Donnerstag, 11. Dezember 2025

Positiv ist das Sinnliche.

Eberlein, Faun vom Krebs gezwickt              zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Eigentlich wird das Entgegengesetzte nicht gefühlt, sondern ich fühle mich als beschränkt, auf das Entgegengesetzte wird erst als Grund der Beschränkung geschlossen. Das Positive in den Dingen ist schlechterdings weiter nichts, als was sich auf unser Gefühl bezieht, dass etwas rot ist, kann nicht abgeleitet werden, dass aber die Gegenstände in Raum und Zeit und in gewissen Beziehungen gegeneinander sind, kann abgeleitet werde.
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J. G Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 71f. 


Nota I. - Positiv heißt nicht gut und richtig, sondern kommt von lat. ponere, setzen. Das Positive ist das mir vor Gesetzte.
31. 8. 14

Nota II. - Gefühlt wird kein Gegenstand, sondern lediglich der Widerstand, auf den meine Tätigkeit stößt. Nichts anderes verbürgt mir die Realität der Welt - denn es verbürgt zu-gleich die Realität meiner Tätigkeit. Das Gefühl von einem Widerstand ist das erste und einzige Objektivum, von dem meine Vorstellung ausgehen kann.*
JE, 29. 5. 20

*) an sich und für sich

  

Mittwoch, 10. Dezember 2025

Gesellschaftlich gültig.

                                                                             aus Marxiana

Gesellschaftlich gültig ist ein Bedürfnis, das durch Tausch befriedigt wird.

Das ist eine Tautologie. Durch Tausch wird ein individuelles Ding zu einem gesellschaftli-chen, sofern nämlich die Gesellschaft selbst auf den Tausch gegründet ist. Es behauptet dann einen Platz im Gesamtzusammenhang, den es an sich sich nicht hätte. Und das Sub-jekt, für das es durch den Tausch zum Gebrauchswert wurde, wird ipso facto zu einem ge-sellschaftlichen: zu einem Austauschenden. Wenn einer Durst hat, eine Quelle findet und daraus trinkt, ist das kein gesellschaftliches Vorkommnis.

Das alles sind analytische Aussagen: Sie analysieren einzelne Bestimmungen, die sich aus dem Begriff der Gesellschaft ergeben - aus dem Begriff dieser Gesellschaft.

Aber die(se) Gesellschaft ergibt sich nicht aus ihrem Begriff. Es ist umgekehrt. Erst werden Dinge getauscht, dann entsteht daraus ein allgemeiner Austausch, ein Markt, und schließlich kann der prozessierende Realzusammenhang, der sich daraus entwickelt, als Eine Gesell-schaft begriffen werden.  

(NB: Ohne diesen Realzusammenhang kann nur allegorisch von 'Gesellschaft' gesprochen werden: in Hinblick darauf, dass und in welcher Weise eine Menschengemeinde dem Bild verallgemeinerten Austauschs 'ähnlich sieht'.)
30. 10. 16 




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Dienstag, 9. Dezember 2025

Geltung ist realer als Sein.

Harald Lapp, pixelio.de                                                       aus Philosophierungen
 

Es wurde beanstandet, dass ich Geltung und Bedeutung logisch nicht genügend ausein-anderhielte.

Das ist aber auch richtig so. Denn nur Bedeutung gilt. Alles, was sonst vorkommt, ist. Und Bedeutung gilt immer nur als Urteilsgrund für eine mögliche Handlung. Geltung ist eine praktische Kategorie.
26. 11. 13

Nachtrag: Für das Tier ist diese Unterscheidung sinnlos. Was die Dinge ihm in seiner Um-weltnische bedeuten, gehört zu deren Sein. Es kann davon nicht absehen.
22. 12. 17

Bedeutungen kann man von einander unterscheiden: Es gibt sie wirklich; nämlich irgend-wem, irgendwann haben sie für irgendeine Handlung gegolten. Geltung gibt es nicht wirk-lich, woran wollte man denn eine von der andern unterscheiden? In der Wirklichkeit gilt nur jeweils etwas; jetzt dieses, dann jenes. So wenig man dieses von jenem unterscheiden kann, kann man sie auch zusammenfassen. Gemeinsam ist ihnen nur, dass Leute handeln, da kann man sie bemerken, jedes für sich. Am Gelten sind Form und Qualität ununterscheidbar. 

28. 1. 19

Bedeutung gilt für einen, der tätig ist - als Bestimmung seiner Tätigkeit. Ein Sein kommt einem Tätigen nur vor als ein Widerstand gegen seine Tätigkeit. Erst durch diesen Wider-stand bekundet ein Etwas sein Da Sein. Erst als Widerstand wird etwas re al. Seiner Realität voraus geht - meine Tätigkeit: die, zu der ich mich bestimmt habe. Sie ist der Urheber aller Realität. Sein ist dagegen bloß virtuell - es bedarf meiner Tätigkeit, um wirklich zu werden.
29. 5. 20

Sein Widerstand wird durch meine Tätigkeit, und meine Tätigkeit wird durch seinen Widerstand bezeugt: beides durch das Gefühl.

 

Montag, 8. Dezember 2025

Omnis determinatio…

 
Heinz Michael Möller                                                                                                         Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Zu einem Diesen wird etwas erst, wenn ‘es’ aus dem gleich-gültigen Brei des Sich-von-selbst-Verstehenden herausgehoben wurde, indem es in Frage geriet. Omnis determinatio est affirmatio post interrogationem..
Mai 26, 2010 

Nachtrag.  Das gilt für den Bürger unserer realen Welt, nämlich für einen aus der Reihe vernünftiger Wesen. Für den gilt a priori, dass alles, was erscheint, eine Bedeutung schon hat - in seinem Begriff nämlich; und nach dem muss er gelegentlich erst fragen.

Anders für das Ich der Transzendentalphilosophie: Das muss die Begriffe durch Bestimmen des Unbestimmten erst hervorbringen. Bestimmen geschieht aber durch Entgegensetzen und das Ausscheiden eines der beiden zu Gunsten des andern. Es ist insofern ebenfalls Ne-gation - aber von einem zuvor Gesetzten. Der positive Akt, actus ponens, steht an erster Stelle, vorher keine Negatio noch Affirmatio.
28. 5. 20





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Sonntag, 7. Dezember 2025

Vorstellen oder bloß kombinieren.

                             zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Die begriffs-logische Auffassung ist: Omnis determinatio est negatio.
Die vorstellungs-genetische Auffassung sagt, ein Unbestimmtes entsteht überhaupt erst durch Bestimmung – als das übrigbleibende Bestimmbare.

31. 10. 15


Das Sein und das Nichts, das Positive und das Negative, Tun und Nichtstun sind nicht on-tologisch gleichrangig. Zuerst muss etwas gesetzt worden sein, bevor es einer bestreiten kann. Die dialektische Bewegung geschieht nicht von allein; es muss sie einer angefangen haben - und immer wieder neu beginnen. Sie ist gar nichts anderes als ein immer-fort-Be-stimmen.
28. 5. 20



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Samstag, 6. Dezember 2025

Der Geist.

                                                                         aus Philosophierungen

Der Geist führt einen ewigen Selbstbeweis.
____________________________________  
aus: Fragmente, Athenaeum, I. Bd., 2. Stück


Warum dieses? 
Weil ihn die Widerständigkeit der Dinge ohne Unterlass Lügen straft. Er kann sich nur als Kämpfer behaupten; ohne Unterlass und an jedem Ding neu.
1. 5. 20 
 


Nota.
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Freitag, 5. Dezember 2025

Die Absolutheit des Logischen.

                                                                   aus Philosophierungen

Das logische Denken ist entstanden als dasjenige Denken, das sich mitteilen lässt. Ist es ein Wunder, dass es so konzipiert, konstruiert wurde, dass es mitteilbar ist?

[Siehe Adorno vs. Husserl, Metakritik der Erkenntnistheorie,* S. 76ff.]

Nicht nur 'kann' jedermann anders als logisch denken; tatsächlich denkt jedermann anders als logisch! Nur - sobald er die Ergebnisse seines Denkens darstellen will - anderen oder auch nur sich selbst -, dann muss er sich dafür der Formen bedienen, die historisch vorrätig, "zuhanden" sind, und das sind die Begriffe und die Regeln ihrer diskursiven Verknüpfung. Also wenn ich die Ereignisse aus "meiner Welt" in "unserer Welt" situieren will, muss ich sie in deren Topographie einordnen.

*) Frankfurt/M., 1972
aus e. Notizbuch, 9. 10. 03



Eins haben der verschämte Platoniker Husserl und der unverhohlene Hegelianer Adorno gemein: dass ihnen das Material des Wissens die Begriffe sind; und wenn das für-wahr-Gelten des diskursiven Denkens nicht an sich ist - wie Husserl meint -, dann kann es nur historisch sein und an der nächsten Straßenecke womöglich dem Zufall erliegen. 

Das mag Adorno nun doch nicht zugestehen, "objektiv" soll die Geltung des Logischen wohl sein, wenn schon nicht, wie bei Husserl, "absolut"; "indem" sie nämlich "um Natur beherrschen zu können, dieser sich anmisst"**. Soll etwa, wie bei Descartes, das göttliche Naturgesetz uns die Geltung der Logik verbürgen, als ein "unbegreifliches und bloß hinzu-nehmendes An sich"? Nein, dahinter kann er sich nicht zurückziehen, und es kommt ihm die Ahnung, Garant für die objektive Gültigkeit der Logik müsse eine "über alles Dasein mächtige Forderung an das Subjekt" sein. - Doch von wem soll die kommen?

In der Wissenschaftslehre geht es nicht um Begriffe, sondern das in ihnen Gemeinte; sie verfährt nicht logisch, sondern genetisch; nicht: an-sich-seiende Begriffe werden aneinan-derfügt, sondern: Vorstellungen werden auseinander entwickelt. Ob ich sie entwickle, steht mir ja frei, aber wenn ich sie entwickle, muss ich sie so entwickeln. Und es findet (!) sich, dass die Menschen - das selbstbestimmte Subjekt unserer bürgerlichen Gesellschaft - ihre Begriffs-welt und ihre Schlussregeln wirklich entwickelt haben. - Während das für die his-torische Betrachtung ein lediglich zufälliges und für die logische Betrachtung ein bloß for-mal-faktisches Ergebnis bleibt, wird es in der Wissenschaftslehre genetisch notwendig.*** Die genetische Betrachtung ist eine materiallogische. 

Den Gedanken an ein real Absolutes, absolute Geltung gar, muss man sich aber aus dem Kopf schlagen. Gelten ist der Modus des Logischen, außerhalb des Logischen gibt es keine Geltung. Das diskursive Denken ist selber das Postulat, dass absolute Geltung sein soll; wer sich auf eine vernünftige Erörterung einlässt, unterwirft sich ihm ipso facto. Es gibt keinen Sprung aus der Immanenz.
**) ebd. S. 87 
***) In der Mathematik nennt man das, wenn ich nicht irre, eine vollständige Induktion. 
 
13. 1. 15



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Donnerstag, 4. Dezember 2025

Das intellektuelle Gefühl ist ein systemisches Analogon.

                                       zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik  

Der Begriff des intellektuellen Gefühls wirkt in der Wissenschaftslehre wie nachträglich eingefügt und nicht aus den vorangegangenen Prämissen - als notwendig eingesehenen Vorstellungen - entwickelt. 

In der sinnlichen Erfahrung sind es die Widerstände der Dinge, die die reale vorstellende Tätigkeit nötigen, einen Weg zu beschreiten und einen anderen nicht zulassen. Wenn die ideale, lediglich intellektuelle Tätigkeit an Punkte gelangt, an denen dieser Weg angezeigt, ein anderer aber verbaut ist, ist ein Analogon zu den realen Widerständen der Dinge zu ver-muten. Auf dem beobachteten Weg der Vorstellungen ist er jedoch nicht 'in Erscheinung getreten'. Er kann daher nicht wie die realen Widerstände in Raum und Zeit liegen. 

Soll aber das ideale Quantum der Einbildungskraft schlechterdings frei sein, kann der Grund für das Nichtkönnen der Vorstellung nur in ihr selber liegen. Die negative Notwen-digkeit ist dann eine ebenso bedingte, wie die positiven Notwendigkeiten der sinnlichen Er-fahrung. Es kann nur so sein, dass in der Kette der vorangegangenen Vorstellungen eine Bestimmung mitgesetzt war, die von den darauf folgenden Vorstellungen nicht gelöscht werden kann. Wenn zum Beispiel in der wirklichen Vorstellung Raum und Zeit gesetzt waren, kann sie sie nicht nach Belieben nachträglich ungeschehen machen. 

Doch Raum und Zeit sind Charakter der sinnlichen Welt. Hier geht es aber um nicht mög-liche Bestimmungen in der intelligiblen Welt. Die liegt außerhalb von Raum und Zeit. Dass es keinen Punkt gibt, wo die negative Notwendigkeit - das Nichtdürfen - in Erscheinung tritt, liegt an der intelligiblen Welt selber.

Mit andern Worten: Aufgezeigt werden, nämlich so, dass er wie der Widerstand der Dinge im Gang der Vorstellung vorkommt, kann er nicht. Man kann einem, der widerspricht, nur zurufen: "Versuch's doch selbst, du wirst sehen: Es geht nicht." Doch wenn er zurückfragt "wieso nicht?" kann man ihm nichts antworten.

Genauer gesagt, bevor das System abgeschlossen ist, kann man nichts antworten. Danach kann man - muss man - antworten: Weil anders das System nicht stimmt. Es muss also das System nicht nur abgeschlossen, sondern als gültig anerkannt sein; wozu man keinen zwin-gen kann. 

Wie sagte doch einer? Was für eine Philosophie man wählt, hängt davon ab, was man für ein Mensch ist.

Man erinnere sich: Auch in der sinnlichen Erfahrung kommt der Widerstand der Dinge als solcher nicht vor: Auf ihn wird in der Anschauung lediglich aus dem Gefühl geschlossen. Dieser Schluss gilt freilich als natürlich: weil ihn Jeder macht, andernfalls könnte er sich in der Reihe vernünftiger Wesen nicht behaupten. Jenen andern Schluss macht nicht jeder, sondern nur, wer sich zu philosophieren entschlossen hat.
12. 12. 20

 

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Mittwoch, 3. Dezember 2025

Organische Digitalisierung.

 E. Muybridge
aus Tagesspiegel, 29. 11. 2025                                                                      zu Jochen Ebmeiers Realien

Jeder Mensch ist 90 Minuten pro Tag blind:
Das Gehirn macht öfter mal blau
„Augen aufmachen“, dann sieht man eins zu eins, was in der Welt passiert? Von wegen. Das Gehirn gaukelt uns nur vor, dass wir immer alles mitbekommen. Doch wir sind blinder, als wir denken.
 
 
Lust auf ein kurzes Experiment? Stellen Sie sich vor den Spiegel und schauen Sie abwech-selnd auf Ihr linkes und rechtes Auge. Genau: Obwohl Sie spüren, dass sich Ihre Augen abwechselnd nach links und rechts bewegen, ist die Bewegung der Augen im Spiegel nicht zu erkennen. Wie kann das sein?

Die Vorstellung, unsere Augen seien einfach nur Maschinen, mit denen wir eins zu eins die Realität abbilden, könnte falscher nicht sein. Denn Gehirn und Sehapparat gaukeln uns vieles nur vor.

Aus gutem Grund. Wären die Augen einfach nur Kameras, dann würde beim schnellen Bewegen der Augen von links nach rechts genau das passieren, was zum Beispiel bei Kameras im Eishockeystadion passiert, wenn sie dem rasend schnellen Puck folgen: Man sieht nur Schlieren, bis die Kamera wieder ruhig steht und den Puck im Tor zeigt.

Das wäre für Tiere, die sich und ihre Augen nun mal ständig durch ihre Umwelt bewegen müssen, extrem unpraktisch. Anders gesagt: Diejenigen überlebten, deren Gene sich so veränderten, dass sie das ständige Verschwimmen ihres Blickfeldes bei jeder Augenbewegung verhinderten. Und zwar, indem die Bildübertragung einfach kurz unterbrochen wird.

Während sich die Augen vor dem Spiegel von links nach rechts bewegen, schaltet unsere Wahrnehmung kurzzeitig ab, wir sind für etwa 20 bis 40 Millisekunden buchstäblich blind. Diese „Sakkaden“ genannten Unterbrechungen des Sehvermögens sind keineswegs selten: Bei schätzungsweise 15.000 Augenbewegungen pro Stunde haben Menschen pro Sekunde etwa ein bis vier Sakkaden.

Das bedeutet, dass jeder Mensch in jeder Stunde insgesamt rund 7,5 Minuten lang nichts sieht – ohne es überhaupt zu bemerken. Das Gehirn gaukelt uns kontinuierliches Sehen vor, obwohl unsere Wahrnehmung in Wirklichkeit kurz pausierte. Von einem Zwölf-Stunden-Tag fehlen uns also zusammengerechnet etwa 90 Minuten!

Wenn Sie den Versuch mit der Selfie-Kamera ihres Handys wiederholen, dann können Sie die Augenbewegung sehen. Denn anders als beim Spiegel braucht das Smartphone Bruchteile von Sekunden, bis das soeben von der Kamera aufgenommene Bild von Ihnen auf dem Bildschirm angezeigt wird.

In dieser Zeit ist die Sakkade, die kurzzeitige Blindheit, schon vorbei, sodass Sie die Augenbewegung, die Ihnen das Gehirn vor dem Spiegel „unterschlagen“ hat, nun sehen können

.

 

Nota. -  Mit andern Worten: Das Gehirn wechselt, ohne von jemandem darum gebeten worden zu sein, aus dem analogen in den digitalen Modus - geht aus der Anschauung zur Reflexion über. Präziser gesagt: aus dem sinnlichen Sehen eines Bildes zum intellektiven Überlegen. Der erst Schritt dahin ist das Zerlegen eines Szene in Einzelteile - digits - , aus denen sie zusammengesetzt erscheint. Der zweite Schritt: die einzelnen Teile wieder in eine ganze Gestalt fügen, in der das Verhältnis der Teile zueinander als deren Bedeutung aufge-fasst wird. Das Zerlegen ist ein rein mechanischer Akt, in dem sich das Subjekt erst noch als leidend - wiedergebend - verhält; während es im Wiederzusammensetzen tätig wird: Es ist diese Tätigkeit, die als sinngebend erfahren und zu einer Vorstellung wird.

Diese Tätigkeit wiederum kann er anschauen, weil er sie selbst ausführt - er erkennt darin die Absicht wieder, in der sie geschah.

Das ist das ganze Geheimnis der Symbolisierung. Ihre sachliche Bedingung ist der digitale Modus: die flüchtige Erscheinung in Einzelteile zerhäckseln, die zur Ruhe gebracht wurden, indem sie durch ein Zeichen identifiziert sind.

* 

Das ist die geistige - logische - Repräsentation einer Handlungskette, die doch als in Raum und Zeit wirklich geschehen vorgestellt wird. Durch obige Untersuchung ist immerhin der erste Schritt in dieser Kette physiologisch dargestellt: das Zersetzen einer lebendigen Er-scheinung in stehende Bilder. Der zweite Schritt wäre, die Eintragung der angeschauten Absicht in das Zeichen physiologisch zu beschreiben. 

Bleibt also das Kern problem: die Bedeutung im Stoff zu verorten. 

Eine Absicht fassen - das, was tierische Intelligenz und menschlichen Geist unterscheidet - dürfte eine Leistung des Gehirns als Ganzes sein; ein systemischer Prozess sich verallgemeinernder Wechselwirkung, wo nicht diese oder jene Hirnregion beschäftigt ist und wo keine Ursache und keine Wirkung mehr zu identifizieren ist (vorher/nachher) und nur noch Zustände emergieren. Es ist anzunehmen, dass die empirische Hirnforschung hier ihr Ende findet.

Ohne Absicht hat ein Gehirn nichts, worauf es reflektieren kann.* Das Absehen auf... ist Anfang und Ende der Vernunft. 

Geist = Absicht, sagte Friedrich Schlegel. 

*) Auf bloße Fakten lässt sich nicht reflektieren - sie sind blind und stumm; genauso wenig lässt sich auf bloße Bedeutungen reflektieren; die sind nicht von dieser Welt. Reflektieren lässt sich auf Fakten, die einer Bedeutung unterzogen wurden. 
JE 

 

Dienstag, 2. Dezember 2025

Was heißt wissen?

 stock                                                         zu Philosophierungen

Ich weiß ist ein Akt, der der Reflexion zerfällt in ich urteile und dass. Das Urteilen ist die subjektive Seite: Ein anderes 'ich' mag anders urteilen. Aber Dass ist die objektive Zutat: Wer auch immer urteilt, urteilt so. Das Urteilen ist kontingent, aber das Urteil gilt. Das Ur-teilen erscheint der Reflexion als ein willkürliches Wählen zwischen gegebenen Geltungen.

Das ist, was Kant den dialektischen Schein nannte.

Denn in der Wirklichkeit von Raum und Zeit ist gegeben, dass nur in Urteilen etwas gilt; und sonst nicht. Aber auch nur dem Urteilenden.

Geltung ist ein Objektivum; gelten ist subjektiv. 

 

Montag, 1. Dezember 2025

Verkörperte Vernunft.

Leonardo                                                              zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Auf ein bestimmendes Physisches wird also geschlossen, welches zugleich auch ein Be-stimmbares ist, welches demnach nicht gerade so handeln musste, sondern in seinem Be-stimmen ausgewählt hat von einer ins Unendliche verschiedenen Mannigfaltigkeit. Kurz, es ist eine physische Kraft wie die meinige, die bloß von der Freiheit abhängt und bloß von ihr bestimmt wird auf unendlich mannigfaltige Weise.

