zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik Eine Diskussion mit ChatGPT
Lieber Leser, nehmen Sie sich ein bisschen Zeit:
Da haben wir gleich zu Anfang einen Punkt getroffen, an dem es zu streiten gibt.
Sie schreiben:
'So producirt die Vernunft sich selbst'
und zwar durch Erziehung, Überlieferung, gegenseitige Anerkennung. Vernunft ist hier historischer Erwerb einer Gattung, also etwas, das nur dadurch existiert, dass Menschen etwas tun.
Das passt ausgezeichnet zu Ihrem Grundgedanken: Vernunft ist kein vorhandenes Vermögen, sondern eine Leistung, die sich in menschlicher Praxis fortsetzt.
Und dann steht daneben jene andere Sprache: die Vernunft als etwas, aus dem das Individuum gleichsam herausgegriffen wird — „eine Masse vernünftiger Wesen überhaupt“, aus der das einzelne Ich hervorgeht. Fichte schreibt dort gerade nicht: Das Individuum wird vernünftig, indem es sich mit anderen verständigt. Er scheint vielmehr eine Vernunft als schon bestehende Sphäre vorauszusetzen, aus der das Individuum seine Bestimmtheit erhält."
Das ist der springende Punkt und bezeichnet genau die Stelle, an der man Marx braucht, um Fichte zu verstehen, und Fichte braucht, um Marx in seinen philosopischen Prämissen zu verstehen. Also all das, was mein 'neoktitisches System' ausmacht.
Vorab zunächst dies: Es ist ein Missverständnis, dass Transzendendalphilosophie "mit dem Faktischen ünerhaupt nicht zu tun" hätte. Zwar sagt Fichte wiederholt, dass sich in der Wissenschaftslehre kein Stückchen Empirie fände.
Aber doch nur in der Selbstdarstellung der Wissenschaftslehre nicht. Denn wenn die Transzendentalphilosophie mit der Realgeschichte überhaupt nicht zu tun hätte, wäre sie gegenstandslos und - schlicht überflüssig.
Die Geschichtsschreibung erzählt, was geschehen ist. Die Transzendentalphilosophie sagt - behauptet -, was es bedeutet. Und zu dem Zweck entwirft sie ein Schema (vulgo Modell). Der Unterschied ist: Das Schema hebt aus der Mannigfaltigkeit des Faktischen heraus, 'worauf es ankommt': nämlich dem Transzendentalphilosophen angekommen ist, der das Schema so und nicht anders entworfen hat.
Das ist überhaupt der einzige Grund, ein Schema zu entwerfen: ihm einen Sinn zuzu-schreiben. Nichts anderes tut ein physikalisches Modell: aufzeigen, wozu ein Artefakt nützt.
Das ist es, was Fichte mit Marx verbindet: die Frage, welcher Sinn der Menschheitsgeschich-te zugedacht werden kann.
Lieber Herr ChatGTP, warten Sie bitte ein paar Sekunden, bevor sie mir antworten: Gleich folgt ein Text, in dem ich das Argument ausgeführt habe: Er handelt davon, wie Fichte selbst die entstehende bürgerliche Gesellschaft unterm Titel Reihe nicht Menge! vernünftiger Wesen eingeschoben hat!
Doisneau aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Das / vernünftige Wesen kann sich nicht setzen als ein solches, es geschehe denn auf dasselbe eine Aufforderung zum freien Handeln. ...
Geschieht aber eine solche Aufforderung zum Handeln auf dasselbe, so
muss es notwendig ein vernünftiges Wesen außer sich setzen als die
Ursache derselben, also überhaupt ein vernünftiges Wesen außer sich
setzen. ...
Der Mensch (so alle endlichen Wesen
überhaupt) wird nur unter Menschen ein Mensch; und da er nichts anderes
sein kann denn ein Mensch, und gar nicht sein würde, wenn er dies nicht
wäre - sollen überhaupt Menschen sein, so müssen es mehrere sein.
Dies ist nicht eine willkürlich
angenommene, auf die bisherigen Erfahrungen oder auf ande-re
Wahrscheinlichkeitsgründe aufgebaute Meinung, sondern es ist eine aus
dem Begriff des Menschen streng zu erweisende Wahrheit. Sobald man diesen Begriff vollkommen
bestimmt, wird man von dem Denken eines Einzelnen aus getrieben zur
Annahme eines zweiten, um den ersten erklären zu können. Der Begriff des
Menschen ist sonach gar nicht Begriff eines Einzelnen, sondern der
einer Gattung.
