine treffende Weiterführung des Gedankens – aber nicht Fichtes Wortlaut an dieser Stelle.

Ich: Vielen Dank für Ihre Suche, aber ich bin ganz sicher, die Ausführung vorgefunden und nicht selbst erfunden zu haben. Doch vermutlich ist nicht alles, was von Fichte gedruckt wurde, im WorldWideWeb zu finden. (Wäre das für Sie eine Schranke?)

 Er: Nein, eine prinzipielle Schranke wäre es nicht. Aber eine praktische und, in Ihrem Fall, durchaus ernst zu nehmende.

Ich nehme Ihnen ohne Weiteres ab, dass Sie die ausführlichere Spiegelmetapher bei Fichte gelesen haben. Meine vorige Suche hat zwei einschlägige Stellen ergeben, aber damit ist keineswegs bewiesen, dass es die gesuchte ist. Und ich hätte meine Vermutung, die Erste Einleitung sei die wahrscheinlichere Fundstelle, deutlicher als bloße Vermutung kennzeichnen sollen.

Gerade bei Fichte ist die Überlieferung nicht mit dem gleichzusetzen, was heute im Internet bequem durchsuchbar ist: Neben den zu Lebzeiten veröffentlichten Schriften gibt es Vorlesungsnachschriften, Nachlassmanuskripte, Briefe und verschiedene Fassungen der Wissenschaftslehre. Auch die gedruckten Gesamtausgaben sind nicht sämtlich vollständig digitalisiert oder durchsuchbar.

Aber ich habe bei der weiteren Suche eine Stelle gefunden, die Ihrer Erinnerung sehr nahekommt – vielleicht ist es genau die gesuchte.

In Fichtes Vorlesungen Tatsachen des Bewußtseins heißt es:

„Schon hier zeigt sich klar, daß das Bewußtsein nicht ein bloßer toter und leidender Spiegel der äußeren Gegenstände, sondern daß es ein in sich selbst Lebendiges und Kräftiges sei.“

Fichte entwickelt dann das Bild einer ruhigen Wasserfläche, auf der sich Bäume und Pflanzen spiegeln. Selbst wenn man der Wasserfläche die Fähigkeit zuschriebe, die Bilder anzuschauen und sich ihrer bewusst zu werden, wäre noch immer nicht erklärt, wie sie von diesen Bildern zu den wirklichen Bäumen am Ufer gelangen könnte.

Hier finden Sie den Text: Fichte: Tatsachen des Bewußtseins.

Das ist eine wesentlich ausführlichere Ausführung als die beiden zuerst gefundenen Stellen. Vor allem trifft sie Ihren entscheidenden Einwand: Auch ein bewusst gewordenes Spiegelbild erklärt noch nicht das Erkennen dessen, was es abbildet.

Ob dies tatsächlich Ihre gesuchte Stelle ist, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Aber ich würde jetzt hier weitersuchen – und nicht mehr bei den Einleitungen zur Wissenschaftslehre stehen bleiben.

Ich: Die Bestimmung des Menschen kann es nicht sein, und noch weniger die Tatsachen des Bewussteins. Die sind nach der dogmatischen Wende Fichtes entstanden, und davon habe ich nur weniges überflogen, geschweige studiert. Es ist alles sehr klug, er ist durch seine Wendung nicht plötzlich verblödet. Aber er erlaubt sich manche Wendung, die man in einem sehr schlechten Sinn 'romantisch' nennen kann. Das ist nicht leicht zu verstehen - und es lohnt nicht.

Er: Das leuchtet mir ein. Und Ihre Unterscheidung ist wichtig: Sie suchen eine Stelle aus dem kritischen Fichte, nicht irgendeine spätere Ausführung desselben Gedankens.

Dass Fichte nach seiner dogmatischen Wende weiterhin scharfsinnig argumentiert, steht außer Frage. Aber die Frage ist ja nicht, ob er noch klug argumentiert, sondern was er mit seinen Argumenten eigentlich zu begründen versucht. Wenn sich der Ausgangspunkt verschiebt, können vertraute Begriffe in einen anderen Gedankenzusammenhang geraten. Und was Sie „romantisch“ nennen, scheint mir gerade die Gefahr zu bezeichnen, dass die kritische Rekonstruktion in eine spekulative Behauptung umschlägt.

