Montag, 10. August 2026

Real ist das Übergehen; Stationen gibt es nur für die Reflexion.

                                            zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Die Zirkulation, worin die Ware bald als Ware, bald als Geld dargestellt ist, zeigt einen Formwechsel derselben; die Art und Weise, wie ihr Tauschwert sich darstellt, wechselt, aber dieser Tauschwert selbst bleibt unverändert. Seine Wertgröße wechselt nicht, wird nicht affiziert durch diesen Formwechsel. 

In der Ware, der Tonne Eisen z. B., ist ihr Tauschwert, die in ihr enthaltne Arbeitszeit ausgedrückt (dargestellt) in ihrem Preise, sage von 3 lib St. Wird sie nun verkauft, so verwandelt sie sich in 3 lib St., in das durch ihren Preis angezeigte Geldquantum, das gleichviel Arbeitszeit enthält. Sie existiert jetzt nicht mehr als Ware, sondern als Geld, als selbständiger Tauschwert. In der einen Form wie in der andren bleibt die Wertgröße un-verändert. Nur die Form , worin derselbe Tauschwert existiert, hat sich verändert. Der Formwechsel der Ware, der die Zirkulation bildet, kaufen und verkaufen, haben an und für sich nichts mit der Wertgröße der Ware zu tun, die vielmehr als gegeben der Zirkulation vorausgesetzt ist. 

Die Geldform ist nur eine andre Form der Ware selbst, worin nichts an ihrem Tauschwert verändert wird, als daß er nun in seiner selbständigen Form erscheint.

In der Zirkulation W-G-W (verkaufen, um zu kaufen) stehn sich aber nur Warenbesitzer gegenüber, von denen der eine die Ware in ihrer ursprünglichen Gestalt, der andre sie in ihrer verwandelten Gestalt als Geld besitzt. Wie die Zirkulation W - G - W , so enthält die Zirkulation G - W - G nur die beiden Akte des Verkaufs und des Kaufs. In der einen wird mit dem Verkauf begonnen und mit dem Kauf geendet; in der andren wird mit dem Kauf begonnen und mit dem Verkauf geendet. 

Man braucht nur jeden der beiden Austauschakte für sich zu betrachten, um zu sehn, daß die Reihenfolge nichts an der Natur desselben ändern kann. In dem ersten Akt G - W exi-stiert das, was wir Kapital genannt haben, nur als Geld , in dem zweiten — W - G — nur als Ware, kann also in beiden Akten nur die Wirkung von Geld und Ware haben. In dem einen steht es dem andren Warenbesitzer als Käufer , Geldbesitzer, in dem andren als Verkäufer, Warenbesitzer, gegenüber. Nimmt man an, daß durch  irgendeinen unerklär-lichen Umstand es den Käufern gegeben sei, wohlfeiler zu kaufen, d. h., die Ware unter ihrem Wert zu kaufen und zu ihrem Wert oder über ihren  Wert zu verkaufen, so ist zwar in dem ersten Akt unser Mann  Käufer (in G - W ) und würde daher die Ware unter ihrem Wert kaufen, aber im zweiten Akt ist er Verkäufer ( W - G ) und ein andrer Warenbesitzer steht ihm als Käufer gegenüber; hätte also wieder das Privilegium, die Ware von ihm unter ihrem Wert zu erstehn. Was er auf der einen Hand gewonnen hätte, würde er mit der and-ren verlieren. Andrerseits nimmt man an, daß er die Ware über ihren Wert verkauft, indem dies das Privilegium des Verkaufens sei, so war in dem ersten Akt, bevor er selbst die Ware erstand, um sie wieder zu verkaufen, ein andrer ihm gegenüber Verkäufer, der ihm die Ware zu teuer verkauft hat. 

Verkaufen alle die Ware z.B. 10 % zu teuer — d . h . 10 % über ihrem Wert —, und wir haben hier nur Warenbesitzer einander gegenüberstehn, sei es, daß sie ihre Waren in der Form der Ware oder des Geldes besitzen, sie werden sie vielmehr jeder abwechselnd in der einen oder der andren Form besitzen — so ist es ganz dasselbe, als ob sie dieselben einan-der zu ihrem wirklichen Wert verkauften. Ebenso, wenn alle die Waren etwa 10 % unter ihrem Wert kaufen.

