Donnerstag, 5. Juni 2025

Alles Bestimmen geschieht durch Entgegensetzen.

Lothar Sauer                        zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

...man / findet sich thätig, nur inwiefern man dieser Thätigkeit eine Ruhe (ein Anhalten und Fixirtseyn der inneren Kraft) entgegensetzt. (Der Satz, welches wir hier nur im Vorbeigehen erinnern, ist auch umgekehrt wahr: man wird sich einer Ruhe nicht bewusst, ohne eine Thä-tigkeit zu setzen. Thätigkeit ist nichts ohne Ruhe und umgekehrt. Ja, der Satz ist allgemein wahr, und wird im folgenden in dieser seiner allgemeinen Gültigkeit aufgestellt werden: Alle Bestimmung, was es nur sey, das bestimmt werde, geschieht durch Gegensatz...)
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J. G. Fichte, Versuch einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre, SW I, S. 530f.


Nota I. - Bestimmt wird an einem Ding nicht, was es ist (das hat es nicht nötig, es ist sowie-so), sondern das, was es bedeutet; das, als was es gilt: denn als das gilt es nur, sofern es be-stimmt wurde. Das, was es bedeutet; das, als was es gilt; das, wozu es bestimmt ist, ist immer das, als was und wie es in einer Handlung vorkommen kann. Das ist eine bloße Worterklä-rung: Unter Handlung verstehen wir eine Tätigkeit, die absichtsvoll auf einen Gegenstand gerichtet ist (und welcher der Gegenstand auf diese oder jene Weise entgegen
steht: Diesen Widerstnd nennen wir seine Eigen schaft). Der Bestimmungsgrund der Bedeutung ist folg-lich die absichtsvolle Gerichtetheit. 

Vorab war also die Richtung der Tätigkeit bestimmt; wir nennen sie ihren Zweck. Um einen Zweck als diesen zu bestimmen, musste ich ihn unterscheiden von allen (möglichen) Zwek-ken, die er nicht ist. Ich musste ihm sein Gegenteil entgegen
setzen; nachdem ich ihn selber freilich gesetzt hatte: Omnis determinatio est negatio, allerdings; aber positio komt vor ne-gatio. 
7. 10. 18

Nota II. - Das Bestimmen eines vorgefundenen Etwas beginnt mit einer Absicht - Hin sicht -, mit der man auf es blickt. Man blickt in diese oder jene und nicht in eine andere Richtung. Eine weitere Bestimmung dieser Bestimmung kann nur geschehen als Eingrenzung  - defin-itio - des Blickfeldes: durch Fixieren der Außenposten - durch ihre Entgegensetzung. Und ab hier immer so weiter.

Ist das klarer als Obiges? Es ist anschaulicher; und wo es um Vorstellungen geht und nicht um Begriffe, gibt das den Ausschlag.
JE, 26. 4. 22

Mittwoch, 4. Juni 2025

Einem Dasein ein Sosein zuschreiben.

                                                          zu

Das ist alles ganz falsch: Nicht nichts, sondern Alles "ist einfach so". Sofern ich nämlich darauf absehe, dass es ist; oder dass es ist: Denn mehr, als dass da (wo?) irgendwas (was?!) ist, kann ich vom Sein nicht aussagen. Zu dem Zweck müsste ich vielmehr dem Sein - richtiger: dem sein - Dieses oder Jenes zuschreiben, um es ihm - zuschreiben zu dürfen; dass es beispielsweise 'Struktur' habe... Zuschreiben bedeutet bedeuten. So ist die Frage zu stellen: Wer oder was schreibt wem oder welchem dieses oder jenes zu? Der, der es ausdeu-tet? Oder irgendwer, der... einfach bloß ist? 

So kommen wir zu keinem Ergebnis, es ist eine Abwärtsspirale. Dürfte ich hilfsweise an-nehmen, das pp. Etwas "sich selbst bedeutet"? Doch da ich in dem Etwas selber nicht drinstecke, kann ich nichts davon wissen; was mich nicht notwendig vom Reden abhalten muss: Aber es könnte mich einer fragen, wie ich zu dem Wissen kam. Dann wirds eng. 

Unter 'etwas bedeuten' verstehen wir (zumindest auch:) als dieses oder jenes bestimmt sein. Mindestens einer bestimmt und mindestens einem bedeutet etwas dieses oder das. Wie kommt die Bedeutung von dem einen in den andern hinein?

Angenommen, sie käme so wie sie einmal ist in einen Fragenden hinein. Wo käme sie hin? Sie fiele ins Bodenlose, wenn sie dort nicht irgendwo auf einen Widerstand stieße, an dem die Halt machen müsste - und ginge verloren. 

Man wird sich den Fragenden als einen wissen-Wollenden vorstellen müssen. Er fragt nicht überhaupt - das geht gar nicht. Er fragt Dieses oder Das: Die bestimmende Qualitas muss bei dem Fragenden liegen. Nur darauf kann das Etwas eine bestimmte Antwort geben - und sich als Dieses (oder Jenes) zu Erkennen geben.

