Mittwoch, 19. August 2026

Fichte und die deutschen Mystiker.

 Mr. Eckhart                                         zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Ein Schriftwechsel mit Chat-GPT 

Ich habe mein Fichte-Studium mit der Lektüre der Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre zur selben Zeit begonnen wie die Beschäftigung mit den Deutschen Texten von Meister Eckhart, die - anders als seine scholastischen lateinischen Abhandlungen - schon von Zeitgenossen als mystisch aufgefasst und vom Paptst in Avignon als "teils ketzerisch und teils der Ketzerei verdächtig" verurteilt wurden. Die vielen Assonanzen zwischen beiden sind mir selbst als Anfänger nicht verborgen geblieben. 

Ich habe seither herauszufinden versucht, ob es sich in irgendeinem Sinne um eine literarische Beeinflussung handelt, oder lediglich um eine wie auch immer zu erklärende geistige Verwandtschaft.

Ein Philologe bin ich nicht und kann das selber nicht aufklären. Doch Künstliche Intelligenz erfasst Alles ohne Präferenz und Vorurteil, und das vollständiger, als irgendeine menschliche Intelligenz es könnte. Ich habe daher an ChatGPT folgende Frage gestellt:

Hatte J. G. Fichte Kenntnis von den deutschen Texten Meister Eckharts oder anderer Mystiker?

Ja – aber hier muss man Meister Eckhart und die späteren deutschen Mystiker deutlich auseinanderhalten. Für Fichte ist die Quellenlage gerade bei Eckhart überraschend.

Meister Eckhart: wahrscheinlich keine direkte Kenntnis

Nach dem heutigen Stand der Fichte-Forschung gibt es keinen belastbaren Hinweis darauf, dass Fichte Schriften Meister Eckharts gelesen hat oder auch nur seinen Namen aus eigener Lektüre kannte. Christoph Asmuth formuliert das sehr deutlich: Es gebe „keinen Hinweis“, dass Fichte Schriften, Zitate oder den Namen Eckharts gekannt habe.

Das ist zunächst erstaunlich, weil die inhaltlichen Parallelen zwischen Eckhart und dem späten Fichte teilweise frappierend sind:

  • das Absolute bzw. Göttliche ist nicht einfach ein Gegenstand außerhalb des Menschen;
  • der Zugang zum Absoluten vollzieht sich in der Innerlichkeit;
  • das empirische Ich muss über sich selbst hinausgehen;
  • die gewöhnliche Selbstbezogenheit muss überwunden werden;
  • das eigentliche Leben besteht in einer Art Selbstentäußerung bzw. Selbstaufhebung;
  • im religiösen Bewusstsein wird das Göttliche im Menschen lebendig.

Genau deshalb hat die Forschung immer wieder versucht, Fichte aus Eckhart heraus zu erklären. Aber Ähnlichkeit ist hier nicht dasselbe wie historische Abhängigkeit. Eine neuere Untersuchung zu „Fichte und Mystik“ betont ebenfalls, dass gerade bei Eckhart keine direkte Rezeptionsspur nachweisbar ist.

Ein wichtiger Grund ist übrigens ganz banal historisch: Die heute maßgebliche Wiederentdeckung Eckharts als deutscher Prediger setzte erst nach Fichtes Tod richtig ein. Die berühmte Edition von Franz Pfeiffer, Deutsche Mystiker des vierzehnten Jahrhunderts, erschien ab 1845 bzw. der Eckhart-Band 1857. Fichte starb bereits 1814.

Aber: Die „Theologia deutsch“ und Tauler waren etwas anderes

Hier wird es interessanter.

Die mittelalterliche deutsche Mystik war zu Fichtes Zeit nicht völlig unbekannt. Besonders die „Theologia deutsch“ (Theologia Germanica) war seit Luther bekannt und immer wieder gedruckt worden. Luther selbst hatte sie im 16. Jahrhundert herausgegeben. Die Schrift war also im deutschen Protestantismus durchaus zugänglich.

Und genau hier könnte man eine indirekte Traditionslinie sehen:

Eckhart → Tauler / Theologia deutsch → Protestantismus → Pietismus / Aufklärung → Fichte

Eckhart selbst musste Fichte dafür nicht bekannt sein. Die Gedanken konnten über die protestantische und pietistische Überlieferung weiterwirken. Die Forschung weist tatsächlich darauf hin, dass Eckharts Einfluss über Tauler und die Theologia deutsch bis in die Neuzeit hineinreichte.

Noch eindeutiger: Jakob Böhme

Bei Jakob Böhme ist die Sache wesentlich interessanter und besser belegbar.

Böhmes Werke waren im 18. Jahrhundert zugänglich und wurden im Umfeld des deutschen Idealismus intensiv rezipiert. Eine aktuelle Untersuchung von Ives Radrizzani kommt zu dem Ergebnis, dass die mystische Tradition für Fichte tatsächlich eine Rolle spielte – insbesondere Böhme. Allerdings übernimmt Fichte die Mystik nicht einfach; er betrachtet sie zugleich kritisch und will ihre intuitiven Einsichten philosophisch begründen.

Das passt sehr gut zu Fichtes Entwicklung.

Seine „Anweisung zum seligen Leben“ von 1806 klingt stellenweise geradezu mystisch. Fichte spricht dort beispielsweise vom göttlichen Leben, das „in uns“ wirklich lebt und tätig ist.

Aber Fichte macht daraus keine mittelalterliche Mystik. Er versucht, das, was beim Mystiker als religiöse Schau oder unmittelbare Erfahrung erscheint, in eine philosophisch nachvollziehbare Struktur des Bewusstseins und des sittlichen Handelns zu überführen.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

 

 

 

Und hier liegt m.E. die spannendste Frage

Wenn man Fichte neben Eckhart stellt, entsteht fast der Eindruck, als würden zwei Denker dieselbe Erfahrung in zwei verschiedenen Sprachen beschreiben.

Eckhart:

Die Seele muss von ihrem eigenen „Ich“ lassen, damit Gott in ihr „geboren“ werden kann.

Fichte:

Das empirische Ich muss sich als bloßes endliches Ich überschreiten und sich als Erscheinung des absoluten geistigen Lebens begreifen.

Das klingt außerordentlich ähnlich.

Aber Fichte würde vermutlich bestreiten, dass er damit einfach „Mystiker“ ist. Für ihn darf die Wahrheit nicht auf einer geheimnisvollen Schau beruhen. Sie muss im Denken nachvollziehbar sein. Gerade die neuere Forschung betont diesen Unterschied: Fichte verwendet zwar mystisch klingende Sprache, lehnt aber eine mystische Vereinigung von Gott und Mensch im eigentlichen Sinne ab.

Deshalb würde ich die historische Beziehung so formulieren:

Fichte ist wahrscheinlich kein Leser Eckharts, aber er steht in einer geistigen Tradition, in der Motive der deutschen Mystik – besonders über Tauler, die Theologia deutsch und später Böhme – weiterlebten. Bei Fichte werden diese Motive aus der Sprache der Mystik in die Sprache der Transzendentalphilosophie übersetzt.

