Sonntag, 21. April 2024

Cogito, ergo sum?

                                    zu Philosophierungen

Ich denke etwas - also bin ich ich.

Tun - denken usw. -  ist eine Abstraktion. In seiner Wirklichkeit ist es ein Bestimmen. Auch das ist eine Abstraktion. In der Wirklichkeit bestimme ich immer etwas als dieses - und ipso facto mich selbst.

 

 

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Samstag, 20. April 2024

Ich denke reell, wenn ich mich gezwungen fühle.

                        zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Ideales Denken ist es, wenn das Bestimmen oder Denken durch die Einbildungkraft hin-durch erblickt und dadurch zur bloßen Bewegung, zum bloßen Tun wird, ohne dass ein Produkt desselben erscheine.

(Unsere Tätigkeit erscheint immer als ein Fließen, welches oben erklärt ist; nun erscheint auch ein Produkt, davon abstrahieren wir jetzt, es ist ein Tun überhaupt wie oben im reinen Zweckbegriff). Darin ist es ein bloßes ideales Denken. - 

Ein reales Denken ist das, wenn das nun versinnlichte Bestimmen, das daliegende, abermals bestimmt wird durch das reine Denken. Im ersten erscheint das Denken als ganz frei, im zweiten erblickt es sich als gebunden, daher entsteht das Gefühl und insbesondere das Ge-fühl des Denkzwanges. S. 216

... bei aller Bemühung können wir die Untersuchung über die Hauptsynthesis niemals er-schöpfen; wir können sonach nimmermehr das Bestimmte und Bestimmende als eins an-schauen, weil beides in der Synthesis auseinander liegt. Dieses Bestimmen und Bestimmt-sein ist in der Hauptsynthesis eins, diese können wir aber nicht fassen. 

Die Philosophie hebt notwendig an mit einem Unbegreiflichen, mit der ursprünglichen Synthesis der Einbildungskraft, ebenso mit einem Unanschaubaren, mit der ursprünglichen Synthesis des Denkens. Dieser Akt ist nicht zu denken noch anzuschauen. Es lässt sich auch also noch bloß die Aufgabe aufstellen, alles Übrige ist erreichbar, da es in der Erfahrung vollzogen wird.)  

Kurz, ich denke reell, wenn ich mich gezwungen fühle. Dies kommt daher, weil ich mich bestimmte. Denke ich dieses Bestimmte, so denke ich idealiter, mit letzterem ist kein Gefühl verbunden wie mit dem ersten. - S. 217

Dieses Denken haben wir schon genetisch zusammengesetzt; hier finden wir beides als ein Ganze[s], und wir wollen nun beide auf einander beziehen. Wie wird also eins durch das an-dere bestimmt? Wir wollen bei der Beziehung des realen Denkens auf das ideale anfangen, also in der ursprünglichen Synthesis ist mein Zustand von einer Seite betrachtet ein reelles Denken; nun ists unmöglich, dass //218// derselbe Zustand auch ein Unbestimmtes sei, dem-nach muss das ideale Denken, da es in demselben Zustande vorkommt, selber mit bestimmt werden. -

Das heißt nicht, das Ideale verliert seinen Charakter als Ideales, beides muss beisammen be-stehen, weil sonst kein Ich bestehen könnte. Die Freiheit als solche, das Bestimmen, das bloße Vermögen wird selbst gesetzt als ein bloßes Vermögen, das Ich wird als Seele zur Substanz mit dem und dem bestimmten Vermögen, weder mit mehr oder weniger (von Ge-mütsvermögen ist nicht die Rede).

Substanz ist ein bloßes Vermögen, das selbst in Schranken eingeschlossen wird, aber Ver-mögen ist es nur, inwiefern es durch die Einbildungskraft hindurch gesehen wird. Ein be-grenztes Vermögen ist es, inwiefern jenes Konstruieren der Einbildungskraft durchs reine Denken bestimmt wird.

Wir hatten also hier quasi drei Akte. 1) Ich denke mich als absolute reine Kraft; dies ist Re-sultat des absolut reinen Denkens. 2) Diese reine Kraft sehe ich durch die Einbildungkraft hindurch, durch ein unendliches Mannigfaltiges der Handlungsmöglichkeiten. Dadurch ent-steht mir nun eine zu einem unendlichen Mannigfaltigen Vermögen habende Kraft. 3) Diese Kraft denke ich nun abermals, dies ist nicht das reine Denken sub Nr. 1, ebensowenig der Akt der Einbildungkraft sub Nr. 2, sondern auf beides in seiner Vereinigung gehendes empirisches Denken.

Die Beschränkung des Geistigen kommt von diesem Denken. Das ideale oder reine Denken allein ist produzierend, wodurch Noumene hervorgebracht werden. Alles reelle Denken ist nur begrenzend und teilend das Gemachte; dies ist das leichteste, worauf weiter gebaut wird.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 216ff.  



Nota I. - Das reine oder ideale Denken produziert Noumena, da greift das reale Denken teilend und begrenzend hinein, daraus entsteht - nein, nicht eine Welt, sondern das reale Bewusstsein von mir und der Welt.  

Nota II. - Fassen, nämlich denkend begreifen, lässt sich die Synthesis nicht, denn sie ist ja nur als das Übergehen vom einen zum andern; würde es gefasst, könnte es nicht länger übergehen. 

Die Hauptsynthesis ist in allgemeinster Formulierung: Ich bestimme mich. Würde das je gelingen, wäre mit allem Bestimmen Schluss. Bestimmen meiner - und von irgendetwas anderem - als... ist nur möglich, solange ich mich von mir unterscheide. Wenn ich mich zu Ende bestimmt habe und mit mir eins geworden bin, bin ich tot.

Nota III. - Sie und ich, wir finden uns in unserm Denken frei, wenn wir fühlen, dass wir anders gar nicht können. Das ist offenbar unter allen Paradoxa das pardoxeste: Es ist der geradeste Weg, den ich erkenne; jeder andere wäre unüberwindbar schwierig. 

Und zwar, weil ich so nunmal angefangen habe. Ich müsste zuerst umkehren, wenn ich anders vorangehen wollte. Und das würde ich, wenn ich so nicht vorankäme. Doch solange ich so vorankomme, habe ich dazu keine Veranlassung. Die Wissenschaftslehre ist eine Probe aufs Exempel. Hast du dich darauf eingelassen? Dann bleib dabei - es sei denn, es geht nicht mehr.

Nota IV. -  Nie vergessend freilich, dass eine Syn thesis schlechthin nicht ursprünglich ist, sondern erst der Re flexion vorkommt: Ich/mich setzt voraus, dass ich mich von mir un-terschieden habe; das habe ich aber nicht im Tun, sondern erst in der Anschauung meines Tuns. Ursprüngliche Synthesis ist eine rhetorische Figur für etwas, das sich anders nicht aussprechen lässt.
JE


 

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Freitag, 19. April 2024

Das Materiale in allem Bewusstsein.

                            zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Wollen ist zuvörderst ein selbsttätiges Bestimmen, alles Bestimmen ist durch die Einbil-dungskraft vermittelt, es ist ein tätiges Bestimmen zu einem Zweckbegriffe. Sonach ist der ganze Begriff des Wollens sinnlich, alles Wollen ist Erscheinung, das reine Wollen wird bloß als Erklärungsgrund vorausgesetzt, es ist in unserer Vorstellung und Sprache nicht zu fas-sen; = absolute Selbstheit, Autonomie, Freiheit, alles ist gleich unbegreiflich. Die Freiheit lässt sich nur negativ beschreiben, durch: nicht bestimmt zu werden - abermals sinnlich. Kurz, es ist das, was möglich macht, dass ich mich als selbsttätig, als Ich denken kann. Dieses ist das Materiale in allem Bewusstsein.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,  S. 213

 

