Der Charakter der Vernünftigkeit
besteht darin, dass der Handelnde und das Behandelte Eins sei und
ebendasselbe; und durch diese Beschreibung ist der Umkreis der Vernunft
als solcher erschöpft. -
Der Sprachgebrauch hat diesen
erhabenen Begriff für diejenigen, die desselben fähig sind, d. h.
diejenigen, die der Abstraktion von ihrem eigenen Ich fähig sind, in dem Wort Ich nie-dergelegt; darum ist die Vernunft überhaupt durch die Ichheit chrakterisiert worden. Was für ein vernünftiges Wesen da ist, ist in
ihm da; aber es ist nichts in ihm, außer infolge eines Handelns auf
sich selbst: was es anschaut, schaut es in sich selbst an; aber es ist
in ihm nichts anzuschauen, als sein Handeln: und das Ich ist nichts
anderes, als sein Handeln auf sich selbst.* /
*) Ich möchte nicht einmal sagen: ein Handelndes, um nicht die Vorstellung eines Substrats, in welchem die Kraft eingewickelt läge, zu veranlassen. - Man hat unter anderen [sic] gegen
die Wissenschaftslehre so argumentiert, als ob sie ein Ich als ohne ein
Zutun des Ich vor-handenes Substrat (ein Ding, als Ding an sich) der
Philosophie zu Grunde legte. ... / Diese
Leute können ohne Substrat einmal nichts anfangen, weil es ihnen
unmöglich ist, sich von dem Gesichtspunkte der gemeinen Erfahrung auf
den Gesichtspunkt der Philosophie zu erheben.
__________________________________________________________________
J. G. Fichte, Grundlage der Naturrechts... Einleitung, Jena & Leipzig, 1796, S. 1f.
Nota. - In den Einleitungen zum Naturrecht
und zur Sittenlehre "nach Prinzipien der Wis-senschaftslehre" gibt Fichte
programmgemäß eine Darstellung... ebendieser Prinzipien der
Wissenschaftslehre. Sie können und sollen natürlich auch nicht das
Studium der Wissen-schaftslehre ersetzen, denn was hier als Ergebnis der
Reflexion zusammengefasst ist, wird dort erst hervorgebracht. Wie gut
oder schlecht diese Arbeit gelang, wird man beurteilen müssen, indem man
sie selber mitvollzieht, und nicht danach, ob einem das Ergebnis zu-pass
kommt oder nicht.
Ein Juwel sind diese Einleitung trotzdem, nämlich als Metatext: als Anleitung, wie es zu verstehen ist, wenn
die Darstellung selbst im öffentlichen Urteil nicht so eindeutig
er-scheint, wie es dem Autor vorkam; und gelegentlich wird er verleitet,
seinen Ausdruck zu größerer Klarheit zu verdeutlichen. Die Einleitungen
mögen in der philosophische Debatte als Argument nicht gut taugen; aber
als Interpretationsanleitung sind sie Gold wert.
Dies alles vorweg, um bloß zu sagen: Damit, dass der Handelnde und das Behandelte eins sind, ist der Umkreis der Vernunft erschöpft. Nicht
ein bisschen, weitgehend, ziemlich, sondern - erschöpft. Indes ist zwar
kein Träger oder Vehikel, aber doch immerhin eine "Kraft" mit
vorausgesetzt. Aber die ist ohne alle Bestimmung, denn ihre Bestimmung
wird es ja sein, sich selber zu bestimmen.
So hat er's gesagt und so hat er's geschrieben. Dass ihm dabei jederzeit noch diese oder jene Nebenvorstellung
mit hineingespielt hat, mag ja sein; wäre aber eine Inkonsequenz, die
er hätte ausräumen sollen. Stattdessen hat er darauf dann seine Rückwendung zum Dogmatis-mus gegründet.
JE, 26. 3. 18
Sonntag, 31. Mai 2026
DAS ist Vernunft, II.
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