Sonntag, 20. Juli 2025

Freiheit ist das Vermögen, absolut anzufangen.

icxm                  zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Dass es so sein müsste, geht aus unserer Synthesis hervor, denn nur so ist Bewusstsein möglich.

Eine Beschränktheit, die nicht ohne Freiheit möglich ist, ist Beschränktheit der Freiheit selbst. Richtung und zwar ursprüngliche Richtung derselben ist ein Punkt. Dies passt aber nicht zu dem Begriff, den wir gegenwärtig von der Freiheit aufgestellt haben. Wir müssen den Begriff der Freiheit schärfer fassen, als bisher nötig war. Bisher haben wir gesagt: Frei-heit ist ein absolutes Übergehen von Bestimmbarkeit zur Bestimmtheit. Aber schon im Pa-ragraph 1 haben wir gesehen, dass dies Bedingung der Anschauung durch ideale Tätigkeit sei. Sonach liegt in unserem Begriff noch etwas Fremdartiges, die Form der Anschauung.

Da wir hier nun die Freiheit vor aller Anschauung und als Bedingung aller Möglichkeit des Bewusstsein und der Anschauung aufstellen wollen, so müssen wir dies erst durch das Be-wusstsein hinzugekommene Fremdartige absondern; und sonach bleibt nichts übrig als Ab-solutheit. Aber Absolutheit lässt sich nicht einmal denken, wenn wir nicht etwas Empiri-sches hinzutun, das aber der Reinheit keinen Abbruch tut, nämlich die Reihe der Depen-denz in der Zeit, und Freiheit wäre das Vermögen, absolut anzufangen.

Wir dürfen nicht die Freiheit an die Reihe, sondern die Reihe an die Freiheit knüpfen. So haben wir ein absolutes Erstes, die Freiheit anzufangen.

(Die Definition der Freiheit, zwischen dem eigennützigen und uneigennützigen Triebe zu wählen, ist falsch, wenn Freiheit rein gedacht werden soll. Vide Kants Metaphysische An-fänge der Rechtslehre.) 

Diese Freiheit soll bestimmt sein, eine Richtung haben, würde heißen: Das Vermögen, ab-solut anzufangen, hat eine bestimmte Richtung. Die Freiheit kann gerade dies (ein bestimm-tes Y) als erstes Glied setzen; so bleibt das Vermögen des absoluten Anfangs und die Be-schränktheit.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 140



Nota. - Das Absolute kann nicht gedacht werden, denn gedacht werden kann nur Bestimm-tes; wäre es aber bestimmt, wäre es nicht absolut. Gedacht werden kann allenfalls das, was es selbst bestimmt hat: die von ihm begonnene Kausalreihe. Nicht als Bestimmtes, doch auch nicht als Bestimmendes kann es gedacht werden - sondern nur als das, was vor dem Beginn der Reihe angenommen werden muss. Ein Akt der Freiheit kann, wie gesagt, nicht begriffen werden.
JE,
17. 12. 16


Samstag, 19. Juli 2025

Logisch ist das Abstrakte die Bedingung des Konkreten.

A. Goloborodko              zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Nun wird ja jeder selbst nach gemeinem Verstande ohne Prinzipien behaupten, dass ein abstraktes Denken nicht möglich ist ohne ein konkretes, so dass die Abstraktion etwas vor-aussetzt, wo das zu abstrahierende vorkommt. So kann ich hier auf Voraussetzung des Wol-lens nur in soweit schließen, als ich sie schon in concreto gefunden habe; sonach verhält sich das abstrakte Denken zum konkreten wie Bedingung zum Bedingten. - 

Das Wollen setzt einen Zweckbegriff voraus, dieser wieder ein Wollen, dieses wieder einen Zweckbegriff und so ins Unendliche. So gibts also keinen Anfang, eines treibt uns aufs an-dere wie schon oben mit dem Erkenntnisbegriffe, dieser Zirkel ist noch tiefer als obiger. -

Es ist schon gezeigt worden, dass nicht von einer Reihe der Gedanken und ihrer Sukzession an sich geredet werden kann, sondern von einer Erscheinung der Sukzession für uns; so dass wir uns nur denken als denkend in der Zeit, nicht aber wirklich in der Zeit sind. Im synthetischen Denken = C setze ich mich, finde ich mich selbst als wollend. Diesem setze ich A voraus, und nun ists kein Wunder, dass ich das, was in C liegt, in A setze; dies tue ich, weil A bloß Denken vom Entwerfen des Zweckbegriff ist; ich setze es bloß in die Form der Kausalität, ohne ihm doch eine bestimmte
[Kausalität] beimessen zu wollen.

(Der Zweckbegriff geht auf eine schon daliegende konkrete Erkenntnis, von da wird durch-gegangen zu einem bestimmten konkreten Wollen.) Nur in so fern kann man sagen: Das Ich findet sich, anstatt es denkt sich als findend. Denkt man das synthetische Denken allein, so macht sich das Ich ohne Bewusstsein; nach Vereinigung aber beider Denken findet es sich, wenn es sich selbst vorher schon gemacht hat.
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J. G. Fichte,Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 191
 



Nota. - Es ist doch merkwürdig, dass er, wo es um das Verhältnis von Abtraktem und Kon-kretem geht, zunächst davon abstrahiert, dass doch einer vom Konkreten abstrahiert haben muss, wenn es zu einem Abstrakten kommen soll, und das Verhältnis rein logisch, also um-gekehrt darstellt - statt genetisch korrekt. Die folgende Ausführung scheint mir dann aber das Gegenteil zu besagen.

Wahr ist allerdings auch: 'Das, was' ich im Konkreten auffinde und daraus abstrahiere, muss ich als Vorstellung schon 'gehabt' haben, sonst hätte ich es nicht bemerken können. - Was das Konkrete, was das Abstrakte ist, hängt offenbar davon, von welcher Seite ich es anse-he... 
26. 2. 17

Nota II. - Abstrahieren ist dasselbe wie reflektieren; einmal von hinten, das andre Mal von vorn. In jedem Fall handelt es sich um eine 'ideale' Tätigkeit, die so heißt, weil sie sich auf eine reale Tätigkeit als ihren Gegenstand richtet. Was ist eine reale Tätigkeit? Wirkliches Vorstellen. Aus dem Vorstellen des Vorstellens, des Vorgestellten und des Vorstellenden entstehen uns die Begriffe. Baue ich mir eine Welt aus Begriffen, so setzt der Unterbegriff allerdings den Oberbegriff voraus. 

Ein wirkliches Wollen setzt keineswegs ein "reines" Wollen, ein Wollen-an-sich voraus. Wirkliches Wollen ist konkret. Das 'reine' Wollen ist ein Noumenon, das lediglich 'zur Er-klärung', nämlich zur Sinnbestimmung angenommen wird.

Nun könnte man meinen, wenigstens der Zweckbegriff  käme 'vor' dem wirklichen Wollen. Doch auch der Zweckbegriff ist nichts Wirkliches, sondern ein Noumenon, das lediglich zur Erklärung des realen Willensakts gebraucht wird. Real ist der Willensakt einer; alles an-dere sind Reflexions-(Abstraktions-)Bestimmungen des analysierenden Betrachters.
12. 9. 21 

Nota III. - Logik ist, wie könnte es anders sein, platonisch-realistisch: Begriff ist Idee. 
JE

 
 
 
  
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Die Scheidelinie von Denken und Vorstellen ist die Zeit.

                                     zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

... denn das Übersinnliche ist nicht in der Zeit, und deswegen können wir es nicht denken, sondern bloß daraus erklären.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 185 

 

Nota. - Müsste heißen: nicht vorstellen; denn was wir lediglich denken, ist gerade nicht in der Zeit. Nicht alles, was wir denken können, können wir auch vorstellen; die Zeit können wir uns wegdenken, da wir sie hineingedacht haben; doch vorstellen können wir's uns nicht: Vom Begriff kann man abstrahieren, aber nicht von der Einbildungskraft. Denn da ginge das ganze Bild verloren. Es bliebe nur vorher und nachher, die das Gefühl uns anzeigt; und außerdem nichts. Jedenfalls kein Sinn.
JE 

 

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Freitag, 18. Juli 2025

Aufforderung, den einmal eingeschlagenen Weg fortzufahren.

                                   zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Bemerkung: Das Handeln des freien Wesens außer mir, auf welches so geschlossen wird, verhält sich wie der angefangene Weg zu der Fortsetzung desselben. Es ist mir gegeben eine Reihe der Glieder, durch welche der Zweck bedingt ist; eine Reihe, die ich vollenden soll. Zuförderst ist sonach alles Handeln freier Wesen ein Hindurchgehen durch unendlich viele Mittelglieder, die bloß durch die Einbildungskraft gefasst werden - wie bei der Bewegung durch unendlich viele Punkte. Es fordert mich jemand auf heißt: Ich soll an eine gegebene Reihe des Handelns etwas anschließen. Er fängt an und geht bis auf einen gewissen Punkt, von da an soll ich anfangen. 

Nun liegt hier ein unendliches Mannigfaltiges der Handlungsmöglichkeiten, welche bloß durch Einbildungkraft zusammengefasst werden. Denn das Handeln mehrerer Vernunft-wesen ist eine einzige durch Freiheit bestimmte Kette. Die ganze Vernunft ist nur ein ein-ziges Handeln. Ein Individuum fängt an, ein anderes greift ein und so fort, und so wird der ganze Vernunftzweck durch unendlich viele bearbeitet und ist das Resultat von der Einwir-kung aller. 

Es ist dies keine Kette physischer Notwendigkeit, weil von Vernunftwesen die Rede ist. Die Kette geht immer in Sprüngen, das Folgende ist immer durchs Vorher/gehende bedingt; aber dadurch nicht bestimmt und wirklich gemacht (vide Sittenlehre). Die Freiheit besteht darin, dass aus allen Möglichen nur ein Teil an die Kette angeschlossen werde.
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J. G Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 232f.

 

Nota. - Die Wissenschaftslehre erzählt nicht nach, 'wie es wirklich ist', sondern stellt dar, was in der Vorstellung wirklich vorkommt und weshalb das notwendig ist. Hier steht also sinngemäß: Alles Reden von Vernunft hat einen intelligiblen Sinn nur, wenn man sie so auffasst. Wird der Weg fortgegangen, so wird es eine Kette sein. Aber sie wird aus Freiheit fortgewirkt. Wenn wir uns also (in der Abstraktion) denken, dass sie einmal an ein Ende käme, so wäre es nicht durch physische Notwendigkeit als Folge seiner Ursache, sondern durch Freiheit als Zweck gesetzt: 'bedingt, aber nicht bestimmt'. Die Freiheit hätte an jedem Punkt auch andere Möglichkeiten wählen und andere Teile anfügen können. Der 'End-zweck' wäre ein anderer geworden.

Wenn Hans Vaihinger die Wissenschaftslehre nova methodo gekannt hätte, wären ihm die Augen übergegangen und er hätte auf seine dickleibige Philosophie des Als Ob achselzuk-kend verzichtet. Und wenn Fichte seinen Weg nova methodo 'zuende gegangen' wäre, hätte er sich nie auf die dogmatische Auffassung eines Realabsoluten und eines gegebenen End-zwecks der Vernunft einlassen können.

12. 10. 17

Nota II. - Ließe sich daraus folgern, dass alles, was auch immer in unserer Geschichte vor-kam, zu seiner Zeit vernünftig, nämlich ein notwendiges Glied des problematisch projizier-ten Vernunftszwecks gewesen ist? Vernünftig ist das Handeln nach selbstgesetzten Zwek-ken: aus Freiheit. Freiheit bedeutet nicht, dass kein Irrtum möglich ist; wie auch das? Wenn das Handeln die Zwecke, die gesetzt waren, nicht realisiert, sondern Folgen zeitigt, die nicht als Zwecke gesetzt waren und aus Freiheit nicht wählbar wären, so wird die Vernunft neu und anders wählen.
 
Es heißt hier nicht, wie bei Hegel, das Wahre sei das Wirkliche. Der Weg der Vernunft in der Geschichte ist keine aufsteigende Linie, wie könnte er? Das Kriterium ist noch nicht, dass die Zwecke aus Freiheit gesetzt waren; das ist erst die notwendige Bedingung. Sondern, ob sie durch vernünftiges Handeln in der sinnlichen Welt realisiert werden. Da geht es um praktisches Bestimmen. Das mag immer scheitern, sei's am Widerstand der sinnlichen Welt, sei es an falschen Begriffen. Ob oder ob nicht ist keine Sache theoretischer Vorhersehung, sondern des wirklichen Versuchs.

Es geht zuerst einmal um die Bedingung: aus Freiheit. Doch was aus der Freiheit gemacht wird, ist, worauf es am Ende ankommt. Und die Frage ist immer konkret.

11. 4.19

 
Nota III. - Hier zum xten Mal: Was bedeutet im transzendentalen Sinn 'notwendig'? - Ge-geben sind zwei Termini: Erstens die historisch vorgefundene Tatsache, 'dass es Vernunft gibt'; und zweitens die durch analytischen Regress aufgefundene Einsicht, dass am Anfang Freiheit gewesen 'sein muss'. Zwischen beiden Polen ist ein Bogen zu spannen. 
 
Da am Anfang Freiheit war, waren alle vorstellbaren und selbst nicht vorstellbare Akte möglich und mögen auch geschehen sein. Wir müssen aber nur die beachten, die wirklich auf den Weg einer fortschreitenden Bestimmung von Freiheit zur Vernunft gehören. Alles andere bleibt außer Acht. 
 
Wenn wir auf diesem Weg zur Rekonstruktion einer intelligiblen Welt bzw. einer Reihe ver-nünftiger Wesen gelangen, ist der Bogen zwischen beiden Termini gespannt und ist alles, was auf ihm geschehen ist, als notwendig  erwiesen; vernunft notwendig. Mehr wird nicht behauptet; schon gar nicht, dass es anders gar nicht hätte kommen können.
JE, 15. 6. 21




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Donnerstag, 17. Juli 2025

Das Bedürfnis ist thetisch.

                                                                                                                                                   aus Marxiana

'Bedürfnis' ist bei Marx eine dynamische Kategorie. Es ist das poietische Vermögen, durch welches das Subjekt sich selbst als Subjekt 'setzt':

1. Landläufig ist 'Bedürfnis' ein Mangel, der aufgefüllt, ein Loch, das noch gestopft werden muss. Je bedürftiger der Mensch, umso ärmer. Aber nicht bei Marx: "Der Reichtum besteht stofflich betrachtet nur in der Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse." Grundrisse, MEW 42, S. 426. Bedürfnis ist kein Mangel, sondern ein Vermögen.
  
2. Die Erzeugung des neuen Bedürfnisses "ist die erste geschichtliche Tat": Deutsche Ide-ologie (Feuerbachkapitel), MEW 3, S. 28. Einige Zeilen zuvor hatten Marx/Engels schon einmal eine 'erste geschichtliche Tat' vermerkt, nämlich den Gebrauch von Werkzeugen. Zwar nicht logisch, aber doch historisch verstanden, läuft es freilich auf dasselbe hinaus. Es sind die Erfindung und der Gebrauch von Werkzeugen, die es dem Menschen erlauben, sein vor-gesetztes Naturbedürfnis über-zu-erfüllen – und Raum schaffen für das Erfinden neuer Bedürfnisse. "Ihre Bedürfnissse, also ihre Natur", heißt es später in der Deutschen Ideologie, und von einer selbsterzeugten Natur ist also die Rede: generatio aequivoca.*

