Dienstag, 26. Juli 2022

Immer wieder nur dasselbe - bloß schneller.


aus Süddeutsche.de, 25. Juli 2022                      Der Benediktinerabt Rupert Kornmann.                      zu öffentliche Angelegenheiten

Nicht neu, nur schneller

Wie der junge Reinhart Koselleck seinem Mentor Carl Schmitt mal ein Geschenk machte, das uns auf die Spuren eines Verwandten im Geiste bringt. Der hätte uns auch heute einiges zu sagen.

von Gustav Seibt

Im Frühjahr 1961 sandte der junge Historiker Reinhart Koselleck seinem Mentor Carl Schmitt eine 1947 erschienene Auswahl aus den Schriften eines Benediktinerabts namens Rupert Kornmann zu. Kornmann lebte von 1757 bis 1817 und hatte 1803 bei der großen Enteignung des deutschen Kirchenbesitzes im "Reichsdeputationshauptschluss" seine Abtei - Prüfening bei Regensburg - verloren. Seither lebte er als gelehrter Schriftsteller, der sich in scharfzüngiger Zeitdiagnostik übte. Es galt die Umbrüche der Epoche, die Kornmann ganz unmittelbar betroffen hatten, zu begreifen. Als philosophisch geschulter Katholik besaß Kornmann eine exzentrische Beobachterposition, die ihn zu einer ungewöhnlichen, nur ihm eigenen Analyse des Revolutionszeitalters führte.

Das Buchgeschenk von 1961 löste beim Adressaten keine Resonanz aus, obwohl ein apokrypher katholischer Geschichtsdenker für Carl Schmitt eine passende Gabe war. Umso auffälliger ist die konstante Anwesenheit Kornmanns in Kosellecks theoretischen Abhandlungen bis in seine letzte Lebenszeit. Ausgehend von der erfolglosen Buchsendung hat nun Jan Eike Dunkhase alle publizierten und etliche unpublizierte Kornmann-Spuren bei Koselleck - darunter Exzerpte und Lektürespuren im Nachlass - ausgewertet und zusammen mit einer kleinen Auswahl aus den Schriften des Benediktiners vorgelegt. Daraus wurde ein brillanter ideenhistorischer Krimi, der bis in das Bielefelder Schwimmbecken führt, in dem Koselleck ein paar tausend Bände seiner riesigen Bibliothek lagerte.

Was machte Kornmann für Koselleck so interessant? Kornmann war einerseits ein scharfsichtiger Diagnostiker der Beschleunigung, die mit dem Revolutionszeitalter in die Geschichte gekommen war. Andererseits bestritt Kornmann, dass diese Beschleunigung auch eine grundsätzliche Neuartigkeit der rasend schnell gewordenen Abläufe bedeute. Immer noch nichts Neues unter der Sonne, nur zehnmal so schnell wie früher, lautet Kornmanns Überlegung in knappster Form: "Unsere Zeitgeschichte ist eine kurze Wiederholung der allgemeinen Weltgeschichte."


Diesen Gedanken entfaltete Kornmann in zahlreichen Parallelen, die sich zu einem System von "Wiederholungsstrukturen" bündelten, um es mit einem Wort Kosellecks zu sagen. So beobachtete Kornmann, dass die "Befehlshaber der großen Aufklärung" - also Politiker, die im Namen des Fortschritts agierten - "in ihrem Wirkungskreise das Nämliche taten, worüber sie die vergangenen Zeiten angeklagt hatten." Kornmann nannte Kreuzzüge, Inquisition, Gewissenszwang, Kolonisierung. "Aber lasst uns die Namen ändern, und wir finden alle diese Erscheinungen unter der brennenden Sonne der Aufklärung wieder." Besonders abstoßend darunter "die lügenhafte Gestalt der Humanität", in deren Namen Terror geübt wurde.


Man kommt bei der Kornmann-Lektüre schnell ins Mitschreiben, so scharfzüngig ist er: "Siege über Andächteleien und Missbräuche alter Weiber waren ebenso wenig eines Trompetenstoßes wert als Domitians Triumphzüge über erlegte Fliegen." Beschleunigung, aber kein "Fortschritt", damit besetzte Kornmann genau die strategische Stelle, an der Koselleck seine Theorie historischer Zeiten angesiedelt hatte: Sie vereinte die Wahrnehmung eines alle Lebensbereiche erfassenden Veränderungsdrucks mit gleichzeitiger Skepsis gegen optimistische oder apokalyptische Geschichtsphilosophie. Geschichte rast, aber sie hat immer noch kein Ziel.

Diese Skepsis sollte vor jenen totalitären Selbstermächtigungen bewahren, mit denen revolutionäre Akteure im Namen "der Geschichte" über Leichen gingen. Und womöglich hatte der "im Horizont neuzeitlich bewegter Geschichte" aufgelöste Topos von Geschichte als Lehrmeisterin des Lebens ("Historia magistra vitae"), dem Kosellecks berühmteste Abhandlung galt, doch nicht ausgedient. Er musste eben um eine Theorie historischer Zeiten ergänzt werden, dann konnte er immer noch gegen die gewalttätigen Anmaßungen der Geschichtsphilosophie dienen.

In dem skeptischen, scharfzüngigen Katholiken, der sich gegen alle restaurativen Versuchungen verwehrte - ein Zurück in eine heile Vormoderne konnte es auch für Kornmann nicht geben - hatte Koselleck einen Bruder im Geiste gefunden. Und auch für heutige Leser enthält der kaustische Abt immer wieder beunruhigend Treffendes: "Gott hat nicht gesprochen: Zerstöret die Erde, sondern füllet sie."

"Je mehr Polizey (Regelung) die Sprache bindet, desto weniger weiß sie."

"Der Geist der Erfindung hat in den Zeiten der Verfeinerung neue Mordmaschinen erfunden und die alten verbessert."

"Die Gegenwart kann man wohl zum Schweigen bringen; nicht so die Nachwelt."

Einen solchen Schriftsteller sollte man nicht liegen lassen.


Jan Eike Dunkhase: Kornmanns Wahrheit. Eine Geschichte aus der Sattelzeit. Matthes & Seitz, Berlin 2022. 111 Seiten, 12 Euro.



Nota. - Gibt es einen Fortschritt in der Geschichte?

Das ist keine Frage an die Vergangenheit; das ist eine Frage an die Gegenwart. Denn gäbe es einen Fortschritt, dann wäre unsere Welt die beste nicht aller möglichen, aber doch aller bisherigen Welten. Ist sie das nicht, gab es keinen Fortschritt. Aber wie's weitergeht, liegt nun in unserer Hand. So einfach ist das, doch Leute wie Kornmann, die ihre Chance ver-passt haben, wollen uns was anderes weismachen.

