Dienstag, 25. Februar 2025

Es führt kein Weg aus der Vernunft hinaus.

                                               aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Nur freie Wechselwirkung durch Begriffe und nach Begriffen, nur Geben und Empfangen von Erkenntnissen ist der eigentümliche Charakter der Menschheit, durch welchen allein jede Person sich als Menschen unwidersprechlich erhärtet. 

Ist ein Mensch, so ist notwendig auch eine Welt, und bestimmt solch eine Welt, wie die uns-rige es ist, die vernunftlose Objekte und vernünftige Wesen in sich enthält. (Es ist hier nicht der Ort, noch weiter zu gehen und die Notwendigkeit aller bestimmten Objekte in der Na-tur und ihre notwendige Klassifikation zu erhärten, die sich aber ebensowohl erhärten lässt, als die Notwendigkeit einer Welt überhaupt.)*

Die Frage über den Grund der Realität der Objekte ist sonach beantwortet. Die Realität der Welt - es versteht sich: für uns, d. h. für alle endliche Vernunft - ist Bedingung des Selbstbe-wusstseins, denn wir können uns selbst nicht setzen, ohne etwas außer uns zu setzen, dem wir die gleiche Realität zuschreiben müssen, die wir uns selbst beilegen. 

Nach einer Realität zu fragen, die bleiben soll, nachdem von aller Vernunft abstrahiert wor-den, ist widersprechend, denn der Fragende selbst hat doch wohl Vernunft, getrieben durch die eigene
Vernünftigkeit, und will eine vernünftige Antwort; er hat mithin von der Vernunft nicht abstrahieret. Wir können aus dem Umkreis der Vernunft nicht hinausgehen. Gegen die Sache selbst ist gesorgt, die Philosophie will nur das erreichen, dass wir mit [...?] darum wissen und nicht wähnen, herausgegangen zu sein, wenn wir doch, wie sich versteht, darin befangen sind.

*) Wer dies nicht einsehen kann, der habe nur Geduld und folgere aus seinem Nichteinse-hen indes nichts weiter, als was wirklich darin liegt, nämlich dass er es nicht einsehen kann.

_______________________________________________________________________ J. G. Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre, SW Bd. III, S. 40
 

Nota. I - Vernunft ist immanent, es führt kein Weg hinaus - jedenfalls nicht durch vernünf-tiges Fragen. Wer fragt, ob es Wahrheit gibt, setzt sie voraus. Wahrheit ist kein Sachverhalt, sondern ein Begriff (ein Begiff, der sich durch keine Bestimmung erschöpfen lässt, vulgo eine Idee). Es ist der Begriff von einer Geltung ohne Bedingungen. Wer fragt, ob es diesen Begriff gibt, der hat ihn sich bereits entworfen. Also 'gibt es' ihn. *

Doch das bedeutet selber noch gar nichts. Die Frage ist immer nur, wann und wo er gilt. Die wäre konkret zu beantworten. Der Satz, 'es gibt Wahrheiten, aber keine Wahrheit', ist ein Wortspiel. Wenn ein Satz gilt, und sei es unter tausendundeiner Bedingung, dann 'gibt es' Geltung; aber das heißt nichts weiter als: Außer seienden Dingen gibt es Geist. Was das sei, darüber darf man verschie
dner Meinung sein. Aber dass es so ist, kann nur ein Geistlo-ser bestreiten; doch der könnte es nicht bestreiten.
 

3. 2. 19

*) Er müsste sonst sagen: Was er sich unter Wahrheit vorstellt, könne er sich nicht vorstel-len.

Nota II. - Kein Weg über die Vernunft hinaus könnte es ebensogut heißen.
JE, 15. 2. 22
 
 

Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Montag, 24. Februar 2025

Der große Bogen der Vernunftkritik.

translate                     aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkrit

Fichte hat im Ersten Hauptstück seiner Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre aus dem Jahre 1796, das ich auf diesem Blog wiedergegeben habe, besagte 'Prinzipien' zusammengefasst. Nicht mi-nutiös entwickelt wie in der Nova methodo, sondern eher lehrhaft vorgetragen, aber so musste es sein. Es sollte der Leser (wie zuvor seine Hörer) bis an den Punkt geführt werden, wo die transzendentale - kritische und spe-kulative - Rekonstruktion aus notwendigen Vostellungen innehält und eine positive wissenschaftliche Deduktion aus Begriffen möglich wird. 