Nota. - Das Materiale? Das, worauf es ankommt - nämlich nicht die Form. Ob dein oder mein Wille frei ist, ob es das Ich wirklich gibt, ob ich nicht im Grunde immer nur den Be-dürfnissen meiner Physis nachgebe, darüber lässt sich endlos räsonieren. Solange es kein fremder Wille ist, der mich bestimmt, ist es meiner, und ob ich ihn hoch achte oder gering, ist meine Sache und muss ich mir zurechnen lassen. Das ist das Materiale.
JE     



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Donnerstag, 18. April 2024

Und nochmal: der Denkzwang.

passee                             zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Zuvörderst, dieses Objektive und Reelle außer dem Denken, wo ist es denn außer dem Denken? Im Gefühl und fürs Gefühl, das reelle Denken soll Denken fürs Gefühl sein, da das ideale nur sich selbst denkt und darstellt.

Hier sonach ist der Platz, wo das Denken aus sich selbst herausgeht, sich bezieht auf etwas außer ihm und objektives Denken oder eigentlich Anschauung ist.

Nota.
Kriterium für Objektivität im speziellen Sinn und für Wirklichkeit ist das Gefühl. Es bleibt bis jetzt aber dabei, dass er unter Gefühl sowohl das fasst, was herkömmlich als Sinnlichkeit verstanden wird: die Meldungen des Sinneszellen an die Neuronen im Gehirn, als auch den Denkzwang, das 'Gefühl, nicht anders zu können'. - Solange er aus dieser Ver-mengung nicht doch noch eine Objektivität und Realität des Denkens selbst sophistiziert, ist es bloß eine Unsauberkeit. Andernfalls wäre es eine Subreption. JE

Man kann die gesamte Aufgabe der Wissenschaftslehre so ausdrücken: Wie kommt das Ich dazu, aus sich selbst herauszugehen? 

Dieses geschieht auch durch Vermittelung: die, dass das Ich nun zuvörderst herausgehe aus seinem ursprünglich Reinsten, aus dem Denken; daraus geht es fort zu dem Gefühl, /
dies vermittelt das Herausgehen aus sich selbst, die Annahme einer Außenwelt. Der Platz nun, wo an das bloße Denken sich etwas anknüpft, was kein Denken ist, ist hier. Hier wird vom Denken fortgegangen zum Gefühl. Aber wenn wir dies noch näher ansehen, so scheint es doch nicht Stich halten zu wollen. Es ist nämlich sonderbar, dass ein bloßes Denken den Grund zu einem Gefühle haben soll.
 
Nota.
Das war das Mysterium bei Plotin, Spinoza und Hegel: wie kommt die Substanz überhaupt dazu, ihre Identität zu verlassen und in Akzidenzen zu "emanieren" (E. Lask)? 'Warum ist GOtt Schöpfer geworden' - die Theologie verbietet diese Frage. Der spekulative Pomp der metaphysisch-philosophischen Systeme täuscht darüber hinweg, dass sie sich an der Frage vorbeidrücken. Wenn sie aber der Theologie nichts Substanzielles hinzu zu fügen haben, wieso konnten sie's dann nicht bei ihr belassen? Die Philosophie ist dann überflüssig.
Der Transzendentalphilosoph Fichte dreht die Frage um. Er setzt nicht erst ein Ich, um es dann, warum auch immer, tätig werden zu lassen; sondern geht aus vom Faktum der vernünftigen Tätigkeit, das aus dem Noumen Ich erklärt wird. Tatsache ist, dass das (noumenale) Ich aus sich heraugegangen ist. Er muss nun nicht seine Phantasie schweifen lassen und raten, was es dazu veranlasst haben könnte. Er muss lediglich heraus finden, wie das möglich war. Eine Notwendigkeit wird nicht behauptet.

Nota II.
Fichte hat nicht nur die neuzeitliche Dialektik in die Welt gesetzt, er hat auch ihre besondere Terminologie geschaffen: Der Begriff der Vermittlung kommt in systematischer Bedeutung anscheinend zuerst bei ihm vor. (Nur von 'Dialektik' hat er nie geredet.
Nota III. 
Es ist sonderbar, dass ein bloßes Denken der Grund zu einem Gefühle sein soll: Das hat er nun erkannt und zugegeben. Wird er nun dies Mysterium lüften? JE
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 196f.
 