JE





Montag, 25. Juli 2022

Erst wenn der Kopf oben ist, gehen wir aufrecht.

aus Die Geschichte des Männlichen  in Natur und Gesellschaft

Den aufrechten Gang haben sich unsere Vorfahren nicht aus Naturnotwendigkeit zuge-zogen. Als sich vor zwei, drei Millionen Jahren in Ostafrika das Klima erwärmte und den Regenwald zu einer Feuchtsavanne ausdünnte, zogen sie sich nicht, wie ihre äffi-schen Vettern, mit dem Dschungel zurück, son-dern stiegen stattdessen auf den Boden herab.[1] 

Eine Feuchtsavanne ist kein einheitlicher Lebensraum, sie besteht aus vielen Vegetations- und Klimainseln, von denen keine als dauernder Wohnort reichen mochte. Jedenfalls ge-wöhnten sie sich an, von einer zur andern zu wechseln, und dabei werden sie sich aufge-richtet haben. Das war eine Anpassung an einen Zustand, der sich durch seine Veränder-lichkeit auszeichnete.

Spezialisierung auf einen unspezifischen Lebensraum ist Entspezialisierung. Der Normal-zustand, für den er sich zugerichtet hat, war der Wechsel. Er entschied sich fürs Unbe-stimmte. Indem der männliche Anteil sich erstmals selbst behauptete, gewann er seinen Platz im ‚Plan der Natur’. Die Plastizität (Gehlen) des Homo sapiens ist sein eigentüm-licher Beitrag zum Gattungscharakter. Und seither erst kann es einen Geschlechtergegen-satz überhaupt geben – als Folge der Emanzipation des Männlichen.

Ob Frauen oder Männer…
 

…die Pioniere des aufrechten Ganges waren, kann die Paläontologie nicht selbst erwei-sen, denn dazu schweigen die fossilen Funde. Doch die vergleichende Anatomie kann helfen, so daß wir auf bloße Phantasie nicht angewiesen sind. Die Anatomie des Men-schen sei der Schlüssel zur Anatomie des Affen, sagt Marx, und umso mehr die des mo-dernen Menschen zu jener der Hominiden. Im Unterschied zu ihren nächsten Verwand-ten ist bei den Menschen der Geschlechtsdimorphismus – der Gestaltunterschied zwi-schen männlichen und weiblichen Individuen – auffällig schwach ausgeprägt: ein stam-mesgeschichtlicher Neuerwerb!

Am deutlichsten fällt er indes an drei Punkten aus: der Breite der Schultern, der Weite des Beckens und der Länge der Ober-schenkelknochen.[2] Und alle drei Punkte haben ihren ausge-zeichneten Platz in der Mechanik des Gehens auf zwei Beinen.

Denn wir gehen nicht so sehr mit der Kraft unserer Muskeln als mit der Schwungkraft, dem Drehen und Pendeln des Rump-fes und der Gliedmaßen. Nun wird, wie es scheint quer durch die Kulturen, die männliche Figur durch ein auf der Spitze ste-hendes Dreieck, die weibliche Figur durch ein Oval veranschau-licht: Die Bedeutung fürs Drehen und Pendeln sticht ins Auge. 

 
Schultern, die breiter…
 
…sind als das Becken, begünstigen das Pendeln der Arme, lange Oberschenkel steigern die Schwungkraft der Beine. Voraussetzung für Pendeln der Gliedmaßen und Drehung des Rumpfes ist Gleichgewicht: Ein hoher Schwerpunkt – lange Beine, breiter Oberkör-per – fördern das Gleichgewicht. Bleibt als Hauptproblem: eine gerade Wirbelsäule. Ihr wunder Punkt sind die Hüftgelenke, mit denen sie auf den Beinen lastet.

Ein enges, zylindrisches Becken bietet dem Großen Gesäßmuskel (glutaeus maximus), der den Rumpf gerade hält, eine bessere Ansatzfläche als ein breites, trichterförmiges Becken, und erleichtert ihre Kontraktion; zugleich ermöglicht es eine kompakte Bauchmuskulatur. (Waschbrettbauch und Knack... gelten als sekundäre Geschlechtsmerkmale.) Und zur Wahrung des Gleichgewichts müssen die Füße möglichst eng aneinander vorbeigeführt werden, auch da sind schmale Hüften offenbar von Vorteil; und schließlich für die Opti-mierung im Zusammenspiel von Hüft-, Knie- und Fußgelenken.
 
Ob nun häufigeres Gehen auf zwei Beinen die männliche Morphologie ausgeprägt oder ob die männliche Morphologie zum Aufrechtgehen besser „zugerichtet“ war, ist ein Streit um das Ei und die Henne. Aber immerhin – einen Geschlechtsdimorphismus im Bereich der Fortbewegungsmechanik gibt es nur beim Zweibeiner. 

An dieser Stelle… 

…offenbart sich übrigens der Dogmatismus, der dem Streit von Naturalisten und Kul-turalisten in der Geschlechterfrage zugrunde liegt. „Alles Veranlagung“ sagen die einen, „alles nur Erziehung“ sagen die andern. Aber der Mensch hat nicht nur seine Kultur (Er-ziehung), sondern auch seine Naturgeschichte (Veranlagung) selber gemacht; nämlich an all den Punkten, an denen sich seine Gattung von den andern unterscheidet. Das mögen nicht viele sein, aber es sind die, auf die es ankommt. Über die Schicksale des Homo sa-piens entscheiden nicht die Anlagen, die er „mitbringt“, sondern – mit Alfred Adler zu reden – das, was er daraus macht. Und daß er die Wahl hat, verdankt er jener Selbstbe-hauptung seines männlichen Anteils an der Schwelle von der Nische zur Welt. (Nur ob er wählen will – das kann er nun nicht mehr wählen.)

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[i] Daß die progressive Krümmung des Schädelkeilbeins sie darauf vorbereitet hat, steht auf einem andern Blatt.
[ii] Die Unterschiede im Gehirn sind geringfügiger, als vermutet wurde, und betreffen v. a. den sog. „Balken“, der die beiden Hemisphären verbindet und bei Frauen etwas dicker ist. Frauen könnten emotive und analytische Leistungen leichter verbinden, Männer könnten sie leichter trennen. Aber was ist der Vorteil, wenn sich z. B. bei der Lektüre von Kant jederzeit das Gefühl und in die Empfindungen jederzeit Berechnung einmischen könnte? Dieses ist sachlich, jenes ist menschlich unerwünscht.
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Menschwerdung geschah in Sprüngen.

aus scinexx.de                                                                                                                                    zuJochen Ebmeiers Realien

Wie Mutationen uns zu Menschen machten
DNA-Analyse identifiziert mehrere Schübe genetischer Evolution beim Homo sapiens
Sprunghafte Entwicklung: Die genetische Basis für unser Menschsein entwickelte sich in mehreren zeitlichen Schüben, wie DNA-Vergleichsanalysen enthüllen. Demnach entstanden viele für den Homo sapiens entscheidende Genvarianten vor mehr als 300.000 Jahren. Vor rund 50.000 Jahren folgte dann ein weiterer genetischer Innovationsschub. Er beeinflusste vor allem das Gehirn und Verhalten und traf zeitlich mit der Ausbreitung des Homo sapiens in Eurasien zusammen.


