Mittwoch, 26. August 2026

Fichte und K. Chr. Fr. Krause.

 K. Chr. Fr. Krause                                 zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Welche Rolle hat K. Chr. Fr. Krause dabei gespielt? JE

Krause ist hier außerordentlich wichtig, aber ich würde die Beziehung zu Fichte etwas anders fassen als bloß als „Schüler, der Fichtes Freimaureridee fortsetzte“. Er ist vielmehr derjenige, bei dem sich Fichtes philosophische Idee einer besonderen Gemeinschaft mit der Freimaurerei dauerhaft verschränkt und zu einem eigenen Gesellschaftsmodell ausbildet.

Zunächst die Chronologie: Krause studierte 1797–1800 in Jena, hörte Fichte und Schelling und hat sogar eine Mitschrift von Fichtes Wissenschaftslehre nova methodo 1798/99 angefertigt. In die Freimaurerei trat er allerdings erst 1805 ein – also nach Fichtes Berliner Episode und nach dessen Bruch mit Feßler.

Das ist entscheidend.

Krause ist nicht Fichtes Mitarbeiter an dessen Freimaurerprojekt

Er war nicht derjenige, der Fichtes Berliner Versuch organisatorisch mitgetragen hätte. Als Krause in die Freimaurerei eintritt, ist Fichtes unmittelbares Projekt bereits gescheitert.

Aber Krause stößt auf dasselbe strukturelle Problem und zieht daraus eine viel weitergehende Konsequenz.

Fichte hatte gefragt:

Was könnte eine Freimaurerbruderschaft sein, wenn sie ihren eigentlichen vernünftigen Zweck verwirklichte?

Krause macht daraus:

Was müsste die Freimaurerei ihrem Wesen nach sein – und wie müsste sie deshalb reformiert werden?

Das ist ein wichtiger Unterschied.

1. Krause übernimmt Fichtes Grundintuition – aber radikalisiert sie

Bei Fichte ist die Loge eine Bildungsgemeinschaft: eine besondere Gesellschaft soll Menschen zu allseitiger menschlicher Bildung erziehen.

Bei Krause wird daraus der Gedanke eines „Menschheitsbundes“.

Die Freimaurerei soll nicht bloß eine Schule für einige bessere Menschen sein. Sie soll den Keim einer allgemeinen Menschheitsorganisation bilden. Die NDB beschreibt genau diese Entwicklung: Aus Krauses Verbindung mit den Freimaurern erwuchs der Gedanke des „Menschheitsbundes“, nach dem die irdische Menschheit organisches Glied einer in Gott lebenden Menschheit sei.

Das ist gegenüber Fichte eine bemerkenswerte Verschiebung:

Fichte:
Freimaurerei → Bildung des Menschen → bessere Gesellschaft.

Krause:
Freimaurerei → Bildung des Menschen → organische Vereinigung der Menschheit.

Und hier beginnt der eigentliche Krausianismus.

2. Krause nimmt Fichtes „Avantgarde“-Gedanken wörtlich – aber entpolitisiert ihn

Das scheint mir der interessanteste Punkt.

Fichte denkt die besondere Gemeinschaft noch stark unter dem Gesichtspunkt der Wirksamkeit: Sie soll Menschen bilden, die gesellschaftlich wirken können. Der Gedanke des tätigen, freien, selbstbestimmten Menschen bleibt zentral.

Krause verschiebt das Schwergewicht von politischer Wirksamkeit auf universale Humanität.

Seine Freimaurerei soll nicht eine politische Avantgarde werden, sondern eine Keimform einer kommenden Menschheitsgesellschaft.

Das ist eine sehr eigentümliche Transformation des Fichteschen Motivs:

Nicht eine Elite soll die Menschheit beherrschen, sondern eine exemplarische Gemeinschaft soll die Form des menschheitlichen Zusammenlebens vorwegnehmen.

Das ist Fichte ohne den späteren Nationalismus.

Und deshalb ist Krause für die Rekonstruktion dieser Linie ausgesprochen interessant.

3. Und Krause geht tatsächlich organisatorisch denselben Weg

Er bleibt nicht bei philosophischen Reflexionen.

1806–08 macht er innerhalb der Freimaurerei rasch Karriere; 1808 wird er Redner seiner Dresdner Loge und zugleich in den von Feßler gegründeten „Großen Bund der wissenschaftlichen Maurer“ aufgenommen.

Dann beginnt er, die Freimaurerei von innen her philosophisch zu reformieren.

