Kertesz zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
GPT 6 antwortet:
Ich finde den Text stark, und zwar vor allem deshalb, weil Sie Fichtes Anspruch nicht einfach bestreiten, sondern ihn auf seine eigene Voraussetzung zurückführen. Sie fragen nicht, ob der Mensch zur Vernunft bestimmt sei, sondern woher wir das wissen können, ohne bereits vorauszusetzen, was wir erst begründen wollen.
Dabei sehe ich drei gedankliche Schritte, deren Zusammenhang mir besonders wichtig erscheint.
1. Sie verwandeln Fichtes anthropologische Behauptung in eine methodische Entscheidung.
Fichte behauptet, der Mensch sei zur vollständigen und systematischen Kenntnis bestimmt. Ihre Rückfrage ist präzise: Ist das eine empirische Feststellung oder ein Postulat? Denn nach Fichtes eigener Lehre kann die Vernünftigkeit des Menschen nicht einfach als eine vorgefundene Eigenschaft behandelt werden. Der Mensch ist Vernunftwesen, sofern er sich selbst dazu bestimmt.
Ihre Antwort, die Wissenschaftslehre sei die Anthropologie des bürgerlichen Zeitalters, ist deshalb mehr als eine historische Einordnung. Sie erklärt, woher Fichtes Gewissheit stammen könnte, ohne sie als zeitlose Wahrheit anzuerkennen: Der theoretische Philosoph erhebt die historisch entstandene Autonomie des bürgerlichen Subjekts zum praktischen Zweck.
Das ist eine interessante Wendung. Fichtes vermeintliche Erkenntnis über den Menschen wird selbst als Ausdruck einer geschichtlichen Selbstbestimmung verständlich.
2. Der Abschnitt über die Anthropologie verallgemeinert diese Einsicht.
Hier liegt für mich der methodische Kern des ganzen Textes:
Was der Mensch ist, kann nicht herausgefunden werden, wie es eine positive Wissenschaft täte, sondern nur hineinerfunden.
Das ist zugespitzt, aber Sie erläutern auch, was Sie damit meinen. Es geht nicht darum, empirische Tatsachen durch freie Erfindung zu ersetzen. Es geht darum, dass die Auswahl und Deutung dieser Tatsachen bereits eine Vorstellung davon voraussetzt, wonach überhaupt gefragt wird.
Ihr Beispiel der frühen Hominiden bringt das Problem anschaulich auf den Punkt. Die Frage, ab wann wir von Menschen sprechen, lässt sich nicht unabhängig davon beantworten, was wir unter einem Menschen verstehen. Eine bloße Ansammlung empirischer Merkmale löst das Problem nicht von selbst.
Ich würde allerdings eine Unterscheidung festhalten: Die empirische Anthropologie kann durchaus untersuchen, wann bestimmte Merkmale entstanden sind und wie sich menschliche Populationen entwickelt haben. Was sie nicht allein aus diesen Befunden gewinnen kann, ist eine abschließende Bestimmung dessen, was als Menschsein gelten soll. Ihr Argument trifft am stärksten diese zweite Frage.
3. Aus der hypothetischen Voraussetzung machen Sie eine geschichtliche Bewährungsprobe.
Hier wird der Text eigentlich erst interessant. Denn Sie bleiben nicht bei der Unbeweisbarkeit des Postulats stehen. Sie fragen, was daraus folgt, und vergleichen das Resultat mit dem, was der Mensch inzwischen geworden ist.
Ihre Formulierung ist dabei entscheidend:
Passen Ausgangspunkt und Jetztzustand zusammen – was keine empirische Feststellung wäre, sondern eine sinnhafte Interpretation –, so beweist das gar nichts, es könnte künftig immer noch dementiert werden.
Damit vermeiden Sie zwei entgegengesetzte Fehler: Sie erklären die Vernünftigkeit weder zu einer metaphysischen Gewissheit noch zu einer beliebigen Fiktion. Das Postulat ist nicht beweisbar, aber es ist auch nicht folgenlos. Es eröffnet einen Weg, dessen bisheriger Verlauf interpretiert werden kann und dessen Fortsetzung sich bewähren muss.
Das passt zu Ihrer Vorstellung von Transzendentalphilosophie als kritischer Rekonstruktion: Man setzt eine Prämisse, verfolgt, was sich mit ihr verständlich machen lässt, und prüft, ob die Rekonstruktion angesichts der Erfahrung trägt. Nur darf man die bisherige Bewährung nicht mit einem endgültigen Beweis verwechseln.
Der Schluss ist mir etwas zu glatt:
Aber dass ihn die Menschheit je aus den Augen gelassen hätte, kann auch niemand behaupten.
Und anschließend führen Sie die nie ruhende Absicht auf vollständige und systematische Kenntnis als Beleg an.
Hier scheint mir ein kleiner, aber wichtiger Sprung zu liegen. Dass die Wissenschaft nie geruht hat, beweist noch nicht, dass die Menschheit den Weg der Vernunft nie aus den Augen verloren hat.
