Freitag, 19. Dezember 2025

Der Begriff bestimmt mein Begreifen.

  flickr                                                zu  Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das Bestimmte, zu dem übergegangen wird, ist der Begriff eines bestimmten Dinges, aber ich selbst bin auch bestimmt in diesem Begriffe, weil das Quantum dieses Begreifens mei-nen Zustand ausmacht.
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J. G. Fichte,  Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 103


Nota I. - Nicht nur ich bestimme den Begriff. Der Begriff bestimmt auch mich, indem er das Maß meines Begreifens bestimmt.

21. 6. 15

Nota II. - Ich setze mich, indem ich mir ein Nicht-Ich entgegen setze, dem ich mich entge-gensetze. Ich bestimme mich, indem ich mich als den Andern des Andern bestimme: 'Mich-selbst-bestimmen' ist möglich nur durch Entgegensetzen. Ich kann daher den Begriff nicht bestimmen, ohne mich ipso facto mit zu bestimmen; freilich erst nach dem 'Quantum', in dem er selbst bestimmt ist.  

Merke: Ich kann mich oder sonstwas nicht an sich setzen, sondern nur als Vorlauf des Be-stimmens. Setzen ist noch nicht Bestimmen? Nun ja. Setzen ist Nochnicht bestimmen.

Nota III. - Bei Fichte "schwebt alles"? Es ist tatsächlich nichts ein für allemal festgestellt. Das kommt daher, dass in der Wissenschaftslehre keine Begriffe aneinander gereiht werden: Der Begriff ist wohlgetroffen, sobald seine Definitionsmerkmale erfüllt sind, "da beißt die Maus keinen Faden ab". Es werden vielmehr - da ja das Vernunftsystem, in dem eine dis-kursive Begriffswirtschaft möglich wäre, überhaupt erst entworfen werden soll - die Vor-stellungen aus einander hervorgebracht, aus denen eine tätige Vernunft, nämlich die Reihe vernünftiger Wesen entstehen kann. Vorstellen ist tätig sein, das Übergehen selbst ist das Reale, nicht die einzelnen Momente, die die Reflexion künstlich fixieren und abstrahieren könnte: Diese erst, die abstrahierten Momente sind, sofern sie miteinander in ein System gebracht werden, Begriffe.

Ja, es ist wahr: Im Verlauf der vorstellenden Tätigkeit schwebt alles.

10. 6. 20

Nota IV. - Das ist der Kerngedanke der ganzen Transzendentalphilosophie: Indem ich ein vorfindliches Anderes bestimme, bestimme ich mich selbst als das Andere dieses Andern. Anders ist ein Bestimmen von diesem, jenem und mir nicht möglich. Zur Identität gehört ihr Gegen stand. 
3. 2. 22

Nota V. - Ums ganz pointiert auszusprechen: Begreifen kann man nur Begriffe. 

Wenn ich 'Welt' für einen Begriff halte, muss ich sie als einen Oberbegriff auffassen: bis an den Rand angefüllt mit von ihm bestimmten Untergebriffen; ich muss zum Beispiel anneh-men, dass sie... einen Rand hat - und zugleich wechsel-rückbestimmt ist durch die in ihm versammelten Unterbegriffe. Ich müsste die Welt für ein fertiges System halten.

Und mir selbst muss ich vorkommen als wohin ich auch blicke von ihm bestimmter Wider-part; wohin ich auch blicke: nämlich bis wo eben mein Begreifen reicht. ...

Vernünftig ist es, weil ich so in unserer bürgerlichen Verkehrs-Welt zurecht finde; und ver-nünftig ist es auch, darin eine zweckmäßige Fiktion zu erkennen, die meinem irdischen Han-deln und Wandeln Orientierung gibt; die aber nicht mein Erkennen bestimmt, das mehr ist als Begreifen.
2. 8. 2024

Nota VI. - Das lässt sich auch kritisch wenden: Er begegnet mir immer fix und fertig. Mein Vorstellen mag immer noch mit Schweben beschäftigt sein, der Begriff ruft ihm zu: Ick bün all do; weitere Arbeit kannst du dir ersparen, es ist schon alles vollbracht. Das fertige Be-griffssystem verblödet den Denkenden, indem er ihm die Arbeit des Fortbestimmens erüb-rigt. Und umgekehrt: Wo immer das regellos freie Vorstellen weiter über den züchtigen Be-griff hinausgelangt war, ruft er ihm hinterher: Nicht so stürmisch! Immer schön eins nach dem andern. 