Seine Dresdner Vorträge von 1808–1810 tragen bereits programmatische Titel wie:

  • „Entwickelung des Wesens und der Bestimmung der Freimaurerei“
  • „Bestimmung und Leben des Meistermaurers im Geiste der Menschheit“
  • „Vergeistigung der drei großen Pfeiler, welche die Loge tragen“.

Das Wort „Vergeistigung“ ist hier sehr bezeichnend.

Krause will die überlieferten Symbole nicht einfach abschaffen. Er will ihren „wahren“ geistigen Sinn freilegen und daraus eine systematische Philosophie der Freimaurerei entwickeln.

4. Und genau darin liegt sein Konflikt mit der realen Freimaurerei

Das Ergebnis ist fast eine Wiederholung von Fichtes Konflikt – nur noch konsequenter.

Krause kommt zu dem Schluss, dass die reale Freimaurerei ihrem eigenen vernünftigen Begriff nicht genügt. Er will eine grundlegende Reform.

Sein großes Werk Die drei ältesten Kunsturkunden der Freimaurerbrüderschaft von 1810 versucht, die ursprünglichen Dokumente und Symbole der Maurerei historisch-kritisch zu erschließen und zugleich philosophisch zu interpretieren.

Damit gerät er aber mit den traditionellen Logenstrukturen in Konflikt. Die Veröffentlichung von freimaurerischem Material außerhalb der internen Kontrolle der Logen wurde ihm besonders übelgenommen; am 17. Dezember 1810 wurde Krause aus der Freimaurerei ausgeschlossen.

Das ist geradezu ironisch:

Fichte scheitert an der Loge, weil er sie rationalisieren will.
Krause scheitert an der Loge, weil er sie philosophisch vergeistigen und universalisieren will.

5. Und hier sehe ich eine wichtige Differenz zwischen Fichte und Krause

Krause ist kein bloßer Fichteaner.

Sein Gottesbegriff entwickelt sich in eine Richtung, die Fichte wahrscheinlich nicht akzeptiert hätte: zum später so genannten Panentheismus. Gott ist nicht einfach ein Gegenstand jenseits der Welt; die Welt und insbesondere die Menschheit sind organische Momente eines göttlichen Ganzen.

Damit erhält der Menschheitsbund eine ontologische Grundlage.

Bei Fichte lautet die Bewegung eher:

Ich → freie Tätigkeit → sittliche Gemeinschaft → Menschheit.

Bei Krause wird daraus:

Gott → organisches Ganzes → Menschheit → Menschheitsbund.

Das erklärt, warum bei Krause die Freimaurerei schließlich eine geradezu kosmologische Dimension bekommt. Seine Idee des Menschheitsbundes erstreckt sich sogar auf die Menschheit anderer Weltkörper.

Das ist nun wirklich nicht mehr einfach Fichtes politische Philosophie.


Und damit wird Ihre „Avantgarde“-These noch interessanter

Ich würde inzwischen sogar sagen:

Fichte und Krause repräsentieren zwei verschiedene Lösungen desselben Problems.

Fichte sucht nach einem Träger der Freiheit:

Wie kann eine Gemeinschaft Menschen hervorbringen, die zur freien Selbstbestimmung fähig sind und dadurch die Gesellschaft verändern?

Krause sucht nach einer institutionellen Gestalt der Menschheit:

Wie kann eine Gemeinschaft entstehen, in der die Menschheit ihre eigene organische Einheit praktisch verwirklicht?

Fichte bleibt dabei stärker politischer Philosoph der Freiheit.

Krause wird zum Philosophen der Menschheitsorganisation.

Und deshalb ist Krause für Ihre Frage nach der mystischen Dimension Fichtes besonders spannend: Bei Krause wird etwas, das bei Fichte noch als spekulativ-mystische Ahnung und pädagogisch-politisches Organisationsproblem nebeneinandersteht, zu einer systematischen Einheit.

Das könnte sogar eine sehr interessante Vergleichsachse ergeben:

Eckhart → Fichte → Krause

nicht als Einflussgeschichte, sondern als Transformation eines Motivs:

Aufhebung der isolierten Individualität → geistige Gemeinschaft → Menschheit als höhere Einheit.

Gerade hier wäre es lohnend, die Briefe an Constant und Krauses Menschheitsbund satz- bzw. motivgeschichtlich direkt nebeneinanderzulegen. Da dürfte sich ziemlich genau zeigen lassen, was Krause von Fichte übernimmt – und an welchem Punkt er aus Fichtes Freiheitsphilosophie etwas macht, das Fichte selbst gerade nicht machen wollte.


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