nach stylen zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
So ist die Vernunft selbst bestimmend ihre Tätigkeit; aber eine Tätigkeit bestimmen, oder praktisch sein, ist ganz dasselbe. - In einem gewissen Sinne ist es von jeher der Vernunft zugestanden worden, dass sie praktisch sei; in dem Sinne, dass sie die Mittel für
irgend einen außer ihr, etwa durch unser Naturbedürfnis oder unsere
freie Willkür, gegebenen Zweck finden müsse. In dieser Bedeutung heißt
sie technisch-praktisch. Von uns wird behauptet, dass die Vernunft schlechthin aus sich selbst und durch sich selbst einen Zweck aufstelle; und insofern ist sie schlechthin praktisch. Die praktische Dignität der Vernunft ist ihre Ab-solutheit selbst; / ihre Unbestimmtheit durch irgend etwas außer ihr und vollkommene Be-stimmung durch sich selbst.
Wer diese Absolutheit nicht
anerkennt - man kann sie nur in sich selbst durch Anschauung finden -,
sondern die Vernunft für ein bloßes Räsonnier-Verfahren hält, welchem
erst Ob-jekte von außen gegeben werden müssten, ehe es sich in
Tätigkeit versetzen könne, dem wird es immer unbegreiflich bleiben, wie
sie schlechthin praktisch sein könnte, und er wird nie ablassen zu
glauben, dass die Bedingungen der Ausführbarkeit des Gesetzes vorher
er-kannt sein müssten, ehe das Gesetz angenommen werden könne.
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J. G. Fichte, System der Sittenlehre..., SW Bd. IV, S. 57f.
Nota. - Fichtes dogmatische Wendung beruhte nicht auf einem (theoretischen) Grund, son-dern auf einem (praktischen) Motiv. Daran hatte Jacobi appelliert, nachdem er ihm seine philosophischen Gründe konzediert hatte. Den fruchtbaren Boden fand er in Fichtes ambi-valenter Vorstellung von der Vernunft
- in der ihrerseits zwei widerstreitende praktische Motive wirksam
waren: hier das ewig nur sich selbst verantwortliche Ich, da die
Unbedingt-heit der sittlichen Pflicht.
Und es war anzunehmen, dass sich die Schwierigkeit, diese beiden miteinander zu vereinen, in der Sittenlehre spezifizieren müsste. Das Sittengesetz selber gebietet immer nur konkret:
hic et nunc und unmittelbar. Allgemeinplätze alias Gesetze sind ihm
völlig fremd, woher hätten sie ihm kommen sollen? - Aber ein Maß soll es ja wohl haben. Hinter ihm kann es keines geben. Also muss es vor ihm liegen. Ein Begriff kann es nicht sein, denn das wäre ein Abstraktum. Es soll aber anschaulich sein, anders wäre es nicht unmittelbar.
Die Lösung liegt "anschaulich"auf der Hand: Das Maß ist nicht logisch, sondern ästhetisch. Wenn das, was ich hier und jetzt tun soll, schlechterdings geschehen
soll, dann unterliegt es keinem Anderen, Höheren. Es hat keinen Zweck,
es ist sich selber Zweck genug; und so ist nur das Ästhetische.
Das aber war Fichte (noch) nicht genug, als er eine Sittenlehre
schrieb (denn dann hätte er sie abgebrochen). Ich meine, früher oder
später wäre ihm nichts anderes übriggeblieben - wäre nicht der Atheismusstreit dazwischengekommen. Da er einen Schöpfergott verwor-fen hatte, konnte er sich der
Versuchung des Atheismus nur erwehren, wenn er wenigstens eine göttliche Weltregierung oder doch immerhein den vernünftigen Glauben daran postulierte.
Und da zeitigte nun die Sittenlehre einen bizarren Einfall.
Das Gewissen allein hat ihm als Garant eines sittlichen Lebens dann
doch nicht gereicht, er muss ein schwereres Kaliber auffahren. Erst
werden die gedachten - nicht die realisierten - Folgen der unendlichen
Reihe aller je einzeln gebotenen pflichtgemäßen Taten hochgerechnet
zu einem idealen Zustand vollendeter Sittlichkeit. Dann wird die
kontingente Summe gesetzt als einiger realer Zweck aller wirklichen
sittlichen Handlungen, und schließlich wieder heruntergerechnet auf die
einzelnen Handlungen als deren keinem Ich je bekannte Einzelzwecke. Aus
einer idealen Reihe wird ein reale, und die Vernunft, die real nur
bestand als die vereinigte Vernünftigkeit einer Reihe vernünftiger
Wesen, wird plötzlich, indem sie einen identischen Zweck erhält, zu
einem eigenen Subjekt, die ihren Zweck so verfolgt, als habe sie ihn
immer verfolgt - be-vor es die Reihe vernünftiger Wesen überhaupt gab.
'Aus unbewusst wird bewusst', könnte ein Spötter sagen; Hokuspokus, sagt
der gesunde Menschenverstand.
Es ist nicht anzunehmen, dass ein
scharfer Denker wie F. sich einen solchen Taschenspie-lertrick hätte
durchgehen lassen, wenn die Motive nicht so unvergleichlich stärker
gewesen wären als die Gründe. Die Sittenlehre war schon im Handel, als Friedrich Carl Forberg ihm seinen berüchtigten Aufsatz für das Philosophische Journal zukommen
ließ, in dem er, von Hans Vaihinger später hochgelobt, die Religion als
eine nützliche Veranstaltung zwecks Moralisierung der ungebildeten
Masse darstellte. Als eine Art Disclaimer stellte ihm Fichte seinen Aufsatz Über den Grund unseres Glaubens an eine göttliche Weltregierung
zur Seite, wo er die Notwendigkeit nicht eines Glaubens an einen
persönlichen Gott, sondern eben: des Glaubens an eine göttliche
Weltregierung darlegt; aber wohlbemerkt nicht: deren Reali-tät.
War das atheistisch? Ein frommer
Mann würde sagen, ja. Ein Atheist würde sagen, nicht wirklich. Auf jeden
Fall zwang der Atheismusstreit Fichte, sich endlich für eine seiner
bei-den Lesarten der Vernunft zu entscheiden. Er wählte, um nicht als
Atheist dazustehen, die dogmatische.
JE, 20. 2. 15
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