Montag, 18. August 2025

Freiheit ist das Vermögen, absolut anzufangen.

                          zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Da wir hier nun die Freiheit vor aller Anschauung und als Bedingung aller Möglichkeit des Bewusstseins und der Anschauung aufstellen wollen, so müssen wir dies erst durch das Be-wusstsein hinzugekommene Fremdartige absondern; und sonach bleibt nichts übrig als Ab-solutheit. Aber Absolutheit lässt sich nicht einmal denken, wenn wir nicht etwas Empiri-sches hinzutun, das aber der Reinheit keinen Abbruch tut, nämlich die Reihe der Depen-denz in der Zeit, und Freiheit wäre das Vermögen, absolut anzufangen. ...  

Diese Freiheit soll bestimmt sein, eine Richtung haben, würde heißen: Das Vermögen, absolut anzufangen, hat eine bestimmte Richtung.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 140

 

Nota. - Postuliert wird: Freiheit soll vor aller Anschauung sein, nämlich als Bedingung der Möglichkeit des Bewusstseins und der Anschauung. Dazu müssen wir von allen durch Be-wusstsein - das ohne Sinnliches nicht möglich ist - hinzugekommenen empirischen Bestim-mungen abstrahieren. Übrig bliebe allein Absolutheit. Die aber lässt sich nicht einmal den-ken geschweige denn anschauen. Etwas Empirisches muss hinzugedacht werden, um das absolute Wollen zu einem empirischen Willensakt zu bestimmen und es anschauen zu kön-nen. Das beeinträchtigt aber nicht die Absolutheit, denn es bleibt bei der Dependenz der Wil-lensakte in der Zeit: als nur nach einander tubar - in Absehung von allem faktisch hin-zugetretenen Empirischen. Die Freiheit besteht also im Anfangen einer Reihe von Willensakten.

Dir Reihe soll aber eine Richtung haben? 

Die Richtung könnte eine empirische, in der Zeit vorkommende Bestimmung sein - das täte der Absolutheit der Freiheit allerdings Abbruch. Oder eben nicht: Dann muss das Vermö-gen, absolut anzufangen, selber eine Richtung haben. Das könnte, da ohne empirische Be-stimmtheit, nur die Richtung auf ein Absolutes sein. 
Ein absoluter Zweck ist wie das reine Wollen und alles Transzendentale ein reines Noumenon.
JE 

  

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Sonntag, 17. August 2025

Einbildungskraft und Einheit der Apperzeption.

                             zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Bei Kant ist die transzendentale Einheit der Apperzeption unverursacht. Er hat sie aufge-funden, das reicht. Fichte muss aber alles herleiten, aus einem ursprünglichen Akt hervor-gehen lassen. Das gelingt ihm mit der Finte, den ursprünglichen Akt bereits in einer Ge-meinschaft vernünftiger Wesen stattfinden zu lassen: 'Anders kann es nicht gewesen sein'... Die Gemeinschaft vernünftiger Wesen, die er voraussetzt, ist aber die bürgerliche Verkehrs-gesellschaft, in der die Arbeitsgesellschaft gewissermaßen "zu ihrer Bestimmung gelangt" ist.
11. 1. 15 

 

Fichte misst der Einbildungskraft dieselbe konstitutive Rolle bei wie Kant der transzenden-talen Einheit der Apperzeption: als Vermögen der Intelligenz, mannigfaltige Anschauungen zu einem einheitlichen Bewusstsein zusammenzufassen. Sie ist insofern der Ursprung des Ich. So weit war Kant bereits in der Transzendentalen Analytik, §§ 16, 17 fast am Anfang der Kritik der reinen Vernunft gekommen - allerdings erst in der B-Ausgabe. 

Er konnte nun aber nicht mehr in der Kritik der reinen Vernunft beim Apriori - den 12 Ka-tegorien und den Anschauungsformen - stehenbleiben. Nachdem er erörtert hat, wie sie zur Anwendung kommen, musste er sagen, wer sie anwenden sollte - und sich thematisch dem Ich zuwenden. Andernfall hätte er sich die Einheit der Apperzeption im B-Teil verkneifen sollen. Und jedenfalls hätte er gegenüber den jüngeren Kantianern, die "über Kant hinaus-gehen" wollten, nicht darauf beharren dürfen, dass sein System abgeschlossen sei.

