Sonntag, 9. August 2026

Ästhetik, Vernunft und Natur. (Nachtrag zu gestern)

  zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Fichte hat das Ästhetische nicht von ungefähr der "Natur" zugerechnet - nämlich in Ana-logie zum sinnlichen Gefühl; denn hätte er es irgendwo anders verortet, hätte er wohl oder übel die Vernunft selbst dort her erklären müssen. 

Fichte kommt, wie er sattsam betont, von Kant her. Wie wir wissen, weniger von der Kritik der reinen Vernunft als von der Kritik der Urteilskraft. Kant selbst stellt die Urteilskraft als ein Verbindungsstück zwischen reiner und praktischer Vernunft dar. In seiner Ausführung erscheint sie dann aber als die Grundlage aller Vernunftanwendung - nicht als Mittelglied einer Dreiheit, sondern als eine alle Einzelstücke durchziehende Adäquanz: Es macht sie zu Einer. 

Er unterscheidet zunächst zwischen ästhetischer und teleologischer Urteilskraft - um dann die ästhetische als die zugrundeliegende Substanz der teleologischen herauszuarbeiten: Das vorausgesetzte Telos erscheint ihm immer als das Als-ob eines an sich Zuwünschenden

Andererseits unterscheidet Kant nicht zwischen Gefühl und Anschauung. So aber Fichte: Gefühl ist der Anteil der Natur an der Vernunfttätigkeit. Alles, was darüber hinausgeht, ist nicht mehr nur Leiden an der Natur, sondern Bestimmen über sie, und das erste ist die Bestimmung des an sich unbestimmten Gefühls zu diesem Bild. 

Und so beginnt die Vernunft: als Tätigkeit des Bestimmens von einem Vorgefundenen, so dass vorgefunden wird nicht erst eine Menge von Gefühlsdaten, sondern ein Bild, das etwas bedeutet.

Das gilt für das ästhetisch Angeschaute wie für den in den teleologischen Zusammenhang der Zwecke entworfenen Begriff  - und damit die Vernunfttätigkeit strictu sensu. Ästheti-sches Anschauen und sinnhaftes Begreifen sind gleich originär. Der Unterschied ist allein der, dass das ästhetische Anschauen es bei sich selbst bewenden lässt, während der Begriff zum Wollen fortgeht. Man könnte sagen: Das Fortschreiten zu den realen Zwecken ist dem Vernunfttrieb natürlicher als das zweckfreie Geschmacksurteil; letzteres ist ein Luxus, den sich nur leisten kann, wessen blanken Bedürfnisse erstmal gedeckt sind. 

Eher hätte Fichte also die Vernunft der Natur zurechnen dürfen als das ästhetische Emp-finden, doch dazwischen liegt der Akt der Freiheit par excellence: das Setzen von Zwecken. Dem liegt das Ästhetische nicht voraus, sondern folgt ihm nach: nämlich als frei gewählter Verzicht auf den Zweck. 
JE 

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

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