Sonntag, 19. Oktober 2025

System ist nur als Vorstellung möglich.

  zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Gegenstand von Kants Kritik 1° ist das Befriffssystem von Wolff-Baumgarten nach Leib-niz. Doch nicht, dass es System war, wird kritisiert, sondern dass es in Begriffen besteht. 

Allerdings kann ein gedankliches System nur in Begriffen dargestellt werden: so, als würde jeder Begriff durch alle andern bestimmt. Dann könnte es allerdings nur dasein, aber nie-mals entstanden sein. Oder anders - System könnte es nur sein, wenn alle Begriffe gleich-zeitig auf einmal da wären. Aus einem Begriff kann nur herausgelesen werden, was schon in ihm drinsteckt - analytisch. Etwas hervorbringen kann er nicht. Im Begriffssystem kann es kein Zentrum geben: keinen Punkt, aus dem das andere folgt 

In Begriffen kann ein System als solches nur vorgegeben sein; nicht aber aus Prämissen folgen. Unter den Begriffen kann es logisch keinen geben, der den andern vorausgesetzt wäre - sie sind alle miteinander da auf einen Schlag; oder nicht - und es gäbe kein System.

Mit den Vostellungen ist es anders. Sie haben einen sachlichen Ursprung, der ihnen allen voausgesetzt ist: den Vorstellenden. Der ist kein datum, sondern ein factor. Er begründet das System, weil er außerhalb seiner steht. Das macht ihn problematisch, aber anders kann ein System nicht begründet sein.

Und so ist das System als ein solches problematisch: Nur wenn es als Ganzes stimmt, kön-nen seine Elemente gelten. Und es hat den Nachteil, dass  es nicht an und für sich, sondern nur für jemanden gilt. Wer sich dort hineinbegibt, bleibt für jeden Schritt selbst verantwort-lich; und es bleibt offen, ob nicht ein weiterer Schritt zu einem Ergebnis führt, das alles Vorausgegangene desavouiert.

Man könnte meinen, dass die moderne Aversion gegen alles Systematische auf der Furcht vor dieser Unsicherheit beruht. Oder ist es doch bloß Faulheit des Vorstellens? 
JE  

 

Nota - Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE

Samstag, 18. Oktober 2025

Atheist war er nicht.

                            zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Unseren Vorstellungen von Gott, Sittlichkeit, Recht pp. kommt eben sowohl objektive Gültigkeit zu wie unseren Vorstellungen von der Welt. Beiderlei gründet sich auf Gefühle. Der Unterschied zwischen beiden besteht darin, dass die Vorstellungen der Welt auf ein Gefühl unserer Beschränktheit, die von Gott pp. auf ein Gefühl unseres Strebens gründen.

Auf die Vorstellungen der Welt muss jeder reflektieren, so gewiss er ist, aber die Vorstellun-gen von einem Gott setzen schon moralische Bildung voraus.

/ Die Weltvorstellungen werden durch alle Vernunftgesetze bestimmt, aber nicht die von Gott. Gott kann man nicht bestimmem, man kann ihn nur anschauen. Von Gott gibts kei-nen Begriff, sondern nur eine Idee.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo,
 
106f. 

 

Nota. - Kant hatte die Objektivität der Welt in der apriorischen Anschauung vom Raum begründet, Fichte gründet sie unmittelbar im Ich. Kant konnte die Objektivität der Gottes-vorstellung nicht im Raum begründen, Fichte will sie wiederum unmittelbar im Ich begrün-den: im Gefühl des Strebens. Doch im Gefühl des Strebens kann er lediglich die Idee eines Zwecks-überhaupt, Zwecks der Zwecke, eines absoluten Wozu usw. begründen, die qua Idee ein bloßes Noumenon, eine Fiktion darstellt, von der 'gar nicht vorgegeben wird, dass ihr etwas Wirkliches entspreche'. 

Er will aber auf die Vorstellung Gottes als ein Bild des Sittengesetzes hinaus. Da müsste zur Objektivität der Idee vom Zweck-an-sich noch etwas Subjektives hinzutreten, das nicht not-wendig, sondern willkürlich wäre; er sagt es selbst: eine "moralische Bildung". - Seine Argu-mentation wäre schlüssiger geblieben, wenn er auf diesen Beisatz verzichtet hätte.
JE 22. 10. 16


Freitag, 17. Oktober 2025

Willen und Gefühl sind gleich ursprünglich.

