Sonntag, 10. August 2025

Die Quintessenz der Kritik.

                                                                           zu Marxiana

Der wirkliche Reichthum manifestirt sich vielmehr – und dieß enthüllt die grosse Industrie – im ungeheuren Mißverhältniß zwischen der angewandten Arbeitszeit und ihrem Product, wie ebenso im qualitativen Mißverhältniß zwischen der auf eine reine Abstraction reducir-ten Arbeit und der Gewalt des Productionsprocesses den sie bewacht.

Die Arbeit erscheint nicht mehr so sehr in den Productionsprocess eingeschlossen, als sich der Mensch vielmehr als Wächter und Regulator zum Productionsprocess selbst verhält. (Was von der Maschinerie gilt, ebenso von der Combination der menschlichen Thätigkeit und der Entwicklung des menschlichen Verkehrs.) Es ist nicht mehr der Arbeiter, der mo-dificirten Naturgegenstand als Mittelglied zwischen das Objekt und sich einschiebt; sondern den Naturprocess, den er in einen industriellen umwandelt, schiebt er als Mittel zwischen sich und die unorganische Natur, deren er sich bemeistert. Er tritt neben den Productions-process, statt sein Hauptagent zu sein. 

In dieser Umwandlung ist es weder die unmittelbare Arbeit, die der Mensch selbst verrich-tet, noch die Zeit, die er arbeitet, sondern die Aneignung seiner eignen allgemeinen Produc-tivkraft, sein Verständniß der Natur, und die Beherrschung derselben durch sein Dasein als Gesellschaftskörper – in einem Wort die Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums, die als der grosse Grundpfeiler der Production und des Reichthums erscheint. Der Dieb-stahl an fremder Arbeitszeit, worauf der jetzige Reichthum beruht, erscheint miserable Grundlage gegen diese neuentwickelte, durch die grosse Industrie selbst geschaffne. 

Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die grosse Quelle des Reichthums zu sein, hört und muß aufhören die Arbeitszeit sein Maaß zu sein und daher der Tausch-werth [das Maaß] des Gebrauchswerths. Die Surplusarbeit der Masse hat aufgehört Bedingung für die Entwicklung des allgemeinen / Reichthums zu sein, ebenso wie die Nichtarbeit der Wenigen für die Entwicklung der allgemeinen Mächte des menschlichen Kopfes. Damit bricht die auf dem Tauschwerth ruhnde Production zusammen, und der unmittelbare ma-terielle Productionsprocess erhält selbst die Form der Nothdürftigkeit und Gegensätz-ichkeit abgestreift. 

Die freie Entwicklung der Individualitäten, und daher nicht das Reduciren der nothwendi-gen Arbeitszeit um Surplusarbeit zu setzen, sondern überhaupt die Reduction der noth-wendigen Arbeit der Gesellschaft zu einem Minimum, der dann die künstlerische, wissen-schaftliche etc Ausbildung der Individuen durch die für sie alle freigewordne Zeit und ge-schaffnen Mittel entspricht. 

Das Capital ist selbst der processirende Widerspruch [dadurch], daß es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduciren strebt, während es andrerseits die Arbeitszeit als einziges Maaß und Quelle des Reichthums sezt. Es vermindert die Arbeitszeit daher in der Form der nothwen-digen, um sie zu vermehren in der Form der überflüssigen; sezt daher die überflüssige in wachsendem Maaß als Bedingung – question de vie et de mort – für die nothwendige. 

Nach der einen Seite hin ruft es also alle Mächte der Wissenschaft und der Natur, wie der gesellschaftlichen Combination und des gesellschaftlichen Verkehrs ins Leben, um die Schöpfung des Reichthums unabhängig (relativ) zu machen von der auf sie angewandten Arbeitszeit. Nach der andren Seite will es diese so geschaffnen riesigen Gesellschaftskräfte messen an der Arbeitszeit, und sie einbannen in die Grenzen, die erheischt sind, um den schon geschaffnen Werth als Werth zu erhalten. 
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 581f. [MEW 42, S. 600f.]     