Wenn immer der Begriff dem fertigen Denken auch als sein kritisches Gewissen hinterher eilt, so war er dem sich verfertigenden Denken zuvor ein Stolperdraht auf dem Weg.

Bestimmtheit ist nur eine einstweilige Illusion. Real ist immer nur Schweben und Übergehn.
JE 

Donnerstag, 18. Dezember 2025

Realvermittlung und allgemeine Austauschbarkeit.

gettyimages                                                               aus Marxiana

Die Arbeitszeit selbst existirt als solche nur subjektiv, nur in der Form der Thätigkeit. In-sofern sie als solche austauschbar (selbst Waare) ist, ist sie nicht nur quantitativ, sondern qualitativ bestimmt und verschieden, kei-neswegs allgemeine, sich gleiche Arbeitszeit; son-dern entspricht als Subjekt ebensowenig der die Tauschwerthe bestimmenden allgemeinen Arbeitszeit, wie die besondren Waaren und Producte ihr als Objekt entsprechen. 

Der Satz von A. Smith, daß der Arbeiter neben seiner besondren Waare eine allgemeine Waare produciren muß, in andren Worten daß er einem Theil seiner Producte die Form des Geldes geben muß, überhaupt seiner Waare, soweit sie nicht als Gebrauchswerth für ihn, sondern als Tauschwerth dienen soll – heißt subjektiv ausgedrückt, weiter nichts, als daß seine besondre Arbeitszeit nicht unmittelbar gegen jede andre besondre Arbeitszeit ausge-tauscht werden kann, sondern daß diese ihre allgemeine Austauschbarkeit erst vermittelt werden, daß sie eine gegenständliche von ihr selbst verschiedne Form annehmen muß, um diese allgemeine Austauschbarkeit zu erlangen.
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K. Marx, Grundrisse, 
MEGA II/1.1 , S. 102 [MEW 42, S. 103] 


Nota. - Alfred Sohn-Rethel* hat damals bei den hegelisierenden Marx-Adepten des 68er-Aufgebots ein wenig Furore gemacht, indem er für den Wert den Ausdruck "Realabstrak-tion" kreiiert hat. Wäre er aber der Sache auf den Grund gegangen, dann hätte er für Markt, Konkurrenz und verallgemeinerten Austausch die Vokabel Realvermittlung finden müssen - was wenig originell ist und kaum Furore macht.
*) in Geistige und körperliche Arbeit. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1970. 

JE, 23. 12. 16


Mittwoch, 17. Dezember 2025

Gesichter des Kapitals.

silber+silber                                                                                         aus Marxiana

Das eigentliche Product des Capitals ist der Profit. Insofern ist es jezt als Quelle des Reichthums gesezt. 

Insofern es aber Gebrauchswerthe schafft, producirt es Gebrauchswerthe, aber durch den Werth bestimmte Gebrauchswerthe: la valeur fait le produit. (Say.) Es producirt demnach für den Consum. Insofern es sich verewigt durch die beständige Erneurung der Arbeit, er-scheint es als der permanente Werth, vorausgesezt für die Production, die von seiner Erhal-tung abhängt. Soweit es sich stets von neuem gegen Arbeit austauscht, erscheint es als Ar-beitsfonds. Der Arbeiter kann natürlich nicht produciren ohne die gegenständlichen Bedin-gungen der Arbeit. Diese nun sind im Capital von ihm getrennt, stehn ihm selbstständig gegenüber. Er kann sich zu ihnen als Bedingungen der Arbeit nur verhalten, soweit seine Arbeit selbst vorher vom Capital angeeignet ist. 