 Quasare                            zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Der Wille ist ein absolutes Erstes, seiner Form nach durch nichts Bedingtes. Es ist ebenso wie mit dem Gefühl, dem ebenfalls, weil es ein unmittelbares ist, nichts vorschwebt, was man wegdenken könnte.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo,
  S. 124 


Nota. I - Zwei Absoluta? Absolut heißt nicht einzig - sondern nur unabhängig von und unbe-dingt durch Anderes. Auch 'nebeneinander' sind sie nur für einen Betrachter, 'an sich' wären sie allerdings einzig - wenn sie wären: Doch wie alle Noumena 'sind' sie nicht, sondern gel-ten nur für einen, der sie denkt oder fühlt. Das ist kein Abrakadabra, sondern strenggenom-men muss man es so ausdrücken, um spitzfindigen Einwänden zuvorzukommen.

Oder so: Was nebeneinander ist, ist im Raum. Doch Noumena sind nicht in Raum und Zeit, sie sind nicht von dieser oder einen andern Welt, sie werden nur gedacht. In der Welt gibt es nichts Absolutes; auch die Lichtgeschwindigkeit ist nicht von sich aus Maß für irgendwas, sondern wird als Maßstab genommen. Für uns ist sie nur absolut, weil sie gleichbleibt und wir sie nicht beeinflussen können. Das Licht können wir beeinflussen: Seine Geschwindig-keit ist ein Abstraktum.
 

Nota II. - Gleich ursprünglich? Aber ja, ihr Ursprung ist nichts anderes als das unmittelbare Bewusstsein. Erst in der Reflexion unterscheidet 'das Ich' zwischen dem einen und dem an-dern. Das ist das Bewusstein in specie. Nämlich das mittelbare Bewusstsein meines Ich von meinem unmittelbaren Bewusstsein.
JE 

 

Donnerstag, 16. Oktober 2025

Das unmittelbare Bewusstsein.

 istock                                                     zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

...Wesen des freien Wesens. Es fängt von einem freien Handeln an, welchem gar kein Be-wusstsein vorausgeht. Dieses freie Handeln wird Gegenstand des Bewusstseins und kann hinterher als Produkt der Freiheit ange/sehen werden.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo,
 S. 107f.

 

Es bestimmt sich, aber indem es sich bestimmt, hat es sich schon; das sich Bestimmen soll, muss sich selbst haben, und was sich selbst hat, ist eine Intelligenz.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo,
 S. 52 


Die reale Tätigkeit bestimmt sich zum Handeln, und diese ist nicht anschaubar, sie ist nicht Etwas, nicht teilbar, sie ist absolut einfach. Das sonach, wozu sich das Ich durch Selbstaf-fektion bestimmt, müsste anschaubar sein, das Handeln. Dies aber ist nicht möglich, wenn im Handeln der praktischen Tätigkeit die Freiheit nicht gebunden ist. Aber aufgehoben darf sie nicht werden, Tätigkeit muss sie sein und bleiben, sie müsste gebunden und auch nicht gebunden sein, beides müsste stattfinden. 
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo,
  S. 58


 
Alles Bewusstsein geht aus von dem oben angezeigten unmittelbare Bewusstsein (§1). Das durch und in diesem Bewusstsein sich selbst Setzende A ist eine von uns, die wir philoso-phieren, mit Freiheit der Willkür hervorgebrachte Repräsentation des unmittelbaren Be-wusstseins. (Das unmittelbare Bewusstsein ist in allem Bewusstsein das Bewusstseiende, aber nicht das, dessen man sich bewusst ist, das Auge sieht hier das Sehen des Auges). Die Repräsentation brachten wir hervor mit Willkür. Wir hätten auch von etwas anderem reden können; so haben wir zur Seite liegen lassen, ob es nicht in anderer Rücksicht mit Notwen-digkeit repräsentiert werden könne. – Diese A, dieses Zuschauen des sich Setzens, ist An-schauung, und zwar innere, intellektuelle Anschauung. –
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo,
  S. 39f.

