Montag, 22. September 2025

Die Frage ist: Wie kann ein Vernunftwesen sein Bewusstsein erklären?

 V. Gagarin                                  zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Die Frage ist: Wie kann ein Vernunftwesen sein Bewusstsein erklären? 
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 166

 

Nota. - Das Ich setzt sich, als sich selbst vorausgesetzt? Die Vernunft setzt sich, als sich selbst vorausgesetzt. 

Es ist ein Paradox, ein Ironikon. Man kann es aber auch unironisch auffassen, wie Fichte nach seiner Begegnung mit Jacobi. Und das heißt, es dogmatisch auffassen.
JE



Sonntag, 21. September 2025

Die Metakritik der Politischen Ökonomie.

M. C. Escher, Wasserfall                                                                       aus Marxiana     

Selbstverständlich kann man die Kritik der Politischen Ökonomie ihrerseits wiederum als eine theoretische Wissenschaft auffassen... 

... keine 'Objekt'-Wissenschaft, sondern eine 'Meta'-Wissenschaft.

Als solche... ist sie eo ipso Kritik, und wenn die Kritik 'radikal' ist..., dann geht sie jener 'Realwissenschaft' auf den Grund.
 

Und der Grund einer Wissenschaft ist niemals 'immanent', sondern liegt außerhalb dersel-ben, liegt "vor" ihr - denn sonst läge er ihr nicht "zu Grunde": Nicht die Wissenschaft sel-ber begründet ihre Voraussetzuungen, sondern die Voraussetzungen - die von woanders her stammen - begründen eine Wissenschaft. Dieser 'Grund' ist immer intentio, "Absicht"; er wird immer nicht "gewusst", sondern "gemeint": Er wird postuliert.

Die 'Wissenschaft von einer Wissenschaft' geht jener, wenn sie radikal ist, auf den Grund: verfolgt einen vorliegenden theoretischen Diskurs "rückwärts" bis hin zu dem ihm logisch 'zu Grunde liegenden' Postulat.

Die Setzung des Postulats, der theoretischen Absicht, geschieht "aus Freiheit". Sie ist also praktisch. Und darum ist die Meta-Wissenschaft, qua Kritik, eine praktische Disziplin; han-delt nicht von dem, was ist, sondern von dem, was 'gilt': was ein soll.

Der Grund-Satz der Politischen Ökonomie, ihre postulierte logische Voraussetzung als positive, als Real wissenschaft, ist der bei den Physiokraten noch unverhohlen ausgespro-chene Satz: 'Die Ökonomie' ist ein in sich selbst begründetes geschlossenes System: ist ein vollkommener Kreislauf. Seiner wissenschaftlichen Naivität entkleidet lautet dieser Satz: 'Die Ökonomie' soll sein ein in sich selbst begründeter Kreislauf; oder: sie gilt uns als...; sie soll dargestellt werden als... 

Also die Absicht, die der Theorie zu Grunde liegt, ist die, 'die Ökonomie' als in sich selber begründet darzustellen; sie soll als begründet gelten; oder: so, wie sie ist, soll sie gelten. Oder kurz, so wie es ist, soll es sein. Beziehungsweise, die bürgerliche Gesellschaft ist ge-rechtfertigt.

Inhalt der Kritik der Politischen Ökonomie ist: darzustellen, dass die - bei Ricardo schon nicht einmal mehr ausgesprochene, stillschweigend, "selbstverständlich", enthymemisch vorausgesetzte - Auffassung der 'Ökonomie' als ein logisch wie historisch geschlossenes System auf der Absicht beruht, die bürgerliche Gesellschaft zu rechtfertigen. 

Aber sofern die Kritik der Politischen Ökonomie selber Wissenschaft ist, ist sie ihrerseits 'begründet' - in einem logischen Postulat, in einer praktischen Absicht. Und dieses logische Postulat heißt: Die Geschichte soll gelten als der Sprung aus der Notwendigkeit in die Frei-heit. Und das ist nur die logische Formulierung der praktischen Absicht: Wer ein Mensch ist, soll frei sein.

Diese theoretische Darstellung der 'Kritik' ist ihrerseits Meta-Theorie.