Vom Standpunkt des Capitals erscheinen nicht die objectiven Bedingungen der Arbeit als nothwendig für den Arbeiter, sondern dieß, daß sie selbstständig ihm gegenüber existiren – seine Trennung von ihnen, ihre ownership durch den Capitalisten, und daß die Aufhebung dieser Trennung nur vor sich geht, indem er seine producirende Kraft an das Capital abtritt, wogegen dieß ihn als abstractes Arbeitsvermögen erhält, d. h. eben als bloses Vermögen den Reichthum als es selbst beherrschende Macht sich gegenüber im Capital zu reprodu-ciren. 
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.2, S. 686 [MEW 42, S. 711f.]  


Nota I. -  Das Kapital ist nicht dies oder vielmehr das; das Kapital ist das, als was es wirkt, und es wirkt als vielerlei. Es ist kein Ding, sondern ein Verhältnis. Es hat kein sachliches Substrat, das in Raum oder Zeit dingfest zu machen wäre. Jedem, der in dies Verhältnis tritt, zeigt es ein anderes Gesicht - je nachdem, woher er kommt. 

Nota II. - Es schafft Gebrauchswerte, aber durch den Wert bestimmte Gebrauchswerte: Gebrauchswerte, die zu solchen erst werden, wenn ihr Tauschwert realisiert ist; gesell-schaftlich bedingte Gebrauchswerte, gesellschaftlich als geltend anerkannte Gebrauchswer-te. Kaffee, der nicht verkauft werden kann, kippt man in den Ozean. 
27. 10. 16

Nota III. - Kapital ist sich verwertender Wert. Nur weil es in seinem Reproduktionspro-zess tausend Gesichter annimmt, kann es als universaler Vermittler fungieren. Und daher sein dialektischer Schein als Kern eines Systems.
JE

 

Dienstag, 16. Dezember 2025

Wie verhält sich die Wissenschaftslehre zur Logik?

René Burri                          zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

[65] Die Wissenschaftslehre soll für alle mögliche Wissenschaften die Form aufstellen. – Nach der gewöhnlichen Neigung, an der wohl auch etwas Wahres seyn mag, thut die Logik das gleiche. Wie verhalten sich diese beiden Wissenschaften, und wie verhalten sie sich insbesondere in Absicht jenes Geschäfts, das beide sich anmaassen?

Sobald man sich erinnert, dass die Logik allen möglichen Wissenschaften bloss und allein die Form, die Wissenschaftslehre aber nicht die Form allein, sondern auch den Gehalt ge-ben solle, so ist ein leichter Weg eröffnet, um in diese höchst wichtige Untersuchung einzu-dringen. In der Wissenschaftslehre ist die Form vom Gehalte, oder der Gehalt von der Form nie getrennt; in jedem ihrer Sätze ist beides auf das innigste vereinigt. Soll in den Sätzen der Logik die blosse Form der möglichen Wissenschaften, nicht aber der Gehalt liegen, so sind sie nicht zugleich Sätze der Wissenschaftslehre, sondern sie sind von ihnen verschieden; und folglich ist auch die ganze Wissenschaft weder die Wissenschaftslehre selbst, [66] noch etwa ein Theil von ihr; sie ist, so sonderbar dies auch bei der gegenwärtigen Verfassung der Philosophie jemandem vorkommen möge, überhaupt keine philosophische, sondern sie ist eine eigene, abgesonderte Wissenschaft, wodurch jedoch ihrer Würde gar kein Abbruch geschehen soll.

Ist sie dies, so muss sich eine Bestimmung der Freiheit aufzeigen lassen, mit welcher das wissenschaftliche Verfahren aus dem Gebiete der Wissenschaftslehre auf das der Logik übertrete, und bei welcher sonach die Grenze zwischen beiden Wissenschaften liege. Eine solche Bestimmung der Freiheit ist denn auch leichtlich nachzuweisen. In der Wissen-schaftslehre nemlich sind Gehalt und Form nothwendig vereinigt. Die Logik soll die blosse Form, vom Gehalte abgesondert, aufstellen; diese Absonderung kann, da sie keine ur-sprüngliche ist, nur durch Freiheit geschehen. Die freie Absonderung der blossen Form vom Ge-halte wäre es sonach, durch welche eine Logik zu Stande käme. Man nennt eine solche Ab-sonderung Abstraction; und demnach besteht das Wesen der Logik in der Abstraction von allem Gehalte der Wissenschaftslehre.