 
Nota. - Nicht eigentlich das Gefühl selbst, in dem er auch den Denkzwang unterbringen will, ist der problematische Begriff, sondern der Zustand: Der ist nämlich das als real ge-dachte Pendant zum lediglich begriffenen Ich. In jedem Fall geht es darum, Denkerfahrung und Sinnlichkeit in einander aufzulösen.

Das Ich der intellektuellen Anschauung ist bloßer Begriff: Noumenon. Als solches fühlt es nichts und hat keinen 'Zustand'. Es fühlt das lebendige Individuum, dessen Weg zur Ver-nunft die Wissenschaftslehre rekonstruieren will - aus der als unvermeidlich aufgefundenen Voraussetzung des sich-selbst-setzenden Ich. 


Wir bleiben stets im Reich der Vorstellung. Die Aufgabe ist nicht, den Denkzwang der Sinnlichkeit, sondern vielmehr die Sinnlichkeit dem Denkzwang zu assimilieren. Die Frage war doch: Wie kommt das Objekt in meine Vorstellung? Er hat sie lediglich umgekehrt: Wie komme ich zu der Annahme, dass meinen Vorstellungen Objekte außer mir entsprechen? Materialiter ist das dasselbe. Und dieselbe Frage ist: Wie kann ich wissen, ob oder ob nicht? 

Da ist in der Erfahrung die Faktizität des Objekts; an ihm 'objektiviert' der Denkzwang das Gefühl; oder doch richtiger: übt das Gefühl einen Denkzwang aus. Bis hierher ist gar kein logisches Problem; ein solches entstand nur den dogmatischen Systemen, für die das Ich rezeptiv ist und Meldungen von den Dingen bloß entgegennimmt. In der Wissenschafts-lehre ist die Einbildungskraft eo ipso produktiv, sie hält nach einem Objekt gewissermaßen Ausschau.

Umständlich wird es bloß, wo die Einbildungskraft mit ihren eigenen Erzeugnissen zu tun bekommt. Die sind alle Noumena. Einen Anhaltspunkt für ihre Realität lässt sich nicht auf-finden, weil sie nicht real sind. Sie sollen aber gelten - oder als Spielzeug oder Abfall ausge-mustert werden. Wir können das unterscheiden, und wir unterscheiden klaren Verstand und Irrsinn. Wie ist das möglich?

Phänomenal haben wir als Anhaltspunkt lediglich die faktische Übereistimmung der mei-sten Individuen; die wirkliche 'Reihe vernünftiger Wesen'. Sie ist ein Hinweis, zum Beweis taugt sie nicht im mindesten: Die Mehrheit kann verrückt sein. Dass wir aber mit so vielen übereinstimmen, zeigt an, dass viele beim Einbilden ähnlich verfahren. Ihr Verfahren folgt einer Regel. Ist es so, dann kann ihr Einbilden nicht gegen die Regel verstoßen  -  jedenfalls nicht nach seiner eigenen Regel, sondern nur, indem ihm schwindelt. 

Wir haben es hier nicht nur mit den Erzeugnissen der Einbildungskraft zu tun, den Bildern, sondern mit ihrer Tätigkeit selbst, dem aktiven Einbilden, welches, indem es wirklich ge-schieht, ein Handeln, und als ein solches real ist. Insofern ist es nur bedingt frei, nämlich unter den einmal angenommenen Bedingungen. Die Bilder mögen so bunt und einander fremd sein, wie sie wollen - über ihre Brauchbarkeit entscheidet ihr Gebrauch.* Regelhaft ist aber das Verfahren beim Bilden.

