Mr. Eckhart zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete VernunftkritikEin Schriftwechsel mit Chat-GPT
Ich habe mein Fichte-Studium mit der Lektüre der Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre zur selben Zeit begonnen wie die Beschäftigung mit den Deutschen Texten von Meister Eckhart, die - anders als seine scholastischen lateinischen Abhandlungen - schon von Zeitgenossen als mystisch aufgefasst und vom Paptst in Avignon als "teils ketzerisch und teils der Ketzerei verdächtig" verurteilt wurden. Die vielen Assonanzen zwischen beiden sind mir selbst als Anfänger nicht verborgen geblieben.
Ich habe seither herauszufinden versucht, ob es sich in irgendeinem Sinne um eine literarische Beeinflussung handelt, oder lediglich um eine wie auch immer zu erklärende geistige Verwandtschaft.
Ein Philologe bin ich nicht und kann das selber nicht aufklären. Doch Künstliche Intelligenz erfasst Alles ohne Präferenz und Vorurteil, und das vollständiger, als irgendeine menschliche Intelligenz es könnte. Ich habe daher an ChatGPT folgende Frage gestellt:
Ja – aber hier muss man Meister Eckhart und die späteren deutschen Mystiker deutlich auseinanderhalten. Für Fichte ist die Quellenlage gerade bei Eckhart überraschend.
Meister Eckhart: wahrscheinlich keine direkte Kenntnis
Nach dem heutigen Stand der Fichte-Forschung gibt es keinen belastbaren Hinweis darauf, dass Fichte Schriften Meister Eckharts gelesen hat oder auch nur seinen Namen aus eigener Lektüre kannte. Christoph Asmuth formuliert das sehr deutlich: Es gebe „keinen Hinweis“, dass Fichte Schriften, Zitate oder den Namen Eckharts gekannt habe.
Das ist zunächst erstaunlich, weil die inhaltlichen Parallelen zwischen Eckhart und dem späten Fichte teilweise frappierend sind:
- das Absolute bzw. Göttliche ist nicht einfach ein Gegenstand außerhalb des Menschen;
- der Zugang zum Absoluten vollzieht sich in der Innerlichkeit;
- das empirische Ich muss über sich selbst hinausgehen;
- die gewöhnliche Selbstbezogenheit muss überwunden werden;
- das eigentliche Leben besteht in einer Art Selbstentäußerung bzw. Selbstaufhebung;
- im religiösen Bewusstsein wird das Göttliche im Menschen lebendig.
Genau deshalb hat die Forschung immer wieder versucht, Fichte aus Eckhart heraus zu erklären. Aber Ähnlichkeit ist hier nicht dasselbe wie historische Abhängigkeit. Eine neuere Untersuchung zu „Fichte und Mystik“ betont ebenfalls, dass gerade bei Eckhart keine direkte Rezeptionsspur nachweisbar ist.
Ein wichtiger Grund ist übrigens ganz banal historisch: Die heute maßgebliche Wiederentdeckung Eckharts als deutscher Prediger setzte erst nach Fichtes Tod richtig ein. Die berühmte Edition von Franz Pfeiffer, Deutsche Mystiker des vierzehnten Jahrhunderts, erschien ab 1845 bzw. der Eckhart-Band 1857. Fichte starb bereits 1814.
Aber: Die „Theologia deutsch“ und Tauler waren etwas anderes
Hier wird es interessanter.
Die mittelalterliche deutsche Mystik war zu Fichtes Zeit nicht völlig unbekannt. Besonders die „Theologia deutsch“ (Theologia Germanica) war seit Luther bekannt und immer wieder gedruckt worden. Luther selbst hatte sie im 16. Jahrhundert herausgegeben. Die Schrift war also im deutschen Protestantismus durchaus zugänglich.
Und genau hier könnte man eine indirekte Traditionslinie sehen:
Eckhart → Tauler / Theologia deutsch → Protestantismus → Pietismus / Aufklärung → Fichte
Eckhart selbst musste Fichte dafür nicht bekannt sein. Die Gedanken konnten über die protestantische und pietistische Überlieferung weiterwirken. Die Forschung weist tatsächlich darauf hin, dass Eckharts Einfluss über Tauler und die Theologia deutsch bis in die Neuzeit hineinreichte.