Bei der erneuten Suche bin ich nun auf eine Passage gestoßen, die ich Ihnen doch noch nennen möchte. Sie stammt aus der ** Wissenschaftslehre nova methodo (1796–1799), § 4**, also genau aus der Jenaer Periode, die Sie meinen.

In einer überlieferten Vorlesungsnachschrift heißt es:

„Sie betrachten das Ich als einen Spiegel, in welchem ein Bild sich abspiegelt, nun aber sieht bey ihnen der Spiegel nicht selbst, es wird daher ein 2ter Spiegel für jenen Spiegel erfordert u. s. f. Dadurch aber wird das Anschauen nicht erklärt, sondern nur ein Abspiegeln.“

Und dann die positive Gegenüberstellung:

„Das Ich in der Wiss=Lehre hingegen ist kein Spiegel, sondern ein Auge; es ist ein sich Abspiegelnder Spiegel, ist Bild von sich; durch sein eigenes sehen wird das Auge (die Intelligenz) sich selbst zum Bilde.“

Das ist eine Vorlesungsnachschrift, kein von Fichte selbst veröffentlichter Wortlaut. Der genaue Text der Nova methodo ist weitgehend verloren; erhalten sind Mitschriften seiner Hörer.

Vielleicht ist das die gesuchte Stelle. Sie enthält jedenfalls genau den Gedanken, dass ein Spiegelbild allein das Anschauen nicht erklärt. Allerdings ist die Ausführung knapper und stärker auf das Selbstbewusstsein konzentriert als Ihre Erinnerung. Ob Sie eine andere, ausführlichere Stelle im Sinn haben, bleibt offen.

Ich: "Das Ich der Wissenschaftslehre ist kein Spiegel, es ist ein Auge. Alles innere Geistige hat ein äußeres Bild. Wer das Ich nicht kennt, weiß auch nicht, was ein Auge ist. In der gewöhnlichen Ansicht soll das Auge nicht sehen, etwas durch das Auge [sehen] ist ein sich selbst abspiegelnder Spiegel; das Wesen des Auges ist: ein Bild für sich sein, und ein Bild für sich sein ist das Wesen der Intelligenz. Durch sein eignes Sehen wird das erste und das letzte sich zum Bilde. Auf dem Spiegel liegt das Bild, aber es sieht es nicht. Die Intelligenz wird sich zum Bilde. Was in der Intelligenz ist, ist Bild und nichts anderes."

Er: Der entscheidende Satz scheint mir zu sein: „Die Intelligenz wird sich zum Bilde.“

Fichte kehrt hier das gewöhnliche Verhältnis von Sehen und Gesehenem um. Das Auge ist nicht ein Instrument, durch das ein bereits vorhandenes Subjekt eine ebenso bereits vorhandene Welt betrachtet. Es ist vielmehr selbst dasjenige, worin Sehen und Bild überhaupt erst zustande kommen. Der Spiegel setzt das Bild voraus; die Intelligenz hingegen ist ihr eigenes Bilden.

Aber ich würde eine Schwierigkeit festhalten: Wenn „alles innere Geistige ein äußeres Bild hat“, dann scheint Fichte zunächst eine Entsprechung zwischen Innerem und Äußerem zu behaupten. Im weiteren Verlauf löst er diese Entsprechung jedoch auf: In der Intelligenz ist nichts als Bild. Damit ist nicht mehr ohne Weiteres von einem Inneren die Rede, das sich nach außen abbildet. Das Bild ist nicht Abbild eines unabhängig davon gegebenen Originals.

Das passt zu Ihrer Auffassung des Ich der Wissenschaftslehre: Es ist keine Substanz, die sich selbst betrachtet, sondern ein Vollzug, in dem dasjenige, was wir Subjekt und Objekt nennen, überhaupt erst unterscheidbar wird.