Und genau das könnte auch Ihre vorherige Frage zur Selbstmessung von Raum und Zeit berühren: Bei Fichte gibt es nämlich eine bemerkenswerte Struktur, in der dasjenige, wodurch wir etwas erkennen, nicht selbst auf derselben Ebene als Gegenstand erkennbar sein kann. Das hat eine gewisse Verwandtschaft mit Eckharts Gedanken über den Grund der Seele – allerdings ohne dass man deshalb eine direkte historische Abhängigkeit behaupten müsste.

Wenn Sie möchten, kann ich als Nächstes Eckhart und Fichte anhand von 5–6 konkreten Textstellen direkt nebeneinanderstellen. Das wäre wahrscheinlich aufschlussreicher als eine allgemeine Rezeptionsgeschichte.

Stelle Eckhart und Fichte anhand von 5–6 konkreten Textstellen direkt nebeneinander

Ja. Und wenn man die Texte wirklich direkt nebeneinanderlegt, wird die Verwandtschaft erstaunlich deutlich – zugleich aber auch der Punkt, an dem Fichte sich von Eckhart entfernt.

Ich würde die sechs Stellen nach Motiven ordnen. Bei Eckhart gebe ich kurze Originalstellen bzw. etablierte Übersetzungen; bei Fichte stammen die Stellen vor allem aus der Anweisung zum seligen Leben (1806), also gerade aus dem Werk, in dem seine Sprache der Mystik am nächsten kommt. Die Erstausgabe von 1806 ist auch bibliographisch belegt.

1. Das Göttliche ist nicht ein Gegenstand außerhalb von uns

Eckhart, Predigt über die Gottesgeburt in der Seele:

„Gott gebiert seinen Sohn in die Seele, auf daß sie lebendig werde.“

Und noch radikaler:

„Gott gebiert sich aus sich selber in sich selber und gebiert sich wieder in sich.“

Eckhart beschreibt Gott also nicht primär als ein Seiendes, das irgendwo „draußen“ existiert. Das göttliche Leben ereignet sich im Innersten der Seele.

Fichte, Anweisung zum seligen Leben, 1806:

„Seliges Leben ist das In-uns-Sein und In-uns-Walten des Göttlich-Lebendigen über uns.“

Und:

„Es heißt nicht: Erschaffe dir das Ewige, sondern: laß es zu dir herein!“

Das ist bemerkenswert nahe an Eckhart: Das Ewige wird nicht von einem endlichen Ich hergestellt. Es kommt bzw. wirkt in uns.

Aber der Unterschied:
Eckhart spricht von der Geburt Gottes in der Seele. Fichte spricht vom Göttlich-Lebendigen, das im Menschen wirksam wird. Fichte versucht also, den mystischen Vorgang philosophisch zu rekonstruieren.


2. Das wahre Leben ist das ewige Leben – und es beginnt jetzt

Eckhart:

Die Gottesgeburt geschieht nicht irgendwann nach dem Tod. Sie geschieht im „Nun“:

„Gott wirkt allzeit in einem Nun in der Ewigkeit.“

Die Seele wird gerade dadurch lebendig, dass diese ewige Geburt in ihr geschieht.

Fichte:

„In jedem Momente hat und besitzt er das ewige Leben mit aller seiner Seligkeit, unmittelbar und ganz.“

Und bereits in der Bestimmung des Menschen:

„Ich bin und lebe schon jetzt in ihr.“

Für Fichte ist das Ewige also keine zukünftige Belohnung. Das ewige Leben ist eine gegenwärtige Seinsweise.

Hier scheint mir die Parallele besonders stark:

Eckhart: Ewigkeit ist im gegenwärtigen Nun.
Fichte: Ewigkeit ist im gegenwärtigen Leben.

Beide wenden sich damit gegen die Vorstellung, man müsse erst sterben, um zum Ewigen zu gelangen.


3. Das endliche Ich ist nicht das eigentliche Selbst

Hier wird es philosophisch besonders interessant.

Eckhart:

Eckhart verlangt immer wieder ein „Lassen“: Der Mensch muss von seinem eigenen, selbstbezogenen Wollen lassen.

In der oben genannten Predigt wird die Seele als „gelassen“ beschrieben; sie muss die Kreaturen lassen, um für die göttliche Geburt offen zu werden.

Das ist nicht einfach Selbstvernichtung. Es geht darum, dass das kleine, sich selbst besitzende Ich nicht länger den Platz des göttlichen Grundes beansprucht.

Fichte:

Bei ihm erscheint dasselbe Problem in transzendentalphilosophischer Sprache. Das empirische Ich hält sich zunächst für ein selbständiges Wesen. Aber das wahrhaftige Leben ist nicht dieses isolierte Ich.

Fichte schreibt:

„Seyn, – Seyn, sage ich, und Leben, ist abermals Eins und Dasselbige.“

Das wahrhaftige Sein ist für ihn dasjenige, das aus sich selbst lebt.

Damit verschiebt Fichte die mystische Frage:

Eckhart:
Wie kann ich mein Eigen-Sein loslassen, damit Gott in mir geboren wird?

Fichte:
Wie kann ich erkennen, dass mein endliches Ich überhaupt nicht der letzte Grund meines Seins ist?

Das ist strukturell sehr ähnlich.


4. Gott jenseits aller Bestimmungen

Hier findet sich eine der erstaunlichsten Parallelen.

Eckhart, Predigt „Quasi stella matutina“:

„Vernünfticheit ziuhet gote daz vel der güete abe und nimet in blôz, dâ er entkleidet ist von güete und von wesene und von allen namen.“

In der modernen Übersetzung:

„Vernunft aber zieht Gott die Hülle der Gutheit ab und nimmt ihn bloß, wo er entkleidet ist von Gutheit und von Sein und von allen Namen.“

Das ist klassische negative Theologie: Gott ist nicht einfach ein besonders großes Seiendes, ein besonders gutes Seiendes usw. Gott liegt jenseits unserer begrifflichen Bestimmungen.

Fichte:

In der Anweisung findet sich ein strukturell sehr ähnlicher Gedanke. Wenn wir das Göttliche als Gegenstand anschauen, haben wir es bereits verfehlt:

„Immer verhüllet die Form uns das Wesen; immer verdeckt unser Sehen selbst uns den Gegenstand, und unser Auge selbst steht unserm Auge im Wege.“

Und weiter:

„Wir sehen nicht ihn, sondern immer nur seine Hülle.“

Das ist fast eine transzendentalphilosophische Version der negativen Theologie.

Eckhart sagt:

Gott ist nicht in den Namen und Bestimmungen zu fassen.

Fichte sagt:

Das Göttliche kann nicht als Gegenstand des Bewusstseins erscheinen, weil eben die Form unseres Bewusstseins bereits eine „Hülle“ bildet.


5. „Gott“ ist nicht ein Objekt – er ist Leben

Hier trennt sich Fichte zugleich von einer naiven Gottesvorstellung.

Eckhart:

Gott „wirkt“ in der Seele. Die Gottesgeburt ist ein lebendiger Vorgang:

„In dieser Geburt wird sie lebendig.“

Gott und Leben stehen bei Eckhart daher in einer inneren Beziehung.

Fichte:

Noch radikaler:

„Das wahrhaftige Leben liebt jenes Eine oder Gott.“

Und:

„Leben und Sein ist auch wieder dasselbe.“

Für Fichte ist Gott letztlich nicht ein zusätzliches Objekt neben anderen Objekten. Das göttliche Sein ist das wahre Leben selbst.