Er hat es ja selber nicht geglaubt, sonst hätte er nicht immer wieder vergeblich an seinem Opus postumum zu arbeiten begonnen. 
JE 

Samstag, 16. August 2025

Einbildungskraft ist ursprüngliche Synthesis des Mannigfaltigen.

                                          zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Wie kannst du wissen, dass du denkst? Ich weiß nur von meinem Tun, nur vom Denken, in wiefern ich mein Tun erblicke. Der Zweckbegriff ist nichts Gegebenes, sondern er ist mit meinem Wissen durch mich selbst hervorge/bracht. Dieses mein Hervorbringen ist das eigentliche Objekt meines Bewusstseins. So gehen wir abermals höher. Ich sehe meinen Zweckbegriff nur, in sofern ich meine Tätigkeit in Entwerfung desselben erblicke. 

Wie ist denn also nur dies möglich? Das Sinnliche, von dem wir der Bequemlichkeit wegen aufsteigen wollen, muss etwas Abgeleitetes sein, das selbst noch nicht abgeleitet ist, aber wohl im gemeinen Bewusstsein vorkommt. Wie ist denn nun Bewegung in der Körperwelt möglich? Diese zu denken ist unmöglich

Zwischen jeden möglichen zwei Punkten in der Linie, zwischen denen sich ein Körper be-wegen soll, zwischen X und Y, liegen unendlich viele Punkte, denn die Linie zwischen X und Y ist zu teilen bis ins Unendliche. Die Kugel muss daher, ehe sie aus X und Y kommt, durch unendlich viele Punkte hindurch gehen; so eine Bewegung ist nie vollendet, mithin kommt der Körper nie an seine Stelle, so nahe man die Punkte sich auch denke. 

Dieser Beweis ist streng richtig, aber jedes Kind bringt uns Bewegung hervor. Das kann sein, und ersteres kann doch bestehen. Wir mögen wohl zum Begriff der Bewegung auf einem anderen Weg kommen als durchs Denken, denn man denkt darin nicht Punkte, son-dern Linie. Woher entsteht nun eine Möglichkeit, die Punkte nicht, sondern gleich eine Li-nie zu denken? Der ganze Grund, worauf sich die Behauptung der [Un-] Möglichkeit stützt, fällt weg.

Hinterher kann nun wohl die Linie ins Unendliche geteilt werden. Die ganze Sache ist, dass wir die unendlichen Punkte in einem einzigen synthetischen Akt gefasst haben. Alle unsere Vorstellungen sind Vorstellungen von Verhältnissen, aber zuletzt müssen wir doch auf etwas zu Grunde Liegendes kommen. Dies ist aber nicht an dem, wir kommen auf etwas Ur-sprüngliches, was unendlich auffasst. Also die Intelligenz hat das Vermögen, entgegenge-setzte Dinge in einem Akte zu fassen, oder sie hat Einbildungskraft, ursprüngliche Synthe-sis des Mannigfaltigen.

 
Nota I. - Das ist eine Variante von Zenons Paradox von Achilles und der Schildkröte. Die Linie wird aber gar nicht gedacht, sondern angeschaut. Gedacht und nachträglich hinzuge-fügt sind die Punkte. Nur der Mathematiker wählt zuerst Punkte und verbindet sie hinterher durch eine Linie. Der gemeine Verstand ermisst mit den Augen eine Entfernung; um deren Außenstellen als Punkte "wahr" zu nehmen, muss er abstrahieren und reflektieren, und zwar abwechselnd die eine und dann die andere. Die Linie danach aus Punkten zu 'rekon-struieren', ist allerdings ein unendlicher Kraftakt.
 
Warum dieser umständliche Weg zur Einbildungskraft? Weil sie nicht von vornherein dog-matisch postuliert, sondern die Notwendigkeit ihres Begriffs erst im Verlauf der Darstellung demonstriert werden sollte. Dies ist die Rückseite der genetischen Methode: Es 'zeigt sich' im Vollzug der Entwicklung, dass gewisse gedankliche Voraussetzungen als von Anfang an unausdrücklich mitgedacht aufgefasst werden müssen.
 