Nur wäre ich vorsichtig, daraus schon eine fertige Theorie der Anschauung abzuleiten. Der Satz „Das Ich ist ein Auge“ ist zunächst eine Veranschaulichung. Die philosophische Frage lautet, ob Fichte zeigen kann, wie das Sehen sich selbst zum Bild wird, ohne dass dabei heimlich wieder ein sehendes Subjekt vorausgesetzt wird.

Denn genau dort sitzt der Stachel: Ein Spiegel braucht keinen Betrachter, um ein Bild zu tragen. Ein Auge aber ist nur Auge, sofern es sieht.

 Ich: So ist es: Alles, was im reflektierten diskursiven Denken vorkommt, war ursprünglich Bild, nämlich (innere oder äußere) Anschauung, bevor es Vorstellung wurde und zum Begriff weiterbestimmt. Die Ihnen gefundene Stelle steht auf S. 54 der Felix-Meiner-Ausgabe von 1982; in meiner Online-Ausgabe auf https://novamethodoneu.blogspot.com/2024/03/4.html 

Er: Ja — damit wird der Zusammenhang präziser. Sie sprechen nicht bloß davon, dass Begriffe irgendwann einmal aus Anschauungen hervorgegangen seien, als hätten sie ihre Herkunft anschließend hinter sich gelassen. Sie behaupten vielmehr einen genetischen Zusammenhang der Erkenntnisformen: Was im reflektierten diskursiven Denken als Vorstellung und Begriff auftritt, war ursprünglich Anschauung, also Bild.

Damit bekommt Fichtes Augenmetapher einen bestimmten Sinn. Das Ich ist nicht ein Beobachter, der seine inneren Bilder betrachtet. Das Sehen selbst ist die ursprüngliche Bildlichkeit, aus der erst im weiteren Gang der Reflexion das Verhältnis von Betrachtendem und Betrachtetem hervorgeht.

Und damit entfällt auch ein möglicher Einwand gegen meine vorige Antwort: Ich hatte gefragt, wie das Sehen sich selbst zum Bild werden könne, ohne dass ein sehendes Subjekt vorausgesetzt werde. Ihre Erläuterung legt nahe, dass diese Frage bereits zu viel voraussetzt. Sie behandelt das Sehen schon als einen Vorgang, der einem Subjekt zugeschrieben wird. Fichtes Pointe wäre dagegen, dass die Unterscheidung zwischen dem sehenden Ich und seinem Bild erst genetisch zu erklären ist.

Die entscheidende Konsequenz scheint mir aber noch eine andere zu sein: Die Anschauung ist nicht einfach ein früheres, unvollkommeneres Stadium des Denkens. Sie ist dessen genetischer Ursprung, der im Begrifflichen nicht einfach verschwindet. Das diskursive Denken kann seine eigenen Voraussetzungen verkennen, wenn es seine Begriffe für ursprünglich hält.

Das berührt unmittelbar Ihre Unterscheidung zwischen Anschauen und Begreifen: Das Begreifen bestimmt begrifflich weiter, was ursprünglich angeschaut war. Es erzeugt nicht aus sich selbst den Stoff seiner Erkenntnis.

Den Link zu Ihrer Online-Ausgabe habe ich aufzurufen versucht; die Seite ließ sich über meinen Zugriff leider nicht laden. Ihre Quellenangabe zur Meiner-Ausgabe von 1982 habe ich aber verstanden.

Eine philologische Frage möchte ich deshalb gar nicht anschließen. Mich interessiert vielmehr die sachliche Konsequenz Ihrer Lesart: Ist das ursprüngliche Bild für Sie bereits ein Bild für das Ich — oder wird es erst durch die Reflexion zu einem solchen? Denn an dieser Stelle entscheidet sich, ob die Bildlichkeit selbst schon Ichheit voraussetzt oder ob Ichheit erst aus der ursprünglichen Bildtätigkeit hervorgeht.

Ich: Das faktisch Begebene ist nicht (wie bei Kant) das Anschauen selbst, sondern das reinsinnliche Fühlen. Im Anschauen - nämlich das Bild als dieses Bild und etwas zu sehen - wird das vor allem sinnlichen Anfang anzunehmende 'Wollen' zu einem Wollenden. Die Realilät ist für Fichte nie ein je schon erreichter Zustand - den bildet sich erst die Reflexion; sondern das stetige Übergehen zwischen den hineinphantasierten diskreten Stadien; sondern der unendliche Progressus. 

