Duchamp
aus Wissenschftslehre - die fast vollendete Vernunftkritik.Man unterscheide sorgfältig Anschauen und reines Denken, wie oben gelehrt wurde. Ich bin ja nur Produkt meines reinen Denkens. Nun ist gesagt, ich greife mich heraus aus einer Vernunft außer mir. Nun würde es au- ssehen, als ob ich eine Freiheit außer mir nur dächte. Aber dies ist nicht der Fall, sondern es ist die Rede von einer Wahrnehmung der Freiheit und Vernünftigkeit außer mir, und dies muss deduziert werden.
Es ist zwar wahr, dass die Vernunft außer uns nur ein Noumen ist. Ich halte jeden für ver-nünftig und frei, aber niemand verlangt von mir, dass ich seine Vernünftigkeit hören und sehen solle oder durch einen äußeren Sinn wahrnehmen solle; aber wohl, dass ich aus ge-wissen Phänomenen dies schließen soll. Aber es muss in der Sinnenwelt Erscheinungen geben, auf welche ganz allein wir genötigt sind, den Gedanken der Vernunft überzutragen, auf welche allein uns dies möglich wird. Sie müssten mit jenem reinen Denken zusammen-hängen; sie zu deduzieren ist hier unsere Aufgabe.
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J. G. Fichte, W issenschaftslehre nova methodo, Hamburg 1982, S. 228
Nota I. - Nur in der transzendentalphilosophischen Rekonstruktion erscheint es ja so, als habe das Individuum - noch bevor es zu einem solchen wurde - sich eine Ichheit zugedacht, von deren Vernünftigkeit es hernach auf die Vernünftigkeit gewisser 'Wesen außer ihm' ge-schlossen hat. Tatsächlich ist es aber so, dass es sich in einer 'Reihe vernünftiger Wesen' vor-gefunden hat, von der die Aufforderung zu Ichheit und Vernunft an es ergangen war, bevor es noch 'zu sich selbst gekommen' ist.
Das war der Sinn der ganzen Rekonstruktion aus reinem Ich und Wille-überhaupt: wenn auch aufhaltsam, so doch auf geradem Weg zur Wirklichkeit der Vernunft als einer Tatsache zu führen - und auf Schritt und Tritt darzulegen, wie dieser Weg zwar aus seiner Prämisse folgerichtig war, aber auf Schritt und Tritt doch aus Freiheit getan wurde.
29. 5. 17
Nota II. - Die Aufforderung durch ein Reihe vernünftiger Wesen folgt nicht aus der bestim-menden Tätigkeit des sich-selbst-gesetzt habenden Ich. Sie kommt von außerhalb der Reihe als eine zusätzliche Bedingung hinzu. Es ist wahr, da war eine Lücke im Begründungszu-sammenhang. Die Aufforderung muss sie füllen - muss, weil anders das sachlich vorgebene Resultat, das tatsächliche Übergehen des Ich zum Setzen eines wirklichen Zwecks, nicht schlüssig rekonstruiert werden könnte.
Die Aufforderung soll eingreifen in das Fortschreiten der realen Tätigkeit des Ich, ins wirkliche Vorstellen, nicht als ideale, nicht als bloße Reflexion auf die Vorstellung. Realität muss sie also haben, und da sie nicht aus der realen Tätigkeit des Ich hervorgegangen ist, muss sie eine eigene Realität von außen mitgebracht haben. Mit einfachen Worten: Sie muss als wirklich stattgefunden gedacht werden.
Nur ein Noumen kann die 'Vernunft außer mir' also nicht sein, denn dann wäre sie - bloßes Reflexionsprodukt, und eine wirkliche Aufforderung wäre nicht denkbar. So streng immer Fichte aus dem Entwicklungsgang der Wissenschaftslehre alles Historische fernhalten will - hier geht es nicht, weil es reale und ideale Tätigkeit vermengen würde.
Und tatsächlich ist die Voraussetzung eine historische. Sie verhält sich logisch zur intelligib-len Welt wie die ursprüngliche Akkumulation zur Ausbildung der bürgerlichen Gesellschaft.
JE 27. 5. 15
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