lifeline aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Alle Erfahrung ist ein beständiger Wechsel von Verän/derungen. Woher nun das Fortdau-ernde, welches in den Erscheinungen erscheine?
Jenes Dauernde ist nichts anderes, als das in allem Wechsel vorstellende
Ich als das Han-delnde, aber es erscheint qualis talis nicht, es
erscheint objektiv, weil es in die Anschauung hereinfällt. So ists in
der Anschauung X. Es sind die entgegengesetzten Gefühle A und B, diese
vereinige ich in mir, mich aber musste ich anschauen, und diese
Anschauung würde mir den Boden geben, auf den ich A und B auftragen
könnte. Es ist nun die Schwierigkeit, wie Tätigkeit qualis talis
angeschaut werden könnte. In der Anschauung X schaut das Ich sich selbst
an als das in beiden Gefüh-le A und B Tätige. Dies Resultat ist noch
Problem.
5) Überhaupt eine
bestimmte Tätigkeit ist die dem Ich in X zugeschriebene allerdings, denn
es ist die Anschauung Y als eines das Ich überhaupt Begrenzenden. Die
vorausgesetzte Be-gebenheit kurz ausgedrück heißt: Ich schaue mich an in
X als anschauend Y. Ich soll sonach in beiden Anschauungen mich finden
als dasselbe Ich, beide müssten demnach in einem Dritten vereinigt
werden.
Die Anschauung X wird
die meinige durch ein unmittelbares Gefühl, so nicht die Anschau-ung Y;
diese geht durch X hindurch und müsste da an sie geknüpft werden, wenn
sie meine heißen sollte. In der Anschau-ung X müsste die Anschauung Y
not-wendig erhalten sein als ein notwendiger Bestandteil, so dass X und Y
nicht ge-trennt werden können. Y müsste durch X hindurch gefühlt
werden, und dies könnte nur so geschehen, dass die ideale Tätig-keit in Y
beschränkt wäre, gerade so zu bilden und nicht anders; dadurch nur
allein würde auch das Gefühl dessen, was Y anschaut, möglich. Denn jedes
Gefühl ist Begrenztheit, und hier wäre denn Gefühl einer wirklichen
Begrenztheit, aber einer idealen; dadurch würde die Tätigkeit in X
anschaubar - sie würde Objektives -, dass sie begrenztes Quantum ist.
Sonach wäre der Zustand
des Ich: Ich fühle mich begrenzt; aber das, in Rücksicht dessen ich
mich begrenzt fühle, ist eine wirkliche, aber ideale Tätigkeit. In
wiefern es Tätigkeit ist, kann ich es nur anschauen, in wiefern sie aber
beschränkt ist, fühle ich sie, dies gibt das / Gefühl Y; beide, X und Y, sind unzertrennlich verbunden, eins kann ohne das andre nicht sein.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 91ff.
Nota. -
...'den Boden geben, auf den ich A und B auftragen könnte'; '...müsste
durch X hin-durch gefühlt werden'; 'anschauen als anschauend',
'Quantum' usw.: Das sind alles keine Be-griffe, sondern Anweisungen an die Vorstellung. Es gibt nichts objektiv zu konstruieren, man muss die
Vorstellungen jedesmal selber subjektiv hervorbringen. Darum bedient er
sich umgangssprachlicher Wendungen, die man anschaulich und metaphorisch verstehen kann. Begriffe sind gar nicht am Platze, sie wären irreführend und falsch. -
Dies gesagt habend, räume ich ein: An dieser Stelle komme ich mit dem Vorstellen nicht ganz hinterher.
1. 10. 16
[Nota II. - Sachlich ist es natürlich ein Beitrag zum Thema intellektuelles Gefühl.]
JE
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