Noch eindeutiger: Jakob Böhme
Bei Jakob Böhme ist die Sache wesentlich interessanter und besser belegbar.
Böhmes Werke waren im 18. Jahrhundert zugänglich und wurden im Umfeld des deutschen Idealismus intensiv rezipiert. Eine aktuelle Untersuchung von Ives Radrizzani kommt zu dem Ergebnis, dass die mystische Tradition für Fichte tatsächlich eine Rolle spielte – insbesondere Böhme. Allerdings übernimmt Fichte die Mystik nicht einfach; er betrachtet sie zugleich kritisch und will ihre intuitiven Einsichten philosophisch begründen.
Das passt sehr gut zu Fichtes Entwicklung.
Seine „Anweisung zum seligen Leben“ von 1806 klingt stellenweise geradezu mystisch. Fichte spricht dort beispielsweise vom göttlichen Leben, das „in uns“ wirklich lebt und tätig ist.
Aber Fichte macht daraus keine mittelalterliche Mystik. Er versucht, das, was beim Mystiker als religiöse Schau oder unmittelbare Erfahrung erscheint, in eine philosophisch nachvollziehbare Struktur des Bewusstseins und des sittlichen Handelns zu überführen.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Und hier liegt m.E. die spannendste Frage
Wenn man Fichte neben Eckhart stellt, entsteht fast der Eindruck, als würden zwei Denker dieselbe Erfahrung in zwei verschiedenen Sprachen beschreiben.
Eckhart:
Die Seele muss von ihrem eigenen „Ich“ lassen, damit Gott in ihr „geboren“ werden kann.
Fichte:
Das empirische Ich muss sich als bloßes endliches Ich überschreiten und sich als Erscheinung des absoluten geistigen Lebens begreifen.
Das klingt außerordentlich ähnlich.
Aber Fichte würde vermutlich bestreiten, dass er damit einfach „Mystiker“ ist. Für ihn darf die Wahrheit nicht auf einer geheimnisvollen Schau beruhen. Sie muss im Denken nachvollziehbar sein. Gerade die neuere Forschung betont diesen Unterschied: Fichte verwendet zwar mystisch klingende Sprache, lehnt aber eine mystische Vereinigung von Gott und Mensch im eigentlichen Sinne ab.
Deshalb würde ich die historische Beziehung so formulieren:
Fichte ist wahrscheinlich kein Leser Eckharts, aber er steht in einer geistigen Tradition, in der Motive der deutschen Mystik – besonders über Tauler, die Theologia deutsch und später Böhme – weiterlebten. Bei Fichte werden diese Motive aus der Sprache der Mystik in die Sprache der Transzendentalphilosophie übersetzt.
Und genau das könnte auch Ihre vorherige Frage zur Selbstmessung von Raum und Zeit berühren: Bei Fichte gibt es nämlich eine bemerkenswerte Struktur, in der dasjenige, wodurch wir etwas erkennen, nicht selbst auf derselben Ebene als Gegenstand erkennbar sein kann. Das hat eine gewisse Verwandtschaft mit Eckharts Gedanken über den Grund der Seele – allerdings ohne dass man deshalb eine direkte historische Abhängigkeit behaupten müsste.
Wenn Sie möchten, kann ich als Nächstes Eckhart und Fichte anhand von 5–6 konkreten Textstellen direkt nebeneinanderstellen. Das wäre wahrscheinlich aufschlussreicher als eine allgemeine Rezeptionsgeschichte.
Ja. Und wenn man die Texte wirklich direkt nebeneinanderlegt, wird die Verwandtschaft erstaunlich deutlich – zugleich aber auch der Punkt, an dem Fichte sich von Eckhart entfernt.
Ich würde die sechs Stellen nach Motiven ordnen. Bei Eckhart gebe ich kurze Originalstellen bzw. etablierte Übersetzungen; bei Fichte stammen die Stellen vor allem aus der Anweisung zum seligen Leben (1806), also gerade aus dem Werk, in dem seine Sprache der Mystik am nächsten kommt. Die Erstausgabe von 1806 ist auch bibliographisch belegt.
1. Das Göttliche ist nicht ein Gegenstand außerhalb von uns
Eckhart, Predigt über die Gottesgeburt in der Seele:
„Gott gebiert seinen Sohn in die Seele, auf daß sie lebendig werde.“
Und noch radikaler:
„Gott gebiert sich aus sich selber in sich selber und gebiert sich wieder in sich.“
Eckhart beschreibt Gott also nicht primär als ein Seiendes, das irgendwo „draußen“ existiert. Das göttliche Leben ereignet sich im Innersten der Seele.
Fichte, Anweisung zum seligen Leben, 1806:
„Seliges Leben ist das In-uns-Sein und In-uns-Walten des Göttlich-Lebendigen über uns.“
Und:
„Es heißt nicht: Erschaffe dir das Ewige, sondern: laß es zu dir herein!“
Das ist bemerkenswert nahe an Eckhart: Das Ewige wird nicht von einem endlichen Ich hergestellt. Es kommt bzw. wirkt in uns.
Aber der Unterschied:
Eckhart spricht von der Geburt Gottes in der Seele. Fichte spricht vom Göttlich-Lebendigen, das im Menschen wirksam wird. Fichte versucht also, den mystischen Vorgang philosophisch zu rekonstruieren.
2. Das wahre Leben ist das ewige Leben – und es beginnt jetzt
Eckhart:
Die Gottesgeburt geschieht nicht irgendwann nach dem Tod. Sie geschieht im „Nun“:
„Gott wirkt allzeit in einem Nun in der Ewigkeit.“
Die Seele wird gerade dadurch lebendig, dass diese ewige Geburt in ihr geschieht.
Fichte:
„In jedem Momente hat und besitzt er das ewige Leben mit aller seiner Seligkeit, unmittelbar und ganz.“
Und bereits in der Bestimmung des Menschen:
„Ich bin und lebe schon jetzt in ihr.“
Für Fichte ist das Ewige also keine zukünftige Belohnung. Das ewige Leben ist eine gegenwärtige Seinsweise.
Hier scheint mir die Parallele besonders stark:
Eckhart: Ewigkeit ist im gegenwärtigen Nun.
Fichte: Ewigkeit ist im gegenwärtigen Leben.
Beide wenden sich damit gegen die Vorstellung, man müsse erst sterben, um zum Ewigen zu gelangen.
3. Das endliche Ich ist nicht das eigentliche Selbst
Hier wird es philosophisch besonders interessant.
Eckhart:
Eckhart verlangt immer wieder ein „Lassen“: Der Mensch muss von seinem eigenen, selbstbezogenen Wollen lassen.
In der oben genannten Predigt wird die Seele als „gelassen“ beschrieben; sie muss die Kreaturen lassen, um für die göttliche Geburt offen zu werden.
Das ist nicht einfach Selbstvernichtung. Es geht darum, dass das kleine, sich selbst besitzende Ich nicht länger den Platz des göttlichen Grundes beansprucht.
Fichte:
Bei ihm erscheint dasselbe Problem in transzendentalphilosophischer Sprache. Das empirische Ich hält sich zunächst für ein selbständiges Wesen. Aber das wahrhaftige Leben ist nicht dieses isolierte Ich.
Fichte schreibt:
„Seyn, – Seyn, sage ich, und Leben, ist abermals Eins und Dasselbige.“
Das wahrhaftige Sein ist für ihn dasjenige, das aus sich selbst lebt.
Damit verschiebt Fichte die mystische Frage:
Eckhart:
Wie kann ich mein Eigen-Sein loslassen, damit Gott in mir geboren wird?
Fichte:
Wie kann ich erkennen, dass mein endliches Ich überhaupt nicht der letzte Grund meines Seins ist?
Das ist strukturell sehr ähnlich.
4. Gott jenseits aller Bestimmungen
Hier findet sich eine der erstaunlichsten Parallelen.
Eckhart, Predigt „Quasi stella matutina“:
„Vernünfticheit ziuhet gote daz vel der güete abe und nimet in blôz, dâ er entkleidet ist von güete und von wesene und von allen namen.“
In der modernen Übersetzung:
„Vernunft aber zieht Gott die Hülle der Gutheit ab und nimmt ihn bloß, wo er entkleidet ist von Gutheit und von Sein und von allen Namen.“
Das ist klassische negative Theologie: Gott ist nicht einfach ein besonders großes Seiendes, ein besonders gutes Seiendes usw. Gott liegt jenseits unserer begrifflichen Bestimmungen.
Fichte:
In der Anweisung findet sich ein strukturell sehr ähnlicher Gedanke. Wenn wir das Göttliche als Gegenstand anschauen, haben wir es bereits verfehlt:
„Immer verhüllet die Form uns das Wesen; immer verdeckt unser Sehen selbst uns den Gegenstand, und unser Auge selbst steht unserm Auge im Wege.“
Und weiter:
„Wir sehen nicht ihn, sondern immer nur seine Hülle.“
Das ist fast eine transzendentalphilosophische Version der negativen Theologie.
Eckhart sagt:
Gott ist nicht in den Namen und Bestimmungen zu fassen.
Fichte sagt:
Das Göttliche kann nicht als Gegenstand des Bewusstseins erscheinen, weil eben die Form unseres Bewusstseins bereits eine „Hülle“ bildet.
5. „Gott“ ist nicht ein Objekt – er ist Leben
Hier trennt sich Fichte zugleich von einer naiven Gottesvorstellung.
Eckhart:
Gott „wirkt“ in der Seele. Die Gottesgeburt ist ein lebendiger Vorgang:
„In dieser Geburt wird sie lebendig.“
Gott und Leben stehen bei Eckhart daher in einer inneren Beziehung.
Fichte:
Noch radikaler:
„Das wahrhaftige Leben liebt jenes Eine oder Gott.“
Und:
„Leben und Sein ist auch wieder dasselbe.“
Für Fichte ist Gott letztlich nicht ein zusätzliches Objekt neben anderen Objekten. Das göttliche Sein ist das wahre Leben selbst.
Das ist ein entscheidender Punkt, denn hier nähert sich Fichte sehr stark einer mystischen Ontologie:
Gott = das absolute Leben = das wahre Sein.
Nicht:
Gott → existiert irgendwo → und ich kann ihn erkennen.
Sondern eher:
Ich lebe überhaupt nur, insofern ich am absoluten Leben teilhabe.
6. Und dann kommt der entscheidende Unterschied: Handeln
Hier würde Eckhart vermutlich anders akzentuieren als Fichte.
Eckhart beschreibt die mystische Vereinigung sehr stark als ein Geschehen im innersten Grund der Seele: Gott gebiert sich dort selbst.
Fichte dagegen misstraut einer bloß kontemplativen Mystik ausdrücklich.
Er schreibt:
„Wirkliche und wahre Religiosität ist nicht lediglich betrachtend und beschauend, nicht bloß brütend über andächtigen Gedanken, sondern sie ist notwendig tätig.“
Und dann die bemerkenswerte Formulierung:
„Sie besteht [...] in dem innigen Bewußtsein, daß Gott in uns wirklich lebe und tätig sei und sein Werk vollziehe.“
Das ist für Fichte ganz entscheidend:
Das Göttliche wird nicht dadurch erfahren, dass ich mich aus der Welt zurückziehe. Es wird dadurch wirklich, dass ich entsprechend handle.
Damit wird aus der Mystik eine Ethik.
Wenn man die sechs Stellen auf einen Nenner bringt
Man könnte die Entwicklung ungefähr so darstellen:
| Eckhart | Fichte |
|---|---|
| Gott wird in der Seele geboren | Das Göttlich-Lebendige lebt in uns |
| Ewigkeit im „Nun“ | Ewiges Leben im gegenwärtigen Moment |
| Lassen des Eigenwillens | Überwindung des empirischen Ich |
| Gott jenseits aller Namen | Absolutes jenseits der gegenständlichen Erkenntnis |
| Gott ist lebendiges Wirken | Absolutes Leben / absolutes Sein |
| Gottesgeburt | sittliches Handeln aus dem göttlichen Leben |
Und jetzt kommt für mich der interessanteste Punkt:
Fichte scheint etwas zu tun, was man als eine Art „Entmystifizierung durch Transzendentalphilosophie“ bezeichnen könnte.