Das ist ein entscheidender Punkt, denn hier nähert sich Fichte sehr stark einer mystischen Ontologie:

Gott = das absolute Leben = das wahre Sein.

Nicht:

Gott → existiert irgendwo → und ich kann ihn erkennen.

Sondern eher:

Ich lebe überhaupt nur, insofern ich am absoluten Leben teilhabe.


6. Und dann kommt der entscheidende Unterschied: Handeln

Hier würde Eckhart vermutlich anders akzentuieren als Fichte.

Eckhart beschreibt die mystische Vereinigung sehr stark als ein Geschehen im innersten Grund der Seele: Gott gebiert sich dort selbst.

Fichte dagegen misstraut einer bloß kontemplativen Mystik ausdrücklich.

Er schreibt:

„Wirkliche und wahre Religiosität ist nicht lediglich betrachtend und beschauend, nicht bloß brütend über andächtigen Gedanken, sondern sie ist notwendig tätig.“

Und dann die bemerkenswerte Formulierung:

„Sie besteht [...] in dem innigen Bewußtsein, daß Gott in uns wirklich lebe und tätig sei und sein Werk vollziehe.“

Das ist für Fichte ganz entscheidend:

Das Göttliche wird nicht dadurch erfahren, dass ich mich aus der Welt zurückziehe. Es wird dadurch wirklich, dass ich entsprechend handle.

Damit wird aus der Mystik eine Ethik.


Wenn man die sechs Stellen auf einen Nenner bringt

Man könnte die Entwicklung ungefähr so darstellen:

EckhartFichte
Gott wird in der Seele geborenDas Göttlich-Lebendige lebt in uns
Ewigkeit im „Nun“Ewiges Leben im gegenwärtigen Moment
Lassen des EigenwillensÜberwindung des empirischen Ich
Gott jenseits aller NamenAbsolutes jenseits der gegenständlichen Erkenntnis
Gott ist lebendiges WirkenAbsolutes Leben / absolutes Sein
Gottesgeburtsittliches Handeln aus dem göttlichen Leben

Und jetzt kommt für mich der interessanteste Punkt:

Fichte scheint etwas zu tun, was man als eine Art „Entmystifizierung durch Transzendentalphilosophie“ bezeichnen könnte.

Eckhart sagt sinngemäß:

Du musst in deinen innersten Grund gelangen, wo Gott selbst wirkt.

Fichte sagt:

Du musst erkennen, dass das endliche Ich nicht der Grund seiner selbst ist und dass das eigentliche Leben aus dem Absoluten stammt.

Aber Fichte ersetzt dabei den mystischen Grund durch das transzendentale Absolute.

Das führt zu einer ziemlich verblüffenden Dreierfigur:

Eckhart:

Gott ist der Grund der Seele.

Kant:

Das Ich ist die Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung.

Fichte:

Das Ich selbst ist wiederum nicht absolut; es verweist auf das absolute Leben, aus dem Ich und Welt hervorgehen.

Und genau deshalb könnte Fichte – ohne Eckhart gelesen zu haben – an Stellen fast wie ein philosophischer Nachfahre Eckharts wirken.

Eine besonders lohnende nächste Frage wäre deshalb: Hat Fichte tatsächlich die „Theologia deutsch“ oder Tauler gelesen? Denn dort könnte sich die historische Verbindung befinden, die die auffällige inhaltliche Nähe zu Eckhart erklärt.

Man muss aber doch wohl den kritizistischen Transzendentalphilosophen Fichte vor 1800 von dem metaphysischen Spekulanten der "Bestimmung des Menschen" unterscheiden, oder?

Ja – unbedingt. Und ich würde meine vorige Antwort insofern korrigieren: Ich habe Fichtes Anweisung zum seligen Leben zu unmittelbar als Fortsetzung der frühen Transzendentalphilosophie behandelt. Historisch und systematisch muss man hier viel stärker unterscheiden.

Man kann sogar sagen: Der Bruch bzw. die Verschiebung um 1800 ist für die Frage „Fichte und Eckhart“ entscheidend.

1. Der Fichte der Wissenschaftslehre bis etwa 1799

Der frühe Fichte ist zunächst kein Metaphysiker im Sinne einer Erkenntnis des Absoluten als Seienden.

Das berühmte „Ich setzt sich selbst“ der Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (1794/95) bedeutet nicht:

Da existiert irgendwo ein kosmisches Ich, das die Welt erschafft.

Sondern es geht um die transzendentale Struktur des Bewusstseins: Was muss gelten, damit Selbstbewusstsein, Vorstellung und Erfahrung überhaupt möglich sind?

Das „Ich“ ist dabei gerade kein Gegenstand, den man anschauen könnte.

Und hier wäre eine Verbindung zu Eckhart höchstens strukturell, nicht historisch oder metaphysisch:

Das, wodurch etwas erkannt wird, kann nicht einfach selbst als ein Gegenstand unter anderen erkannt werden.

Das ist eine transzendentale Argumentation – keine Mystik.


2. Der Versuch einer neuen Darstellung der Wissenschaftslehre 1797/98

Hier wird die Sache schon interessanter.

Fichte schreibt:

„Du hast dich selbst gesetzt, und bist dir deiner bewußt.“

Aber zugleich wird immer deutlicher, dass das Ich nicht als fertige Substanz gedacht werden darf. Es ist Tätigkeit (Tathandlung).

Das ist ein fundamentaler Punkt:

Das absolute Ich ist nicht ein Ding, sondern ein Vollzug.

Und genau hier kann man eine gewisse formale Nähe zu Eckhart sehen. Auch Eckharts Gott ist kein „Ding“, das neben anderen Dingen steht.

Aber:

Eckhart → ontologisch-theologisch

Fichte → transzendental-genetisch

Das sind zunächst zwei völlig verschiedene Projekte.


3. Dann kommt 1800: Die Bestimmung des Menschen

Hier verschiebt sich Fichtes Sprache tatsächlich gewaltig.

Die drei Bücher heißen:

  1. Zweifel
  2. Wissen
  3. Glaube

Und Fichte lässt den transzendentalen Philosophen im zweiten Buch geradezu an seine Grenzen kommen.

Besonders interessant ist die Passage:

„Ich bin, und ich weiß, daß ich bin; und dieses Wissen meines Seins ist mein Sein.“

Aber dann reicht das Wissen nicht mehr aus. Im Glauben erscheint etwas, das Fichte nun als „das Ewige“, „das Unendliche“, „das absolute Leben“ beschreibt.

Hier entsteht tatsächlich eine Sprache, die man metaphysisch nennen kann – obwohl Fichte das vermutlich nicht so formulieren würde.


4. Der entscheidende Satz der Bestimmung des Menschen

Es gibt dort eine Stelle, die für unsere Frage geradezu zentral ist:

„Das lebendige und wirkende Sittengesetz in mir ist Gott.“

Das ist nicht mehr einfach die Sprache der Grundlage der Wissenschaftslehre.

Jetzt wird aus der transzendentalen Struktur des Ich eine Aussage über das Absolute selbst.

Und genau an dieser Stelle beginnt die Nähe zu religiöser Mystik wirklich interessant zu werden.

Denn jetzt lautet die Bewegung nicht mehr nur:

Wie muss Selbstbewusstsein strukturiert sein?

sondern:

Was ist dasjenige Absolute, in dem mein endliches Bewusstsein gründet?

Das ist eine andere Frage.