 

Unvermerkt haben wir das oben Angezeigte; nämlich das unmittelbare Bewusstsein ist gar kein Bewusstsein, es ist ein dumpfes sich selbst Setzen, aus dem nichts herausgeht; eine An-schauung, ohne dass angeschaut würde. Die Frage, wie kommt das Ich dazu, aus dem un-mittelbaren Bewusstsein herauszugehen und sich das Bewusstsein zu bilden, ist hier beant-wortet. Soll das Ich sein, so muss das unmittelbare Bewusstsein wieder gesetzt werden durch absolute Freiheit. Dieses vor sich Hinstellen durch absolute Freiheit ist frei; aber unter der Bedingung, dass das Ich sein soll, ists notwendig.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 49  

 

Alles Bewusstseyn ist bedingt durch das unmittelbare Bewusstseyn unserer selbst.
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J. G. Fichte, Versuch einere neuen Darstellung der Wissenschaftslehre,
Überschrift zum Ersten Kapitel; SW Bd. I, S. 522


 

Nota I. - Dies nur, um zu erinnern: So transzendental das abolute Ich auch sei - wenn überhaupt, kommt es nur durch ein Handeln wirklich lebender menschlicher Individuen zustande. Elementarer ist nichts.
30. 3. 14.

Nota II. - Ausgangspunkt des tatsächlichen Bewusstseins - nicht der Wissenschaftslehre! - ist das Faktum des unmittelbaren Bewusstseins meiner selbst. Es ist gegeben vor aller Reflexion. "Das unmittelbare Bewusstsein ist gar kein Bewusstsein, es ist ein dumpfes sich selbst Setzen, aus dem nichts herausgeht; eine Anschauung, ohne dass angeschaut würde." Nova methodo, S. 49 

'Die Frage, wie kommt das Ich dazu, aus dem unmittelbaren Bewusstsein herauszugehen und sich das Bewusstsein zu bilden', stellt sich dem realen Individuum nicht, sondern nur dem Philosophen: "Soll das Ich sein, so muss das unmittelbare Bewusstsein wieder gesetzt werden durch absolute Freiheit. Dieses vor sich Hinstellen durch absolute Freiheit ist frei; aber unter der Bedingung, dass das Ich sein soll, ists notwendig." ebd. Hat ein Ich sich als ein solches gesetzt, so durch Anschauung des 'unmittelbaren Bewusstseins'. "Das Ideale ist das Subjektive beim Praktischen, das dem Praktischen Zusehende, und da für das Ich nur etwas ist, in wie fern es zusieht, so ist auch nur durch die ideale Tätigkeit etwas für das Ich da." ebd

Das 'unmittelbare Bewusstsein meiner selbst' ist ein Faktum, gesetzt durch reale Tätigkeit, und also noch kein Bewusst sein. Dazu wird es durch die ideale Tätigkeit des Anschauens.

('Das Praktische', nämlich Tätigkeit, ist der alleinige Gegenstand der Wissenschaftslehre: für sie ist es Objekt und objektiv, und insofern ist es 'real'. Sofern 'das Praktische' sich selbst zusieht, wird es 'ideal' und subjektiv.)
19. 9. 18

Nota III. - Zu einem Bewusstsein wird das Wahrnehmen eines Mannigfaltigen, indem das Wahrnehmende sich absolute Freiheit als dessen Produzent zuschreibt.
 
Das unmittelbare Bewusstsein ist das schlechterdings Bestimmbare: Es ist ebenso das, was unmittelbar ist, wie das, was unmittelbar ist; es ist Machen. Ich kann nur dieses oder jenes machen. Ohne Bestimmen kommt ein Handeln nicht 'zu Stande'. Bestimmen ist der Akt der Freiheit. Das philosophisch-neurophysiologische Vexierstück lässt sich so formulieren: Gibt es ein Übergehen vom Bestimmbaren zur Bestimmten? - Die Frage beantwortet sich selbst. Da überschneiden sich transzendentale Sichtweise und reelle Bewusstseinspsycholo-gie: Das dumpfe sich-selbst-Setzen in der Anschauung des originären Akts ist nicht selbst schon Bewusstsein, sondern ebenso dessen Bedingung wie sein primärer Gegenstand: in Doppelheit. Wie ich immer wieder sage: Grundlage der Transzendentalphilosophie ist Faktisches; freilich in äußerster Abstraktion betrachtet.
im Juni 2017 
 
 
 

Mittwoch, 15. Oktober 2025

Grundeigentum ist Okkupation - nicht individuell, sondern durch die Gemeinschaft.

Magyarische Landnahme unter Arpad;     zu Marxiana 

Worauf es hier eigentlich ankommt, ist dieß: In allen diesen Formen, worin Grundeigen-thum und Agricultur die Basis der ökonomischen Ordnung bilden, und daher die Produc-tion von Gebrauchswerthen ökonomischer Zweck ist, die Reproduction des Individuums in den bestimmten Verhältnissen zu seiner Gemeinde, in denen es deren Basis bildet – ist vor-handen: 1) Aneignung, nicht durch Arbeit, sondern als der Arbeit vorausgesezt, der natürli-chen Bedingung der Arbeit, der Erde als des ursprünglichen Arbeitsinstruments sowohl, Laboratoriums, wie Behälters der Rohstoffe. 

Das Individuum verhält sich einfach zu den objektiven Bedingungen der Arbeit als den seinen; zu ihnen als der unorganischen Natur seiner Subjektivität, worin diese sich selbst realisirt; die Hauptobjektive Bedingung der Arbeit erscheint nicht selbst als Product der Arbeit, sondern findet sich vor als Natur; auf der einen Seite das lebendige Individuum, auf der andren die Erde, als die objektive Bedingung seiner Reproduction; 

2) aber dieses Verhalten zu dem Grund und Boden, zur Erde, als dem Eigenthum des arbeitenden In/dividuums – welches daher von vorn herein nicht als blos arbeitendes Individuum erscheint, in dieser Abstraction, sondern im Eigenthum an der Erde eine objektive Existenzweise hat, die seiner Thätigkeit vorausgesezt ist, und nicht als deren bloses Resultat erscheint, und ebenso eine Voraussetzung seiner Thätigkeit ist, wie seine Haut oder seine Sinnesorgane, die er zwar auch im Lebensprocess reproducirt, und ent-wickelt etc, die aber diesem Reproductionsprozeß seinerseits vorausgesezt sind – ist sofort vermittelt durch das naturwüchsige, mehr oder minder historisch entwickelte, und modifi-cirte Dasein des Individuums als Mitglieds einer Gemeinde – sein naturwüchsiges Dasein als Glied eines Stammes etc. 

Ein isolirtes Individuum könnte so wenig Eigenthum haben am Grund und Boden, wie sprechen. Es könnte allerdings an ihm als der Substanz zehren, wie die Thiere thun. Das Verhalten zur Erde als Eigenthum ist immer vermittelt durch die Occupation, friedliche oder gewaltsame, von Grund und Boden durch den Stamm, die Gemeinde in irgendeiner mehr oder minder naturwüchsigen, oder schon historisch entwickeltern Form. Das Indivi-duum kann hier nie in der Punktualität auftreten, in der es als bloser freier Arbeiter er-scheint. 
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K. Marx, Grundrisse, MEGA II/1.2, S. 389f. [MEW 42, S. 393]

 

Nota. - Das Kapital ist aus dem feudalen Grundeigentum hervorgegangen: historisch-faktisch aus der Vertreibung des Landvolks vom Boden - einer En teignung. Dadurch un-terscheidet sich kapitalistische Industiearbeit von vorkapitalistischer Landarbeit, dass der Produzent nicht mehr sein Produkt zum Tausch feilbietet, sondern seine Produktivkraft selbst. Es ist nichtmehr Produktion von Gebrauchswert selbst, sondern Gebrauchswert nur, sofern er zuvor Tauschwert gewesen ist. Das betrifft nicht die Naturalform des Produkts, sondern seine gesellschaftliche Bestimmung als Ware; also die Aneignungweise. 

Solange Arbeit erst Setzung von Gebrauchswert war, war ihre Bestimmung als Formation naheliegend; zu naheliegend: Die Aneignung des Bodens durch den einen oder die andern war der formierenden Tätigkeit sachlich vorausgesetzt und sie bestimmend. In zunehmend industrieller Arbeit, die prima facie Tauschwert produziert, entfällt auch dies.

Der ältere Rousseau konnte das nicht ahnen, der jüngere Fichte hat es geahnt. Sein Projekt eines Geschlossenen Handelsstaats beruht darauf, dass jedem Produzenten die Mittel be-reitstehen sollten, seine Arbeitskraft in austauschbaren Produkten zu realisieren.
JE 

 

Dienstag, 14. Oktober 2025

Arbeit ist nicht Formation, sondern Aneignung.