Die Zirkulation, worin die Ware bald als Ware, bald als Geld dargestellt ist, zeigt einen Formwechsel derselben; die Art und Weise, wie ihr Tauschwert sich darstellt, wechselt, aber dieser Tauschwert selbst bleibt unverändert. Seine Wertgröße wechselt nicht, wird nicht af-fiziert durch diesen Formwechsel. In der Ware, der Tonne Eisen z. B., ist ihr Tauschwert, die in ihr enthaltne Arbeitszeit ausgedrückt (dargestellt) in ihrem Preise, sage von 3 lib St. Wird sie nun verkauft, so verwandelt sie sich in 3 lib St., in das durch ihren Preis angezeigte Geldquantum, das gleichviel Arbeitszeit enthält. Sie existiert jetzt nicht mehr als Ware, son-dern als Geld, als selbständiger Tauschwert. In der einen Form wie in der andren bleibt die Wertgröße unverändert. 

Nur die Form, worin derselbe Tauschwert existiert, hat sich verändert. Der Formwechsel der Ware, der die Zirkulation bildet, kaufen und verkaufen, haben an und für sich nichts mit der Wertgröße der Ware zu tun, die vielmehr als gegeben der Zirkulation vorausgesetzt ist. Die Geldform ist nur eine andre Form der Ware selbst, worin nichts an ihrem Tauschwert verändert wird, als daß er nun in seiner selbständigen Form erscheint.

Soweit der bloße Gebrauchswert der Waren betrachtet wird, ist es klar, daß beide Teile durch den Austausch gewinnen können.  In diesem Sinn kann gesagt werden, daß „der Austausch eine Transaktion ist, worin beide Seiten nur gewinnen", (p. 68, Destutt de Tracy, „Élemens d'Idéo-logie. Traité de la volonté et de ses effets" (bildet IV et V parties), Paris 1826, wo es heißt: „Der Austausch ist eine bewundernswürdige Transaktion, in der die beiden Vertragspartner immer beide gewinnen.")

Soweit die ganze Zirkulation nur eine vermittelnde Bewegung ist, um Ware gegen Ware auszutauschen, veräußert jeder die Ware, die er nicht als Gebrauchswert bedarf und eignet sich die Ware an, die er als Gebrauchswert bedarf. Beide gewinnen also in diesem Prozesse und gehn ihn nur ein, weil sie beide in ihm gewinnen. Noch anders: A, der Eisen verkauft und Getreide kauft, produziert vielleicht in einer gegebnen Arbeitszeit mehr Eisen, als der Getreidebauer B in derselben Zeit produzieren könnte, und dieser seinerseits produziert in derselben Arbeitszeit mehr Getreide, als A produzieren könnte.

Durch den Austausch also, sei dieser durch Geld vermittelt oder nicht, erhält A für densel-ben Tauschwert mehr Getreide und B für denselben Tauschwert mehr Eisen, als wenn der Austausch nicht stattfände. Soweit also die Gebrauchswerte Eisen und Getreide in Betracht kommen , gewinnen beide durch den Austausch. Auch jeden der beiden Zirkulationsakte, Kauf und Verkauf, für sich betrachtet, gewinnen beide Seiten, soweit der Gebrauchswert betrachtet wird. Der Verkäufer, der seine Ware in Geld verwandelt, gewinnt dadurch, daß er sie jetzt erst in allgemein austauschbarer Form besitzt und sie so erst allgemeines Tausch-mittel für ihn wird. Der Käufer , der sein Geld in Ware rückverwandelt, gewinnt dadurch, daß er es aus dieser nur für die Zirkulation erheischten und sonst nutzlosen Form in einen Gebrauchswert für sich umgesetzt hat. Es macht also nicht die geringste Schwierigkeit ein-zusehn, daß beim Austausch jede der beiden Seiten gewinnt, soweit es sich um den Ge-brauchswert handelt.

Ganz anders jedoch mit dem Tauschwert. Hier heißt es umgekehrt: „Wo Gleichheit ist, ist kein Gewinn." ([p.] 244, Galiani, „Della Moneta", t. IV, Custodi, Autore etc., Parte Moderna ... „Dove è eguaglità non è lucro.")
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K. Marx, Ökonomisches Manuskript 1861-1863,  MEW 43, S. 17ff.  

 

Nota. - Fichtes Wissenschaftslehre fasst die Vernunft als einen unendlichen Progress auf. Er unterscheidet darin ein 'reale' und eine 'ideale' Ebene. Real ist das lebendige Vorstellen selbst, es geschieht ununterbrochen. Interpunktiert wird es von der idealen Tätigkeit: der Reflexion, des Rückblicks der Vorstellung auf sich selbst - der Moment des Reflektierens ist ein Stehenbleiben, die vorangegangene Vorstellungstätigkeit erscheint als ein Tat bestand, die lebendige Tätigkeit gerinnt zum Begriff. Der aber erscheint nur dem außenstehenden Zuschauer und ist dem wirklichen Fortschreiten äußerlich. Er braucht ihn aber, um am Gesamtprozess sinnhafte Abschnitte - Progresse - erkennen zu können. Real ist immer nur das Übergehen von einer Vorstellung zur nächsten: nämlich für den Vorstellenden selbst; erst wenn er sich oder einem andern Rechenschaft ablegt über das, was er getan hat, braucht er die Begriffe als Anhaltspunkte.  