Am Beginn der Menschheitsgeschichte gab es noch viele verschiedene Vor- und Frühmenschenarten. Doch nur der Homo sapiens setzte sich durch und wurde zur heute einzigen Menschenart auf unserem Planeten. Aber warum? Was machte unsere Vorfahren so erfolgreich und was unterschied sie von ihren Vorgängern und Zeitgenossen? Bisher ist diese Frage erst in Ansätzen geklärt und auch die genetische Basis für viele „typisch menschliche“ Merkmale liegt teils im Dunkeln.

Mosaik statt geradliniger Entwicklung

Klar scheint aber: Anders als lange gedacht verlief die menschliche Evolution nicht geradlinig und einsträngig. „Die anatomischen Eigenschaften, die uns als Spezies kennzeichnen, tauchten nicht gebündelt im Paket und an nur einem geografischen Ort auf, sondern entwickelten sich graduell und in einem den gesamten afrikanischen Kontinent umfassenden Mosaik“, erklären Alejandro Andirko von der Universität Barcelona und seine Kollegen. Fossilien belegen beispielsweise, dass verschiedene Frühmenschen bereits Teile der modernen menschlichen Anatomie entwickelten.

Auch Verhaltensmerkmale und geistige Leistungen, die früher als einzigartig für den Homo sapiens galten, haben Anthropologen inzwischen für enge Verwandte unserer Vorfahren wie den Neandertaler nachgewiesen. Dazu gehören unter anderem Felskunst, Schmuck oder Bestattungsrituale. „Die Bandbreite der frühen menschlichen Vielfalt hat Anthropologen überrascht“, sagt Andirko. Umgekehrt zeigten einige frühe Homo-sapiens-Fossilien noch archaische Merkmale.

Menschentypische Genvarianten zurückverfolgt

Doch wie sah es mit der genetischen Evolution des Homo sapiens aus? Wann entwickelten sich die Gene, die uns zum Menschen machen und von allen anderen Hominiden unterscheiden? Das haben Andirko und sein Team nun mithilfe von Genomvergleichen untersucht. Sie werteten dafür Datenbanken menschlicher Genvarianten aus, die mehr als 4,4 Millionen Punktmutationen im Erbgut der heute weltweit lebenden Menschen erfassen.

Aus diesen Genvarianten wählten die Forschenden primär sogenannte High-Frequency-Genvarianten für ihre Analyse aus. Diese Genombereiche sind durch Mutationen gekennzeichnet, die nur beim Homo sapiens gehäuft auftreten. Durch Vergleichsanalysen und mithilfe eines speziellen Algorithmus ermittelten Andirko und sein Team, wann diese Genvarianten auftraten und wie dies mit zeitlichen Eckpunkten der Homo-Sapiens-Evolution zusammenhängt.

Zwei klare Peaks der genetischen Innovation

Das Ergebnis: Unsere Vorfahren erlebten zwei ausgeprägte Schübe der genetischen Veränderungen – einen vor mehr als 300.000 Jahren und einen zweiten vor 90.000 bis 40.000 Jahren. „Diese Verteilung im Auftreten der hochfrequenten Genvarianten entspricht zwei Perioden mit großer Bedeutung für Evolutionsgeschichte des Homo sapiens“, erklären die Wissenschaftler. „Wir konnten klar verschiedene Epochen und die mit diesen verknüpften Varianten identifizieren.“

Durch nähere Analysen konnte das Team für einige dieser Genvarianten ermitteln, welche Funktionen und Organe sie beeinflussen. Dazu gehören neben Knochen, Muskeln und anderen anatomischen Merkmalen auch der Hormonstoffwechsel und das Gehirn. „Wir haben festgestellt, dass sich vor allem die Hirngewebe zu verschiedenen Zeiten unserer Geschichte in ihrem Expressions-Profil unterschieden“, berichtet Andirko. „Bestimmte Gene der neuronalen Entwicklung waren demnach zu einigen Zeiten aktiver als in anderen.“

Vom Frühmenschen zum Homo sapiens

Der erste Peak neuer genetischer Varianten liegt vor gut 300.000 Jahren und damit in der Zeit, in der sich der Homo sapiens gerade von anderen Vertretern der Gattung Homo abtrennte. Unsere Vorfahren entwickelten damals unter anderem das gerade Gesicht ohne vorstehende Kiefer und weitere anatomische Merkmale des modernen Menschen. Davon zeugen unter anderem die 2017 im marrokkanischen Jebel Irhoud entdeckten Fossilien des bisher ältesten Homo sapiens.

Gleichzeitig könnten die zu dieser Zeit entstandenen Genvarianten dem werdenden Homo sapiens neue geistige Fähigkeiten und Verhaltensweisen verliehen haben. Indizien dafür fanden Andirko und sei Team in einigen aus dieser Zeit stammenden Genvarianten, die die Vernetzung des Gehirns fördern. Die dadurch neu erlangten Fähigkeiten könnten es unseren Vorfahren ermöglicht haben, besser mit Umweltveränderungen umzugehen.

Aufbruch in die Welt

Die zweite Phase besonders vieler neuer Genvarianten liegt in der Zeit vor rund 90.000 bis 40.000 Jahren. Dies entspricht der Phase, in der Homo sapiens Afrika verließ und andere Kontinente zu besiedeln begann. Damals entwickelten unsere Vorfahren vor allem einige neue geistige und koordinatorische Fähigkeiten, wie die funktionalen Analysen der Genvarianten zeigen. So bewirkten einige vor rund 50.000 Jahren aufgetretenen Mutationen, dass das Corpus Callosum, das die beiden Hirnhälften verbindet, deutlich größer wurde.

Etwa um die gleiche Zeit traten auch Genvarianten auf, die das Volumen der grauen Hirnsubstanz im Kleinhirn erhöhten. Anders als lange gedacht ist das Cerebellum nicht nur für die Bewegungssteuerung und -koordination zuständig, sondern spielt auch eine wichtige Rolle in vielen höheren Hirnfunktionen – von der Aufmerksamkeit bis hin zur Entscheidungsfindung.