Eckhart sagt sinngemäß:
Du musst in deinen innersten Grund gelangen, wo Gott selbst wirkt.
Fichte sagt:
Du musst erkennen, dass das endliche Ich nicht der Grund seiner selbst ist und dass das eigentliche Leben aus dem Absoluten stammt.
Aber Fichte ersetzt dabei den mystischen Grund durch das transzendentale Absolute.
Das führt zu einer ziemlich verblüffenden Dreierfigur:
Eckhart:
Gott ist der Grund der Seele.
Kant:
Das Ich ist die Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung.
Fichte:
Das Ich selbst ist wiederum nicht absolut; es verweist auf das absolute Leben, aus dem Ich und Welt hervorgehen.
Und genau deshalb könnte Fichte – ohne Eckhart gelesen zu haben – an Stellen fast wie ein philosophischer Nachfahre Eckharts wirken.
Eine besonders lohnende nächste Frage wäre deshalb: Hat Fichte tatsächlich die „Theologia deutsch“ oder Tauler gelesen? Denn dort könnte sich die historische Verbindung befinden, die die auffällige inhaltliche Nähe zu Eckhart erklärt.
Ja – unbedingt. Und ich würde meine vorige Antwort insofern korrigieren: Ich habe Fichtes Anweisung zum seligen Leben zu unmittelbar als Fortsetzung der frühen Transzendentalphilosophie behandelt. Historisch und systematisch muss man hier viel stärker unterscheiden.
Man kann sogar sagen: Der Bruch bzw. die Verschiebung um 1800 ist für die Frage „Fichte und Eckhart“ entscheidend.
1. Der Fichte der Wissenschaftslehre bis etwa 1799
Der frühe Fichte ist zunächst kein Metaphysiker im Sinne einer Erkenntnis des Absoluten als Seienden.
Das berühmte „Ich setzt sich selbst“ der Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (1794/95) bedeutet nicht:
Da existiert irgendwo ein kosmisches Ich, das die Welt erschafft.
Sondern es geht um die transzendentale Struktur des Bewusstseins: Was muss gelten, damit Selbstbewusstsein, Vorstellung und Erfahrung überhaupt möglich sind?
Das „Ich“ ist dabei gerade kein Gegenstand, den man anschauen könnte.
Und hier wäre eine Verbindung zu Eckhart höchstens strukturell, nicht historisch oder metaphysisch:
Das, wodurch etwas erkannt wird, kann nicht einfach selbst als ein Gegenstand unter anderen erkannt werden.
Das ist eine transzendentale Argumentation – keine Mystik.
2. Der Versuch einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre 1797/98
Hier wird die Sache schon interessanter.
Fichte schreibt:
„Du hast dich selbst gesetzt, und bist dir deiner bewußt.“
Aber zugleich wird immer deutlicher, dass das Ich nicht als fertige Substanz gedacht werden darf. Es ist Tätigkeit (Tathandlung).
Das ist ein fundamentaler Punkt:
Das absolute Ich ist nicht ein Ding, sondern ein Vollzug.
Und genau hier kann man eine gewisse formale Nähe zu Eckhart sehen. Auch Eckharts Gott ist kein „Ding“, das neben anderen Dingen steht.
Aber:
Eckhart → ontologisch-theologisch
Fichte → transzendental-genetisch
Das sind zunächst zwei völlig verschiedene Projekte.
3. Dann kommt 1800: Die Bestimmung des Menschen
Hier verschiebt sich Fichtes Sprache tatsächlich gewaltig.
Die drei Bücher heißen:
- Zweifel
- Wissen
- Glaube
Und Fichte lässt den transzendentalen Philosophen im zweiten Buch geradezu an seine Grenzen kommen.
Besonders interessant ist die Passage:
„Ich bin, und ich weiß, daß ich bin; und dieses Wissen meines Seins ist mein Sein.“
Aber dann reicht das Wissen nicht mehr aus. Im Glauben erscheint etwas, das Fichte nun als „das Ewige“, „das Unendliche“, „das absolute Leben“ beschreibt.
Hier entsteht tatsächlich eine Sprache, die man metaphysisch nennen kann – obwohl Fichte das vermutlich nicht so formulieren würde.