Das gibt Anlass zu einer allgemeinen Betrachtung:

 
Vernunft ist eine Tätigkeit und keine Sache. Sie erfordert einen Stoff, ein Verfahren und eine Energie. Ihr Stoff sind die Begriffe, ihr Verfahren sind die logischen Schlussregeln. Was ihre Energie ist, bleibt einstweilen offen.

Die Untersuchung der Vernunft in specie beginnt mit Kant. Sein erster Gegenstand sind die Erfahrungsbegriffe. Es gibt darüber hinaus Begriffe ohne sinnliches Substrat. Diese sind aus jenen abstrahiert; mit welchem Recht?

Zuerst ist da eine Flut sinnlicher Reize. Aus der greift wie mit Kellen die Vernunft etliche heraus und fasst sie zu Begriffen zusammen. Die Kellen identifiziert Kant als zwölf Kate-gorien und zwei Anschauungsformen. Weiter geht er nicht.

Es stellt sich erstens die Frage: Woher die Kellen? Und zweitens: Von allein schöpfen sie nicht; es muss sie einer zur Hand nehmen. Und woher die Schlussregeln stammen, lässt Kant völlig unerörtert.

 


Fichte begann, wo Kant stehenblieb: Die Begriffe wurden von Menschen geschaffen, in-dem sie Kellen betätigten. Wie sie zu betätigen sind, wussten sie, weil sie sie selber herge-stellt hatten. Die Spur verfolgt er und stößt ganz am Schluss auf das Ich, das sich selbst setzt, indem es sich ein/em Nichtich entgegensetzt.

Die Hypothese wäre zu verifizieren, indem der Schlusspunkt der Analyse zum Ausgangs-punkt einer synthetischen Rekonstruktion genommen wird: Man sieht dem aufgefundenen Ich Schritt für Schritt bei seiner Tätigkeit zu, und wenn wir einen Weg finden, auf dem so die von uns eingangs vorgefundene Vernunft lückenlos nachgebaut werden kann, so wird es der sein, den die Vernunft wirklich gegangen ist.

Man erkennt: Es ist die Geschichte ihrer Selbstschöpfung. Sie hat keine andere Vorausset-zung als das Selbstsetzen eines Ichs. Daraus folgt alles andere. Es folgte nicht aus Notwen-digkeit - unendliche viele Abwege waren möglich (und werden faktisch auch gegangen wor-den und spurlos wieder verwachsen sein) -, sondern aus Freiheit, aber dass es folgte, war der faktische und logische Ausgangspunkt der Analyse, zu dem die Synthesis zurückgeführt hat.

Wir finden in der Synthese, wie der Stoff entstanden und wie das Verfahren selbst gesucht und gefunden wurde, wir müssen rückschließen, dass die treibende Energie dieselbe war, aus der heraus das Ich sich überhaupt erst gesetzt hat. Weil sie keine andere Bestimmung auf-weist als diese, nennt Fichte sie das reine Wollen.

*

Kritisch verfährt die Wissenschaftslehre in ihrem von Kant eröffneten ersten, dem analy-tischen  Teil. In ihrem konstruktiv-synthetischen zweiten Teil verfährt sie spekulativ. Doch spekuliert sie nicht ins Blaue hinein, sondern auf ein festumrissenes Ziel hin: unser wirklich gegebenes System der Vernunft aus Begriffen und Schlussregeln, über dessen treibende Energie wir uns inzwischen auch klargeworden sind.

An diesem Punkt - dass ein System von Begriffen entstanden ist und dass sich das Denken Regeln geschaffen hat - ist die Vernunftkritik vollendet und hat die Wissenschaftslehre ihre Arbeit getan.

