Freitag, 8. Mai 2026

Kritik kommt vor dem Standpunkt, den sie begründet.

                   zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Zunächst fasse ich die herkömmliche Unterteilung des Marxschen Gesamtwerks in ‘Früh-schriften’ und  Spätwerk’ als eine Scheidung in einen ‘kritischen’ und einen vorkritischen’ Teil auf.

Im  e r s t e n  Teil geht es um die Gewinnung des (‘metaphysischen’)  S t a n d p u n k t s,  der der reellen Wissenschaft zugrunde zu legen sei; es wird sich finden, daß dieser ‘Stand-punkt’ — vulgo materialistische Geschichtsauffassung” — der des ‘sich selbst setzenden Subjekts ist; eine aktualistische Fundamentalontologie als transzendentale Voraussetzung  positiver (historischer) Wissenschaft.

Im  z w e i t e n  Teil — der gesamten ‘Kritik der politischen Ökonomie’ — geht es,  a l s  Kritik, um die Durchführung der (onto)logischen Voraussetzung — nach der die (ökono-mischen) Kategorien nichts seien als Handlungsweisen des Subjekts — am empirischen Material. Diese Durchführung ist 1) Kritik einer vorliegenden historischen Wissenschaft, der klassischen Nationalökonomie;  2) positive Darstellung des empirischen Stoffs selbst: des Gesamtprozesses der kapitalistischen Form der gesellschaftlichen Reproduktion nach dem Prinzip des vorangestellten Standpunkts;  3) durch die Darstellung des Stoffs,  Dar-stellung des ‘Standpunkts’ selbst: Reflexion über den ‘Standpunkt’ als Reflexion auf das tatsächlich angewendete/anzuwendende Verfahren, und insofern auf dessen Vorausset-zungen: genauere Bestimmung derselben — des sich selbst setzenden Subjekts — nicht als “seiend, sondern als  g e l t e n d.

I. ‘Stellungnahme‘: der transzendentale Standpunkt

Der Inhalt des ‘Frühwerks’ ist also die Überwindung der Hegelschen “absoluten Methode”, aber nicht nach deren  F o r m - Seite hin — Logik der ‘Selbstbewegung des Begriffs— , sondern nach deren  I n h a l t:  Bestimmung des ‘Absoluten’ als  I d e e .

Zunächst (in der Doktor-Diss.) nimmt M. ohne weiteres den Standpunkt der Junghegelianer ein; eine pseudofichtisierende Hegel-Auffassung,  die in Wahrheit eine Umdeutung Hegels auf den Standpunkt des jungen  S c h e l l i n g  ist: Nicht  d i e  Su b s t a n z   wird ‘als Sub-jekt gesetzt, sondern   d a s    S u b j e k t   wird ‘als Substanz’  gefaßt (was immer auch dabei zu denken sei).

Im Ms. Kritik des hegelschen Staatsrechts stößt M. dann allerdings schon auf Hegels Me-thode   a l s   s o l c h e r: die Ahnung, daß die affirmative, anti-kritische Tendenz von Hegels politischer Philosophie vorgegeben sei in dem affirmativen Prinzip der “Logik” — bzw. daß der affirmativen Methode die restaurative politische Tendenz zugrunde liegt; aber er verfolgt diesen Faden zunächst nicht weiter.

S o n d e r n :

Unterm Einfluß von  F e u e r b a c h  (und von Moses H e s s)  Hinwendung zum “wahren Sozialismus; Bestimmung des substanten Subjekts als “Gattungswesen” und Fassung der bürgerlichen Gesellschaft unter die Alles bestimmende Kategorie “Entfremdung”: Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung und die Pariser Manuskripte… 

‘Dialektik kommt in diesen beiden Texten lediglich als rhetorische Figur vor, es werden keineswegs ‘Begriffe’ durch einander bestimmt”, sondern: “ein Wort gibt das andre…” Die hegelsche Triade tritt nur auf als geschichtsmetaphysische Schablone: die “Entfrem-dung” (Antithesis) des bürgerlichen Menschen von seinem “Gattungswesen” (Thesis) — ‘Entfremdung’ heißt hier:  K o n k u r r e n z  —  m u ß  “umschlagen” in den Kommunis-mus: Versöhnung,  Heimkehr, Synthesis…  —  die alte Geschichte von Sündenfall und Erlösung.

In der Heiligen Familie schließlich — immernoch auf dem Standpunkt von Feuerbachs “Gattungswesen” — Bruch mit den “Ideologen”(die durch das Verknüpfen bloßer Begriffe zu faktischen Einsichten kommen wollen) und resolute Wendung zu Empirie und Nomina-limus (=Materialismus”).

Schließlich – in der Auseinandersetzung mit  S t i r n e r s  Einzigem” – nach dem prakti-schen Anschluß an die revolutionäre Arbeiterbewegung und (darum) erneutem Studium der klassischen Nationalökonomie — wird in den Feuerbachthesen und der Deutschen Ideolo-gie das ‘Gattungswesen’ als bloß säkularisierte Version des lieben Gottes abgeschafft; an die Stelle des  s u b s t a n t e n   Subjekts tritt ein... nun ja, ein transzendentales: ein aus dem Begründeten als dessen Grund logisch erschlossenes, das sich — in einer selber nicht abzu-leitenden ‘Tathandlung’ (bei Marx “generatio aequivoca”) ‘als Subjektgesetzt haben  ‘m u ß’:  der “ersten geschichtlichen Tat”…

Mit der Ersetzung des ‘ideologischen’ Standpunkts durch den transzendentalen wird nun aber die “absolute Methode” auch ihrer Form nach unhaltbar (vgl. Elend der Philosophie). Entsprechend verzichtet schließlich das Kommunistische Manifest konsequent auf alle be-grifflichen Verallgemeinerungen und begnügt sich damit, ‘Tatsachen’ aussprechen zu wollen (z.B. daß “die herrschenden Gedanken stets die Gedanken der herrschenden Klasse” gewe-sen seien, wird nicht als materialistisches ‘Gesetz’ formuliert, sondern als empirische Fest-stellung).

— Die nunmehr, nach der Bestimmung des kritischen ‘Standpunkts’,  möglich gewordene umfassende, d.h. systematisch  v o n   e i n e m  P r i n z i p   a u s gehende Kritik der poli-tischen Ökonomie erfordert nicht allein eine erneute Sichtung des gesamten wissenschaft-lichen Schrifttums, sondern ermöglicht (erstmals!) auch die Sammlung und Ordnung des gegebenen ökonomischen Materials: der “realen Bewegung” der kapitalistischen Produk-tion.

aus Marx und Fichte 

 

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE 

 

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