„Das“ Menschengen gibt es nicht

Nach Ansicht des Forschungsteams zeige ihre Ergebnisse, wie und wann genetische Innovationen die Evolution des Homo sapiens geprägt haben. Gleichzeitig illustrieren sie aber auch, dass die Entstehung des modernen Menschen nicht die Folge nur eines oder weniger Gene war. „Wir haben keine Belege für evolutionäre Veränderungen gefunden, die nur auf einer oder wenigen Schlüsselmutationen beruhten“, sagt Andirko.

Stattdessen machten viele winzige Veränderungen und ihre zu bestimmten Zeiten auftretenden Häufungen uns Menschen zu denen, die wir heute sind. (Scientific Reports, 2022; doi: 10.1038/s41598-022-13589-0)

Quelle: Universidad de Barcelona; 25. Juli 2022 - von Nadja Podbregar

Nota. - Quot natura non fecit saltus: Dass die Natur keine Sprünge macht, kommt uns wie eine Urvorstellung des menschlichen Bewusstseins vor. Wurzeln hatte sie wohl schon in der Zweiten Stoa, aber zum zweifelsfreien rationalistischen Dogma hat sie erst Leibniz gemacht. Viel früher hat auch keiner über die Natur nachgedacht wie über einen besonde-ren Gegenstand mit ihm eigenen Bestimmungen. 

Dazu war nicht nur die metaphysische Aufladung der Mathematik, sondern auch die Wiederentdeckung der aristotelischen Entelechie erforderlich. Nur weil  Leibniz ein rationalistischer Metphysiker war, mochte er sich 'die Natur' nicht anders als regelmäßig und kontinuierlich vorstellen - nicht umgekehrt. Tatsächlich enthält das kontinuierliche Dogma nicht ein Milligramm Wissenschaft. Der Augenschein legt vielmehr näher, dass die Natur kaum was andres macht als Sprünge; weil nämlich ständig irgendwo irgend-was mutiert.

So ist 'der Mensch' oder das, was von ihm schon da war, in die Welt nicht sanft hinüber-geglitten, sondern aufgebrochen; gesprungen, wenn's auch hunderttausende von Jahren gebraucht hat. Es war nämlich nicht so, dass der (Vor-)Mensch in seiner Nische gehaust hätte und jenseits ihrer Grenzen lag die große weite Welt bereit für einen, der übergehen wollte. Sondern indem der Mensch seinen Urwald verlassen hat, ist ihm die Welt über-haupt erst entstanden: nicht Stück für Stück, sondern als Dimension, nämlich im Geist. (Die Welt als ein besonderes Etwas gibt es nur als Gegensatz zu einem darin wirkenden Subjekt.)
JE



Sonntag, 24. Juli 2022

Mythos und Ur-Sprung, oder Biologie und Bedeutung.

 
Ick bün all do 

sagte 
zum Hasen der Igel.


Es fällt schwer, die molekularbiologischen Befunde oder gar den Peitschenangler, die Drohne, den Löwenpascha nicht sinnbildlich aufzufassen. Der suggestiven Kraft dieser Bilder kann man sich umso weniger entziehen, als jeder von uns entweder das eine oder das andere ist, entweder Mann oder Frau – und wenn nicht, dann hat er’s extra schwer. Daher die wissenschaftliche Sorge, das Biologisch-Faktische möglichst sauber von seiner Symbolik zu scheiden. Doch was zeigt sich? Die „Fakten“ sind selbst schon durch Sinngebungen konsti-tuiert.
 

Die Suche nach dem, was das Männliche (Weibliche) „faktisch ausmacht“, setzt eine Ahnung davon, was das Männliche (Weibliche) „bedeutet“ (bedeuten soll), immer schon voraus. Es ist ein hermeneutischer Zirkel, der sich innerhalb der Wissenschaft – der kausal rekonstruierenden Naturwissenschaft – nie wird durchbrechen lassen. Sinnbehauptungen lassen sich nicht beweisen, sondern müssen sich bewähren. In mythischen Bildern sind sie besser aufgehoben als in ursächlicher Forschung. Man leistet der Wissenschaft einen Dienst, wenn man sie von ihren mythischen Unterströmungen befreit, indem man diese rein darstellt. Allerdings wird dabei deutlich: Die Tatsachen sind uns durch ihren Sinn gegeben, nicht umgekehrt, denn jener wirft die Frage nach diesen erst auf.
 
„Alle höchsten Wahrheiten sind durchaus trivial, und darum ist nichts notwendiger, als sie immer neu auszusprechen, damit nicht vergessen wird, daß sie noch da sind“, sagt Friedrich Schlegel. Zum Beispiel die, daß in der „Natur“ des Menschen (doch nicht der andern Lebewesen) noch stets zwei streitende „Kräfte“ zu beobachten waren, deren Widerspiel anscheinend die Dynamik unseres Gattungsschicksals ausmacht. Da ist, wie in allem Leben, eine Tendenz zur Bewahrung, zur Sicherung, zum Zurichten für die Normalität – die Sorge um die Erhaltung. Und da ist eine Tendenz, die sich nur bei der Gattung Homo findet und beim Sapiens insbesondere, denn darum allein gibt es ihn noch: eine Neigung zum Überschwang, zum Vagen und Unerhörten; eine Tendenz, die allezeit das Leben aufs Spiel setzt.

Und noch eine weitere Trivialität: daß allzeit die Sorge um das Gleichgewicht und das Haushalten dem weiblichen, aber die Unruhe und der Drang ins Ungewisse dem männlichen Element zugeordnet wurde: ein Mythos par excellence.

Sehen wir zu, wie er sich im historischen Material bewährt. An der Kulturgeschichte bewährt er sich so blendend, daß man blinzelt: Womöglich hat nur ein jahrtausendelang vorherrschender männlicher Blick unsere Optik so eingeschliffen?

Aber er bewährt sich bereits an unserer Naturgeschichte, nämlich insbesondere an jenem Punkt, wo unsere Gattung aus der Natur heraus- und damit in ihre eigene Geschichte trat: an der Hominisation selbst.