Was jetzt noch folgen kann, sind die positiven Bestimmungen der Wissenschaften in con-creto. Von den kritischen Grundsätzen, die die Wissenschaftslehre in ihrem analytischen sowohl wie in ihrem synthetischen Teil entwickelt hat, wird sie sich in ihrer Erkenntnis lei-ten lassen; aber ihr Gegenstand werden sie nun nicht mehr.



Der Begriff des Rechts ist nun gefasst, und es kann aus Begriffen fortargumentiert werden
.
6. 3. 19

 

Nota. - Die Leute im obigen Bild tanzen eine Sardana, einen katalanischen Volkstanz, bei dem sich die Kreise um einander drehen - in je entgegengesetztem Sinn.

Sonntag, 23. Februar 2025

Die treibende Tätigkeit des Ich geht in der Logik unter.

J. A.Morlán, Ringer                                                  zu Philosophierungen

Im engeren Sinn vernünftig wird, nämlich zu Begriffen kommt das Denken erst in den Maß, wie die Vorstellungen dureh das Kantsche Aprioi - die zwölf Kategorien und beide Anschauungsweisen  - hindurchgegangen ist. 

Ob oder ob nicht merkt man ihm selber nicht an, sondern erst seinen Leistungen: eben den Begriffen. Die Weisen, die Begriffe zu verknüpfen, stammt aber nicht aus der Form des Be-greifens selbst, sondern noch aus dem Vorstellen: nämlich dass Eines das Andere zur Gel-tung bringt, liegt schon im Vorstellen selber: Ich denke, dass... 

In den Begriffen aber - wo eines so gültig ist wie das andere - ist die setzende Tätigkeit des Ich längst untergegangen. Man nennt es Logik und siedelt es irgendwo neben der Philoso-phie an, aber nicht in ihr. Denn nun - im System der Begriffe - ist es rein formal; aber nicht mehr material: und nicht mehr real.

 

 

Samstag, 22. Februar 2025

Ist Vernunft die prästabilierte Harmonie der Vernunftwesen?

Botticelli, aus Maria mit den Engeln                  zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das Handeln des freien Wesens außer mir, auf welches so geschlossen ist, verhält sich zu dem mir angemuteten Handeln, wie der angefangene Weg zu der Fortsetzung desselben. Es ist mir gegeben eine Reihe der Glieder, durch welche der Zweck bedingt ist; eine Reihe, die ich vollenden soll. Zuförderst ist sonach alles Handeln freier Wesen ein Hindurchgehen durch unendlich viele Mittelglieder, die bloß durch die Einbildungskraft gefasst werden, wie bei der Bewegung durch unendlich viele Punkte. Es fordert mich jemand auf heißt: Ich soll an die gegebene Reihe des Handelns etwas anschließen; er fängt an und geht bis auf einen gewissen Punkt, von da soll ich anfangen. 

Nun liegt hier ein unendliches Mannigfaltiges der Handlungsmöglichkeiten, welche bloß durch Einbildungskraft zusammengefasst werden. Denn das Handeln mehrerer Vernunft-wesen ist eine einzige durch Freiheit bedingte Kette. Die ganze Vernunft hat nur ein einzi-ges Handeln. Ein Individuum fängt an, ein anderes greift ein und so fort, und so wird der ganze Vernunftzweck durch unendlich Viele bearbeitet und ist das Resultat von der Einwir-kung Aller. Es ist dies keine Kette physischer Notwendigkeit, weil von Vernunftwesen die Rede ist. Die Kette geht immer in Sprüngen, das Folgende ist immer durchs Vorher/ge-hende bedingt, aber nicht bestimmt und wirklich gemacht. (vid. Sittenlehre) Die Freiheit besteht darin, dass aus allen möglichen nur ein Teil an die Kette angeschlossen werde.
_________________________________________________________
J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 198 2, S. 232f.



