Samstag, 10. Februar 2024

Man kann leben, ohne zu spekulieren.

Bild aus hauntedgallery                 zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Worin man befangen ist, was man selbst ist, kann man nicht erkennen; man müßte aus demselben herausgehen, aufhören, es zu sein, sich auf einen Standpunkt außerhalb des-selben stellen. Dieses ist die Spekulation; dieser Standpunkt außer dem wirklichen Leben ist sie. Nur inwiefern es diesen höhern Standpunkt und diese beiden entgegengesetzten Standpunkte gab, ist es dem Menschen möglich, sich selbst zu erkennen. Man kann leben und vielleicht der Vernunft ganz gemäß leben, ohne zu spekulieren; man kann leben, ohne das Leben zu er/kennen. Aber man kann das Leben nicht erkennen, ohne zu spekulieren. _________________________________________________
J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 119f.]


Nota. -
Dass ein Philosoph sich ausdrücklich die Frage nach der Stellung der Philosophie in der Welt stellt, war bis dahin ganz ungewöhnlich; zumal, wenn er zu dem Ergebnis kommt, dass sie fürs wirkliche Leben eigentlich gar nichts taugt! Nämlich nicht unmittel-bar, nicht positiv, indem sie lehrte, was zu tun wäre: Auch an dieser Stelle geht Fichte über Kant hinaus, der der Sittenlehre eine eigne "Metaphysik" zugrunde legt. 

Allerdings bestimmt er den Philosophen - den Gelehrten - seinerseits als mit einem Bein außerhalb der Welt, über der Welt stehend. Er sei einer, der nicht bloß lebt, sondern le-bend "das Leben erkennt" - was offenbar Bedingung seiner Freiheit ist. Folgerichtig fragt er auch nicht, 'wie Philosophie möglich ist', sondern wie einer aus der Reihe vernünftiger Wesen zum Philosophen wird. Und seine Antwort ist wiederholt und entschieden: Der Weg zur Philosophie führt (aus Freiheit) über das Ästhetische. Dass ihn jeder geht, ist gar nicht nötig.

Das Problem ist vielmehr, ob und wie 'die Gelehrten' sich in der Welt Gehör verschaffen. Doch das ist ein  neues Thema.
JE,  5. 3. 20                                         

 

 

 

Freitag, 9. Februar 2024

...als Regulativ

Stellschraube                         zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Eigentliche Philosopheme einer Transzendentalphilosophie sind an sich tot und haben gar keinen Einfluß in das Leben, weder guten noch bösen; ebenso wenig als ein Gemälde ge-hen kann. Auch ist es ganz gegen den Zweck dieser Philosophie, sich den Menschen als Menschen mitzuteilen. Der Gelehrte als Erzieher und Führer des Volks, besonders der Volkslehrer, soll sie allerdings besitzen, als Regulativ, als pädagogische Regel, und nur in ihm werden sie insofern praktisch; nicht aber sie ihnen selbst mitteilen, welche sie gar nicht verstehen noch beurteilen können. (Man sehe meine Sittenlehre.) Aber daß er sie treu und mit Eifer anwende, wird dieser gute Wille schon vorausgesetzt, aber nicht etwa durch sie hervorgebracht: ebenso wie bei dem Philosophen von Profession Unpartei-lichkeit, Wahrheitsliebe [und] Fleiß schon vorausgesetzt, nicht aber durch sein Philoso-phieren erst erzeugt wird.
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen in: Gesamtausgabe Bd. II/5, S. 134


Nota. - Die Wissenschaftslehre ist keine 'praktische' Philosophie und keine Lebensweisheit. Sie ist zuerst rein kritisch und verweist den Menschen, wo sie theoretisch-konstruktiv wird, allenthalben an seine Freiheit. Da sie derart darlegen will, was Vernunft ist und Vernunft eo ipso jedem Menschen anmutet, gibt sie wohl manchen Hinweis darauf, wie die Freiheit sich vernünftiger Weise entscheiden sollte; doch lehren kann sie das niemanden.

So der Fichte der transzendentalphilosophischen Zeit. Er hat im Verlauf des Atheismus-streits mit der Transzendentalphilophie gebrochen und schließlich sogar eine Anweisung zum seligen Leben verfasst. Doch das gehört nicht mehr zu meinem Thema.
JE , 6. 3. 20




Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog

Donnerstag, 8. Februar 2024

Katastrophe.

 

Wie Sie sehen, ist das rechte Seitenband verlorengegangen - mit der ganzen Navigation. Ich versuche, es wieder herzustellen, aber meine bisherigen Erfahrungen mit Microsoft sind nicht ermutigend. Einstweilen kann ich Sie nur um Nachsicht bitten.

JE

Der Dogmatismus schlich sich hintenrum wieder ein.

  
Den Begriff vom intellektuellen Gefühl hat Fichte ersonnen, als er den 'Glauben an eine moralische Weltordnung' als unmittelbar gegeben glaubhaft machen wollte. -
 

Forberg hatte den Glauben an Gott als einen nützlichen Trick dargestellt, um im breiten Publikum, das für philosophische Spekulation keinen Sinn hat, Moralität zu propagieren. Hans Vaihinger hat ihn dafür gelobt und den inkriminierten Aufsatz in seinem Magnum opus in extenso abgedruckt. Und hat Fichte, der 'so weit nicht gehen wollte', darum kritisiert.

Aber ganz hatte er Fichte nicht verstanden. Dem war eine exoterische Wahrheit für die Misera plebs, der man die esoterische Wahrheit ("noch") nicht zumuten konnte, zuwider, denn aus der Misera plebs kam er selber.


In der Bestimmung des Menschen kehrt er wieder zu seiner anfänglichen Argumentation aus Der Grund unseres Glaubens zurück: Etwas wollen heiße notwendig, sich Etwas als in - irgendeiner unbestimmten - Zukunft als verwirklicht vorstellen. 

"Von der Sinnenwelt gibt es sonach keinen möglichen Weg, um zur Annahme einer moralischen Weltordnung aufzusteigen; wenn man nur die Sinnenwelt rein denkt, und nicht etwa, wie dies durch jene Philosophen geschah, eine moralische Ordnung derselben unvermerkt schon voraussetzt.

Durch unseren Begriff einer übersinnlichen Welt sonach müßte jener Glaube begründet werden.

Es gibt einen solchen Begriff. Ich finde mich frei von allem Einflusse der Sinnenwelt, absolut tätig in mir selbst, und durch mich selbst; sonach, als eine über alles Sinnliche erhabene Macht. Diese Freiheit ist aber nicht unbestimmt; sie hat ihren Zweck: nur erhält sie denselben nicht von außen her, sondern setzt ihn sich durch sich selbst. Ich selbst und mein notwendiger Zweck sind das Übersinnliche." (S. 181)


"Ich kann nicht zweifeln, sage ich, kann auch nicht einmal die Möglichkeit, daß es nicht so sei, daß jene innere Stimme täusche, daß sie erst anderwärtsher autorisiert werden müsse, mir denken; ich kann sonach hierüber nicht weiter vernünfteln, deuteln und erklären. Jener Ausdruck ist das absolut Positive und Kategorische. Ich kann nicht weiter, wenn ich nicht mein Inneres zerstören will; ich kann nur darum nicht weiter, weil ich weiter gehen nicht wollen kann. Hier liegt dasjenige, was dem sonst ungezähmten Fluge des Räsonnements seine Grenze setzt, was den Geist bindet, weil es das Herz bindet; hier ist der Punkt, der Denken und Wollen in Eins vereinigt, und Harmonie in mein Wesen bringt. 

Ich könnte an und für sich wohl weiter, wenn ich mich in Widerspruch mit mir selbst versetzen wollte; denn es gibt für das Räsonnement keine immanente Grenze in ihm selbst, es geht frei hinaus ins Unendliche, und muß es können; denn ich bin frei in allen meinen Äußerungen, und nur ich selbst kann mir eine Grenze setzen durch den Willen. Die Überzeugung von unserer moralischen Bestimmung geht sonach selbst schon aus moralischeer Stimmung hervor, und ist Glaube; und man sagt insofern ganz richtig: das Element aller Gewißheit ist Glaube. – So muß es sein; denn die Moralität, so gewiß sie das ist, kann schlechterdings nur durch sich selbst, keineswegs etwa durch einen logischen Denkzwang konstruiert werden." (S. 182)

"Denn es gibt keinen festen Standpunkt, als den angezeigten, nicht durch die Logik, – sondern durch die moralische Stimmung begründeten; und wenn unser Räsonnement bis zu diesem entweder nicht fortgeht, oder über ihn hinausgeht, so ist es ein grenzenloser / Ozean, in welchem jede Woge durch eine andere fortgetrieben wird." (S. 182f.)

"Indem ich jenen mir durch mein eigenes Wesen gesetzten Zweck ergreife, und ihn zu dem meines wirklichen Handelns mache, setze ich zugleich die Ausführung desselben durch wirkliches Handeln als möglich. Beide Sätze sind identisch; denn ich setze mir etwas als Zweck vor heißt: ich setze es in irgend einer zukünftigen Zeit als wirklich; in der Wirklichkeit aber wird die Möglichkeit notwendig mit gesetzt. Ich muß sonach auch das zweite, seine Ausführbarkeit annehmen: ja es ist hier nicht eigentlich ein erstes und ein zweites, sondern es ist absolut Eins; beides sind in der Tat nicht zwei Akte, sondern ein und ebenderselbe unteilbare Akt des Gemüts." (S. 183)

"Jene Annahme ist unter Voraussetzung des Entschlusses, dem Gesetze in seinem Innern zu gehorchen, schlechthin notwendig; sie ist unmittelbar in diese Entschlusse enthalten, sie ist selbst dieser Entschluß." (ebd.) 

"Ich muß schlechthin den Zweck der Moralität mir vorsetzen, seine Ausführung ist möglich, sie ist durch mich möglich, heißt, zufolge der bloßen Analyse: jede der Handlungen, die ich vollbringen soll, und meine Zustände, die jene Handlungen bedingen, verhalten sich, wie Mittel zu dem mir vorgesetzten Zwecke."  (S. 184)

"Der Zwang, mit welchem der Glaube an die Realität derselben sich uns aufdringt, ist ein moralischer Zwang; der einzige, welcher für das freie Wesen möglich ist." (S. 185)

"Unsere Welt ist das versinnlichte Materiale unserer Pflicht; dies ist das eigentlich Reelle in den Dingen, der wahre Grundstoff aller Erscheinung. Der Zwang, mit welchem der Glaube an die Realität derselben sich uns aufdringt, ist ein moralischer Zwang; der einzige, welcher für das freie Wesen möglich ist." (S. 185)

"Der wahre Atheismus, der eigentliche Unglaube und Gottlosigkeit besteht darin, daß man über die Folgen seiner Handlung klügelt, der Stimme seines Gewissens nicht eher gehorchen will, bis man den guten Erfolg vorherzusehen glaubt, so seinen eigenen Rat über den Rat Gottes erhebt, und sich selbst zum Gotte macht." (S. 185) 

"Der eben abgeleitete Glaube ist aber auch der Glaube ganz und vollständig. Jene lebendige und wirkende moralische Ordnung ist selbst Gott; wir bedürfen keines anderen Gottes, und können keinen anderen fassen." (S. 186)

"Es ist gar nicht zwei/felhaft, sondern das Gewisseste, was es gibt, ja der Grund aller anderen Gewißheiten, das einzig absolut gültige Objektive, daß es eine moralische Weltordnung gibt, daß jedem vernünftigen Individuum seine bestimmte Stelle in dieser Ordnung angewiesen, und auf seine Arbeit gerechnet ist; daß jedes seiner Schicksale, inwiefern es nicht etwa durch sein eigenes Betragen verursacht ist, Resultat ist von diesem Plane; daß ohne ihn kein Haar fällt von einem Haupte, und in seiner Wirkungssphäre kein Sperling vom Dache; daß jede wahrhaft gute Handlung gelingt, jede böse sicher mißlingt, und daß denen, die nur das Gute recht lieben, alle Dinge zum Besten dienen müssen." (S. 187f.) 

Es ist eine erklügelte, ersonnene, er-vernünftelte, erfundene Gewissheit, an der nichts unmittelbar und alles künstlich ist. Sie ist nicht überwältigend, man kommt mit Verstandesgründen ohne weiteres dagegen an. Dass Jacobi nicht bereit war, darin überhaupt ein Glauben zu erkennen, ist ihm nicht zu verdenken. Aus einem 'intellektuellen Gefühl' indes auf etwas wirklich Seiendes zu schließen, war Fichte auch nicht möglich, und so kehrte er zur Konstruktion einer moralischen Weltordnung als der Wurzel der Vernunft zurück - und unter Jacobis Fittich. Freilich zum Preis einer noch gewaltsameren Künstelei.
4. 5. 14 
 
 

 

Mittwoch, 7. Februar 2024

Gibt es denn Wahrheit?

Sais                                                                                             aus Philosophierungen

Ich meine nicht, dass "es" Wahrheit "gibt". Wer oder was könnte mit "es" gemeint sein? Und was sollte "geben" hier bedeuten?* Dennoch haben alle Sätze, die ich sagen kann, nur dann einen Sinn, wenn ich unterstelle, daß sie wahr sind. Das ist offenbar ein Paradox. Das läßt sich nur... nein, nicht ausräumen, sondern lediglich: vor mir her schieben, indem ich sage, dass es Wahrheit geben soll. 

Natürlich kann ich aber "den Dingen" nicht vorschreiben, wie oder was sie 'sollen'! Der Satz 'Wahrheit soll sein, weil anders meine Sätze keinen Sinn haben' lässt sich anders for-mulieren: 'Du sollst reden, als ob es Wahrheit gäbe'. Das ist keine theoretische Tatsachen-behauptung, sondern eine praktische (pragmatische) Fiktion. 

Ob ich diese Fiktion logisch, ethisch oder ästhetisch nenne, ist an diesem fortgeschritte-nen Punkt schon gleichgültig. Es gibt allerdings (denkpraktische) Gründe, sie als eine ästhetische Fiktion aufzufassen.
aus e. online-Forum, 29. 9. 07

*) Auf Englisch heißt es there is: Da ist.
Auf Französisch il y a: Da hat es.
Auf Spanisch hay: (Es) hat.
Italienisch: c'è: Da ist 


Nachtrag. - Realgeschichtlich wird man die Herkunft der Wahrheitsidee ebenfalls kommu-nikationslogisch auffassen müssen: Nicht darauf, ob 'die Sache selbst' stimmt. sondern darauf, dass der eine sich darauf verlassen kann, dass der andere dasselbe meint wie er. Festzuhalten ist: Lebenspraktisch läuft eins auf das andre hinaus, da ist eins so gut wie das andere. Denn dass auch der andere so gut irren kann wie ich, bleibt davon unbenommen.

 

 

Dienstag, 6. Februar 2024

Wie kann ich wahr sprechen?

Thomas Salzer                                                                   aus Philosophierungen

Meine  Wendeltreppe begann und endete mit der Frage: Was ist Wahrheit? Darüber kam es zu folgendem Schriftwechsel:

Es spricht m.E. vieles dafür, dass 'Die Wahrheit' ein 'Glaubensthema' ist. Denn 'Die Wahrheit' hielt erst Einzug in die Philosophie, als das griechische alitheia nicht mehr im Bedeutungsbereich 'Wahrhaftigkeit', 'Redlichkeit', 'Aufrichtigkeit' angesiedelt sein durfte, sondern unter den Übersetzungsbemühungen Friedrich Schleiermachers in den Rang 'absoluter Wahrheit' gehoben wurde. Der pietistische Schleiermacher übersetzt an fast jeder Stelle, wo Platon alitheia schrieb - ob nun bewusst und absichtlich oder einfach aus frommer Gewohnheit 'wortgläubigen' Bibellesens - 'Wahrheit', auch dann, wenn es sich um ganz alltägliche Wendungen wie 'Das ist so' oder "Ist das tatsächlich so gewesen?' oder 'Ich versichere, das ist wirklich so.' u.ä. handelt. Das Eigenschaftswort alithis bedeutet eigentlich 'unverhohlen, aufrichtig'. Homer - die älteste überlieferte schriftliche Quelle des Altgriechischen - hat alitheia stets in der Formel "die Wahrheit sagen" verwendet. Tuci-dines hat alitheia in der Bedeutung von Wahrhaftigkeit, Wahrheitsliebe, Aufrichtigkeit, Unverstecktheit, als Charaktereigenschaft eines aufrichtigen Mannes verwendet. Allge-mein meint alitheia  'Wirklichkeit', 'wirkliches Vorhandensein', 'Realität', 'Naturgemäßheit', 'wirklicher Hergang'.

'Wahrheit' bezeichnet damit etwas Konkretes, etwas, was beobachtbar ist, aber vom Be-obachter 'verfälscht' werden kann. In der griechischen Wendung "etwas aus dem rechten Gesichtspunkt betrachten"  wird 'rechter Gesichtspunkt' mit dem Wort alitheia bezeichnet und sollte vielleicht besser mit 'redlichem Gesichtspunkt' übersetzt werden. Das in dieser Redewendung verwendete skopeithai - Grundwort der so verpönten 'Skepsis' - weist zu-dem auf gründliches Beobachten hin. Etwas aus dem rechten Gesichtspunkt betrachten könnte demnach eher heißen: 'Etwas mit wachen Sinnen vorurteilsfrei und redlich beob-achten', das ist der rechte Gesichtspunkt. Zu mehr - so waren sich die alten Philosophen einig - ist der Mensch nicht fähig.

Die einzigen Leute wohl, die zu Zeiten der alten Griechen 'Wahrheit' im Sinne einer 'ab-soluten Wahrheit' gebraucht haben dürften, waren vielleicht ägyptische Priester, deren Oberpriester eine Art 'Schmuck' mit sich führten, zum Zeichen der Wahrheit und Gerech-tigkeit, der in der griechischen Sprache mit alitheia bezeichnet wurde. Gerade mit letzte-rem könnte vielleicht deutlich werden, dass die Griechen wohl wussten, dass 'Die Wahr-heit' als religiöses Machtzeichen aufzufassen war. Ihre eigenen Priester haben vergleich-bares nie getragen, weil die Griechen nie einen die 'Wahrheit besitzenden Priesterstand' hatten, der über sie herrschte und ihnen - im Unterschied zu den Persern und Ägyptern - vorschrieb, wie und was sie über die Götter zu glauben und zu denken hatten. Denn die Götter waren - wenn auch mächtig - so doch gleichwohl unberechenbar und veränderlich wie die Menschen selbst.

Wohl stand auf 'Asebie', d.h. die Leugnung der Götter Todesstrafe oder zumindest Ver-bannung in Athen, aber darüber hinaus durfte geglaubt werden, was immer man wollte, solange es der Gemeinschaft nicht abträglich war. Hier hatten die Griechen eine Gelas-senheit, die das westliche Abendland im Zuge der 'dogmatisierten christlichen Wahrheit' nicht mehr kannte. Diese Gelassenheit könnte Folge einer allgemein griechischen Selbst-erkenntnis sein, die im als homo-mensura-Satz 'verteufelten' Ausspruch des Protagoras seinen Ausdruck findet: "Der Mensch ist das Maß aller Dinge!" dessen Fortsetzung in der Regel unterschlagen wird und damit einer Interpretation Vorschub leistet, die der Redlich-keit und Wahrheitsliebe der Traditoren Hohn spricht. Denn der Satz geht weiter: "Für mich sind die Dinge so, wie sie mir erscheinen und für dich so, wie sie dir erscheinen." Damit wird nichts weiter beschrieben, als dass jeder Mensch seine eigene Sichtweise auf die Dinge hat. Eine Beobachtung, die nicht nur jeder Richter heutzutage, sondern auch jeder Mensch selbst machen kann. Mit dem Wort 'Dinge' ist das griechische Wort chre-mata gemeint, was eigentlich die Eigenschaften der Dinge meint, also das, wie etwas ist. Und wer wollte bestreiten, dass sich die Menschen untereinander ständig darüber uneins sind, wie etwas ist? Wie es kommt, dass die banale Einsicht des Protagoras in die Be-schränktheit individueller Sichtweisen in den Rang eines 'verwerflichen Relativismus' ge-riet, möchte ich hier nicht im Einzelnen erörtern. Wohl aber den Gedanken zur Diskus-sion stellen, dass nur derjenige die banale Tatsache individueller Sichtweisen als verwerf-lichen Relativismus auffassen 'muss', für den 'die Wahrheit' eine 'absolute Denkfigur' ist, wie sie vergleichbar der Stuhl Petri in Rom machtvoll lehrend täglich in die Welt hinaus-posaunt.

Philosophieren geht aber vom Menschen aus und nicht von einer 'absoluten Wahrheit'. Schon Platon lässt seinen Sokrates in verschiedenen Situationen da von 'Glauben' reden, wo Wahres nicht mehr zu beobachten ist, wo konkret erlebbare Wirklichkeit verlassen wird, zugunsten einer noetischen 'Erkenntnis', was später dann mit Metaphysik bezeichnet wird.

Der Mensch möchte Wahres finden, denn er muss um handeln zu können, urteilen. Die-ses Wahre ist aber etwas vergängliches, etwas relatives. Jeder erlebt es täglich an sich selbst, das, was er gestern für wahr hielt, heute schon nicht mehr wahr ist, bzw. keine Gültigkeit mehr hat. Diese Veränderlichkeit können auch keine Vernunftgründe aus dem Weg räu-men, denn 'Vernunft' ist eine gleichfalls metaphysische Denkfigur, die sich im westlichen Abendland zu einem ebenso starren Gebilde verfestigt hat, wie die Wahrheit. Sie wird be-nutzt, um mit Erklärungen da zu herrschen, wo wir dem Konkreten - so wie es m.E. auch schon die Griechen taten - verpflichtet sind.  Wir sollten uns von beiden Denkfiguren, so-wohl der 'Vernunft', als auch der 'Wahrheit' verabschieden. Nicht Vernunfturteile sollten weitere Vernunfturteile begründen, sondern das Hinsehen auf das Konkrete sollte jedem Urteil vorausgehen. So wird jedes Urteil zum ersten Urteil und wir brauchen uns nicht zu zerstreiten über das, was angeblich die Vernunft 'weiß'.
Monika Wirthgen 


Die Etymologie führt weniger weit, als man denkt. Wenn ich dir nun entgegnete: a-letheia kommt von a-lethés, und dieses wiederum von lethés = verborgen, vergessen? Dann ist aletheia allerdings, wie du sagst, die Unverhohlenheit, sofern von einem redenden Subjekt gesprochen wird – aber die Unverborgenheit, die Entborgenheit, die Entdecktheit, sofern es um eine beredete Sache geht. Und was ist "entborgen"? Eben dasjenige, was gewöhn-lich unterm sinnlichen Schein der genesis, der Erscheinung, des Werdens "verborgen" liegt. Nenn es das Wahre, nenn es meinetwegen das Eigentliche, das Wesentliche, das Sei-end-Seiende. Ontos on – das ist, wonach (undeutlich) schon Thales, deutlich (aber negie-rend) Heraklit und explizit Parmenides gefragt haben. Das wahre Sein entdecken hinterm Schein des Sinnfälligen, das nennt sich seit Platos 'Sokrates' Philosophie. Heraklit sagt: 'Dahinter' ist Nichts, das Werden und Vergehen ist das einzig Währende, 'Wahre' (=etymo-logisch nicht verwandt). Vielleicht hat er die Dynamik, die darin wirkt, als logos bezeich-net und mit dem "Feuer" verbildlicht; vielleicht etwas anderes – er ist eben der Dunkle. Gar nicht dunkel sind die Eleaten. Was sichtbar ist, ist nur Schein. Was ist, ist nur dem Gedanken zugänglich, niemals dem Augenschein. Es sieht nur so aus, als würde Achilles Zenons Schildkröte überholen; "eigentlich" überholt er sie nicht. Würde Zenon von ale-theia reden (tut er's?), dürfte man ihn guten Gewissens mit 'Wahrheit' übersetzen.

Das ist die Problemlage. Wie oft Schleiermacher Platos aletheia besser als Wahrhaftigkeit denn als Wahrheit hätte übersetzen sollen, ist demgegenüber nicht wirklich wichtig.

Wahrheit und Wissen sind Wechselbegriffe. Wissen kann man allein Wahres; alles andere muss man glauben. In 'Wahrheit' geht es im griechische Denken vom Anfang dessen, was man rückblickend Philosophie nennen darf, um den Unterschied von Meinen, doxa, und Wissen, episteme. Darum heißt der ausgezeichnete Gegenstand  der Philosophie 'das Wahre'. "Erschienen" ist es zu allererst als Frage. Dass es bis zum Ende eine solche blei-ben könnte, halten nicht nur Skeptiker, sondern auch Transzendetalphilosophen für denkbar.

Da sind wir auch gleich bei Protagoras. Dass der Mensch das Maß aller Dinge sei – 'der seienden, dass sie sind, der nicht seienden, dass sie nicht sind' (es kommt wohl auf die Überlieferung an) -, nämlich die 'a priorischen' Leistungen des absoluten alias 'transzen-dentalen' Subjekts…, das würde Dir kein Kantianer bestreiten wollen. Ist also längst nicht so unerhört, wie Du sagst.

"Der Mensch möchte Wahres finden, denn er muss, um handeln zu können, urteilen" – das ist in der Tat der springende Punkt. Handeln und urteilen ist in der Lebenswirklichkeit ein und dasselbe. Aber man muss es in seiner ganzen Radikalität, das heißt Einfachheit und Abstraktion fassen. Der Mensch muss urteilen, um handeln zu können. Warum muss er handeln? Weil er 'frei' ist. Und das war die abendländische Revolution. Der homerische Mensch war ein Spielball der Götter, ein blinder Gegenstand eines ihm unergründlichen Schicksals. Was immer er sich bei seinem Tun denken mochte – vor der nemesis war es alles gleich-gültig.

Ein (virtueller) Zeitgenosse von Heraklit und Parmenides war Aischylos. Er hat die erste 'moderne', erste abendländische Figur geschaffen, Antigone. Sie ist zwar nicht modern im Hamlet'schen Sinne, dass sie abwägte und zauderte; nein, ihr Entschluss steht von allen Anfang fest. Sie schwankt nicht in ihrer Wahl zwischen dem Alten und dem Neuen Ge-setz. Aber gewählt hat sie! Das unterscheidet sie von einer archaischen, "morgenländi-schen" Vergangenheit: dass sie gewählt hat, darauf kommt es an. Im Leben des freien Subjekts gibt es jeder Zeit mindestens zwei Möglichkeiten. Oder auch, ein Leben wird dadurch zu dem eines freien Subjekts, dass es zu jeder Zeit zwischen mindestens zwei Möglichkeiten wählt. Und wer wählt, braucht einen Grund, ohne den kann kein Urteil gelten. Wäre ich selber nur ein Ereignis dieses Moments, könnte mir ein Grund reichen, der nur eben jetzt 'gilt'. Aber ich bin Ich, weil ich weiß, dass ich eine Geschichte habe. Ich war vorhin, in bin jetzt, ich werde nachher sein. Um derselbe zu sein, brauche ich einen dauernden Grund. Ich meine: einen mich über dauernden Grund.

Und da fangen all die Probleme erst an. Wollte ich meine Ichheit ein für alle Mal mal verbürgt wissen, müsste es einen 'endgültigen' (ersten oder letzten) Grund geben. Soll er aber gelten können, müsst er seinerseits begründet sein. Ist er begründet, dann ist er nicht der letzte Grund. Und so weiter… Es müsste einen Grund geben, der gelten kann, ohne seinerseits begründet zu sein; durch bloße Anschauung, alias "Evidenz".

Der Haken ist nur, dass ich, was mir als evident vorkommt, einem andern nicht demon-strieren kann. Ich kann darüber erzählen, Bilder malen, "in Zungen reden". Kann es "zeigen". Ob ein Anderer mir glaubt, darauf habe ich wenig Einfluss.

Insofern komme ich zum Schluss zu Deinem Ausgangspunkt zurück. Aber, wie es sich für eine Wendeltreppe gehört, eine ganze Windung weiter.
JE
 
Ende 2013


Nachtrag. Dass Monika Wirthgen Wahrheit und Vernunft in einen intimen Zusammen-hang bringt, hat einen guten Grund, den ich damals übersehen habe. Allerdings beruht Vernunft auf der Frage nach dem Wahren (Schönen, Guten, Aboluten...). Jedoch auf der Frage, nicht auf der Antwort. Die einzig mögliche Antwort ist: Ob es das Wahre gibt, ist eine sinnlose Frage, weil sie eine Vorstellung - Ahnung, Idee oder so - von Wahrheit schon voraussetzt, um dann nachträglich nach ihr zu fragen.

Allenfalls darf man sagen: Man muss reden - leben, handeln -, als ob es ein Wahres gäbe: Dann gäbe es ein Wahres. Das ist ein pragmatische Bestimmung, aber die einzige, die möglich ist. Sie Tag für Tag und in jedem Augenblick neu einzuholen dann ist so gut als ob. Mehr kann man nicht haben - auch nicht, wenn es das Wahre 'wirklich gäbe'. Das wäre, im Gegenteil, sogar weniger, denn es ließe die Vorstellung zu, wenn man das Wahre erst einmal erwischt habe, könne man es in Sack und Tüten tun und habe seine Ruhe. So ein Wahres wäre aber umsonst. Ein Wahres, Absolutes, Gutes, Schönes taugt nur dann, wenn ich es zu meinem Maß nehme, und welches das ist, kann ich nur in jedem Moment neu bestimmen.


Montag, 5. Februar 2024

Woher kommen die Begriffe?

                               aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Wenn das Objekt seinen Grund lediglich im Handeln des Ich hat und durch dieses allein vollständig bestimmt ist, so kann, wenn es eine Verschiedenheit zwischen den Objekten geben sollte, diese Verschiedenheit lediglich durch verschiedenen Handelsweisen des Ich entstehen. Jedes Objekt ist dem Ich bestimmt so geworden, wie es ihm ist, weil das Ich bestimmt so handelte, wie es handelte; aber dass es so handelte, war notwendig; denn ge- rade eine solche Handlung gehört unter die Bedingungen des Selbstbewusstseins.

Indem man auf das Objekt reflektiert und die Handlungsweise, durch welche es entsteht, davon unterscheidet, wird dieses Handeln, da aus dem oben angeführten Grund das Ob-jekt nicht als durch dasselbe, sondern als ohne ein Zutun des (freien) Ich vorhanden er-scheint, zu einem bloßen Begreifen, Auffassen und Umfassen eines Gegebenen. Man nennt diese Handlungsweise, wenn sie in der beschriebenen Abstraktion vorkommt, einen Begriff.*


*) ...Dieses Wort soll hier nicht mehr und nicht weniger bedeuten, als das hier Beschrie-bene; ob nun der Leser bisher dasselbe dabei gedacht haben möge oder nicht. Ich berufe mich nicht auf einen bei ihm schon vorhandenen Begriff, sondern ich will erst einen sol-chen in seinem Geist entwickeln und bestimmen.
_____________________________________________________________________
J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts..., SW III, S.
33ff
.


Nota. - Einzig real ist Handeln. Nicht erst das Objekt ist ein Reflexionsprodukt, bei dem der ipso facto zum Bewusstsein gelangende Handelnde seine Tätigkeit im Begriff als zur Ruhe gekommen, als schon geschehen, als 'abgestorben' auffasst, sondern das Ich selbst ist es: Denn erst so kann es 'sich-selbst' von seinem Handeln als 'der Handelnde' unter-scheiden; nämlich im Begriff von sich selbst.
JE, 
14. 3. 20



Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Sonntag, 4. Februar 2024

Wie man in den Wald hineinfragt, schallt es zurück.

                                    zu Philosophierungen

Die Frage Warum? setzt eine Absicht voraus. Frage ich: 'Warum ist dieses so und nicht an-ders?' setze ich einen voraus, der dafür verantwortlich ist. 

'Einen' oder lediglich 'etwas'? Was für irgendwas verantwortlich ist, muss ich mir als mit einem Willen begabt vorstellen; also als Subjekt: als einen. 

Mit andern Worten: Überzeugungen gäbe es nicht, wenn es nicht vorher Zweifel gegeben hätte.

Fragen kann man nicht überhaupt: Man muss schon dieses oder jenes fragen. Das grenzt das Feld der möglichen Antworten ein. Wer nach der Ursache fragt, unterstellt eine sol-che.


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Samstag, 3. Februar 2024

Verkehr und das Bewusstsein.

                                                                  aus Marxiana

Jetzt erst, nachdem wir bereits vier Momente, vier Seiten der ursprünglichen, geschicht-lichen Verhältnisse betrachtet haben, finden wir, daß der Mensch auch »Bewußtsein« hat. Aber auch dies nicht von vornherein, als »reines« Bewußtsein. Der »Geist« hat von vorn-herein den Fluch an sich, mit der Materie »behaftet« zu sein, die hier in der Form von bewegten Luftschichten, Tönen, kurz der Sprache auftritt. Die Sprache ist so alt wie das Bewußtsein – die Sprache ist das praktische, auch für andre Menschen existierende, also auch für mich selbst erst existierende wirkliche Bewußtsein, und die Sprache entsteht, wie das Bewußtsein, erst aus dem Bedürfnis, der Notdurft des Verkehrs mit andern Men-schen. 