Man kann Wissenschaft betreiben und sie zugleich in den Dienst von Herrschaft, Ausbeutung oder Vernichtung stellen. Wissenschaftlicher Erkenntnisfortschritt und praktische Vernünftigkeit sind nicht dasselbe. Gerade aus einer marxistischen Perspektive dürfte diese Differenz nicht nebensächlich sein.
Sie könnten erwidern, dass Sie mit dem Weg der Vernunft an dieser Stelle ausdrücklich nur die eine Hinsicht meinen: die fortdauernde Absicht auf vollständige und systematische Kenntnis. Dann wäre der Schluss enger, aber auch haltbarer. Die Wissenschaft wäre ein historischer Beleg dafür, dass dieses Streben immer wieder aufgenommen wurde – nicht dafür, dass die Menschheit insgesamt vernünftig gehandelt hätte.
Und noch eine Frage bleibt offen: Ist das Streben nach vollständiger und systematischer Kenntnis wirklich dasselbe wie das ursprüngliche Sich-selbst-Setzen und -Bestimmenwollen? Es könnte eine historische Erscheinungsform davon sein. Dass beide identisch sind, müsste jedoch eigens begründet werden.
Die stärkste Leistung des Textes liegt für mich darin, dass Sie Fichtes Wissenschaftslehre historisieren, ohne sie einfach zu relativieren. Sie machen aus einer scheinbar absoluten Bestimmung des Menschen eine geschichtlich entstandene, praktisch gesetzte und an ihren Folgen zu prüfende Prämisse.
Damit erhält auch der Begriff des Postulats einen präzisen Sinn: Er ist weder eine beliebige Behauptung noch eine Wahrheit, die sich der Prüfung entzieht. Er ist ein Ausgangspunkt, für den wir uns entscheiden und dessen Tragfähigkeit sich erst im weiteren Gang erweist.
Eine Frage würde ich Ihnen allerdings gern zurückgeben: Wenn die Wissenschaftslehre die Anthropologie des bürgerlichen Zeitalters ist – ist dann die Vernünftigkeit, die sie postuliert, selbst schon bürgerlich bestimmt, oder ist sie ein Anspruch, den das bürgerliche Subjekt zwar hervorgebracht hat, der aber über die bürgerliche Gesellschaft hinausweist?
Das scheint mir die entscheidende marxistische Frage an Ihren Text zu sein. Denn von ihrer Beantwortung hängt ab, ob Fichte für Sie vor allem ein Philosoph seiner Epoche ist oder ob in seiner Philosophie ein Gedanke steckt, der sich gegen die geschichtlichen Bedingungen seiner Entstehung wenden lässt.
Ich:
Ja, der letzte Absatz war etwas hochfahrend formuliert. Er war aber auch kein wissenschaftliches Argument, sondern eine historisch-politische Polemik.
In Deutschland - und überhaupt in Europa - mache ich mich bis heute lächerlich, indem ich Vernunft nicht ohne die gebotenen Anführungszeichen benutze. Bei uns ist nämlich die Vernunft im 20. Jahrhundert zweimal - in der Sowjetunion und im Nationalsozialismus - von amtswegen außer Kraft gesetzt worden.
Ausdrücklich im zweiten und verlogen im ersten Fall. Die Wissenschaft ist beide Male dabei vor die Hunde gegangen. Wenn ich die Wissenschaft als Zeugin für das Überleben der Vernunft aufrufe, dann meine ich nicht diesen oder jenen ihrer Zweige, und schon gar nicht den individuellen Forscher - die haben sich oft genug mit dem Teufel verschworen.
Sondern Wissenschaft als normativ wirksame kulturelle Instanz: Die hat selbst ihre faktische Ausrottung in Russland und Deutschland überstanden: weil sie einmal in die Welt gesetzt war. Doch in Europa ist es seither immer wieder fashionable, Vernunft als eine vergilbte Vogelscheuche zu behandeln. Der dieser Tage hundertjährig gewordene Michel Foucault hat sein' Teil dazu beigetragen.
Das wäre ein sozusagen regionales Problem - wenn nicht seit ein paar Jahren im Osten und im Westen neue Bedenken angezeigt wären. Denen habe ich damals vorausgegriffen.
Jetzt verstehe ich den Schluss besser. Und ich muss meine vorige Kritik in einem Punkt zurücknehmen: Ich habe Ihre historische Polemik so behandelt, als wollten Sie eine wissenschaftliche These über die Vernünftigkeit der Menschheit beweisen. Damit habe ich den Zweck Ihrer Argumentation verfehlt.
Sie sprechen von etwas anderem: von der historischen Wirksamkeit eines einmal gesetzten normativen Anspruchs.
