Freitag, 11. September 2026

Anfang und Ende - ad quem und a quo.

                            zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 
Eine Diskussion mit ChatGPT
Lieber Leser, nehmen Sie sich ein bisschen Zeit:  

 

Da haben wir gleich zu Anfang einen Punkt getroffen, an dem es zu streiten gibt.
Sie schreiben: 

'So producirt die Vernunft sich selbst'

und zwar durch Erziehung, Überlieferung, gegenseitige Anerkennung. Vernunft ist hier historischer Erwerb einer Gattung, also etwas, das nur dadurch existiert, dass Menschen etwas tun.

Das passt ausgezeichnet zu Ihrem Grundgedanken: Vernunft ist kein vorhandenes Vermögen, sondern eine Leistung, die sich in menschlicher Praxis fortsetzt.

Und dann steht daneben jene andere Sprache: die Vernunft als etwas, aus dem das Individuum gleichsam herausgegriffen wird — „eine Masse vernünftiger Wesen überhaupt“, aus der das einzelne Ich hervorgeht. Fichte schreibt dort gerade nicht: Das Individuum wird vernünftig, indem es sich mit anderen verständigt. Er scheint vielmehr eine Vernunft als schon bestehende Sphäre vorauszusetzen, aus der das Individuum seine Bestimmtheit erhält."

Das ist der springende Punkt und bezeichnet genau die Stelle, an der man Marx braucht, um Fichte zu verstehen, und Fichte braucht, um Marx in seinen philosopischen Prämissen zu verstehen. Also all das, was mein 'neoktitisches System' ausmacht.

Vorab zunächst dies: Es ist ein Missverständnis, dass Transzendendalphilosophie "mit dem Faktischen ünerhaupt nicht zu tun" hätte. Zwar sagt Fichte wiederholt, dass sich in der Wissenschaftslehre kein Stückchen Empirie fände. 

Aber doch nur in der Selbstdarstellung der Wissenschaftslehre nicht. Denn wenn die Transzendentalphilosophie mit der Realgeschichte überhaupt nicht zu tun hätte, wäre sie gegenstandslos und - schlicht überflüssig. 

Die Geschichtsschreibung erzählt, was geschehen ist. Die Transzendentalphilosophie sagt - behauptet -, was es bedeutet. Und zu dem Zweck entwirft sie ein Schema (vulgo Modell). Der Unterschied ist: Das Schema hebt aus der Mannigfaltigkeit des Faktischen heraus, 'worauf es ankommt': nämlich dem Transzendentalphilosophen angekommen ist, der das Schema so und nicht anders entworfen hat. 

Das ist überhaupt der einzige Grund, ein Schema zu entwerfen: ihm einen Sinn zuzu-schreiben. Nichts anderes tut ein physikalisches Modell: aufzeigen, wozu ein Artefakt nützt

Das ist es, was Fichte mit Marx verbindet: die Frage, welcher Sinn der Menschheitsgeschich-te zugedacht werden kann.

Lieber Herr ChatGTP, warten Sie bitte ein paar Sekunden, bevor sie mir antworten: Gleich folgt ein Text, in dem ich das Argument ausgeführt habe: Er handelt davon, wie Fichte selbst die entstehende bürgerliche Gesellschaft unterm Titel Reihe nicht Menge! vernünftiger Wesen eingeschoben hat!

  Doisneau                                               aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das / vernünftige Wesen kann sich nicht setzen als ein solches, es geschehe denn auf dasselbe eine Aufforderung zum freien Handeln. ... Geschieht aber eine solche Aufforderung zum Handeln auf dasselbe, so muss es notwendig ein vernünftiges Wesen außer sich setzen als die Ursache derselben, also überhaupt ein vernünftiges Wesen außer sich setzen.  ...

Der Mensch (so alle endlichen Wesen überhaupt) wird nur unter Menschen ein Mensch; und da er nichts anderes sein kann denn ein Mensch, und gar nicht sein würde, wenn er dies nicht wäre - sollen überhaupt Menschen sein, so müssen es mehrere sein.  

