Samstag, 18. Juli 2026

Genie ist Bewusstsein der Anschauung.

Joshua Reynolds, Self                zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik 

Bewusstsein der Anschauung haben ist philosophisches Genie. Alles Denken geht von der Anschauung aus, sonach muss auch alles Philosophieren von der Anschauung ausgehen.
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J. G. Fichte,Wissenschaftslehre nova methodo,;Hamburg 1982, S. 33 

Nota. - Das ist irritierend. Genie wurde zu Kants und Fichtes Zeit nicht als Jahrhun-dertereignis aufgefasst wie heute; zwar auch nicht als etwas, das jedermann anzumu-ten wäre, aber doch als das, ohne das Kunst und Philosophie zum Stillstand kommen müssten - nichts Selbstverständliches, doch immerhin Notwendiges. 

Was ist aber unter Bewusstsein der Anschauung zu verstehen? Anschauen geht auf Fühlen, das rein originär und nur rezeptiv ist: der Ausgangspunkt aller intelligenten Tätigkeit. Doch geht es aufs Fühlen zurück und ist selbst die erste Form des Re-flektierens. Bewusstsein der Anschauung ist also Reflexion auf die Reflexion - und eo ipso auf den Anschauenden. Nicht das Fühlen selbst ist wie bei Baumgarten der äs-thetische Elementarakt, sondern die Anschauung, sofern ich mir ihrer bewusst werde. Sie ist, wie Fichte sagen würde, eine allererste Synthesis. 

Fichte fährt fort:

Bei Kant heißt die Philosophie eine Vernunfterkenntnis aus Begriffen, dies kann aber bei ihm selbst nicht so sein, denn nach ihm ist jeder Begriff ohne Anschauung leer. Auch spricht er von transzendentaler Einbildungskraft, diese lässt sich nur anschauen.

Der Begriff entsteht mit der Anschauung zugleich in demselben Moment und ist von ihr unzertrennlich. Es scheint uns, als ob der erste eher hätte sein müssen, aber es scheint nur so, weil wir den Begriff auf eine Anschauung 
[rück]beziehen. 
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ebd.

Nota II. - Der heute anschauend-Fühlende tritt als Glied einer Reihe vernünftiger Wesen in unsere Welt, die er als begrifflich verfasst vorfindet. Wenn er die Begriffe 'auf Anschauungen rückbezieht', erscheint ihm das als eine Eselsbrücke, die ihm peinlich ist und die er gern für sich behält. Doch es gibt immer einige, die 'philoso-phisches Genie' haben und mit Bewusstsein der Anschauung begabt sind. Ohne die hätte eine Reihe vernünftiger Wesen sich unmöglich zusammengefunden. 
 
Die Wissenschaftslehre hat sowohl eine ästhetische als auch eine gesellschaftliche Dimension. 
JE 

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