zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete VernunftkritikChatGPT schreibt:
Brackens Buch besitzt eine sehr klare, wenn auch heute nicht unumstrittene Architektur. Seine eigentliche These lautet:
Der deutsche Idealismus – insbesondere Fichte – ist nicht nur historisch nach Kant zu verstehen, sondern zugleich als Vollendung einer geistigen Entwicklung, die mit der deutschen Mystik Meister Eckharts beginnt.
Diese Grundthese entfaltet er in mehreren Schritten.
1. Die historische Leitthese
Bereits im Vorwort erklärt Bracken sein Programm. Er will nicht bloß motivgeschichtliche Ähnlichkeiten feststellen, sondern die Frage beantworten,
ob zwischen Eckhart und Fichte eine innere philosophische Verwandtschaft besteht und welcher Art sie ist.
Er spricht sogar ausdrücklich von der
„Geburt des Idealismus aus dem Geiste der Mystik".
Damit grenzt er sich von einer rein quellenkritischen Untersuchung ab. Ihn interessiert weniger die Frage, ob Fichte Eckhart gelesen hat, als vielmehr die Kontinuität einer deutschen Denkbewegung von der Mystik zum Idealismus.
2. Deshalb rekonstruiert er zunächst Eckhart
Mehr als zwei Drittel des Buches handeln überhaupt nicht von Fichte.
Bracken entwickelt zunächst eine systematische Philosophie Eckharts.
Er behauptet, Eckhart sei keineswegs bloß religiöser Prediger, sondern besitze eine geschlossene Metaphysik.
Diese rekonstruiert er nach mehreren Grundbegriffen:
- Form und Stoff
- Ursache und Wirkung
- Höheres und Niedrigeres
- Gerechtigkeit
- Mitteilung
- Überformung
- Geburt Gottes in der Seele
Dabei arbeitet Bracken ständig die neuplatonischen Grundlagen heraus (Proklos, Liber de causis, Avicenna, Aristoteles). Eckhart erscheint als Denker einer hierarchischen Seinsordnung, deren Ziel die Rückkehr des Menschen zur göttlichen Einheit ist.
3. Der entscheidende Übergang
Erst nach fast 400 Seiten beginnt der Vergleich.
Jetzt lautet die Frage:
Welche Strukturen der Wissenschaftslehre entsprechen den Grundstrukturen Eckharts?
Bracken betont dabei ausdrücklich:
Nicht dieselben Begriffe.
Nicht dieselbe Theologie.
Sondern dieselbe Grundbewegung des Denkens.
4. Die wichtigste Parallele:
Eckharts Seelengrund ↔ Fichtes Ich
Dies bildet den Mittelpunkt des zweiten Bandteils.
Bracken sagt ungefähr:
Bei Eckhart existiert im Menschen ein innerster Seelengrund.
Dieser ist
- nicht psychologisch,
- nicht empirisch,
- sondern transzendental (im heutigen Sinn würde man fast sagen: Bedingung der Möglichkeit geistigen Lebens).
Bei Fichte erscheint dieselbe Funktion nun als
das absolute Ich.
Nicht weil Fichte Mystiker wäre.
Sondern weil beide nach einem letzten Ursprung aller Erfahrung suchen.
Hier sieht Bracken die tiefste strukturelle Verwandtschaft.
5. Die "Geburt Gottes" wird zur Selbstsetzung des Ich
Das ist vielleicht seine kühnste These.
Bei Eckhart
entsteht Gott im Seelengrund.
Bei Fichte
setzt sich das Ich selbst.
Bracken behauptet nun:
Dies seien keine identischen Lehren.
Aber sie erfüllten dieselbe philosophische Funktion.
Beide beschreiben den Ursprung geistiger Wirklichkeit nicht als äußeres Geschehen,
sondern als inneren Vollzug.
Deshalb nennt er die Wissenschaftslehre gewissermaßen die philosophische Transformation der Mystik.
6. Das Existenzgefühl
Hier wird Bracken besonders originell.
Er meint,
nicht nur einzelne Begriffe,
sondern das gesamte Existenzgefühl sei verwandt.
Beide Philosophen erleben den Menschen
- nicht als fertiges Wesen,
- sondern als Aufgabe,
- als ständigen Vollzug,
- als Bewegung auf ein Absolutes hin.
Auch hier spricht er eher von einer Strukturverwandtschaft als von historischen Einflüssen.
7. Kategorien
Ein langes Kapitel widmet Bracken dem Vergleich
- Eckhart
- Kant
- Fichte.
Seine These lautet:
Eckhart besitzt bereits eine implizite Kategorienlehre.
Die intelligible Welt ist bei ihm nicht bloß Gegenstand religiöser Erfahrung,
sondern besitzt eine eigene begriffliche Ordnung.
Fichte radikalisiert diese,
indem die Kategorien nun nicht mehr ontologisch,
sondern transzendental begründet werden.
Hier zeigt sich einer der stärksten Unterschiede:
Bei Eckhart bleibt alles im Horizont einer Seinsmetaphysik.
Bei Fichte wird daraus eine Theorie des Bewusstseins.
8. Das Ergebnis Brackens
Sein Schluss lautet ungefähr:
- Eckhart ist kein früher Idealist.
- Fichte ist kein mittelalterlicher Mystiker.
- Aber beide verwirklichen dieselbe Grundidee auf verschiedenen geschichtlichen Stufen.
Die Mystik entwickelt sich
→ Spiritualismus
→ deutscher Idealismus
→ Wissenschaftslehre.
Fichte erscheint somit als philosophische Vollendung eines bereits bei Eckhart angelegten Denkimpulses.
Aus heutiger Sicht
Gerade hier setzt die spätere Forschung vielfach Kritik an. Brackens Leitidee einer weitgehend kontinuierlichen Entwicklung von der deutschen Mystik zum Idealismus wird heute meist als zu stark vereinheitlichend angesehen. Man betont stärker die tiefen Unterschiede zwischen Eckharts neuplatonisch geprägter Seinsmetaphysik und Fichtes transzendentalphilosophischem Projekt. Historisch ist zudem nicht nachweisbar, dass Fichte die deutschen Schriften Eckharts gekannt hätte; Brackens Vergleich ist daher vor allem systematisch, nicht quellenhistorisch.
Ich glaube allerdings, dass die interessanteste Frage noch eine andere ist – und sie knüpft direkt an Ihre vorherige Bemerkung an. Bracken behandelt den Fichte der Wissenschaftslehre von 1794/95 weitgehend so, als ob er bereits auf den späteren, religiös-metaphysischen Fichte zuliefe. Wenn man dagegen den frühen, streng kritizistischen Fichte konsequent vom Fichte der Bestimmung des Menschen oder der Berliner Wissenschaftslehre trennt, geraten einige von Brackens zentralen Parallelisierungen ins Wanken. Genau an diesem Punkt lässt sich sein Buch philosophisch besonders fruchtbar – und zugleich kritisch – lesen.
Ich selber bestreite die Idee eines 'Deutschen Idealismus' entschieden, nämlich besonders die Idee "Von Kant zu Hegel"; denn zu Hegel 'führt' der transzendentale Idealismus nur durch einen dreifachen Salto rückwärts hinter das kritische Prinzip. Folglich kann ich auch den Weg von der Wissenschaftslehre 1794/1799 zu Fichtes metaphysischen Spekulationen nach 1800 seinerseits nur als einen Salto rückwärts auffassen. Hätte v. Bracken die WL nova methodo gekannt, wäre er gewiss zum selben Ergebnis gekom-men.
JE
Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE
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