Wenn so der Begriff der Einbildungskraft gewonnen ist, kann er weiterentwickelt werden.
Das ist übrigens eine Stelle, wo die Transzendentalphilosophie in unmittelbare Konkurrenz zur Wahrnehmungspyschologie gerät: Wenn sich im wirklichen Bewusstsein keine Leistun-gen dieser Art beobachten ließen, möchte der Begriff der Einbildungkraft gedanklich noch so notwendig sein: Für die Philosophie wäre er verloren. Gottlob hat die Gestaltpsychologie ein Fülle solcher Leistungen zu Tage gefördert.
im Juni 2019
 
Nota II.
Hier spricht F. von der Unmöglichkeit, die Umwandlung analoger Darstellung in digitale Darstellung zu denken. Genauer gesagt: der Unmöglichkeit, Vorstellung in Begriffe zu fassen und, umgekehrt, Begriffe vorzustellen. Es ist das dauernde Problem, der treibende Stachel der - später so genannten - Dialektik; oder des, wie F. selber es nennt, genetischen Verfahrens.
 
Transzendentalphilosophie und Wissenschaftslehre in specie sind nur so möglich. 22. 3. 24

Freitag, 15. August 2025

Einbildungskraft und Urteilskraft sind Wechselbegriffe.

                               zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Wo gehe ich an und wo mein Machen? Ich finde mich nur als das Bestimmte. Dieses setzt ein Bestimmbares voraus, das uns die Einbildungskraft liefert. Mein Machen setzt immer diese und ihr Produkt vorheraus [sic], und daher kommts, dass uns immer etwas als gegeben erscheint, daher die Objektivität der Welt. So erscheint uns die Einbildungskraft notwendig als ein Gegebenes. Das Objekt der Einbildngskraft scheint uns daher teilbar ins Unendliche.
 
Diese Teilbarkeit ruht nicht als immanente Eigenschaft in dem Bestimmbaren als an sich
[sic], denn dieses ist meine Einbildungskraft selbst, welche bloß zusammenfasst. Es heißt also bloß: Das durch die Einbildungskraft Gelieferte wird hinterher geteilt durch die Ur-teilskraft; wenigstens wird sie [= die Teilung] gesetzt als vorzunehmend. Eigentlich ist also eine Wechselwirkung zwischen Einbildungskraft und Urteilskraft; beide sind nur durch einander zu beschreiben.

Man könnte daher sagen: Die Einbildungskraft ist das Vermögen absoluter Ganzen
[sic], die Urteilskraft ist das Vermögen des Einfachen, beides steht in Wechselwirkung. Kein Einfa-ches ohne Ganzes, kein Ganzes ohne unendliches Einfache [sic]. Man erinnere sich an den alten Sorites. Wenn man sagte: Die Einbildungskraft fasst zusammen ein unendlich Teilba-res, so heißt das: teilbar für die Urteilskraft. Es heißt also: Für den gesamten Geist ist das-selbe ein Ganzes; eins, was für denselben Geist auch bloße Sammlung des Teilbaren ins Unendliche ist. 
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 203
 
 
Nota. - Das Vermögen eines Menschen ist Eins: Alles, was er vermag. Was er vermag, ist Manches. Will ich das Vermögen bestimmen, muss ich bei Mannigfaltigem beginnen: Er vermag dies, er vermag jenes, er vermag ein Drittes. Nicht die Fertigkeiten sind gegeben, sondern deren Gegenstände: An denen realisiert es sich. Der Mensch kann einbilden und der Mensch kann urteilen, je nach der Absicht, die er fasst
JE  
 
 

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Donnerstag, 14. August 2025

Das Bestimmbare ersteht der Einbildungskraft.


P. Brueghel  d. Ä.                                       Dulle Griet, 1562                                      zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Die Vermögen  des Ich müssen selbst deduziert werden; so muss hier bewiesen werden, dass Einbildungskraft ist. Dies ist hier deduziert, weil kein Bewusstsein und kein Ich [ist,] wenn kein Übergehen vom Bestimmbaren aus ist, wenn nicht ein Bestimmbares für uns ist. Dass es eine Einbildungskraft gebe, ist dadurch notwendig.

Ihr entgegengesetzt ist das Fassen des Bestimmten, das Denken, beides ist nicht ohne ein anderes, und beides sind nur verschiedene Ansichten meines ganzen Vermögens. Dies ist dasselbe viel / tiefer gefasst als: keine Anschauung ohne Begriff und kein Begriff ohne An-schauung. 

Dann ist anzumerken: Das Bestimmbare ist nicht etwa vor der Einbildungkraft voraus, son-dern das Bestimmbare entsteht eben durch die Einbildungskraft und bloß durch sie. Von der höchsten Synthesis aus ist zu sagen: Ich schaue mich an als einbildend, und dadurch schaue ich ein Bestimmbares
[an]. Insofern ist die Einbildungskraft absolut produzierend in Rücksicht des Stoffs, so wie überhaupt das Ich produzierend ist; und endlich: Das Objekt der Einbildungskraft ist das Bestimmbare, dasjenige, das alle Tätigkeit im Bestimmen, die doch dem Ich allein zugeschrieben wird, bedingt.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 202f.


Nota. - Zuerst ist das Bild da, dann werden die Details bemerkt, lehrt die Gestalttheorie. Das Bild selber ist aber nicht, wie der Augenschein glauben macht, an sich ein Ganzes: Es ist zusammengesetzt aus  einer Figur auf einem Grund. Unterschieden werden sie frühe-stens auf den zweiten Blick; denn wie hier bei Brueghel und später bei J. Pollock mögen die Figuren den Grund ganz bedecken und fast ineinander aufgehen. Das Bild wird am Anfang nicht als ein bestimmtes Ganzes, sondern als ungefasste Mannigfaltigkeit 'angeschaut', doch die Anschauung selbst geht unwillkürlich dazu über, Einzelnes von andern Einzelnen zu unterscheiden, wieder zusammenzufassen und von dem zu unterscheiden, 'vor' oder 'auf' oder zwischen dem sie vorkommen. Und doch werden sie hinterher wieder zum Bild zu-sammengefasst.

Anschauen geht dem Begreifen voraus, doch als erster Schritt des Bestimmens durch Re-flexion. Die Einbildungsskraft wird aufgefasst als die in oder hinter dem Anschauen wir-kende 'Substanz', als Quelle einer Kraft, die sich auf ihr eignes Wirken rückbezieht.

Und nie zu vergessen: Das Bestimmen treibt nur einen, der sich als bestimmenSollender vorkommt.
JE 

 

Mittwoch, 13. August 2025

Was ist das erste Bestimmbare?

        zu Wissenschaftslehre...

Wie wird durch dieses Auffassen der Einbildungskraft Bewegung möglich? Der Akt der Einbildungskraft ist Zusammenfassen des Mannigfaltigen, hier: ein sukzessives Anreihen unendlicher Punkte, die erst hinterher durch Analyse unterschieden werden. Damit wird ein Einfaches, eine Kraft vereinigt, die eben deswegen bloß gedacht wird, bloßes νοουμενον ist, diese Kraft wird durch die ganze Reihe hindurchgeschoben als Bewegung, und diese Bewe-gung ist stetig.

Bewegung ist Tat, Lebendigkeit; um diese ist uns hier zu tun. Bewegung in diesem Sinne entstand dadurch, dass das Einfache durch ein Forstschreitendes hindurchgeschoben wur-de. Wie bemerke ich mich denn als das im Bestimmen Tätige? Keine Bestimmtheit ohne Bestimmbarkeit. Was ist denn nun das bloß Bestimmbare, das erste Bestimmbare, von wel-chem erst das Bewusstsein meines Bestimmens ausgeht? Es ist ein unendlich Teilbares der Handlungsmöglichkeit, so gewiss es die Handlungsweise eines freien Wesens enthaltens soll; dieses wird aufgefasst durch die soeben beschriebene Einbildungskraft, durch das Vermö-gen, nur Entgegengesetztes aufzufasssen.

Hier ist nicht die Rede von einem Entgegengesetzten im Raume und der Zeitmomente, sondern dem Entgegengesetzten des reinen Denkens, der reinen Handlungsweisen; die Synthesis im Raume ist bloß versinnlichtes reines Denken. Hier vereinigt die Einbildungs-kraft absolut das ins Unendliche Teilbare der Handlungsmöglichkeiten. Sie ist das Vermö-gen, das Bestimmbare zu fassen, welches das Denken nicht kann, weil es diskursiv ist; aber es gibt ein besonderes Vermögen, das Entgegengesetzte zu fassen, die Einbildungkraft.

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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 202

 

Nota. Die obige Bildreihe wurde von E. Muybridge photographiert.

Dienstag, 12. August 2025

Das wirkliche Bewusstsein ist ein reiner Praktiker.

Bernd Kasper, pixelio.de                                                  zu Philosophierungen

In meinem Bewusstsein (nur davon kann ich wissen) kommen keine Erscheinungen vor, sondern nur das, was sie bedeuten. Eine Bedeutung ist etwas, das mich veranlassen kann, mein Leben so oder anders zu führen: ein praktischer Entscheidungsgrund. Hier ist nicht die Rede vom transzendentalen Subjekt – das führt kein Leben und tut dieses oder das, sondern 'ist tätig' in abstracto -, sondern von wirklichen Menschen. Die Unterscheidung von Sein und Gelten (den jeweiligen Modi von Erscheinung und Bedeutung) fällt nicht erst im kritischen Teil der Philosophie, sondern eröffnet ihn; gehört selber in die Metaphiloso-phie. Der Gedanke von einem Ding, wie es wäre, wenn es ohne Bedeutung wäre, ist ein Er-zeugnis der Reflexion – indem ich nämlich von meiner existenziellen Bestimmtheit, mein Leben führen zu müssen, einstweilen absehe und so tue, als ob ich [von außerhalb in eine fremde Welt hineinschaute.] 

Aus e. Sudelbuch, Anfang 90er
 
 
Nachtrag. Das ist die Stelle, wo das so sehr gebeutelte Wort Bewusstsein hingehört: ins wirkliche Leben, das ich führen muss und nur kann, indem ich Tag für Tag ein Urteil an das andere füge. Das Ich der Transzendentalphilosophie ist lediglich dessen Schema: ein Rah-men, den das wirkliche Ich-selbst allezeit neu ausfüllen muss, indem es seine Wege wählt.

 

Montag, 11. August 2025

Vernunft ist eine Fundsache.

rp-online                        aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Ich finde mich also als Objekt, bin mir gegeben.

Das Bestimmbare ist ein Reich vernünftiger Wesen außer mir. Aber vernünftige Wesen außer mir werden nur gedacht, um das Mannigfaltige zu erklären. Die Vernunft und den freien Willen anderer außer mir nehme ich nicht wahr, ich schließe nur darauf aus einer Erscheinung in der Sinnenwelt; sie gehören daher nicht in die Sinnen-, sondern in die intelligible Welt, in die der Noumene. 
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 150 


Nota I. - Dass Vernunft sei, nehme ich nicht wahr in der Begegnung mit andern Wesen, die ich hinterher als vernünftig ansehen werde wie mich selber. Wahr nehme ich bloß, dass sie da sind neben mir. Aus diesem bloßen Umstand schließe ich - finde ich? postuliere ich? -, dass da ein Medium sein muss, in dem wir miteinander bestehen. 

Mit andern Worten, die 'vernünftigen Wesen' sind eher da - in meiner Vorstellung -, als die Idee der Vernunft. Ich finde, dass sie 'in gewisser Hinsicht' mir gleich sind, oder ich ihnen. Dieses Tertium will ich Vernunft nennen. Wie weit es reicht, wird man sehen; was es ist, muss man dann nicht wissen.

29. 12. 14 

Nota II. - Das lässt sich mühelos in historische Prosa übersetzen: Was wir unter Vernunft verstehen, hat sich als Form des gesellschaftlichen Verkehrs tatsächlich ausgebildet in dem Maß, wie sich innerhalb der feudalen (Un-) Ordnung Gemeinschaften bürgerlicher Subjekte zusammenfanden. In den Kreisen der antiken und mittelalterlichen Gelehrten hatte sich 'vernünftiges', aus geprüften Gründen argumentierendes Denken längst zuvor ausgebildet. Aber es bedurfte der bürgerlichen Verkehrsweise, um sie allgemeinverbindlich und habituell zu machen.
9. 9. 18 

Nota III. - Als Individuum finde ich mich in dem Moment, wo ich mich in der Reihe ver-nünftiger Wesen vorfinde - einer von ihnen, aber ein anderer als sie: aktualisiert, indem sie eine Aufforderung an mich richten, nämlich die Aufforderung zu einem freien Willensakt und mithin die Aufforderung, mich-selbst zu bestimmen.