Auf diese Art wären die Sätze der Logik bloss Form, welches unmöglich ist; denn es liegt im Begriffe des Satzes überhaupt, dass er beides, Gehalt sowohl als Form, habe. (§ 1) Mithin müsste das, was in der Wissenschaftslehre blosse Form ist, in der Logik Gehalt seyn, und dieser Gehalt bekäme wieder die allgemeine Form der Wissenschaftslehre, die aber hier be-stimmt als Form eines logischen Satzes gedacht würde. Diese zweite Handlung der Freiheit, durch welche die Form zu ihrem eigenen Gehalte wird, und in sich selbst zurückkehrt, heisst Reflexion. Keine Abstraction ist ohne Reflexion; und keine Reflexion ohne Abstrac-tion möglich. Beide Handlungen, von einander abgesondert gedacht, und jede für sich betrachtet, sind Handlungen der Freiheit; wenn in eben dieser Absonderung beide aufein-ander bezogen werden, so ist unter Bedingung der einen, die zweite nothwendig; [67] für das synthetische Denken aber sind beide nur eine und ebendieselbe Handlung, angesehen von zwei Seiten.

Hieraus ergiebt sich das bestimmte Verhältniss der Logik zur Wissenschaftslehre. Die er-stere begründet nicht die letztere, sondern die letztere begründet die erstere: die Wissen-schaftslehre kann schlechterdings nicht aus der Logik bewiesen werden, und man darf ihr keinen einzigen logischen Satz, auch den des Widerspruchs nicht, als gültig vorausschicken; hingegen muss jeder logische Satz, und die ganze Logik aus der Wissenschaftslehre bewie-sen werden; – es muss gezeigt werden, dass die in der letzteren aufgestellten Formen, wirkliche Formen eines gewissen Gehaltes in der Wissenschaftslehre seyen. Also entlehnt die Logik ihre Gültigkeit von der Wissenschaftslehre, nicht aber die Wissenschaftslehre die ihrige von der Logik.

Ferner, die Wissenschaftslehre wird nicht durch die Logik, aber die Logik wird durch die Wissenschaftslehre bedingt und bestimmt. Die Wissenschaftslehre bekommt nicht etwa von der Logik ihre Form, sondern sie hat sie in sich selbst, und stellt sie erst für die mögliche Abstraction durch Freiheit auf. Im Gegentheil aber bedingt die Wissenschaftslehre die Gültigkeit und Anwendbarkeit logischer Sätze. Die Formen, welche die letztere aufstellt, dürfen in dem gewöhnlichen Geschäfte des Denkens und in den besonderen Wissenschaf-ten auf keinen anderen Gehalt angewendet werden, als auf denjenigen, den sie schon in der Wissenschaftslehre in sich fassen – nicht nothwendig auf den ganzen Gehalt, den sie dort in sich fassen, denn dadurch würde keine besondere Wissenschaft entstehen, sondern nur Theile der Wissenschaftslehre wiederholt werden, aber doch nothwendig auf einen Theil desselben, auf einen in und mit jenem Gehalt begriffenen Gehalt. Ausser jener Bedingung ist die durch ein solches Verfahren zu Stande gebrachte besondere Wissenschaft ein Luftge-bäude, so logisch richtig auch in derselben gefolgert seyn möge.[68]

Endlich, die Wissenschaftslehre ist nothwendig – nicht eben als deutlich gedachte, systema-tisch aufgestellte Wissenschaft, aber doch als Naturanlage – die Logik aber ist ein künstli-ches Product des menschlichen Geistes in seiner Freiheit. Ohne die erstere würde über-haupt kein Wissen und keine Wissenschaft möglich seyn; ohne die letztere würden alle Wissenschaften nur später haben zu Stande gebracht werden können. Die erstere ist die ausschliessende Bedingung aller Wissenschaft; die letztere ist eine höchst wohlthätige Er-findung, um den Fortgang der Wissenschaften zu sichern und zu erleichtern. ___________________________________________________________________
J. G. Fichte, Ueber den Begriff der Wissenschaftslehre oder der sogenannten Philosophie, §6  

 

Nota. - 'Die Wissenschaftslehre begründet die Logik' -? Olalà!