Nehmen wir der Verständiguung halber an, eine pp. Information, heiße sie Bedeutung oder Bestimmung, sei einmal in dem Etwas drin - egal, wie sie hineinkam. Wie käme sie wieder heraus? Die "große philosophische Frage danach, wo Bedeutungen eigentlich herkommen", hat eine ganz einfache Antwort: Sie kommen daher, dass die Menschen an die Dinge Fragen stellen, weil sie Absichten haben und die Dinge darauf prüfen, ob und wie weit sie ihren Absichten entgegenkommen. Und ob ja oder nein oder nur ein kleines bisschen - das alles bedeutet ihnen Etwas.

*

Struktur ist ein heuristisches Werkzeug, das zur Lösung der Fragen taugt, auf die es passt. Ist das toutologisch? Ja. Das Was, wonach gefragt wird, grenzt den Kreis der Dinge, die befragt werden, vorgängig ein. Wie ein Zitrone schmeckt, kann eine Gehaltstabelle nicht beantworten. Struktur kann ich in alles hineinfinden, bis ich auf etwas stoße, worauf es nicht passt; tja. Dann müsste ich ihm eine andere Frage stellen oder die Sache auf sich beruhen lassen.

Kommentar zu Ist Struktur Bedeutung?, JE, 24. 4. 22  

Ganz einfach: einem Quantum eine qualitas zuschreiben. 

 

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE 

Dienstag, 3. Juni 2025

Ich kann nichts Bedingtes annehmen, ohne ein Absolutes vorauszusetzen.

pixabay                                                                                                         zu

Die größte Fabelei ist die von der Erkenntnis. Man möchte wissen, wie die Dinge an sich beschaffen sind: aber siehe da, es gibt keine Dinge an sich! Gesetzt aber sogar, es gäbe ein An-sich, ein Unbedingtes, so könnte es eben darum nicht erkannt werden! Etwas Unbe-dingtes kann nicht erkannt werden: sonst wäre es eben nicht unbedingt! Erkennen ist aber immer »sich irgendwozu in Bedingung setzen« – –; ein solch Erkennender will, daß das, was er erkennen will, ihn nichts angeht und daß dasselbe Etwas überhaupt niemanden nichts angeht: wobei erstlich ein Widerspruch gegeben ist im Erkennen-wollen und dem Verlan-gen, daß es ihn nichts angehen soll (wozu doch dann Erkennen?), und zweitens, weil etwas, das niemanden nichts angeht, gar nicht ist, also auch gar nicht erkannt werden kann. – 

Erkennen heißt »sich in Bedingung setzen zu etwas«: sich durch etwas bedingt fühlen und ebenso es selbst unsrerseits bedingen – – es ist also unter allen Umständen ein Feststellen, Bezeichnen, Bewußtmachen von Bedingungen (nicht ein Ergründen von Wesen, Dingen, »An-sichs«). [555] 
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Nietzsche, Aus dem Nachlass (XII)


Nota. - Ja, wo er Recht hat, hat er recht. Nämlich immer, wenn er sich der Pforte zur Transzendentalphilosophie nähert. Aber rein tritt er nie. Wenn etwas unbedingt sein soll, kann ich von ihm nichts wissen. Nicht einmal, ob 'es' sowas 'gibt' oder nicht. Aber wenn etwas gelten soll, muss 'es' Geltung 'geben', egal, was ich unter 'es' und 'geben' verstehe. Und wenn es 'nur bedingte' Geltung geben soll, dann muss es etwas geben, wodurch sie bedingt ist; und das gilt unbedingt.

Ich kann nichts Bedingtes annehmen, ohne ein Absolutes vorauszusetzen. Das wäre eine Fiktion? Allerdings. Logik beruht auf einer Fiktion.

JE, 6. 1. 19 

 

 

Montag, 2. Juni 2025

Transzendentale Miszellen.

                             zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Bürgerliche Gesellschaft heißt Markt, allgemeiner Verkehr, allgemeine Vermittlung. Heißt Arbeitsteilung, Austausch, Kooperation. Kooperation beruht darauf, dass ich die Hand-lungen  des Andern vorhersehen kann, mich darauf verlassen kann, dass er so und nicht anders reagiert. Bürgerliche Gesellschaft heißt Regelhaftigkeit. Wenn Kooperation gelingen soll, muss das Marktgeschehen berechenbar sein.

Dass die bürgerliche Gesellschaft den Kritikern im Gegenteil als ein Reich von Chaos und Willkür erscheint, liegt gerade daran, dass sie sie berechnen wollen. Als regelhaft und ge-setzlich erscheint sie immer, wenn sie funktioniert. Das tut sie, als Spiel von Angebot und Nachfrage, aber nur in der Regel; und nicht, wenn diese aussetzt.

Schein&Sein  

Der sinnliche Schein des Erscheinenden, der trügerische, ist ein zufälliger Schein - insofern, als er mir oder einem andern bei anderer Gelegenheit anders erscheint. So ein anderer ist auch der Schein, den das Erscheinende dem experimentierenden Wissenschaftler im Labor zeigt: Es kann auch anders sein, je nach Versuchsanordnung. "Sein" ist dagegen der Name für einen - hypothetischen - notwendigen Schein: das, was erschiene, wenn ich alle zufälli-gen Bedingungen beiseiteließe. Das, was unter allen Umständen übrigbliebe.  