Nota. - Das ist radikaler, als was er später in Kapital III schreiben wird. Dort meint er, ein Rudiment von notwendiger Arbeit und also ein Reich von Notwendigkeiten werde als Be-dingung des Reichs der Freiheit stets erhalten bleiben. Hier aber tritt der Mensch neben den Prokuktionsprozess, zu dem er sich nur noch als Wächter und Regulator verhält. Und natür-lich muss dann die Arbeitszeit aufhören, als einziges Maß und Quelle des Reichtums zu gel-ten.
 24. 12. 16

Nota II. - Inzwischen hat eine digitalisierte Technik tatsächlich die Voraussetzung geschaf-fen, rein ausführende Arbeit überflüssig zu machen, so dass an menschlicher Arbeit nur Ingenieurskunst notwendig bleibt. Der Tauschwert hätte seine bestimmende Macht verlo-ren. Die Frage ist weniger, ob es ökonomisch möglich, sondern ob es politisch gewollt ist.
JE,
12. 6. 20

 


Nota - Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE

Samstag, 9. August 2025

Reductio ad absurdum.

Doré                                                              aus Marxiana 

Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die grosse Quelle des Reichthums zu sein, hört [auf] und muß aufhören die Arbeitszeit sein Maaß zu sein und daher der Tausch-werth [das Maaß] des Gebrauchswerths. Die Surplusarbeit der Masse hat aufgehört Bedingung für die Entwicklung des allgemeinen / Reichthums zu sein, ebenso wie die Nichtarbeit der Wenigen für die Entwicklung der allgemeinen Mächte des menschlichen Kopfes.

Damit bricht die auf dem Tauschwerth ruhnde Production zusammen, und der unmittel-bare materielle Productionsprocess erhält selbst die Form der Nothdürftigkeit und Gegen-sätzlichkeit abgestreift. Die freie Entwicklung der Individualitäten, und daher nicht das Re-duciren der nothwendigen Arbeitszeit um Surplusarbeit zu setzen, sondern überhaupt die Reduction der nothwendigen Arbeit der Gesellschaft zu einem Minimum, der dann die künstlerische, wissenschaftliche etc Ausbildung der Individuen durch die für sie alle frei-gewordne Zeit und geschaffnen Mittel entspricht. 

Das Capital ist selbst der processirende Widerspruch [dadurch], daß es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu re- duciren strebt, während es andrerseits die Arbeitszeit als einziges Maaß und Quelle des Reichthums sezt. Es vermindert die Arbeitszeit daher in der Form der noth-wendigen, um sie zu vermehren in der Form der überflüssigen; sezt daher die überflüssige in wachsendem Maaß als Bedingung – question de vie et de mort – für die nothwendige. Nach der einen Seite hin ruft es also alle Mächte der Wissenschaft und der Natur, wie der gesellschaftlichen Combination und des gesellschaftlichen Verkehrs ins Leben, um die Schöpfung des Reichthums unabhängig (relativ) zu machen von der auf sie angewandten Arbeitszeit. Nach der andren Seite will es diese so geschaffnen riesigen Gesellschaftskräfte messen an der Arbeitszeit, und sie einbannen in die Grenzen, die erheischt sind, um den schon geschaffnen Werth als Werth zu erhalten.

Die Productivkräfte und gesellschaftlichen Beziehungen – beides verschiedne Seiten der Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums – erscheinen dem Capital nur als Mittel, und sind für es nur Mittel, um von seiner bornirten Grundlage aus zu produciren. In fact aber sind sie die materiellen Bedingungen, um sie in die Luft zu sprengen. "Wahrhaft reich
[ist] eine Nation, wenn statt 12 Stunden 6 gearbeitet werden. Wealth ist nicht Commando von Surplusarbeitszeit (realer Reichthum), sondern disposable time ausser der in der unmit-telbaren Production gebrauchten für jedes Individuum und die ganze Gesellschaft."
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.2, S. 581f. [MEW 42, S. 601f.]


