aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Die
ästhetische Philosophie ist ein Hauptteil der Wissenschaft und ist der
ganzen anderen Philosophie, die man die reelle nennen könnte,
entgegengesetzt. ... In materialer Ansicht liegt
sie zwischen theoretischer und praktischer Philosophie in der Mitte. Sie
fällt nicht mit der Ethik zusammen, denn unserer Pflichten sollen wir
uns bewusst werden; allein die ästhetische Ansicht ist natürlich und
instinktmäßig und dependiert nicht von der Freiheit.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehe nova methodo. Hamburg 1982, S. 244
Das steht doch noch unterm Einfluss von Baumgartens Aesthetica. Zwar
rechnet er das Ästhetische nicht mehr dem "unteren Erkenntnisvermögen",
nämlich der bloßen Sinnlich-keit zu. Aber er fasst es als unsere
Naturbestimmtheit auf und eben nicht als Medium von Selbst bestimmung: "dependiert nicht von der Freiheit".
Das ist sachlich nicht der Fall. Freiheit in specie ist bei Fichte nur möglich durch Reflexion. Ästhetische Betrachtung geschieht aber ohne Reflexion. Bestimmter gesagt: durch Absehen von der Reflexion - und das ist eine Reflexion zweiter Potenz, sie ist erst einem möglich, dem das freie Reflektieren habituell geworden ist - und dem es schon gelingt, es gegen es selbst zu wenden:
Richtiger gesagt: kann ich nicht natürlich, sondern nur künstlich. Kann ich erst durch Re-flexion. Nämlich wenn ich absichtlich von den Absichten - allen möglichen Absichten - durch freien Entschluss, nicht natürlich, sondern künstlich, absehe und das Ding betrachte, wie es 'sich zeigen' würde, wenn ich es ohne Absicht betrachten könnte. Wenn ich also von mir absehen würde. So entsteht kein Wissen von Etwas, sondern lediglich Anschauung von Erscheinung.
Wenn ich mich absichtlich in den ästhetischen Zustand versetze: "In dem ästhetischen Zu-stand ist der Mensch Null", sagt Schiller. "An sich" sind die Dinge, wie sie ästhetisch (er)-scheinen. Sie sind das Kunstprodukt der Reflexion, die ihrer selbst entsagt.
Mit andern Worten, ästhetisches Erleben ist nicht möglich ohne vorheriges Wissen und nicht ohne Hintergedanken. Es ist ein modernes Phänomen. Und dass uns die Bilder, die wir in diesem Zustand sehen, hinterher immer so vorkommen, als ob sie 'etwas zu bedeu-ten' hätten, ist kein Wunder.
*) Auf ein Bewusstsein, das erst durch Reflexion entsteht, kommt es hier noch gar nicht an.
4. 9. 2013
Nota - Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE
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