                                                                       aus Marxiana

Arbeit ist nicht an und für sich "Formation" - wie sie Rousseau auffasst, nämlich als Be-gründung von Eigentum -, sondern Aneignung, Okkupation - nämlich ursprünglich des Bodens (so wie Fichte, 'Naturrecht', das Eigentum auffasst); der Akt des Aneignens der Naturdinge an ein Bedürfnis
8. 7. 87 

Es ist völliger Quatsch, dass bei Hegel die Arbeit "Entäußerung" des "Wesens" wäre - sie ist vielmehr und ganz richtig Vermittlung zwischen den Bedürfnissen* und den 'Natur'-Gegen-ständen; siehe § Arbeit in der 'Rechtslehre'.
4. 6. 88

*) Die sind bei H. allerdings Naturdaten und keineswegs 'thetisch'.

Arbeit ist nicht 'Tätigkeit überhaupt', nicht Produktion "überhaupt", sondern zweck mäßige Tätigkeit - im Begriff des Zwecks liegt eben schon ihre objektivierende Dimension - nicht umgekehrt!
24. 9. 1985

Stofflich betrachtet ist Arbeit nicht 'Verausgabung' einer 'Kraft' oder Realisierung eines Vermögens; sondern lediglich Aneignung, d. h. Subsumtion des Naturgegenstands unter das Bedürfnis - und zwar dies unerachtet ihrer technischen Bestimmtheit, unerachtet auch - d. h. gerade! - des jeweiligen Quantums Energie, welches die reelle Subsumtion ("Fassung") dieses bestimmten Dings unter dieses bestimmte Bedürfnis (seine Geschicktmachung für den Verbrauch) erheischt. 

Aber auch bei der formalen Bestimmung der Arbeit als abstrakt-allgemeine, nämlich als Ver-ausgabung (eines jeweiligen Quantums) von Arbeitskraft kommt es nicht an auf Materiali-sierung von Kraft strictu sensu, d. h. von Energie, sondern auf die Realisierung eines Ver-mögens: Akt ualisierung von dynamis qua energeia; nicht stoffliche Konkretion, "Gerin-nung" der Energie selbst (die ja dann zugleich ihre eigene Dynamis wäre). 

Die Vorstellung von "Arbeit im Allgemeinen" als Umsetzung, Vergegenständlichung von reeller Kraft, Energie expressis verbis abgewiesen von Engels - ausgerechnet! - in einem Brief an Marx vom 19. 2. 1882 über den Aufsatz des russischen Naturwissenschaftlers Podolinski in MEW 35, S. 133ff.: "Ökonomische Verhältnisse in physikalischen Maßen darstellen zu wollen ist meiner Ansicht nach rein unmöglich... Aber physikalische Arbeit ist darum noch lange keine ökonomische Arbeit." 

Vgl. Dialektik [in] der Natur, Bln. 1961, S. 84-99 und 330ff.; aber der Grund, warum ökono-mische Arbeit nicht in physikalischer Arbeit darzustellen ist, ist Engels anscheinend nicht klargeworden! Für ihn scheint es mehr ein rechnerisches Problem zu sein: zu welcher Quote die vom Arbeiter verzehrte Energie in seinem Produkt reproduziert und fixiert, und zu wel-cher Quote sie als "ausgegeben" gerechnet werden muss. Dass das Problem aber darin be-steht, daß Arbeit als solche immer erst gebrauchswertsetzend, d. h. Bedürfnis-befriedigend sein muß, was eine qualitative Bestimmung ist, die sich als solche nicht in quantifizierende Bestimmungen umsetzen läßt; und daß in der quantitativen Bestimmung der Arbeit durch den Wert nicht auf eine Natureigenschaft, sondern auf eine soziale 'Eigenschaft' der Arbeit: die gleich-Geltung der von der Arbeit bedienten Bedürfnisse für die gesellschaftliche Ge-samtheit abgesehen ist - das mag ihm geschwant haben; aber begriffen hat er's nicht.
10. 1. 1987

Arbeit ist Aneignung; Arbeit im stofflichen Sinn ist: Tauglichmachung des Gegenstandes zum Gebrauch, Gebrauchs'wert'. Verfügbarmachung für das Bedürfnis, Zurecht machung ... Aufhebung, d. h. eine bestimmte Negation seiner 'Gleichgültigkeit gegen menschliche Zwe-cke', d. h. eben seiner Gegen-Ständ lichkeit. (Das dabei erforderliche Quantum Energie 'tut nichts zur Sache', verbotenus; überhaupt: keine physische, keine physikalische Bestimmung, also auch nicht "Verausgabung von Kraft", nicht einmal 'Realisierung eines Vermögens'.)  
17. 1. 1987
aus meinen Notizen. 