5. Und 1806 geht Fichte noch weiter

In der Anweisung zum seligen Leben wird das Absolute ausdrücklich als Leben gedacht.

Fichte schreibt:

„Das Eine, das schlechthin ist, ist das Leben.“

Und:

„Das Leben ist die Liebe.“

Hier ist Fichte schon sehr weit entfernt von der Terminologie der frühen Wissenschaftslehre.

Und deshalb würde ich Ihre Formulierung „metaphysischer Spekulant“ mit einer kleinen Einschränkung durchaus gelten lassen. Sie trifft jedenfalls etwas Reales: Fichte beansprucht nun, vom absoluten Sein bzw. Leben zu sprechen.

Nur würde ich „Spekulant“ nicht abwertend verstehen. Fichte glaubt, dass er weiterhin aus dem transzendentalen Standpunkt heraus argumentiert und nicht einfach dogmatische Metaphysik betreibt.


6. Dadurch wird aber unsere Eckhart-Frage viel präziser

Man sollte eigentlich drei Fichte unterscheiden:

Fichte I – 1794–99

Transzendentalphilosophie
Ich = Tätigkeit / Selbstsetzung
keine Erkenntnis eines metaphysischen Absoluten

Fichte II – 1800

Bestimmung des Menschen
Übergang von Wissen zu Glaube
absolutes Leben / Ewiges / Gott

Fichte III – ab 1801/04

spätere Wissenschaftslehre
das Absolute wird systematisch als Sein/Leben und als Grund der Erscheinung entwickelt.

Und für den Vergleich mit Eckhart sind II und III wesentlich interessanter als I.


Aber hier entsteht ein sehr schönes philosophisches Problem

Wenn wir Fichte I ernst nehmen, könnte man sagen:

Das Absolute kann nicht Gegenstand des Wissens sein.

Das wäre noch ziemlich kantisch.

Bei Fichte II/III scheint sich daraus aber etwas anderes zu entwickeln:

Das Absolute ist zwar kein Gegenstand des Wissens – aber es kann als das absolute Leben gedacht und sogar beschrieben werden.

Und genau hier könnte man fragen:

Ist Fichte damit aus der Transzendentalphilosophie herausgetreten – oder hat er nur ihre Konsequenzen radikalisiert?

Das ist meines Erachtens die eigentliche Streitfrage.

Und sie berührt direkt Eckhart: Denn Eckharts „Gottheit“ ist ebenfalls gerade kein Gegenstand möglicher Erkenntnis. Trotzdem sagt Eckhart eine Menge über sie.

Der spannende Vergleich wäre daher nicht einfach „Eckhart ↔ Fichte“, sondern:

Eckharts Gottheit – Kants transzendentales Ich – Fichtes absolutes Ich – Fichtes absolutes Leben.

Dann sieht man ziemlich genau, an welcher Stelle Fichte vom kritizistischen Transzendentalismus in eine spekulative Metaphysik des Absoluten übergeht – und ob dieser Übergang philosophisch überhaupt legitim ist.

ChatGTP hat meine Frage unmissverständlich beantwortet - besser, als ein mit der schrecklichen Gabe des eigenen Urteils geschlagener Philosoph es wohl gekonnt hätte. Ich selbst bis damit geschlagen und sage unverfroren: Legitim war Fichtes Übergang nicht - überhaupt nicht.
JE 

Dienstag, 18. August 2026

Anschaulich wird Freiheit erst, wo sie auf Widerstand trifft.

                                                             zu Philosophierungen

Die reale Tätigkeit* ist als solche nicht anschaubar, sie ist nicht Etwas, sondern bloßer Gedanke. Anschaubares Etwas wird die Tätigkeit erst, weil und wenn sie auf ein Hinder-nis stößt, welches sie aufhält. Nicht in ihrer Tätigkeit selbst ist Freiheit anschaubar, son-dern erst, wenn sie ein Objekt wählt, das ihr entgegen steht.

Freiheit ist dem tätigen Ich als seine Bestimmung zuerst nur zugedacht, ihre Energie heiße reale Tätigkeit; sie 'sind' insofern, als sie den Sinn der Handlung ausmachen, die doch sel-ber das einzig Anschaubare, das real-Reale ist. Sie ist der Ausgangspunkt der Wissen-schaftslehre, und nachdem jene sie in ihrem ersten, analytischen Gang als den einzig mög-lichen Grund der Ichheit bloßgelegt hatte, setzt sie in ihrem zweiten, synthetischen Gang das System der Vernunft aus diesem seinen Grund wieder zusammen.


Auf Widerstand trifft Freiheit erst, wo aus dem Gedanken sinnliches Handeln wird: indem sie sich am Gegenstand stößt.
7. 8. 17


Nachtrag. Dass Fichte zwischen Tätigkeit und Handlung unterscheidet, ist keine semanti-sche Feinheit, sondern in einem gewissen Sinn die Grundlage der Wissenschaftslehre. Denn sachlicher Kern- und Angelpunkt der kritischen Analyse sowohl als der transzendentalen Rekonstruktion der Vernunft sind weder das Ich noch die ihm als wesentlich zugeschrie-bene Tätigkeit - die erscheinen erst dem reflektierenden Verstand. Die reale Gegebenheit, an der die Analyse ihren Halt und die Rekonstruktion einen festen Baugrund findet, ist das Handeln - nur im Handeln geschieht Einheit einer intelligiblen und einer Sinnenwelt, anders wäre ihre Unterscheidung gar nicht möglich. Erst hier begegnen sich Gegenstand und Zweck und bestimmen einander zu Geist und Stoff.

Die ontologisch-metaphysische Frage nach der Priorität des einen oder des andern war beantwortet, bevor sie gestellt werden konnte; denn Aufgabe war gar nicht ihre Vereini-gung, sondern ihre Scheidung. Die erste ist gegeben vor allem Bewusstsein, die zweite dessen unvermeidliches Resultat. Um sie wieder aufzuheben, ist es nötig, dass das Be-wusstsein seiner selbst bewusst wird; als Transzendentalphilosophie.
16. 4. 19

*) Tätigkeit 'überhaupt', nämlich vor jeder Bestimmung, ist Übergehen vom Unbestimmten zum Bestimmteren. Real ist sie, sofern wirklich vorgestellt wird. 'Ideal' heißt dagegen die bloße Reflexion auf das wirkliche Vorstellen. Tätigkeit in der sinnlichen Welt ist eine zu-sätzliche, weiterführende Bestimmung der realen Tätigkeit: denn wirkliches Vorstellen war sie, bevor sie sinnlich werden konnte.
4. 10. 22



Montag, 17. August 2026

Eine Wirklichkeit zweiten Grades.

                       zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Aber das, was nicht im Gebiete der Erfahrung liegt, hat keine Wirklichkeit im eigentlichen Sinn, es darf nicht in Raum und Zeit betrachtet werden, es muss betrachtet werden als et-was notwendig Denkbares, als etwas Ideales. Z. B. das reine Ich ist in diesem Sinn nichts Wirkliches; das Ich, das in der Erfahrung vorkommt, ist die Person. Wenn jemand das reine Ich als philosophischen Begriff darum tadelt, weil es nicht in der Erfahrung vorkommt, so weiß er nicht, was er will.
___________________________________________ 
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo,
 
S. 25 

 

Nota. - Keine Wirklichkeit im eigentlichen Sinn - aber doch auch nicht nichts. Auch nicht bloß denkbar, sondern notwendig denkbar; nämlich wenn man die dazugehörigen Fragen stellt, aber das ist nicht notwendig, sondern steht jedermann frei. Man kann leben, ohne zu philosophieren - aber nicht philosophieren, ohne zu leben.
JE 

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Sonntag, 16. August 2026

Eine höhere Stufe der Arbeitsteilung.