Das ist nun nicht mehr als Noumenon zu denken. Die Reihe der Wesen, in der ich mich vorfinde, ist real, und real ist die Aufforderung, die an mich ergeht. Mein Rückschluss auf eine uns verbindende Vernunft und mein Eintreten in die Vorstellung von einer intelligiblen Welt sind die ersten Schritte, mit denen ich ihrer Aufforderung Folge leiste - in der Sinnen-welt.

JE,
4. 5. 20

Sonntag, 10. August 2025

Die Quintessenz der Kritik.

                                                                           zu Marxiana

Der wirkliche Reichthum manifestirt sich vielmehr – und dieß enthüllt die grosse Industrie – im ungeheuren Mißverhältniß zwischen der angewandten Arbeitszeit und ihrem Product, wie ebenso im qualitativen Mißverhältniß zwischen der auf eine reine Abstraction reducir-ten Arbeit und der Gewalt des Productionsprocesses den sie bewacht.

Die Arbeit erscheint nicht mehr so sehr in den Productionsprocess eingeschlossen, als sich der Mensch vielmehr als Wächter und Regulator zum Productionsprocess selbst verhält. (Was von der Maschinerie gilt, ebenso von der Combination der menschlichen Thätigkeit und der Entwicklung des menschlichen Verkehrs.) Es ist nicht mehr der Arbeiter, der mo-dificirten Naturgegenstand als Mittelglied zwischen das Objekt und sich einschiebt; sondern den Naturprocess, den er in einen industriellen umwandelt, schiebt er als Mittel zwischen sich und die unorganische Natur, deren er sich bemeistert. Er tritt neben den Productions-process, statt sein Hauptagent zu sein. 

In dieser Umwandlung ist es weder die unmittelbare Arbeit, die der Mensch selbst verrich-tet, noch die Zeit, die er arbeitet, sondern die Aneignung seiner eignen allgemeinen Produc-tivkraft, sein Verständniß der Natur, und die Beherrschung derselben durch sein Dasein als Gesellschaftskörper – in einem Wort die Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums, die als der grosse Grundpfeiler der Production und des Reichthums erscheint. Der Dieb-stahl an fremder Arbeitszeit, worauf der jetzige Reichthum beruht, erscheint miserable Grundlage gegen diese neuentwickelte, durch die grosse Industrie selbst geschaffne. 

Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die grosse Quelle des Reichthums zu sein, hört und muß aufhören die Arbeitszeit sein Maaß zu sein und daher der Tausch-werth [das Maaß] des Gebrauchswerths. Die Surplusarbeit der Masse hat aufgehört Bedingung für die Entwicklung des allgemeinen / Reichthums zu sein, ebenso wie die Nichtarbeit der Wenigen für die Entwicklung der allgemeinen Mächte des menschlichen Kopfes. Damit bricht die auf dem Tauschwerth ruhnde Production zusammen, und der unmittelbare ma-terielle Productionsprocess erhält selbst die Form der Nothdürftigkeit und Gegensätz-ichkeit abgestreift. 

Die freie Entwicklung der Individualitäten, und daher nicht das Reduciren der nothwendi-gen Arbeitszeit um Surplusarbeit zu setzen, sondern überhaupt die Reduction der noth-wendigen Arbeit der Gesellschaft zu einem Minimum, der dann die künstlerische, wissen-schaftliche etc Ausbildung der Individuen durch die für sie alle freigewordne Zeit und ge-schaffnen Mittel entspricht. 

Das Capital ist selbst der processirende Widerspruch [dadurch], daß es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduciren strebt, während es andrerseits die Arbeitszeit als einziges Maaß und Quelle des Reichthums sezt. Es vermindert die Arbeitszeit daher in der Form der nothwen-digen, um sie zu vermehren in der Form der überflüssigen; sezt daher die überflüssige in wachsendem Maaß als Bedingung – question de vie et de mort – für die nothwendige. 