Nota I.  - "Die ganze Vernunft hat nur ein einziges Handeln." Ist das eine Vorhersage ex ante? Oder ist es eine Interpretation ex post? Wo befinden wir uns: Ganz am Anfang der "Kette", und er verspricht uns erst: So wird es sein? Oder schon mittendrin in der Kette: Wir haben schon ein ganzes Stück Weges geschafft und können schon annehmen: Hier geht es weiter zum Vernunftzweck...? – Das eine ist die dogmatische Verkündigung einer (schon jetzt) prästabilierten Harmonie, für die er eine Berechtigung nicht nur nicht nachgewiesen, sondern nicht einmal problematisch reklamiert hat. Das andre ist eine Art Pascal'sches pari: Ich will so handeln, als ob es Vernunft gäbe, dann werde ich wenigstens vernunftgemäß ge-handelt haben.



Oder mit den Worten des Manns ohne Eigenschaften: "Ich schwöre Ihnen", erwiderte Ulrich ernst, "dass weder ich noch irgendjemand weiß, was der, die, das Wahre ist; aber ich kann Ihnen versichern, dass es im Begriff steht, verwirklicht zu werden!" "Sie sind ein Zyni-ker!" erklärte Direktor Fischl und eilte davon.

16. 10. 15


Nota II. - Zwei Auffassungen der Vernunft sind möglich, beide hat Fichte jeweils vertreten, offenbar ohne sich ihrer Unvereinbarkeit bewusst zu werden: Erstens, Vernunft als Gehalt ist immer da gewesen, woher auch immer sie kam, und Sache des zur Vernunft berufenen Menschen ist es, ihre Gehalte nicht nur in der Vorstellung, sondern in seinen Handlungen in der Sinnenwelt auf zufinden und zu realisieren. Zweitens, Vernunft ist die Tätigkeit der Vernunftwesen selbst, und nur durch sie werden sie, machen sie sich zu solchen. Hier ist der Gehalt nicht seit Ewigkeit gegeben, sondern problematisch als Projekt auf gegeben: das un-endliche Übergehen vom unbestimmt-Bestimmbaren zur Bestimmung.

In der ersten Auffassung steht der Gehalt als Bestimmtheit schon immer fest. In der zwei-ten Auffassung ist der Gehalt durch Fortbestimmen immer erst noch zu er
finden. Auf dem Standpunkt der zweiten ist Vernunft nur möglich als gemeinsames Handeln einer Reihe ver-nünftiger Wesen. Auf dem Standpunkt der ersten müsste auch einer für sich allein vernünf-tig sein können.

Vom Standpunkt der Transzendentalphilosophie ist nur die eine Auffassung möglich. Die andere wäre dogmatische Metaphysik auf mystischem Untergrund
.
*)  gr. problêma heißt Aufgabe

 27. 3. 19

 

Nota III. -  "Auf dem Standpunkt der ersten müsste auch einer für sich allein vernünftig sein können" - wenn nämlich die Vernunft ihrem Gehalte nach vorherbestimmt ist, kann es nur ein Zufall sein, wenn der eine ihr auf seinem Wege nicht nur begegnet, sondern sie als eine solche auch erkennt; aber der andere nicht. 

Oder waltet eine unsichtbare Hand? Wessen Hand wäre das? Auf jeden Fall führte er sie mit Willkür. Es gäbe dann aber keinen Anlass, ihre Griffe für vernünftiger zu erachten, als die irgendeines andern. Denn wenn ich ihn für GOtt hielte, wäre die ganze Transzendentalphi-lophie für die Katz. So hat Jacobi die Sache verstanden, und ihm hat Fichte folgen wollen, aber denn doch nicht so ganz.
JE, 9. 6. 21

Freitag, 21. Februar 2025

Sind die Grenzen der Mathematik auch die der Vernunft?

                                                           zu Philosophierungen

Ich schrieb einmal, "Mathematik ist das allgemeine operative Schema der möglichen Hand-lungen in Raum und Zeit. Logik ist das allgemeine Schema der möglichen Handlungen in der bloßen Vorstellung". Davon werde ich nicht abgehen, solange ich nicht eines Andern belehrt wurde. Dass es allerdings selbst schematisch ist und man praktisch fast nichts damit anfangen kann, gebe ich auch jetzt schon zu.