'Bedürfnis' nimmt bei Marx systematisch denselben Platz ein wie bei Fichte Trieb bzw. Streben [Wollen], und entspricht der Husserl'schen Intentionalität.
*) MEW 3, S. 44

in 2010

**) Und nicht zu vergessen: Platos Eros, der ewig 'nach Schönheit strebt, weil er sie nicht hat'.  

In den während der sechziger Jahre zu einiger Prominenz gelangten Pariser Manuskripten zeigte Marx sich unverholen als Feuerbachianer, in der Heiligen Familie stellten Marx und Engels ihren 'Materialismus' groß heraus; doch über Feuerbach hinaus gegangen sind sie erst in der Deutschen Ideologie, und zwar an ebendiesem Punkt: Bei Feuerbach heißt Be-dürftigkeit leidend sein. Nur als Leidenden habe der bisherige Materialismus den Menschen auffassen können, die tätige Seite sei ausschließlich von den idealistischen Philosophen entwickelt worden. Die neu eingeführte Auffassung vom Bedürfnis als einem produktiven Vermögen war der erste originär 'marxistische' Gedanke.
19. 7. 15 
 
 
 
 

Mittwoch, 16. Juli 2025

Der Reichtum besteht, stofflich betrachtet, nur in der Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse.

                                                                  aus Marxiana

Wenn wir von der notwendigen Arbeitszeit sprechen, so erscheinen die besonders ge-trennten Arbeitszweige als notwendig. Diese wechselseitige Notwendigkeit ist auf der Grundlage des Tauschwerts durch den Austausch vermittelt und zeigt sich eben darin, dass jede besondre objektivierte Arbeit, jede besonders spezifizierte und materialisierte Arbeits-zeit sich gegen das Produkt und Symbol der allgemeinen Arbeitszeit, der objektivierten Arbeitszeit schlechthin, gegen Geld austauscht und so sich gegen jede besondre Arbeit wieder austauschen kann.

Diese Notwendigkeit ist eine selbst wechselnde, indem die Bedürfnisse ebenso produziert werden wie die Produkte und die verschiednen Arbeitsgeschicklichkeiten. Innerhalb dieser Bedürfnisse und notwendigen Arbeiten findet ein Mehr oder Minder statt. Je mehr die selbst geschichtlich -  durch die Produktion selbst erzeugte Bedürfnissse, die gesellschaft-lichen Bedürfnisse - Bedürfnisse, die selbst offsprings der social production und intercourse -  sind, als notwendig gesetzt sind, umso höher ist der wirkliche Reichtum entwickelt. Der Reichtum besteht, stofflich betrachtet, nur in der Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse.
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K. Marx, Grundrisse, MEW 42, S. 433

Dienstag, 15. Juli 2025

Das System und der Gödelsche Unvollständigkeitssatz.

 Kurt Gödel als Student der Universität Wien, 1925
aus wikipedia                                                             zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Der Gödelsche Unvollständigkeitssatz ist einer der wichtigsten Sätze der modernen Logik. Er beschäftigt sich mit der Ableitbarkeit von Aussagen in formalen Systemen. Der Satz zeigt die Grenzen der formalen Systeme ab einer bestimmten Leistungsfähigkeit auf. Er weist nach, dass es in hinreichend starken Systemen, wie der Arithmetik, Aussagen ge-ben muss, die man formal weder beweisen noch widerlegen kann. Der Satz beweist damit die Undurchführbarkeit des Hilbertprogramms, das von David Hilbert unter anderem be-gründet wurde, um die Widerspruchsfreiheit der Mathematik zu beweisen. Der Satz wurde 1931 von dem österreichischen Mathematiker Kurt Gödel veröffentlicht.