Ich denke sie, ich denke sie - wie alles - bestimmt als Quantum, als individuelle / Kraft. Zugleich erscheint sie mir als etwas Sinnliches im Raume. Also das Wirkende zu der Auffor-derung fällt mir notwendig aus als ein materieller, bechränkter Körper. Mein Denken der Vernunft außer mir ist sinnlich, ich denke so einen Körper nicht bloß, sondern realisiere ihn auch in der sinnlichen Anschauung, es ist damit Gefühl verknüpft, nämlich das der mir an-gemuteten Selbstbeschränkung. Dadurch wird eine sinnliche Gestalt durch Anschauung hingeworfen.

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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 233f. 



Nota I. - Es geht hier um die 'Reihe vernünftiger Wesen', von der an mich die 'Aufforde-rung' zur Vernünftigkeit ergangen sein soll. Tatsächlich begegnen mir nur physische Indi-viduen, wie ich eines bin. Auf deren Vernünftigkeit konnte ich nur schließen - anschauen kann ich sie nicht. Der Vereinigungspunkt - 'Synthesis' - ist, dass ich in 'den Andern' eine physische Kraft erkenne wie die meine: als etwas Sinnliches im Raume; das indes allein von ihrer Freiheit abhängt, wie die meine von der meinen.

Ihre physische Kraft kann ich in ihren Handlungen anschauen. Dass ihnen wie mir Selbst-beschränkung angemutet ist - anzumuten ist? -, fühle ich: Das geschieht vor der Anschau-ung. 

Er steckt in einer Sackgasse. Er soll das Geistige in das Sinnliche hineinbringen, schafft es aber nicht. Da kommt ihm das Gefühl als Deus ex machina gerade recht; oder als asylum ignorantiae, wie die Scholastiker gesagt hätten. Er verniedlicht es zu einem terminologi-schen Problem, indem er sinnliches und 'intellektuelles' Gefühl unter dieselbe Kategorie zusammenfasst. Doch was er zur gefälligen Auflösung seinen Hörern selber überlässt, ist das Problem in all seiner Blöße: Wie kann es sein, dass wir bei aller Freiheit im Denken immer wieder an einen Punkt kommen, wo wir nicht anders können, als ebenso zu urtei-len? 

Bei sinnlichen Gefühlen hilft es oft, die Zähne zusammenzubeißen. Doch als schiere In-telligenz aufgefasst, habe ich gar keine Zähne.

8. 7. 18

Nota II. - Ja sehen Sie: Da hatte ichs noch nicht recht verstanden. Eines ist es, ein System zu entwerfen, und ein anderes, es als ein solches darzustellen. 'An sich' müsste das Gefühl am Anfang stehen: als die sachliche Bedingung allen Vorstellens. Von da an gäbe es aber keinen Übergang zum tätigen Vorstellen! Der Realist mag wohl das Vorgestellte aus 'den Dingen' selbst ableiten; nur zum Vorstellen selber gelangt er nie. Also muss eine pp. reali-stische (sic) Darstellung bei der Tätigkeit anfangen und nicht bei ihrem Gegenstand.

Noch krasser wird es bei der Aufforderung durch die Reihe vernünftiger Wesen. Genetisch wurde dargestellt, wie 'ein Ich' die Disposition zu vernünftigem Handel  'in sich aufgebaut' haben könnte. Doch wie käme es dazu, aus der Disposition zur Tat zu schreiten? Ex sponte sua hätte es dafür keinen Grund. Es musste schon ein Anstoß - une chiquenaude, sagte ein Spötter - hinzugekommen sein, sozusagen von außen. So wie in der aristotelischen Traditi-on der intellectus possibilis erst vom intellectus agens aus der dynamis zur energeia erweckt wird. 

Die scholastische Denkfigur verweist auf die tatsächliche Zweigleisigkeit der Fichte'schen Darstellung: die transzendentale Deduktion auf der Folie der anthropologischen Beschrei-bung - oder doch eher der anthropologischen Beschreibung vorm Hintergrund der trans-zendentalen Herleitung?

Wie immer dem sei: Ihre materiale Grundlegung konnte die Wissenschaftslehre erst in der Materialistischen Geschichtsauffassung finden.
25. 6. 21 

Nota III. - Vergleiche hierzu Der logische Zirkel und seine historische Auflösung.
JE  

 

    

Das Intelligible entsteht aus dem Versuch des Begreifens.

M. Ernst                                             zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik   Ein Sein bedeutet i...