Mittwoch, 10. April 2024

Das bloß Erkannte (das Sein) ist immer das Bestimmbare, das Wollen immer das Bestimmte.

                    zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Der synthetische Vereinigungspunkt ist: Das bloß Erkannte (das Sein) ist immer das Bestimmbare, das Wollen immer das Bestimmte; Bestimmbares und Bestimmtes sind unzertrennlich vereinigt, alle Erkenntnis wäre also eine Erkenntnis eines durch meinen Willen Bestimmbaren. Das Resultat ist: Das in dem ersten Momente des Bewusstseins Erkannte wird notwendig angesehen für ein Objekt der Wahl durch freien Willen.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,
S. 175

 
Nota. - Das Wollen ist bestimmt? Es ist als das schlechterdings und eo ipso sich selbst Bestimmende bestimmt.
JE

 

 

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Dienstag, 9. April 2024

Alle Erkenntnis ist praktisch.

                             zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

... alle Erkenntnis ist praktisch nicht nur in Rücksicht der Veranlassung, sondern auch in Rücksicht des nachmaligen Handelns. Sein und Handeln stehen in ununterbrochener Wech-selwirkung, da ja beides nur eins ist, nur angesehen von verschiedenen Seiten.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,
S. 174

 

Nota. - In Wechselwirkung, ja. Aber dasselbe? Nun ja. Dieses ist das Handeln, jenes ist, was ihm entgegen steht. Man sieht den Gegenstand nur 'durch' das Handeln. Dass er ist, wird überhaupt nur gedacht.
JE

 

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Montag, 8. April 2024

Wir denken nur Verhältnisse.

                                    zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Alles, was wir denken, sind Verhältnisse.
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 J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,
S. 212 

 

Nota. - Aber natürlich: Was in Raum und Zeit ist, wird angeschaut - man kann es sehen. Nicht sehen kann man, sondern muss man denken, wie sich eines zum andern verhält. Denn da treten 'Fälle' ein: Er mich, ich ihn, sie alle andern, alle andern einander, und so weiter. Die Grammatik muss sie beugen. Die Beugung bezeichnet, wie das eine auf das andere wirkt. Sehen kann man das nicht außerhalb der Zeit. Wenn ich die Zeit 'übersehe', muss ich Wirkung denken - vorstellen, als ob sie vor meinen Augen geschähe.
JE

 

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Sonntag, 7. April 2024

Das realiter erste ist die Freiheit.

                              zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Kein Mensch kann den ersten Akt seines Bewusstseins aufzeigen, weil jeder Moment ein Übergehen von der Unbestimmtheit zur Bestimmtheit ist und daher immer wieder einen anderen voraussetzt.

Das eigentlich realiter erste ist die Freiheit, aber im Denken kann es nicht zuerst aufgestellt werden, daher mussten wir erst die Untersuchungen aufstellen, wodurch wir drauf kom-men.
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  J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982,
 
S. 51 

 
Nota. - Was immer historisch-faktisch zuerst kam: Im Denken kommt es darauf an, was sinnhaft als Anfang vorgestellt werden muss, damit das Folgende möglich wurde.
 
Nochmal langsam: Wenn man denn einen Anfang denken will, muss man ihn als un bestimmt denken, denn wäre er bestimmt, müsste ich etwas annehmen, das ihm vorausgegangen ist - und er wäre kein Anfang mehr. Aus dem-selben Grunde kann ich den Anfang aber auch nicht auffinden, denn dann müsste ich... nichts denken, was ihm vorausgegangen ist? Dass ich nichts finde, heißt nicht, dass ich nichts denken kann, aber ich kann eben nur etwas denken, und nicht nichts. Ich kann allenfalls nicht denken, und das tue ich oft genug, aber es kommt dabei nichts raus, denn da geht nichts über.

Das war übrigens der faule Trick, mit dem Hegel 'das Sein' und 'das Nichts' als gleich ursprünglich und ontolo-gisch gleich-gewichtig nebeneinander an den Anfang setzen konnte: Er hatte denjenigen ausgeschieden, der sie vorstellen und denken müsste - denn das war der Zweck seines ganzen Systems.
JE
 

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Samstag, 6. April 2024

NOVA METHODO ist wieder online.

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Es ist endlich soweit - Fichtes Vortrag der Wissenschaftslehre "nach neuer Methode", den er 1797 bis 1799 in Jena mehrmals gehalten hat, ist durchgesehen, korrigiert und neu kom-mentiert wieder im Netz. Mein erster Versuch von 2017 war voller Übertragungsfehler, doch bevor ich darangehen konnte, sie systematisch zu bereinigen, habe ich durch einen anscheinend unkorrigierbaren Softwarefehler bei Microsoft den Zugriff auf das Blog ver-loren. Es blieb nichts anderes übrig, als das Unternehmen noch einmal von vorn zu be-ginnen. 

