Samstag, 30. Mai 2026

Wozu überhaupt Transzendentalphilosophie?

                            aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Sobald nach Vollendung dieses Geschäfts der menschliche Geist in sich selbst zurückkehrt, wie er in einem seiner erhabensten Repräsentanten, Kant, zuerst mit klarem Bewusstsein und vollständig getan hat, und findet, dass alles, was er außer sich wahrzunehmen glaubt, er doch nur aus sich selbst hervorgebracht habe: so geht an die noch immer synthetisch fort-schreitende Vernunft die Aufgabe, alle diese Verrichtungen desselben gleichfalls in einem Grunde zu vereinigen, und dieseses Verfahren hat aus demselben Grunde dieselbe Realität, welche jenes hatte.

Diese letzte Aufgabe an das synthetische Vermögen, nach de
[r]en Vollendung die Mensch-heit wieder zur Analyse zurückkehrt, die von nun an eine ganz andere Bedeutung bekommt, musste gleichfalls über kurz oder lang gelöst werden; und es wäre bloß das zu wünschen, dass diejenigen, die ihre Fähigkeit nicht  bestimmt, an diesem Geschäft Anteil zu haben, von der Realität, die durch dasselbe hervorgezogen werden soll, überhaupt keine Notiz nähmen, wie es sonst immer gewesen ist; nicht aber verlangten, sie unter die besondere Art der Realität, die ihnen bekannt ist, herabzuziehen. -

Ein reines Ich und die Verrichtungen desselben vor allem Bewusstsein haben keine Realität, weil sie nicht im gemeinen Bewusstsein vorkommen, heißt dasselbe sagen, was ein ungebil-deter Wilde
[r] sagen würde, wenn er spräche: Eure Kausalität und eure Wechselwirkung ha-ben keine Realität, denn man kann sie nicht essen.
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J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 26  
 


Nota. - Transzendentalphilosophie ist eine Sache der Gelehrten und nicht des Alltagsver-stands. Auf das Alltagsleben hat sie gar keinen Einfluss, man kann sie weder essen noch trinken. Bleibt immer die Frage, wozu sie dann letzten Ende gut ist.

Denn dass der Alltagsverstand von ihr Rechenschaft erwartet, ist nicht einfach eine Unge-zogenheit. Vernunft soll sein das Verkehrsmedium der bürgerlichen Gesellschaft, von der Reihe vernünftiger Wesen ist die Rede. Das sollen nicht nur die Gelehrten sein, sondern alle, die frei handeln - und das wiederum sollen alle. Der Raum, in dem freie, d. h. vernünf-tige Iche miteinander wechselwirken, ist Öffentlichkeit. 

Eine Republica eruditorum im Elfenbeinturm, abgesondert vom Volk, waren die Gelehrten in der mittelalterlichen Ständegesellschaft (und auch da mehr in der Vorstellung als in der Realität). In der bürgerlichen Öffentlichkeit müssen sie jederzeit darauf gefasst sein, dass der Laie sich auf seine Vernunft beruft und in Dinge einmischt, von denen er nichts ver-steht; zumal, wenn die Gelehrten an seiner Revenü mitzehren.

Machen wir's kurz: Eine positive Wirkung auf das Treiben der Welt hat die Transzenden-talphilosophie nicht. 

"Ihr Hauptnutzen ist negativ und kritisch. Es mangelt in dem, was nun gewöhnlich für Le-bensweisheit gehalten wird, nicht daran, daß sie zu wenig, sondern daran, daß sie zu viel enthält. Man hat eben die erräsonierten Sätze der oben beschriebenen erschaffenden Me-taphysik hereingetragen
- und diese sollen [wieder hinaus] gesondert werden. Sie hat die Bestim-mung, die gemeine Erkenntnis von aller fremden Zutat zu reinigen.

Dies hat ihnen Kant zur Genüge gezeigt.


Mittelbar, d. h. inwiefern ihre Kenntnis mit der Kenntnis des Lebens vereinigt ist, hat sie auch einen positiven Nutzen. Für das unmittelbar praktische Pädagogische im weitesten Sinn des Worts: Sie zeigt, wie man die Menschen bilden müsse, um moralische, echtreligi-öse, legale Gesinnungen in ihnen hervorzubringen und nach und nach allgemein zu ma-chen. Für die theoretische Philosophie, Erkenntnis der Sinnenwelt, Naturwissenschaft ist sie regulativ. Sie zeigt, was man von der Natur fragen müsse.

Ihr Einfluß auf die Gesinnung des Menschengeschlechts überhaupt ist, daß sie ihnen Kraft, Mut und Selbstvertrauen beibringt, indem sie zeigt, daß sie und ihr ganzes Schicksal ledig-lich von sich selbst abhängen; indem sie den Menschen auf seine eignen Füße stellt." 

J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen in: Gesamtausgabe Bd. II/5, S. 122

Man kann nicht einmal sagen, die Transzendentalphilosophie träte der profanen Welt als eine Instanz gegenüber, und sei es eine kritische, die den Alltagsverstand väterlich gegen seine Anmaßungen in Acht nimmt; denn mit der Autorität der Wissenschaft redet sie einst-weilen nicht, in der Wissenschaft ist sie noch immer erst eine Partei, und nur als eine solche kann sie sich zu Wort melden. 


Übrigens auch außerhalb der Wissenschaft, denn das auszeichnende Merkmal der vernünf-tigen, der bürgerlichen Gesellschaft ist: Öffentlichkeit.
15. 1. 19 

Nota II. -  Was Kant den 'dialektischen Schein' nennt - dass nämlich den Begriffen dieselbe Realität zukäme wie den Dingen, auf die sie gemünzt sind -, gehört das zu den Beigaben, die eine 'erräsonierende und erschaffende Metapysik' der gemeinen Erkenntnis nachträglich zugefügt hat und die die Kritik wieder hinaussondern muss? Handelt es sich bei dem plato-nischen Begriffsrealismus nicht vielmehr um die Erbschaft des ursprünglichen Animismus, der umgekehrt den Dingen selber eine geistige Potenz angedichtet hatte? 

Das macht das Aussondern unvergleichlich mühseliger; allerdings auf Dauer auch unum-gehbar.
JE
 



Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. 

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