Nichts anfangen im Sinne einer näheren Bestimmung, wohlgemerkt. Doch vielleicht im Sinne einer noch weiteren Bestimmung?

Beide Sätze haben dies gemeinsam: dass ihnen ein Grund fehlt. In wiefern? Mit der Logik - Prämissen setzen und Schlüsse ziehen - muss einer anfangen. Das Anfangen kommt selber in der Logik freilich nicht vor. So wenig wie in der Mathematik die Eins. Die muss einer voraus gesetzt haben. In der Arithmetik digital als Zahl, doch in der Geometrie schon ana-log in der Anschauung. Ohne sie lässt sich schlechter-dings nichts anfangen

Hinter das Anfangen kann die Mathematik so wenig zurückgreifen wie die Vernunft selbst. Vorausgesetzt wird ein Willensakt. Den mag man durch ein geheimnisvolles Zeichen sym-bolisieren, aber nicht begreifen, denn vor ihm liegt nichts. Das ist die Grenze.
Kommentar zu  Sind die Grenzen der Mathematik zugleich die Grenzen der Vernunft? JE, 16. 2. 25

Donnerstag, 20. Februar 2025

Gefühl ist das, was dem Selbstaffizieren widersteht.

digitalkamera                           aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
 
Alles, was auf ideale Tätigkeit sich bezieht, ist Setzen, und entweder Tätigkeit des Ich, Ge-bundenheit der idealen Tätigkeit; oder Sein des NichtIch, ein Gesetztsein, durch welches ein Werden und Machen negiert wird. Wenn die Möglichkeit der Entgegensetzung so abgeleitet wird, so wird der oben behaupteten Teilbarkeit nicht widersprochen, denn ich kann ja das-selbe Sein vermehren oder vermindern.

Das oben Gezeigte wird sich unten zeigen als dasjenige, was durch das unmittelbare Gefühl gegeben ist, z. B. Rot, Blau, Süß, Sauer. In diesen Gefühlen ist der Zustand des Gemüts nicht Vielheit, sondern Einheit, die Teilbarkeit findet aber dabei statt, nämlich dem Grade nach. Ich kann mehr oder minder Rotes empfingen, aber ich kann nicht sagen, wo es auf-hört, rot zu sein. 

Wie ist das Setzen oder das Bewusstsein dieses Etwas möglich? Wie kommt es in das Ich?

3) Dieses Etwas und das Bewusstsein davon geht allem Handeln voraus, denn das Handeln ist dadurch bedingt. Das Gegebene ist die Sphäre alles möglichen Handelns; das Handeln / aber ist absolut nichts Einfaches, sondern ein Zweifaches. Es liegt gleichsam eine Ausdeh-nung des Selbstaffizierens und ein Widerstand, der es aufhält und zu einem Anschaubaren macht, darin. Was in der Sphäre des Bestimmbaren liegt, ist das Handeln; jedes Mögliche muss etwas dem Ich Angehöriges und etwas ihm Widerstrebendes sein.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 65f.

Nota I. - Ja, Gefühl ist ein vom-Andern-affiziert-Sein.
2. 8. 16

 
Nota II. - Das ist das sit venia verbo 'ontologische' Apriori der Wissenschaftslehre: Intel-lektsein heißt handeln, handeln ist sich-bestimmen-zu...: ist ein sich-selbst-Affizieren. Das Gefühl ist das Gegenteil davon: Es hindert das X, 'sich-selbst' zu affizieren, indem von Anderm affiziert wird.

Bei der Gelegenheit ein Wort zum 'ursprünglichen Bewusstsein' und seinem Verhältnis zur intellektuellen Anschauung: Jenes X, dem wir den Willen, sich-selbst zu bestimmen, zurech-nen müssen, weil anders nie ein wirkliches Ich hätte werden können, 'begegnet sich' erst-mals, wenn es wirklich handelt: Im Handeln 'erlebt' es sowohl den Gegenstand, auf den es handelt, als auch sich als das, welches handelt. Dieses aber ist noch "gar kein Bewusstsein, es ist ein dumpfes sich selbst Setzen, aus dem nichts herausgeht; eine Anschauung, ohne dass angeschaut würde". Besagtes X könnte es dabei belassen und würde dann nie ein wirkliches Bewusstsein ausbilden. 
 
Doch Vernunft ist entstanden, vernünftig-gewordene Wesen haben sich zu einer Reihe zu-sammengeschlossen, die an jeden Neuankömmling die Aufforderung richtet, es ihnen gleichzutun und eine allen verbindliche intelligible Welt auszubauen.

Die Darstellung der Wissenschaftslehre folgt daher der Spur jenes X, das es beim dumpfen 'Erleben' seiner im Moment des Handelns nicht bewenden ließ, sondern sich aus Freiheit zum Anschauen bestimmte. Anschauung ist der erste Grad von Reflexion. In der Reflexion aber zerfällt der ursprünglich eine Akt des Handelns unversehens in ein seiendes Subjekt und ein seiendes Objekt: so, als ob sie beide schon vorher dagewesen wären und sich zum Handeln erst zusammenfinden mussten.

Dem Alltagsmodus der Vernunft reicht das völlig aus, er ist der gesunde Menschenverstand und reicht aus den Laboren des CERN bis in den Smalltalk an der Bushaltestelle.

Einzig die Luxusvariante des Vernunft, die Transzendentalphilosophie, gibt sich damit nicht zufrieden; aus Freiheit wiederum, denn den Erfordernissen des geschäftigen Lebens ver-schafft sie keinerlei Vorteile. Sie ist als Vernunftkritik den Weg zurückgegangen und an den Punkt gelangt, wo Subjekt und Objekt zum erstenmals auseinandergetreten sind, um einan-der 'begegnen' zu können. Die willkürliche Wiederherstellung des unwillkürlichen ursprüng-lichen Bewusstseins durch eine Reflexion zweiten Grades nennt er unter ausdrücklicher Be-tonung ihrer Künstlichkeit und ihres Mangels an praktischem Nutzen die intellektuelle An-schauung im Unterschied zur natürlich-sinnlichen.
JE 6. 11. 21
 
 
 

Mittwoch, 19. Februar 2025

Im Begriff ist das Bewusstsein ruhend.

                              zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik
 
Im Bewusstsein dieses Handelns liegt das, wovon übergegangen wird; das, wozu übergegan-gen wird, und das Handeln selbst. Das Bewusstsein ist kein Akt, es ist ruhend, in ihm ist Mannigfaltigkeit, über welche das Bewusstsein gleichsam hinüber geführt wird. Im Bewusst-sein ist alles zugleich vereinigt und getrennt. Dies bedeutet die Schranken, Teilbarkeit, Quan-titätsfähigkeit
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, S. 45   


Nota I. - Bisher kam bewusst-Sein stets als sich-bewusst-Machen vor. Doch im Begriff  ist auch dieses Tun als Ruhe vorgestellt. Und nur so kann Vielheit in ihm gedacht werden.
25. 4. 16
 
Nota II. - Bei obiger Nota I. ahnte ich nicht, dass ich eines Tages darauf dringen würde, das Bewusstsein gerade nicht als einen dauernden Zustand, sondern vielmehr wann immer es stattfindet als einen unmittelbar gewärtigen Akt aufzufassen. 
 
Habe ich jetzt ein Problem? Nein, denn da war von Transzendentalphilosophie nicht die Rede, sondern von einem realen geistigen Ereignis, das Psychologie und Neurophysiologie so oder anders auffassen könnten. 

