Lupo / pixelio.de zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Zuförderst
über den Doppelsinn des Wortes Gefühl, der auch Herrn E. an meiner
Meinung irrig gemacht. Das Gefühl ist entweder sinnlich und das des
Bittern, Roten, Harten, Kalten usw., oder intellektuell. Herr E. und mit
ihm alle Philosophen seiner Schule scheint die letz-tere Art gänzlich zu
ignorieren, nicht zu beachten, daß auch eine solche Gattung angenom-men
werden müsse, um das Bewußtsein begreiflich zu machen.
Ich
habe es hier mit dem ersten nicht zu tun, sondern mit dem letztern. Es
ist das unmittel-bare Gefühl der Gewißheit und Notwendigkeit eines
Denkens. – Wahrheit ist Gewißheit: und woher glauben die Philosophen der
entgegengesetzten Schule zu wissen, was gewiß ist? Etwa durch die
theoretische Einsicht, daß ihr Denken mit den logischen Gesetzen
überein-stimmt? Aber woher wissen sie denn, daß sie sich in diesem
Urteile über die Übereinstim-mung nicht wieder irren? Etwa wieder durch
theoretische Einsicht? Aber wie denn hier? – Kurz, da werden sie ins
Unendliche getrieben, und ein Wissen ist schlechthin unmöglich. –
Überdies, ist denn Gewißheit ein Objektives, oder ist es ein subjektiver
Zustand? Und wie kann ich einen solchen wahrnehmen, außer durch das
Gefühl?
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 146]
Nota. - Nichts ist wirklich, was nicht auf Wahrnehmung gründet. Wahrnehmen ist fühlen. Heißt das, intellektuelle Gewissheit sei von demselben Stoff wie sinnliches Fühlen; oder lediglich ein systematisch verbürgtes Analogon?
Im System wäre diese Stelle zu besetzen, doch ob es dem sinnlichen Fühlen assimiliert werden kann, ist unerheblich. Wenn ja, wäre es ein Erweis a posteriori. Wenn aber das System als Ganzes begründet ist, wäre es ein Erweis a priori; ein Erweis vom Ganzen her deduziert, nicht aus Mannigfaltigem konstruiert.
JE
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