Die theoretische Darstellung der Kritik der Politischen Ökonomie aus ihrem logischen Grund heraus; die Darstellung ihres logischen Grundes als ein Postulat, als praktische Ab-sicht - ist die Metakritik der Politischen Ökonomie. Und "es zeigt sich", dass die Metakritik der Politischen Ökonomie "übereinstimmt" mit der, "nichts anderes ist" als - die Wissen-schaftslehre.
29. 11. 89

Samstag, 20. September 2025

Den gesunden Menschenverstand befreien.

                                                zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Da werden sie sagen: dies lehrt ja der gesunde Menschenverstand schon. – Sie haben ganz recht. Das soll er auch. Es ist ja gar nicht die Frage, durch unsre Philosophie etwas neues hervorzubringen: den menschlichen Geist zu erweitern; wir wollen ihn ja nur befreien.
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J. G. FichteRückerinnerungen, Antworten, Fragen. [S. 184]


Nota. - Der gesunder Menschenverstand, common sense, ist die Vernunft auf ihrer ersten semantischen Ebene: in der Realität und auf die Realität tätige Vernunft. Wissenschaft ist nichts anderes. Doch während sich der Alltagsmensch darauf beschränkt und bei all seinen anderen Geschäften beschränken muss, die Reflexion jenen Dingen vorzubehalten, die den Rahmen des Alltäglichen überschreiten, macht es der Wissenschaftler zu seinem Beruf, ge-rade das vertraut Selbstverständliche seiner Prüfung zu unterziehen. 

"Es gibt zwei sehr verschiedene Standpunkte des Denkens; den des natürlichen und gemei-nen, da man unmittelbar Objekte denkt, und den des vorzugsweise so zu nennenden künst-lichen, da man, mit Absicht und Bewußtsein, sein Denken selbst denkt. Auf dem ersten steht das gemeine Leben und die Wissenschaft; auf dem zweiten die Transzendentalphilo-sophie", sagt Fichte

Alltagswisssen und Wissenschaft sind keine Gegensätze, die sich nach ihrer Substanz un-terscheiden, sondern dieselbe Tätigkeit, auf verschiedene Erfahrungsbereiche angewandt. Der Substanz nach ist auch die Transzendentalphilosophie nichts anderes als gesunder Menschenverstand. Nur ist sein Gegenstand hier ein radikal anderer: nicht dieser oder jener Erfahrungsbereich, sondern er selbst; Erfahrungen, die er von sich haben könnte, findet er nicht vor, sondern muss er selbst veranstalten, im Experiment.

Wozu mag das aber gut sein? Ob die kritische alias Transzendentalphilosophie einen prakti-schen Nutzen hat, ist diskutabel. Unmittelbar, fürs täglich Leben, hat sie gar keinen; es ist ja nicht ihr Gegenstand. 

"Mittelbar, d. h. inwiefern ihre Kenntnis mit der Kenntnis des Lebens vereinigt ist, hat sie auch einen positiven Nutzen. Für das unmittelbar praktische pädagogische im weitesten Sinn des Worts: Sie zeigt, wie man die Menschen bilden müsse...

Für die theoretische Philosophie, Erkenntnis der Sinnenwelt, Naturwissenschaft ist sie re-gulativ. Sie zeigt, was man von der Natur fragen müsse. – 

Ihr Einfluß auf die Gesinnung des Menschengeschlechts überhaupt ist, daß sie ihnen Kraft, Mut und Selbstvertrauen beibringt, indem sie zeigt, daß sie und ihr ganzes Schicksal ledig-lich von sich selbst abhängen; indem sie den Menschen auf seine eignen Füße stellt."
aus Rückerinnerungen, Antworten, Fragen, S. 123


Den gesunden Menschverstand befreien bedeutet das.
JE, 17. 8. 18

 

 

Freitag, 19. September 2025

Als Regulativ, als pädagogische Regel.

                                            zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Eigentliche Philosopheme einer Transzendentalphilosophie sind an sich tot und haben gar keinen Einfluß in das Leben, weder guten noch bösen; ebenso wenig als ein Gemälde gehen kann. Auch ist es ganz gegen den Zweck dieser Philosophie, sich den Menschen als Men-schen mitzuteilen. Der Gelehrte als Erzieher und Führer des Volks, besonders der Volksleh-rer, soll sie allerdings besitzen, als Regulativ, als pädagogische Regel, und nur in ihm werden sie insofern praktisch; nicht aber sie ihnen selbst mitteilen, welche sie gar nicht verstehen noch beurteilen können. (Man sehe meine Sittenlehre.) Aber daß er sie treu und mit Eifer anwende, wird dieser gute Wille schon vorausgesetzt, aber nicht etwa durch sie hervorge-bracht: ebenso wie bei dem Philosophen von Profession Unparteilichkeit, Wahrheitsliebe [und] Fleiß schon vorausgesetzt, nicht aber durch sein Philosophieren erst erzeugt wird.
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 134] 

 

Donnerstag, 18. September 2025

Real ist die Wechselwirkung.

Courbet, Zwei Ringer                                 zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Der letzte Grund aller Wirklichkeit für das Ich ist demnach nach der Wissenschaftslehre eine ursprüngliche Wechselwirkung zwischen dem Ich und irgend einem Etwas ausser dem-selben, von welchem sich weiter nichts sagen lässt, als dass es dem Ich völlig entgegenge-setzt seyn muss. In dieser Wechselwirkung wird in das Ich nichts gebracht, nichts fremdar-tiges hineingetragen; alles was je bis in die Unendlichkeit hinaus in ihm sich entwickelt, ent-wickelt sich lediglich aus ihm selbst nach seinen eigenen Gesetzen; das Ich wird durch jenes Entgegengesetzte bloss in Bewegung gesetzt, um zu handeln, und ohne ein solches erstes bewegendes ausser ihm würde es nie gehandelt, und, da seine Existenz bloss im Handeln be-steht, auch nicht existirt haben. Jenem bewegenden kommt aber auch nichts weiter zu, als dass es ein bewegendes sey, eine entgegengesetzte Kraft, die als solche auch nur gefühlt wird.

Das Ich ist demnach abhängig seinem Daseyn nach; aber es ist schlechthin unabhängig in den Bestimmungen dieses seines Daseyns. Es ist in ihm, kraft seines absoluten Seyns, ein für die Unendlichkeit gültiges Gesetz dieser Bestimmungen, und es ist in ihm ein Mittelver-mögen, sein empirisches Daseyn nach jenem Gesetze zu bestimmen. Der Punct, auf wel-chem wir uns selbst finden, wenn wir zuerst jenes Mittelvermögens der Freiheit mächtig werden, hängt nicht von uns ab, die Reihe, die wir von diesem Puncte aus in alle Ewigkeit beschreiben werden, in ihrer ganzen Ausdehnung gedacht, hängt völlig von uns ab.

Die Wissenschaftslehre ist demnach realistisch. Sie zeigt, / dass das Bewusstseyn endlicher Naturen sich schlechterdings nicht erklären lasse, wenn man nicht eine unabhängig von denselben vorhandene, ihnen völlig entgegengesetzte Kraft an nimmt, von der dieselben ihrem empirischen Daseyn nach selbst abhängig sind. Sie behauptet aber auch nichts weiter, als eine solche entgegengesetzte Kraft, die von dem endlichen Wesen bloss gefühlt, aber nicht erkannt wird. Alle mögliche Bestimmungen dieser Kraft, oder dieses Nicht-Ich, die in die Unendlichkeit hinaus in unserem Bewusstseyn vorkommen können, macht sie sich anheischig, aus dem bestimmenden Vermögen des Ich abzuleiten, und muss dieselbe, so gewiss sie Wissenschaftslehre ist, wirklich ableiten können. 
 
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J. G. Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW Bd. I,
S. 279f.


Mittwoch, 17. September 2025

Nur, was aus dem Leben kommt, hat Realität.

Jordaens, Drei Musiker       zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Unsere Philosophie macht umgekehrt das Leben, das System der Gefühle, des Begehrens zum Höchsten und läßt der Erkenntnis überall nur das Zusehen. Es ist nach ihr ein solches System der Gefühle bestimmt: es ist freilich mit ihnen ein Bewußtsein verknüpft; und dies gibt eine unmittelbare, nicht eine durch / Folgerungen erschlossene, durch freies, auch zu unterlassendes Räsonnement erst erzeugte Erkenntnis. Nur diese unmittelbare Erkenntnis hat Realität, ist, als aus dem Leben kommend, etwas das Leben bewegendes: und wenn phi-losophisch die Realität einer Erkenntnis erwiesen werden soll, muß ein Gefühl – ich will mich hier noch dieses Worts bedienen und werde über den Gebrauch desselben sogleich noch bestimmtere Rechenschaft geben – aufgezeigt werden, an welches diese Erkenntnis sich unmittelbar anschlösse.

Das freie Räsonnement kann jene Erkenntnis nur durchleuchten, läutern, verknüpfen und trennen, das Mannigfaltige derselben, und dadurch den Gebrauch desselben sich erleichtern und sich fertiger darin machen: aber sie [sic] kann es nicht vermehren. Unsere Erkenntnis ist uns mit einem Male, für alle Ewigkeit gegeben, und wir können dieselbe nur weiter entwik-keln, den Stoff nur aus eben diesem Stoff vermehren. 

Nur das Unmittelbare ist wahr: und das Vermittelte ist wahr, inwiefern es sich auf jenes gründet, außerdem Schimäre und Hirngespinst.

*) Das Leben ist die Basis: und wenig bedeuten die Worte. 
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen
[S. 138f.]

 

Nota. - Die Wissenschaftslehre ist Kritik. Sie soll das Wissen von Dogmen und Mystfikatio-nen reinigen. Sie selbst fügt dem Leben nichts hinzu; aber besagte Reinigung: Sie befreit es von seinen Fesseln.
JE 

Dienstag, 16. September 2025

Doch realistisch ist die Wissenschaftslehre auch.

 dreamstime                   zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Ausdrücklich und ganz bestimmt durch das Nichtphilosophieren, d. h. dadurch, daß man zur philosophischen Abstraktion sich nie erhoben oder von der Höhe derselben sich wieder in den Mechanismus des Lebens [und] gemeinen Denkens hineinversetzt, entsteht uns alle Realität; und umgekehrt, sowie man sich zur Spekulation erhebt, verschwindet diese Realität gänzlich. Nun ist das Leben Zweck, keinesfalls das Spekulieren; das letztere ist nur Mittel. Und es ist nicht einmal Mittel, das Leben zu bilden; es liegt in einer ganz anderen Welt. Was auf das Leben Einfluß haben soll, muß selbst aus dem Leben hervorgegangen sein. Es ist lediglich Mittel, das Leben zu erkennen.  .../

Worin man befangen ist, was man selbst ist, kann man nicht erkennen; man müßte aus dem-selben herausgehen, aufhören, es zu sein, sich auf einen Standpunkt außerhalb desselben stellen. Dieses ist die Spekulation; dieser Standpunkt außer dem wirklichen Leben ist sie. Nur inwiefern es diesen höhern Standpunkt und diese beiden entgegengesetzten Stand-punkte gab, ist es dem Menschen möglich, sich selbst zu erkennen. Man kann leben und vielleicht der Vernunft ganz gemäß leben, ohne zu spekulieren; man kann leben, ohne das Leben zu er/kennen. Aber man kann das Leben nicht erkennen, ohne zu spekulieren.  
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 J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen. [S. 118ff.]  

Montag, 15. September 2025

Selbstvergessen ist der Charakter der Wirklichkeit.

Chardin, Der Junge mit dem Kreisel.              zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete...

Jenes halbe, träumende und zerstreute Bewußtsein, jene Unaufmerksamkeit und Gedanken-losigkeit, die ein Grundzug unseres Zeitalters, und das kräftigeste Hindernis einer gründli-chen Philosophie ist, ist / eben der Zustand, da man sich selbst nicht ganz in den Gegen-stand hineinwirft, sich in ihm vergräbt und vergißt; sondern zwischen ihm und sich selbst herumschwankt und zittert.

... Sonach wäre der gesuchte Grund deiner Urteile über Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit gefunden. Das Selbstvergessen wäre Charakter der Wirklichkeit; und in jedem Zustande des Lebens wäre der Focus, in welchen du dich hineinwirfst und vergissest, und der Focus der Wirklichkeit Eins und dasselbe. Das sich dir selbst Entreißende wäre das wirklich sich bege-bende und deinen Lebensmoment füllende.
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Sonnenklarer Bericht an das größere Publikum über da eigentliche Wesen der neuesten Philosophie [1801] 
SW. Bd. II, S 337f.


Nota. - Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich von Jacobi schon dazu verleiten lassen, aus der Transzendental- in die Lebensphilosophie hinüber zu gleiten. Das Falsche daran ist nicht die Lebensphilosophie selber, sondern das Hinübergleiten; zumal er ja den Schlussgang um-kehrt und seine Lebensphilosophie zur Prämisse der Transzendendalphilosophie machen will. Wenn die Transzendentalphilosophie - echter durchgeführter Kritizismus - zu einem Abschluss gekommen ist, mag oder muss man sich Gedanken über den Sinn des Lebens machen: unter den Vorbehalten, die jene gebietet. Aber das ist freie Schöpfung, Kunst, Poesie, und kann und will auf Wissenschaftlichkeit keinen Anspruch erheben. 

Was gar keine Minderung ist, denn das Leben ist keine wissenschaftliche Veranstaltung.
 9. 12. 13
 
 
Nota II. - Die Auffassung, Fichtes Philosophie sei was für Egozentriker, ist offenbar weit hergeholt. Sie rückt vielmehr das Wirkliche in den Mittelpunkt und nicht das Räsonnieren. Reflexion ist lediglich Ausgangspunkt des Philosophierens. 
JE
 
 
 
 

Sonntag, 14. September 2025

Übereinstimmung ist der Zweck der Vernunft.

Foto: picture alliance                                 zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Religion zwar ist Angelegenheit aller Menschen, und jeder redet da mit Recht hinein und streitet: dies ist Bestimmung des Menschen und Anlage, um allmählich Übereinstimmung, den großen Zweck der Vernunft, hervorzubringen.
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 136]



Nota I. - Mit andern Worten - Vernunft ist immer da an ihrem Platz, wo Übereinstimmung angebracht ist. Alles andere liegt nicht in ihrem Zweck.
22. 12. 23 
 
Nota II. -  Dass Fichte diese Spezifizierung nicht an gebotener Stelle angebracht hat, erklärt so manche Zweideutigkeit an seiner sachlichen Bestimmung der Vernunftbegriffs - oder diese erklärt jenes. Auf jeden Fall ist das ein kardinaler Mangel in allen seinen Darstellungen der Wissenschaftslehre - und gibt dem Vorurteil Nahrung, er habe unter der Hand schließ-lich doch einem Übersinnlichen irdische Realität zuschieben wollen; und habe von Anbeginn zwischen rationeller Kritik und romantischer Mystik geschwankt.
JE    
 
 
 

Samstag, 13. September 2025

Apagogische Dialektik.

                                                                               zu Marxiana

Kapital kann also nicht aus der Zirkulation entspringen, und es kann ebensowenig aus der Zirkulation nicht entspringen. Es muss zugleich in ihr und nicht in ihr entspringen. 
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K. Marx, Das Kapital I, MEW 23, S. 180 


Nota. - Das ist ein di/lemma: ein Wegweiser, der zugleich in zwei direkt entgegengesetzte Richtungen zeigt. Oder eine a/porie - eine Kluft, wo es 'keine Brücke' gibt?

Man muss die Reflexionsebene wechseln: Vielleicht findet sich bei höherer Abstraktion ein Gesichtspunkt, unter dem sich beide Aussagen vereinigen lassen. Auf dem gegenwärtigen Gesichtspunkt erscheinen Produktion und Zirkulation als zwei getrennte Bereiche: Die ein-zelne Ware befindet sich zuerst in dem einen und dann in dem andern. Betrachten wir aber den Gesamtprozess, dann handelt es sich nicht um eine Reihe von 'Schritten', sondern um einen Fluss, in jedem zu betrachtenden Moment geschieht alles gleichzeitig und auf einmal: In der Wirklichkeit des Zeitverlaufs ist die bürgerliche Gesellschaft Produktions- und Zirku-lationprozess zugleich. Auf diesem Standpunkt kann das Kapital aus der Zirkulation ent-springen und nicht aus ihr entspringen.

So kann auch einer räsonnieren, der von Hegelscher Dialektik imprägniert ist: 'Auflösung des Widerspruchs in einer höheren Einheit'. Allerdings muss er, wenn er das System der bürgerlichen Gesellschaft betrachtet, stillschweigend von der spiritualistischen ('idealisti-schen', sagt Marx) Prämisse Abstand genommen haben, dass dieser Aufstieg in eine höhere Einheit von den Begriffen selbst besorgt würde. Es ist 'der Ökonom', der Kritiker der Poli-tischen Ökonomie, der sich auf einen höheren Standpunkt begibt - und den ökonomischen Dogmatikern vorwirft, es nicht zu tun.

Marx hat, wie er beabsichtigte, die Dialektik der "Mystifikationen" entkleidet, die sie unter Hegels Hand erfahren hatte; befreit von dem Zusatz, durch den jener verschleiern wollte, dass das Original... bei Fichte geklaut war. Bei Fichte sind es nicht die Vorstellungen (die 'Begriffe' schon gar nicht), die sich vorwärtsbewegen, sondern es ist immer der Vorstel-lende, der handelt; und es ist 'der Philosoph', der seinen Vorgang reflektierend begleitet - und dabei von einer Abstraktionsebene zur nächsten aufsteigen muss.

Ursprünglich, bei Fichte, war Dialektik kritisch. Unter Hegel wurde sie dogmatisch.* Bei Marx wird sie wieder kritisch.
14. 12. 16


*) posi/tiv: konstruk/tiv.




Nota - Das obige Bild gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE

Freitag, 12. September 2025

Kritik ist immer ad hominem.

kurier                                                                     aus Marxiana

Apagogik ist die naturgemäße Form der Kritik. 'Kritik' heißt: ein Gebäude ("System") von Aussagen auf seine Tragfähigkeit prüfen: seine Gründe aufsuchen und darüber urteilen, ob sie zureichend sind. Und das geht nun einmal nicht anders, als dass man es ausprobiert: d. h. die 'Gründe' zunächst einmal als solche voraussetzt und dann, Stein für Stein, darauf aufbaut. Dass die Gründe nicht reichen, um das Gebäude zu tragen, kann nur so bewiesen werden, dass man vorführt, wie es während des Bauens zusammenbricht: Es ist 'praktische' Demonstration.

Kritik trägt darum immer - und zwar weil sie Überprüfung von etwas schon-Gesetztem ist; als Re konstruktion, kein 'positiver' Neu-Bau - den Charakter eines argumentum ad homi-nem: hat negativen Charakter; denn ihre Konklusionen (nämlich soweit sie sachlich 'positiv' sind) gelten immer nur für denjenigen, der die Voraussetzung gemacht hatte, die jetzt zum Hinfall gebracht wurde. 

(Seine sachlichen Ausssagen - das "Gebäude" - könnten ja dennoch "richtig" sein - nämlich aufgrund andrer Voraussetzungen; freilich nicht aufgrund dieser.)
13. 2. 88

Nachtrag. Eine theoretische Demonstration beweist positiv: Sie baut Stein für Stein auf. Führt sie zum Ziel, hat sie ihre These bewiesen, nämlich allgemein. Das apagogische Ver-fahen ist eine praktische Demonstation: Sie beweist nur negativ - lediglich in Hinblick auf das Besondere, das sie widerlegt.
13. 12. 16

Die Kritik der Politischen Ökonomie führt deren Prämissen ad absurdum, indem sie sie bis zu ihren logischen Konklusionen führt. Sie ist kein Lehrbuch der Wirtschaftswissenschaft. Sie argumentiert gegen eine bestimmte Theorie, indem sie deren Voraussetzungen über-nimmt. Und ist lehrreich für alle, die an ihre Voraussetzungen glauben, sie aber noch nicht bis zu Ende gedacht haben.

Das Smith-Ricardosche System wird nicht mehr vertreten, nicht nur in seinen positiven Aussagen nicht, sondern gar nicht erst in seinem Anspruch: nämlich das kapitalistische Wirtschsaftssystem aus Begriffen erklären und zu rechtfertigen. "Volkswirtschaftslehre" besteht heute aus häufig wechselnden mathematischen Modellen von Wirtschaftspolitik. Sie wollen weder kritisieren noch rechfertigen, sie wollen funktionieren. Dass sie das nicht tun, weil die nächste Krise doch wieder unvorhergesehen eintritt, irritiert sie so wenig, wie eine theortische Widerlegung es täte. Sie versuchen es einfach nochmal, irgendwann muss es ja klappen.
29. 6. 20 

Anfang und Ende - ad quem und a quo.

                              zu  Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik   Eine Diskussion mit ChatGPT Lieber Leser, nehm...