Wo ein Verhältnis existiert, da existiert es für mich, das Tier verhält sich zu Nichts und überhaupt nicht. Für das Tier existiert sein Verhältnis zu andern nicht als Verhältnis. Das / Bewußtsein ist also von vornherein schon ein gesellschaftliches Produkt und bleibt es, solange überhaupt Menschen existieren.
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Marx/Engels, Die Deutsche Ideologie, MEW 3, S. 29f.

 

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Freitag, 2. Februar 2024

Die Welt hat zwei Dimensionen.

verschränkte Photonen                                     aus Philosophierungen

Geist nennen wir den Umstand, dass wir die Dinge nicht als solche wahrnehmen, sondern immer schon in ihrer Bedeutung. Auch die Tiere leben nicht zwischen lauter Dingen, son-dern in einem Raum voller* Bedeutungen. Doch sind ihnen diese durch ihre Umwelten vorgegeben. Der Mensch hat seine geschlossene Umwelt zugunsten einer offenen Welt verlas-sen, in die er Bedeutungen erst hinein-erfinden musste. Geist ist die Kompensation dieses Verlustes.

Da wir in dieser unseren Welt - gleiche oder konkurrierende - Zwecke verfolgen, müssen wir uns verständigen. Darum haben wir unsere shared significations in einem "Symbol-netz" festgehalten. Aber in meiner eigenen Welt kenne ich Bedeutungen, die ich nicht tei-len muss. Der reelle Ursprung Unserer Welt ist Meine Welt; der logische Ursprung Meiner Welt ist Unsere Welt: soweit unsere Begriffe reichen. Darunter beginnt das Feld der Trans-zendentalphilosophie. Es ist das Reich der produktiven Einbildungskraft.

aus e. Notizbuch, 20. 5. 07


*) Im Wortsinne ist er voll von Bedeutungen, es ist keine Stelle leer! Was immer das Tier in seiner Umwelt antrifft, hat für es eine Bedeutung; denn was keine solche hat, 'begegnet' ihm vielleicht, aber das merkt es nicht.
im Dez. 14
 
 

Donnerstag, 1. Februar 2024

Der unbeteiligte Dritte.

Der unsichtbare Dritte           zu Philosophierungen

Wir können den Anfang nicht denken: Denken heißt, etwas auf seine nein, nicht Ursache, sondern: Bedingung zurückführen. Die Bedingung des Denkens ist, dass einer denken kann. Das ist kein Paradox, sondern Nonsens: Ein widerspruchsloses System ist nicht ohne Widerspruch möglich. Wir können ein Ende nicht denken, weil... wir nicht nichts denken können: nicht, dass danach 'Nichts sein' soll. Um zu denken, müssen wir etwas denken, und so weiter im Kreis. Wir können allenfalls aufs Denken verzichten (aber nicht lange).

Oha! Mindestens damit müssten wir nicht anfangen, weil wir es alleweil schon tun? Dann wäre Tätigkeit ein Zustand des Veränderns. Des Veränderns von anderem? Mag sein, aber das gehört noch nicht hierher. Sich-selber verändern, davon ist erst noch die Rede; aber das kann ein Zustand nicht sein, denn Zustand ist Dauer, und Veränderung geschieht nur, wenn etwas neu hinzukommt: Wenn etwas angefangen wird. Dann wäre Veränderung die Synthesis zweier oder mehrerer Zustände; so, wie eine Reihe eine Linie aus unendlich vielen Punkten ist.

Reine Wortspielerei? Wenn ich es logisch auffasse, nämlich statisch. Wenn Sein als ein Bleibendes auffasse, nämlich als Begriff. Nicht aber, wenn ich anschaue, was wirklich ist. Wenn ich im Raum auch die Zeit anschaue: Dann ist das Werden ein veränderlicher Zu-stand - nicht ein Treten von einem Fuß auf den andern, sondern als fort-Schritt. Wenn ich es dynamisch auffasse - nicht begreife, sondern vorstelle.

Der Unterschied liegt im Hinzutreten der Reflexion, des gedachten unbeteiligten Zu-schauers. Diesen denkend bin ich allerdings aus mir selbst hinaus getreten: Ich als Be-trachter, ich als Betrachteter und wir-beide als dritter.

Wenn also Tätigkeit das Übergehen vom Unbestimmten zum Bestimmten ist, dann habe ich durch das Bestimmen die Unbestimmtheit überhaupt erst gesetzt.

Sie wollten schon immer wissen, was Dialektik ist?  Das ist sie.


Natur- und Kunstprodukt.

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