Alle Zufälle kann ich freilich nur hinweg denken. Zuerst also: Das Nicht-Bedingte, das nicht Zufällige, das schlechterdings Notwendige, lässt sich eo ipso nur denken. Wenn ich alle be-sonderen Bestimmungen hinwegdenke, bleibt ein schlechterdings Unbestimmtes zurück - das ich eo ipso nicht denken kann. Das Unbedingte ist, je nach Ansicht (die wiederum ein Zufall wäre!) einerseits das Ding-an-sich, "Dingheit", quidditas. Andererseits "Bedeutung", "Sinn" an-sich, qualitas. Beides, sofern ich Etwas als von mir unterschieden "wahrnehme". Ich werde 'Ich' aber erst, wenn und weil ich im Urteil beide unterscheide und auf einander beziehe.

*

Wenn es nur Bedingtes gibt, dann gibt es keine Bedingung , und also kein Bedingtes. Und also Nichts.*

*) Es ist die Rede von Bedeutungen, von Gelten; nicht von den "Dingen": Die mögen "rein zufällig" sein, und ergo nicht 'bedingt'. Aber merkwürdig: Das würden die meisten Anhänger von 'alles ist bedingt' gerade nicht 'gelten' lassen! Der 'Grund' der Geltung ist keine "Ursache", sondern "nur" [eine Absicht, für die etwas gilt].
Aus e. Notizheft, 14. 10. 03 

 

Nachtrag. Ich habe immer wieder mal versucht, aus meinem Eignen einen Zugang zur transzendentalen - alias 'kritischen' - Denkart zu finden. Angezeigt schien mir immer (früh) ein streng phänomenales Vorgehen. Was die Begriffe mir zu leisten vermögen, würde ich kaum herausfinden, wenn ich sie von Anfang an so verwendete, wie sie es gerne hätten. Denn dass sie dies 'gerne haben' und jenes nicht, bedeutet nur, dass sie selber ja nicht vom Himmel gefallen sein können, sondern von jemandem - bzw. von Jemanden - gefasst wor-den sein müssen. Und die können es schwerlich ohne eine Absicht getan haben; und die ihrerseits wird man durchschlagen spüren, wenn man es nur spüren will. Und wird sie ab-streifen müssen, um zum Kern zu kommen.

Die kritisch-richtige Methode ist daher die phänomenale. Wir reden vom Denken, Vorstel-len und Urteilen? Nehmen wir es eben so, wie wir es vorfinden. Kant hat es genommen als die Vernunft, wie er sie zu seiner Zeit tatsächlich vorgefunden  hatte. Da war einerseits die Newton'sche Physik und andererseits das rationalistische System von Wolff und Baumgar-ten, dessen Anhänger er selbst gewesen war. Dazwischen lagen störend der englische Sensu-alimus und David Humes Kritik an der Kausalität. Das war, was dem vernünftig Denken-den phänomenal gegeben war.

Seine Frage hieß, was kann die Definition von Begriffen leisten und was nicht? Er hat sie verklausuliert in der Formel Wie sind synthetische Urteile a priori möglich? So umschrieben steckt darin nicht nur der Satz Wieviel Welt steckt in den Begriffen?, sondern zugleich: Wie tief steckt der Begreifende in seiner Welt?

Es hat mich früh bedünkt: Ohne Marx gehts nicht. Aber mit Marx gehts nur ohne Hegel. Womit dann? Mit der Kritischen alias TranszendentalPhilosophie. Und nicht mit der Kant-schen Frühform, sondern mit der fast vollendeten Fichte'schen Fassung - wenn man sie nur zu vollenden wagt.

Sonntag, 1. Juni 2025

Von der Wahrheit.

                                              zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik  

Für das Tier sind die Dinge seiner Umwelt und das, was sie bedeuten, selbstverständlich. Und so ist es selbst. Was sich von selbst versteht, lässt sich nicht aussprechen: weil es sich nicht verstehen lässt. Darum spricht das Tier nicht. Es kann nichts verstehen, weil es nichts verstehen muss. Mit andern Worten, ein Sinn, der sich von selbst versteht, ist keiner. 

Sinn kann nur das haben, was vorher fraglich war. Weil es fraglich war, musste ein Sinn überhaupt erst her! Mit andern Worten, der Sinn des Sinns ist die Frage danach. Mit noch schöneren Worten: Der Sinn des Sinns ist seine Fraglichkeit, â que c'est bô! 

Wenn es aber stimmt, dass die Fragen nach der Wahrheit nicht als die Frage nach dem Sinn ist, dann ist sie - ein Paradox: Der Sinn der Wahrheit ist ihre Fraglichkeit.

Aber genau so ist es.
aus e. Notizheft, 3. 2. 04 

Das Ich auf frischer Tat ertappen.

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