Knipseline / pixelio.de zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
Ginge die Thätigkeit des Ich nicht ins Unendliche, so könnte es diese seine Thätigkeit nicht selbst begrenzen; es könnte keine Grenze derselben setzen, wie es doch soll. Die Thätigkeit des Ich besteht im unbeschränkten Sich-setzen; es geschieht gegen dieselbe ein Widerstand. Wiche sie diesem Widerstande, so würde diejenige Thätigkeit, welche über die Grenze des Widerstandes hinausliegt, völlig vernichtet und aufgehoben; das Ich würde insofern über-haupt nicht setzen. Aber es soll allerdings auch über diese Linie hinaus setzen. Es soll sich beschränken, d.i. es soll insofern sich setzen, als sich nicht setzend; es soll in diesen Umfang die unbestimmte, unbegrenzte, unendliche Grenze setzen (oben = B); und wem es dies soll, so muss es unendlich seyn. –
Ferner, wenn das Ich sich nicht begrenzte, so wäre es nicht unendlich. –
Das Ich ist nur das, als was es sich setzt. Es ist unendlich, heisst, es setzt sich unendlich: es bestimmt sich durch das Prädicat der Unendlichkeit: also es begrenzt sich selbst (das Ich), als Substrat der Unendlickeit; es unterscheidet sich selbst von seiner unendlichen Thätigkeit,[214] (welches beides an sich Eins und ebendasselbe ist); und so musste es sich verhalten, wenn das Ich unendlich seyn sollte. – Diese ins unendliche gehende Thätigkeit, die es von sich unterscheidet, soll seine Thätigkeit seyn; sie soll ihm zugeschrieben werden: mithin muss zugleich in einer und ebenderselben ungetheilten und unzuunterscheidenden Hand-lung das Ich diese Thätigkeit auch wieder in sich aufnehmen (A + B durch A bestimmen). Nimmt es sie aber in sich auf, so ist sie bestimmt, mithin nicht unendlich: doch aber soll sie unendlich seyn, und so muss sie ausser dem Ich gesetzt werden.
Dieser Wechsel des Ich in und mit sich selbst, da es sich endlich und unendlich zugleich setzt – ein Wechsel, der gleichsam in einem Widerstreite mit sich selbst besteht, und da-durch sich selbst reproducirt, indem das Ich unvereinbares vereinigen will, jetzt das unend-liche in die Form des endlichen aufzunehmen versucht, jetzt, zurückgetrieben, es wieder ausser derselben setzt, und in dem nemlichen Momente abermals es in die Form der End-lichkeit aufzunehmen versucht – ist das Vermögen der Einbildungskraft. ... [216]
(Dieses Schweben der Einbildungskraft zwischen unvereinbarem, dieser
Widerstreit der-selben mit sich selbst ist es, welcher, wie sich in der
Zukunft zeigen wird, den Zustand des Ich in demselben zu einem Zeit-Momente
ausdehnt. (Für die blosse, reine Vernunft ist alles zugleich; nur für
die Einbildungskraft giebt es eine Zeit.) Lange, d. i. länger, als einen
Mo-ment (ausser im Gefühl des Erhabenen, wo ein Staunen, ein
Anhalten des Wechsels in der Zeit entsteht), hält die Einbildungskraft
dies nicht aus; die Vernunft tritt ins Mittel (wodurch eine Reflexion
entsteht), und bestimmt dieselbe, B in das bestimmte A (das Subject)
auzu-nehmen; aber nun muss das als bestimmt gesetzte A abermals durch
ein unendliches B be-grenzt werden, mit welchem die Einbildungskraft
gerade so verfährt, wie oben; und so geht es fort, bis zur vollständigen
Bestimmung der (hier theoretischen) Vernunft durch sich selbst, wo es
weiter keines begrenzenden B ausser der Vernunft in der Einbildungskraft
be-darf, d. i. bis zur Vorstellung des Vorstellenden. Im
praktischen Felde geht die Einbildungs-kraft fort ins unendliche, bis zu
der schlechthin unbestimmbaren Idee der höchsten Einheit, die nur nach
einer vollendeten Unendlichkeit möglich wäre, welche selbst unmöglich
ist.
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J. G. Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, SW
I, S. 214f., 216
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