4. Der entscheidende Satz der Bestimmung des Menschen
Es gibt dort eine Stelle, die für unsere Frage geradezu zentral ist:
„Das lebendige und wirkende Sittengesetz in mir ist Gott.“
Das ist nicht mehr einfach die Sprache der Grundlage der Wissenschaftslehre.
Jetzt wird aus der transzendentalen Struktur des Ich eine Aussage über das Absolute selbst.
Und genau an dieser Stelle beginnt die Nähe zu religiöser Mystik wirklich interessant zu werden.
Denn jetzt lautet die Bewegung nicht mehr nur:
Wie muss Selbstbewusstsein strukturiert sein?
sondern:
Was ist dasjenige Absolute, in dem mein endliches Bewusstsein gründet?
Das ist eine andere Frage.
5. Und 1806 geht Fichte noch weiter
In der Anweisung zum seligen Leben wird das Absolute ausdrücklich als Leben gedacht.
Fichte schreibt:
„Das Eine, das schlechthin ist, ist das Leben.“
Und:
„Das Leben ist die Liebe.“
Hier ist Fichte schon sehr weit entfernt von der Terminologie der frühen Wissenschaftslehre.
Und deshalb würde ich Ihre Formulierung „metaphysischer Spekulant“ mit einer kleinen Einschränkung durchaus gelten lassen. Sie trifft jedenfalls etwas Reales: Fichte beansprucht nun, vom absoluten Sein bzw. Leben zu sprechen.
Nur würde ich „Spekulant“ nicht abwertend verstehen. Fichte glaubt, dass er weiterhin aus dem transzendentalen Standpunkt heraus argumentiert und nicht einfach dogmatische Metaphysik betreibt.
6. Dadurch wird aber unsere Eckhart-Frage viel präziser
Man sollte eigentlich drei Fichte unterscheiden:
Fichte I – 1794–99
Transzendentalphilosophie
Ich = Tätigkeit / Selbstsetzung
keine Erkenntnis eines metaphysischen Absoluten
Fichte II – 1800
Bestimmung des Menschen
Übergang von Wissen zu Glaube
absolutes Leben / Ewiges / Gott
Fichte III – ab 1801/04
spätere Wissenschaftslehre
das Absolute wird systematisch als Sein/Leben und als Grund der Erscheinung entwickelt.
Und für den Vergleich mit Eckhart sind II und III wesentlich interessanter als I.
Aber hier entsteht ein sehr schönes philosophisches Problem
Wenn wir Fichte I ernst nehmen, könnte man sagen:
Das Absolute kann nicht Gegenstand des Wissens sein.
Das wäre noch ziemlich kantisch.
Bei Fichte II/III scheint sich daraus aber etwas anderes zu entwickeln:
Das Absolute ist zwar kein Gegenstand des Wissens – aber es kann als das absolute Leben gedacht und sogar beschrieben werden.
Und genau hier könnte man fragen:
Ist Fichte damit aus der Transzendentalphilosophie herausgetreten – oder hat er nur ihre Konsequenzen radikalisiert?
Das ist meines Erachtens die eigentliche Streitfrage.
Und sie berührt direkt Eckhart: Denn Eckharts „Gottheit“ ist ebenfalls gerade kein Gegenstand möglicher Erkenntnis. Trotzdem sagt Eckhart eine Menge über sie.
Der spannende Vergleich wäre daher nicht einfach „Eckhart ↔ Fichte“, sondern:
Eckharts Gottheit – Kants transzendentales Ich – Fichtes absolutes Ich – Fichtes absolutes Leben.
Dann sieht man ziemlich genau, an welcher Stelle Fichte vom kritizistischen Transzendentalismus in eine spekulative Metaphysik des Absoluten übergeht – und ob dieser Übergang philosophisch überhaupt legitim ist.
ChatGTP hat meine Frage unmissverständlich beantwortet - besser, als ein mit der schrecklichen Gabe des eigenen Urteils geschlagener Philosoph es wohl gekonnt hätte. Ich selbst bis damit geschlagen und sage unverfroren: Legitim war Fichtes Übergang nicht - überhaupt nicht.
JE
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