Realisierung eines Vermögens oder nicht Realisierung eines Vermögens? Nicht, wenn man unter Vermögen ein angestautes Quantum Kraft versteht. Wohl, wenn man darunter die Fä-higkeit versteht, Absichten zu fassen. Darauf kommt es nämlich an: Das (physiologische?) Bedürfnis muß zu einer (mentalen) Absicht werden, damit Arbeit geschieht. Die Absicht ist dynamis.
17. 8. 2016
 
Von Arbeit in einem ökonomischen Sinn kann überhaupt erst seit Aufkommen des Acker-baus und eo ipso der "Arbeitsgesellschaft" gesprochen werden. Dass der Lebensmitteler-werb von Jägern und Sammlern Aneignung ist und nicht Formierung, springt ins Auge.
30. 11. 2016  
 
 
Nachtrag. Ein ganz Schlauer könnte sagen: Formierung zum Zweck der Aneignung ans Be-dürfnis wohl, aber Formierung eben doch! Alles nur Haarspalterei - das Eine so gut wie das Andere. 
 
Ja wenn es bloß um Begriffe ginge! Die stünden gutbrüderlich füreiander ein und sachlich wäre jeder Streit überflüssig. Doch um Begriffe geht es eben nicht, sondern um ein aktuales Verhältnis. Es soll nicht wiedergeben werden, was ist, sondern herausgefunden werden, was wozu geschieht. Im Begreifen ist das eine das andere wert, punctum. Im Vorstellen geht es aber darum, was weswegen getan wird: Dass etwas getan wird, wäre auch nur eine Beobach-tung; doch zu welchem Zweck etwas getan wird, ist eine Erkenntnis: Es soll eine Dynamik dargestellt werden, und dafür ist der Begriff zu dürftig. Das 'Bedürfnis' ist eben kein Fakt wie irgendein anderer, sondern ein selbstgesetzter Zweck. So erhält der Bericht eine Rich-tung.
JE 

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Montag, 13. Oktober 2025

Duplizität der Ansicht.

                                         zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik                                                   
Also ich=x, ich Seele, ich Leib ist ganz einerlei, es sind bloß doppelte Ansichten; weiter: Ich Leib und Sinnenwelt außer mir ist wieder einerlei und eine besondere Ansicht. Alles in der Wissenschschaftslehre beruht auf Duplizität der Ansicht. Zwischem dem Höchsten, ich=x, und dem Niedrigsten der formlosen Substanz liegen verschiedene Glieder, die in der dop-pelten Beziehung auf Obiges bald subjektiv, bald objektiv sind; aber ich bin für immer selbst der Gegenstand; ich selbst bin mir unbegreiflich, Subjektobjekt, welches doch ursprünglich als eins gedacht werden soll.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 112 
 

 

Nota. - Ich/Nichtich, real/ideal, Erfahrungsbegriff/Noema... - stets handelt es sich um Ge-gensätzliches in der Synthese. Fichtes "analytisch-synthetisches Verfahren" ist der tragende Boden des Systems. Epigonen und Taschendiebe* haben ihn unterm mystifizierenden Na-men "Dialektik" durchschmuggeln und als ihr Eigen ausgeben wollen. Die Sonne bringt alles an den Tag - und wenn es Jahrhunderte dauert. 

*) Das System hat Hegel bei Schelling, das Verfahren bei Fichte und den Namen bei Schleiermacher entnom-men.  
JE 

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Sonntag, 12. Oktober 2025

Wissen, Kritik, "Grund".

nf-community                                                                           aus Marxiana

Wissen ist schlechterdings positiv. [Eine reale Wissenschaft ist ein 'organisches' System ein-zelner 'Gewusster', sie wechselseitig auf einander verweisen...] Das Wissen selbst ist theore-tisch-dogmatisch.

Was Wissen vom Wissen ist Kritik: Meta-Theorie, Theorie von der Theorie; Darstellung der Form des Wissens unter Ausklammerung ("Einklammerung", epoché) des Was des Gewuss-ten: "bloße" Form; theoretisch-kritisch.

('Kritisch': urteilend über den Geltungsgrund des theoretischen Wissens, das derart nicht mehr dogmatisch, nicht mehr positum ist, sondern beurteilt; problematisch, nämlich als bedingt gesetzt.)