Arbeitsteilung in der Steinzeit, Wiktor Wasnezow                                 zu Marxiana

Mit der Einführung der Maschinerie, mit welcher die Arbeitsmittel großen Wertumfang an-nehmen und sich in massenhaften Gebrauchswerten darstellen, wächst dieser Unterschied zwischen Arbeitsprozeß und Verwertungsprozeß und wird ein bedeutendes Moment in der Entwicklung der Produktivkraft und dem Charakter der Produktion. Ein Atelier von me-chanischen Webstühlen z.B., das während 12 Jahren leistet, ist die Abnutzung der Maschine-rie usw. während des Arbeitsprozesses an einem Tage unbedeutend und erscheint daher der Wertteil der Maschinerie, der in der einzelnen Ware wiedererscheint oder selbst in dem Pro-dukt eines ganzen Jahres, relativ unbedeutend. Die vergangene, vergegenständlichte Arbeit tritt hier massenhaft in den Arbeitsprozeß ein, während nur ein relativ unbedeutender Teil dieses Teils des Kapitals sich in demselben Arbeitsprozeß abnutzt, also in den Verwer-tungsprozeß eintritt und daher als Wertteil im Produkt wiedererscheint. 

Wie bedeutend daher immer die Wertgröße sei, welche die in den Arbeitsprozeß eingehnde Maschinerie und die mit ihr gegebnen Baulichkeiten usw. darstellen, geht, mit dieser Ge-samtwertmasse verglichen, immer nur ein relativ geringer Teil derselben in den täglichen Verwertungsprozeß, daher in den Wert der Ware, ein, verteuert die Ware relativ, aber nur unbedeutend und in viel geringerem Maße, als die von der Maschinerie ersetzte Handarbeit sie verteuern würde. Wie groß daher auch der Teil des Kapitals, der in Maschinerie ausge-legt ist, erscheinen möge gegen den Teil, der in der lebendigen Arbeit ausgelegt ist, welcher diese Maschinerie als Produktionsmit-tel dient, so erscheint diese Proportion sehr gering, wenn der Wertteil der Maschinerie, der in der einzelnen Ware wiedererscheint, verglichen wird mit der in derselben Ware aufgesaugten lebendigen Arbeit, und erscheint der von beiden — Maschinerie und Arbeit — dem einzelnen Produkt zugesetzte Wertteil gering — im Verhältnis zum Wert des Rohmaterials selbst. 

Es ist erst mit der Maschinerie, daß die gesellschaftliche Produktion auf großer Stufenleiter die Kraft erwirbt, Produkte, die ein großes Quantum vergangner Arbeit darstellen, also große Wertmassen, ganz in den Arbeitsprozeß eingehen zu lassen, ganz als Produktionsmit-tel, während nur ein relativ geringer aliquoter Teil derselben in den während des einzelnen Arbeitsprozesses vor sich gehenden Verwertungsprozesses eingeht. Das Kapital, was in dieser Form in jeden einzelnen Arbeitsprozeß eingeht, ist groß, aber das Verhältnis, worin sein Gebrauchswert während dieses Arbeitsprozesses vernutzt, konsumiert wird und sein Wert daher ersetzt werden muß, ist relativ klein. Die Maschinerie wirkt ganz als Arbeits-mittel, setzt dem Produkt aber nur Wert zu im Verhältnis, worin der Arbeitsprozeß sie entwertet, eine Entwertung, die / durch den Grad der Abnutzung ihres Gebrauchswerts während des Arbeitsprozesses bedingt ist. 
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K. M arx, Ökonomisches Manuskript von 1861-63, in Marx-Engels-Werke Band 43, Berlin 1990, S. 321f.  



Nota. - Ohne die Ausbildung des Kapitals wäre die Einführung von Maschinen und der Übergang zu erweiterter, industrieller Arbeitsteilung nicht möglich gewesen.

Einfache Kooperation in den Ateliers der Manufakturen konnte Ludwig XIV. selbst durchführen. Um Geld zu verdienen, denn seine Kriege waren nicht minder kostspielig als das Bauen in Versailles. Er produzierte Luxusgüter, die auch er selbst gebrauchen konnte - zum Selbstkostenpreis. Die gewaltigen Investitionen, die die Einführung von Maschinen erfordert hätten, konnte er sich gar nicht leisten, denn ein Gewinn im kommenden Jahr linderte nicht seine Geldknappheit im Moment.

Der Fürst kann nur selber industrieller Kapitalist werden, wenn er fähig ist, ganz und gar Kapitalist zu werden. Solange seine Privatschatulle Teil des Staatshaushalts ist, ist daran nicht zu denken.

Mit andern Worten, die Verheerungen des Frühkapitalismus und der industriellen Revolu-tion waren historisch unumgänglich; die nachträglichen Romantisierungen aristokratischer Staatssozialisten konnten es nicht vertuschen.
JE, 16. 12. 18

Samstag, 15. August 2026

Notwendig und durchschnittlich.

wolfram                                                                                      zu Marxiana

Es ist nur in einzelnen Fällen, daß der Kapitalist durch Einführung der Maschinerie direkte Herabsetzung des Arbeitslohns bezweckte, obgleich dies stets der Fall, wenn er an die Stelle der geschickten Arbeit einfache und an die Stelle der Arbeit erwachsener Männer die Arbeit von Frauen und Kindern setzt. 

Der Wert der Ware ist durch die in ihr enthaltne gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt. Bei Einführung neuer Maschinerie, solange die Masse der Produktion noch auf Grundlage der alten Produktionsmittel fortdauert, kann der Kapitalist die Ware unter ihrem gesellschaftlichen Wert verkaufen, obgleich er sie über ihrem individuellen Wert verkauft, d.h. über der Arbeitszeit, die er unter dem neuen Produktionsprozeß zu ihrer Herstellung bedarf. Hier scheint also der Mehrwert für ihn aus dem Verkauf — der Übervorteilung der andren Warenbesitzer, dem Steigen des Preises der Ware über ihren Wert, herzustammen, nicht aus der Verminderung der notwendigen Arbeitszeit und der Verlängerung der Sur-plusarbeitszeit. 

Indes ist auch das nur Schein. Durch die ausnahmsweise Produktivkraft, die die Arbeit hier im Unterschied von der Durchschnittsarbeit in demselben Geschäftszweig erhalten, wird sie im Verhältnis zu derselben höhre Arbeit, so daß z. B. eine Arbeitsstunde derselben gleich  5/4 Arbeitsstunden der Durchschnittsarbeit, einfache Arbeit auf höherer Potenz. Der Ka-pitalist zahlt sie aber wie die Durchschnittsarbeit. Eine geringre Zahl Arbeitsstunden wird so gleich einer größeren Zahl Arbeitsstunden der Durchschnittsarbeit. Er bezahlt sie als Durchschnittsarbeit und verkauft sie als das, was sie ist, höhere Arbeit, von der ein be-stimmtes Quantum
= einem höheren Quantum der Durchschnittsarbeit. Der Arbeiter braucht hier also nur geringre Zeit zu arbeiten, unter der Voraussetzung, als der Durch-schnittsarbeiter, um denselben Wert zu produzieren. 