Nun habe ich dafür die Zeit gefunden.

Die Fehler haben sich als umfangreicher erwiesen als befürchtet. Dagegen habe ich an den Kommentaren kaum etwas hinzuzufügen und noch wenigen fortzulassen gefunden. Für die Lesbarkeit des Fichte-Textes, um die es mir ja zu tun ist, wäre es besser, sie fortzulassen, aber das kann ich aus urheberrechtlichen Gründen nicht zun. Zwar habe ich das historisch-kritische Schriftbild der Gesamtausgabe weitgehend vereinfacht, doch um ein eigenes An-recht auf Veröffentlichung zu begründen, reicht das wohl nicht. Der Sache nach wären so-gar viel mehr Anmerkungen geboten, doch dann wäre der Fichte-Text kaum noch im Zu-sammenhang erkenntlich. 

Immerhin habe ich das Schriftbild so gewählt, dass Verwechslungen nicht möglich sind, und ich hoffe, dass diesmal wenigstens alle sinnentstellenden Schreibfehler korrigiert wurden. Immerhin erneuere ich meine Mahnung, für wissenschaftliches Arbeiten nur auf die Bände der Gesamtausgabe oder des Meiner-Verlags zu vertrauen.


Jochen Ebmeier, 5. 4. 2024

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Aber Sensualist ist er ganz.

                               zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Umgekehrt, das Bewusstsein der Welt geht ja nicht aus von der Unendlichkeit, sondern von der Endlichkeit. Meiner werde ich mir ganz bewusst, der Welt aber nicht als einer ganzen Welt, sondern einzelner Objekte. Ich fasse meine Begrenztheit auf, das die Absolutheit in sich Tragende kommt erst durch die Idee hinein.  
_________________________________________________________                             J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 223

 

Nota. - ...nur eben, dass er dem Sinnlichen das Wollen unterlegt - und so kommt ihm die Idee hinein. Hält man die Idee - das reine Wollen - für eine Realie, ergibt sich eine spirituali-stische Metaphysik daraus. Doch ebendas lehnt Fichte ab. Alles wirkliche Wollen ist sinn-lich, das reine Wollen gilt nur als Erklärungsbegriff.
JE


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Freitag, 5. April 2024

Fast ein Materialist; oder Der dingliche Schein.

                                   zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das Reale ist liegende tote Materie, aber es wird gedacht durch ein frei tätiges Wesen und ist dessen Bestimmung;* es muss also noch das Gepräge desselben tragen, wodurch es auch nur fähig ist, Gegenstand desselben zu werden.

Die Absolutheit kann nicht sein Absolutheit des Handelns, sondern bloß Asolutheit des Seins, ein Sein durch seine Natur, durch seine Bestimmtheit. Die Materie wird zu etwas an sich selbst und durch sich selber, ein selbstständiges Ding, da es vorher bloß ein mir vor-schwebendes war, es wird für mich ein gegebenes, ganz eigentlich ohne mein Zutun vor-handenes Objekt. 
*) [=bestimmt durch ein frei tätiges Wesen]
_________________________________________________________                             J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 221

Früher hörten wir es andersrum, aber da redete der kritische Philosoph in seinem eignen Namen. Hier dagegen ist immer noch von der Einbildungskraft die Rede und dem, was ihr zwischen all den Gegenständen widerfährt - was ihr vorkommt. 

Denn ich bin nur das Freie; alle Beschränkung liegt außer mir. Dieses Beschrän/kende soll nun sein durch sich selbst, was es ist. Es ist hier ebenso wie mit der notwendigen Aufgabe, beides ist etwas ohne [mein] Zutun Vorhandenes. Ich greife mich heraus aus einer Masse von Bestimmbarem, ich lange nicht über die Grenze des Beschränkten hinein [sic]

Es gibt ein Höchstes und ein Niedrigstes. So hier. Das Bestimmbare für geistige Tätigkeit [ist das] Reich der Vernunft; ein Niedrigstes: Ich erblicke mich als Reelles versinnlicht, und die tiefste Versinnlichung ist mein Produkt, zu diesem liegt ein Bestimmbares außer mir, Mate-rie. Aber woher diese? Etwa von mir selbst? Wird mir also nicht einfallen. Ich habe es wohl auch selbst gemacht? Nein, denn ich trage auf dasselbe die Selbstständigkeit notwendig über dadurch, dass ich es denke; es wird ein Sein an und für sich, für sich bestehend.

Darinne also liegt der Unterschied. Durch das beschriebene Denken wird das Ding Nou-men, id est etwas durch freies Denken Produziertes. Eben das absolute Denken ist ein sich-Denken, und dies geht durch unser Ganzes Bewusstsein hindurch, kommt bei aller Empirie vor und gibt allem von der Einbildungskraft Produzierten inneres Festigen.  
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aaO, S. 221f.

Nota. - Das Ding ist 'an sich' Phänomen, aber indem ich darauf reflektiere, wird es mir zu einem Begriff. In der Reflexion kann ich von seiner Gegenständlichkeit abstrahieren, und es wird mir ein Ding-an-sich. Das nennt F. die Duplizität des Geistes. Alles, was später als Dia-lektik mystifiziert wurde, beruht darauf.
JE                  



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Donnerstag, 4. April 2024

Die Duplizität des Bewusstseins.

                                                    zu Philosophierungen

Unser Bewusstsein hat zwei Dimensionen. Die erste ist das, was wir wissen. Die Tiere werden, je nach dem Platz ihrer Gattungen in deren je spezifischen Umwelten, wohl auch dieses oder jenes wissen, manche wenig, andere erstaunlich viel.

Die zweite ist, dass wir wissen, was wir wissen, und dass wir es wissen - landläufig als Re-flexion bekannt.

Alle Mysterien des Denkens, von den Paradoxien der Eleaten bis hin zur modernen Dialek-tik, beruhen darauf: auf der Duplizität und den Möglichkeiten, sich in ihr zu verirren - und andere zu verwirren.


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Mittwoch, 3. April 2024

Das Sein beginnt da, wo ich nichts mehr tun kann.

    take-off net              zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Sein aber ist die Versinnlichung der Beschränktheit.  _________________________________________________________                             J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 174 

 

... so wie alles Sein Aufhebung meines Handelns ist.  

Weil dies außer mir geschieht, kann ich es nicht; nicht schlechthin, sondern bloß mir selbst überlassen kann ich es nicht, wohl [aber], wenn ich die Grenze durchbrechen wollte.
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aaO, S. 233


Nota. - Sein ist nicht bloß 'tot' in dem Sinne, dass es selber kein Handeln ist, sondern tödlich, indem es mein Handeln aufhebt. Es ist aktive Negation. Aber es 'gibt' es natürlich nur als Noumenon. Ein wirkliches Sein ist immer nur als Gegen-, d. h. Wider stand.
JE

 

 

Dienstag, 2. April 2024

Das mögliche Wollen kann ich nur durch das wirkliche Wollen kennen.

Spatz in der Hand          zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das mögliche Wollen kann ich nur durch das wirkliche Wollen kennen. 
_________________________________________________________                             J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 175 


Nota. - In Wirklichkeit ist es ja so: Der eine will dieses, der andere will jenes. Dass sie beide wollen, ist schon eine Abstraktion. Dass 'es' den Willen 'gibt', ist eine metaphysische Fikti-on; nämlich in dem Sinne, dass er meinem und deinem wirklichen Wollen 'zu  Grunde läge'. Das sind Noumena, bloße Denkfiguren, durch die unsere Altvorderen einen Sinn in ihre Geschichte bringen wollten und gebracht haben - über den man sich freilich streiten kann: Darum und dazu ist er da.
JE    



Montag, 1. April 2024

Denken ist Bestimmen des Wollens.

eatsmarter                      zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das Denken selbst ist Bestimmbarkeit des Wollens. Wollen ist quasi die zweite Potenz unseres empirischen Vermögens, Denken ist die erste.
_________________________________________________________                             J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 176

 

Nota. - Das ist offenbar ein Missgriff; sei es einer des Vortragenden, sei es einer seines Protokollanten. Wollen ist das erste; die Feststellung des Einbildens von Vorstellungen zu Begriffen, mit denen sich operieren lässt, ist zweifellos erst der zweite Schritt: Denken ist Bestimmung des Wollens. Wollen ist bestimmbar; mehr als das: Es muss bestimmt werden, um zu werden.

Man kann aber auch sagen: Es ist nicht, bevor es bestimmt wurde. Dann wird das Denken zum Ersten.
JE

Kritisch ist die Alltagsvernunft; Philosophie ist kritizistisch.

permaforet                          zu  Philosophierungen, oder Das Vernunftsystem ...es ist gar nicht wahr, dass die Täuschung, die Dinge...