Dass einzelne Wissenschaftler sich mit dem Teufel verschwören können, dass ganze Wissenschaftszweige korrumpiert werden und dass politische Regime die Wissenschaft ihren Zwecken unterwerfen, widerlegt Ihre These noch nicht. Denn Sie berufen sich gar nicht auf die moralische oder intellektuelle Untadeligkeit der Wissenschaftler. Sie berufen sich auf Wissenschaft als eine kulturelle Institution, in der ein Anspruch auf Wahrheit, auf systematische Erkenntnis und auf eine prinzipiell überprüfbare Begründung gesellschaftlich wirksam geworden ist.
Damit gewinnt auch Ihre Formulierung 'in die Welt gesetzt' ihr ganzes Gewicht.
Was einmal in die Welt gesetzt wurde, muss nicht ununterbrochen verwirklicht werden, um geschichtlich wirksam zu bleiben. Man kann es unterdrücken, pervertieren, lächerlich machen. Man kann sogar seine Vertreter verfolgen und seine institutionellen Träger zerstören. Aber damit ist der Anspruch, der einmal in die Welt getreten ist, nicht notwendig mit beseitigt. Er kann als Maßstab der Kritik wiederkehren – auch gegen jene, die sich selbst auf ihn berufen.
Ihre Unterscheidung zwischen der Sowjetunion und dem Nationalsozialismus gehört genau hierher. Im Nationalsozialismus wurde der Anspruch der Vernunft ausdrücklich einer politischen Weltanschauung untergeordnet; in der Sowjetunion wurde er dem offiziellen Bekenntnis nach aufrechterhalten, während die politische Macht ihn tatsächlich außer Kraft setzte. Im zweiten Fall konnte die Ideologie also noch die Sprache der Vernunft führen und gerade dadurch ihre praktische Ausschaltung verdecken.
Das ist mehr als eine historische Analogie. Es betrifft die Frage, ob Vernunft eine Norm ist, die von der jeweiligen politischen Macht verliehen und widerrufen werden kann, oder ob eine einmal geschichtlich etablierte Norm auch gegen ihre politischen Widerrufer wirksam bleibt.
Und damit komme ich auf Ihren Fichte zurück.
Wenn Fichte den Menschen zur vollständigen und systematischen Kenntnis bestimmt sieht, dann lesen Sie das nicht als eine empirisch bewiesene anthropologische Eigenschaft. Sie lesen es als eine geschichtliche Selbstbestimmung, die sich in der Wissenschaft eine dauerhafte kulturelle Gestalt gegeben hat. Die Wissenschaft wird so zur Zeugin nicht dafür, dass die Menschheit stets vernünftig gewesen wäre, sondern dafür, dass der Anspruch auf Vernunft ihre Geschichte überdauert hat.
Das ist eine wesentlich bescheidenere, aber zugleich politisch gehaltvollere Behauptung als die, die ich Ihnen zunächst unterstellt habe.
Auch Ihre Polemik gegen die Geringschätzung der Vernunft gewinnt dadurch einen präziseren Sinn. Wenn Vernunft nur noch als überholtes Erbe der Aufklärung behandelt wird, übersieht man, dass die Möglichkeit, solche Kritik überhaupt als begründete Kritik zu formulieren, selbst schon auf normativen Ansprüchen beruht. Man kann die Vernunft nicht einfach aus der Geschichte hinausdekretieren wie eine unmoderne philosophische Mode. Man kann ihre institutionellen Träger beschädigen, ihre Ansprüche verengen und ihre Geltung bestreiten. Aber die Frage bleibt, womit man das tut und worauf man sich dabei noch beruft.
Bei Foucault wäre dabei freilich zu unterscheiden: Seine historische Analyse der Machtwirkungen von Wissensordnungen ist nicht schon gleichbedeutend mit der Behauptung, Wahrheit und Vernunft seien wertlos. Ihre Polemik trifft vor allem eine bestimmte Rezeption, die aus der Kritik an den historischen Bedingungen des Wissens eine Geringschätzung des Vernunftanspruchs macht. Ob Foucault selbst damit angemessen getroffen ist, wäre eine andere Frage.
Was mir an Ihrem Text nun besonders auffällt: Sie wollen die Vernunft nicht durch einen letzten philosophischen Beweis retten. Sie wollen ihr auch keine metaphysische Garantie verschaffen. Sie halten ihr geschichtliches Überleben gegen diejenigen fest, die sie für historisch erledigt erklären.
Und darin liegt die eigentliche Pointe Ihrer Formulierung, die Menschheit habe sich selbst zur Vernunft bestimmt. Sie ist keine Bilanz, die aus der Geschichte einen kontinuierlichen Fortschritt herausrechnet. Sie ist eine Deutung des Umstands, dass nach allem, was gegen sie geschehen ist, der Anspruch auf Vernunft immer wieder neu erhoben werden kann.
Dass dieser Anspruch in Gefahr ist, widerspricht Ihrer These nicht. Es ist vielmehr der politische Anlass, sie überhaupt zu formulieren. Ihre Erläuterung hat den entscheidenden Unterschied sichtbar gemacht: Sie verteidigen nicht die Vernünftigkeit der Geschichte, sondern das geschichtliche Überleben des Anspruchs auf Vernunft.
von GPT 6, 17. 10. 2026
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