Das
Ich als Idee, ist das Vernunftwesen, inwiefern
es die allgemeine Vernunft teils in sich selbst vollkommen dargestellt hat,
wirklich durchaus vernünftig und nichts als vernünftig ist; also auch aufgehört
hat Individuum zu sein, welch/ches
letztere es nur durch sinnliche Beschränkung war: ... Die Welt bleibt in dieser
Idee, als Welt überhaupt, als Substrat mit diesen bestimmten mechanischen und
organischen Gesetzen...
Die Idee des Ich hat mit dem
Ich als Anschauung, nur das gemein, daß das Ich in beiden nicht als Individuum
gedacht wird; im letzteren darum nicht, weil die Ichheit noch nicht bis zur Individualität bestimmt ist, im ersteren umgekehrt darum nicht, weil durch die
Bildung nach allgemeinen Gesetzen die Individualität verschwunden ist. Darin sind aber beide ent-gegengesetzt, daß
in dem Ich als Anschauung nur die Form des Ich liegt und auf ein eigent-liches
Material desselben, welches nur durch sein Denken einer Welt denkbar ist, gar
nicht Rücksicht genommen wird; da hingegen im letzteren die vollständige
Materie der Ichheit gedacht wird.
Von dem ersten geht
die ganze Philosophie aus, und es ist ihr
Grundbegriff; zu dem letzte-ren geht sie nicht hin;
nur im praktischen Teile* kann diese Idee aufgestellt werden, als höchstes Ziel
des Strebens der Vernunft. Das erstere ist, wie gesagt, ursprüngliche
Anschau-ung, und wird auf die zur Genüge beschriebene Weise Begriff: das letztere ist nur Idee; es kann nicht bestimmt gedacht
werden, und es wird nie wirklich sein, sondern wir sollen uns dieser Idee nur
ins Unendliche annähern.
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J. G. Fichte, Zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre, Meiner 1967, S. 102f.
J. G. Fichte, Zweite Einleitung in die Wissenschaftslehre, Meiner 1967, S. 102f.
Nota. - Das Ich als Idee wäre eines, das ausschließlich in unsere Welt gehört. Aber ein solches kann nicht sein. Ob man sich ihm 'ins Unendliche annähern' soll, wäre noch zu diskutieren - aber doch nicht in der theoretischen Philosophie.
23. 11. 13
*) Nota II. - Die Unterscheidung der Wissenschaftslehre in einen theoretischen Teil, der dem praktischen zugrunde läge, der seinerseits dessen Spezifizierung wäre, hat Fichte in der WL nova methodo ausdrücklich aufgegeben, denn die WL ist als ganze praktisch, indem sie 'durch Freiheit möglich' ist.**
- Dass 'das Ich der Philosophen' von der Hirnforschung seinerzeit in Misskredit gebracht wurde, beruhte weniger auf einem Missverständnis als auf einem Unwissen. 'Das' Ich als obiectivum - im Unterschied zum subjektiven sum, facio, habeo des gesprochenen Satzes - gab es vor Kant gar nicht, der es aus seiner semantischen Verstricktheit von einem Ding-unter-vielen zu einem Ding-an-sich erhob: von einem grammatikalischen Subjekt zu einer logischen Substanz.
Bis dahin war sein würdigstes Vorkommen Descartes' cogito ergo sum gewesen, doch da-nach konnte es allenfalls sum, ergo cogito heißen - und die Beweislast verschob sich aufs cogitare: Was ist es, das die grammatische Funktion zu einem realen Sachverhalt objekti-viert? Cogitare ist ein Sammelname für das, was ein Etwas zur Substanz eines Geschehens macht: Handeln. Ohne das kein Subjekt, ohne das keine Substanz.
Anders gesagt, nicht das 'philosophische Ich' hat sich vor der Hirnforschung zu verant-worten, denn es war vor ihr da. Vielmehr hätten die Hirnforscher rechtfertigen müssen, dass sie einen philosophischen Begriff vereinnahmen wollten. Gezeigt haben sie nur, dass sie ihn nicht erreichten: Aber die Schuld suchten sie bei ihm statt bei sich.
Das Ich der Transzendentalphilosophie ist nichts empirisch Darstellbares; es ist dasjenige an den realen historischen Personen, das "wirklich durchaus vernünftig und nichts als vernünf-tig ist". Als solches bedarf es allzeitig seiner aktualen Fortbestimmung. Es ist lediglich Fluchtpunkt eines Vorstellungsprogresses: noumenon.
**) Kant, KrV
JE
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