- Logik ist ja wohl ein Prädikat des Denkens: Man denkt log isch oder nicht. Menschen denken. Wenn also etwas dran ist am Anspruch der Wissenschaftlehre, das Denken zu erklären, dann begründet sie eo ipso das Logische daran. 

Doch verfährt sie nicht selber log isch? - Ihre Darstellung verfährt diskursiv, das ist wahr. Anders können wir nicht 'darstellen'. Aber sie stellt nicht das diskursive Verfahren dar, in-dem sie etwa Begriffe durch logische Folgerungen zu Sätzen verknüpfte. Sondern sie be-schreibt den Gang des Vorstellens in auseinander hervorgebrachten Bildern - schlecht und recht, mag man sagen, und darum ist auch niemand genötigt, ihre Beschreibung einzusehen. Sie zu ignorieren ist ein Leichtes und steht jedermann frei. Er wird dann eine ganze Menge Einsichten nicht haben können, doch auch das muss er ja nicht. Er kann allerdings, und das kann man ihm empfehlen, versuchen, den Gang dieser Bilder selber in sich hervorzubrin-gen, und wenn es ihm gelingt, wird er finden, dass er manches versteht, was ihm vorher rätselhaft war, besser gesagt: noch rätselhafter als nun. Und je öfter er es versucht, um so weniger rätselhaft wird es ihm vorkommen.
JE, 13. 10. 20

Montag, 15. Dezember 2025

Um eine ganze Epoche zu früh.

Hugo Lederer, Fichte                      zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Wieso hat Fichte mit dem Rekonstruieren der Vernunft aus ihrer aufgefundenen Anfangs-bedingung nicht schlussgemacht, als er mit der Herleitung des Rechtsbegriffes den Über-gang in die sinnliche Welt getan hatte, wo die historische Vernunft real und nicht bloß ideal wirkend war? Hat er nicht bemerkt, dass er sein Eingangsprogramm damit erfüllt hatte?

Kaum anzunehmen. Ich denke wohl, dass er es nicht bemerken wollte. Er wollte nicht, wie Kant beim Apriori, bei einem Gedanken haltmachen, er wollte nicht bloß den gesunden Menschenverstand freigesetzt haben, sich selber fortzubestimmen; sondern er wollte das reine Denksystem zu praktischen Konsequenzen fortführen - zu politischen und sittlichen.



Korrekt hätte er das tun müssen, indem er sich eine rationelle Geschichtsauffassung und eine... Kritik der Wirtschaftsweise erarbeitet hätte. Doch dafür waren die bürgerlichen Ver-hältnisse - und im kleinbürgerlich-bäuerlichen Deutschland schon gar - noch nicht genü-gend entwickelt. Das Eindringen des Kapitals in die Produktion und die Ausbildung einer bürgerlichen Staatsform standen erst noch bevor. Es sollte eine ganze Generation brau-chen, um mit der materialistischen Geschichtsauffassung auch eine wissenschaftliche Kritik der Politischen Ökonomie entstehen zu lassen.

Darauf konnte Fichte nicht warten - dann hättte er ja mit der Wissenschaftslehre gar nicht erst anzufangen brauchen! Für ihn wie für seine Jenaer Zeit- und Hausgenossen war sie die gedankliche Entsprechung der Großen Revolution - die aber eben im Begriff war, vom General Bonaparte zu Grabe getragen zu werden. Er war um eine ganze Epoche zu früh dran. Die bürgerliche Produktionsweise sollte erst die uneingeschränkt herrschende werden und die spekulative Philosophie den positiven Wissenschaften Platz machen. Erst danach konnte das praktische kritische Geschäft neu begonnen werden. Die Transzendentalphilo-sophie wartet bis heute auf ihre Wiederherstellung.*
27. 5. 20 
 
*) Ich tu, was ich kann. 
 

Sonntag, 14. Dezember 2025

Ursache und Absicht aller Philosophie.