Nach der einen Seite hin ruft es also alle Mächte der Wissenschaft und der Natur, wie der gesellschaftlichen Combination und des gesellschaftlichen Verkehrs ins Leben, um die Schöpfung des Reichthums unabhängig (relativ) zu machen von der auf sie angewandten Arbeitszeit. Nach der andren Seite will es diese so geschaffnen riesigen Gesellschaftskräfte messen an der Arbeitszeit, und sie einbannen in die Grenzen, die erheischt sind, um den schon geschaffnen Werth als Werth zu erhalten. 
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.2  S. 581f. [MEW 42, S. 600f.]     



Nota. - Das ist radikaler, als was er später in Kapital III schreiben wird. Dort meint er, ein Rudiment von notwendiger Arbeit und also ein Reich von Notwendigkeiten werde als Be-dingung des Reichs der Freiheit stets erhalten bleiben. Hier aber tritt der Mensch neben den Prokuktionsprozess, zu dem er sich nur noch als Wächter und Regulator verhält. Und natür-lich muss dann die Arbeitszeit aufhören, als einziges Maß und Quelle des Reichtums zu gel-ten.
 24. 12. 16

Nota II. - Inzwischen hat eine digitalisierte Technik tatsächlich die Voraussetzung geschaf-fen, rein ausführende Arbeit überflüssig zu machen, so dass an menschlicher Arbeit nur Ingenieurskunst notwendig bleibt. Der Tauschwert hätte seine bestimmende Macht verlo-ren. Die Frage ist weniger, ob es ökonomisch möglich, sondern ob es politisch gewollt ist.
JE,
12. 6. 20

 


Nota - Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE

Samstag, 9. August 2025

Reductio ad absurdum.

Doré                                                              aus Marxiana 

Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die grosse Quelle des Reichthums zu sein, hört [auf] und muß aufhören die Arbeitszeit sein Maaß zu sein und daher der Tausch-werth [das Maaß] des Gebrauchswerths. Die Surplusarbeit der Masse hat aufgehört Bedingung für die Entwicklung des allgemeinen / Reichthums zu sein, ebenso wie die Nichtarbeit der Wenigen für die Entwicklung der allgemeinen Mächte des menschlichen Kopfes.

Damit bricht die auf dem Tauschwerth ruhnde Production zusammen, und der unmittel-bare materielle Productionsprocess erhält selbst die Form der Nothdürftigkeit und Gegen-sätzlichkeit abgestreift. Die freie Entwicklung der Individualitäten, und daher nicht das Re-duciren der nothwendigen Arbeitszeit um Surplusarbeit zu setzen, sondern überhaupt die Reduction der nothwendigen Arbeit der Gesellschaft zu einem Minimum, der dann die künstlerische, wissenschaftliche etc Ausbildung der Individuen durch die für sie alle frei-gewordne Zeit und geschaffnen Mittel entspricht. 

Das Capital ist selbst der processirende Widerspruch [dadurch], daß es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu re- duciren strebt, während es andrerseits die Arbeitszeit als einziges Maaß und Quelle des Reichthums sezt. Es vermindert die Arbeitszeit daher in der Form der noth-wendigen, um sie zu vermehren in der Form der überflüssigen; sezt daher die überflüssige in wachsendem Maaß als Bedingung – question de vie et de mort – für die nothwendige. Nach der einen Seite hin ruft es also alle Mächte der Wissenschaft und der Natur, wie der gesellschaftlichen Combination und des gesellschaftlichen Verkehrs ins Leben, um die Schöpfung des Reichthums unabhängig (relativ) zu machen von der auf sie angewandten Arbeitszeit. Nach der andren Seite will es diese so geschaffnen riesigen Gesellschaftskräfte messen an der Arbeitszeit, und sie einbannen in die Grenzen, die erheischt sind, um den schon geschaffnen Werth als Werth zu erhalten.

Die Productivkräfte und gesellschaftlichen Beziehungen – beides verschiedne Seiten der Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums – erscheinen dem Capital nur als Mittel, und sind für es nur Mittel, um von seiner bornirten Grundlage aus zu produciren. In fact aber sind sie die materiellen Bedingungen, um sie in die Luft zu sprengen. "Wahrhaft reich
[ist] eine Nation, wenn statt 12 Stunden 6 gearbeitet werden. Wealth ist nicht Commando von Surplusarbeitszeit (realer Reichthum), sondern disposable time ausser der in der unmit-telbaren Production gebrauchten für jedes Individuum und die ganze Gesellschaft."
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K. Marx, GrundrisseMEGA II/1.2, S. 581f. [MEW 42, S. 601f.]