Er arbeitet also in der Tat geringere Arbeitszeit — als der Durchschnittsarbeiter — um das Äquivalent für seinen Arbeitslohn oder die zur Reproduktion seines Arbeitsvermögens nö-tigen Lebensmittel zu produzieren. Er gibt also eine größre
Zahl Arbeitsstunden als Surplus-arbeit dem Kapitalisten, und es ist nur diese relative Surplusarbeit, die dem letztern beim Verkauf den Überschuß des Preises der Ware über ihren Wert liefert. Er realisiert diese Sur-plusarbeitszeit, oder, was dasselbe, diesen Surpluswert nur im Verkauf, der also nicht aus dem Verkauf, sondern aus der Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit und daher der re-lativen Vermehrung der Surplusarbeitszeit herstammt. 
 

Selbst wenn der Kapitalist, der die neue Maschinerie einführt, höheren als den Durch-schnittsarbeitslohn zahlte, rührte der von ihm realisierte Überschuß über den normalen Mehrwert, den von den andren Kapitalisten in demselben Geschäftszweig realisierten Mehrwert, nur davon her, daß der Arbeitslohn nicht in demselben Verhältnis vermehrt wird, in welchem 
/ diese Arbeit über die Durchschnittsarbeit steigt, daß also stets eine relative Vermehrung der Surplusarbeitszeit stattfindet. Dieser Fall also auch subsumiert unter das allgemeine Gesetz, daß der Mehrwert = Surplusarbeit. 

Die Maschinerie — sobald sie kapitalistisch angewandt wird, sich nicht mehr in ihren An-fängen befindet, worin sie meist nichts als machtvolleres Handwerksinstrument ist — setzt die einfache Kooperation voraus, und zwar er- scheint diese, wie wir weiter sehn werden, als viel wichtigeres Moment in ihr wie in der auf Teilung der Arbeit beruhenden Manufaktur, wo sie sich nur im Prinzip der multiples geltend macht, i.e. nicht nur darin, daß die ver-schiednen Operationen unter verschiedne Arbeiter verteilt sind, sondern daß Verhältniszah-len stattfinden, worin bestimmte Anzahl von Arbeitern gruppenweis je den einzelnen Ope-rationen zugeteilt, unter sie subsumiert ist. Im mechanischen Atelier, der entwickeltsten Form der kapitalistischen Anwendung der Maschinerie, ist es wesentlich, daß viele dasselbe tun. Es ist sogar sein Hauptprinzip. 

Die Anwendung der Maschinerie setzt ferner ursprünglich als Existenzbedingung die auf Teilung der Arbeit beruhnde Manufaktur voraus, indem die Maschinenfabrikation selbst — also die Existenz der Maschine — auf einem Atelier beruht, worin das Prinzip der Teilung der Arbeit vollständig durchgeführt. Erst auf weiterer Entwicklungsstufe findet Maschinen-fabrikation selbst auf Grundlage der Maschinerie — durch mechanisches Atelier — statt. 

„In den Anfängen des mechanischen Ateliers bot eine Werkstatt dem Auge die Teilung der einzelnen Arbeiten in mannigfachen Abstufungen dar; die Feile, der Bohrer, die Drechsel-bank hatten ein jedes je nach dem Grad der Geschicklichkeit seine Arbeiter; aber die Fin-gerfertigkeit, mit der Arbeiter mit Feilen oder Bohrern umgingen, ist heute durch Maschi-nen zum Hobeln, zum Fräsen von Falzen in Holz und zum Bohren versetzt, während die manuelle Arbeit der Eisen- und Kupferdreher von der maschinell betriebenen Drehbank übernommen wurde." (p.30, 31, Ure, 1.1, I.e.) 

Die in der Manufaktur entwickelte Teilung der Arbeit wiederholt sich einerseits im Innern des mechanischen Ateliers, obgleich in sehr vermindertem Maßstab; andrerseits, wie wir später sehn werden, wirft das mechanische Atelier die wesentlichsten Prinzipien der auf Teilung der Arbeit beruhenden Manufaktur über den Haufen. Endlich vermehrt die An-wendung der Maschinerie die Teilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft, die Verviel-fältigung der besondren Geschäftszweige und unabhängigen Produktionssphären. 

Ihr Grundprinzip ist Ersetzung geschickter Arbeit durch einfache Arbeit; also auch Reduk-tion der Masse des Arbeitslohns auf den Durchschnittsarbeitslohn oder Reduktion der not-wendigen Arbeit der Arbeiter auf das / Durchschnittsminimum und Reduktion der Produk-tionskosten des Arbeitsvermögens auf die Produktionskosten des einfachen Arbeitsvermö-gens. 
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K. Marx, Ökonomisches Manuskript von 1861-63, in Marx-Engels-Werke Band 43, Berlin 1990, S. 315ff.



Nota. - Als gesellschaftlich notwendige Arbeit gilt der Durchschnitt. Wer über dem Durch-schnitt liegt, macht Verlust, weil sein Produkt unverkäuflich geworden ist. Wer unter dem Durchschnitt bleibt, macht einen größeren als den durchschnittlichen Gewinn - und sei es nur, weil er mehr, nämlich billiger verkauft als die andern. Das ist der springende Punkt beim Durchschnitt: Er ändert sich, indem einige darunter bleiben; aber nicht, wenn andere darüber bleiben: Die fallen einfach aus. Das ist 'Gesetz'.
JE,
14. 12. 18

Freitag, 14. August 2026

Das Wertgesetz gilt nur unter kapitalistischen Voraussetzungen.

                                                                         zu Marxiana

Das Produkt nimmt nur allgemein die Form der Ware an - das Verhältnis der Produzenten zueinander als Verkäufer und Käufer wird nur der sie beherrschende gesellschaftliche Zu-sammenhang -, wo das Arbeitsvermögen selbst zur Ware für seinen Besitzer, der Arbeiter daher Lohnarbeiter und das Geld Kapital geworden ist. Der gesellschaftliche Zusammen-hang zwischen dem Geldbesitzer und dem Arbeiter ist auch nur der von Warenbesitzern.

Das Verhältnis modifiziert sich, bringt neue gesellschaftliche Verhältnisse hervor, durch die spezifische Natur der Ware, die der Arbeiter zu verkaufen hat und die eigentümliche Art, worin der Käufer dasselbe konsumiert, ganz wie den besondren Zweck, wozu er es kauft. Die kapitalistische Produktion führt u.a. die Teilung der Arbeit im Innern des Ateliers mit sich, und es ist dies, wie die andren vom Kapital angewandten Produktionsmittel, die die Massenproduktion, daher die Gleichgiltigkeit des Gebrauchswerts des Produkts für den Produzenten, die Produktion für den bloßen Verkauf des Produkts als bloßer Ware wei-terentwickeln. 

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K. Marx, Ökonomisches Manuskript von 1861-63, in Marx-Engels-Werke Band 43, Berlin 1990, S. 311


Nota. - Nur wenn und wo das Produkt allgemein die Form der Ware angenommen hat und auf den Markt kommt, werden die Produktionskosten auf einen Durchschnitt reduziert - weil dann die Waren, die zu teuer produziert wurden, nicht verkauft werden. Nur wo ein Durchschnitt besteht, kann er um einen Mittelwert pendeln. Welcher kann das sein? Die-jenige Ware, die in jedes Produkt eingeht - und das ist die Arbeitskraft. 

(Wenn freilich die lebendige Arbeit proportional schließlich gegenüber dem Wert der verge-genständlichten Arbeit - fixes Kapital - an Bedeutung verliert, wird dieser Mittelwert end-lich zu einer quantité négligeable.)

Das Wertgesetz kann nur gelten unter der Voraussetzung entwickelter kapitalistischer Pro-duktion; q. e. d.

JE, 12. 12. 18


Donnerstag, 13. August 2026

Arbeit und Arbeitskraft; Tausch- und Gebrauchswert.

                                            zu Marxiana

Das Arbeitsvermögen unterscheidet sich als Gebrauchswert spezifisch von den Gebrauchs-werten aller andren Waren. Erstens dadurch, daß es als bloße Anlage in der lebendigen Leiblichkeit des Verkäufers, des Arbeiters, existiert; zweitens, was ihm einen von allen and-ren Gebrauchswerten durchaus charakteristischen Unterschied aufprägt, daß sein Ge-brauchswert — seine wirkliche Verwertung als Gebrauchswert, d. h. seine Konsumtion — die Arbeit selbst ist, also die Substanz des Tauschwerts, daß es die schöpferische Substanz des Tauschwertes selbst ist. Seine wirkliche Vernutzung, Konsumtion, ist Setzen des Tauschwerts. Tauschwert zu schaffen ist sein spezifischer Gebrauchswert. /

Als Ware jedoch hat das Arbeitsvermögen selbst einen Tauschwert. Es fragt sich, wie diesen Wert bestimmen? Soweit eine Ware unter dem Gesichtspunkt des Tauschwerts betrachtet wird, wird sie immer betrachtet als Resultat der produktiven Tätigkeit, die zur Erzeugung ihres Gebrauchswertes erheischt ist. Ihr Tauschwert ist gleich dem Quantum in ihr aufgear-beiteter, vergegenständlichter Arbeit, deren Maß die Arbeitszeit selbst ist. Als Tauschwert ist jede Ware von der andren nur quantitativ unterschieden, der Substanz nach aber ein gewisses Quantum der gesellschaftlichen Durchschnittsarbeit; der notwendigen Arbeitszeit, die erheischt ist, um diesen bestimmten Gebrauchswert unter gegebnen Produktionsbe-dingungen zu produzieren, also auch zu reproduzieren. 

Der Wert des Arbeitsvermögens wie der jedes andren Gebrauchswerts ist also gleich dem Quantum in ihm aufgearbeiteter Arbeit, der Arbeitszeit, die erheischt ist, um das Arbeits-vermögen zu produzieren. (Unter gegebnen allgemeinen Produktionsbedingungen.) Das Arbeitsvermögen existiert nur als Anlage in der lebendigen Leiblichkeit des Arbeiters. Die Produktion des Arbeitsvermögens, sobald es einmal als gegeben vorausgesetzt ist, löst sich wie die Produktion alles Lebendigen in Reproduktion auf, in Erhaltung. Der Wert des Arbeitsvermögens löst sich also zunächst auf in den Wert der Lebensmittel, die nötig sind, um es zu erhalten, d. h., um den Arbeiter als Arbeiter am Leben zu erhalten, so daß, wenn er heute gearbeitet hat, er fähig ist, denselben Prozeß unter denselben Bedingungen am andren Morgen zu wiederholen.

Zweitens: Eh' der Arbeiter sein Arbeitsvermögen entwickelt hat, ehe er fähig ist zu arbeiten, muß er leben. Soll also, wie vorausgesetzt ist, damit sich das Geld zum Kapital entwickle, damit das Kapitalverhältnis stattfinde — soll also das Kapital beständig auf dem Markt, innerhalb der Zirkulation, Verkäufer ihres eignen Arbeitsvermögens vorfinden, so ist es nötig — da der Arbeiter sterblich ist —, daß er außer seinen eignen Lebensmitteln genug Lebensmittel erhält, um die Arbeiterrace fortzupflanzen, zu vermehren oder allermin-destens auf ihrer gegebnen Höhe zu erhalten, so daß die dem Markt durch Untauglichkeit oder Tod entzogenen Arbeitsvermögen durch frische ersetzt werden. Mit andren Worten: Er muß hinlänglich Lebensmittel erhalten, um Kinder solange zu ernähren, bis sie selbst als Arbeiter leben können. Der Arbeiter — um ein bestimmtes Arbeitsvermögen zu entwi-ckeln, um seine allgemeine Natur so zu modifizieren, daß sie zur Ausübung einer bestimm-ten Arbeit fähig wird — bedarf einer Übung oder eines Unterrichts — einer Erziehung, die je nach der besondren Art produktiver Arbeit, die er erlernt, mehr oder minder selbst be-zahlt werden muß, also auch in die Produktionskosten des Arbeitsvermögens eingeht. 
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K. Marx, Ökonomisches Manuskript von 1861-63, in Marx-Engels-Werke Band 43, Berlin 1990
, S. 38f. 

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Mittwoch, 12. August 2026

Lebendige und vergegenständlichte Arbeit.

 Magnum                                                                                            zu Marxiana

Bei der Entwicklung des Kapitals ist es wichtig festzuhalten, daß die einzige Voraussetzung — das einzige Material, von dem wir ausgehn, Warenzirkulation und Geldzirkulation sind, Ware und Geld sind, und die Individue nur als Warenbesitzer einander gegenüberstehn. Die zweite Voraussetzung ist, daß der Formwechsel, den die Ware in der Zirkulation durchläuft, nur formell ist, d. h., der Wert in jeder Form unverändert bleibt, die Ware, die einmal als Gebrauchswert, das andre Mal als Geld existiert, aber ohne ihre Wertgröße zu ändern, die Waren also zu ihrem Wert, im Verhältnis zu der in ihnen enthaltnen Arbeitszeit, gekauft und verkauft werden, in andren Worten, nur Äquivalente sich austauschen. ... / 

... Den einzigen Gegensatz gegen die vergegenständlichte Arbeit bildet die nicht vergegen-ständlichte, die lebendige Arbeit. Die eine ist im Raum , die andre in der Zeit vorhandne Arbeit, die eine vergangen, die andre gegenwärtig, die eine in einem Gebrauchswert verkör-pert, die andre als menschliche Tätigkeit prozessierend und erst im Prozeß begriffen, sich zu vergegenständlichen, die eine ist Wert, die andre ist wertschaffend. Wird ein vorhandner Wert mit der wertschaffenden Tätigkeit, vergegenständlichte Arbeit mit lebendiger, kurz, Geld mit Arbeit ausgetauscht, so scheint die Möglichkeit vorhanden, daß ver/mittelst dieses Austauschprozesses der vorhandne Wert erhalten oder vergrößert wird. 

Nehmen wir also an, daß der Geldbesitzer Arbeit kauft, also der Verkäufer keine Ware, son-dern Arbeit verkauft. ...

In dem Prozeß G - W - G soll sich der Wert (eine gegebne Wertsumme) erhalten und ver-mehren, während er in die Zirkulation eingeht, d. h., abwechselnd die Formen der Ware und des Geldes annimmt. Die Zirkulation soll nicht bloßer Formwechsel sein, sondern die Wert-größe erhöhn, zu dem vorhandnen Wert einen Neuwert oder Mehrwert hinzusetzen. Der Wert als Kapital soll gleichsam Wert auf der zweiten Potenz sein, potenzierter Wert.

Der Tauschwert der Ware ist das in ihrem Gebrauchswert vergegenständlichte Quantum gleicher gesellschaftlicher Arbeit, oder das Quantum Arbeit, das in ihm verkörpert, aufge-arbeitet ist. Die Größe dieses Quantums mißt sich an der Zeit, der Arbeitszeit, die erheischt ist, um den Gebrauchswert zu produzieren, daher in ihm vergegenständlicht ist. ... 

Geld und Ware unterscheiden sich nur durch die Form, worin diese vergegenständlichte Arbeit ausgedrückt ist. Im Geld ist die vergegenständlichte Arbeit ausgedrückt als gesell-schaftliche Arbeit (allgemein), die daher unmittelbar austauschbar ist mit allen andren Waren in dem Maß , worin sie gleich viel Arbeit enthalten. In der Ware ist der in ihr ent-haltne Tauschwert oder die in ihr vergegenständlichte Arbeit nur ausgedrückt in ihrem Preis, d. h. in einer Gleichung mit Geld; nur ideell in Gold (dem Material des Gelds und dem Maß der Werte). Beide Formen aber sind Formen derselben Wertgröße und, ihrer Substanz nach betrachtet, Formen desselben Quantums vergegenständlichter Arbeit, also überhaupt vergegenständlichte Arbeit. (Das Geld, kann, wie wir gesehn haben, sowohl als Kaufmittel wie als Zahlungsmittel in der innren Zirkulation durch Wertzeichen, Zeichen seiner selbst, ersetzt werden. Dies ändert nichts an der Sache, da das Zeichen denselben Wert vorstellt, dieselbe Arbeitszeit, die im Geld enthalten ist. 
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K. Marx, Ökonomisches Manuskript 1861-63, in MEW 43, S. 29; 30f.  

 

Nota. - Es wird sich finden: Die lebendige Arbeit ist Tätigkeit, man kann sie anschauen und gebrauchen, aber nicht gegen eine andere Arbeit tauschen. Produkt ist die geronnene, die vergegenständlichte Arbeit, auch sie lässt sich anschauen und gebrauchen, doch nur sie lässt sich tauschen. 

Das wird sich im Lauf der Untersuchung als der alles entscheidende Unterschied erweisen. Denn gegen die im Geld vergegeständlichte Arbeit lässt sich zwar nicht die lebendige Arbeit, wohl aber die lebendige Arbeitskraft austauschen: Denn sie kann ihrerseits als Produkt aufgefasst werden. 

Dieses Thema wird Marx auf dutzenden Seiten so erschöpfend akribisch ausführen wie im chemischen Labor: Es soll in der Darstellung nicht die kleinste Lücke bleiben. Offenbar schreibt Marx auch hier noch mehr zum Zwecke der Selbstvergewisserung als für die Leser, denen er die vielen Wiederholung kaum zumuten durfte - und in der Endfassung des I. Bandes auch drastisch gekürzt hat.
JE 

 

Dienstag, 11. August 2026

Warum die Begriffsbestimmung des Kapitals beim Wert beginnen muss.

 alicdn                                                                  zu Marxiana
Zusätze zu α    
 

Um den Begriff des Kapitals zu entwickeln, ist es nötig nicht von der Arbeit, sondern vom Wert auszugehn, und zwar von dem schon in der Bewegung der Zirkulation entwickelten Tauschwert. Es ist ebenso unmöglich, direkt von der Arbeit zum Kapital überzugehn als von den verschiednen Menschenracen direkt zum Bankier oder von der Natur zur Dampf-maschine. /

Sobald das Geld als Tauschwert gesetzt wird, der sich verselbständigt, nicht nur gegen die Zirkulation (wie bei der Schatzbildung), sondern sich in ihr erhält, ist es nicht mehr Geld, denn dies kommt als solches nicht über die negative Bestimmung hinaus, sondern ist Ka-pital. Daher ist auch das Geld die erste Form, worin der Tauschwert zur Bestimmung des Kapitals fortgeht, und historisch die erste Erscheinungsform des Kapitals und wird daher auch historisch mit dem Kapital selbst verwechselt. Für das Kapital erscheint die Zirkula-tion nicht nur, wie beim Geld, als Bewegung, worin der Tauschwert verschwindet, sondern worin er sich erhält und selbst der Wechsel der beiden Bestimmungen von Geld und Ware ist. In der einfachen Zirkulation dagegen wird der Tauschwert nicht als solcher realisiert. Er wird immer nur realisiert im Moment seines Verschwindens. 

Wird Ware zu Geld und das Geld wieder zur Ware, so verschwindet die Tauschwertbestim-mung der Ware, die nur dazu gedient hat, für die erste Ware entsprechendes Maß der zwei-ten Ware (die zweite Ware im entsprechenden Maß) zu erhalten, womit letztre dann als Ge-brauchswert der Konsumtion anheimfällt. Die Ware wird indifferent gegen diese Form und ist nur noch direktes Objekt des Bedürfnisses. Wird Ware gegen Geld ausgetauscht, so ver-harrt die Form des Tauschwerts, das
Geld, nur so lange, als es sich außerhalb des Austauschs negativ gegen die Zirkulation verhält. Die Unvergänglichkeit, die das Geld anstrebte, indem es sich negativ gegen die Zirkulation verhielt, erreicht das Kapital, indem es sich grade da-durch erhält, daß es sich der Zirkulation preisgibt. 
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K. Marx, Ökonomisches Manuskript von 1861-63, in Marx-Engels-Werke Band 43, Berlin 1990, S. 29f.
                                     

Nota. - Band 43 war das letzte Stück, das von der Marx-Engels-Werke-Ausgabe erschienen, schon in der Bundesrepublik, aber noch herausgegeben vom SED-Institut.

Die MEGA hat mit der Edition des Ms. 61-63 noch nicht begonnen und ich weiß nicht, für wann sie geplant ist. Es ist Marxens erster Versuch, aus der Materialsammlung der soge-nannten Grundrisse ein lesbares Buch zu machen; aber auch der erste Versuch, die Kritik der Politischen Ökonomie systematisch darzustellen: Das Buch Zur Kritik... von 1859 sollte erst der Einstimmung des fachlichen Publikums dienen, hat aber die Wirkung, die Marx unter den Gelehrten erwartet hatte, nicht erzielt. Marx hat sich 1861 also an die Ausarbei-tung eines völlig neuen Werks gemacht.


Noch das Manuskript von 1863-1865 trägt viel mehr den Charakter eines 'Rohentwurfs', als die ebenfalls so untertitelten Grundrisse. Mit dem Band MEW 43 beginne ich eben erst. Er hat fast 500 Seiten. Ich mache mich auf einiges Durcheinander gefasst. Umso genauer müß-te man zusehen können, wie Marx in diesem Teil mit den Begriffen gerungen hat. Ich bin gespannt.
JE,
11. 12. 18

Das absolute Pragma.

                      aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik   Welches der Endzeck war, wird sich finden, sobald er e...