Genauer werden zwei Unvollständigkeitssätze unterschieden: Der erste Unvollständig-keitssatz besagt, dass es in allen hinreichend starken widerspruchsfreien Systemen unbe-weisbare Aussagen gibt. Der zweite Unvollständigkeitssatz besagt, dass hinreichend starke widerspruchsfreie Systeme ihre eigene Widerspruchsfreiheit nicht beweisen können.

Durch diese Sätze ist der Mathematik eine prinzipielle Grenze gesetzt: Nicht jeder mathe-matische Satz kann aus den Axiomen eines mathematischen Teilgebietes (zum Beispiel Arithmetik, Geometrie und Algebra) formal abgeleitet oder widerlegt werden.

In der Wissenschaftstheorie und anderen Gebieten der Philosophie zählt der Satz zu den meistrezipierten der Mathematik. Das Buch Gödel, Escher, Bach und die Werke von John Randolph Lucas werden häufig exemplarisch hervorgehoben.

Grundbegriffe

Aussagen sind Folgen von Zeichen, die ähnlich wie ein Programm einer Programmierspra-che einer gewissen Syntax genügen müssen. Für solche Aussagen kann man im Rahmen der Modelltheorie das Konzept der Gültigkeit oder Wahrheit in Strukturen definieren. Dabei kann die Wahrheit einer Aussage durchaus von der betrachteten Struktur abhängen: Die Aussage „Es gibt eine Zahl zwischen 0 und 1“ gilt zum Beispiel in den rationalen (oder Bruch-)Zahlen (die rationale Zahl 3⁄4 liegt zwischen 0 und 1), aber nicht in den ganzen Zahlen (es gibt keine ganze Zahl zwis-chen 0 und 1).

Ein formales System ist ein System, in dem sich mathematische Aussagen beweisen lassen. Jedes formale System besteht aus einer Sprache, die die Menge der wohlgeformten For-meln und Aussagen spezifiziert, einer Menge von Axiomen und einer Menge von Schluss-regeln, mit denen aus bereits bewiesenen Aussagen neue Aussagen hergeleitet werden kön-nen. Ein formales System bestimmt eine Theorie, die Menge aller im System herleitbaren Aussagen. Wichtig ist dabei, dass die Korrektheit eines Beweises im formalen System auf mechanische Weise verifiziert werden kann. Damit sind beispielsweise Kalküle mit unend-lich großen Beweisen keine formalen Systeme in diesem Sinne. Im Sinne der Berechen-barkeitstheorie entspricht dies der formalen Forderung, dass die Theorie rekursiv aufzähl-bar sein muss. ...

 

Nota. - Grund und System sind keine spezifisch mathematischen Themen, aber in einem allgemeinem Sinn logische Themen sind sie wohl - spätestens(?), seit die Menschen anfin-gen, sich eine Welt vorzustellen - ich meine: vorzustellen und nicht bloß anzuschauen wie verstreute Partikel auf einer Leinwand. 

Letzteres wäre gar nicht anschaulich, sondern bereits Ergebnis einer abstrahierenden Re-flexion. Doch für die Vorstellung ergibt sich (erstmals?) die Aufgabe, eigenständige Einzel-ne so zusammenzudenken, dass einerseits ihrer Besonderheit kein Abbruch geschieht, zu-gleich aber auch etwas zu denken, das ihnen allen gemeinsam ist und sie ihrerseits zu einem besonderen Einzelnen zusammen fügt: Das wäre ein Grund, der ein System schafft. Das ist keine Gleichung, sondern ein Bild, das unter Spannung steht.

Es ist das dialektische Elemtentarverhältnis von Emanation und Immanenz. 

Zuerst (?) ausgesprochen wurde der Systemgedanke wohl in der Zweiten oder 'mittleren' Stoa. Das ware eine esoterische Lehr- und Kultgemeinschaft, die sich mündlich und weitge-hend ohne schriftliche Zeugnisse fortpflanzte. Statt systema hieß es öfter syntagma: das zu-sammen-Gesetzte. Es war wohl mehr Vorstellung als Begriff, denn unentschieden blieb, ob mehr das zusammen-Gesetzte oder das zusammen-Gesetzte gemeint war. 

