sigrid rossmann / pixelio.de
Nicht nur meine ich wirklich, dass Fichte konsequenterweise die notwendige Idee des Wahren und Absoluten als eine ästhetische Fiktion hätte erkennen sollen. Ich meine sogar, dass er sich bereits auf diesen Weg begeben hatte und dass es der Atheismusstreit war, der ihn stattdessen auf den Abweg der spekulativen Metaphysik verführt hat.
Jacobi hatte Recht, ihn an seine Herkunft aus dem Spinozismus zu erinnern: Der Gedanke an die Vernunft als deus sive natura mag in seinem Hinterkopf ebenso gegeistert haben wie in Kants 'Ding-an-sich' die Leibniz'schen Monaden.
Jener hatte lange geschwankt, ob er das Ding an sich mehr als ein Reale
oder doch mehr als bloßes Noumenon auffassen sollte, und erst im Opus postumum scheint
er sich ganz vom Realismus zu lösen. Bei Fichte dagegen standen
praktischer Aktivismus und logischer Aktualismus ganz im Vordergrund,
aller Ge-danke an ein Sein-an-Sich war ihm ein Gräuel. Aber das war vor dem 18. Brumaire.* Das war vor dem Ende der Revolution und vor dem Ende der Jenaer Romantik.
Und vor dem Atheismusstreit.
Im Streit um den Aufsatz Über Geist und Buchstab in der Philosophie, in dem er das Ästhetische als eine Art Vorraum der Vernunft darstellte und den Schiller nicht in seine Zeitschrift Horen
aufgenommen hatte, schrieb Fichte, wie weit er den Begriff des
Ästhe-tischen fasse, könne jener sich nicht einmal vorstellen.** "Nur
der Sinn für das Ästhetische ist es, der in unserem Innern uns den
ersten
festen Standpunkt gibt", hatte es dort gehei-ßen.*** Noch in der Sittenlehre° schreibt er: "Ästhetischer Sinn ist nicht Tugend: denn das Sittengesetz fordert
Selbständigkeit nach Begriffen, der erstere aber kommt ohne alle Be-griffe von
selbst. Aber er ist Vorbereitung zur Tugend, er bereitet ihr den Boden, und
wenn die Moralität eintritt, so findet sie die halbe Arbeit, die Befrei- ung
aus den Banden der Sinnlichkeit, schon vollendet. Ästhetische Bildung hat
sonach eine höchst wirksame Be-ziehung auf die Beförderung des Vernunftzwecks."
Das ist bloß eine empirische, "historische" Beschreibung, keine Transzendentalphilosophie. Aber wir wissen heute,°° dass Fichte immer wieder - bis zum Atheismusstreit!
- den Plan fasste, seine Gedanken zu einer systematischen Ästhetik
auszubauen, und wohl nur durch dringendere Geschäfte davon abgehalten
wurde.
Bis zum Atheismusstreit, wohlbemerkt. In den Rückerinnerungen taucht dann der bizarre Einfall eines "intellektuellen Gefühls" auf,
den er unter Jacobis Einfluss gleich wieder fallen lässt. Doch hätte er
den Gedanken ausgearbeitet°°° - ich zweifle nicht daran, dass er jenes
'intellektuelle Gefühl' als ein ästhetisches Urteil hätte identifizieren müssen.
*) am 9. 11. 1799
**) Fichte an Schiller, 27. 7. 1795; in: Fichte, Briefe, Bln. (O) 1986, S. 154, desgl. in Von den Pflichten der Gelehrten, Hamburg 1971, S. XXXVII
***) Über Geist und Buchstab
in der Philosophie,
SW VII, S. 291
°) System
der Sittenlehre [1798] SW IV, S. 354f.
°°) Giorgia Cecchinato, Fichte und das Problem einer Ästhetik, Würzburg 2009
15. 5. 2014
°°°) Die WL nova methodo habe ich erst nach obigem Eintrag gründlich studiert - dort tauchte das intellektuelle Gefühl immer wieder auf und hatte systematische Bedeutung. Man kann es es nur als eine ästhetische Wahrneh-mung auffassen.
Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen