zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
So gewinnt Fichtes Satz, die Wissenschaftslehre sei die pragmatische Geschichte des menschlichen Geistes, einen fassbaren Sinn: Die Wissenschaftslehre beschreibt den Weg, den die Intelligenz nehmen musste, um zur Vernunft zu kommen.
Als 'pragmatisch' wurde bis ins neunzehnte Jahrhundert eine Geschichtsschreibung ver-standen, die nicht einfach erzählen
wollte, "wie es gewesen ist", mit all den Zufällen, Peri-petien und
anekdotischen Seitenwegen; sondern aus den dummen Fakten eine Entwick-lung auf einen erwünschten Zweck hin destillieren
will; in der Regel, um die Geschichte eines Volks, einer Nation, eines
Staates als den unaufhaltsamen Aufstieg der gerade regie-renden Dynastie
darzustellen: nicht nur, dass es so war, sondern dass es so kommen musste, und dass es gut so war; Geschichtsschreibung als vulgäre Apologetik.
Diesen Spieß dreht Fichte um. Die Geschichte der Intelligenz ist keine Privatangelegenheit, sondern die Ausbildung einer Reihe vernünftiger Wesen. Eine solche wird nun nicht postu-liert, sondern als vorgefunden berichtet: Zu Fichtes Lebzeiten gibt es 'Vernunft'. Die ratio-nalistischen Metaphysiken mit ihrer dogmatischen Fetischisierung der Begriffe war soeben von der Kant'schen Kritik überwunden worden. War das autonome Subjekt der Aufklärung erst noch Projekt gewesen, nimmt es mit der (französischen) Revolution und ihrem Wider-hall, der (deutschen) Romantik, historische Gestalt an.
Die Wissenschaftslehre rekonstruiert das Schema, das die Intelligenz (die menschliche, von einer andern wissen wir nichts) historisch entwickelt hat und genetisch entwickeln musste, um vernünftig zu werden.
JE, 9. 1. 17
Nota - Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE
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