Die Annahme eines Denkzwangs ist daher plausibel, und dass es manchen gibt, der aus der Reihe tanzt, ist nahezu unvermeidlich. Vernunft ist nur bedingt möglich - durch eine Wahl des freien Willens.
*) Der Denkzwang ist keine Garantie gegen den Irrtum. Vernunft gibt es nicht ohne Kritik.
13. 10. 18

Nota II. - Der pp. Denkzwang gebietet nicht kausal: 'Weil' dieses so ist, 'darum' musst du es so vorstellen. Sondern problematisch: 'Wenn' du mit einem Ding in Raum und Zeit etwas anfangen willst, 'dann' musst du es so machen, sonst kommst du nicht voran. Man kann allezeit darauf verzichten, dieses oder jenes zu tun. Dann muss man gar nichts tun, und gibt es keinen Denkzwang.

Ein Noumenon ist nicht in Raum und Zeit, es ist lediglich ein Gedankending. Du kannst es denken und kannst es bleiben lassen; aus Freiheit. Ein Gedankending - das heißt, es wurde gedacht; von einem, und zwar so oder so. Du könntest es selbst gedacht haben. Doch 'wenn' du es so denken willst - wenn du verstehen willst -, wie es vorab gedacht wurde, 'dann' musst du es so anfangen. Dieser Zwang ist bedingt durch Freiheit: Du kannst wollen - dann musst du; oder du willst nicht, dann kannst du's bleiben lassen. Dann könntest du dir stattdessen etwas anderes - vielleicht nur ein klein bisschen anderes - denken, mit dem du dann etwas anderes - vielleicht nur ein klein bisschen anderes - anfangen kannst. Deine Freiheit war bedingt, und die Bedingung hast du ausgeschlagen. 

Nota. - Auch im Denken kann man etwas anfangen.  
22. 12. 23

Nota III. - Das ist der wundeste Punkt der gesamten Wissenschaftslehre. Sie will prüfen, mit welchem Recht wir annehmen, dass gewissen unserer Vorstellungen Wirklichkeit außer-halb unseres Bewusstseins zukommt. Es läuft hinaus auf die Frage: Was schafft Gewiss-heit? Die ganze Erzählung vom an-sich seienden Wollen, vom Ich, das sich selbst setzt, vom Nichtich und der Aufspaltung der Einbildungskraft in ein reelles und ein ideelles Quantum und alles andere - führt uns zum allerletzten Schluss zu einem Gefühl der Ge-wissheit; so wie unterwegs in der Erzählung immer wieder der Denkzwang auftrat, der im ideellen Bereich denselben Dienst leisten soll wie das sinnliche Gefühl "des Bittern, Roten, Harten, Kalten usw." im reellen Bereich.

Es wird wohl so sein, dass wir alle, die wir uns für vernünftig halten, beim Denken immer wieder mal das Gefühl haben, "dass es anders nicht geht". Oder dass, wenn wir es 'anders' versuchen wollten, wir nur wissentlich eine Wahnvorstellung hervorbringen könnten, deren Falschheit wir vorab eingesehen haben. Aber davon könnten wir einander nur erzählen, mitteilen könnten wir das Gefühl nicht; geschweige denn, es überprüfen. Mit anderen Worten, für unser Wissen ist nichts gewonnen. 

Hätte er sich also den ganzen deduktiven, rekonstruktiven Aufwand nicht sparen können und sagen: Was wahr ist, ist evident? 

Das wäre gerade nicht das Ergebnis der Wissenschaftslehre. Als wahr müssen wir anneh-men, was auf dem Wege der Vernunft, den uns die Wissenschaftslehre beschreibt, zustande gekommen ist. Sie ist der Prüf
stein. Was uns das sinnliche Gefühl verbürgt, kann in Raum und Zeit gemessen werden. Doch nicht, was uns der Denkzwang oktroyiert. Das lässt sich nur im vernünftigen Verkehr selbst ermitteln, actu, nicht vorab theoretisch. Vernünftig sein heißt, den Denkzwang fühlen. Das Gefühl des Denkzwangs ist die Stimme der Vernunft.

