Sonntag, 12. Juli 2026

Was heißt Aufforderung zur Freiheit?

hd-gpics                                 zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Ich fand in dieser Hinsicht mich unter anderm mich selbst als bestimmbar durch Freiheit. Diese Bestimmbarkeit meiner selbst oder Aufforderung zum freien Wollen ist genommen für ganz einerlei. Meine Individualität geht heraus aus dem Maße der ganzen Vernunft; daraus geht wieder hervor eine Tätigkeit in einem Momente, diese Individualität erscheint als Aufforderung zum freien Handeln, die Individualität wird mir gegeben durch diese Aufforderung.

Individualität
= [ist gleich] der Aufforderung zum freien Handeln.

Ist dies wahr? Was heißt Aufforderung zur Freiheit? Es ist ein Begriff, der, wenn er Kau-salität hätte, eine Handlung des freien Wollens hervorbrächte. Es wird in Verhältnis gesetzt Begriff und Handlung des freien Wesens, in das Verhältnis der Dependenz, so dass erstere die Handlung veranlassen soll. Dies ist aber
 [nur] möglich, darum haben wir es nur hypothetisch gestellt. Sieht man darauf, dass es ein anderes Individuum sei, so ist dies / ein Begriff jenes Individuums gehend auf das aufgeforderte [Individuum]; es ist dies ein Begriff, in welchem dies letztere mit liegt. Dieser Begriff soll nicht Kausalität haben, denn sonst wäre er mechani-sche Bestimmung; aber hypothetisch wird es gedacht.

(Dergleichen Begriffe, in denen eine Kategorie angewendet wird und auch nicht, werden wir mehrere bekommen. Die Kategorie wird bloß angewendet, um die Sache denken zu können. So hier: Die Regel, mit einem Gesetzten etwas Entgegengesetztes zu denken, ist kausal, aber das hier Entgegengesetzt ist frei, und insofern findet der Begriff der Kausalität hier nicht statt, aber könnte es stattfinden, so würde es so oder so sein; die Regel eines sol-chen Denkens wird bloß angegeben.)

Diese Aufforderung würde der Realgrund einer freien Entschließung sein, sie würde zwi-schen dem Bestimmbaren und dem Bestimmten das zwischeninnenliegende
[sic] Bestim-mende sein. Aufforderung und Bestimmbarkeit sollen zugleich sein, letztere heißt Mög-lichkeit eines Bestimmens, nicht der Grund, dass sie erfolge oder nicht. Sie ist bloß die allgemeine Sphäre, aus der die Bestimmtheit hervorgehen kann – in der Aufforderung soll nicht der entscheidende Grund, sondern bloß der Erklärungsgrund sein. –

In der Aufforderung wird etwas gesetzt, was in der bloßen Bestimmbarkeit nicht gesetzt wird. Sonach bestätigt es sich nicht, dass die Aufforderung und die Bestimmbarkeit eins sei. Aber wir setzen hinzu, diese Bestimmbar-keit solle auch nur als Bestimmbarkeit gesetzt werden und als nichts anderes: bloß unter der Bedingung sei der Satz wahr, und nur unter dieser Bedingung sei es möglich, dass im Bewusstsein gar nichts weiter vorkomme als die-ses; dass dadurch das ganze Bewusstsein gefüllt sei. Dass nur unter dieser Bedingung die Bestimmbarkeit mit der Aufforderung eins sei, ergibt sich.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo,
 Hamburg 1982, S. 179f.


Nota. – Das ist nun eine der vertrackteren Stellen bei F. Das liegt in der Sache selbst; Aufforderung zur Freiheit erscheint wie ein Paradox: 'Du sollst frei handeln' – wenn ich dem folgte, handelte ich unfrei.

Es ist nun eben so, dass Freiheit nicht in den Begriff passt. Sie ist nicht bestimmbar, denn sie ist das Postulat unendlicher Bestimmbarkeit. So weit sie vorstellbar ist, ist sie eine Idee, die schlechthin praktische Idee, und das heißt: nur als Aufgabe zu denken.

In den Begriff passt das nur, indem er ächzt.
4. 2. 16

Nota II. - Warum aber ächzt er? Weil er nicht alles kann, was ihm aufgebürdet wird. Hier war die Rede von dem, was gemeint war - eine Reihe von Vorstellungen, von denen genetisch eine aus der andern hervorging. Begriffe gehen aber nicht auseinander hervor, sondern schließen sich, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, an einander an; sie bleiben dabei, was sie sind und verändern sich nicht. Indem aber die eine Vorstellung aus der andern 'hervorgeht', wächst sie gewissermaßen - etwa in die Tiefe der Bedeutung oder in ihrem Umfang. 

Das ist das allgemeine Formproblem der transzendentalen Darstellung: Sie muss sich derjenigen Begriffe befleißigen, deren Brauchbarkeit sie doch erst prüfen wollte. Ohne Beulen und Kratzer geht das nicht ab. 

Der Nachteil der Begriffe gegenüber der Vorstellung ist ihre Statik; die ist aber zugleich ihr eigentlichster Vorteil: ihr Schärfe, die den diskursiven Vortrag überprüfbar macht. Zum Entwerfen einer Gesamtschau eignen sie sich bestenfalls kursorisch; ihr wahre Stärke ist die Kritik.
 JE 

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