Von allen Lebewesen ist der Mensch das einzige, das nicht in einer ökologischen Nische haust. Er lebt in der Welt, und die ist eine Dimension, die er sich selbst verschafft hat – mit dem Kopf. Sie ist das Gegenteil von einer Nische. Die Welten der Jäger und Sammler, der orientalischen Hochkulturen und der postindustriellen Gesellschaft mögen sich nach innen noch so sehr unterscheiden. Aber nach außen sind sie gemeinsam ebenso scharf geschieden von jenen Umwelten, für die „die Natur“ all unsere Mitgeschöpfe zugerichtet hat. Dadurch nämlich, daß sie, anders als jene, grundsätzlich fraglich sind. Selbst in der archaischsten Ackerbaukultur und selbst in der mesopotamischen Theokratie ist ein jedes Individuum doch wenigstens einmal „draußen“ gewesen – mit dem Kopf, als Kind.
 

Daß es das konnte – und, wenn es denn will, immer wieder kann – verdanken wir dem Aufbruch unserer Urahnen aus ihrem angestammten afrikanischen Urwald in die weiten, fremden Savannen des ostafrikanischen Grabens, wo man sich nirgends einnisten und nur vagant überleben konnte. Die Condition humaine ist Unsicherheit und Gefahr; und die Verlockung des Unerhörten. Nur in der Welt ist das Subjekt „geworfen“. Na ja – erst in der Welt wird es Subjekt.

Was aus der proletarischen Revolution geworden ist.

                   zu öffentliche Angelegenheiten  

Ein Flugblatt zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution:
Fünfzig Jahre danach

Vor 50 Jahren, am 7. November, übernahm die Bolschewistische Partei die Macht in Rußland - die erste siegreiche proletarischen Revolution der Weltgeschichte. Im Novem-ber 1917 schickte sich das russische Proletariat an, den Sozialismus aufzubauen.


Ein halbes Jahrhundert ist vergangen. Ist aber die Menschheit, ist die Sowjetunion seither dem Sozialismus näher-gekommen? Gewiß, in etlichen Teilen der Erde ist inzwischen die Herrschaft des Kapitalismus gebrochen worden. Aber können wir das gesellschaftliche Regime in irgendeinem diese Länder, von Ostasien bis zur Karibischen See, anhand der marxistischen Kriterien allen Ernstes als sozialistisch bezeichnen?


Nach einem halben Jahrhundert Aufbau des Sozialismus ist nicht etwa der Staat als Zwangsorgan der des Proletari-ats gegenüber der besiegten Bourgeoisie abgestorben, wie es Marx und Lenin erwartet hatten, sondern hat sich stattdessen als Zwangsapparat einer politisch und materiell privilegierten Bürokratenkaste über das Proletariat erhoben und macht bisher nicht die geringsten Anstalten, absterbn zu wollen. Ein halbes Jahrhun-dert sind die Sowjets, die Organe der demokratischen Diktatur der Arbeiterklasse, zu un-politische, machtlosen Schwatzbuden vom Niveau westberliner Bezirksverordnetenver-sammlungen verkommen. Die Bolschewistische Partei Lenins und Trotzkis, die Partei der Oktoberrevolution, ist ein Asyl für die Mittelmäßigkeit und Tummelplatz für Postenjäger geworden. Und andererseits ist es doch dem armseligen bäuerlichen Rußland gelungen, in dieser Zeit zur zweitstärksten Industrie-macht der Welt emporzusteigen!

Wie erklärt sich dieser Widerspruch? Wie erklärt der Marxismus die unsäglichen Verbre-chen, die in der Sowjetunion und durch die Sowjetunion im Namen des Sozialismus und er Weltrevolution begangen wurden? Wie ist es zu er-klären, daß von der Alten Garde des Bolschewismus, von den Kampfgefährten Lenins nur die blassesten, farblosesten, charak-terlosesten diese fünfzig Jahre überlebten, während die große Mehrheit den apokalypti-schen Hexenjagden der Stalin-Ära zum Opfer fiel - Trotzki, Sinowjew, Kamenew, Bucha-rin, Radek und dutzende, hunderte anderer?


Für den Marxismus ist die phantastische Entartung der Bolschewistischen Partei zu einer Hilfstruppe der GPU weder ein schicksalhaft-unausweichlicher Prozeß noch ein Betriebs-unfall der Weltgeschichte, verursacht durch den schlechten Charakter einer einzelnen Per-son - Stalin. Der Marxismus sieht in der Geschichte keine geheimnisvollen, überirdischen Weltgeister walten, noch ist ihm der historische Prozeß bloß die Summe der großen Taten großer Männer. Die Kraft, die er als die Dynamik im Verlauf der Geschichte erkennt, ist der Kampf feindliche Klassen und feindlich Schichte  innerhalb dieser Klassen - und zwar nicht nur in einem Land, sondern im Weltmaßstab.

Entgegen den Erwartungen von Marx und Engels hat die proletarische Revolution nicht zuerst in einem industriell hochentwickelten Land gesiegt - ein Umstand, der für die marxistische Theorie allerdings keineswegs unerwartet kam: Seit 1905 haben Rosa Luxem-burg und L. Trotzki in der Theorie der "permanenten Revolution" vorhergesehen, daß das Proletariat vermutlich zuerst in einem zurückgebliebenen Land siegen würde, nämlich Rußland.

Für Marx und Lenin war die proletarische Revolution immer nur als Weltrevolution denkbar. Noch im Dezember 1921 erklärt der IV. Weltkongreß der kommunistischen Internationale, "daß die proletarische Revolution nie innerhalb eines einzigen Landes vollständig siegen kann, daß sie vielmehr international, als Weltrevolution siegen muß". Aber die proletarische Revolution in den andern Ländern bliebt aus - wesentlich mitver-schuldet durch die falsche Politik der Komintern-Spitze. Sowjetrußland blieb eine vom Imperialismus umzingelte und belagerte Festung. 

Dies war - nach dem niedrigen Industrialisierungsgrad Rußlands und den den durch den Bürgerkrieg verursachten Verwüstungen - die wichtigste historische Voraussetzung für die Herausbildung einer ökonomisch und politisch privilegierten Bürokratenkaste, die sich über das Proletariat erhob und es seiner politischen Macht beraubte: Die Diktatur der Proletariats wird ersetzt durch die Diktatur der Bürokratie über das Proletariat.

In der warenproduzierenden, also von entfremdeter Arbeit lebenden Gesellschaft ent-stehen und reproduzieren sich unvermeidlich die aus der kapitalistischen Gesellschaft überkommenen Verdinglichungstendenzen, die zur Bürokratisierung auch der revoluti-onären Partei führen können. Dieser allgemeine Zug zur Bürokratisierung, der erst in der kommunistischen Überflußgesellschaft vollständig überwunden werden dürfte, mußte im rückständigen Rußland besonders scharfe Formen annehmen. Diese Bürokratisierung erschöpfte sich nicht mehr nur in mehr oder weniger individuellen Akten politischer Will-kür, sondern verfestigte sich schließlich in materiellen Privilegien, die der Bürokratenkaste eine neue gesellschaftliche Qualität gaben.

Sowjetrußland litt in seinen frühen Jahren an einem akuten Mangel an fasst allen Kon-sumgütern, so daß eine gleichmäßige Verteilung des wenigen Vorhandenen nur eine Ver-allgemeinerung der Not hätte bedeuten können. Da die Bolschewistische Partei nach dem Verbot der anderen Parteien - die sämtlich ins Lager der bewaffneten Konterrevolution übergegangen waren! - das Monopol der politischen Macht ausübte, erlag ein Großteil der Partei- und Staatsfunktionäre der Versuchung, diese Macht und den sich daraus ergeben-den administrativen Einfluß auf das Distributionssystem auszunutzen, um sich einen möglichst großen Anteil an den knappen Gütern zu sicher. Der Aufstieg der privilegierten Sowjetbürokratie findet ihren politischen Ausdruck im Aufstieg jenes Prototyps eines Ap-paratschiks: Josef Stalin, und in seinem Sieg über die Linke Opposition, die er physisch liquidieren ließ, einschließlich ihres Führers Leo Trotzki. Die Aufzählung aller Greuel, all der historischen Verbrechen und jedes Verrats an der Weltrevolution, die auf das Konto der Stalin-Bürokratie gehen, ersparen wir uns; ein jedes ist zu düsterer Berühmtheit ge-langt.

Nach dem Willen der sowjetamtlichen Historiographie endet die verschämt so genannte "Periode des Personenkults" mit Stalins Tod 1953. Die Auswüchse, die "Verletzungen der sozialistischen Gesetzlichkeit" sollen seit dem "Tauwetter", seit der "Liberalisierung" ein Ende gefunden haben.

Aber hat die "Liberalisierung" etwas mit der Demokratisierung der sowjetischen Gesell-schaft, mit einer Rückkehr zur Rätedemokratie zu tun?

Ganz und gar nicht. Die "Liberalisierung" ist nicht mehr und nicht weniger als der Reflex einer Machtverschiebung innerhalb der Bürokratenkaste; sie kommt nahezu ausschließlich der mittleren Schicht der Bürokratie, den Technokraten im Wirtschaftsapparat und der Intelligentsia zugute, deren spezifisches Gewicht in der Sowjetgesellschaft dank des gro-ßen technischen Fortschritts enorm angewachsen ist, und die daher der "zentralen Büro-kratie", nämlich dem Partei-, Staats- und Militärapparat, einen Teil ihrer politischen Prä-rogativen abtrotzen konnte. Das Proletariat bleibt bleibt politisch ebenso entmündigt wie zuvor: von Rätedemokratie keine Spur, worüber auch der gestiegene Lebensstandard nicht hinwegtrösten kann.

Aber gerade in diesem Aufstieg der Wirtschafts-Technokraten liegt heute, fünfzig Jahre nach dem Roten Oktober, die Hauptgefahr für die Errungenschaften der Oktoberrevo-lution. Die spontane, nicht recht bewußte Tendenz dieser Gesellschaftsschicht ist, wie bereits die Liberman'schen Reformen deutlich gemacht haben, die Rückkehr zum Profit-prinzip, die Aushöhlung des Plansystems und die allmähliche Rückkehr zur Marktwirt-schaft - das alles im Namen der "Effektivität".

Heute, ein halbes Jahrhundert nach der Oktoberrevolution, zeichnet sich ein weiteres Mal die reale Möglichkeit einer kapitalistischen Restauration in der Sowjetunion ab, dem ersten Arbeiterstaat in der Geschichte.

Die Gefahr, daß sich diese Möglichkeit zur Tendenz verdichtet, würde sich angesichts neuer, entscheidender Siege der Weltrevolution bedeutend vermindern. Ebendies mag der Hauptgrund für die mehr als zögernde Haltung der Sowjetunion gegenüber den revolu-tionären Bewegungen in der neokolonialen Welt sein; dies ist auch der Grund für den unablässigen Versuch eines Arrangements mit der US-Regierung.

Aber machen wir uns keine Illusionen: Die Gefahr der kapitalistische Restauration in der Sowjetunion kann letzten Endes und endgültig nur durch die politische Entmachtung der Bürokratie, durch die Rückeroberung der politischen Macht durch das Proletariat und durch die Rückkehr zur proletarischen Rätemacht gebannt werden!


Redaktion Neuer Roter Turm
Unabhängige Schülerzeitschrift

Sozialistische Jugend Deutschlands
Kreisverband Schöneberg


[Ende Oktober1967]


Nota. - Man merkt dem Text an, dass er im Vorfeld der 68er Studentenbewegung ent-standen ist. Die 'allgemeine Verdinglichungstendenz der warenproduzierenden Gesell-schaft' wird aufgeboten, um ein ganz konkretes historisches Ereignis zu erklären: die Dezimierung der russischen Arbeiterklasse im Bürgerkrieg und die daraus resultierenden Absorption der überlebenden bolschewistischen Kader durch den neuentstehenden sow-jetischen Staatsapparat. Es war die Zersetzung und Auflösung der Führung, die den Weg zur bürokratischen Konterrevolution geebnet hat; doch von Führung mochte man im antiautoritären Zeitalter nicht recht reden. Nur war sie das alles entscheidende Problem. 

Immerhin war das Flugblatt ein Schritt in diese Richtung: Aus den beiden Unterzeichnern bildete sich im Lauf des Jahres '68 der Initiativausschuss für eine revolutionäre Jugendor-ganisation, aus dem schließlich die Kommunistische Jugendorgansisation SPARTACUS entstand.

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Niemand hat den abrupten, fast lautlosen Zerfall der Sowjetunion vorhergesagt, dem will ich nicht widersprechen. Ich meine: dass er so abrupt und fast lautlos war. Aber dass er möglichwar, wurde im obigen Flugblatt deutlich genug ausgesprochen: dass in dem Milli-onenheer der Sowjetbürokraten der Stoff für eine neue Bourgeoisie heranreifte. Noch nicht abzusehen war - jedenfalls nicht von außen -, dass sich das einst monolithische Monster durch das Wuchern mannigfaltiger persönlicher Vasallitäten und mafiöser Seil-schaften zu einer feudalen Un-Ordnung zurückbilden müsste, bevor sich die Kerne eines kapitalistischen Unternehmertums herauskristallisieren könnten. 

Das ist bis zum heutigen Tag das Problem der postsowjetischen Gesellschaft. Das, was es an wagemutiger Unternehmerschaft gab, ist Putin schnell über den Kopf gewachsen, um sie in Schach zu halten (und vielleicht auch, um sie ein wenig an die Gesetze zu binden), musste er sich auf die überkommenen feudalen Baronien stützen, die er sich gewiss ebenso gern vom Halse geschaffen hätte. Aber viel eigene Macht hat er gar nicht, das sieht bloß so aus, weil sich in diesem feudalen Gewimmel alle andern Akteure gegenseitig lähmen.


Elementarteilchen als schwingende Saiten.


aus derStandard.at, 22. 7. 2022

Elementarteilchen als schwingende Saiten:                                     
zuJochen Ebmeiers Realien
Wie die Stringtheorie die Welt erklärt
Diese Woche findet in Wien die jährliche internationale Tagung "Strings" statt. Kurz und knapp: die wichtigsten Fragen und Antworten zu diesem exotischen Thema


von Reinhard Kleindl

Die Frage nach dem Stoff, aus dem die Welt besteht, ist so alt wie die Menschheit selbst. Heute kennt die Physik eine Reihe von Teilchen, die als fundamental und nicht weiter teilbar gelten. Warum sie genau diese Eigenschaften haben, will die Stringtheorie erklären, ein Forschungsgebiet, das bislang nicht experimentell überprüft werden kann und als hoch abstrakt gilt. Diese Woche trifft sich die internationale Forschungsgemeinschaft zur Stringtheorie in Wien zu ihrer jährlichen Tagung und bietet eine Reihe öffentlicher Vorträge für interessiertes Publikum an. DER STANDARD versucht, die wichtigsten Fragen zu beantworten.

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Frage: Was sind eigentlich Strings?

Antwort: Laut der Stringtheorie sind die Elementarteilchen, aus denen unsere Welt aufgebaut ist, in Wirklichkeit winzige Fäden, die wie Saiten schwingen. Die verschiedenen Obertöne entsprechen unterschiedlichen Teilchen.

Frage: Wie klein sind Strings?

Antwort: Genau bekannt ist das nicht, aber man nimmt an, dass sie etwa so groß wie die Planck-Länge sind. Das ist in Metern gerechnet eine Länge mit 35 Nullen nach dem Komma – und damit unvorstellbar klein.

Frage: Welche Probleme sollen Strings lösen?

Antwort: In der Physik ist nach wie vor unklar, wie Gravitation und Quantenphysik zusammenhängen. Beide funktionieren nach völlig unterschiedlichen Prinzipien. Die Stringtheorie will eine Brücke schlagen.

Frage: Ist das gelungen?

Antwort: In der Theorie gibt es vielversprechende Ansätze. Doch die Stringtheorie lässt sich mit Experimenten derzeit nicht überprüfen.



Frage: Ist eine Theorie, die sich nicht überprüfen lässt, überhaupt wissenschaftlich?

Antwort: Darauf gibt es zwei Antworten. Einerseits haben die mathematischen Methoden, die für die Stringtheorie entwickelt wurden, verschiedene andere Wissenschaftsgebiete befruchtet. Andererseits kann es sowohl bei großen Teilchenbeschleunigern wie dem LHC als auch in der Kosmologie sehr wohl zu Entdeckungen kommen, die für die Stringtheorie relevant sind. Wie wahrscheinlich das ist, lässt sich aber kaum sagen.

Frage: In wie vielen Dimensionen bewegen sich Strings?

Antwort: Mindestens zehn. Wie viele genau, hängt von der konkreten Formulierung ab. Es gibt Varianten der Stringtheorie, die mit bis zu 26 Dimensionen arbeiten. Unsere drei Raumdimensionen und die Zeit sind darin enthalten, die restlichen Dimensionen sind versteckt, sodass wir sie nicht wahrnehmen. Für die mathematische Beschreibung sind sie aber unerlässlich.

Frage: Wurde für die Stringtheorie schon ein Nobelpreis vergeben?

Antwort: Nein, allerdings gewann Ed Witten als erster Physiker mit seiner Arbeit zur Stringtheorie die Fields-Medaille, die höchste Auszeichnung in der Mathematik.

Frage: Wie lange dauert die Wiener Stringtheorie-Tagung noch?

Antwort: Der offizielle Teil endet diesen Freitag, doch am Freitag und Samstag wird es noch je einen öffentlichen Vortrag geben.

Samstag, 23. Juli 2022

Ein großer Schnitt am kleinen Unterschied.


aus FAZ.NET, 23. 7. 2022                               Struwwelpeter                                   zu Männlich;   Levana, oder Erziehlehre

Wem gehört die Vorhaut?
Arte zeigt eine engagierte Dokumentation über die Beschneidung von Jungen. Sie hat gute medizinische und psychologische Argumente. Aber sie ergeht sich in einseitigem Aktivismus.


von Oliver Jungen

Auch Spinner haben gute Ideen. Dem ganzheitlichen Gesundheitsreformer, Adventisten und Prediger radikaler Enthaltsamkeit selbst in der Ehe, John Harvey Kellogg, gestorben im Jahr 1943, verdanken wir immerhin Maisflocken und Erdnussbutter. Als Arzt setzte er auf obskurere Methoden wie Elektrostimulation, wochenlange Dauerbäder, Einläufe, anregende Schläge oder Kunstlichtkuren. Als einen der schlimmsten inneren Feinde hatte er das Laster der Masturbation ausgemacht, das er mit Bandagen in den Griff zu bekommen versuchte. Wo das nichts nutzte, empfahl er die Beschneidung, und zwar ganz bewusst ohne Betäubung. Der „kurze Schmerz“ habe eine heilsame Wirkung.

Moralisch begründete Körperverletzung

Wer auf diese neuere, puritanische Richtung der Beschneidung (von Jungen) Bezug nimmt – obgleich Kellogg in der Dokumentation von Insa Onken nicht namentlich vorkommt –, hat es argumentativ leicht: Der Eingriff erscheint als rein moralisch begründete Körperverletzung. Traumata und gesundheitliche Komplikationen können die Folge sein. Christlich begründet war die Position der Puritaner jedenfalls nie, schließlich verläuft die Trennlinie zwischen Judentum und Christentum exakt hier. Im Brief an die Philipper, Kapitel 3, weist Paulus die Beschneidung geradezu höhnisch zurück. Und doch sind in den Vereinigten Staaten, wo Juden und Muslime gemeinsam weniger als vier Prozent der Bevölkerung ausmachen, bis heute rund siebzig Prozent der Jungen und Männer beschnitten (Tendenz fallend). Das moralische Argument schien also lange zu ziehen. Seit einigen Jahrzehnten wird es abgelöst – oder ergänzt – durch ein umstrittenes Hygiene-Argument.

