Mittwoch, 5. November 2025

Subjektobjekt.

rudolf ortner, pixelio.de                                            zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
 
Indem du irgend eines Gegenstandes – es sey derselbe die gegenüberstehende Wand – dir bewusst bist, bist du dir, wie du eben zugestanden, eigentlich deines Denkens dieser Wand bewusst, und nur inwiefern du dessen dir bewusst bist, ist ein Bewusstseyn der Wand mög-lich. Aber um deines Denkens dir bewusst zu seyn, musst du deiner selbst dir bewusst seyn. – 

Du bist – deiner dir bewusst, sagst du; du unterscheidest sonach nothwendig dein denken-des Ich von dem im Denken desselben gedachten Ich. Aber damit du dies könnest, muss abermals das Denkende in jenem Denken Object eines höheren Denkens seyn, um Object des Bewusstseyns seyn zu können; und du erhältst zugleich ein neues Subject, welches des-sen, das vorhin das Selbstbewusstseyn war, sich wieder bewusst sey. 

Hier argumentire ich nun abermals, wie vorher; und nachdem wir einmal nach diesem Ge-setze fortzuschliessen angefangen haben, kannst du mir nirgends eine Stelle nachweisen, wo wir aufhören sollten; wir werden sonach ins unendliche fort für jedes Bewusstseyn ein neu-es Bewusstseyn bedürfen, dessen Object das erstere sey, und sonach nie dazu kommen, ein wirkliches Bewusstseyn annehmen zu können. ... 

Du bist dir deiner, als des Bewussten, bewusst, lediglich inwiefern du dir deiner als des Be-wusstseyenden bewusst bist; aber dann ist das Bewusstseyende wieder das Bewusste, und du musst wieder des Bewusstseyenden dieses Bewussten dir bewusst werden, und so ins un-endliche fort: und so magst du sehen, wie du zu einem ersten Bewusstseyn kommst.

Kurz; auf diese Weise lässt das Bewusstseyn sich schlechthin nicht erklären. – 

Noch einmal; welches war das Wesen des soeben geführten Raisonnements, und der eigent-liche Grund, warum das Bewusstseyn auf diesem Wege unbegreiflich war? Dieser: jedes Ob-ject kommt zum Bewusstseyn lediglich / unter der Bedingung, dass ich auch meiner selbst, des bewusstseyenden Subjects mir bewusst sey. Dieser Satz ist unwidersprechlich. – 

Aber in diesem Selbstbewusstseyn meiner, wurde weiter behauptet, bin ich mir selbst Ob-ject, und es gilt von dem Subjecte zu diesem Objecte abermals, was von dem vorigen galt; es wird Object und bedarf eines neuen Subjectes, und sofort ins unendliche. In jedem Be-wusstseyn also wurde Subject und Object von einander geschieden und jedes als ein beson-deres betrachtet; dies war der Grund, warum uns das Bewusstseyn unbegreiflich ausfiel.  

Nun aber ist doch Bewusstseyn; mithin muss jene Behauptung falsch seyn. Sie ist falsch, heisst: ihr Gegentheil gilt; sonach folgender Satz gilt: es giebt ein Bewusstseyn, in welchem das Subjective und das Objective gar nicht zu trennen, sondern absolut Eins und ebendas-selbe sind.
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J. G. Fichte, Versuch einere neuen Darstellung der Wissenschaftslehre, SW Bd. I, S. 526f. 


Nota. - Das transzendentale oder absolute Ich ist wohl, je nachdem, wie man es anschaut, mal Subjekt, mal Objekt. Doch sofern es überhaupt ist, nämlich als seiend vorgestellt wird, ist es Subjektobjekt in Einem.

Aber als seiend wird es nur vorgestellt; ist es lediglich Noumenon. Es kann selber gar nichts tun, nicht denken und nicht vorstellen. Mit andern Worten: Als ein Seiendes kann es seiner nicht bewusst werden.  Es wird sich, als ein Tätiges, anschauen können.

- Und doch heißt es oben: Es gibt ein Bewusstsein...! Es ist indessen nicht das natürliche Bewusstsein, nicht das Alltagsbewusstsein von dir und mir, nicht die Vernunft des gesunden Menschenverstands; sondern das transzendentale, das künstlich erdachte Bewusstsein des Philosophen: die "intellektuelle Anschauung" von einer Tathandlung, "welche unter den empirischen Bestimmungen unseres Bewusstseyns nicht vorkommt, noch vorkommen kann".  Sie ist nicht wirklich, sondern fingiert, aus Begriffen konstruiert durch Spekulation. Sie ist als ob.
JE,
2. 3. 20

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