Nota. -  Der 'prozessierende Widerspruch' besteht darin, dass die Stoffseite die Formseite gewissermaßen überwuchert. Es ist der Gebrauchswert des fixen Kapitals, der die Form-bestimmung des Kapitals ad absurdum führt: Die Mehrwertrate wächst ins Astronomische, während die Profirate fällt; allerdings auch letzteres nicht der Formel nach, sondern aufge-halten und womöglich ins Gegenteil verkehrt von tausend rein faktischen, d. h. der Ge-brauchswertseite zugehörigen Momenten, deren Kontingenz jede begrifflichen Fassung unmöglich macht. Das ist ein 'Gesetz', zu dessen Bestimmung es gehört, dass es womöglich niemals aktuell gelten wird.
JE
14. 8. 15

 

Freitag, 8. August 2025

Kritik und der Schein vom System

Tinguely, Méta.Harmonie II                                     aus Marxiana

Wieso aber überhaupt eine begriffliche Darstellung, wieso nicht bloß historischer Bericht, "wie alles gekommen ist"; wieso eine Darstellung, "als ob" die Begriffe sich selber "setzen und entgegesetzen"? 

Das ist nichts anderes als die Frage: "wieso aber überhaupt eine Kritik?" 

Die Kritik ist nämlich immner nur die Frage nach der Rechtfertigung, nämlich der Recht-fertigung dessen, was ist, durch den Schein, durch die "transzendentale Dialektik" der Ka-tegorienwirtschaft, in der das "Sein" eben immer erscheint als not-wendig, also vernünftig; nämlich in der Logik, im Vernunftgeetz selbst begründet.

Denn wenn dem tatsächlich so wäre, dass "die bürgerliche Ökonomie" - sowohl ihr realer Prozess als such dessen ideale Darstellung in der Wissenschaft - ein organisches System darstellt, in dem 'jedes Gesetzte zugleich Voraussetzung aller andern' Gesetzten ist; oder genauer: wenn der reale Prozess der bürgerlichen Produktion sich wirklich in dem Sinn darstellen ließe, als ob dort 'alles seine richtige Ordnung hat', Eines alles andre und alles Andre ein jedes Einzelne begründet... -, dann rechtfertigt es sich ipso facto: "Rechtfertigen" ist ableiten aus idealen Gründen (hier deutlich: die Abkunft der 'Kategorien' aus den Zwek-ken, d. h. der 'Theorie' aus 'dem Praktischen'); also wenn die klassische Nationalökonomie es wirklich vollbracht hätte, die Realität des bürgerlichen Produktionsprozesses als ein ge-schlossenes System logischer Wechselbestimmungen, als ein kohärentes Gebäude einander gegenseitig tragender Kategorien darzustellen, dann... wäre dem reellen System der bürger-lichen Produktionsweise nicht mehr aus Gründen beizukommen. Es wäre also nicht zu kritisieren. Es wäre lediglich zu "verwerfen" - aus 'Motiven', 'Interessen', 'Begierden'; nur "abzulehnen" aus Privatbeweggründen, seien diese auch "kollektiv" und "massenhaft" privat; nicht aber aufzulösen aus gültigen, nämlich allgemeinen Gründen.

Langer Rede kurzer Sinn: Der Zweck der wissenschaftlichen Kritik der politischen Öko-nomie ist die Zersetzung des ideologischen Scheins, in dem die bürgerliche Produktions-weise als gerechtfertigt gilt; nämlich - das ist der Kern - die Darstellung des bürgerliche Appropriationsgesetzes als Äquivalententausch - nachdem freilich faktisch die Expropri-ation der Produzenten reell schon vorausgesetzt ist; aber eben nicht in der idealen Reprä-sentation, allgemeinen Vorstellung.

Und Träger dieses Scheins - des Äquivalententauschs - ist das Axiom der bürgerlichen Welt- und Lebensanschauung von "dem Menschen" als Arbeiter!
27. 9. 87 

Donnerstag, 7. August 2025

Die Grenze zwischen Transzendentalphilosophie und reeller Wissenschaft.

Veronese, Noli me tangere   zu Wissenschaftslehre ... 
 
