Montag, 19. Mai 2025

In der Welt ist der realistischste Standpunkt die realistische Fiktion.

                       zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

...es ist gar nicht wahr, dass die Täuschung, die Dinge in Zeit und im Raum für Dinge an sich zu halten, unvermeidlich sei. Es ist allerdings notwendig, so auf sie zu handeln, als ob sie es wären; denn / unsere Handlung selbst geht durch das Medium der Vorstellung hin-durch; man kann nicht handeln, ohne das Bild seiner Handlung sich vorzuhalten. Aber die Handlung und das Behandelte müssen notwendig aus demselben Reflexionspunkte angese-hen werden. 

Denn die technisch praktische Täuschung ist unvermeidlich. Kein Experiment, kein Kunst-produkt ist möglich, ohne die Formen der Sinnlichkeit dem Gegenstande zuzuschreiben, weil man sie in der Handlung sich selbst zuschreiben muss - aus einem Grunde, den ich zu seiner Zeit und an seinem Orte bestimmt darlegen werde. Es ist notwendig, so auf sie zu handeln, aber es ist gar nicht notwendig, sie so zu denken, wenn man sie bloß denkt, um sie zu denken.  

Diese Täuschung im Denken gründet sich auf die bloße Gewohnheit, auf dem niedrigsten Punkte der Reflexion zu bleiben. Diese Gewohnheit kann durch eine neue, durch fortge-setztes gründliches Nachdenken und durch stete Aufmerksamkeit auf sich selbst zu erwer-bende Gewohnheit aufgehoben werden. Das Handeln zieht uns stets auf jene niedrige Stufe herab; aber bei der geringsten Reflexion auf sich selber kann man in jedem Augenblicke sich wieder ganz klar bewusst werden, dass man nur in der Welt der Erscheinungen lebe; durch die geringste Reflexion auf sich selber kann man sich wieder in das Gebiet der reinen Ver-nunft und der reinen Wahrheit erheben und wenigstens seinem Geiste nach in einer höhe-ren Welt wandeln. 
_______________________________________________________________________ J. G. Fichte, "Über den Unterschied des Geistes und des  Buchstabens in der Philosophie" in Von den Pflichten der Gelehrten, Hamburg 1971 [Meiner], S. 73f.;


Nota I. - Im Handeln und für das Handeln ist die realistische Auffassung der Welt unum-gänglich, und da wir den größten Teil der Zeit, den wir auf der Welt sind, mit handeln be-schäftigt sind, ist sie gewissermaßen die richtige: Das wirkliche Handeln ist nur auf dem niedrigsten Reflexionspunkt möglich. Wenn ich momentan neben das Leben trete und mich und mein Handeln bedenke, nehme ich den Gesichtspunkt des Philosophen an, und ich werde ihn nicht gleich wieder vergessen, sobald ich erneut ans Handeln gehe. Ich begebe mich wissentlich auf die realistische Auffassung herab und handle so als ob.
24. 8. 17

 

Nota II. - Bemerke aber: Die realistische Fiktion ist zugleich die rationalistische Fiktion. Da liegt der Hase in Pfeffer.
 JE



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Sonntag, 18. Mai 2025

Die mentale Verfassung eines Handelnden.

                   zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Bewusstsein vorab durch Begriffe - 'Merkmale' - definieren zu wollen, kann nur Verwirrung stiften. Was immer zum Definieren dienlich ist, müsste im und durch Bewusstsein gegeben sein. Der Begriff müsste als gefunden aufgefasst werden, bevor man es sucht. Kein Wunder, dass die Suche als bloßes Rätselraten erscheint.

Dieser Zirkel lässt sich nicht umschiffen. Man muss ein resolut phänomenales Verfahren wagen. Denn als Alltagsphänomen war es gegeben - und ist es bewusst geworden, bevor man es auch nur bezeichnen konnte. Begriffe wurden ihm erst im Laufe der Zeit zu-gedacht und wohl auch ab-gesprochen.

Bevor man zu streiten beginnt, was es sein soll, schaue man zu, wo und wann es uns - als Alltagsphänomen! - begegnet.

 

 

Ich mache es kurz: Es begegnet uns als der akute Geisteszustand von einem, der handelt. 

Wäre ich vermögend, würde ich einen Preis aussetzen für den, der diese Bestimmung faktisch widerlegt. Da ich nicht vermögend bin, muss ich mich mit seinem guten Willen bescheiden.

Merke aber: Auch bloßes Denken ist Handeln.

Jedenfalls das, was wir in specie so bezeichnen: das Reflektieren. Bloßes Anschauen ist wohl auch Tätigkeit, doch die Besonderheit des Reflektierens ist, dass er das An-geschaute - den Gegenstand - unterscheidet von dem, der anschaut. Erst dann näm-lich hat er sie beide: Ein Willensakt liegt liegt zwischen Anschauen und Reflektieren, und der setzt voraus, dass das Anschauen des Anschauens - denn das ist Reflexion - nicht um seiner selbst willen ge-schieht - denn das wäre Anschauen.

Reflektieren, Denken in specie, geschieht um einer Absicht willen und fährt fort. Das ist das Spezifische am Handeln: Es geht aus auf eine Folge. Was dazu nicht taugt, wird im Denken zurückgestellt, und nur das "Anschlussfähige" - sagt der heutige Pedant - wird behalten; im Vorstellen und in der daraus folgenden Opera-tion. In der wissenschaftlichen Forschung ist ebendies die mühsamste Strecke. Wenn man wüsste, wonach man sucht, würde man es schneller finden. So mustert man gelegentlich das Richtige aus und behält das Falsche.

Das beschauliche Leben - lat. vita contemplativa, gr. bios theorikós - ist kein handelndes Leben. Es mag gedankenschwer oder leichtsinnig sein: Eine andere Absicht als sich selbst verfolgt es nicht. 

 

 

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Causa finalis.

stern                                           aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkriti

Für die Transzendentalphilosophie ist Vernunft die absolute Zweckursache.

Nota I: Die Transzendentalphilosophie hat zu ihrem Gegenstand nicht die Welt, sondern unsere Vorstellungen von der Welt. Unsere Vorstellungen von der Welt sollen vernünftig sein, damit wir dasjenige an der Welt, für das wir kausal sind, vernünftig machen können. 


Die Wirkursache ist immer das Vorstellen selbst.

28. 3. 19 

 

Nota II: Der Mensch stellt vor, weil und sofern er ein Wollender ist.

 

 

Samstag, 17. Mai 2025

Terminus ad quem.

                                                                      aus Philosophierungen

Mit der Vernunft ist es wie mit ihrer Patin, der Wahrheit: Sie 'sind' beide nur actu, als die Richtschnur freiwilligen Handelns. Und zwar nicht als sein bewährter Grund, von dem es ausgeht: terminus a quo; sondern als sein Zweck, auf den es hinauswill: terminus ad quem.


Metaphorisch wird ihr Verhältnis gern umschrieben als unendliche Annäherung. Dagegen wäre nichts zu sagen, neigte das Denken nicht dazu, allzu häufig gebrauchte Metaphern schließlich so anzuwenden, als wären sie Begriffe, und sie als vermittelndes Glied in einen discursus einzufügen und logische Schlüsse zu ziehen. Dann nämlich stellt sich die Sache so dar: Wenn Vernunft und Wahrheit ohnehin nur annähernd zu realisieren sind, dann muss ich selbst es ja auch nicht so genau damit nehmen...

Ich schlage darum eine andere Metapher vor. Vernunft und Wahrheit sind wie der Polar-stern, den der Steuerman auf hoher See als Orientierungspunkt wählt; nicht um ihm sich anzunähern, sondern seinem Bestimmungshafen – und zwar endlich.

30. 8. 13 


Nachtrag. -  'Unendliche' Annäherung ist keine Annäherung. So weit ich immer gehe, bleibt der Abstand doch derselbe: nämlich unendlich. Unendlich minus x - was soll das wohl hei-ßen?
5. 1. 18

 
Nicht um einen Schlusspunkt geht es, sondern um die janze Richtung.
15. 6. 21


 
 
 
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Freitag, 16. Mai 2025

Aufforderung, einen begonnenen Weg zu vollenden.

                                 zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Bemerkung: Das Handeln des freien Wesens außer mir, auf welches so geschlossen wird, verhält sich wie der angefangene Weg zu der Fortsetzung desselben. Es ist mir gegeben eine Reihe der Glieder, durch welche der Zweck bedingt ist; eine Reihe, die ich vollenden soll. Zuförderst ist sonach alles Handeln freier Wesen ein Hindurchgehen durch unendlich viele Mittelglieder, die bloß durch die Einbildungskraft gefasst werden - wie bei der Bewegung durch unendlich viele Punkte. Es fordert mich jemand auf heißt: Ich soll an eine gegebene Reihe des Handelns etwas anschließen. Er fängt an und geht bis auf einen gewissen Punkt, von da an soll ich anfangen. 

Nun liegt hier ein unendliches Mannigfaltiges der Handlungsmöglichkeiten, welche bloß durch Einbildungkraft zusammengefasst werden. Denn das Handeln mehrerer Vernunft-wesen ist eine einzige durch Freiheit bestimmte Kette. Die ganze Vernunft ist nur ein ein-ziges Handeln. Ein Individuum fängt an, ein anderes greift ein und so fort, und so wird der ganze Vernunftzweck durch unendlich viele bearbeitet und ist das Resultat von der Einwir-kung aller. 

Es ist dies keine Kette physischer Notwendigkeit, weil von Vernunftwesen die Rede ist. Die Kette geht immer in Sprüngen, das Folgende ist immer durchs Vorher-/gehende bedingt; aber dadurch nicht bestimmt und wirklich gemacht (vide Sittenlehre). Die Freiheit besteht darin, dass aus allen Möglichen nur ein Teil an die Kette angeschlossen werde.
_________________________________________________________
J. G Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 232f.
 

Nota. - Die Wissenschaftslehre erzählt nicht nach, 'wie es wirklich ist', sondern stellt dar, was in der Vorstellung wirklich vorkommt und weshalb das notwendig ist. Hier steht also sinngemäß: Alles Reden von Vernunft hat einen intelligiblen Sinn nur, wenn man sie so auffasst. Wird der Weg fortgegangen, so wird es eine Kette sein. Aber sie wird aus Freiheit fortgewirkt. Wenn wir uns also (in der Abstraktion) denken, dass sie einmal an ein Ende käme, so wäre es nicht durch physische Notwendigkeit als Folge seiner Ursache, sondern durch Freiheit als Zweck gesetzt: 'bedingt, aber nicht bestimmt'. Die Freiheit hätte an jedem Punkt auch andere Möglichkeiten wählen und andere Teile anfügen können. Der 'End-zweck' wäre ein anderer geworden.

Wenn Hans Vaihinger die Wissenschaftslehre nova methodo gekannt hätte, wären ihm die Augen übergegangen und er hätte auf seine dickleibige Philosophie des Als Ob achselzuk-kend verzichtet. Und wenn Fichte seinen Weg nova methodo 'zuende gegangen' wäre, hätte er sich nie auf die dogmatische Auffassung eines Realabsoluten und eines gegebenen End-zwecks der Vernunft einlassen können.

12. 10. 17

 

Nota II. - Ließe sich daraus folgern, dass alles, was auch immer in unserer Geschichte vor-kam, zu seiner Zeit vernünftig, nämlich ein notwendiges Glied des problematisch projizier-ten Vernunftszwecks gewesen ist? Vernünftig ist das Handeln nach selbstgesetzten Zwek-ken: aus Freiheit. Freiheit bedeutet nicht, dass kein Irrtum möglich ist; wie auch das? Wenn das Handeln die Zwecke, die gesetzt waren, nicht realisiert, sondern Folgen zeitigt, die nicht als Zwecke gesetzt waren und aus Freiheit nicht wählbar wären, so wird die Vernunft neu und anders wählen.
 
Es heißt hier nicht, wie bei Hegel, das Wahre sei das Wirkliche. Der Weg der Vernunft in der Geschichte ist keine aufsteigende Linie, wie könnte er? Das Kriterium ist noch nicht, dass die Zwecke aus Freiheit gesetzt waren; das ist erst die notwendige Bedingung. Sondern, ob sie durch vernünftiges Handeln in der sinnlichen Welt realisiert werden. Da geht es um praktisches Bestimmen. Das mag immer scheitern, sei's am Widerstand der sinnlichen Welt, sei es an falschen Begriffen. Ob oder ob nicht ist keine Sache theoretischer Vorhersehung, sondern des wirklichen Versuchs.

Es geht zuerst einmal um die Bedingung: aus Freiheit. Doch was aus der Freiheit gemacht wird, ist, worauf es am Ende ankommt. Und die Frage ist immer konkret.

11. 4. 19

 
 
Nota III. - Hier zum xten Mal: Was bedeutet im transzendentalen Sinn 'notwendig'? - Ge-geben sind zwei Termini: Erstens die historisch vorgefundene Tatsache, 'dass es Vernunft gibt'; und zweitens die durch analytischen Regress aufgefundene Einsicht, dass am Anfang Freiheit gewesen 'sein muss'. Zwischen beiden Polen ist ein Bogen zu spannen. 
 
Da am Anfang Freiheit war, waren alle vorstellbaren und selbst nicht vorstellbare Akte möglich und mögen auch geschehen sein. Wir müssen aber nur die beachten, die wirklich auf den Weg einer fortschreitenden Bestimmung von Freiheit zur Vernunft gehören. Alles andere bleibt außer Acht. 
 
Wenn wir auf diesem Weg zur Rekonstruktion einer intelligiblen Welt bzw. einer Reihe ver-nünftiger Wesen gelangen, ist der Bogen zwischen beiden Termini gespannt und ist alles, was auf ihm geschehen ist, als notwendig erwiesen; vernunft notwendig. Mehr wird nicht behauptet; schon gar nicht, dass es anders gar nicht hätte kommen können.
JE, 15. 6. 21





Nota.
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Donnerstag, 15. Mai 2025

Sind Raum und Zeit gequantelt?

mactechnews                         zu Jochen Ebmeiers Realien, zu  Philosophierungen

Bewegung ist anschaulich gegeben. Raum und Zeit werden hinzugedacht, um Bewegung be-greifen zu können. Sie sind nicht, wie Kant meint, Anschauungsformen. Sie kommen erst in der Reflexion vor, sobald nämlich Bewegung gemessen werden soll: der Raum durch vergan-gene Zeit oder die vergehende Zeit durch den durchlaufenen Raum. Wenn sie aber beide als selbstständig Seiende gedacht werden, muss die eine wie der andere als stetig gedacht werden - sonst wären sie kein Begriff, und wenn sie nicht je ein Begriff sind, sind sie beide keiner.

Der Raum ist nicht selber gequantelt, sondern die Bewegung ist quantifizierbar durch die verfließende Zeit im Raum, und umgekehrt: Die Zeit ist quantifizierbar als durchmessener Raum. Was sollte sie selber quantifizieren können? Es müsste im Begriff gegeben sein. Im Begriff gegeben ist, was durch die Definition in ihn hineingesteckt wurde - aber dieses ge-hörte definitorisch auch in die Zeit hineingesteckt, weil beide vor ihrer reflexiven Scheidung dasselbe waren; und könnte weder als Maß der einen noch des anderen dienen.

Und gar die ununterschiedene Raumzeit! Ihre pp. Krümmung muss ja wohl dasselbe X sein, das die Gravitation hineinbringt, oder nicht? Wäre die ihrerseits gequantelt, müsste sie es sein, durch welche Raum und Zeit messbar werden. Dann könnte aber weder die eine noch die andere zum Maß der jeweils anderen taugen. Man hätte ein Problem gelöst, indem man zwei unlösbare neue Probleme schuf.

*

Nun gehören 'Begriff' und 'Vorstellung' nicht zum Setzkasten der theoretischen Physik, sondern stammen aus der Philosophie. Es gibt ohne sie aber a priori keinen, nämlich sach-lichen Grund, Raum und Zeit als selbstständig Seiende aufzufassen. Es reicht, sie als zwei-erlei Maß für die Bewegung anzusehen - weil die ja doch immerhin anschaubar ist, und das mag auch den Physikern reichen.
19. 2. 25


Mittwoch, 14. Mai 2025

Das Ding an sich und der ästhetische Zustand.

                                  zu Geschmackssachen, zu Wissenschaftslehre...

Die Vorstellung vom Ansich-Sein der Dinge ist unhintergehbar. Die Vorstellung reflektiert nicht, sie schaut nur an.

Anschauung ist die primäre Reflexion, aber davon weiß sie nichts. Dazu bedürfte sie der Begriffe. Die Anschauung ist vom Ding nur ein Bild, und als ein solches ist es nicht be-stimmt, und nur, so lange es nicht als dieses oder jenes bestimmt ist, bleibt es an sich. "Es ist nur da, inwiefern man es nicht hat, und entflieht, sobald man es auffassen will."*

Kanns nicht behalten, doch auch nicht vergessen, und fass ich es ganz, kann ich es nicht messen, singt Hans Sachs in der Fliederarie der Meistersinger. Je mehr du nach ihm greifst, je mehr entwird er dir, heißt es bei Meister Eckart: Das ist, was Schiller den ästhetischen Zustand nennt. Im ästhetischen Zustand ist der Mensch ohne alle Bestimmung; ist selbst noch nicht bestimmt und hat noch nichts bestimmt.

Ein Ding ist als solches nur in Raum und Zeit. Was es ist, bedarf der Bestimmung. Durch wen oder was? Durch ein Wollendes, das ihm mit Absicht begegnet. Worauf ich an dem Ding absehe, ist das, als was ich es bestimme. Dass es ist in Raum und Zeit, kann ich an-schauen. Was es mir ist, muss ich wollen; muss ich denken. So haben wir das Ding zweimal: einmal als als Seiendes und einmal als Gedankending, einmal als Phänomen und einmal als Noumen. Und beidemale an sich, nämlich jedes einzeln. Und beide Male kann ich es nicht erfahren: Erfahren kann ich ein Ding nur als ein Seiendes, das mir etwas bedeutet. Als bloß Angeschautes ist es vor jeder Erfahrung. Als bloß Bedeutendes ist es lediglich Begriff: vor jeder Erfahrung. Wirklich, nämlich erfahren wird es als Gegenstand einer absichtsvollen Tätigkeit. An sich mag es sein in meiner bloßen Anschauung; oder als Bedeutung/Begriff/Noumenon.

*

Nun ist aber die Wissenschaftslehre keine Realgeschichte des individuellen Bewusstseins, sondern ein Modell der Vernunft. Als solches ist es 'da' auf einen Schlag, mit einem Mal. Der ästhetische Zustand ist keineswegs eine Durchgangsetappe der Bewusstwerdung. Es ist sogar umgekehrt: Die Vernunft muss bereits einen Durchschnittsstandard von Reflexion er-reicht haben, um sich auf den ästhetischen Standpunkt zu erheben. 

Der als allgemein verbindlich anerkannte Grad an Reflexion/Vernunft heißt common sense,  gesunder Menschenverstand auf Deutsch. Der fällt seine Urteile gewohnheitsmäßig, nämlich ohne jedesmal nach den Gründen zu fragen. Er verlässt sich darauf, dass dies hin-länglich von den voransgegangenen Generationen besorgt worden ist, die uns ihr Wissen überliefert haben: Reflexion als erbliches Guthaben. Erst wenn etwas geschieht, das gänz-lich unerwartet und von unserer Schulweisheit nicht vorgesehen war, wird er sich nach Gründen fragen und selber zum Reflektieren zusammenreißen.

Der geschäftige Mensch hat in der bürgerlichen Gesellschaft weder genügend Abstand noch Muße für gewohnheitsmäßige Reflexion. Das delegiert er an eine Instanz, die das Reflektieren zu ihrem Alltagsgeschäft gemacht hat und der Tagesinteressen überhoben ist: die Wissenschaft; sie bewahrt das Überlieferte. Und auch die muss, wenn ihre Untersu-chungen zu verwertbaren Ergebnissen führen sollen, die Gegenstände, die sie betrachtet, als ihr gegeben auffassen: als so und nicht anders gegeben unabhängig von den Bedingungen von Raum und Zeit; weshalb sie diese Bedingungen in ihren Laboren ausscheidet. Ein Ding an sich kommt ihr nie unter die Augen, sondern immer nur solche, die bereits so oder so bestimmt sind und die sie noch weiter fortzubestimmen trachtet. So wenig wie der gesunde Menschenverstand unterscheidet sie das Ding 'an sich' von seiner Bedeutung.

*

Allerdings ist kritische oder Transzendentalphilosophie nicht möglich, solange das Ansich-sein der Dinge nicht in Frage kommt. Wie sonst könnte ich ihre Bestimmtheit als diese oder jene davon unterscheiden und nach deren Herkunft fragen? Die Entelechien des Aristoteles, von denen Leibnizens Monade abstammten, hatten ihre Bestimmungen ebenso wie ihr Da-sein an, nämlich in sich gehabt, und ihr Erscheinen in der Zeit war ihr immanentes Gesetz. Aus dieser Vor-Bestimmung musste man heraus getreten sein, ehe man nach Gründen fra-gen konnte.

Dem analytischen, begrifflichen, diskursiven Denken wird ein An-sich nie unter die Augen treten. Dazu bedarf es der interesselosen Betrachtung - gr. theôría, lat. contemplatio. Den 'okularen' Griechen war sie noch vertraut und die Römer taten wenigstens so. Doch nach ein paar Jahrhunderten definitions- und konklusionswütiger Scholastik war es im Westen verlorengegangen, und es war nicht der praktische Geist der bürgerlichen Wirtschaftsweise, der sie wiederentdecken konnte.

*

Am Ende der Wissenschaftslehre nova methodo benennt Fichte die Stelle, wo der regulär vernünftige Menschverstand einen Übergang findet in die Transzendentalphilsophie: "Was gibts für einen Übergang zwischen beiden Gesichtspunkten. - Frage über die Möglichkeit der Philosophie. Beide Gesichtspunkte sind sich ja gerade entgegengesetzt. Gibts nicht ein Mittleres, so ist nach unseren eigenen Grundsätzen kein Mittel, zu ihm über-/zugehen.
 
Es ist faktisch erwiesen, dass es so ein Mittleres gibt zwischen der transzendentalen und gemeinen Ansicht; dieser Mittelpunkt ist die Ästhetik. Auf dem gemeinen Gesichtspunkte erscheint die Welt als gegeben, auf dem transzendentalen als gemacht ('Alles in mir'); auf dem ästhetischen erscheint sie als gegeben, so als ob wir sie gemacht hätten und wie wir selbst es machen würden (vide Sittenlehre von den Pflichten des ästhetischen Künstlers)."**

*

Das griechisch-lateinische Kunstwort Ästhetik hat Alexander Baumgarten erfunden.*** Es handelt, der griechischen Wortbedeutung entsprechend, vom "unteren Erkenntnisvermö-gen": der sinnlichen Wahrnehmung.

Baumgarten war neben Chrstian Wolff der führende Kopf der rationalistisch-metaphysi-schen Philosophenschule, aus der auch Immanuel Kant herkam. Kant stand wohl im inter-nen Streit der Schule Baumgarten näher als Wolff, aber seine Beschäftigung mit dem Thema des Schönen ging auf andere zurück.

Kant schrieb in seiner 'vorkritischen' Zeit über Manches. So setzte er sich in den Beobach-tungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen mit der schottischen Moralphiloso-phie, namentlich mit Hutchesons Systematisierung von Shaftesburys moral sense als Ingre-diens des sensus communis auseinander, der die ästhetischen Leistungen des menschlichen Geistes mit der natürlichen Anlage zu moralischen Empfindungen begründete. Edmund Burke hatte dagegen dem eingeborenen Sinn für das Schöne einen ebenso eingeborenen Sinn für das Erhabene entgegengestellt - wobei das Schöne für Sympathie und Gemein-schaft, das Erhabene aber für Ichsucht und Streit verantwortlich gemacht wurde.

Philosophisch interessant ist dabei lediglich, dass Kant den engen Horizont des Wolff-Baumgarten'schen  Rationalismus - und sei es nur versuchsweise - schon überschritten haben musste, um sich von David Humes skeptischen Sensualismus "aus seinem dogma-tischen Schlummer erwecken" lassen zu können. Anders gesagt: Er musste, und sei es nur versuchsweise, einen Gesichtpunkt oberhalb der beiden Dogmatismen schon einmal ange-nommen haben. 

Es war ein ästhetischer Gesichtspunkt.  

*) System derSittenlehre, in: SW I/72
**) WL nova methodo, S. 243f. 
***) Aesthetica, Frankfurt/Oder, 1750

6. 6. 21 

 

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Dienstag, 13. Mai 2025

Das Kapital muss zum System erst werden...

Spektrum der Wissenschaft                                            aus Marxiana

Es ist zu bedenken, daß die neuen Productivkräfte und Productionsverhältnisse sich nicht aus Nichts entwickeln, noch aus der Luft, noch aus dem Schooß der sich selbst setzenden Idee; sondern innerhalb und gegensätzlich gegen vorhandne Entwicklung der Production und überlieferte, traditionelle Eigenthumsverhälnisse. 

Wenn im vollendeten bürgerlichen System, jedes ökonomische Verhältniß das andre in der bürgerlich-ökonomischen Form voraussezt und so jedes Gesezte zugleich Voraussetzung ist, so ist das mit jedem organischen System der Fall. Dieß organische System selbst als To-talität hat seine Voraussetzungen und seine Entwicklung zur Totalität besteht eben [darin], alle Elemente der Gesellschaft sich unterzuordnen, oder die ihm noch fehlenden Organe aus ihr heraus zu schaffen. Es wird so historisch zur Totalität. Das Werden zu dieser Totalität bil-det ein Moment seines Prozesses, seiner Entwicklung. 
__________________________________________________
K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.1, S. 201 [MEW 42, S. 203] 


Nota I. - Die bürgerliche Gesellschaft aufzufassen als System, zumal in Analogie zu einem organischen Gebilde, war eigentlich das Ausgangsdogma der Politischen Ökonomie (Ques-nay, Blutkreislauf); eine Mystifikation, die die Kritik eigentlich zu zerstreuen hätte. 

Wir sind hier aber noch in Heft II des Manuskripts, noch ist sich Marx gar nicht im Klaren, dass er an einer Kritik arbeitet, er meint noch, die Politische Ökonomie lediglich darstellen (und vollenden) zu sollen. Aber er tut schon mehr als das: Dass die bürgerliche Wirtschafts-weise zum System erst werden muss, war eben der Schamteil der Politischen Ökonomie, über den sie nur hinter vorgehaltener Hand ein paar undeutliche Worte raunte. Das Kapital muss sich die sachliche Voraussetzung, auf der es beruht, selber erst schaffen.

M. ist auch schon nahe am springenden Punkt: Die Stelle steht in dem Abschnitt, wo er das Grundeigentum behandelt und die Notwendigkeit für das Kapital, die Landbevölkerung von Grund und Boden und ihren natürlichen Arbeitsmitteln zu trennen; es muss also das Grundeigentum zuerst in bürgerliches Grundeigentum verwandeln. - Bis er darin aber das Geheimnis der "sogenannten ursprünglichen Akkumulation" erkennt, wird er noch ein paar weitere Manuskripthefte brauchen. 
26. 9. 15 


Nota II. - So dialektisch, widersprüchlich, konvulsivisch und katastrophal die Ausbildung des Kapitals zu einem System in der historischen Wirklichkeit auch vorangegangen ist, so einfach und linear lässt sie sich doch im Begriff darstellen: als progressive Einbeziehung der gesamten materiellen Produktion in den Warenaustausch; alias als Bildung des Wertgesetzes.
JE, 3. 1. 20 

 

Montag, 12. Mai 2025

Die Wissenschaftslehre ist keine Metaphysik.

                                                aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Die Wissenschaftslehre ist keine logische Metaphysik. Sie stellt nicht die Welt, wie etwa Hegel, dar als ein systematisches Verzeichnis der denkbaren Begriffe. 

Sie ist die Genealogie der notwendigen Vorstellungen.

Notwendig aber nicht aus einem gegebenen Grund, sondern für einen gegebenen Zweck: das tatsächliche Bewusstsein zu erklären. Weil  jenes zum Ergebnis der wirklichen Entwick-lung der Vorstellungen
geworden ist, muss jene Entwicklung diesen Weg genommen und an diesem Punkt begonnen haben.

Die Wissenschaftslehre ist immanent, aber so bleibt sie nicht. Sie wird transzendental, in-dem sie unter den wirklichen Vorstellungen deren notwendigen Prämissen aufsucht.

Für Fichte ist der Begriff lediglich Medium der Vorstellung. Er selbst leistet gar nichts. Es bleibt immer der Vorstellende, der leistet.

Und was ist das 'tatsächliche Bewusstsein'? Es ist nicht mehr und nicht weniger als alles, was über Dinge - Gegenstände, Begriffe, Bilder - tatsächlich gedacht wird, vom gesunden Men-schenverstand bis hin zu Teilchenphysik, Molekularbiologie und spekulativer Kosmologie: wirkliches Wissen und Wissenschaft. Wissenschaftslehre dagegen ist - die Genealogie der Vorstellungen, die auf dem Weg dahin notwendig wurden.

22. 12. 14




Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Sonntag, 11. Mai 2025

Der Begriff bestimmt mein Begreifen.

flickr                                                zu  Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das Bestimmte, zu dem übergegangen wird, ist der Begriff eines bestimmten Dinges, aber ich selbst bin auch bestimmt in diesem Begriffe, weil das Quantum dieses Begreifens mei-nen Zustand ausmacht.
_________________________________________________________
J. G. Fichte,  Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 103


Nota I. - Nicht nur ich bestimme den Begriff. Der Begriff bestimmt auch mich, indem er das Maß meines Begreifens bestimmt.

21. 6. 15

Nota II. - Ich setze mich, indem ich mir ein Nicht-Ich entgegen setze, dem ich mich entge-gensetze. Ich bestimme mich, indem ich mich als den Andern des Andern bestimme: 'Mich-selbst-bestimmen' ist möglich nur durch Entgegensetzen. Ich kann daher den Begriff nicht bestimmen, ohne mich ipso facto mit zu bestimmen; freilich erst nach dem 'Quantum', in dem er selbst bestimmt ist.  

Merke: Ich kann mich oder sonstwas nicht an sich setzen, sondern nur als Vorlauf des Be-stimmens. Setzen ist noch nicht Bestimmen? Nun ja. Setzen ist Nochnicht bestimmen.


Nota III. - Bei Fichte "schwebt alles"? Es ist tatsächlich nichts ein für allemal festgestellt. Das kommt daher, dass in der Wissenschaftslehre keine Begriffe aneinander gereiht werden: Der Begriff ist wohlgetroffen, sobald seine Definitionsmerkmale erfüllt sind, "da beißt die Maus keinen Faden ab". Es werden vielmehr - da ja das Vernunftsystem, in dem eine diskursive Begriffswirtschaft möglich wäre, überhaupt erst entworfen werden soll - die Vor-stellungen aus einander hervorgebracht, aus denen eine tätige Vernunft, nämlich die Reihe vernünftiger Wesen entstehen kann. Vorstellen ist tätig sein, das Übergehen selbst ist das Reale, nicht die einzelnen Momente, die die Reflexion künstlich fixieren und abstrahieren könnte: Diese erst, die abstrahierten Momente sind, sofern sie miteinander in ein System gebracht werden, Begriffe.

Ja, es ist wahr: Im Verlauf der vorstellenden Tätigkeit schwebt alles.

10. 6. 20

Nota IV. - Das ist der Kerngedanke der ganzen Transzendentalphilosophie: Indem ich ein vorfindliches Anderes bestimme, bestimme ich mich selbst als das Andere dieses Andern. Anders ist ein Bestimmen von diesem, jenem und mir nicht möglich. Zur Identität gehört ihr Gegen stand. 
3. 2. 22

Nota V. - Ums ganz pointiert auszusprechen: Begreifen kann man nur Begriffe. 

Wenn ich 'Welt' für einen Begriff halte, muss ich sie als einen Oberbegriff auffassen: bis an den Rand angefüllt mit von ihm bestimmten Untergebriffen; ich muss zum Beispiel anneh-men, dass sie... einen Rand hat - und zugleich wechsel-rückbestimmt ist durch die in ihm versammelten Unterbegriffe. Ich müsste die Welt für ein fertiges System halten.

Und mir selbst muss ich vorkommen als wohin ich auch blicke von ihm bestimmter Widerpart; wohin ich auch blicke: nämlich bis wo eben mein Begreifen reicht. ...

Vernünftig ist es, weil ich so in unserer bürgerlichen Verkehrs-Welt zurecht finde; und ver-nünftig ist es auch, darin eine zweckmäßige Fiktion zu erkennen, die meinem irdischen Han-deln und Wandeln Orientierung gibt; die aber nicht mein Erkennen bestimmt, das mehr ist als Begreifen.
2. 8. 2024

Nota VI. - Das lässt sich auch kritisch wenden: Er begegnet mir immer fix und fertig. Mein Vorstellen mag immer noch mit Schweben beschäftigt sein, der Begriff ruft ihm zu: Ick bün all do; weitere Arbeit kannst du dir ersparen, es ist schon alles vollbracht. Das fertige Begriffssystem verblödet den Denkenden, indem er ihm die Arbeit des Fortbestimmens erübrigt. Und umgekehrt: Wo immer das regellos freie Vorstellen weiter über den züchtigen Begriff hinausgelangt war, ruft er ihm hinterher: Nicht so stürmisch! Immer schön eins nach dem andern. 

Wenn immer der Begriff dem fertigen Denken auch als sein kritisches Gewissen hinterher eilt, so war er dem sich verfertigenden Denken zuvor ein Stolperdraht auf dem Weg.

Bestimmtheit ist immer nur eine vorläufige Illusion. Real ist immer nur Schweben und Übergehn.
JE 



Das Ich auf frischer Tat ertappen.

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