Fichte redet dagegen von einem Moment in einem Modell, das als solches ganz außerhalb der Zeit liegt. Denn nicht von wirklichem Handeln ist hier die Rede, sondern vom Bewusst-sein seiner, und dieses 'verläuft' nicht, sondern übergreift... das, wovon, und das wozu über-gegangen wird; und das Handeln selbst, das allein real, nämlich in der Zeit ist.
JE, 10. 4. 22





Nota - Obige Bilder gehören mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und ihre Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Ihre Nachricht auf diesem Blog. JE

Dienstag, 18. Februar 2025

Anschauung wird Begriff, Begriff wird Anschauung.

                                aus Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Alles Bewusstsein geht aus von dem oben angezeigten unmittelbare Bewusstsein (§1). Das durch und in diesem Bewusstsein sich selbst Setzende
= A ist eine von uns, die wir philoso-phieren, mit Freiheit der Willkür hervorgebrachte Repräsentation des unmittelbaren Bewusst-seins. (Das unmittelbare Bewusstsein ist in allem Bewusstsein das Bewusstseiende, aber nicht das, dessen man sich bewusst ist, das Auge sieht hier das Sehen des Auges). Die Reprä-sentation brachten wir hervor mit Willkür. Wir hätten auch von etwas anderem reden kön-nen; so haben wir zur Seite liegen lassen, ob es nicht in anderer Rücksicht mit Notwendig-keit repräsentiert werden könne. – Dieses A, dieses Zuschauen des sich Setzens, ist An-schauung, und zwar innere, intellektuelle Anschauung. – 

Schon im ersten Paragraphen fanden wir, dass keine Anschauung, also auch die Anschau-ung A nicht, möglich ist ohne Begriff. Welcher Begriff muss mit der Anschauung A ver-knüpft werden? Etwa der beabsichtigte B? Offenbar nicht, denn der, den wir suchen, muss im Gegebenen liegen, dieser Begriff wäre sonach der, durch den die Anschauung A bedingt wird
= C, das Bestimmbare oder ruhende Tätigkeit. Also C ist in Beziehung auf die An-schauung A der Begriff, der sie bedingt.

Dieser Begriff C ist nun in anderer Beziehung auch Anschauung zu nennen. Er ist das unmittelbare Bewusstsein selbst, das nicht angeschaut, sondern begriffen wird; nicht als Tätigkeit, sondern als Ruhe. Dieser Begriff ist das in der Anschauung A Nachgemachte. (Alles Anschauen ist ein Nachbilden.) Dieser Begriff ist der unmittelbare und höchste, gegründet auf die intellektuelle Anschauung, die als solche nie Objekt des Bewusstseins wird; aber wohl als Begriff, in diesem Begriff und vermittelst dieses Begriffes findet das Ich sich selbst und erscheint sich als gegeben.

Ich kann mich nicht anders begreifen denn als Ich, das heißt als sich selbst Setzendes, also als Anschauendes. Jener Begriff ist also der Begriff eines Anschauens und in dieser Rück-sicht selbst Anschauung zu nennen. Das Ich ist sich selbst setzend (ein sich selbst setzendes Auge), und als solches wird / es begriffen, also begriffen als Anschauung. C ist Begriff in Beziehung auf A, Anschauung in Beziehung auf ein mögliches x. Ich finde mich anschau-end als anschauend Etwas x. (Die innere und äußere Anschauung ist bei Kant nur sinnlich, das Ich erscheint bei ihm nur als bestimmt, bei mir aber als bestimmend.)

Im vorigen Paragraphen war C nur Begriff, hier ist es Begriff und Anschauung. In der Folge wird es Anschauung sein; es kann Verschiedenes bedeuten, je nachdem es in verschiedenem Verhältnisse gesetzt wird.
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J. G. Fichte, Wissenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 40f.


Nota. - Fichte hat den Ausdruck Dialektik nie für seine Methode in Anspruch genommen, und sein Nachfolger auf dem Berliner Lehrstuhl, der ihn zum Arkanum seines totalitären Systems machte, hat aus Fichtes 'analytisch-synthetischer Methode' gerade das entfernt, was den Ausdruck Dia
 lektik rechtfertigen könnte: das treibende Moment des schlechterdings wollenden Subjekts, und an seine Stelle die 'Selbstbewegung des Begriffs' gesetzt - der zwar hier in dieser, dort in jener Bestimmung 'erscheint', aber doch immer er selber, immer Be-griff  bleibt; immer Objektivum. 