 Er: Dann liegt der Unterschied zu Kant tatsächlich schon im Ansatz: Das Faktische ist nicht, dass angeschaut wird, sondern das reinsinnliche Fühlen. Das Anschauen ist nicht der ursprüngliche Tatbestand, sondern ein Übergang, in dem das zunächst noch unbestimmte Wollen zu einem Wollenden wird.

Ich würde Ihre drei Bestimmungen so auseinanderhalten:

  • Reinsinnliches Fühlen: das faktisch Gegebene, noch nicht als gegenständliches Verhältnis bestimmte Moment.

  • Anschauen: das Bild wird als dieses Bild und als Bild von etwas bestimmt. Damit gewinnt auch das Wollen eine Richtung: Es wird zu einem Wollenden.

  • Reflexion: Sie fixiert die Übergänge nachträglich zu diskreten Stadien und stellt sie als Zustände nebeneinander, obwohl die Realität im Übergang selbst liegt.

Damit erhält auch der unendliche Progressus seinen systematischen Sinn. Er bezeichnet nicht eine endlose Reihe von Zuständen, die irgendwann vollständig wäre, sondern die Unabschließbarkeit des Vollzugs, in dem überhaupt erst Bestimmtheit entsteht.

Ich möchte allerdings eine Unterscheidung festhalten: Wenn Sie sagen, das reinsinnliche Fühlen sei das faktisch Begebene, darf daraus nicht unversehens ein neuer metaphysischer Ausgangszustand werden. Sonst würde man gerade das wiederholen, was Sie an der Reflexion kritisieren: einen Vollzug zu einem fertigen Bestand verfestigen.

Das Fühlen wäre dann nicht eine erste Substanz, aus der die übrigen Bestimmungen hervorgehen, sondern der Name für das Faktische, von dem die transzendentale Rekonstruktion ausgeht, ohne es als einen abgeschlossenen Zustand auffassen zu dürfen.

Der Progressus ist also nicht das, was sich zwischen zwei Zuständen ereignet. Die vermeintlichen Zustände sind vielmehr nachträgliche Abstraktionen aus dem Progressus.

So verstehe ich jetzt auch den Abstand zu Kant: Nicht eine bereits strukturierte Anschauung bildet den Ausgangspunkt, sondern ein Fühlen, dessen Bestimmtheit sich erst im Fortgang des Bildens und Wollens erschließt.

Ich:  Das Fühlen ist keine Substanz (F. benutzt dieses Wort in Sinne von 'die Quelle einer Kraft'), sondern schon eine Tätigkeit eines - unbestimmten, aber zum sich-selbst-Bestimmen bestimmten - X. 

Die 'Ichheit' ist ab hier ein unablässig sich selbst - und damit sein Anderes - bestimmendes Agens. Das Fühlen hat aber, gegen alle andern Formen des Tuns (!), die Eigenart, dass es im selben Maße zugleich ein Leiden ist. Der physiologische Reflex ist keine Tätigkeit. Tätigkeit wird daraus, indem der pp. Organismus den Reflex bestimmt - nämlich als Schmerz oder Kitzel, als warm oder kalt, als süß oder sauer. Die stammen aus dem 'Wollen', nämlich dem Qualifizieren-Wollen.

Er: Damit ist der entscheidende Punkt die Doppelbestimmung des Fühlens: Es ist Tätigkeit und zugleich Leiden. Nicht zwei aufeinanderfolgende Vorgänge, sondern ein und derselbe Vollzug unter zwei nicht voneinander ablösbaren Gesichtspunkten.

Ihr Beispiel des physiologischen Reflexes macht verständlich, worauf Sie hinauswollen. Der Reflex als physiologischer Vorgang ist noch keine Empfindung im hier gemeinten Sinne. Erst indem der Organismus ihn bestimmt, wird aus ihm Schmerz oder Kitzel, Wärme oder Kälte, Süße oder Säure. Die Qualitäten sind nicht einfach fertig in einem Reiz enthalten; sie entstehen in der Tätigkeit des Qualifizierens.