Als Meta-Kritik wird das Wissen praktisch: nicht mehr über den 'Grund' urteilend, sondern behauptend, selber den Grund setzend: positiv.

Die Metakritik ist der nachträglich gesetzte Grund, das aposteriorische Apriori des positiven Wissens; sie ist die Reflexion, ="ideale Tätigkeit", auf das Wissen selbst (="reale" Tätigkeit).

Kritik ist Axiologie, insofern sie die Gründe der wissenschaftlichen Geltung zur Darstellung bringt. Insofern ist 'Kritik' eine theoretische Wertlehre; theoretisch, sofern sie die Geltung der Werte zunächst als ein Gegebenes, als Fakt behandelt: dass der Wert gilt, gehört zum 'Sein'; in diesem Fall zum historischen Sein dieser Wissenschaft. [=der Politischen Ökonomie]

Die praktische Wertlehre, die Werte setzt - oder auch verwirft - ist axiomatisch.*
10. 1. 88 

 
*) Das ist falsch. A. Smith hat den Wert an den Grad der Arbeitsteilung gebunden, und das war historisch und insofern kritisch. Dass er den Wert der Arbeit an den Kornpreis gebunden hat, war grob und oberflächlich, doch dass er den Kornpreis für konstant gehalten hat, war ein faktischer Irrtum, doch der war dogmatisch und nicht axiomatisch. 
 
 
Der Zweite Gang der Wissenschaftslehre ist Meta-Theorie und als solche setzend: pos itiv. Ebenso die materialisische Geschichtsauffassung gegenüber der Kritik der Politischen Öko-nomie. Dass diese früher da war als jene, tut dem keinen Abbruch.
 
 

 

Samstag, 11. Oktober 2025

Situationistisches Glasperlenspiel.

Fülle                 zu Wissenschaftslehre - die fast... 

Fülle ist nur eine große Menge von Mannigfaltigen, bevor sie zum Begriff über bestimmt wurden. 

Alles hängt von allem Andern ab - in jeder besonderen Hinsicht. Insofern ist es nicht falsch, die Wissenschaftslehre situationistisch zu nennen. Aber nicht, wie man meinen könnte, an-schaulich, sondern gerade erst in der Reflexion. Anschaulich war alles gerade so, wie es aus-sah.

Dass einer so und der andere anders gesehen hat, kann erst in der Reflexion bemerkt wer-den. Vorher war es so gut, als wäre es nicht. Sie müssen sich erst begegnet und verfremdet worden sein. Sie mussten die sichtbare Fülle zu einem Schema auflösen.

Freitag, 10. Oktober 2025

Schema ist ein bloßes Tun.

 tätig                                zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Schema ist ein bloßes Tun, und zwar mein notwendiges Tun in der Anschauung.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 100 

 

Nota. - Nur ein jenseits von Raum und Zeit gedachtes Tun ist als ein Schema darzustellen; und dies zum Zweck der Anschauung: In der Wirklichkeit lässt sich immer nur dieses oder jenes Tun anschauen; wenn ich aber Tun-überhaupt anschauen will, muss ich die Bestim-mungen von Raum und Zeit fortlassen - alles, was eine Wirklichkeit als eine solche erst ausmacht.
JE

Donnerstag, 9. Oktober 2025

Die Wissenschaftslehre ist nur ein Modell.

cnc-step                          zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik                                          

Unser Pendant soll auch kein lebendiger Körper, sondern nur sein Modell sein. 
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen..., [S. 115] 

 

Nota. - Das Modell - kantianisch Schema - ist ein aus der Anschauung abstrahiertes Bild 'zweiten Grades' - vom reflektierten Standpunkt des Begriffs aus. Es ist ein 'Bild' unter Ab-sehung von den Bestimmungen durch Raum und Zeit; es ist der Begriff "vom Kopf auf die Beine gestellt" . Oder eine Anschauung - ein zweites Mal 'durch den Begriff gesehen' .

Was einem beim ersten Lesen als eine zufällige Trouvaille erschien, kommt einem beim Wie-derfinden manchmal vor wie eine wesentliche Bestimmung, die man beinahe übersehen hät-te.
JE 

Mein Ich ist kein Spiegel, sondern ein Auge.

  Fabian Lackner, Fotocommunity      zu   Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik Das Ich der bisherigen Philosophen ist e...