Seine erste Programmschrift Über den Begriff der Wissenschaftslehre schloss Fichte mit dem Plan, nach der Grundlegung einer allgemeinen, soundsoviele spezielle Wissenschafts-lehren auszuarbeiten, um sage und schreibe eine jede Realwissenschaft auf gesichertem Boden neu zu begründen. Da war die Wissenschaftslehre noch eher eine Idee als ein Be-griff, und sachliche Ungenauigkeiten waren kaum vermeidbar.

Doch zum Abschluss der Wissenschaftslehre nova methodo, auf dem Höhepunkt des Atheismusstreits, wo er der Vollendung der Transzendentalphilosophie schon ganz nahe gekommen war, wiederholt er diese Absicht noch. Aber die Sache hat ihn gewurmt. Jacobis Offenen Brief  hatte er noch nicht erhalten, noch juckte ihn sein Temperament, die Sache durch Radikalisierung zur Entscheidung zu treiben. In dem ohne bekannte Gründe abge-brochenen Manuskript Rückerinnerungen, Antworten, Fragen aus dem Herbst 1799 tat er unverblümt das, was Jacobi ihm erst noch interpretierend hatte unterstellen müssen: Er ziehe aus der Kritischen, der Transzendentalphilosophie eine nihilistische Konsequenz. Jacobi meinte, dies sei die einzige wissenschaftlich haltbare Konsequenz aus der Kant-schen Kritik - und der Philosophie überhaupt. Wenn dem oder weil dem so wäre, müsse man Philosophie und Wissen verwerfen und sich dem Glauben überantworten.

War Fichte erleichtert, sich mit Jacobi auf einen Nebenkriegsschauplatz begeben zu kön-nen, wo er eher in der Sache zurückstecken konnte, ohne sich in der Form zu viel zu ver-geben?

Oder war es nicht doch so, dass die Zweifel längst an ihm selbst genagt hatten, und dass er froh war, sie sich vom Hals zu schaffen?

Wie dem auch sei - die Rückerinnerungen, Antworten, Fragen sind die radikalste und darum plausibelste Reflexion Fichtes über den meta
 philosophischen Status der Wissenschaftslehre.

Nämlich darüber, wie sich Transzendentalphilosophie, Wissenschaften und Gemeiner Men-schenverstand zu einander verhalten - nämlich was Vernunft überhaupt ist. 


*

"Da werden sie sagen: dies lehrt ja der gesunde Menschenverstand schon. – Sie haben ganz recht. Das soll er auch. Es ist ja gar nicht die Frage, durch unsre Philosophie etwas neues hervorzubringen: den menschlichen Geist zu erweitern; wir wollen ihn ja nur befreien."
aus Rückerinnerungen, Antworten, Fragen. [S. 184]

Ja, wovon denn befreien? 

"Es gibt zwei sehr verschiedene Standpunkte des Denkens; den des natürlichen und ge-meinen, da man unmittelbar Objekte denkt, und den des vorzugsweise so zu nennenden künstlichen, da man, mit Absicht und Bewußtsein, sein Denken selbst denkt. Auf dem ersten steht das gemeine Leben, und die Wissenschaft; auf dem zweiten die Transzenden-talphilosophie, die ich eben deshalb Wissenschaftslehre genannt habe, Theorie und Wis-senschaft alles Wissens, keineswegs aber selber ein reelles und objektives Wissen." 
ebd. [S. 111.] 

