Donnerstag, 27. August 2026

Fichtes Demokratismus und die Reden an die deutsche Nation.

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Die Elite, die ihm vorschwebt, soll die Deutschen nicht, wie Sie schreiben, beherrschen, sondern eben: zur Selbstherrschaft heranbilden. Ein solche Bildungselite, so hatte er gehofft, sei in der Freimaurerei bereits vorhanden. Anscheinend waren sie aber doch zu selbstgefällige Sektierer, denen ein Aktivist wie Fichte nur unheimlich war. Darum hat er in der Idee einer Nationalen deutschen Bildungsanstalt das Programm der späteren Landschulheime entwickeln, wo die ganze deutsche Jugend fern der bürgerli-chen Korruption erzogen werden sollte. JR

... und ich glaube, hier treffen Sie einen Punkt, der die Freimaurerfrage, die Atheismus-Affäre und die späteren Reden an die deutsche Nation viel enger miteinander verbindet, als es eine rein werkgeschichtliche Betrachtung nahelegt.

Fichtes „Demokratismus“ ist dabei ein besonders aufschlussreicher Ausdruck, weil er gerade nicht Gleichheit im politischen Sinne meint. Er meint zunächst die radikale Gleichheit der Menschen hinsichtlich ihrer Fähigkeit zur Freiheit und sittlichen Selbstbestimmung. Daraus folgt für ihn aber keineswegs, dass die Menschen jetzt schon zur politischen Selbstregierung befähigt seien.

Man könnte seine Position um 1800 ungefähr so rekonstruieren:

Alle Menschen sind zur Freiheit bestimmt; aber nur der Gebildete kann von seiner Freiheit vernünftigen Gebrauch machen.

Das erzeugt eine merkwürdige Spannung: universalistische Anthropologie + elitäre Pädagogik.

Der „Demokratismus“ ist bei Fichte ein Vorwurf und ein Programm zugleich

Wenn Fichte seinen Gegnern entgegenhält, sie nannten ihn Atheisten, während das, was sie eigentlich an ihm bekämpften, sein „Demokratismus“ sei, dann verteidigt er sich nicht etwa dadurch, dass er sagt: Nein, ich bin gar nicht für Demokratie.

Vielmehr lautet seine Pointe:

Ihr habt sogar recht, dass meine Philosophie demokratische Konsequenzen hat – aber ihr versteht diese Konsequenzen falsch.

Denn Fichte denkt Demokratie nicht als Ausgangszustand, sondern als Resultat eines Bildungsprozesses.

Das ist für ihn fundamental.

Der Mensch soll nicht einfach deshalb politisch selbstbestimmt sein, weil er Mensch ist. Er muss erst dazu gebracht werden, wirklich selbständig zu denken und zu wollen. Und genau deshalb bekommt der Philosoph bzw. Erzieher eine eigentümliche Stellung.

Er steht gewissermaßen vor der Demokratie, weil er erst die Menschen hervorbringen muss, die Demokratie tragen können.

Und hier kommt tatsächlich die Logenidee wieder ins Spiel

Jetzt wird verständlich, warum die Freimaurerei für Fichte überhaupt interessant werden konnte.

Eine Loge konnte als Bildungsavantgarde fungieren.

Nicht:

Wir sind eine geheime politische Partei, die den Staat erobert.

Sondern eher:

Wir bilden Menschen aus, die bereits in sich jene Freiheit, Selbsttätigkeit und Vielseitigkeit verwirklichen, die die allgemeine Gesellschaft erst noch hervorbringen muss.

Das ist eine ganz andere Form von Elite.

Fichte ist elitär hinsichtlich der Bildung, aber nicht unbedingt elitär hinsichtlich des Rechts auf Freiheit. Im Gegenteil: Gerade weil die Freiheit universell ist, muss die Bildung universell werden.