Ist er nicht vielmehr das Ende der Rationalität? Aber nein. Das Mysterium des Denkzwangs wird auseinandergelegt und einsehbar gemacht durch die - mythische, das ist wahr - Erzäh-lung der Wissenschaftslehre. Die in ihr aufgezeigten Denkzwänge sind eingeschlossen in die beiden Termini der Erzählung. A quo: Bevor ein Ich sich setzen konnte, muss es sich - ir-gendwie irgendwo - vorgeschwebt haben. Zwar kann man dabei nichts denken, aber ohne es kann man schon gar nichts denken. Ad quem: Ein Ende ist nicht absehbar. Wessen Ende nicht absehbar ist, das ist unendlich. Das Unendliche ist nicht das Vollkommene. Es ist viel-mehr der Weg der Vervollkommnung. Das ist die einzige Weise, auf die wir uns das Absolu-te denken können.
19. 7. 18

Summa summarum: Wenn ich weiß, was das System der Zahlen von 1 bis bedeutet, kann ich nicht annehmen, dass zweimal 2 etwas anderes als 4 ergibt. Wenn ich keine Spra-che verstehe, kann ich nicht denken. Wenn ich keine Prämissen habe, kann ich nicht schlussfolgern. Aber ich kann vernünftig sein, ohne zu wissen, was Vernunft ist.
JE

Mittwoch, 17. April 2024

Das Ich setzt sich - den anderen Ichen entgegen.

G. Vasari    zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete ...

Ich erscheine mir nicht etwan als Ich überhaupt im Gegensatz der Natur, sondern als In-dividuum im Gegensatz mit einer vernünftigen Welt außer mir.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 228 

 

Nota. - Den Individuen kommt es so vor, als stünden sie, vereint in der Reihe vernünftiger Wesen, gemeinsam einer vernunftlosen Natur gegenüber, die sie, wie die Bibel lehrt, sich untertan machen müssen. Dass sie durch Handel und Wandel auf dem Markt miteinander verbunden werden, erscheint ihnen als eine Sache des gesunden Menschenverstands und als eine Natur höherer Ordnung. 

Erscheint es ihnen so oder wird es ihnen weisgemacht? Die tägliche Realität ist für die brei-te Masse stattdessen die Konkurrenz eines jeden mit jedem, durch die allein die gemeinsame Aneignung der Natur überhaupt erst möglich wird. Sache der Vernunft ist es, den Gegensatz zu den andern Vernunftwesen zu vermitteln durch die Ausbildung allgemeiner Zweckbe-griffe. Anders wäre sie weder möglich noch nötig.
JE




Dienstag, 16. April 2024

Alles in der Wissenschschaftslehre beruht auf Duplizität der Ansicht.

                             zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Alles in der Wissenschschaftslehre beruht auf Duplizität der Ansicht.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 212

 

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Montag, 15. April 2024

Hysteron proteron - nationalökonomisch.

  Salto                                                               aus Marxiana

Wenn in der Theorie der Begriff des Werths dem des Capitals vorhergeht, andrerseits aber zu seiner reinen Entwicklung wieder eine auf das Capital gegründete Productionsweise un-terstellt, so findet dasselbe in der Praxis statt. Die Oekonomen betrachten daher das Kapital auch nothwendig bald als Schöpfer der Werthe, Quelle derselben, wie andrerseits sie Werthe für die Bildung des Capitals voraussetzen und es selbst nur als eine Summe von Werthen in einer bestimmten Function darstellen.

Die Existenz des Werths in seiner Reinheit und Allgemeinheit sezt eine Productionsweise voraus, worin das einzelne Product aufgehört hat, ein solches für den Producenten über-haupt und noch mehr für den einzelnen Arbeiter zu sein und ohne die Realisirung durch die Circulation nichts ist. Es ist keine formelle Bestimmung für den, der einen Infinitesimaltheil einer Elle Cattun schafft, daß sie Werth ist, Tauschwerth. Wenn er nicht einen Tauschwerth, Geld geschaffen, hätte er überhaupt nichts geschaffen. 

Diese Werthbestimmung selbst hat also zu ihrer Voraussetzung eine gegebne historische Stufe der gesellschaftlichen Productionsweise und ist selbst ein mit derselben gegebnes, also historisches Verhältniß.
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.1 S. 174 [MEW 42, S. 177]


Nota. I - Langsam kommen wir dem Mysterium auf die Spur: "Die Ökonomen" müssen überall, wo sie das Kapital erklären wollen, den Wert, und wo sie den Wert erklären wollen, überall das Kapital schon voraussetzen. Das, was logisch wie ein sinnleerer Zirkel aussieht, erhellt schlagartig der Blick in die Geschichte: "Diese Wertbestimmung selbst hat also zu ihrer Voraussetzung eine gegebne historische Stufe der gesellschaftlichen Produktionsweise und ist selbst ein mit derselben gegebnes, also historisches Verhältnis." s. o.
23. 8. 15

Nota II. - Der Grund eines Systems liegt außerhalb seiner; sonst könnte er es nicht begrün-den. Im System verweist Eines auf das Andere. Es hat nicht nur kein Ende, sondern auch keinen Anfang. Das logische System begründet sich selbst, aber nichts außer ihm. Das Sy-stem der politischen Ökonomie soll ein reales System sein. Es soll sowohl etwas begründen als auch auf etwas gründen. Auf Äquivalententausch und dem Wertgesetz soll es gründen, doch beide setzen sich selbst voraus. 

Es werden noch ein paar hundert Seiten der Grundrisse nötig sein, bis Marx den realen, historischen Grund des Wertgesetzes in der sogenannten ursprünglichen Akkumulation entdeckt.
JE, 25. 5. 18


 

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Sonntag, 14. April 2024

Aufforderung als hysteron proteron.

                               zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Also von dieser Aufforderung wird notwendig geschlossen auf eine Intelligenz außer mir.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,
 
S. 231
 


Nota. - Das ist eigentlich das gedankliche Problem der Transzendentalphilosophie: Ver-nunft kann 'an und für sich' nicht die Privatangelegenheit eines Individuums sein; sie ist a priori verständlich nur als ein das Allgemeines. In der notwendig diskusiv verfahrenden Darstellung ist sie aber ein Unterfangen eines Ichs. 

Vorgestellt werden kann sie nur historisch, als ein systemischer Progress der Spezies Homo sapiens; gedacht werden muss sie aber als das Abenteuer eines Subjekts: Es ist eine Geschich-te, veranschaulicht als Koinzidenz von zweien. Das Resultat der Gattungsgeschichte aktu-alisiert sich in jedem Neuankömmling als persönliche Aufforderung. Ihm kann sie nur als vorausgegangen begegnen.
JE


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Samstag, 13. April 2024

Es wirkt nur Physisches auf Physisches.

                        zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Es ist klar, dass, um die Beschränktheit zu erklären, ich eine physische Kraft annehmen muss, denn es wirkt ja doch nur Physisches auf Physisches.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,
 
S. 233

 

Nota. - Wie soll dann aber ein Ding ins Bewusstsein gelangen: der Kern des Erkenntnispro-blems?! Eben nicht, indem es dort wirkt. Es ist umgekehrt das Bewusstsein, das wirkt; auf das Ding: aber es lässt das nicht zu, es wider steht. "Ich bin derjenige, der seinem Zweckent-werfen unmittelbar beiwohnt, der sich selber Noumen ist, und dann erst auf die sinnliche Erscheinung fortgeht." ebd., S. 232. Indem er die Gegenständlichkeit des Dings erfährt, wirkt der Zweckbegriff auf das Bewusstsein; wirkt ein Geistiges auf ein Geistiges. Sensu-alistisch? Ja. Aber materialistisch nur hintenrum. Dass ein Gegenstand da ist, verbürgt das Gefühl; wie er ist, erfährt die Anschauung.
JE   

 

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Freitag, 12. April 2024

Die zwei Ursprünge der Vernunft.