"Eigentliche Philosopheme einer Transzendentalphilosophie sind an sich tot und haben gar keinen Einfluß in das Leben, weder guten noch bösen; ebenso wenig als ein Gemälde gehen kann. Auch ist es ganz gegen den Zweck dieser Philosophie, sich den Menschen als Men-schen mitzuteilen. Der Gelehrte als Erzieher und Führer des Volks, besonders der Volksleh-rer, soll sie allerdings besitzen, als Regulativ, als pädagogische Regel, und nur in ihm werden sie insofern praktisch; nicht aber sie ihnen selbst mitteilen, welche sie gar nicht verstehen noch beurteilen können. (Man sehe meine Sittenlehre.) Aber daß er sie treu und mit Eifer anwende, wird dieser gute Wille schon vorausgesetzt, aber nicht etwa durch sie hervorge-bracht: ebenso wie bei dem Philosophen von Profession Unparteilichkeit, Wahrheitslie-be [und] Fleiß schon vorausgesetzt, nicht aber durch sein Philosophieren erst erzeugt wird." ebd.,  [S. 134]

"Was soll denn nun eine Philosophie, und wozu bedarf es der spitzfindigen Zurüstung derselben, wenn sie gesteht, dass sie für das Leben nichts andres sagen, zu demselben
[sich] nicht einmal als Instrument bilden kann; daß sie nur Wissenschaftslehre, keineswegs Weis-heitsschule ist?
 
Ich erinnere auch hier an die oft gegebene Antwort. Ihr Hauptnutzen ist negativ und kri-tisch. Es mangelt in dem, was nun gewöhnlich für Lebensweisheit gehalten wird, nicht daran, daß sie zu wenig, sondern daran, daß sie zu viel enthält. Man hat eben die erräsonier-ten Sätze der oben beschriebenen erschaffenden Metaphysik hereingetragen – und diese sollen 
[wieder heraus]gesondert werden. Sie hat die Bestimmung, die gemeine Erkenntnis von aller fremden Zutat zu reinigen." ebd. [S. 122]

*


Die Wissenschaftslehre als idealiter vollendete Transzendentalphilosophie hat zwei Tei-le, mehr nicht: Zum ersten ist sie Vollendung der Kant'schen Vernunftkritik bis hin zu ihrem einzig möglichen Grund - einer schlechthin prädikativen Qualität, genannt das Ich. Zum zweiten ist sie, als Probe aufs Exempel, die Rekonstruktion des Ausgangspunkts, näm-lich der wirklich
vorkommenden Vernunft, aus den freigelegten Prämissen. Dieser Ausgangs-punkt heißt Gemeiner Menschenverstand, sensus communis, common sense. Eine an irgend-einer Stelle konstitutive Leistung hat die Transzendentalphilosophie nicht zur Aufgabe. 

Gegenüber den realen Wissenschaften ihrer Zeit hat sie jeweils die "Bestimmung, die gemei-ne Erkenntnis von aller fremden Zutat zu reinigen" - von Dogmen, Spekulation und Geisterseherei. Gegenüber den wirklichen Wissenschaften bleibt sie jederzeit so kritisch, wie sie immer war.
30. 7. 23  
 
 
 

Mittwoch, 6. August 2025

Qualität hat keine Form.

  

Das Verhältnis des Mannigfaltigen zu einander nennt man die Form.
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J. G. Fichte, Grundlage der Naturrechts..., SW III, S. 60
 

Nota. Die Überschrift ist eine Schlussfolgerung aus dem Zitat. Nur Verhältnismäßiges hat eine Form. Verhältnismäßigkeit alias Relation ist der Gegensatz zu Qualität, Washeit - nicht Quantität; die ist selber nur eine Relation. Qualitäten als solche verhalten sich zu nichts. 

Als solche wahrgenommen werden Qualitäten freilich im Verhältnis zu andern Qualitäten. So wird süß süßer im Vergleich mit salzig. Relativ süßer.

Relation ist Form, Qualität ist Stoff.
(Was ich allerdings als einen Stoff ansehe im Verhältnis zu seiner Form, ist relativ.)
22. 10. 14

 
Nota II. - Der marxistische Neukantianer Max Adler meinte, Form sei die synthetische Spur,* die die Handlung am Stoff hinterlassen hat. Natürlich nicht faktisch: Haben nicht auch Naturgegenstände ihre Form? Aber doch nur für den betrachtenden Menschen: Dem kommt alles als gemacht vor - so wie ihm die sinnliche Welt als Raum seines Handelns vor-kommt; so wie er im Kausalitätsprinzip sich selbst in die Natur hineinsieht. Erfahrung macht er nicht an dem, was ihm widerfährt, sondern erst an dem, was er tut. Dem reflektie-renden gesunden Menschen-Verstand fällt später auf, dass er das, was er so und nicht an-ders vorfindet, nicht selber gemacht haben kann; und schließt daraus, dass es wohl ein An-derer gemacht haben wird. 