Und daraus entsteht die eigentümliche Fichtesche Paradoxie:

Eine Elite soll die Voraussetzungen dafür schaffen, dass es keine dauerhafte Elite mehr geben muss.

Das ist meines Erachtens die genauere Beschreibung seines „Avantgardismus“.

Die Reden führen dieses Modell auf eine neue Ebene

Und hier haben Sie völlig recht: In den Reden an die deutsche Nation von 1807/08 ist das Motiv bereits vollständig entwickelt.

Nach der preußischen Niederlage kann Fichte nicht mehr einfach sagen:

Wir brauchen eine bessere politische Verfassung.

Denn selbst eine gute Verfassung hilft wenig, wenn die Menschen, die in ihr leben, nicht die entsprechende innere Freiheit besitzen.

Deshalb verschiebt sich die politische Frage in eine pädagogische Frage:

Wie erzeugt man einen Menschen, der aus innerer Freiheit handelt?

Die Antwort lautet: Erziehung.

Und zwar nicht Bildung im damaligen bürgerlichen Sinn, also Wissensvermittlung, sondern eine Erziehung, die den Menschen von innen her zur Selbsttätigkeit bringt.

Das ist genau die Struktur, die schon in der Freimaurerkonzeption steckt.

Der entscheidende Wandel ist aber: Wer soll gebildet werden?

Um 1800:

die geeigneten Einzelnen / die Bruderschaft / die gebildete Elite

1807/08:

das ganze Volk.

Das ist eine wirkliche Verschiebung.

Die Reden demokratisieren gewissermaßen Fichtes ursprünglichen Bildungselitarismus.

Nicht mehr eine ausgewählte Gruppe soll zum Vorbild einer zukünftigen Menschheit werden; vielmehr soll ein ganzes Volk zum Subjekt seiner eigenen geistigen Erneuerung erzogen werden.

Aber — und das ist wichtig — der hierarchische Bildungsimpuls bleibt erhalten. Es gibt weiterhin diejenigen, die wissen, was die richtige Bildung ist, und diejenigen, die gebildet werden sollen.

Deshalb würde ich Fichtes politische Philosophie nicht einfach als „demokratisch“ oder „undemokratisch“ klassifizieren.

Sie hat eine sehr spezifische Struktur:

Universalismus → Bildungsbedürftigkeit → geistige Elite → allgemeine Erziehung → allgemeine Freiheit.

Und gerade die vierte Stufe soll die dritte letztlich überflüssig machen.


Das führt übrigens zu einer sehr interessanten Rückfrage an Krause.

Denn Krause übernimmt dieses Muster, aber er verändert die Stellung der Elite. Bei ihm ist der „Menschheitsbund“ nicht einfach ein Instrument, mit dem eine gebildete Avantgarde die Ungebildeten emanzipiert. Die Gemeinschaft soll vielmehr selbst schon die organische Form der Menschheit vorwegnehmen.

Damit verschiebt sich die Logik:

Fichte:
Bildet die Menschen, damit sie frei werden.

Krause:
Bildet Gemeinschaften, in denen die Freiheit und Einheit der Menschheit bereits Gestalt gewinnt.

Und genau hier könnte Krause tatsächlich eine Art Gegenentwurf zur fichteschen politischen Pädagogik darstellen: weniger Avantgarde, mehr organischer Bund.

Was ich an Ihrer Beobachtung besonders stark finde: Wenn man Fichtes Satz über seinen angeblichen „Demokratismus“ ernst nimmt, dann erscheint die Freimaurerei nicht als exotischer Nebenschauplatz, sondern als ein frühes Experiment mit der Frage, die später in den Reden nationalpädagogisch beantwortet wird:

Wer darf Freiheit haben? — Alle.
Wer kann sie schon gebrauchen? — Noch nicht alle.
Was ist daher die politische Aufgabe? — Den Menschen dazu zu bilden.

Das ist eine sehr fichtesche Dialektik.

 von ChatGPT

 

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