Stoisches Gedankengut wurde erneut wirksam in der Renaissance, wo es als (neu)-plato-nisch missverstanden wurde, weil als dessen authentischer Referent Plotin aufgefasst wur-de. Plotin spricht in formlos fragmentarischen Bildern, von Proklos wurde er in Begriffe und zum (logischen) System formalisiert, und spitze Zungen wollen ihn als die eigentliche Quelle Hegels ausmachen, der die System-Idee zu Tode geritten und bis heute diskreditiert hat. 

Und es prägte das Denken der christlichen Philosophie bis ins 13. Jahrhundert.

Mehr das Große Ganze - das Eine - als das noch so 'natürlich' aus Einzelnem Zusammen-gesetzte war Voraussetzung der Welt anschauung: Das Eine ist vor dem Mannigfaltigen da. Wie ein Krater, in dem Alles noch ineinander verschmolzen lag. Fragt sich aber: Wie kam das Eine denn dazu, sich in Vieles zu zergliedern? 'Es wurde ihm in seiner Fülle bei sich zu eng' - anders ist es kaum zu denken, es quoll über sich hinaus, es emanierte. So hörte es denn auf, eins zu sein. Das sollte es aber nicht - wenn es nicht eins geblieben war, sollte es eins wieder werden. Die Einzelnen mussten als so aufeinander bezogen gedacht werden, dass ein jedes nur im und durch diesen Bezug 'es selbst' bleiben konnte. Das ist die Vorstellung der Immanenz.

Im System soll alles e manieren und zugleich im manieren. Sonst wäre es bloß ein soritischer Haufen und es bliebe offen, ab wo es einer würde.

Beim geometrischen Spinoza gibt es das Problem nicht. Der eine Deus sive natura zerlegt sich immer nur ins Detail, zu sich zurück kehrt er gar nicht.

*

Das System wurde wieder zum Thema, als fleißige Schüler von Leibniz daran gingen, seine essayistischen Aperçus in einen diskursiven Zusammenhang zu zwingen. Aber Herleitungen und Schlussfolgerungen findet man bei Wolff und Baumgarten kaum, es wird das meiste an-einander geheftet durch und. Als Kant mit beiden reinen Tisch machte, ging zugleich auch der Systemgedanke unter, nicht ganz aber bei ihm selbst. Doch er kam damit nicht zurande, er wolle nämlich 'Gott und die Welt' unter einen Hut zwingen, wohin sie nicht passen.

Ins Zentrum des philosophische Denkens wurde es von seinem verleugneten Schüler Fichte gerückt, der die Systematizität des philosophischen Verfahrens geradewegs zum Prüfstein für dessen Wissenschaftlichkeit machte.

* 

Und nun zurück zum Unvollständigkeitssatz. Nach Fichte kann der Grund eines Systems gar nicht in ihm selber vorkommen; denn dann wäre er im System begründet und das Sy-stem nicht in ihm. Die besonderen Bestimmungen im System sollen einander sämtlich wechselseitig begründen, man soll von jeder Einzelbestimmung bis zu jeder anderen gelan-gen können. Das darf aber für den Grund selber nicht gelten: Der muss seine eigene Gül-tigkeit behaupten, und die kann nur außerhalb des Systems liegen.

Dargestellt wird das System auf der ersten semantischen Ebene. Aber aufgestellt wurde auf der zweiten, der Meta-Ebene. 

Kurt Gödel wird es kaum geträumt haben, dass er mit seinem mathematischen Unvollstän-digkeitssatz den Elementarsatz der Transzendentalphilosophie postuliert hat. Ich bin kein Mathematiker. Doch wenn es notwendig im System Sätze gibt, die schlechterdings im Sy-stem nicht begründet werden können, sofern das System als Ganzes gelten soll, dann kommt es nicht darauf an, ob es dieser oder ein anderer Satz ist. Man könnte wohl das System anders formulieren und er würde begründet; aber dann fielen andere Sätze aus: Immer bräuchte es Sätze, die von außen aus systemfremden Gründen hineingesteckt werden.