Daher die Schwierigkeit, das Qualitative zu begreifen. Der Transzendentalphilosoph wird es als das Gemeinte dann doch als menschengemacht entdecken; aber nur in windiger Speku-lation. Anschaulich wird das Qualitative erst auf dem ästhetischen Standpunkt - der ebenda-rum dem reflektierenden Alltagsverstand einen Übergang bietet zur philosophischen, trans-zendentalen Ansicht. 
*) die Mannigfaltiges zueinander in ein Verhältnis setzt.

 
13. 8. 21

Nota III. - 'Es gibt' nicht Form im Unterschied zu Stoff. Es gibt nur Erscheinung. Erst die Reflexion zerlegt sie in das eine und das andere.
JE, 11. 8. 23

 


Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE 

Dienstag, 5. August 2025

Merkmale sind Qualitäten.

                              zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Eine Vorstellung zum Begriff bestimmen heißt, sie mit Merkmalen auszeichnen. 

Merkmale sind keine vorgefundenen Begriffe, sondern anschauliche Qualitäten. Sie gehen aus einem Zusammenspiel von Fühlen und Einbildungskraft hervor.   

Vorstellen ist das Repräsentieren einer äußeren oder inneren Anschauung.
Und dies alles sind keine Definitionen, sondern Erläuterungen zum Wortgebrauch. 

 

 

 

Montag, 4. August 2025

Begreifen und Vorstellen: Ein meta-physikalisches Problem.

                                           zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Als Kind habe ich jedes Wort, das ich neu kennenlernte, so rasch wie möglich selbst anzu-bringen gesucht. Heute ist mir so ein Glück widerfahren: Nichtkommutativ ist das Vorstel-len im Unterscheid zu logischem Konstruieren - denn es geschieht wirklich, nämlich in der Zeit, und die läuft vorwärts; im Unterschied zur Begriffskonstruktion, die zeitlos gilt: vor- und rückwärts.

Alles Räumliche lässt sich dagegen kommutativ ermessen. In eine Geometrie, die nichtkom-mutativ sein soll, hat man die Zeit klammheimlich schon eingeschmuggelt - nicht begrifflich durch Definition, sondern durch die unmerklich sich unterschiebende Vorstellung. Denn dort herrscht Richtung.

Nun ist die Unterscheidung von Vortsellen und Begreifen selber eine begriffliche; logische. Im wirklichen Denken findet sie gar nicht statt.

Der westliche Denker kommt auf eine Welt, die weitgehend selbst schon begrifflich verfasst wurde. Deren Bestimmungen sind seinem individuellen Denken vorausgesetzt, zumal dem eines Forschers der exakten Naturwissenschaft - es ist unvermeidlich ausgerichtet.

Und die Umkehrung gilt ebenso. Ein reines Begreifen kommt in der Wirklichkeit so wenig vor wie ein bloßes Vorstellen. Die Einführung einer nichtkommutativen Ge-ometrie ist ein krasses Beispiel. Wirkliches Denken ist projektiv und suchend: gerichtet. Auf dem Weg kommen ihm alle möglichen Einfälle, die er nicht nach ihrer Herkunft befragt, sondern erst nur danach, ob sie beim Suchen hilfreich sind. So kritisch er sein mag - unbegriffene Vor-stellungen mischen sich gottlob immer wieder ein, und er kann sie allenfalls hernach identi-fizieren im Labor seiner Refle-xion.

Die Reflexion ist ein Glasperlenspiel von Prämissen. Nehme ich dies an, müsste ich jenes folgern; das aber widerspräche den Prämissen meines Nachbarn, der mich doch zugleich mit seinen Messungen in meinen Prämissen bestärkt; und wenn der Theorie irgendwo ein Verbindungsstück fehlt, schiebt man arglos eine Zusatzprämisse nach und bedient sich dabei am anschaulichen Wortschatz der Umgangssprache. 