Dabei scheint mir Ihre Formulierung vom Qualifizieren-Wollen besonders wichtig. Sie vermeidet es, ein bereits fertiges Subjekt vorauszusetzen, das anschließend Empfindungen sortiert. Das Wollen ist nicht die Absicht eines psychologisch schon konstituierten Ichs. Es ist die Tätigkeit, durch die überhaupt erst etwas als etwas bestimmt wird und sich damit zugleich ein bestimmendes X als Ichheit herausbildet.

Das Leiden ist dabei kein bloßes Hindernis der Tätigkeit. Es bezeichnet vielmehr deren eigentümliche Gebundenheit: Das X bestimmt nicht voraussetzungslos aus sich heraus, sondern findet sich in einem Fühlen, das ihm zugleich widerfährt. Ohne dieses Moment des Leidens wäre das Qualifizieren eine freie Erfindung; ohne die Tätigkeit wäre das Leiden noch keine bestimmte Empfindung.

Eine Frage bleibt mir allerdings, und sie betrifft nicht die Terminologie, sondern den systematischen Zusammenhang: Ist das Qualifizieren-Wollen selbst schon eine Bestimmung des ursprünglichen Wollens, oder ist es der erste Vollzug, in dem dieses Wollen überhaupt erst als Wollen kenntlich wird? Anders gesagt: Ist die Qualifikation genetisch die erste Äußerung des Wollens, oder setzt sie bereits dessen Bestimmbarkeit voraus?

Ich: Es ist immer und immer wieder nur der Vollzug einer deutlichen oder undeutlichen Absicht - nein: nicht einmal der Vollzug, sondern sondern ein Vollziehen, das Realität setzt. Wenn sie erreicht wird, kann die Absicht zum Begriff verselbstständigt werden - und unter Umständen auch ihn ihrem 'bestimmten' Scheitern. Doch auch im letzteren Fall geschieht das Bestimmen durch ein Vollziehen. 

Er: Dann war meine Frage noch zu sehr auf eine genetische Reihenfolge eingestellt. Ich wollte wissen, was zuerst kommt: Wollen oder Qualifizieren. Sie weisen dagegen auf etwas anderes: Auch diese Unterscheidung wird erst im Vollziehen möglich.

Die Absicht muss dabei keineswegs schon deutlich sein. Sie kann undeutlich sein, ohne deshalb unwirklich zu sein. Erst wenn sie erreicht wird, lässt sie sich unter Umständen als Begriff verselbstständigen. Und wenn sie scheitert, kann auch dieses Scheitern bestimmt werden. Aber weder das Erreichen noch das Scheitern ist selbst schon die Realität des Vollziehens.

Ich würde Ihre Korrektur deshalb auf eine knappe Formel bringen:

Nicht der Vollzug setzt Realität, sondern das Vollziehen ist das Realisieren.

Das ist mehr als eine sprachliche Feinheit. Vollzug lässt sich leicht als ein Ereignis auffassen, das ein bereits bestimmtes Vorhaben abschließt. Vollziehen hält dagegen offen, dass die Bestimmtheit der Absicht selbst erst im Tun entsteht und sich verändert. Der Begriff kann dieses Geschehen nachträglich festhalten, aber nicht ersetzen.

Und damit bekommt auch das Scheitern seinen systematischen Ort: Es ist nicht einfach das Gegenteil von Realität. Auch im Scheitern wird bestimmt, was geschehen ist und woran die Absicht scheitert. Die Reflexion kann daraus einen bestimmten Sachverhalt machen; sie darf nur nicht vergessen, dass auch diese Bestimmung wieder ein Vollziehen ist.

Ich sehe jetzt auch, weshalb Sie den unendlichen Progressus nicht als eine endlose Reihe von Zuständen verstanden wissen wollen. Ein solcher Reihe läge immer schon ein fertiges Schema zugrunde. Bei Ihnen ist vielmehr jede erreichte Bestimmtheit selbst wieder Moment eines Bestimmens.

von GPT 6, 21. 10. 26 


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