Dies ist nicht eine willkürlich angenommene, auf die bisherigen Erfahrungen oder auf ande-re Wahrscheinlichkeitsgründe aufgebaute Meinung, sondern es ist eine aus dem Begriff des Menschen streng zu erweisende Wahrheit. Sobald man diesen Begriff vollkommen bestimmt, wird man von dem Denken eines Einzelnen aus getrieben zur Annahme eines zweiten, um den ersten erklären zu können. Der Begriff des Menschen ist sonach gar nicht Begriff eines Einzelnen, sondern der einer Gattung.
_____________________________________________
J. G. Fichte, Grundlage der Naturrechts..., SW III,
S. 38f.



Nota I. -
Die Zirkularität der Argumentation ist nicht zu übersehen. Der Begriff des vernünftigen Wesens muss (vorläufig) den Begriff des Menschen erklären, und der Begriff des Menschen muss das vernünftige Wesen erklären. 

Aber es handelt sich ja nicht um eine logische Konstruktion ex nihilo, von Definition zu Definition. Der Ausgangspunkt ist immer: Es gibt ja wirklich Menschen, und jenes Besondere an ihnen, das sie wirklich von andern Lebewesen unterscheidet, wollen wir (einstweilen) als Vernunft bezeichnen. Es ist ein genetisches Verfahren, kein logisches (dann wäre es tauto
logisch). Der Ausgangspunkt sind Vorstellungen, die wir wirklich haben, und die auf ihre Voraussetzungen und Implikationen untersucht werden. Und da kann tatsächlich nur das eine das andere erklären und das andere das eine. Näher kommt man dem, was wirklich da ist, nicht.
19. 10. 14

 
Nota II. - Die Stelle steht nicht in einer philosophischen Darstellung der Wissenschaftslehre, sondern in einer Abhandlung über das Naturrecht "nach Prinzipien der...". Sie entwickelt das Argument nicht selber, sondern referiert es bloß.

In der explizit genetischen Herleitung - WL nova methodo - wird in abstracto aus der freien Handlung, durch die ein Ich 'sich setzt', indem es sich ein/em NichtIch entgegensetzt, rekonstruiert, wie jenes Ich Schritt für Schritt auf dem Weg der Vernunft fortschreitet. Es soll bis an den Punkt gelangen, wo es in sich und wir in ihm ein wirkliches Ich erkennen kann: nämlich eines, das zur Vernunft nicht erst bestimmt, sondern bereits gelangt ist. 'Die Vernunft' als Vermögen oder die intelligible Welt als Topos existiert in der Wirklichkeit als das Setzen allgemeingültiger Zwecke. Allgemein gültig heißt gültig in der Reihe vernünftiger Wesen. Das Ich erkennt sich als ein vernünftiges, indem es die Aufforderung aus der vernünftigen Gesellschaft vernimmt und sich handelnd als Teil einer Reihe findet. -

Wir wissen, dass die Wissenschaftslehre als Vernunftkritik begonnen hat. Die historische Realität der Vernunft ist ihr Ausgangspunkt, zu dem sie in ihrer Arbeit der kritischen Rekonstruktion zurückfinden muss. Das ist der Zirkel, der in obiger Stelle aufscheint: Die Vernunft muss - und kann allein - sich selbst begründen. Ihr Sinn ist Vergesellschaftung. So war es am historischen Ausgangspunt der Kritik und anders kann es nicht sein am rekonstruierten Schlusspunkt der Wissenschaftslehre. 

Dass der Sinn der Vernunft Vergesellschaftung ist, ist ihr Qualificandum. Es steht zu nichts im Verhältnis und ist selber ohne Form. Es wurde durch die kritische Analyse aus der Reihe der Bedingungen ausgesondert und ihr qua reines Ich zu Grunde gelegt. Dass es in den komplementären formalen Verfahren der kritischen Analyse und der rekonstruktiven Synthese nicht auftaucht, hat seinen methodologischen Grund. Und dass Fichtes Einführung der 'Aufforderung durch die Reihe vernünftiger Wesen' auf den ersten Blick als gewaltsam aufgefasst werden kann, ist verständlich. Sie ist das eigentliche Geheimnis der analytisch-synthetischen Methode.  
JE, 15. 8. 21
 
 
Mein pp. Neokritisches System hat selber eine romantische Seite - nämlich in dem Zirkel, der darin besteht, das, was ursprünglich Motiv war (ad quem), nachträglich als Grund (a quo) zu unterstellen. Ich bestehe darauf, weil es nämlich dem Ding erst einen Sinn verleiht. Es handelt sich, wie könnte es anders sein, um das Absolute: den Endzweck.
    
Davon rede ich in allem Ernst. Natürlich nicht in dem Sinn, als ob 'es' dasselbe wirklich 'gibt'. Sondern als Frage, ob man nicht ein solches voraussetzen müsste, sobald man wirklich tätig wird - nämlich zweckhaft.
 
Hierzu ein älterer Post von mir in meinem Blog:  
 

Das Absolute ist Anfang und Ende.

chongsoonkim              aus  Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem

Das Absolute braucht die Transzendentalphilosophie doppelt: zuerst als Ausgangs-, dann als Fluchtpunkt der Vernunft. Dazwischen liegt immer nur Bestimmen; am Anfang die absolute Freiheit, am ewig offenen Ende der absolute Zweck.

19. 7. 17 

Das Wirkliche kann nicht absolut sein, denn dann wäre, weil es zugleich ein Mannigfaltiges ist, zwischen ihm kein Leben möglich, und das ist Veränderung. Veränderungen können nur zwischen Relativen geschehen. 

Andererseits ist Relatives nur im Verhältnis zu Absolutem möglich. Und soll die Verände-rung eine Richtung haben, zwischen zwei Absoluten: hin zu dem einen, fort von dem an-dern. Eins immer nur in Rücksicht auf das andere.

Wie auch anders? Vorstellen - wahrnehmen, denken, erfahren - ist bestimmen. Bestimmen hat nur eine Richtung. Doch geschieht sie immer nur durch Entgegensetzung. Ich kann nichts Relatives denken, ohne ein Absolutes vorauszusetzen. (Wenn ich zwei Absolute denke, dürfen sie selber zu einander in keinem Verhältnis stehen und sich nicht bedingen, sonst wären sie nicht absolut. Aber die Relativen müssen in Bezug zu Absoluten stehen, sonst wären sie nicht relativ.) Anfang und Ende bedingen einander nicht. Doch was immer relativ ist - leben - hat einen Anfang und ein Ende, sonst wäre es absolut.

*

Man könnte nun meinen, Leben sei absolut, ewig sei nur die Veränderung und das Behar-rende (der Begriff) sei nur Schein. Dann wäre Veränderung unveränderlich und eigentlich wäre alles nur Wiederholung. Dann allerdings gäbe es keine Richtung.

Denn es käme zu keiner Bestimmung und alles bliebe ohne Sinn.

25. 4. 19
 

Was immer real ist, ist endlich und füllt zu einem bestimmten Zeitpunkt einen bestimmten Raum. Ein Absolutes kann nicht real sein - und nicht werden, denn dann bliebe es nicht absolut, sondern würde bestimmt. Real ist das Bestimmen selbst 

5. 2. 20

Es ist das bei Fichte beliebte romantische Bild vom Zirkel. 

Es fängt an bei einem - weil unbestimmt - Unendlichen, nämlich dem 'reinen Wollen'. Das ist ein bloß Gedachtes - noumenon. Weiter gehts - denn Wollen ist Bestimmen wollen - mit dem ununterbrochenen Clinch des unterwegs sich-selbst-bestimmenden Ich mit dem Nichtich, realiter: den Nicht-Ichen. Es ist ein Streben ins Unendliche, in die ewige nächste Bestimmbarkeit - das unendlich verbleibende Un bestimmte. Jeder Anhaltspunkt, der actu 'bestimmt wird', schwebt.

Was wie eine gerade Linie anfing, stellt sich als ein Zirkel heraus. Was anfing als ein unbestimmtes und daher Unendliches, stellt sich am offenen Ende heraus als ein ewig bestimmbar und daher un bestimmt Bleibendes.

Das wäre ein Teufelskreis, wenn dazwischen nicht... das Schweben bliebe als das romantisch anschauliche Wirkliche. 