                                zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Wir haben gesehen: Denken ist nicht ohne Anschauung, nun müsste bewiesen werden, dass Anschauung nicht ohne Gefühl sei. Wir haben allenthalben etwas Ursprüngliches gefunden beim Denken, das reine Wollen; beim Anschauen des Materiellen, beim Gefühl dürfte nun wohl auch etwas Ursprüngliches sein?
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,
 
S. 161

 

Nota. -  Es wird sich vielmehr finden, dass das Gefühl des Widerstands, den die Dinge der Tätigkeit entgegensetzen, deren Gegenständlichkeit verbürgt: dass sie "da sind". Es wird sich das Gefühl einstellen, gezwungen zu sein, sie so oder so anzusehen. Als schwieriger erweist sich nun die Erklärung eines Zwanges im Denken selbst, denn jetzt muss er gleich-ursprünglich sein
JE

 

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Donnerstag, 11. April 2024

Die Wurzel des Dialektischen.

                           zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Beides, das verschiedene und vereinigende Denken, sind selbst eins und unzertrennlich, das verschiedene wird durchs synthetische nicht bloß vereinigt, sondern erst getrennt, ohne ver-einigt werden zu können. Aber wie soll es getrennt sein? Zweierlei Denken an sich kanns nicht geben! In der Vereinigung wird es getrennt und durch die Trennung vereinigt, beides ist nicht zu trennen.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,
S. 175

 

Nota.

Wir können den Anfang nicht denken: Denken heißt, etwas auf seine nein, nicht Ursache, sondern: Bedingung zurückführen. Die Bedingung des Denkens ist, dass einer denken kann. Das ist kein Paradox, sondern Nonsens: Ein widerspruchsloses System ist nicht ohne Widerspruch möglich. Wir können ein Ende nicht denken, weil... wir nicht nichts denken können: nicht, dass danach 'Nichts sein' soll. Um zu denken, müssen wir etwas denken, und so weiter im Kreis. Wir können allenfalls aufs Denken verzichten (aber nicht lange).

Oha! Mindestens damit müssten wir nicht anfangen, weil wir es alleweil schon tun? Dann wäre Tätigkeit ein Zustand des Veränderns. Des Veränderns von anderem? Mag sein, aber das gehört noch nicht hierher. Sich-selber verändern, davon ist erst noch die Rede; aber das kann ein Zustand nicht sein, denn Zustand ist Dauer, und Veränderung geschieht nur, wenn etwas neu hinzukommt: Wenn etwas angefangen wird. Dann wäre Veränderung die Synthe-sis zweier oder mehrerer Zustände; so, wie eine Reihe eine Linie aus unendlich vielen Punk-ten ist.

Reine Wortspielerei? Wenn ich es logisch auffasse, nämlich statisch. Wenn ich Sein als ein Bleibendes auffasse, nämlich als Begriff. Nicht aber, wenn ich anschaue, was wirklich ist. Wenn ich im Raum auch die Zeit anschaue: Dann ist das Werden ein veränderlicher Zu-stand - nicht ein Treten von einem Fuß auf den andern, sondern als fort-Schritt. Wenn ich es dynamisch auffasse - nicht begreife, sondern vorstelle.

Der Unterschied liegt im Hinzutreten der Reflexion, des gedachten unbeteiligten Zu-schauers. Diesen denkend bin ich allerdings aus mir selbst hinaus getreten: Ich als Be-trachter, ich als Betrachteter und wir-beide als dritter.

Wenn also Tätigkeit das Übergehen vom Unbestimmten zum Bestimmten ist, dann habe ich durch das Bestimmen die Unbestimmtheit überhaupt erst gesetzt.

Sie wollten schon immer wissen, was Dialektik ist?  Das ist sie.
JE, 1. 2. 24


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Kritisch ist die Alltagsvernunft; Philosophie ist kritizistisch.

permaforet                          zu  Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem ...es ist gar nicht wahr, dass die Täuschung, die Dinge...