zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
5.) Was ist das nun für eine Bewusstsein, das mit dem Triebe ver/knüpft
werden soll? Mit dem Bewusstsein, das wir bisher kennen, mit der
Anschauung verhält es sich so: Wir er-blicken in ihr Reales und Ideales
getrennt; das erstere hat sein vom Idealen unabhängiges Sein, das letzte
sieht nur zu. Bei dem Bewusstsein, von dem wir hier reden, kann dies
der Fall nicht sein, es gibt hier kein reales Sein, es wird nicht
gehandelt, sonach müsste hier Ideales und Reales zusammenfallen; das
Ideale wäre hier sein eigner Gegenstand, kein unmittelbares
Bewusstsein, und dieses* ist ein Gefühl. Man fühlt kein Objekt, das
Objekt wird angeschaut.
Jedes
Objekt, sogar ein Handeln, soll etwas sein, ohne dass ich mir desselben
bewusst würde. Der transzendentale Philosoph erinnert freilich, dass
etwas ohne Bewusstsein nicht sein könne, aber der gemeine Menschenverstand sieht dies nicht so an. Man unterscheidet Handeln und Bewusstsein.
Ein Gefühl ist aber gar nicht, ohne dass gefühlt werde, die Re-flexion
ist mit dem Gefühl notwendig und unzertrennlich verbunden. Das Gefühl
ist ein bloßes Setzen der Bestimmtheit des Ich.
Wir haben nun ein mittelbares Bewusstsein eines unmittelbar Materialen, welches wir be-durften. Oben suchten wir das formale [Bewusstsein],
wir kamen auf ein Subjekt-Objekt, auf ein sich-selbst-Setzen. In diesem
Gefühle, wie sich weiter unten zeigen wird, kommen Ich und NichtIch
zusammen vor, und zwar nicht lediglich zufolge der Selbstbestimmung,
son-dern in einem Gefühle.
Im
Gefühle ist Tätigkeit und und Leiden vereinigt; in wiefern das erste
vorkommt, hat es Beziehung auf das Ich; in wiefern aber das zweite
vorkommt, auf ein NichtIch, aber im Ich wird es gefunden, das Gefühl ist
faktisch das erste Ursprüngliche. -
Man
sieht hier schon, wie alles im Ich vorkommen kann und dass man nicht
aus dem Ich herauszugehen braucht. Man brauche nur eine Mannigfaltigkeit
von Gefühlen anzunehmen, und es würde sich leicht zeigen lassen, wie
man die Vorstellungen von der Welt davon ablei-ten könnte.
*) [=das unmittelbare Bewusstsein]
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J. G. Fichte,Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 67f.
Nota. - Zwar erscheint dem Transzendentalphilosophen das reale Objekt nur vermittelt: als Widerstand gegen die Tätigkeit des Ich; aber überhaupt erst so erscheint
es dem Ich selber: "Man fühlt kein Objekt, das Objekt wird angeschaut."
Das Unmittelbare für das Ich ist ein mehrfach Vermitteltes für den
('objektiven') Betrachter: die Anschauung einer Anschauung; der
Widerstand ist mit der idealen Tätigkeit synthetisch vereinigt, und es
ist diese Synthesis, die wiederum zum Objekt idealer Tätigkeit wird:
Hier sind "Tätigkeit und Leiden vereinigt", "und dieses ist ein Gefühl". Was
vorher ein Ideales war, wird hier zum Realen, Ich und NichtIch "kommen
zusammen vor", das Ideale wird sich selbst zum Gegenstand.
Das erweist sich beim näheren Hinsehen alles als weniger schwierig, als es zunächst scheint. Wirklich verwir- rend ist aber dies: als Gefühl tritt dieses mehrfach Vermittelte in intime Nachbarschaft zu 'Rot, Blau, Süß und Sauer'. Das war es, was uns bislang als "mittelbares Bewusstsein eines unmittelbar Materialen" vorgestellt wurde: als die Grenze des Ich. Hier aber ist es eine ideale Tätigkeit, wie sie von der idealen Tätigkeit angeschaut wird.
An dieser Stelle muss ich mich wohl erinnern, dass in den Rückerinnerungen...* - aber sonst nirgends - von einem intellektuellen Gefühl die Rede war: "Es ist das unmittelbare Gefühl der Gewissheit und Notwendigkeit eines Denkens". Nur ein Denken, das von diesem Ge-fühl begleitet ist, kommt uns wahr vor.
Insofern erscheint es allerdings als das 'faktisch erste
Ursprüngliche', nämlich uns selbst. Aus der Sicht der
Transzendentalphilosophie erscheint es aber als eine höchst verzwickte
Angelegenheit. - Merkwürdig bleibt, dass F. seinen Sprach-gebrauch an
dieser Stelle nicht erläutert.
*) Die Rückerinnerungen stammen aus derselben Zeit wie dieWL nova methodo. 31. 8. 16
- Zu diesem Zeitpunkt hatte ich die WL nova methodo noch nicht gründlich studiert - da kommt das intellektuelle Gefühl sehr ausdrücklich vor!
JE
Nota - Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE
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