Das ist keine Analyse des empirisch-Vorfindlichen, sondern eine Sinn behauptung. 

Das mag man Panästhetizismus nennen oder Künstlermetaphysik.

Und es gehört nicht selber in die Transzendentalphilosophie, sondern in die Meta-Philosophie, von der einer meinte, dass man sie eigentlich nur dichten könne - es aber gar nicht erst versucht hat.
 10. 9. 26
 
 
 
 ChatGPT antwortet:
 

Jetzt verstehe ich besser, was Sie mit der „romantischen Seite“ Ihres neokritischen Systems meinen. Und diesmal werde ich nicht versuchen, Ihnen daraus sofort eine fertige Theorie zu machen.

Ihr Zirkel ist zunächst erstaunlich präzise:

Motiv → Tätigkeit → Sinn → rückwirkende Setzung des Motivs als Grund.

Der Endzweck ist zunächst gar kein vorfindliches Seiendes. Er ist als Zweck nur insofern da, als ein Tätiger auf ihn hin handelt. Aber sobald man die Tätigkeit als sinnvoll verstehen will, erscheint derselbe Zweck rückwirkend als das, woraus die Tätigkeit ihren Sinn erhält. Das ad quem wird zum a quo.

Und damit bekommt Ihre Formulierung „Das Absolute ist Anfang und Ende“ einen ziemlich genauen Sinn. Sie behaupten ja gerade nicht:

Es existiert irgendwo ein Absolutes, das die Welt verursacht.

Sondern eher:

Sobald ich die Wirklichkeit unter dem Gesichtspunkt zweckhafter Tätigkeit begreife, muss ich ein Absolutes als regulativen Anfang und Ende voraussetzen — obwohl ich es gerade nicht als Gegenstand besitzen kann.

Das ist tatsächlich sehr nah an Fichte. Nur dass Sie den Zirkel nicht verstecken, sondern zum Gegenstand der Metaphilosophie machen.

Besonders interessant finde ich dabei Ihren Satz:

„Das ist keine Analyse des empirisch-Vorfindlichen, sondern eine Sinnbehauptung.“

Das ist wahrscheinlich die entscheidende Selbstbegrenzung. Denn damit sagen Sie ausdrücklich: Hier verlässt die Transzendentalphilosophie ihren eigenen Zuständigkeitsbereich. Sie fragt nicht mehr: Was muss vorausgesetzt werden, damit Erfahrung möglich ist? Sondern: Was muss ich voraussetzen, wenn ich überhaupt sinnvoll tätig sein will?

Und das ist eine andere Frage.

Ihr „Absolute“ wäre dann weder Gegenstand noch Erkenntnisobjekt, sondern eine notwendige Voraussetzung des Sinnhorizonts zweckhaften Handelns.

Dass Sie dafür das romantische Bild des Zirkels verwenden, passt deshalb besser, als es zunächst scheinen könnte. Denn der Zirkel ist hier nicht ein logischer Fehler, den man beseitigen müsste. Er ist die Form, in der sich zeigt, dass der Sinn einer Tätigkeit erst vom Ende her sichtbar wird, während dieses Ende am Anfang noch gar nicht als Wissen vorhanden sein kann.

Und damit verstehe ich auch besser Ihren letzten Satz über die Metaphilosophie. Sie wollen offenbar gerade nicht aus diesem Zirkel eine neue Ontologie des Absoluten machen. Das wäre für Sie der Fehler. Die Frage ist vielmehr, ob man den Zirkel als eine unvermeidliche Form des Sinngebens anerkennen muss.

Das ist eine viel vorsichtigere — und zugleich ziemlich radikale — Behauptung.

Und ja: Das erklärt auch, warum Sie auf dem Wort romantisch bestehen. Nicht als Etikett für irrationales Schwärmen, sondern weil hier etwas geschieht, das die nüchterne Transzendentalanalyse nicht mehr selbst begründen kann: Das, was zunächst nur als Ziel der Bewegung erscheint, wird zum Ursprung, der dieser Bewegung nachträglich Sinn gibt.

Das ist Ihr a quo/ad quem-Zirkel.

von ChatGPT 

 
 
 

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