In einer rationellen Dialektik tritt der Begriff dagegen stets nur als eine Vorstellungsweise des wollenden Subjekts auf, so wie die Anschauung auch, und wenn sie miteinander 'die Stelle wechseln' können, so nur, weil jenes seine Stellung wechselt.
17. 7. 16

Nota II. - Es war mir zu jenem Zeitpunkt noch nicht klargeworden, dass die entscheidende Wendung Fichtes zum reinen Wollen in dem leider nie ganz deutlich ausgesprochenen Ent-schluss geschah, anstelle der Begriffe die Vorstellungen zur Substanz und das Vorstellen zur Grundform des Denkens zu machen. 

Deutlich wird es auch den buchstabentrunkenen Philologen, wenn sie Kant-Texte vor Fichte mit Herbart-Texten nach Fichte vergleichen - beim Lehrer nur Begriffe und bloß zufällig mal Vorstellung, beim untreuen Schüler nur Vorstellung finden und Begriffe nur als pragmatisch-technisches Beiwerk. "Kant wollte alles aus Begriffen dartun", schreibt Fichte; während die Vorstellungen bei Herbart, der Vernunft aus Vernehmen herleitete und 'trans-zendentale Freiheit' bestritt, innere Seelenqualitäten überirdischen Ursprungs sind. Begriffe dagegen sind Menschenwerk und dienen der Verdeutlichung eines an-sich-Gegebenen. Sie sind rein formaler Art und haben - hier wohl Fichte folgend - spezifisch erkenntniskriti-schen Wert. Herbart verfährt aber nicht, wie F., phänomenologisch beschreibend, sondern ausdrücklich metaphysisch konstruierend.
 

Zur Erinnerung:
'Es gibt' keine Anschauung, 'es gibt'  keinen Begriff; diese heißt so, wenn und weil einer etwas anschaut, jener heißt so, wenn und weil einer etwas begreift.
JE. 

 

 

NotaDas obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

Montag, 17. Februar 2025

Logisch und transzendental, oder Vorstellung und Begriff.

                                      zu Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Das normale, 'gewöhnliche' Denken ist logisch: horizontal, es geht in die Breite. Das trans-zendentale Denken ist vertikal und geht von unten nach oben oder von oben nach unten, je nachdem. 

Logisch sind alle  Begriffe - die vorliegenden und die virtuell noch aufzufindenden - glei-chermaßen gegeben. Wo einer fehlt, ist die Lücke nach bewährten Verfahren zu füllen; wo einer zuviel ist, lässt er sich ohne Folgen fürs Ganze erübrigen oder, wenns konveniert, durch andere ersetzen: Prüfstein sind die Definitionen, die jederzeit und überall gelten - allerdings alle miteinander, weil sie nur als wechselseitige gültig sind. Sie sind einander gleichwertig, einen Mittelpunkt, durch den miteiander zusammen hingen - 'vermittelt sind' - wird man nicht finden. Sie müssen miteinader vereinbar sein, nach allen Seiten.* Das reicht.

Die Vorstellung von einem Kreis kann nur willkürlich von außen hineingezwungen werden.

Die transzendentale Denkweise bezieht sich auf Vorstellungen, von denen die eine die an-dere erst gültig macht; oder umekehrt eine erst möglich wird, wenn die andere realisiert war. Sie setzt voraus einen Realisierenden, der am Anfang steht. Sie sind nicht gleichwertig, son-dern hierarchisch geordnet. Sie müssen einander tragen.

Hinter den Anfang geht es nicht zurück. Ein Endziel  kann nur willkürlich von außen hin-eingezwungen werden.

*) Man kann unter jeden Begriff eine Pyramide setzen - und jeden in eine einbauen: Das bestätigt ihre Gleich-rangigkeit.

 

Anfang und Ende - ad quem und a quo.

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