Solche Gründe nennt Fichte Wollen. Sie kommen nicht in der Reihe der systemisch not-wendigen Bestimmungen vor, sondern werden von außerhalb gesetzt von dem, der das System zu diesem oder einem andern Zweck gesetzt hat.
JE 

   

Montag, 14. Juli 2025

Die Subjekte und ihre Verhältnisse.

benjamimteitgen                                                                aus Marxiana

Zur Zirkulation gehört wesentlich, dass der Austausch als ein Prozess, als ein flüssiges Ganzes[s] von Käufern und Verkäufern erscheint. Ihre erste Voraussetzung ist die Zirku-lation der Waren selbst, die von vielen Seiten beständig ausgehende Zirkulation derselben. Die Bedingung der Warenzirkulation ist, dass sie als Tauschwerte produziert werden, nicht als unmittelbare Gebrauchswerte, sondern als durch den Tauschwert vermittelte. Die Aneig-nung durch und vermittelst der Ent- und Veräußerung ist Grundvoraussetzung. 

In der Zirku/lation als der Realisierung der Tauschwerte ist enthalten: 1. dass mein Produkt nur Produkt ist, sofern es für andre geworden ist, aufgehobenes Einzelnes, [=] Allgemeines; 2. dass es nur für mich Produkt ist, soweit es entäußert wird, für andre geworden ist; 3. dass es nur für den andern ist, soweit er selbst sein Produkt entäußert; worin schon 4. liegt, dass die Produktion nicht als Selbstzweck für mich erscheint, sondern als Mittel. Die Zirkulation ist die Bewegung, worin die allgemeine Entäußerung als allgemeine Aneignung und die all-gemeine Aneignung als allgemeinen Entäußerung erscheint. 

Sosehr nun das Ganze dieser Bewegung als gesellschaftlicher Prozess erscheint und sosehr die einzelnen Momente dieser Bewegung vom bewussten Willen und besondern Zwecken der einzelnen Individuen ausgehn, sosehr erscheint die Totalität dieses Prozesses als ein objektiver Zusammenhang, der naturwüchsig entsteht; zwar aus dem Aufeinanderwirken der bewussten Individuen hervorgeht, aber weder in ihrem Bewusstsein liegt noch als Ganzes unter sie subsumiert wird. 

Ihr eignes Aufeinanderstoßen produziert ihnen eine über ihnen stehende fremde gesell-schaftliche Macht; ihre Wechselwirkung als von ihnen unabhängigen Prozess und Gewalt. Die Zirkulation, weil eine Totalität des gesellschaftlichen Prozesses, ist auch die erste Form, worin nicht nur wie etwa in einem Geldstück oder wie im Tauschwert das gesellschaftliche Verhältnis als etwas von den Individuen Unabhängiges erscheint, sondern das Ganze der gesellschaftlichen Bewegung selbst. Die gesellschaftliche Beziehung der Individuen aufein-ander als verselbständigte Macht über den Individuen, werde sie nun vorgestellt als Natur-macht, Zufall oder in sonst beliebiger Form, ist notwendiges Resultat dessen, dass der Ausgangspunkt nicht das freie gesellschaftliche Individuum ist. Die Zirkulation als erste Totalität unter den gesellschaftlichen Kategorien [ist] gut, um dies zur Anschauung zu bringen.
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Karl Marx, Grundrisse, MEW 42, S.126f.


Nota. - Die Kritik der politischen Ökonomie ist kritisch in dem spezifischen Sinn, dass sie unter dem objektiven Schein der (ökonomischen) Kategorien die wirkliche Tätigkeit der Subjekte kenntlich macht. Nicht: Das Verhältnis ist; sondern: Subjekte verhalten sich.
JE, 27. 7. 15

 

Das Ich auf frischer Tat ertappen.

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