Nota. -  Der 'prozessierende Widerspruch' besteht darin, dass die Stoffseite die Formseite gewissermaßen überwuchert. Es ist der Gebrauchswert des fixen Kapitals, der die Form-bestimmung des Kapitals ad absurdum führt: Die Mehrwertrate wächst ins Astronomische, während die Profirate fällt; allerdings auch letzteres nicht der Formel nach, sondern aufge-halten und womöglich ins Gegenteil verkehrt von tausend rein faktischen, d. h. der Ge-brauchswertseite zugehörigen Momenten, deren Kontingenz jede begrifflichen Fassung unmöglich macht. Das ist ein 'Gesetz', zu dessen Bestimmung es gehört, dass es womöglich niemals aktuell gelten wird.
JE
14. 8. 15

 

Freitag, 8. August 2025

Kritik und der Schein vom System

Tinguely, Méta.Harmonie II                                     aus Marxiana

Wieso aber überhaupt eine begriffliche Darstellung, wieso nicht bloß historischer Bericht, "wie alles gekommen ist"; wieso eine Darstellung, "als ob" die Begriffe sich selber "setzen und entgegesetzen"? 

Das ist nichts anderes als die Frage: "wieso aber überhaupt eine Kritik?" 

Die Kritik ist nämlich immner nur die Frage nach der Rechtfertigung, nämlich der Recht-fertigung dessen, was ist, durch den Schein, durch die "transzendentale Dialektik" der Ka-tegorienwirtschaft, in der das "Sein" eben immer erscheint als not-wendig, also vernünftig; nämlich in der Logik, im Vernunftgeetz selbst begründet.

Denn wenn dem tatsächlich so wäre, dass "die bürgerliche Ökonomie" - sowohl ihr realer Prozess als such dessen ideale Darstellung in der Wissenschaft - ein organisches System darstellt, in dem 'jedes Gesetzte zugleich Voraussetzung aller andern' Gesetzten ist; oder genauer: wenn der reale Prozess der bürgerlichen Produktion sich wirklich in dem Sinn darstellen ließe, als ob dort 'alles seine richtige Ordnung hat', Eines alles andre und alles Andre ein jedes Einzelne begründet... -, dann rechtfertigt es sich ipso facto: "Rechtfertigen" ist ableiten aus idealen Gründen (hier deutlich: die Abkunft der 'Kategorien' aus den Zwek-ken, d. h. der 'Theorie' aus 'dem Praktischen'); also wenn die klassische Nationalökonomie es wirklich vollbracht hätte, die Realität des bürgerlichen Produktionsprozesses als ein ge-schlossenes System logischer Wechselbestimmungen, als ein kohärentes Gebäude einander gegenseitig tragender Kategorien darzustellen, dann... wäre dem reellen System der bürger-lichen Produktionsweise nicht mehr aus Gründen beizukommen. Es wäre also nicht zu kritisieren. Es wäre lediglich zu "verwerfen" - aus 'Motiven', 'Interessen', 'Begierden'; nur "abzulehnen" aus Privatbeweggründen, seien diese auch "kollektiv" und "massenhaft" privat; nicht aber aufzulösen aus gültigen, nämlich allgemeinen Gründen.

Langer Rede kurzer Sinn: Der Zweck der wissenschaftlichen Kritik der politischen Öko-nomie ist die Zersetzung des ideologischen Scheins, in dem die bürgerliche Produktions-weise als gerechtfertigt gilt; nämlich - das ist der Kern - die Darstellung des bürgerliche Appropriationsgesetzes als Äquivalententausch - nachdem freilich faktisch die Expropri-ation der Produzenten reell schon vorausgesetzt ist; aber eben nicht in der idealen Reprä-sentation, allgemeinen Vorstellung.

Und Träger dieses Scheins - des Äquivalententauschs - ist das Axiom der bürgerlichen Welt- und Lebensanschauung von "dem Menschen" als Arbeiter!
27. 9. 87 

Anfang und Ende - ad quem und a quo.

                              zu  Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik   Eine Diskussion mit ChatGPT Lieber Leser, nehm...