                                                                 zu Philosophierungen

1) Was kann ich wissen?
2) Was soll ich thun?
3) Was darf ich hoffen?
4) Was ist der Mensch?

Die erste Frage beantwortet die Metaphysik, die zweite die Moral, die dritte
die Religion und die vierte die Anthropologie. Im Grunde könnte man aber
alles dieses zur Anthropologie rechnen, weil sich die drei ersten Fragen auf
die letzte beziehen.

Immanuel Kant's Logik, in ders., Akademie-Ausgabe IX, S. 25

Die anthropologische Fragestellung war der Urheber allen Philosophierens. Das war den ersten und selbst den späteren Philosophen nicht bewusst. Doch die Kant'sche koperni-kanische Wendung der Philosophie mit der Frage Was ist Vernunft?  konnte an der Frage-stellung Warum will man wissen? nicht vorbeigehen. Man will wissen, um das tun zu kön-nen, was man tun soll

Das Problem ist nämlich: Das Wollen der Menschen ist frei. Es ist nicht nur das praktische Problem eines jeden Lebenden, sondern zugleich das theoretische Problem einer Wissen-schaft "vom Menschen". Denn entweder ist das, was der Mensch ist, vorgegeben von seiner 'Natur' (über die man zu streiten nie müde wird), oder er ist frei, das zu tun, was er als das Richtige selber erachtet.

Aus dem Dilemma kann die empirische Forschung nicht herausfinden. Die paradoxe Lö-sung, dass er von Natur zur Freiheit verurteilt ist, wäre nicht ihre Sache, sondern die der Philosophie. 

Dennoch, wer keinen Satz in Tomasellos Darlegung sachlich bestreitet, könnte einwenden: So ist es; aber es ist nicht richtig so; es sollte anders sein. - Was kann die Empirie dagegen vorbringen?

Dass es so ist, ist aber das eigentlich Einzigartige am Menschen; doch nur, wenn er es wählt.
Kommentar zu Wir sind schon ziemlich einzigartig, JE. 7. 11. 20 

 

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Samstag, 13. Dezember 2025

Das Gefühl ist das erste Objekt unsrer Reflexion; daraus ergibt sich viererlei.

Eberlein, Vom Skorpion gestochen            aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Wir haben als Grundzustand abgeleitet ein Gefühl, an welches alles übrige geknüpft wird. Das Gefühl ist das erste un/mittelbare Objekt unsrer Reflexion. Das Ich fühlt sich, und zwar ganz. Aber das Ich ist, wie wir wissen, praktisch und ideal, welches beides jetzt erst geteilt wird vermittelst des Gefühls. Das Ich fühlt sich zuvörderst praktisch, dies ist eigent-lich das unmittelbare Gefühl, in welchem Gefühl der Beschränktheit und des Strebens ver-einigt ist. 

Aber das Ich fühlt sich ganz, also auch ideal und insofern anschauend, in welcher Anschau-ung nun abermals Beschränktheit und Streben vereinigt sein muss. Sonach finden sich da abermals vier Stücke: Gefühl der Beschränktheit, Gefühl des Strebens, Anschauung des bestimmten Objekts, Anschauung des Ideals. Diese vier Stück sind notwendig vereinigt, eins kann ohne das andere nicht sein. 

In der Zukunft werden wir sehen, dass noch mehr hinzu kommen muss. 
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 86f.  



Nota. - Zuerst ist da ein Gefühl, und weil das Ich strebend ist, ist es zugleich ein Gefühl der Beschränktheit und eins der Freiheit. Erst durch das Gefühl teilt sich das Ich in eine 'reale', praktische Tätigkeit und eine ideale Tätigkeit: Anschauung. Die Anschauung der praktischen Tätigkeit wird zur Anschauung eines je bestimmten Objekts, die Anschauung der idealen Tä-tigkeit (=der Anschauung) wird zur Anschauung der Idee, d. h. eines Suchens.
JE, 24. 9. 16 

 

 

Fundamentalhumor.

Ein Ich kann sich nicht anders begegnen, als wenn es aus sich heraus und neben sich tritt und sich zuschaut. Damit nimmt, wenn sie will, die...