Das ist nicht zu beanstanden, wie will man anders vorwärtskommen? Aber es entspricht nicht dem öffentlichen Vertrauen in die Naturwissenschaft als einer exakten. Es ist eine Gewebe von Hypothesen, die einander stützen oder unterlaufen. Sie alle lassen sich nicht selber  erweisen, auch im sophistizierten Labor nicht; und mancher Laborversuch macht Pämissen denkbar - oder vorstellbar? -, an die noch gar keiner gedacht hat.

Ich bin nicht vom Fach, von sachlichen Einwürfen halte ich mich füglich fern. Ich kann nur von außen ein Getümmel wahrnehmen, das der Wissenschaft zur Ehre gereicht, den gesun-den Menschenverstand aber auf eine arge Probe stellt. Der ist zwar deren Prämisse nicht; aber am Ende doch der, der die Noten verteilt.
Kommentar zu Eine quantenmechanische Struktur des Kosmos, JE, 3. 6. 2025

 

Nachtrag. - Das ist ist kein Ergebnis, das ist mir klar. Aber es ist eine Wegmarke beim Ver-stehen. Es ist auch keine bloße Verfahrenssache; nicht rein formal, denn unter der Methode scheint die Sache durch: Was ist unter Wissen  zu verstehen, oder: Was ist wirklich?
JE 

 

Sonntag, 3. August 2025

Zu Grunde liegt eine Anschauung.

bardo  / pixelio.de                                                                     zu Philosophierungen

Bleibt immer dies: Das Material des Begriffs* ist zunächst eine Vorstellung; und die ist die re Präsentation einer gehabten oder eingebildeten Anschauung.
aus e. Notizbuch, um 2005

*) das Was, das er erfasst

Beachte: Das ist so trivial, dass es immer und immer wiederholt  werden muss, damit es nicht in den Wind geschlagen wird.
26. 1. 22 
 
 
Im Begriff wurde eine Vorstellung bestimmt und fort bestimmt in Hinblick auf die Absicht, die Begreifen und Bestimmen zu Grunde lag. Es handelt sich um die 'ideale' Tätigkeit, die schlechterdings frei und daher ohne Ende ist, sofern... sie nicht auf einen Widerstand stößt, der sie zu reflektieren nötigt. Der Widerstand kann aber nur in Raum und Zeit anstößig wer-den, weil er anders nicht gefühlt würde. 
 
Den Widerstand könnte sie bestimmend begreifen, und das noch ungebundene Quantum idealer Tätigkeit würde frei fortschreiten.
 
Die vor nun hundert Jahren als Begriff formulierten Quanten der Mikrophysik sind noch immer nicht-ganz-bestimmt, ihr Begriff ist noch schwebend  und übergehend, die Reflexion ist weiter voll beschäftigt. Denn der Widerstand ist reell, er ist zwar nicht unmittelbar mit unsern leiblichen Sinnen, aber immerhin im Labor fühlbar. 
 
Weitgehend einvernehmlich sind - oder werden bald sein - die mathematischen Formeln, aber nicht, was sie bedeuten - bedeuten nämlich in Hinblick auf unsere Vorstellungskraft, die sich über Jahrmillionen in unserer dreidimensionalen Welt ausgebildet hat und die einzige bleiben dürfte, die uns gegeben ist.
 
Sie ist aber das einzige Kriterium, das wir an unsere Wirklichkeit anlegen können; es ist offenkundig nicht die Mathematik, wenn auch Mathematiker es zu glauben neigen.
 
Die wissenschaftlich - und wissenslogisch - ausschlaggebende Frage ist nicht, ob Rechnen wahrer ist als Anschauen, sondern ob die Welt wirklicher ist als ihre Parodie im Labor. Denn unabhängig von Bildungsgrad und Erwerbsberuf sind wir doch alle einverstanden, dass es die letzten Wochen eimerweis Wasser geregnet hat und nicht H2O. 
 