Selbst wenn zutreffen sollte, dass eine oft schon im Säuglingsalter durchgeführte Beschneidung das Risiko von Peniskrebs und Geschlechtskrankheiten verringert, wie amerikanische Kinderärzte versichern, hält die Mehrheit der Mediziner in Europa die Risiken des Eingriffs für schwerwiegender: vom Sensibilitätsverlust (erogenes Gewebe wird entfernt) bis zur Amputation oder gar Todesfolge. Der Kinderchirurg Maximilian Stehr und der Urologe Thomas Kreutzig-Langenfeld machen im Film auf solche Gefahren aufmerksam. Begleitet wird zudem ein junger deutscher Betroffener bei seiner – erfolglosen – Klage gegen eine ihn dauerhaft beeinträchtigende Beschneidung im Kindesalter. Der Arzt hatte sanftere Mittel gegen eine Vorhautverengung (eine Salbe) nicht erwähnt.

Heute wird der wissenschaftliche Disput allerdings hauptsächlich auf einem anderen Schauplatz ausgetragen: dem afrikanischen Kontinent. Die Dokumentation zeigt die Verhältnisse in Kenia auf, die viel mit der hochumstrittenen Beschneidungsempfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO von 2007 für Regionen mit hoher HIV-Infektionsgefahr zu tun haben. Weil die Beschneidungskampagne Voluntary Medical Male Circumcision (VMMC) nicht die angestrebte Zahl von 27 Millionen Freiwilligen erreicht habe, heißt es, sei sie im Jahr 2016 kurzerhand auf Jugendliche zwischen zehn und fünfzehn Jahren ausgedehnt worden (was im Jahr 2020 zurückgenommen wurde).

Beschneidungskommandos suchten laut Schilderungen von Betroffenen überfallartig Schulen auf. Beschnitten wurde häufig ohne Einwilligung der Eltern. Viel körperliches Leid war die Folge.

„Jungenbeschneidungen. Mehr als nur ein kleiner Schnitt“

Die falsche Vorstellung, der Eingriff schütze vor HIV, habe das Aids-Risiko nicht verringert, erklärt ein französischer Experte, weil viele Beschnittene danach auf andere Schutzmaßnahmen verzichteten. Die WHO habe zu dieser Kritik nicht Stellung beziehen wollen, heißt es. Auch sonst kommt kein Befürworter der Strategie zu Wort, nur ein Mitarbeiter in Kenia, der erklärt, man habe „im Alter von null bis vierzehn Jahren fast alle erreicht“. Dass inzwischen auch kenianische NGOs gegen Beschneidungen ankämpfen, mag darauf hindeuten, dass die Filmemacher – Produzent ist Valentin Thurn („Taste the Waste“, 2011) – mit ihrer deutlich vertretenen Meinung, hier würden Menschen ohne medizinische Notwendigkeit verstümmelt – und das auch noch verbunden mit dem Machtgefälle von entwickelter Welt und globalem Süden –, vielleicht nicht ganz falsch liegen.

Aber kann man einen solchen Film machen, ohne auf das Kölner Beschneidungsurteil von 2012 einzugehen? Zehn Jahre liegt der komplizierte Kulturkampf zurück, der auf die Landgerichtsentscheidung – auch hier wurde der Eingriff als Körperverletzung gewertet, und zwar ohne religiös begründete Ausnahmen – losbrach. Pauschal ganzen Weltreligio-nen Verstöße gegen das Kindeswohl zu unterstellen, galt vielen als aufklärerisch-eurozen-trische Überheblichkeit. Ende 2012 führten die Proteste muslimischer und jüdischer Religionsvertreter zur Einfügung des Paragraphen 1631d ins Bürgerliche Gesetzbuch. Danach obliegt Eltern die Entscheidung über eine fachgerechte Beschneidung „nicht einsichts- und urteilsfähiger Jungen“. Befriedet ist nichts. Im Film kommt kurz ein türkischstämmiger Mann zu Wort, der sagt, die gegen seinen Willen durchgeführte Beschneidung habe die Beziehung zu seiner Mutter zerstört.

Interessant wäre es gewesen, mit offenem Blick zu untersuchen, wie im Zeichen der heute allseits hochgehaltenen kulturellen Identität und der nicht minder starken Betonung des genitalen Selbstbestimmungsrechts mit dieser Thematik umgegangen wird, bei der noch krasser als im Kopftuchstreit die Positionen aufeinanderprallen. Der Film macht es sich zu einfach, indem er in Berufung auf säkular-humanistische Juden und die Vertreterin eines liberalen Islams, Seyran Ateş, auf schmerzfreie Alternativen zu den Aufnahme-ritualen in die jeweilige Religionsgemeinschaft hinweist. Wenn die große Mehrheit der Gläubigen dies nicht so sieht, ist das keine Lösung. Die Filmemacher aber sind so entschieden parteiisch, dass sie der Gegenseite nicht einmal das Wort erteilen. So richtig man die Argumente Onkens finden mag, bleibt ein unbefriedigendes Gefühl zurück. Das weist über diese SWR-Produktion hinaus und betrifft alle engagierten Dokumentationen, von denen es immer mehr gibt. Wo Journalismus so stark in den Aktivismus tendiert, entstehen Empörungsformate, die lediglich bestimmte Interessengruppen bedienen, statt sich lehrreich mit konfrontativen gesellschaftlichen Themen auseinanderzusetzen.


Nota. - Fehlt bloß noch, er schriebe, das Öffentlich-Rechtliche müsse ausgewogen sein und dürfe keine Partei ergreifen; und was die postkoloniale Welt und andere diskrimi-nierte Gruppen betrifft, würden sowieso andere Maßstäbe gelten: Es geht nicht darum, was dort gilt, sondern um das, was hier gilt.
JE


Rudolf Wacker.

 

 Rudolf Wacker An der Abzucht 1932

Das nennt man ja wohl Neue Sachlichkeit, wie auch sonst?

Unter dem Etikett kennt man einige, die zum Realismus zurückfanden. Das kann man von Wacker aber nicht sagen. Er verzerrt wohl die Gegenstände nicht mehr, um seinen eigenen Ausdruck unters Publikum zu tragen, und wählt die Farben nicht so, dass sie sich beißen. Aber Farben wählt er! Wählt sie nämlich in geschmacklicher Hinsicht und nicht um der Wahrhaftigkeit willen.

Aber erst der Raum! Der wird nur scheinbar kubistisch zerlegt, tatsächlich hat er Perspek-tive, die Dinge zu einander ins Verhältnis setzt, und wird zu Tiefen verschachtelt, die die Realität übertreffen,  

Winterlandschaft 1934



Das Ich auf frischer Tat ertappen.

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