Samstag, 25. April 2026

Man kann leben, ohne zu spekulieren.

 Bild aus hauntedgallery                         zu Wissenschaftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik

Worin man befangen ist, was man selbst ist, kann man nicht erkennen; man müßte aus dem-selben herausgehen, aufhören, es zu sein, sich auf einen Standpunkt außerhalb desselben stellen. Dieses ist die Spekulation; dieser Standpunkt außer dem wirklichen Leben ist sie. Nur inwiefern es diesen höhern Standpunkt und diese beiden entgegengesetzten Stand-punkte gab, ist es dem Menschen möglich, sich selbst zu erkennen. Man kann leben und vielleicht der Vernunft ganz gemäß leben, ohne zu spekulieren; man kann leben, ohne das Leben zu er/kennen. Aber man kann das Leben nicht erkennen, ohne zu spekulieren. 
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J. G. Fichte, Rückerinnerungen, Antworten, Fragen [S. 119f.]
 
 
Nota. -  Man kann der Vernunft ganz gemäß leben, ohne zu spekulieren. Aber sicher ist das nicht: Man kann leben, ohne das Leben zu erkennen, und ohne Vernunft. Gewiß kann man der Vernunft gemäß leben, wenn man das Leben erkennt (aber man kann das Leben nicht erkennen, ohne zu spekulieren). 
 
Und wenn man auch das Leben erkennt, muss man doch nicht der Vernunft gemäß leben; um es zu wollen, bedarf es einer entsprechenden Lebensphilosophie. Ob sie der Vernunft entspricht, kann man nicht wissen, dafür sind sie einander zu fremd; man muss es eben drauf ankommen lassen. Das mag man Glauben nennen, ist aber missverständlich, weil das Wort längst anderweitig besetzt ist - und eigentlich gegenteilig.
JE 
 

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