Gemessen wird nicht in der Welt, sondern in einem Teilchen, dessen Einrichtung sich die Forscher vorgestellt  haben. Das ist das Problem.
JE    
 
 
 
 
 

Samstag, 2. August 2025

Reell ist, was fühlbar ist.

 i.pinimg                  zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik  

Der Unterschied des Zweckbegriffs und des reellen Objekts, dessen Ansicht durchs erstere vermittelt wird, ist bekannt. Das erstere ist etwas durch bloßes Denken Hervorgebrachtes, letzteres soll das Entgegengesetzte sein. Dies hat wichtige Folgen. Zuvörderst, dieses Ob-jektive und Reelle außer dem Denken, wo ist es denn außer dem Denken? Im Gefühl und fürs Gefühl, das reelle Denken soll Denken fürs Gefühl sein, da das ideale nur sich selbst denkt und darstellt.

Hier sonach ist der Platz, wo das Denken aus sich selbst herausgeht, sich bezieht auf etwas außer ihm und objektives Denken oder eigentlich Anschauung ist.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 196

 

Nota. - Gefühl heißt ganz einfach Sinnlichkeit und nicht Sentimentales, denn nur, was in Raum und Zeit vorkommt, ist fühlbar. Kritischer Idealismus ist in landläufiger Bedeutung realistischer als ontologischer Materialismus.
JE 

 

 

Freitag, 1. August 2025

Wie das Kapital auf eigne Füße kam.

The Swamp Thing emerging                                                     aus Marxiana

I. Das Geheimnis der ursprüngliche Akkumulation

Man hat gesehn, wie Geld in Kapital verwandelt, durch Kapital Mehrwert und aus Mehr-wert mehr Kapital gemacht wird. Indes setzt die Akkumulation des Kapitals den Mehrwert, der Mehrwert die kapitalistische Produktion, diese aber das Vorhandensein größerer Massen von Kapital und Arbeitskraft in den Händen von Warenproduzenten voraus. 


Diese ganze Bewegung scheint sich also in einem fehlerhaften Kreislauf herumzudrehn, aus dem wir nur hinauskommen, indem wir eine der kapitalistischen Akkumulation vorausge-hende "ursprüngliche" Akkumulation ("previous accumulation" bei Adam Smith) unterstel-len, eine Akkumulation, welche nicht das Resultat der kapitalistischen Produktionsweise ist, sondern ihr Ausgangspunkt. ... /

Das Kapitalverhältnis setzt die Scheidung zwischen den Arbeitern und dem Eigentum an den Verwirklichungsbedingungen der Arbeit voraus. Sobald die kapitalistische Produktion einmal auf eignen Füßen steht, erhält sie nicht nur diese Scheidung, sondern reproduziert sie auf stets wachsenden Stufenleiter. 

Der Prozess, der das Kapitalverhältnis schafft, kann also nichts andres sein, als der Schei-dungsprozess des Arbeiters vom Eigentum an seinen Arbeitsbedingungen, ein Prozess, der einerseits die gesellschaftlichen Lebens- und Produktionsbedingungen in Kapital verwan-delt, andrerseit die unmittelbaren Produzenten in Lohnarbeiter. Die sog. ursprüngliche Ak-kumulation ist also nichts als der historische Scheidungsprozess von Produzent und Produk-tionsmittel. Er erscheint als "ursprüngleich", weil er die Vorgeschichte des Kapitals und der ihm entsprechenden Produktionsweise bildet.
___________________________________________
K. Marx, Das Kapital III, MEW 25, S. 741f.
 

Nota. - Mit der "ursprünglichen Akkumulation", nämlich der Scheidung von Produzent und Produktionsmittel, beginnt die Geschichte des Kapitals und der ihm entsprechenden Pro-duktionsweise; und beginnen die ihr eingentümlichen Gesetze zu gelten. Denn aus dieser spezifischen Vor geschichte mussten sie sich erst ausbilden, um gelten zu können.
 JE 

 

 

Das Ich auf frischer Tat ertappen.

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