J. F. Millet, Les bûcherons zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
3) Die Handlung, da man im Verglichenen das Merkmal aufsucht, worin sie entgegenge-setzt sind, heisst das antithetische Verfahren; gewöhnlich das analytische,
welcher Ausdruck aber weniger bequem ist, theils weil er die Meinung
übrig lässt, dass man etwa aus einem Begriffe etwas entwickeln könne,
was man nicht erst durch eine Synthesis hineingelegt, theils weil durch
die erste Benennung deutlicher bezeichnet / wird, dass dieses Verfahren das Gegentheil vom synthetischen sey. Das synthetische Verfahren nemlich besteht darin, dass man im Entgegengesetzten dasjenige Merkmal aufsuche, worin sie gleich
sind. Der blossen logischen Form nach, welche von allem Inhalte der
Erkenntniss, sowie von der Art, wie man dazu komme, völlig abstrahirt,
heissen auf die erstere Art hervorgebrachte Urthei-le, antithetische oder
verneinende, auf die letztere Art hervorgebrachte synthetische oder
bejahende Urtheile
4) Sind die logischen Regeln, unter denen alle Antithesis und
Synthesis steht, von dem dritten Grundsatze der Wissenschaftslehre
abgeleitet, so ist überhaupt die Befugniss aller Antithesis und
Synthesis von ihm abgeleitet. Aber wir haben in der Darstellung jenes
Grundsatzes gesehen, dass die ursprüngliche Handlung, die er ausdrückt,
die des Verbin-dens Entgegengesetzter in einem Dritten, nicht möglich war
ohne die Handlung des Ent-gegensetzens; und dass diese gleichfalls nicht
möglich war, ohne die Handlung des Verbin-dens: dass also beide in der
That unzertrennlich verbunden und nur in der Reflexion zu unterscheiden
sind. Hieraus folgt; dass die logischen Handlungen, die auf jene
ursprüng-lichen sich gründen, und eigentlich nur besondere, nähere
Bestimmungen derselben sind, gleichfalls nicht, eine ohne die andere,
möglich seyn werden.
Keine Antithesis ist möglich ohne eine Synthesis;
denn die Antithesis besteht ja darin, dass in Gleichen das
entgegengesetzte Merkmal aufgesucht wird; aber die Gleichen wären nicht
gleich, wenn sie nicht erst durch eine synthetische Handlung
gleichgesetzt wären. In der blossen Antithesis wird davon abstrahirt,
dass sie erst durch eine solche Handlung gleichge-setzt werden: sie
werden schlechthin als gleich, ununtersucht woher, angenommen; bloss auf
das entgegengesetzte in ihnen wird die Reflexion gerichtet, und dieses
dadurch zum deutlichen und klaren Bewusstseyn erhoben. –
So ist auch
umgekehrt keine Synthesis möglich ohne eine Antithesis. Entgegengesetzte
sol-len vereiniget werden: sie wären aber nicht entgegengesetzt, wenn
sie es nicht durch eine Handlung des /
Ich wären, von welcher in der Synthesis abstrahirt wird, um bloss den
Beziehungsgrund durch Reflexion zum Bewusstseyn zu erheben. – Es giebt
demnach überhaupt dem Gehalte nach gar keine bloss analytischen
Urtheile; und man kömmt bloss durch sie nicht nur nicht weit, wie Kant
sagt, sondern man kömmt gar nicht von der Stelle.
______________________________________________________________
J. G. Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW Bd. I, S. 112ff.
Nota. - Das ist also die Stelle, an der erstmals der moderne, nach-Hegelsche Gedanke der Dialektik ausgesprochen wurde. Allerdings nicht das Wort, mit dem später so viel Augenwi-scherei getrieben wurde. Hegel dürfte das Wort von seinem Jugendfreund Schelling über-nommen haben, bei dem es nur beiläufig vorkommt. Doch bei ihm tritt der springende Punkt auf, der eine vollständige Revision der Kritischen bzw. Transzendentalphilophie war.
Beim Fichteschen Original ist 'das Absolute', nämlich das absolute Ich, nicht die reale Vor-aussetzung für den Gang der Vernunft, sondern ein Reflexionsprodukt, das dem reellen Gang des Vorstellens nachträglich vorangestellt werden muss, um ihn begründen zu kön-nen. Das ist bis heute das Skandalöse daran.
Das müsste es nicht, denn Fichte redet ausdrücklich von der Welt der Vorstellung, und nur als Vorstellung 'kommt' das absolute Ich 'vor', während Schelling schon zu der Zeit, als er als Anhänger Fichtes galt, dazu neigte, es als eine Spezifikation (Emanation sollte E. Lask es nennen) eines realen Absoluten erscheinen zu lassen. Das war aber keine Überwindung der Kritischen bzw. Transzendentalphilosophie, sondern ein Salto mortale hinter Kant zurück in den Dogmatismus. Schelling hat folglich ein Leben lang darüber geklagt, dass Hegel sein System bei ihm plagiiert hätte.
Wahr ist, dass Fichte 1800 in der Bestimmung des Menschen diesen Salto mortale selbst vollzogen hat. Aber das ist eine Geschichte für sich.
JE
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen