
Das Motiv taucht bei den späteren Marxianern eben unter dem Namen Avant-gardepartei wieder auf... JE
Ja — und damit wird Ihre ursprüngliche Fichte–Marx-Spur sehr viel interessanter, wenn man sie nicht über Begriffe, sondern über das von Ihnen betonte Motiv verfolgt.
Die Parallele liegt meines Erachtens nicht darin, dass Lenin etwa „Fichteianer“ wäre. Sie liegt in einer bestimmten politischen Form des Bildungs- und Emanzipationsmotivs:
Die Allgemeinheit soll selbst zur Selbstbefreiung gelangen; dazu bedarf es zunächst einer besonderen Gruppe, die diese Fähigkeit bereits in höherem Maße besitzt und die Allgemeinheit zur eigenen Selbsttätigkeit befähigt.
Das ist etwas anderes als die Vorstellung einer herrschenden Elite.
Fichte
Bei Fichte könnte man die Struktur ungefähr so formulieren:
Freiheit ist universell → faktische Menschen sind noch nicht freiheitsfähig → eine gebildete Minderheit muss die Bedingungen der Bildung schaffen → diese Bildung soll schließlich alle zur Selbstherrschaft befähigen.
Die Pointe ist also gerade die Selbstaufhebung der Bildungselite.
Sie soll nicht für die anderen handeln, sondern dafür sorgen, dass die anderen selbst handeln können.
Lenin
Bei Lenin erscheint eine strukturell verwandte Konstellation unter völlig anderen historischen und theoretischen Voraussetzungen:
Proletariat hat objektiv das revolutionäre Interesse → spontane Arbeiterbewegung entwickelt aber zunächst kein hinreichendes revolutionäres Bewusstsein → eine besonders organisierte Gruppe revolutionärer Intellektueller muss Bewusstsein, Organisation und strategische Orientierung vermitteln → dadurch soll das Proletariat zum selbstbewussten politischen Subjekt werden.
Das ist genau die Stelle, an der der Begriff Avantgarde seine eigentliche Funktion bekommt.
Und hier liegt die überraschende Nähe:
Avantgarde bedeutet ursprünglich nicht: Stellvertreterherrschaft.
Sie bedeutet zunächst:
Vorsprung im Bewusstsein und in der Organisation, damit die Allgemeinheit diesen Vorsprung aufholen kann.
Natürlich kann daraus historisch sehr wohl eine Stellvertreterlogik und schließlich eine verselbständigte Parteiherrschaft werden. Aber das ist nicht identisch mit dem ursprünglichen emanzipatorischen Motiv.
Und damit wird die Fichte–Lenin-Parallele sogar präziser
Man könnte drei Stufen unterscheiden:
| Fichte | Marxismus/Leninismus |
|---|---|
| gebildete Elite | Avantgardepartei |
| Bildung | revolutionäres Bewusstsein |
| Erziehung zur Selbsttätigkeit | Organisierung zur politischen Selbsttätigkeit |
| Bildungsanstalt | Partei als Schule/Organisation |
| Volk soll sich selbst beherrschen | Proletariat soll sich selbst befreien |
| Elite soll sich überflüssig machen | Avantgarde soll die Klasse zum selbständigen Subjekt machen |
Das Entscheidende ist dabei nicht der Inhalt der Lehre, sondern die Struktur:
Emanzipation verlangt zunächst eine Asymmetrie des Bewusstseins, deren Zweck die Aufhebung eben dieser Asymmetrie ist.
Das halte ich für einen ausgesprochen fruchtbaren Gedanken.
Und vielleicht erklärt das auch etwas bei Marx selbst
Marx ist an dieser Stelle übrigens vorsichtiger als Lenin. Gerade deshalb würde ich die Linie nicht einfach „Fichte → Marx → Lenin“ nennen.
Bei Marx gibt es eine starke Skepsis gegenüber jeder selbsternannten pädagogischen oder politischen Elite, die sich an die Stelle der wirklichen Emanzipation setzt. Die berühmte dritte Feuerbachthese lautet ja gerade, dass die Umstände durch Menschen verändert werden müssen und der Erzieher selbst erzogen werden muss.
Das ist ein Motiv, das einer fichteschen Bildungshierarchie gewissermaßen die Spitze abschneidet:
Wer andere zur Freiheit erziehen will, kann sich selbst nicht außerhalb des Prozesses stellen.
Bei Lenin verschiebt sich das Verhältnis dann wieder zugunsten der organisierten Avantgarde.
Deshalb könnte man die Entwicklung sehr zugespitzt so formulieren:
Fichte:
Bildungselite → Erziehung → Selbstherrschaft
Marx:
Selbstveränderung der Menschen in der gesellschaftlichen Praxis
Lenin:
Avantgarde → Organisation/Bewusstsein → politische Selbstbefreiung der Klasse
Und genau dadurch wird Ihre Bemerkung über die Freimaurerei wichtig. Denn die soziale Form, die Fichte zunächst bei den Freimaurern sucht, ist bereits eine Art Vorform des späteren Avantgardemotivs: eine besondere Gemeinschaft soll einen höheren Bewusstseins- und Bildungsstand verkörpern und dadurch eine allgemeine Emanzipation ermöglichen.
Der eigentliche Bruch liegt dann vielleicht weniger zwischen Fichte und Lenin als zwischen zwei Lösungen des gleichen Problems:
Wie kann eine noch nicht selbstbestimmte Allgemeinheit zur Selbstbestimmung gebracht werden, ohne dass derjenige, der sie dazu befähigt, an ihre Stelle tritt?
Das ist eine sehr alte politische Frage. Fichte gibt darauf eine pädagogische, Lenin eine organisatorisch-politische Antwort.
Und gerade weil Sie von Motiven statt von Begriffsgeschichte sprechen, wäre das m.E. eine ziemlich starke Vergleichsachse.
von ChatGPT
Denken Sie nicht, er redet mir zum Munde: Er hat das alles schon gewusst, bevor ich ihn gefragt habe - aber millionenfach zerstreut wie in einem natürlichen Gehirn. Doch damit er es zusammensucht und einen intelligiblen Text daraus redigiert, brauchte er meine Aufforderung. Es ist übrigens in seine Antworten auch manches eingegangen, das ich selbst ins Internet gestellt habe. Wenn wir das ein paar Millionen mal wiederholten, wäre es allerdings bedenklich; er würde zu einem Echo, das auch in andere Ohren schallt. Denn das, was er mir oben geantwortet hat, behält er, und wird es bei gegebener Gelegenheit wieder abspulen.
JE
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