Mittwoch, 22. Juli 2026

Wille, Beschränkung, Reflexion.

                                            aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Der reine Wille ist unmittelbares Objekt alles Bewusstseins und aller Reflexion. Aber die Reflexion ist diskursiv: Er, der reine Wille, müsste sonach etwas Mannigfaltiges sein. Dies ist er ursprünglich nicht, sondern wird es erst durch Beziehung auf seine Beschränktheit, wodurch er Wille wird, in der Reflexion selbst, die absolut frei ist, und deren Freiheit und ganzes Wesen eben in dieser Beziehung besteht - teils, dass sie überhaupt geschehe, teils, dass sie so oder anders geschehe. Diese Reflexion erscheint als ein Wollen, sofern sie selbst bloß gedacht, und als ein Tun, inwiefern sie angeschaut wird. Und sie ist der Grund alles empirischen Bewusstseins.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 166

 

Nota. - Dies zuerst: Wirkliches Bewusstsein - wirkliches Denken - ist Reflektieren. Fühlen ist, was sonst, rein sinnlich. Das Anschauen des Gefühls und Setzen des Gefühlten als Die-ses ist die erste Stufe der Reflexion. Reflexion ist der gesunde Menschenverstand so gut wie die Wissenschaft. Nicht so viel: Der gesunde Menschenverstand lässt es mit dem Reflektie-ren eher 'gut sein' als der Wissenschaftler.

Und zweitens: Die Wissenschaftslehre ist keine Entwicklungslehre des Bewussteins, son-dern ein Schema der Vernunft. Die logische (Willens-) Bestimmtheit des zweiten Schrittes der Vorstellung durch den ersten muss sie, da wir Menschen in der Zeit leben, darstellen als ein Nacheinander; was aber nur so aufzufassen ist, als dass die spezifische Bestimmung an der vorausgegangenen allgemeineren fortarbeitet; dass also der Weg des Bestimmens eine Richtung hat, die nicht umkehrbar ist (während zwischen rein logischen Bestimmungen ein Gleichheitszeichen steht).

Denn wirklich sind alle Bestimmungen, die ein wirkliches Bewusstsein an gefühlten Begeg-nungen mit wirklichen Objekten vornimmt; absichtsvoll. Sie laufen auf irgendwas hinaus, und auf was, muss erst nach und nach - in der Zeit, so ist es wirklich - genauer bestimmt werden. Im Modell der Wissenschaftslehre ist das Ich a priori wollend - es weiß nur noch nicht, was. Also bestimmt es sein Wollen. An dem, was es will, geben die Objekte diesen oder jenen Widerstand kund, der sie in den Augen des Wollenden mit diesen oder jenen Merk-Malen, "Eigen"schaften ausstattet. An diesen Eigenschaften der Dinge wird das 'reine' Wollen zu einem wirklichen.

Die Bestimmung des Wollens zu Diesem oder Jenem erscheint der Reflexion selber als ein bloßer Gedanke; doch die Anschauung nimmt es wahr als ein Tun. Anschauung ist selber der erste Schritt des Reflektierens? Aber hier ist es ein Reflektieren auf sich selber.

Der Reflexion wiederum erscheint das wirkliche, bestimmte gegenständliche Wollen als eine Beschränkung des Wollens-an-sich. 
JE, 25. 6. 21

 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

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