Marx hat zum Gegenstand nicht das Vorstellen, sondern die materielle Produktion. Als Gesamtprozess erscheint auch sie als unendlicher Progress, doch der erscheint dem Be-obachter nicht nur als Nacheinander, sondern als ein Nebeneinander von Produktion und Zirkulation, von denen eine immer die andere voraussetzt und zugleich bezweckt. 

Den Standpunkt des außenstehenden Zuschauers verlässt Marx zu keinem Moment, denn er betrachtet den Gesamtprozess jederzeit im Vergleich mit dem Begriffssystem der Poli-tischen Ökonomie. Er ist kein theoretischer Systematiker, sondern Systemkritiker. 

Es liegt nahe, den beständigen Wechsel von W-G zu G-W mit dem Wechsel von real zu ide-al gleichzusetzen und als Übergehen zu benennen, aber das wäre zunächst nur eine Analo-gie, die im besten Fall eine Spur weist. 

Wenn das Wertgesetz gilt,* werden alle Waren gegeneinander je zu ihrem Wert getauscht. Durch den Tausch kann ein Mehr wert also nicht entstehen. Er muss in der Produktion entstehen. In die Produktion gehen allerdings alle Waren zu ihrem vollen Wert ein und verändern sich nicht - höchstens eine Minderung durch Verschleiß kommt vor. Auch da kann ein Mehrwert nicht entstehen. Und doch muss er irgendwo entstehen.

Der springende Punkt ist die Einheit von Produktion und Zirkulation, und in dieser Einheit muss der Mehrwert virtuell impliziert sein. Er muss in der Voraussetzung liegen, unter de-nen der Prozess überhaupt erst stattfindet: Es muss getauscht werden, damit produziert werden kann. Wenn jeder außer seinem Arbeitsvermögen auch über die nötigen Arbeits-mittel verfügt, kann ein jeder produzieren. Wenn genügend produziert wurde, um alle Be-dürfnisse zu befriedigen, mögen sie ihre Produkten gegeneinander tauschen. 

Wie ist es möglich, dass die Produktion überhaupt erst beginnen kann, nachdem ein primä-rer Austausch stattgefunden hat? 

Wenn das Arbeitsvermögen und die Arbeitsmittel von einander getrennt sind und durch einen Akt erst miteinander vermittelt werden müssen. 

Und in diesem Akt soll der Mehrwert zugrunde gelegt werden? 

Wenn der Wert des einen und des anderen nicht gleich ist - anders kann es nicht sein. 

Der Wert des Arbeitsmittels ist durch seine Erstellungskosten = die in ihm vergenständ-lichte Arbeit gesetzt; desgleichen wird der Wert der Arbeitskraft durch seine Erstellungs-kosten gesetzt, nämlich die Arbeit, die für Produktion und Reproduktion des Arbeitsver-mögens aufzuwenden war: den Arbeitslohn

Und welches ist das Mehr, das durch ihre Vermittlung hinzugesetzt wurde? Es ist die Arbeit selbst. Der Arbeiter erhält im Tausch den Gegenwert seines Arbeitsvermögens, der Kapital-besitzer erhält das Produkt der Arbeit. Es war ein ungleicher Tausch, denn der eine be-kommt den Tauschwert seines Arbeitsvermögen und der andere erhält den Gebrauchswert des fremden Arbeitsvermögens.

In der klassischen Politischen Ökonomie kommt, wie zu Recht gesagt wurde, der Ge-brauchswert gar nicht vor. Der geht es allein um die Formbestimmung: den Tausch wert. Nicht so die Kritik: Der geht es vielmehr um den Unterschied zwischen Form und Stoff - und das ist der Mehrwert.

*) Daß die Waren ihrem Wert gemäß ausgetauscht oder mit Rücksicht auf die besondre Form des Austauschs, die im Zirkulationsprozeß stattfindet, verkauft und gekauft werden, heißt überhaupt nur, daß Äquivalente, gleiche Wertgrößen, ausgetauscht werden, sich einander ersetzen, i.e. die Waren ausgetauscht werden im Verhältnis, worin ihre Gebrauchswerte gleich große Arbeitszeit aufgearbeitet enthalten, das Dasein gleich großer Quanta Arbeit sind.
aaO, S. 20 br

JE 

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