_____________________________________________
J. G. Fichte, Grundlage der Naturrechts..., SW III, S. 38f.
Nota I. - Die Zirkularität der Argumentation
ist nicht zu übersehen. Der Begriff des vernünftigen Wesens muss
(vorläufig) den Begriff des Menschen erklären, und der Begriff des
Menschen muss das vernünftige Wesen erklären.
Aber es handelt sich ja nicht um
eine logische Konstruktion ex nihilo, von Definition zu Definition. Der
Ausgangspunkt ist immer: Es gibt ja wirklich Menschen, und jenes
Besondere an ihnen, das sie wirklich von andern Lebewesen unterscheidet,
wollen wir (einstweilen) als Vernunft bezeichnen. Es ist ein genetisches Verfahren, kein logisches (dann wäre es tauto logisch).
Der Ausgangspunkt sind Vorstellungen, die wir wirklich haben, und die
auf ihre Voraussetzungen und Implikationen untersucht werden. Und da
kann tatsächlich nur das eine das andere erklären und das andere das
eine. Näher kommt man dem, was wirklich da ist, nicht.
19. 10. 14
Das Absolute ist Anfang und Ende.
Das Absolute braucht die Transzendentalphilosophie doppelt: zuerst als Ausgangs-, dann als Fluchtpunkt der Vernunft. Dazwischen liegt immer nur Bestimmen; am Anfang die absolute Freiheit, am ewig offenen Ende der absolute Zweck.
19. 7. 17
Das Wirkliche kann nicht absolut sein, denn dann wäre, weil es zugleich ein Mannigfaltiges ist, zwischen ihm kein Leben möglich, und das ist Veränderung. Veränderungen können nur zwischen Relativen geschehen.
Andererseits ist
Relatives nur im Verhältnis zu Absolutem möglich. Und soll die
Verände-rung eine Richtung haben, zwischen zwei Absoluten: hin zu dem
einen, fort von dem an-dern. Eins immer nur in Rücksicht auf das andere.
Wie auch anders? Vorstellen - wahrnehmen, denken, erfahren - ist bestimmen.
Bestimmen hat nur eine Richtung. Doch geschieht sie immer nur durch
Entgegensetzung. Ich kann nichts Relatives denken, ohne ein Absolutes
vorauszusetzen. (Wenn ich zwei Absolute denke, dürfen sie selber zu
einander in keinem Verhältnis stehen und sich nicht bedingen, sonst
wären sie nicht absolut. Aber die Relativen müssen in Bezug zu Absoluten
stehen, sonst wären sie nicht relativ.) Anfang und Ende bedingen
einander nicht. Doch was immer relativ ist - leben - hat einen Anfang und ein Ende, sonst wäre es absolut.
*
Man könnte nun meinen, Leben sei absolut, ewig sei nur die Veränderung und das Behar-rende (der Begriff) sei nur Schein. Dann wäre Veränderung unveränderlich und eigentlich wäre alles nur Wiederholung. Dann allerdings gäbe es keine Richtung.
Denn es käme zu keiner Bestimmung und alles bliebe ohne Sinn.
5. 2. 20
Es ist das bei Fichte beliebte romantische Bild vom Zirkel.
Es fängt an bei einem - weil unbestimmt - Unendlichen, nämlich dem 'reinen Wollen'. Das ist ein bloß Gedachtes - noumenon. Weiter gehts - denn Wollen ist Bestimmen wollen - mit dem ununterbrochenen Clinch des unterwegs sich-selbst-bestimmenden Ich mit dem Nichtich, realiter: den Nicht-Ichen. Es ist ein Streben ins Unendliche, in die ewige nächste Bestimmbarkeit - das unendlich verbleibende Un bestimmte. Jeder Anhaltspunkt, der actu 'bestimmt wird', schwebt.
Was wie eine gerade Linie anfing, stellt sich als ein Zirkel heraus. Was anfing als ein unbestimmtes und daher Unendliches, stellt sich am offenen Ende heraus als ein ewig bestimmbar und daher un bestimmt Bleibendes.
Das wäre ein Teufelskreis, wenn dazwischen nicht... das Schweben bliebe als das romantisch anschauliche Wirkliche.
Das ist keine Analyse des empirisch-Vorfindlichen, sondern eine Sinn behauptung.
Das mag man Panästhetizismus nennen oder Künstlermetaphysik.

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